Himmel der Bayern (71) und Song des Tages (44): Obi, obi!

Freitag, 17. Jänner. Morgens, irgendwo über dem Murmeltierbau des Carl-von-Stahl-Hauses.

Gegen 2 Uhr nachts, dank des Fleecepullovers, den ich mir zusätzlich zur Mütze um den Kopf gewickelt habe, fühlt sich das Ein- und Ausatmen nicht mehr ganz so eisig an und ich bin gerade mühsam ein bisschen eingenickt, knurrt es unter meiner Bettdecke und den drei darüberliegenden Wolldecken hervor. Pippa hat die Hüttenhündin gehört, die um die Zeit im Alleingang ums Torrener Joch zu stromern pflegt und den Mond anheult.

An meiner Seite robbt sie sich hoch bis auf Kopfkissenhöhe, ich beruhige sie ein bisschen und schiebe sie sanft wieder zurück unter die Decke, wohl wissend, dass es ihr sonst bald zu frisch werden würde. Jede Bewegung ist anstrengend, auch Umdrehen geht unter diesen Decken kaum, das Zeug hat ein ordentliches Gewicht, also wechsle ich höchstens jede Stunde einmal die Position. Auf der rechten Seite liegend kann ich aus dem Fenster direkt in den Sternenhimmel blicken, zwischendrin stelle ich die Augen scharf und schaue ich in den Raum zwischen mir und dem Fenster und wäre nicht überrascht, wenn ich dort meinen Atem sehen könnte.

Einmal muss ich kurz raus zur Toilette, als Eiszapfen kehre ich zurück und krabble wieder in den wärmenden Dachsbau. Es ist eine dieser Nächte, in denen ich bewusst nicht auf die Uhr sehe, um mich ja nicht zu vergewissern, dass ich so gut wie gar nicht geschlafen habe.

Um 7 Uhr stehe ich auf, steige vom Bett aus direkt in die Bergstiefel (alles andere habe ich sowieso schon an), schlüpfe in die Jacke, schnappe mir meine Kamera und gehe nach draußen. Dort ist es eher wärmer als im Zimmer, zumindest dann, wenn man von der Terrasse aus nach Österreich guckt, wo die Sonne hinter dem Schneibstein hervorlinst.

Die Sächsin kreuzt kurz nach mir auf der Terrasse auf und wirkt trotz der frühen Stunde schon äußerst munter und frisch frisiert. Wir holen uns gemeinsam einen ersten Kaffee und sie erzählt mir von der kalten Dusche, die sie hinter sich hat (trotz Münzeinwurf für 5 warme Minuten, welch Glück, dass mir das gestern Nachmittag nicht widerfuhr) und fährt strahlend fort, dass sie im Keller eine Steckdose gefunden hätte, für ihren Lockenstab (leckomio, denke ich, was mancher so alles mitnimmt auf den Berg).

Eigentlich hatte sie für zwei Nächte gebucht, wird aber heute schon zur Jenner Bergstation laufen und mit der Bahn hinunterfahren, weil sie ihre Blutdruckpillen im Auto vergessen hat. Und „dos gehd goor nich“. Zufrieden nehme ich das mit der Bergbahn zur Kenntnis, weil damit klar ist, dass unser Weg ins Tal nicht derselbe sein wird, denn dieser Beschallung hätte ich sonst durch einen unangenehmen Sprint oder eine Notlüge ausweichen müssen.

Der Österreicher kommt in den Gastraum, setzt sich zu uns und fragt als Erstes nach dem Dackelfräulein. „Liegt noch im Bett“, antworte ich, „steht ungern vor halb acht auf“. Man tauscht sich noch ein Weilchen über die jeweiligen Erfrierungen aus und wie jeder sich so beholfen hat. Mittlerweile ist es 7:45 Uhr und als die beiden Jungs aus BGL in die Stube hereinpoltern, erhebe ich mich und gehe in meinen „Murmeltierbau“ zurück.

Die Beule unter dem Deckenberg (= Hund) noch exakt an derselben Stelle wie vor 45 Minuten, als ich aufgestanden bin. So kenn‘ ich meine Kleine!
Ich wecke sie, hebe sie aus der Koje und führe sie nach draußen. Das Thermometer auf der Terrasse zeigt minus 10 Grad an. So schnell hab ich sie noch nie ihre Geschäfte erledigen sehen, alles geht zackzack, und danach sofort ab zur Hüttentür, rein in den Flur, rechts abgebogen in die Stube, schnurstracks zum Tisch und dem frühstückenden Österreicher in die Kniekehle gesprungen. Die Sächsin ruft „Halloh Bibboh“, die Jungs sagen „Griaß di, du Hex“ und der Österreicher fragt, ob er ihr „a Stückl Gselchts“ geben darf.
Sagte ich schon mal, dass ich’s nicht so habe mit Gruppen, erst recht nicht am frühen Morgen?

Ich lasse den anderen Vorsprung und mir Zeit, füttere das Fräulein, wasche mich, packe mein Glump zusammen, trinke noch eine Kanne Tee, hänge meine Wandersocken an den Kachelofen, stelle die Bergstiefel davor und platziere das Dackelfräulein nebenan. Möglichst durchwärmt aufbrechen lautet die Devise!

