Ein zweiter Versuch über die Liebe: Zeugen.

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Es war wenige Tage vor meiner (Erst-)Hochzeit.
Nach einem langen Arbeitstag saß ich mit Kollegen an der Bar eines bedeutungslosen Hotels im ebenso bedeutungslosen Sankt Ingbert, das irgendwo östlich von Saarbrücken liegt, als mich eine Freundin anrief und sich nach meiner Verfassung erkundigte und fragte, ob alles in Ordnung sei, so kurz bevor ich den Bund fürs Leben schließen würde. Ihren Job als Trauzeugin schien sie ziemlich ernst zu nehmen.

Ich schnappte mir meinen Drink, verzog mich auf mein Hotelzimmer, da solche Nachfragen natürlich nicht vor Kollegenohren beantwortet werden konnten.
Recht unvermittelt stellte sie mir im weiteren Verlauf des Telefonats eine echte Gretchenfrage: Ob ich mir in meiner Liebe zu M. denn sicher sei, wollte sie wissen. Was sie damit genau meine, wollte ich zurückwissen. Naja, sagte sie, ob es eben so sei, wie in No surrender und wie wir uns die Liebe damals, als wir 16 waren, vorgestellt hatten, und diese Ahnung, einem Manifest gleich, mit weißer Tusche auf schwarzem Papier für die Ewigkeit festgehalten, eingerahmt und in unseren Jugendzimmern übers Bett gepinnt hatten.
„Ich glaube schon“, entgegnete ich, und spülte den seltsamen Nachgeschmack, den diese Antwort sogleich auf meiner Zunge hinterlassen hatte, schnell mit dem restlichen Cocktail hinunter. Die Freundin ließ natürlich nicht locker, so wie sich das gehört für wahre Freunde, und legte nach: „Wie, du GLAUBST es nur? Und du meinst, DAS wird reichen?“ – „Ja, ich denke, dass es reichen wird“, hörte ich mich sagen.

Nun ja, es hat nicht gereicht.
Und das Verflixte daran war, dass ich es ganz genau gewusst hatte, damals, auf dieser Hotelbettkante sitzend, mit dem viel zu süßen Mai Tai in der einen und dem Telefonhörer mit der Trauzeugin dran in der anderen Hand.

Eine zurechtgedachte Liebesmöglichkeit war es, die ich fühlen und festhalten wollte, damals, auf meiner verzweifelten Suche nach einem Ort, den ich mein Zuhause würde nennen können.

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Den Anfang vom Ende der Freundschaft mit C. besiegelte nach einem zweijährigen, mit großer Mühe und Qual verleugneten Auseinanderleben schließlich ein Satz, der bei einer abendfüllenden Diskussion im „Radha“, unserem Stamm-Inder, fiel.
Er war C.s Antwort auf meine Frage, ob und wenn ja, weshalb sie – glücklich verheiratet und Mutter einer fröhlichen Tochter im Grundschulalter – sich eigentlich noch ein weiteres Jahr mit dieser extrem nebenwirkungsreichen Hormonbehandlung schinden wolle, nur um irgendwie und mit aller Macht vielleicht doch noch die Voraussetzung für ein zweites Kind schaffen zu können, das dann via Eizellspende in einer spanischen Klinik gezeugt bzw. ins Leben gerufen werden sollte.
„Weißt du, ich habe einfach so viel Liebe zu geben“, antwortete sie mir damals.

Huch!?!
Entweder hätte ich dazu den Rest der Nacht weiterfragen müssen oder ich hielt für immer meinen Mund zu dem Thema. Ich entschied mich fürs Beibehalten der Sprachlosigkeit, in die mich dieser Satz schlagartig hatte verfallen lassen.
Es war das erste Mal in unserer langen Freundschaft, dass wir beide froh waren, als der Inder um uns herum die Stühle hochzustellen begann und damit unmissverständlich das Zeichen zum Aufbruch gab.

Bald darauf trennten wir uns einvernehmlich.
Als sie mir meinen Hausschlüssel in den Briefkasten warf, lag ein Zettel bei. „Mir ist die Liebe abhanden gekommen, um unsere Freundschaft fortzuführen.“, war darauf zu lesen.

