Song des Tages (53).

Nach einigen Lebenswochen mit den Ausgangsbeschränkungen bzw. der veränderten neuen Normalität, die sich immer noch ziemlich unnormal anfühlt, stellt sich allmählich eine seltsame Gleichförmigkeit des Alltags ein, die einhergeht mit einem zunehmenden Verlust des subjektiven Zeitempfindens und einer vormals konstant vorhandenen Zukunftsorientierung.

Vorausplanung findet kaum noch oder nur noch für Unabdingbares statt, Retrospektiven haben sich in Wohlgefallen aufgelöst, was zählt, ist vor allem das Hier und Heute.
Der tägliche Fragen-Kanon: Wann gehe ich zum Einkaufen (dauert ja alles länger), was koche ich in den nächsten zwei, drei Tagen (das zu häufige Hinausgehen wegen der Einkäufe soll ja reduziert werden), wann erledige ich den Haushalt (fällt ja schon deutlich mehr an, wenn immer alle daheim sind), wie lege ich meine Arbeitsstunden (auf morgens/mittags/abends? oder gleich auf morgen?), welche Telefonate/Mails sind zu führen/schreiben (Freunde, Papa, Handwerker, Kundenservices, Versicherungen?), wann kommt Lolek wieder (bzw. wie trocken ist das Loch in der Wand?), wo findet die nächste Sporteinheit statt (Park? Wald? Isar? See? Berge?), wohin fliege ich heute mit dem Dackelfräulein aus (Park? Wald? Isar? See? Berge?), welche Runde wählen wir für den allwöchentlich stattfindenden, nun offiziell erlaubten Ausflug mit D. (Park? Wald? Isar? See? Berge?).

Viel mehr ist da derzeit nicht. Und doch ist das völlig genug, sind die Tage ausgefüllt und ein ganz neuer Trott ist entstanden und entsteht noch. Oder besser: sowas wie ein Rhythmus schleicht sich ein, es ist der Rhythmus dieses so speziellen Frühsommers, dessen Pulsschlag wir mittlerweile wohl verinnerlicht haben, mehr und und mehr stülpt er unserem Leben, wie es jetzt nun mal ist oder sich gerade neu formiert, seinen Takt über.

Das ist keine frühlingsleichte Sonatine, an deren Live-Aufführung wir gerade teilhaben, so viel ist längst klar, eher wird das eine wuchtige Symphonie. In welchem Satz befinden wir uns gerade? – frage ich mich manchmal, hoffe insgeheim, wir näherten uns bereits dem Scherzo, spüre aber, dass wir grad mal im Adagio angelangt sind, höchstens. Da folgt also noch Einiges, niemand überblickt es genau, und weil das jetzt so ist, ist der Radius unseres üblichen Blickes (vor, zurück, rechts, links, oben, unten) nun auch ein anderer. Fokussierter. Weniger unstet. Vielleicht auch geduldiger.

Sind wir etwa allmählich im Hier und Jetzt angekommen?
Also dort, wo z.B. das Dackelfräulein schon immer lebte?

Gääääähn! Gibt’s hier im Blog auch mal wieder was Neues? Nö?!? Können wir dann nicht auch mal wieder ohne Fotosessions zum Wandern gehen?

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Wenn es nach meiner vierbeinigen Gefährtin ginge, dürfte diese Pandemie ruhig noch fortdauern: das Rudel ist täglich vollständig, der „Papi“ hat das Pendeln eingestellt und nun viel mehr Zeit zum Spielen, die Stadtspaziergänge haben sich auf ein Minimum reduziert, man hund wird nicht mehr wegen des Besuchs kultureller Veranstaltungen oder wegen zweistündiger Ausflüge ins Schwimmbad alleingelassen und dank des täglichen Gewerkels in der Küche fällt auch viel mehr zwischendurch ab – so könnte es gut und gerne bleiben!

(Sonntag. Weit südlich der Stadtgrenze. Im Sauseschritt zur Isar. Sonne, Sandboden, Wind im Fell, den Geruch des Wildflusses in der Nase. Was für ein Hundeleben!)

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Die Münchner üben nun Masketragen. Man zurrt das Ding ums Kinn, gern auch ums Doppelkinn (Nase und Mund liegen frei), spaziert herum und schaut grimmig. Ab morgen gilt’s – und man darf gespannt sein, ob und wie das hinhaut.

