Song des Tages (39).

Old habits die hard…

Langjährige Freunde erkennt man daran, dass sie sich auch vier Jahrzehnte nach Freundschaftsbeginn, wenn sie abends müde und erschöpft in Amsterdam durch den Duty-free-Shop stolpern, beim Anblick des Chocoladehagel-Kartons von De Ruijter, der erfreulicherweise immer noch so aussieht wie vor vier Jahrzehnten (bis auf den „Ausgießer“, der jetzt umweltfreundlich aus Pappe ist und nicht mehr aus Metall), sofort daran erinnern, dass das doch jenes Zeug war, das die Freundin immer so gern mochte und Jahr für Jahr aus den Vrouwenpolder-Sommerurlauben mitbrachte, dann sicherheitshalber beide Varianten kaufen (hell und dunkel), weil sich die Geschmacksvorlieben ja in vierzig Jahren evtl. mal geändert haben könnten (stimmt, ich mag mittlerweile beide Sorten), danach noch die Original-Holland-Butterwaffeln dazupacken, die auch immer noch in der gleichen Dose angeboten werden wie damals (so funktioniert langjährige Kundenbindung!), und am Tag drauf mit all diesen Köstlichkeiten im Gepäck nach München fahren und für einen Abend zu Besuch kommen – selbstverständlich nicht ohne vorher im heimatlichen Zürich noch eine Leckerei für das Dackelfräulein besorgt zu haben.

Gut, auch wir haben uns nicht lumpen lassen, und ein 3-Gang-Menü serviert, das offenbar gemundet hat, zumindest ist kein Krümelchen übrig geblieben.

Das geschah erst beim Frühstück, als doch glatt ein paar Chocoladehagelstückchen über den Brotrand kullerten (trotz der Spachtelmasse auf dem Brot), die Technik der möglichst lückenlosen Schichtung (es muss knirschen, wenn man reinbeißt) saß schon mal besser, aber wir haben ja nun zwei Kartons zum Üben (und überdies mit Freude zur Kenntnis genommen, dass die Freundin demnächst wieder eine Dienstreise nach Amsterdam unternehmen muss).

Danke, liebe H., für den schönen Abend gestern, gute Heimreise in die Schweiz & hier kommt für dich der Song zum heutigen Frühstücksbrot:

Old habits die hard
And old soldiers just fade away
Old habits die hard
Harder than November rain

Nie war Jude Law, der übrigens unser Jahrgang ist, schöner als in „Alfie“ – und ich mir so sicher wie du in Amsterdam mit dem Schokokarton, dass du das ganz genauso siehst 🙂

You can’t start a fire without a spark oder: Ein Stück Lebensverfilmung.

Gestern Abend, 20:15 Uhr, München-Schwabing.
Endlich mal das neu umgebaute ARRI-Kino besucht. Eine fantastische Lounge, eine ansprechende, schummrige Bar und ein kleiner, extravaganter Kinosaal mit Wohnzimmerfeeling.
Umgeben von einer deckenhohen Bibliothek sitzt man dort, die Buchreihen werden von geschmackvollen Lämpchen beleuchtet, nix Halogen oder LED, sondern auch hier unaufdringliches Licht, schließlich ist es Abend und der Mensch möchte nicht von irgendeinem Drumrum erleuchtet oder bestrahlt werden, sondern sich dem Inneren zuwenden und den Feierabend vom Außen einläuten.

Die plüschigweichen, samtroten Fauteuils sind nicht nur herrlich groß und bequem, sondern können auch leicht nach hinten geneigt werden, für jene Fimmomente, in denen es einen innerlich umnietet, es die Seele sozusagen in die Kissen drückt (und dann ist es schon sehr schön, wenn sie so weich fällt wie hier).
Der Fußraum ermöglicht auch 2-Meter-Menschen komplette Beinfreiheit und könnte mühelos noch ein Dackelkörbchen beherbergen (ein lang gehegter Traum: den Hund ins Kino mitnehmen können, damit man nicht immer so hetzen muss, vor und nach dem Film).
Neben jedem Sessel breite Armlehnen, mit integrierten Abstellflächen und einem Flaschenkühler davor, ein Kellner im Frack schleicht mit einem Tablett dezent durch die Reihen und serviert Drinks, nicht zu fassen (die Getränkekarte liegt ebenfalls in der Armlehne und hätte man von diesem Luxus vorher gewusst, hätte man glatt die Penunzen für einen Mai Tai mitnehmen müssen, dank der Buy-online-and-print-at-home-Tickets hat man aber nix dabei).
Nicht unbedingt ein Kinosaal für Händchenhalten und Tauschen von Küssen, trotz der dunkelrot-heimeligen Atmosphäre, denn der Sitznachbar ist schon arg gut verschanzt hinter dem ausladenden Lehnstuhl.

Um 20:15 Uhr schiebt sich der Vorhang lautlos beiseite und die Vorführung beginnt.
Und ich muss sagen: Die britische Regisseurin Gurinder Chadha hat einen Film gedreht, der ohnehin kein Händchenhalten und Geknutsche nebenher zuließe. Weil dieses Movie im wahrsten Sinne des Wortes ein Movie ist: Es bewegt einen.
Erst recht, wenn die eigene Frühadoleszenz in dieselbe Zeitspanne fiel wie die des Protagonisten, wenngleich sie glücklicherweise nicht umgeben war von denselben Rassenunruhen und Trostlosigkeiten eines grauen Industriekaffs (dafür von den Scheidungsunruhen daheim).
Vor allem bewegt „Blinded by the light“ wegen seines Soundtracks. Obwohl dieser Satz, aus der Tastatur eines seit 35 Jahren eingefleischten Fans stammend, als tendenziös gewertet werden könnte – ist er dennoch objektiv und zutiefst wahr (lesen Sie die Rezensionen, sogar die taz hat etliche gute Haare an dem Streifen gelassen).

„Blinded by the light“ ist ein großer kleiner Film.
Kein cineastisches Meisterwerk, keine bahnbrechende Filmkunst, aber ein ehrlicher Film über Familie und Freundschaft, über Heranwachsen und Identitätssuche, über Zwänge und Befreiung, über Politik und Kultur, über – und das ist das Herzstück des Films, sein Pulsschlag! – Musik und Liebe (und über die Liebe zur Musik und die erste Liebe mit der richtigen Musik im Herzen und Hintergrund).
Und es braucht wahrlich keine Kinosesselküsse mehr, wenn auf der Leinwand so ein erster Kuss geküsst wird (das sympathische junge Paar abgeschirmt von der Welt, weil beschirmt von den Kopfhörern eines SONY-Walkmans, den man selbst in den 80ern hatte, bloß in einer anderen Farbe) und diese Initiation auch noch zu dieser breathtaking-earthquaking Hammerstrophe aus „Prove it all night“ stattfindet… (was gäbe ich drum, wenn ich meinen ersten Kuss zu diesen Zeilen erlebt hätte, aber das kommt halt davon, wenn man sich vier Wochen vor dem ersten Springsteen-Konzert zum ersten Mal küssen lässt).