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An einem schwülwarmen Sommernachmittag, ich saß schwitzend, barfuß, ermattet und lustlos in meinem Büro, klopfte es energisch an meine Tür, und ohne mein „Ja?“ oder „Herein!“ abzuwarten, betrat Frau G. den Raum. Nein, sie betrat ihn eigentlich nicht, sondern sie stolzierte herein, affektiert wie eine überdressierte Lippizanerstute. Schüttelte die Mähne, blähte die Nüstern und kam schließlich schnaubend nach einem Hufstampfen zum Stehen.

Frau G. war die neue Lebensgefährtin von A., mit dem ich viele Jahre zuvor eine kurze Affäre gehabt hatte, die aus diversen Gründen nicht das Zeug zu mehr hatte.
Einer davon war der, dass A. sich nach wenigen Wochen entschloss, als Demonstration seiner Liebe all jene CDs zu erwerben, die ich zuhause in meinem Musik-Regal stehen hatte. Bei einem der Wochenendbesuche bei ihm dudelte mir, als ich aus dem Auto stieg und durch das Gartentürchen Richtung Haus ging, von der Terrasse Drive all night entgegen (an einem Mittag im Hochsommer! ja, ist das denn die Möglichkeit? – nein, das geht gar nicht, das ist ein Song für Dunkelheit und schlaflose Nächte! aber woher sollte er das auch wissen?).
Drinnen sah ich dann die vielen Springsteen-, Waits-, Dylan-CDs – meine Musik! – neben seinem Wasserbett liegen, auf dem ich schon bald nicht mehr umherwuppern würde, wie mir in dem Moment schwante.
A. und ich hatten dann recht bald keinen Kontakt mehr, außer man lief einander zufällig in der Firma über den Weg, was so gut wie nie der Fall war.

Zurück zu dem Auftritt von Frau G. an jenem Sommernachmittag.
A. war zwischenzeitlich ein hohes Tier in der Firma geworden, und dank des Flurfunks hatte ich auch bereits erfahren, dass er was mit einer seiner Mitarbeiterinnen, nämlich Frau G., angefangen hatte.
Im Stillen fragte ich mich, welche CDs er wohl angeschafft haben würde und ob Frau G. überhaupt Zeit zum Musikhören hatte, bei all der Karriere, die sie so verbissen zu machen versuchte.
Frau G. war eine sehr energische Person auf sehr hohen Absätzen (die sehr energische Geräusche machten), mit sicht- und spürbarer Disziplin von der allgemeinen Fitness über die Figur bis zur Frisur (in jeder einzelnen getönten Strähne eine Spannung wie in den durchgestreckten Knien und dem kerzengeraden Rücken), einer durchdringenden, harten Stimme (die durch das rollende „r“ ihres osteuropäischen Akzents noch an Schrecken gewann), kettenrauchend und permanent im Kampfmodus.

In meinem Büro stehend holte sie entschlossen Luft und zischte mir zu: „A. hat mirrr alläs von Ihnän errrzählt, ich habe Ihrrrä Brrriefä von frrrüherrr geläsen und ich möchte Sie warrrnän: Wagän Sie äs ja nicht, meinen A. noch jämals zu kontaktierrrän. Denn wirrr sind fäst zusammän und wirrr liebän uns – und zwarrr für immärrr! Das wirrrd Ihnen A. auch gerrrnä bäzeugän!“
Was für eine Ansage, ich war sehr beeindruckt und zugleich sehr verwundert, was wohl den Anlass gegeben haben könnte, dass Frau G. plötzlich meinte, mir das mitteilen zu müssen.
Lehnte mich in meinem Bürostuhl zurück und versicherte ihr, ich habe schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zu A. und sei sicher, dass er das ebenso bezeugen könne wie das feste Zusammensein mit ihr.
Sie schnaubte noch ein paarmal, scharrte mit den Hufen und verließ mit wehender Mähne mein Büro.

„Für immärrr“ hat dann übrigens keine zwei Jahrrrä gedauert (Frau G. flog anschließend auf den Schwingen ihrer Karriere auf und davon).

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Heute Mittag zum Spaziergang an den See gefahren.
Auf halber Strecke wie immer Einkehr auf ein wärmendes Getränk. Ein Paar um die 60 sitzt am Nebentisch und plaudert im Säuselton über das eigene, noch so frische und unbesudelte Zusammensein und grenzt sich zur Zementierung der Exklusivitätssehnsucht verbal heftigst von allen anderen ab, allen voran von „de junga Leit, die wo des Kuscheln verlernt ham“. Dabei sei das doch das A&O einer Liebe, wenn es halt eine echte Liebe sei, so wie die ihre, und nicht nur um schnellen Sex ginge, so wie bei de junga Leit heidzudog.
Man vergewissert sich durch permanentes Getätschel dieser Echtheit oder seiner selbst oder des Feuers, das zwischen ihnen lodern möge. Erst vor zwei Wochen hatte man einander bei Feierlichkeiten gemeinsamer Bekannter am Eibsee kennengelernt. Und man hat noch so viel vor – aber hallo!