Ansonsten befindet sich die gesamte Stadt im Sportwahn. Überall wird gehechelt, geschwitzt, geackert. Aktuell (ich sitze gerade beim Weißbiersport auf meiner Parkbank) 8 Surfer auf der Theresienwiese, 5 Federball-Teams, mindestens 20 Skateboarder und ebensoviele Inlineskater. Walker, Jogger und Radler sind „durchlaufende Posten“, die zähl ich nicht.

Die Parkbänke am Rande der Wiesn: alle belegt. Mit je 2 Personen, dazwischen Abstand, der mit Büchern, Getränken, Smartphones und Zigarettenschachteln gefüllt wird. Eine Bank weiter erspähe ich aus dem Augenwinkel Nachbar M., der sich in den letzten Wochen als Verschwörungstheoretiker entpuppte. Wann immer man sich nun über den Weg läuft, versucht er einen ins Gespräch zu verwickeln und darzulegen, wieso Bill Gates und die Pharmaindustrie an allem schuld und wir nur naive Idioten sind, die der großangelegten Manipulation auf den Leim gehen. Der Gatte hat sich die Tage schon mit ihm angelegt, mir steht das noch bevor, fürchte ich. Nur gut, dass es mit anderen Nachbarn grad umso netter und angenehmer ist.

Mit manchen Freunden (oder Bekannten?) zur Zeit völlige Sendepause, ein paar dabei, von denen ich das nicht gedacht hätte. Mit anderen dafür engerer Kontakt als zuvor. An manchen Tagen beinahe eine Standleitung nach Köln, man prostet einander virtuell zu und erzählt sich alles, wozu sonst nie so richtig Zeit war. Homeoffice offeriert auch Freiheiten, sofern keine Kleinkinder in der Wohnung herumspringen und bespaßt werden wollen oder der Arbeitgeber ständig zu Zoom-Konferenzen einlädt.

Nebenbei bin ich tatsächlich Fan von Live-Streams geworden. Diese Woche mit Glen Hansard auf seinen 50. angestoßen. Und mir in der Wanne liegend und meinen Rücken schrubbend von Cammy Black ein gecovertes „Born to run“ gewünscht, um den Bergtag würdig zu beschließen. Spielt er dann auch und sendet Grüße aus Schottland nach Bayern. Feine Sache. Möge bitte das Handtuch am Wannenrand, auf dem das Smartphone platziert ist, niemals auf die Idee kommen, zu verrutschen.

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Überhaupt auf einmal wieder mehr Zeit für Musik. Oder ein größeres Bedürfnis danach.

Der Shuffle-Modus der SD-Card im Auto gräbt momentan vermehrt die seltenen Titel aus. Beispielsweise die „Tracks“, an denen ich mich vor langer Zeit wundgehört hatte. Fast vergessene Perlen sind dabei, heute diese hier, ein Song, den ich jahrelang nicht mehr gehört habe, aber sofort wieder so schön fand, und auch so wohnzimmerkonzertgeeignet:

It’s one for the money and one for the show
I got one kiss for you honey so come on let’s go
I didn’t see it coming but girl now I know
It takes one for the running but two for the road

One thousand dreams whispered in the dark
But a dream’s just a dream in one empty heart
It takes more than one to rev it up and go
So let’s get it running, we’re two for the road

Two one-way tickets and a diamond ring
Hell it don’t matter what the rain might bring
Whoa, when this world treats you hard and cold
I’ll stand beside you, we’re two for the road

When you’re alone my love’ll shine the light
Through the dark and starless night
I’ll hold you close and never let you go
C’mon now girl ‚cause we’re two for the road
Well it’s two to get ready, babe, c’mon let’s go
Me and you, girl, we’re two for the road

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Das Dackelfräulein und ich verabschieden uns hiermit für ein Weilchen – eine Woche oder auch zwei?, es wird sich zeigen! – und wünschen der Leserschaft derweil gutes Durchatmen (trotz der morgen beginnenden Maskenpflicht), guten Durchblick (trotz der teils strapaziösen Nachrichtenlage) und natürlich weiterhin gute Gesundheit (trotz…, na, Sie wissen schon!).

Herzliche Grüße & bis bald wieder!
Ihre Kraulquappe.

Schon das Leben ist ja kurz…

…aber das Jetzt ist wahrlich noch kürzer.

Ein langer Spaziergang mit dem Dackelfräulein durchs Isartal: Zum Auslüften der Atemwege nach der Chlorbleichenhölle. Zur Nervenberuhigung. Zum Innehalten.

Kalt isses geworden.

Danke an D., für gestern.