Naja, genug geteenelt & geträumt.
Schauen und hören Sie sich das an, wenn Sie bislang Bruce Springsteen nur mit dem totgedudelten „Born in the USA“-Gestampfe assoziieren oder wenn Sie damals in den 80ern jung waren und ebenfalls nicht viel mit Wham, a-ha und all dem Pop-Geplänkel anfangen konnten.
Und erst recht, wenn Sie womöglich einen ähnlichen Moment der Erweckung erlebt haben wie Javed, als er zum allerersten Mal eine Musik hört, die ihn durch und durch berührt, ergreift und aufrüttelt, die ihm einen Teil seiner Perspektivlosigkeit nimmt, von der er sich nicht nur verstanden, sondern behutsam in den Arm genommen fühlt und die ihn fortan ebenso zuversichtspendend wie zukunftweisend dabei begleitet, der zu werden, der er ist, sein möchte oder noch werden kann.

Springsteen selbst sah den Film weit vor Fertigstellung und Veröffentlichung, weil es der Regisseurin wichtig war, vorab zu erfahren, ob er mit der Story einverstanden wäre und gegebenfalls noch was am Plot ändern zu können.
Nach der Vorführung sagte er zunächst kein einziges Wort, dann stand er auf, umarmte Gurinder Chadha, küsste sie auf die Wange und meinte: „Danke, dass du dich so um meine Musik gekümmert hast. Es ist wunderschön. Ich liebe es. Bitte ändere kein einziges Detail.“

Heute in einem Monat wird Bruce Springsteen unglaubliche 70. Die Jahre rasen nur so dahin.
2016 stand ich im Berliner Olympiastadion, hörte mein erstes „Backstreets“ live und hatte das Gefühl, das könne es jetzt womöglich gewesen sein, das könne nun das letzte meiner vielen Springsteen-Konzerte gewesen sein. Weil er nie wieder durch Europa tourt, weil es niemals eine Farewell-Thunderroad-Tour geben wird, sondern es einfach eines Tages vorbei sein würde, ohne Ankündigung, ohne große Inszenierungen.

Seit ich mich gestern Abend aus dem gemütlichsten aller Kinosessel erhob, hinaus ins nächtliche Schwabing trat und mir auf dem Weg zu meinem Fahrrad ein paar Tränchen aus den Augenwinkeln tupfte, hoffe ich inständig, dass es das doch noch nicht gewesen ist.

Sondern dass er doch nochmal kommt und wir alle uns nochmal gemeinsam um diese Musik kümmern können – und diese Musik sich um uns.
Denn es ist wunderschön. Ich liebe es. Und bitte ändere kein einziges Detail, Bruce.

You sit around gettin‘ older
There’s a joke here somewhere and it’s on me
I’ll shake this world off my shoulders
Come on, baby, this laugh’s on me

Ganz besondere Grüße sende ich mit diesem Beitrag an meine lang- oder kurzjährigen Bruce-Weggefährten: Helen, Marko, Peter, Robert, Thorsten, Sori und Lukas. Keep on rockin‘, Tramps!

A certain kind of magic took place.

[Zitat aus dem Trailer „Western Stars“.]

Meine Güte, was für ein Kino-Jahr!

So you walk on, through the dark.
Because that’s where the next morning is.
[Zitat aus dem Trailer „Western Stars“.]

Das hört ja gar nicht mehr auf mit den Musikfilmen…, der Soundtrack meines Lebens (meiner Jugend!) nun endlich auf der großen Leinwand. Diese Stimme, dieser Blick, diese Musik!

Jetzt aber erstmal „Blinded by the light“, Kinostart am 22. August.

Ein bisschen Javed steckte 1985 auch in mir und mit den ersten Songs von Springsteen ging für mich tatsächlich ein Vorhang auf – zu einer neuen Ära, zu etwas nie zuvor Dagewesenem, zu etwas existenziell Wichtigem – empfundenermaßen war’s ein bisschen dieses I found the key to the universe, zwar nicht im Motor einer alten Karre, aber eben dort im Stadion, auf der Bühne.
Das war wie eine Offenbarung, eine Erweckung, und, hey, ich war noch keine 13!

(Das müssen Sie jetzt nicht verstehen, das kann man nur so oder so ähnlich fühlen und erlebt haben – oder auch nicht.)

Einen fulminanten Start in die neue Woche wünscht –
Die Kraulquappe.

Huidiei jodleiridldüeiouri. Zum 30. Mai 2019, für Papa.

Heast as nit
wia die Zeit vergeht
Huidiei jodleiri Huidiridi

Gestern nu‘
ham d’Leut ganz anders g’redt
Huidiei jodleiridldüeiouri

Die Jungen san alt wordn
und die Altn san g’storbn
Duliei, Jodleiridldudieiouri

Hab ich lang überlegen müssen, ob ich den Peter Cornelius nehme, die Jungs von S.T.S., den Harry Belafonte, den Paul Simon oder eben ihn hier – den Hubert von Goisern.

Hauptsache einen, den wir zusammen live gesehen haben. Und das waren ja einige, damals, als wir noch gemeinsam auf Konzerte gingen.

Für den Cornelius sprach, dass ich an das Schulhof-Lied so eine wunderbare Erinnerung mit dir habe. Wie wir das gesungen haben, in Hausschuhen durch den Flur tanzend, der Wellensittich ganz aufgeregt mitzwitschernd. Ich mochte den Text und ich mochte, wenn du dann ein bisschen was von Carla erzählt hast, deiner Mitschülerin in Kleve.

Für S.T.S. sprach, dass deren Hochphase sich exakt mit unseren wenigen gemeinsamen Wiesn-Jahren deckte, du und ich, im Zelt auf Bierbänken stehend, dein ganzes Büro mit dabei, diese lustige Bagage. Den Insel-Song liebten wir gleichermaßen, und auch den anderen, dort allerdings liebtest du die schwoarzn Lipp’n grüne Hoar-Stelle und ich die mit dem Rennbahnexpress-Titelblatt.