Er schwafelt sie voll mit der x-ten Wiederholung der gemeinsamen Kennlernstory, die gerade mal 14 Tage alt ist und bei der sie ja wohlgemerkt ebenfalls zugegen war, aber seinen Worten lauscht, als höre sie das alles zum allerersten Mal.
Sie hängt an seinen Lippen, schiebt ihr Dekolletee mit jedem seiner Sätze weiter über die Tortenstücke, und schließlich entfährt ihr ein kleines Stöhnen, während er die Details jenes Abends für sie ausschmückt als verfasse er gerade ein Drehbuch für eine opulente Seifenoper: „Als ich dich zum Buffet gehen sah, mit deinen wippenden Brüsten und deinem weiblichen Hüftschwung, da war es sofort um mich geschehen, da wusste ich: Die Frau musst du haben, der musst du die Sterne vom Himmel holen. Und zwar alle!“. Weil die Lautstärke bei seinem heißblütigen Monolog etwas aus dem Ruder gelaufen war, hebt sie den Finger vor die Lippen und deutet ihm an, leiser zu sprechen. „Das darf jeder hören, meine Liebe!“ – schmettert er lautstark ihren Fingerzeig ab.

Als unfreiwilliger Zeuge solch herausposaunter Leidenschaft bereits ein wenig errötet – Knistern und Funkenflug sind längst im gesamten Lokal spürbar! – versinke ich tiefer und tiefer in die Polster meiner Sitzbank und wage es kaum, meine heiße Schokolade mit dem metallenen Löffel umzurühren. Man möchte ja weder auffallen, noch stören!
In der hintersten Ecke des Seelokals stochert ein anderes älteres Paar derweil stumm in dem gemeinsamen Viktoriabarsch herum, der mit glasigen Augen und in traurigtoter Seitenlage den Spätherbst der Ehe seiner Verzehrer kaum perfekter symbolisieren könnte.

Im Mittelpunkt des Restaurants hat das glühende Bekenntnis eine kleine Atempause eingelegt. Die beiden Frischverliebten führen vor Erregung bebend synchron ihre Kaffeetassen zum Mund, nippen daran und blicken einander unendlich lange und tief in die Augen.
„Du bist ja so ein Kuschelbär!“ haucht sie ihm dann zu, erhitzt lächelnd und mit nervösen Fingern das kleine Kreuz der Halskette in ihrer Busenfalte neu ausrichtend, danach den Ober heranwinkend, um sich ein weiteres Tässchen zu bestellen.
„Ich kann keinen zweiten Kaffee trinken, meine liebe Inge“, sagt er, „sonst steh‘ ich heut Nacht senkrecht im Bett, wegen dem zweiten Haferl – und wegen dir ja sowieso.“. (Der alte Kuschelbär – höhö!)

Wo kämen wir nur hin ohne eine Portion Größenwahn in Liebesdingen?, denke ich. Wir blieben alle armselige Gefangene in unseren Gehäusen und Flüchtlinge vor dem Leben.

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Das Dackelfräulein und ich spazieren am Seeufer entlang zurück zum Parkplatz.
Mir sind die Taschentücher ausgegangen. Die Haselpollen nehmen darauf keine Rücksicht und fliegen weiter munter umher. Ich schniefe so vor mich hin, ziehe die Nase hoch, behelfe mir mit dem letzten, völlig durchnässten Fetzchen und dem eh schon vom Ballspielen versauten Handschuh. Das Gerotze nervt ziemlich. Irgendwann fluche ich.

Pippa dreht sich sofort um, wirft mir einen besorgten Blick zu, und weil ich just in dem Moment erneut und offenbar dramatisch schniefe, kommt sie zu mir und stupst mit ihrer Nase an mein Bein.
Es ist dieses spezielle Stupsen, das so viel bedeuten soll wie „Na, mein Mensch, ist alles gut mit dir? Ich bin doch da!“, und das mich jedesmal zutiefst rührt.
Also beruhige ich sie, sage ihr, dass alles gut ist, gebe das Kommando zum Weiterlaufen, dem sie auch folgt. Da ich aber nach wenigen Schritten schon wieder seltsame Nasengeräusche von mir gebe, wiederholt sich das Ganze: Umdrehen, Gucken, Kommen, Stupsen. Diesmal belasse ich es nicht bei „Alles gut“ und „Geh schön weiter“, sondern beuge mich zu ihr hinunter, streichle sie und ernte dafür noch einen Stupser.

Und dann passiert es, ich kann es nicht zurückhalten,und sage diesen Satz, den ich eigentlich nur zuhause hinter verschlossenen Türen ausspreche, weil sie ihn ja sowieso nicht versteht und weil man sich und anderen daher diese Peinlichkeit in der Öffentlichkeit ersparen sollte: „Ich liebe dich über alles!“
In dem Moment höre ich Schritte hinter mir. Das Viktoriabarsch-Paar hat uns eingeholt und muss den Satz gehört haben. In seinem starren, blassen Gesicht hat der Schimmer eines Schmunzelns Einzug gehalten und in ihrem vormals so trostlosen Blick ist ein fernes Funkeln zu erkennen.
Ganz kurz lächeln wir einander wortlos an und einige Zeit später, als man sich am Parkplatz erneut begegnet, sagt er zu ihr „Schau, der nette Dackel!“ und sie zu ihm „So einen hätte ich auch gern!“.

Zum Abschied nicken wir uns freundlich zu, ich steige ins Auto und denke: Liebe kann sich auch anfühlen wie eine Leerstelle, die die Wirklichkeit mit nichts zu füllen vermag.
Und bin für einen Augenblick versucht, die Autotür nochmal zu öffnen und den beiden zuzurufen, dass es nun Frühling wird und sie sich doch dieses Hundeliebesglück einfach gönnen sollen.

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Alle Fotos aus der Ausstellung „Du bist Faust“ (Kunsthalle München)

Ekstrem Turglede oder: Das Vorstellungsgespräch.

Zum gestrigen Tag der Liebe hatte ich mit dem Dackelfräulein vereinbart, dass wir uns diesmal keine Rosen/Knochen schenken, sondern stattdessen lieber was Gscheids für unsere Beziehung tun – etwas, das wir beide lieben.

Also ab in die Berge!
(Merke: Wähle einen Ort, an dem genug Ski-Firlefanz für die Faschingsleichen und Feriengäste angeboten wird und wähle dann den Berg gegenüber, an dem nix los ist.)

Lenggries!

Natürlich nicht das Gebiet rund ums Brauneck, sondern eben die andere Seite.
(Merke: Brich ruhig spät in München auf, dann kommen die paar Tourengeher schon wieder vom Berg runter, wenn du grad aufm Parkplatz eintriffst.)

Wenn es mich jemals aufs Land verschlägt, dann wohl hierher, in dieses Tal.

So sehr ich das Tegernseer Tal auch mag – in erster Linie mag ich es, weil der Papa dort lebt. Ein paar nette Berge dort, prima Loipen auch, schöne Ufer zum Baden, aber letztlich ist es mir dort zu eng (die Berge enden ja quasi im See) und in den Orten zu bonzig (Pelzmantelpublikum, teure Geschäfte, noble Lokale).

Biege ich hingegen von Tölz auf die Bundesstraße nach Lenggries ab, geht mir einfach – beim Gucken! – das Herz auf. Die Rückseite der Benediktenwand lugt hinterm Brauneck hervor, neben der Straße plätschert die Isar in ihrem breiten Bett dahin und auf den 9 km zwischen Tölz und Lenggries klebt beinahe an jedem Kilometer eine Erinnerung.
Alles dabei: vom Per-Anhalter-Fahren zum Tanzen nach Tölz über den Motorradunfall eines Jugendfreundes über Lagerfeuer auf Isarinseln mit Gitarren, Bierkästen und Küssen bis hin zum Kentern mit dem Kajak, damals, als ich an den freien Tagen meines Sommerferienjobs in der Jugendherberge die Zivildienstleistenden bei ihren Wasserausflügen begleiten durfte.

Dieses unerklärbare Gefühl, wenn ein Ort, eine Gegend, eine Landschaft einfach passt, wenn etwas in einem aufatmet und eine innere Stimme einem den Slogan der kurzen Spots im Bayerischen Fernsehen zuflüstert: „Da bin i dahoam.“ (in dem Fall mehr ein „Da kannt i dahoam sei.“).