Für den anderen Insel-Barden sprach, dass das eigentlich das Lied ist, an das ich immer als Allererstes denke, wenn ich an dich und Singen oder dich und Musik denke. Nichts habe ich dich öfter singen hören als Island in the sun. Wenn du es beim Autofahren gesungen hast, trommelte stets dein linker Fuß mit, wenn du es beim Rasieren gesungen hast, wurden manche Zeilen durch Hmhmhmhm-Geräusche ersetzt, damit du die Rasur nicht unterbrechen musstest.

Für den Paul Simon sprach, dass das unser absurdestes Konzerterlebnis war. Alles, was du kanntest und dir gefiel, war mir unbekannt oder gefiel mir überhaupt nicht. Und umgekehrt. Unsere Schnittmenge an dem Abend war genau ein Lied: Graceland. Ich habe danach tagelang nichts anderes mehr gehört, nur wegen dieser einen Zeile (der mit dem Fenster im Herzen), und du konntest das Lied dann sehr bald nicht mehr hören. Und bei mir war’s genau umgekehrt.

Für den Hubert hab ich mich entschieden, weil da musstest du mich seinerzeit richtiggehend überreden und dann war das aber total klasse, dieser Abend im Circus Krone. Es war sein allererstes Konzert in München, ich hatte noch nie von Hubert von Goisern gehört. Fand das peinlich, dass wir zu einem Volksmusik-Abend gehen, aber du sagtest, das sei viel mehr als Volksmusik, das sei Alpen-Rock. Also bin ich mitgegangen. Und hab es nicht bereut, im Gegenteil.

Ja, die Jahre, die Jahrzehnte – sie sind so schnell vergangen, Papa.

Wenn ich heute so das obige Foto von dir angucke – du mit diesem Cowboyhut, den sie dir 1980 in Kanada verpasst haben, und den du dann von deiner Reise mit nachhause brachtest, und der mich so fasziniert hat, weil da mühelos mein gesamter Kopf reinpasste (diese so präzise Erinnerung: wie groß du mir vorkamst und wie klein ich mich fühlte, in deinem Hut) – dann wird mir klar:

Und gestern is‘ heit word’n
und heit is‘ bald morg’n
Huidiei jodleiri huidiridi

Heast as nit
Heast as nit
Huideridiri
Hollareiridiridldoueio hallouri

Alles Gute zum Vatertag, den du auf einer ionischen Insel verbringst (ein Kompromiss, diese Reise: denn die Lebensgefährtin wollte nicht ins Burgenland und du nicht nach Katalonien, und weil du seit ein paar Jahren ja tatsächlich Kompromisse schließt, bist du jetzt eben in Griechenland 😉 ) – bis bald in alter Frische am Tegernsee!

Himmel der Bayern (57): It’s all about soul.

Wal(l)difahrt zum Heiligen Berg, beruflich quasi.

Lange Wanderung zu einem der touristischen Hotspots im Münchner Umland, dort Fotoshooting mit dem Fräulein, Material sammeln, das man demnächst in einer Reportage hundegerecht verwurschten (sic!) wird.
Muss jetzt alles recherchiert, marschiert, fotografiert und ausprobiert werden.

Schenk ich mir selbst zum Geburtstag, dieses Projekt, denn Aufwand und Ertrag stehen selbstredend in keinerlei vernünftigem Verhältnis, nicht mal dann, wenn es neben dem Honorar noch einen Sack begeisterte Leserbriefe gäbe. Das gedruckte Wort ist einfach nicht mehr viel wert, leider.
Egal, die Sache an sich tut dem grad etwas geschundenen Körper und dem derzeitigen Nervenkostüm wirklich gut:
Die Bewegung, der Hund, die Natur, die Heimat (die Seelenlandschaft!).

Allein die Fahrt durch diese seit Urzeiten vertrauten Gefilde.

Perchting. Ich denke an H., wie wir noch zu Schulzeiten dort im Dorfladen einkauften, für eine unserer Partys da draußen am Moorsee, in dem Häuschen, das der Papa uns vertrauensvoll überlassen hatte und das wir – Party hin oder her – stets blitzblank geputzt zurückgaben. Erinnere mich daran, wie bei einer Vollbremsung – H. hatte den Führerschein noch nicht lang und den Toyota ihrer Mutter ausgeliehen – die Bierflaschen aus der Kiste, die wir kreuzdämlich auf die Rückbank gestellt hatten, geschossartig und mit wildem Schäumen nach vorne flogen – eine unglaubliche Sauerei. Hatten wir noch mehr zu putzen.

Zwischen Landstetten und Frieding an der Einmündung zu dem Feldweg vorbeigekommen, wo ich mit 18 Fahrübungen im Mercedes des Papas machen durfte musste, zur Vorbereitung auf die Prüfung (Damit du mit der Pflichtstundenzahl hinkommst!).
Diese doofe Feststellbremse, die nur mit der linken Hand zu lösen war, irgendwo da unten neben dem Lenkrad. Der schnaufende, schwitzende und schimpfende Papa neben mir (Ja kruzifix, is‘ denn das so schwierig?!), als ich die Karre beim Berganfahren dreimal hintereinander abgewürgt habe, weil das halt mit dieser blöden Handbremsenkonstruktion nicht besser ging. Erst recht nicht auf einem Schotterweg. Geduld war nicht des Papas größte Tugend. Naja, war halt auch der Dienstwagen.

Und ich denke an unsere Radtouren hier in der Gegend, damals, als er noch der Bewegungsfreudigere und Unternehmungslustigere von uns beiden war. Den Frühstückstisch bereits mit Radkarten tapeziert, er frisch und munter, ich müde und muffig, dann ging es los, meist mit mehreren Zielen: See, Biergarten, Kirche, Eisdiele, Kloster, Wildgehege.
Er, der mir alles hier im Oberbayrischen gezeigt hat, dem es unermüdlich darum zu tun war, ans Töchterchen weiterzugeben, was er eben von diesem kleinen Ausschnitt der Welt wusste.

Ich staune heute manchmal, was doch so alles hängengeblieben ist, denn wenn ich zurückdenke an diese Jahre, dann seh‘ ich uns eher im Auto zanken: sein Vortrag über das von Konrad Lorenz gegründete Institut in Seewiesen (weil man grad dran vorbeifuhr und sich diese Lektion anbot) gegen meine Manie, den Sendersuchlauf dreimal rauf und dreimal runter zu betätigen (Musik interessierte mich! – und nicht Verhaltensforschung).

Kloster Andechs. Jahrzehntelang ein beliebtes Ziel solcher Ausflüge. Verhasst war mir das Krippeanguckenmüssen. Der Papa war nie gläubig, aber an Weihnachten meinte er, das Kind müsse nun eine Krippe zu Gesichte bekommen, obwohl das Kind lieber daheim den Baum geschmückt, Plätzchen gefuttert und Seidenpapiersterne auf die Fenster geklebt hat.