Wir starten im Ortsteil Hohenburg bei bestem Bayernwetter und schönstem Schnee …

… und nehmen diesmal nicht den Sulzersteig, der überwiegend im Schatten liegt …

Blick bis ins Vorkarwendel.

… sondern den Grasleitensteig Richtung Seekarkreuz, auf dem der Blick nach vorn genauso schön ist wie der Blick zurück ins Tal, treffen keine Menschenseele …

Blick aufs Brauneck und nach Lenggries.

… und das Einzige, was ein bisserl beschwert, ist der spürbare Verlust der Kondition durch den Virus, so dass ich gar nicht anders kann, als die eine oder andere zusätzliche (Foto-)Pause einzulegen, damit wir die 650 Höhenmeter bis zur Hütte ohne Kreislaufkollaps schaffen (naja, das „wir“ ist gelogen, denn das Hündchen hat keine Schwierigkeiten und schaut dauernd von drei Serpentinen über mir hinab, wo ich denn nur bleibe) und auch die Marterl am Berg drosseln eher das Tempo, als Flügel zu verleihen …

… aber irgendwann guckt sie endlich hinter den Schneemassen hervor, die Hütte, das Ziel!

Wir richten uns ein: Die Matte fürs Dackelfräulein wird ausgebreitet, ich geh‘ mich – klitschnass geschwitzt! – erstmal Umziehen, dann wird das DAV-Mitglieder-Essen bestellt, ein Hohentanner dazu und erstmal gradaus geschaut, geruht und gegessen.

Ein Blick über die Schulter hinüber zum Seekar (Gipfelkreuz links neben der mittigen Tanne) – nein, das wird heut‘ nix mehr, das pack‘ ma nicht (zumindest ich nicht)!

Und dann, nach dem Essen, die Hütte leert sich schon, der Wirt hat jetzt etwas Zeit, da gebe ich mir einen Ruck, gehe zum Tresen und sprech‘ den Aushang im Hüttenflur an: „Mitarbeiter gesucht“.
Immer schon wollte ich das ja mal machen, seit der Jugendzeit, aber immer sprach ‚was dagegen: der Papa, die Lebensphase, das Studium, der Job, der Partner, die Karriere, das Geld, die Gesundheit, der Zeitmangel, die Umstände.
Nun, da manche dieser „Hindernisse“ sich in Luft aufgelöst haben (der Job, die Karriere, das Geld, der Zeitmangel), ist da plötzlich diese Freiheit, einfach mal nachzufragen.

Der Wirt gibt ein Getränk aus und setzt sich zu mir. Wir bereden das. Ob, wie, wann, warum.
Es ist das entspannteste Vorstellungsgespräch meines Lebens: mit verklebten Haaren, rotgefrorener Nase, Pippa zu meinen Füßen, Bergstiefel offen, Bier in der Hand sitze ich da und fühl‘ mich prima. Kein „Was sind Ihre Stärken und Schwächen“-Schwachsinn, sondern die Ansage „Es sollt‘ scho oana sei, der wo si do herobn auskennt, falls mal a Gast frogt, wie die Berg‘ do heißn oder wo’s obi geht“.
Letzte Saison hat er eine gehabt, die „ned mal an Scharfreiter oder die Zugspitz kennt hod“, also das geht gar nicht! Zupacken können sollte man auch, und dann strahlt er, als ich von den Lenggrieser Sommern erzähle, von der Großküche (und dem anderen Gewurschtel) unten in der Jugendherberge und von all den Touren hier in der Gegend.

Zwischendrin kommt Hüttenhündin Tessa angeschwänzelt und will gekrault werden, wir reden über die Hunde, wie alt und woher und welche Macken, beide heißen sie „Mäuschen“, was eigentlich nicht sein kann, denn die Entlebucherin ist eine recht Stämmige („vom Nibelungenblut“) und das Dackelfräulein im Vergleich ja so zart (und nur eine „vom Schwindauer Land“).

Ein paar späte Skitourengeher betreten die Stube und wir unterbrechen unser Gespräch, der Wirt muss rüber zum Tresen und in die Küche. Während er den Eintopf für die Neuankömmlinge erhitzt, schaut er aus einer Luke neben dem Kachelofen nochmal rüber in den Gastraum und ruft mir zu: „Hosd an Dudn?“
„Äh, ja, daheim hab‘ ich einen Duden.“
„Also dann kannst ein Wort da drin gleich streichen: „Hüttenromantik“. Des gibt’s da herobn ned!“.
Er grinst breit, ich nicke zustimmend, proste ihm mit dem Noagerl zu und wir verabschieden uns bis demnächst oder bis zum Saisonbeginn – dann probier’n wir das vielleicht tatsächlich mitanand, so tageweise zwischen meinen Schreibarbeiten und einfach mal für eine Saison, da herobn.

Aschermittwoch 2018: Ekstrem Turglede (= außergewöhnliches Tourenglück)!

Ganz neue Aussichten jedenfalls!

Offerten.

Ich mag Rewe nicht. Atmosphärisch nicht, und auch sonst nicht. Häufig hohe Proletendichte. Und oft gibt’s genau das nicht, was wir bräuchten oder möchten. Heute: kein Rahm-Porree. Vorgestern: keinen griechischen Rahmjoghurt. Haben die was gegen Rahm? Blöder Laden jedenfalls.

Bei Edeka fühl ich mich trotz der FDP-affinen Farbgebung wohler. Das Sortiment taugt mir auch mehr, die Klientel ebenso. Gerade habe ich erfolgreich all die Sachen mit Rahm gekauft, die Rewe mir die ganze Woche über verweigert hat.

Hinter mir in der langen Freitagnachmittagskassenschlange ein gepflegter Mittfuffziger, lässige Frisur, coole Brille, abgewetzte Lederjacke, sportliche Statur. Sein Handy klingelt, während ich meine Rahmporreepakete aufs Warenband staple.

(…) [Intro-Geplänkel, dem zu entnehmen ist, dass es sich bei dem Anrufer um eine Mischung zwischen gutem Bekannten und beruflichem Kontakt handelt.]

„Ja, danke, dass du zurückrufst. Wir brauchen da jetzt dringend jemanden, denn die Paula ist plötzlich abgesprungen.“

(…) [Gesprächspartner scheint Paula zu kennen und hat Einiges dazu zu sagen oder zu fragen.]

„Genau, möglichst sofort.“

(…) [Das andere Ende der Leitung stellt eine kurze Frage.]

„Nein, nur für die Sexkolumnen. Das andere schreibt der Herbert erstmal.“

(…) [Sexkolumnen! Alles glotzt den Mittfuffziger an, ich dreh mich samt Rahmjoghurt in der Hand um, kann mir das Schmunzeln nicht verkneifen. Telefonat nähert sich dem Ende.]

„Super, dann ruf mich einfach an, wenn du jemanden weißt. Servus!“

Mittfuffziger verstaut Handy wieder in seiner Lederjacke, guckt mich an und grinst zurück.

„Tja, also, wenn Sie das ganze Gemüse verzehrt haben und dann Zeit hätten…? Wir zahlen auch ganz anständig. 25€ pro 1.000 Zeichen. Allerdings müssten Sie wöchentlich eine Kolumne liefern.“

[Spontan aufkommende, kurze Freude, dass man mir ansieht, dass ich gern schreibe, dann kurzes Nachdenken, was ich entgegnen soll.]

„Hm, meine Themen sind eher Hunde und Outdooraktivitäten.“

„Das lässt sich ja vielleicht ausbauen!?“

Mit seinem Kärtchen in der Hand trete ich den Heimweg an, setze mich in die U-Bahn, den mit Rahmjoghurt bis obenhin vollgestopften Schwimmrucksack neben mir, den eiskalten Rahmporree auf meinem Schoß. Ich rechne. Für eine gute Wintertrekkinghose müsste ich 7.200 Zeichen zustandebringen… Plus Stirnlampe, plus Grödel, plus neue Stöcke wären wir bei 16.800 Zeichen. Was schreibt man da nur alles?
Nee, echt nicht, da setze ich lieber auf die Weihnachtsgroßzügigkeit des Papas oder auf überraschenden Geldsegen aus anderen Quellen.

Dennoch: Edeka ist ganz klar der bessere Laden, sogar Jobs gibt’s da und die Männer sehen dort auch besser aus als bei Rewe.
Nun verkaufe ich erstmal meine alte Matratze und arbeite weiter an dem Artikel über Urlaub mit dem Zamperl in der Zugspitzregion.

Ein schönes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.