Geliebt habe ich hingegen die sommerlichen Besuche in Andechs: da gab es (bis ca. 10) ein Aufess-Armband vom Kiosk bzw. (ab der Teenagerzeit) eine Riesenbreze ganz für mich alleine und später (ab der Studienzeit) konsumierten wir dann tatsächlich mal eine zeitlang dasselbe.

Man staunt ja auch immer wieder, wer so alles tagsüber an einem gewöhnlichen Dienstag unterwegs ist und mit wem man die wenigen Premiumplätze an der sonnigen Klosterbiergartenmauer teilen muss (hat NRW immer noch Ferien oder wat machen die alle hier?).
Jedenfalls: der Kölner am Nebentisch mampft unter großem Gelabere und mit noch größerem Genuss eine Blutwurst und freundet sich währenddessen – der Kölner an sich ist ja freundlich und offen – mit dem Dackelfräulein an, die noch nie zuvor ein Stück Blutwurst gegessen hat, aber spontan sichtlich angetan davon ist und gern noch ein zweites nimmt.
Hast du einen Hund, musst du Menschenkontakt haben, sogar Blutwurstmenschenkontakt.

Ich packe mein Käsebrot und die Tomaten aus und hole mir dazu an der Klosterschänke eine Maibock-Halbe.
Geradeaus guckend: die nun wieder tief verschneiten Alpen. Unter den Tisch guckend: der nun wieder tief zufriedene Hund.
Lese in einem Reiseführer, mache mir Notizen.
Schicke dem Papa eine Live-Foto von Fräulein Hund, Maibock und mir aus dem Klosterbiergarten.
Das freut ihn. War die Bildungsarbeit ja doch nicht umsonst, schreibt er.

Anschließend ein Rundgang durch die klösterlichen Anlagen.
Ein Fotoversuch hier und dort, aber ohne Assistenz ist das heute schwierig, Pippa hat keine Lust oder die Sonne steht ungünstig oder der Maibock ist schuld am Misslingen. Gehen wir halt demnächst nochmal hin.

In der Kapelle wie immer ein Kerzlein angezündet.
Ein Weilchen dort im Dunkeln gesessen, den warmen Wachsgeruch eingeatmet, ein bisschen den Gedanken nachgehangen. Auf einmal an ein Lied von Billy Joel gedacht, bekam die Strophen nicht mehr alle zusammen (dank YouTube kann man auf dem einsamen Weg zurück zum Auto dem Gedächtnis gleich auf die Sprünge helfen: meine Güte, auch schon wieder ein Vierteljahrhundert her, der Song).

It’s all about soul
It’s all about faith and a deeper devotion
It’s all about soul
‚Cause under the love is a stronger emotion
She’s got to be strong
‚Cause so many things getting out of control
Should drive her away
So why does she stay?

Und auf dem Rückweg gelingen uns doch noch ein paar Verrenkungen Zeckenaufklaubungen Übungen in den Frühlingswiesen mit dem Smartphone.

Exactly, it’s all about soul.

Mittelalter oder: The Gaudi is real.

Woran man merkt, dass man nicht mehr jung, aber auch noch nicht richtig alt ist:

Man ist die einzige von fünf Personen in einer Schlange, die der fesche Student an der Buchrückgabe der Stabi nach nur ultrakurzem Aufblicken von seinem Scanner zielsicher nicht duzt. Als er das retournierte Buch der üblichen Sichtkontrolle unterzieht, erntet man für den Titel aber immerhin noch ein ungezwungenes „Ey, coole Sache!“.

In der Sportschwimmerbahn gehört man noch zu den Flotteren, in der Umkleide aber schon zu jenen, die sich bisweilen zum Abtrocknen der Zehen hinsetzen.

Der Lauf der Zeit. Interessante Übergänge sind das.

Überhaupt gerade ein spannendes Lebensalter. Man traut sich endlich Dinge (zu), an die man sich früher nicht rangewagt hätte (zu jung, zu unerfahren, zu was auch immer). Wenn die Zeit, die noch vor einem liegt, statistisch gesehen dann mal kürzer ist als die, die bereits hinter einem liegt, wird manches einfacher und klarer, weil akuter und endlicher.

Und das ist gut.

Prosit & haben Sie einen guten Start in die neue Woche!

Von Schwindegg über Gmund nach Andechs.

Spielen liebe ich ja, seit ich auf der Welt bin.

Die ersten Objekte meiner Spielliebe waren die alljährlich vom Papa zu Weihnachten angeschafften Gesellschafts-/Brettspiele, mit denen wir uns dann (als wir noch eine Familie waren) bis zum Dreikönigstag in Klausur begaben.
Unterjährig vergnügte ich mich vor allem mit Lego und Playmobil oder versaute mit Slime oder Fimo die elterliche Wohnung.
Nicht zu vergessen: die Welt da draußen, die Wohnanlage, das Wäldchen hinter der Schule – alles herrliche Spieloasen, vor allem jene, an denen der mütterliche Ruf „Essen ist fertig!“ nicht mehr zu hören war.

In der Schulzeit reduzierten sich die Spielmöglichkeiten etwas, vor allem, wenn man – wie ich – kein Fan von Mannschaftssportarten oder Wettkämpfen (und ehrlich gesagt von überhaupt keiner sportlichen Betätigung außer Schwimmen & Eisessen war) und die Mutter einem mit 11 die drei Boxen Playmobil einfach weggenommen (und verkauft) hatte. Sogar das geliebte Playmobil-Hausboot (was ich ihr nie verziehen habe).

Mit der Studienzeit begann dann wieder eine intensive Ära des Spielens, und dank der Liaison mit dem Wiener Medizinstudenten lernte ich großartige neue Spiele kennen.
„Activity“ hielt Einzug in mein Leben, vor allem die österreichische Version liebte ich über alles, weil wer mit dem österreichischen Vokabular nix am Hut hatte, der hatte einen eklatanten Nachteil, Begriffe wie „Gelsenkirchner Barock“ pantomimisch darzustellen – und so wurde daraus ein Spiel für Insider oder Hochbegabte, zumindest wenn man es mit den Würzburger Studentenfreunden abendelang spielte. Und wir spielten das damals ganze Wochenenden lang!
Gut, ab und zu auch mal unterbrochen von „Pictionary“ oder „Therapy“ oder eine Runde „Der wahre Walter“ (meine Güte: ganz wehmütig wird mir, wenn ich an diese Zeiten zurückdenke, das waren die besten alkoholfreien Räusche, die ich je erlebt habe!).
Aber hauptsächlich spielte ich 12 Semester lang „Activity“ in allen erdenklichen Versionen, die es auf dem Markt gab.
Paare gerieten in die Trennungszone an diesen Abenden, wenn der eine mal wieder nicht in der Lage war, aus dem Bleistiftgekritzel des anderen, das aussah wie die Kleinkindzeichnung eines Wollknäuels, binnen einer Sanduhrlänge den Begriff „Globalisierung“ herauszulesen!
Frauen gegen Männer war auch stets eine sehr stimmungsfördernde Variante, vor allem, wenn das Frauenteam fortwährend gewonnen hat (die wenigen Male, in denen das nicht der Fall war, hat man halt verdrängt).
Zum Schluss hin empfahl sich jedoch der Partnertausch als beste Team-Zusammenstellung, weil man dabei erleben durfte, dass auch andere Männer die von einem selbst für so kreativ & genial gehaltenen Paraphrasen, Zeichnungen oder Pantominen nicht sofort zu erraten befähigt waren, was einen sogleich mit dem eigenen Partner, den man kurz zuvor noch unter „Das musst du doch kapieren!“- oder „Wie kann man sich nur so anstellen!“-Rufen am liebsten in die Wüste geschickt hätte, wieder etwas aussöhnte.

Mit dem Diplom in der Tasche begann dann der sogenannte Ernst des Lebens, das Berufsleben nämlich, und das brach den Spielorgien leider alsbald endgültig das Genick.
Alle mussten plötzlich früh ins Bett, damit sie montags wieder fit waren oder bekamen Kinder und hatten deshalb eh keine Zeit und Energie mehr oder waren so fertig von ihren Überstunden und Dienstreisen, dass als einzig möglicher Abend für lange Spiel-Sessions bestensfalls noch der Samstag übrigblieb, der dann aber mit Grillabenden, Schwiegerelternbesuchen und Theater-Abos konkurrierte.
Kurz: im Wesentlichen war nun Schluss mit lustig. Sozusagen game over.
Allenfalls zu Silvester konnte ich noch gelegentlich meiner Spielsucht frönen… – im Grunde aber spiele ich nur noch mit dem Dackelfräulein.

*****

Vor ein paar Wochen dann plötzlich die seit Jahren allererste Spielaufforderung. Vom Herrn Spike.
Zu einem Sprachspiel, angelehnt an Der tiefere Sinn des Labenz. Hurra!

Als Studenten nannten wir’s das „Lexikonspiel“.
Einer suchte sich einen Begriff im Lexikon aus, von dem er überzeugt war, dass niemand ihn kennen würde, dann schrieb jeder eine im Lexikon-Stil verfasste Definition zu diesem Begriff nieder, der Wort-Geber sammelte alle Versionen ein, mischte die echte Erläuterung drunter, las die Definitionen dann vor und einen Punkt bekam schließlich derjenige, dessen Version von den meisten für „die wahre“ gehalten wurde.

Der Herr Spike und ich spielen das nun seit Januar, schicken uns alle paar Wochen eine Mail, schlagen einander neue Begriffe vor, aus denen man sich einen aussuchen darf, aber ich muss erstmal wieder warm werden, merk ich, wohingegen mein Spielpartner schon auf Hochtouren läuft, was ich heut Abend daran sah, dass der ja gar keine Auswahl mehr trifft, sondern gleich alle drei Begriffe ausarbeitet…

*****

… und hier das Ergebnis, mit dem herzlichsten Dank an Herrn Spike, der heute diese großartigen Lexikoneinträge zu meinen drei Ortsvorgaben verfasst hat, die mich so amüsiert haben, dass ich sie unbedingt hier veröffentlichen möchte:

Schwindegg, der:
Das Gefühl, wenn man nichtsahnend und ohne Vorwarnung unvermittelt vor einem Abgrund steht und, sich leicht vorbeugend, einen prüfenden Blick in die Tiefe wirft.
Die Bandbreite des Schwindegg kann je nach Mentalität des In-die-Tiefe-Schauenden von einem wohlig-prickelnden Schauer bis hin zu purer Panik reichen, und je nach Veranlagung besteht durchaus Suchtgefahr.
So findet man immer wieder Schwindegg-Süchtige, die auf den Umrandungen der Dächer von Wolkenkratzern balancieren. Ein beliebter Treffpunkt von Schwindegg-Fetischisten ist die Trolltunga am Sørfjord in Norwegen, wo sich die Wagemutigsten unter den „Schwindeggern“ im Sprintduell der Vorderkante nähern, um auf dem letzten Meter vor der Kante abrupt abzustoppen oder sich, wie manche Speerwerfer es vor der Abwurflinie tun, per Hechtsprung im Liegestütz nur wenige Zentimeter vor der Kante abzufangen.

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Gmund, das:
Ein Speiserest, der sich in einem Zahnzwischenraum festgesetzt hat und sich hartnäckig allen Versuchen widersetzt, ihn mit der Zungenspitze zu lösen und ohne Zuhilfenahme der Finger oder eines Zahnstochers unauffällig zu entfernen.
In katholischen Gegenden auch weit verbreitet das Stück der Hostie, das sich bei der Heiligen Kommunion an der Gaumenplatte festsaugt und den gelegentlichen Kirchgänger nötigt, länger als geplant in scheinbar stummem Gebet zu verharren, während er mit versteinerter Miene versucht, mit der Zungenspitze das Problem zu lösen. Der tiefgläubige Kirchgänger nutzt die Gelegenheit, sämtliche Verblichene in seinem Stammbaum bis zurück zum Dreißigjährigen Krieg in seine stille Fürbitte aufzunehmen. Gelegentlich kommt es vor, dass Gläubige, versunken in diesen Kampf, das Gottesdienstende verpassen und vom Messner vorsichtig auf diesen Umstand aufmerksam gemacht werden müssen. Vereinzelt finden sich in Kirchen-Chroniken sogar Gmund-bedingte Todesfälle durch Herzinfarkt.

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Andechs (Adj):
Schläfrig, behäbig, leicht benebelt, jedoch eine Grundzufriedenheit ausstrahlend, wie man es z.B. von in der Sonne liegenden Waranen kennt. Ein Zustand, der sich z.B. nach ausgiebigem Genuss von der Gattung Weißbier zugeordneten Produkten von Klosterbrauereien einstellt.
Nicht unähnlich dem paulan genannten Zustand, der sich jedoch durch eine penetrante Note von überheblichem Gönnertum auszeichnet.

*****

Sollten Sie mal wieder in unser schönes Bayernland kommen, lieber Herr Spike, so ist Ihnen jetzt schon eine andechse Maß auf dem Heiligen Berg gewiss. Die geb‘ ich Ihnen aus, denn die haben Sie sich verdient!

Kommen Sie aber bitte nicht schon paulan hier an (und auch nicht spatian, augustian, löwisch, pschorrisch und erst recht nicht hofbräuslich), denn so ein klösterlicher Doppelbock, der hat’s in sich!

Und bis dahin lassen Sie uns frohgemut weiterspielen.

Herzlich grüßt –
Die Kraulquappe.

But I’m absolutely sane.

Eine größere Sache heute zuende gebracht, danach gleich die nächste angepackt.
Immer noch bleierne Müdigkeit, beinahe ganztags. Und dieser Ausschlag. Und häufiges Frösteln und so manches mehr. Zugleich ab und zu das Gefühl, das Medikament schlüge an und es ginge aufwärts.

Am späten Vormittag bereits Kuchen gebacken, D. hat sich den gewünscht, für morgen, für ihre große, runde Feier. Das Kuchenbacken doch noch nicht verlernt, schön. Sollte man wieder öfter machen, allein der Duft in der ganzen Wohnung ist ja ein Genuss!
Nebenher die Liste der mitzunehmenden Dinge für meinen großen Freund S. erstellt, der morgen die Ehre hat, für einige Stunden das Dackelfräulein zu hüten, nachdem ich Ds Feier beiwohnen werde und der Gatte in Frankfurt ein Wochenendseminar hält, so dass ein gutes Plätzchen gesucht werden musste.

Mittags Kopf, Körper und Hund ausgiebig an der Isar bei Schäftlarn ausgelüftet, um mal wieder von sauberem Weiß umgeben zu sein statt von schmutzigen Altschneeresten in der Großstadt.
Anschließend kommt die Braunschweiger Freundin kurz zu Besuch, seit Mai nicht mehr gesehen und dennoch war’s als wär‘ man gestern erst auseinandergegangen. Nachdem wir uns die Gesichter mit Krapfenmarmelade und -puderzucker verschmiert haben, fahre ich sie nach Schwabing, wo sie auf einen Geburtstag eingeladen ist.
Das hatten wir noch nie, dass wir zum Abschied sagen konnten: „Bis in drei Wochen!“ – dann reise ich zu ihrer Geburtstagsfeier. Auch ein runder Geburtstag. Ich mag Geburtstage ja, den meinen ebenso wie die der anderen.

Von Schwabing aus fahre ich weiter zum Lieblingsbad, fast eine Woche nicht mehr dort gewesen – ein Unding! – und heut‘ Abend versuch‘ ich’s einfach, trotz der null Grad da draußen (es ist ja ein Winter-Freibad, schön beheizt zwar, dennoch muss man 42 Schritte vom Gebäude durch die Eiseskälte bis zum Beckenrand laufen und der erste halbe Meter unter der Wasseroberfläche hat auch nicht gerade Badewannentemperatur), trotz der Müdigkeit und allem.
In der Bahn sind außer mir nur zwei roboterartige Kampfkrauler, man kommt einander also nicht in die Quere und es geht insgesamt erstaunlich gut.

Auf dem Heimweg mache ich etwas, das ich in meinem ganzen Leben noch nicht gemacht habe: ich fahre bei einer Tankstelle raus, um Bier zu kaufen.
Gruselige Assoziationen kommen da hoch: an den, der immer abends zur Tanke ging, um Bier zu kaufen. Und zwar jeden Abend. Und auch nicht nur eine Flasche.
Mit 46 fahre ich also erstmals nur zum Bierkauf an eine Tankstelle. Grund: Der blöde REWE hat seit über einer Woche die für mich einzig wahre Weißbiersorte nicht mehr im Regal stehen, angeblich Lieferschwierigkeiten.

Als ich mit dem Bier in der Hand zum Auto zurückgehe, fühle ich mich unwohl, muss an den Papa denken, der mich in meiner kurzen Phase als Raucherin immer ermahnte, bloß nicht draußen auf der Straße und schon gar nicht beim Herumlaufen zu rauchen, weil das Frauen nicht zu Gesichte stünde. Obwohl ich diese Regel schon damals für äußerst fragwürdig hielt, frage ich mich plötzlich, ob sie nicht für das offene Herumtragen einer Bierflasche ebenso gelten könne und fühle mich noch unwohler.
Ein Geschäftsmann im Lodenmantel steigt aus seinem blankpolierten BMW, unsere Blicke kreuzen sich für einen Moment. Eine Frau allein, am späteren Freitagabend, mit dreckigem Auto, in abgewetzter Jeans, uralten Bergstiefeln, mit nassen Haaren, die unter der Fleecemütze rausschauen (er wird sie wohl für strähnige, ungewaschene Haare halten, nicht für schwimmbadnasse) – wie sieht das aus? Ich bin froh, als ich wieder im Auto sitze und ärgere mich, dass es mich auf einmal beschäftigt, was irgendwer sich über mich denken könnte.

Lasse den Motor an, fädle mich wieder auf die Allee ein, hinter einen Porsche 911, der fast denelben Farbton hat wie der von Saga Norén, der mich aber nicht deswegen, sondern wegen seines Kennzeichens zusammenzucken lässt: M-HK 2108. Genau damit fuhr die Mutter einst herum, im orangefarbenen VW Käfer (der mit den netten, feinrändrigen Augen, nicht der mit den Glotzaugen). Ja gibt’s das?!
M-HK 2108 lebt also noch (und in mir denkt es: „maybe everything that dies someday comes back“, einer dieser Fetzen aus dem Lebenssoundtrack) und dabei ist sie jetzt bald drei Jahre unter der Erde.

Um nicht länger als nötig an den orangefarbenen Käfer und die Geschichten, die sich in ihm und um ihn rankten, zu denken, stelle ich das Radio an, den Sender, von dem man jahrzehntelang dachte, man würde ihn niemals hören (so wie man auch never ever an der Tankstelle Bier kaufen würde).
Ich lande mitten in der ersten Strophe eines Bowie-Songs: „(…) but I’m abolutely sane“.
Absolute beginners.
Sehe A. und mich im gleichnamigen Film sitzen (über 30 Jahre her), von dem ich nichts erinnere außer Bowie, der Zebrafrau und eben diesem Song. Am Tag danach sofort die Single gekauft. Im Jugendzimmer auf dem Boden sitzend, ans Klavier gelehnt, mit Blick auf das damals gerade neu erstandene Tunnel-of-love-Poster die Scheibe in Endlosschleife gehört.
Der größte Segen meines vom Zeitungsaustragesalär gekauften Plattenspielers war seine Repeat-Taste.

Eine Nachlese oder: Fröstelnd sitz‘ ich auf der Couch und blättere.

Eine Sitzordnung hatte er sich überlegt. Das gab’s noch nie, aber gut war’s.
Denn wohldurchdacht war sie, diese Sitzordnung, da die Egozentriker und Plärrer ebenso wie die Kinder unter 3 Jahren einigermaßen weit von mir entfernt saßen, den Gatten hatte ich schräg gegenüber, so dass man sich bei Bedarf (akute Anstrengung, sporadische Fluchtüberlegungen, temporärer Ekel ob der schier unglaublichen Fleischmengen auf den Tellern) unkompliziert per Blick über die Gefühlslage verständigen konnte, rechts neben mir den Jubilar höchstselbst (sehr schön, mal wieder so lang und nah nebeneinander zu sitzen) und zu meiner Linken den langjährigen, beruflichen Weggefährten des Papas (einen pensionierten Oberstudienrat aus Passau mit einem poltähnlichen Humor und seiner so warmherzigen Klugheit), der mich fast ebenso lang kennt wie der Papa.

Die beiden waren über 40 Jahre in beruflichem Kontext sowas wie ein eingespieltes Ehepaar, der Niederbayer in seiner Funktion als ehrenamtlicher Vorstand, der Papa in seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Geschäftsführer, alles Wichtige gemeinsam erlebt, entschieden und umgesetzt, zig Dienstreisen rund um den Globus, von all den Weihnachtsfeiern, Grundsteinlegungen und Jubiläen gar nicht erst zu reden.
Über alle Maßen gerührt war ich, sie nun einmal als befreundete ältere Herren zu erleben. Sie umarmen sich jetzt zur Begrüßung und duzen sich sogar seit dem gemeinsam vollzogenen Eintritt ins Rentenalter – und im Laufe des Abends trug Herr W. auch mir in seiner unverwechselbaren, niederbayrischen Direktheit an, ich möge ihn doch fortan beim Vornamen nennen: „Mia zwoa dean jetzd a amoi Du sogn: I bin da Otto!“.
Nach über 40 Jahren ist das schon ein Schritt und ich gebe zu, dass es für mich völlig ok gewesen wäre, wenn die Duzerei weiterhin einseitig geblieben wäre und ich weiterhin „Herr W.“ hätte sagen können. Aber mei, nun eben „Otto“, der Papa strahlte als er’s mitbekam und daher soll’s mir recht sein.

Ich sitz‘ da also so den lieben langen Geburtstagsfeierabend über zwischen den zwei alten Männern, fühle mich zeitweise, wenn ich sie beide mal nicht ansehe und sie nur so über meinen Kopf hinweg reden höre, zurückversetzt in uralte Zeiten, an die ich auf diese Weise ewig nicht mehr dachte. Stimmen ändern sich ja meist nur wenig oder gar nicht im Laufe eines Lebens: Herr W. Otto hört sich an wie eh und je und die Stimme des Papas wird nur ab und an vom Parkinson etwas gebremst und in Einzellauten zerquetscht. Wie oft ich das Duett dieser Stimmen in meinem Leben hörte, schon als Kind!

Am späteren Abend, die gehaltvolle Bayrisch Creme lässt allmählich auch jenen Teil der Gäste spürbar in die Sitzgelegenheiten sinken, der dort noch nicht dank des Veltliners oder Zweigelts hineingesunken ist, tippt mich der Papa am Unterarm an, drückt mir unterm Tisch und beinahe verstohlen seinen Autoschlüssel in die Hand und raunt mir zu: „Hinterm Fahrersitz, da liegt was für dich, geh mal raus und nimm es an dich.“.
In meinem viel zu dünnen Kleidchen (ich besitze keine Auswahl an „Festgarderobe“, muss daher Jahreszeiten ignorieren) trete ich hinaus in die klare, eiskalte Herbstnacht und öffne den Wagen. Auf der Fußmatte hinter dem Fahrersitz liegt ein großes, schweres Fotoalbum. Noch im schwachen Licht der Parkplatzbeleuchtung klappe ich es auf und sehe an der Widmung: Es ist das Album, das man ihm nach 44 Jahren gebastelt und mit in den Ruhestand gegeben hatte.
Ein ganzes (Berufs-)Leben, zwischen in dunkelrotes Leinen eingebundene Albumdeckel geklebt.

1974 in München-Bogenhausen: Gefeiert hat er früher sehr gern, der Herr Vater.

Wieder in der warmen Gaststube angekommen frage ich den Papa, wieso er mir das vermachen möchte, es sei doch sein Erinnerungsalbum an sein Berufsleben.
„Du bist in dem Album auch mit drin“, antwortet er, „Du warst da ja immer viel mit dabei“ und außerdem sei er seit einiger Zeit dran, sich von vielem zu trennen, was er eh nicht mit ins Grab nehmen könne und Ausmisten müsse man schließlich, so lange man noch alle Tassen im Schrank und zwei einigermaßen gesunde Arme habe. Und außer mir würde dieses Album ja sowieso in ein paar Jahren niemanden mehr interessieren – deshalb gäbe er es mir eben jetzt.
Momente, in denen ich nicht nur zweimal schlucken muss bevor ich wieder einen Ton rausbringe, sondern auch gefährdet bin, mir meine Unterlippe mal wieder blutig zu beißen – es ist jenes Phänomen „Eine altbekannte Wunde durch eine andere toppen“, damit’s in dem Augenblick lieber anderswo weh tut als dort, wo es eigentlich schmerzt, vielleicht kennen Sie das ja auch (ich kannte mal jemanden, der sich die Daumenkuppe blutig biss und einen anderen, der sich eine Narbe im Nacken aufpulte, in diesen Sekunden oder Minuten akut drohenden inneren Zerberstens).

Ich beginne, es durchzublättern, Herr W. Otto und der Papa gucken mir links und rechts über die Schultern und rufen ein paarmal abwechselnd „Oh!“ und „Meine Güte, weißt du noch…?“ und „Ach, das war ja damals in … mit … und …!“ (Herr W. Otto alle paar Seiten in Original-Polt-Manier noch ein „Ja mei, schau, der Ding, der is a scho lang nimmer da!“).
Der Papa sagt zu mir „Guck, das bist du, bei der Faschingsfeier im Büro!“ und ich sehe mich gar nicht vor lauter Starren auf seine Maskerade damals, er ging als Gespenst und ich erinnere mich an die Mutter, wie sie ihn so toll zurechtschminkte, er auf einem Hocker im Bad sitzend, sie auf dem Wannenrand vor ihm, und sehe das weiße Gewand, das sie genäht hatte für diesen einen Abend, der noch in einer Zeit lag, in der alles noch in Ordnung war oder zumindest noch nicht sichtbar in Unordnung, so unendlich lang ist das alles her!, ein paar Seiten später bin ich schon als semesterferienjobbende Studentin zu sehen, das rupft er sich raus, das Bild, ganz spontan will er das doch noch behalten.

Eine Zeitreise durch 40 Jahre, in etwa auf ebenso vielen Seiten, wir reisen nicht bis zum Ende, sondern steigen mittendrin aus, ich klappe nämlich das Album zu bevor wir zu dem Foto aus Mittenwald gelangen könnten, das die Einladungskarte zu seinem Ausstand zierte und von dem ich sicher bin, dass es nicht fehlen wird in dieser Sammlung: der korpulente Mann mit weißen Löckchen auf den dortigen Buckelwiesen stehend, mit dem noch korpulenteren Karwendelgebirge im Hintergrund (und natürlich dem Herrn W. Otto an seiner Seite).
Keine Ahnung, warum ich das Bild an dem Abend auf keinen Fall sehen möchte, aber irgendwie meine ich zu spüren, dass es den beiden Herren neben mir ähnlich ginge.

Szenen einer Ehe: links Otto, rechts Papa (im Hintergrund das Karwendel), 2008.

Am Morgen nach der Feier fröstele ich.
Zunächst schiebe ich es auf das Morgengassi, das einem erstmals nach einem gefühlt ewigen Sommer und ausgehnten Spätsommer nun bei gruseligen null Grad sehr unangenehm in die Knochen kriecht.
Als wir Richtung München fahren und das Frösteln trotz Sitzheizung nicht nachlässt, verdächtige ich die zu kurze Nacht und das zu fettige Essen. Zuhause wird es dann noch schlimmer.

Mittlerweile läuft in allen Zimmer die Heizung und ich friere dennoch.
Es sind nicht nur die kalten Finger und Füße, nein, es ist ein inneres Zittern und Bibbern. Es ist dieses Album, das ich mir zwischenzeitlich viermal alleine und in aller Ruhe angesehen habe, das Betrachten dieses ganzen langen Lebens meines Vaters, und das Gefühl, tatsächlich so gut wie alle seine Stationen miterlebt zu haben und dieses Wissen, dass nicht mehr allzu viele Stationen folgen werden (der Papa pflegt seit Jahren bei Neuanschaffungen zu witzeln: das ist jetzt die letzte Matratze vor dem Heim / das ist der finale Langstreckenflug vor der Pflegestation).

Fröstelnd sitz‘ ich auf der Couch und blättere.
So wärmend und wunderbar viele dieser Erinnerungen auch sind, so klamm und kalt kleben sie da zwischen all diesen Seiten eines gelebten Lebens, von dem ich ein Teil war und bin und immer sein werde, und an dem ich Anteil hatte und nehme und das weiterhin tun werde, bis es eines Tages eben vorüber sein wird.

Manche Farben auf den Bildern leuchten noch, andere wirken vergilbt und unwirklich. Alles ist vergangen und zugleich ist alles noch da.
Mein Gedächtnis ein Elefant, den ich gelegentlich zu gern mit einem gezielten Speerhieb erlegen würde (und doch auch wieder nicht).

Als ich das Album ins Regal stellen will, rutscht aus dem hinteren Einband plötzlich ein lose hineingestecktes Foto heraus und fällt zu Boden. Er muss es dort für mich platziert haben, denn zufällig ist es da nicht gelandet und es kann auch nicht dem Fundus seiner Mitarbeiter entstammen, die ihm das Album gebastelt haben.
Ich hebe es auf und betrachte es lange. Es zeigt den Papa mit einer sehr selten an ihm gesehenen, so versonnenen und verzückten Miene (über das Leopardenleiberl wollen mir mal hinwegsehen, das ist unwesentlich!), und er hält etwas ungelenk eine Frau im Arm.
Nein, es ist nicht die Mutter, die da im Kölner Karneval mit gesenkten Lidern und so hübsch beschleift neben ihm sitzt, sondern es ist die Studienfreundin. Meine Patentante.

So war das also, irgendwann in den späten 1960er Jahren im Rheinland.

Für einen Augenblick weicht das Frösteln einer herzenswärmenden Aufwallung:
Glücklich war er also doch manchmal, auch außerhalb des Berufs, wie schön.

[Jetzt hat es sich dann auch erstmal ausgepapat, ich verspreche es Ihnen, ehrlich: Sie müssen jetzt nicht fortwährend diese Rührstücke ertragen, obwohl der erste Herbststurm, der hier gerade durch die Ludwigsvorstadt fegt und sich so aufführt, als wolle er die Lindenallee vor meinem Fenster heute noch komplett entlauben, durchaus imstande wäre, noch ein paar weitere Rührstücke an die Oberfläche zu befördern, aber zumindest an der Papa-Front und für heute lassen wir’s mal gut sein und lenken uns nun mit deutlich emotionsloseren Arbeiten rund um die Renovierung der Türen und Türrahmen hier im neuen Heime ab und versuchen, den heute begonnenen türlosen Tagen irgendwie ein Gefühl von Behaustheit abzuringen, morgen eine Mittagseinladung zum Italiener, übermorgen vielleicht und hoffentlich ein Besuch und am Freitag kommen die Türen ja auch schon wieder nachhause.]

Einen wohligwarmen Abend wünscht Ihnen –
Die Kraulquappe.

Song des Tages (23).

Starry, starry night, portraits hung in empty halls
Frameless heads on nameless walls with eyes that watch the world and can’t forget
Like the stranger that you’ve met, the ragged man in ragged clothes
The silver thorn of bloody rose, lie crushed and broken on the virgin snow

Lang nicht mehr gehört, diesen Song, der im Sommer meiner Geburt durch die Top Ten’s wanderte.
Den H. und ich zusammen in unseren Teenie-Jahren zelebrierten, auf Hs cremeweißen IKEA-Sofa sitzend, die geblümten Vorhänge ihres Jugendzimmers wehten sanft im Sommerwind (der durch die gekippten Fenster die ersten zarten Verheißungen kommender Verliebtheiten hineintrug in unseren musikerfüllten Raum).
An Melancholie und Wehmut nur noch zu toppen durch „Seasons in the sun“.

Danke übrigens für die zahlreichen Nachfragen auf allen Kanälen.
Mir geht’s gut. Ehrlich.
Der innere Katalysator läuft halt manchmal auf Hochtouren, aber das putzt das System ja meist wohltuend durch.

Genießen Sie den Sommerabend, schon morgen steht wieder ein Temperatursturz bevor!