Großes Verabschieden allerseits, die Sächsin klinkt sich in ihre Schneeschuhe ein und stakst ungelenk Richtung Osten, der Österreicher verabschiedet sich hinab nach Salzburg, die beiden Jungs preschen los auf den Schneibstein und ich schnüre um 9:30 Uhr meine Stiefel und trete hinaus in die Kälte.

Noch bevor wir das Schneibsteinhaus erreichen, das keine Viertelstunde Marsch entfernt unter uns liegt, bleibt Pippa auf dem völlig vereisten Weg sitzen und hebt abwechselnd mal die linke, mal die rechte Vorderpfote. Dazu ein Gesichtsausdruck, der einem durch Mark und Bein geht.
Als ich zu ihr gehe, rast sie los, bergauf, zurück zum Stahlhaus. Ein kleiner Kampf, bis ich ihr klarmachen kann, dass wir aber hinunter müssen. Sie versucht es noch ein Stück, aber der Weg liegt völlig im Schatten und der Boden ist zu kalt, der ganze kleine Hund schlottert erbärmlich.

Ich verwerfe die Option, den Rucksack abzusetzen, um den Hundemantel herauszukramen, weil der für die Isolation der Pfoten ja gar nichts bringt, stattdessen schnalle ich die Stöcke außen an den Rucksack, ziehe den Beckengurt straffer, damit er die unteren 15cm der Jacke fixiert, öffne meinen Anorak, stecke Pippa hinein, ziehe den Reißverschluss bis zu ihrem Hals wieder hoch, schlinge beide Arme zur Stabilisierung um dieses Gebilde – und weiter geht’s.
Es geht aber weder gut, noch zügig, denn ohne Stöcke bin ich allein auf die Grödeln angewiesen und muss eine andere Gangart wählen, damit ich sicheren Tritts und ohne Stürze nach gut einer Stunde die Königsbachalmen erreiche.

Klitschnass geschwitzt sind wir nun endlich auf der Sonnenseite des Lebens Bergs angekommen, und vor allem endlich in etwas weniger steilem und vereistem Gelände. Ich öffne den dampfenden Anorak und setze das Fräulein wieder auf dem Boden ab. Putzmunter saust und springt sie vor mir her und ich humple und hechle völlig erschöpft hinter ihr her.
Ein Skitourengeher kommt uns entgegen und kommentiert schmunzelnd unser ungleiches Tempo, ich bin zu erschöpft für eine schlagfertige Replik.

Aber nach und nach trocknet die Sonne meinen Schweiß, der Hund hat sichtlich Spaß im Schnee, alles ist so sonnenglitzernd und prächtig und der Watzmann schaut dermaßen toll aus, dass es dann irgendwann wieder geht und wir doch noch ein gemeinsames Tempo finden, bevor wir unten am Parkplatz ankommen.

Auf der Heimfahrt nehme ich diesmal den Weg über Inzell und rufe, als ich den Ort passiere, aus dem Auto den Papa an, weil wir in meiner Kindheit öfter zusammen dort waren.

Der Papa hatte nur wenige Freunde außerhalb seines Berufslebens, einer davon leitete in Inzell eine „Stotterschule“, wie das damals allen Ernstes und ohne jede Verfremdwortung noch hieß. Der Freund war ein lustiger, rothaariger Mann, der selbst einen kleinen Sprachfehler hatte, er hieß Pit und ich mochte ihn sehr. Die Mutter mochte ihn überhaupt nicht, weil sie aus Prinzip die Freunde des Papas nicht mochte, vor allem die fröhlichen nicht. Also besuchte der Papa ihn immer ohne die Mutter, nahm nur mich mit und verband diese Fahrten meist noch mit einem beruflichen Termin in Berchtesgaden, wo er seinerzeit ein Bauprojekt betreute.

„Ich fahre gerade durch Inzell!“, plärre ich in die schlechte Bluetooth-Freisprech-Verbindung. Der Papa freut sich und will wissen, ob ich mich an das Eisstadion erinnere, in dem wir zusammen gewesen sind und wo ich so geweint hätte, weil ich mehrfach gestürzt sei. „Eis mochte ich noch nie und für heute habe ich auch schon wieder genug vom Eis“, antworte ich und erzähle ihm von meinem Ausflug in die Berchtesgadener Alpen.
Ob ich an der Gebirgsjägerstraße vorbeigekommen sei, möchte er nun wissen, und wie die Jugendherberge denn mittlerweile so aussähe, und ist etwas enttäuscht, als ich berichte, dass ich zwar an Strub vorbeigefahren sei, aber von der Straße aus nur die Kaserne gesehen hätte, in der in grauer Vorzeit der Gatte mal stationiert war.

Wir machen aus, dass wir beizeiten nochmal gemeinsam in diese Gegend fahren wollen, und überlegen, wohin genau, und ob er dort vielleicht noch aussteigen und ein paar Schritte gehen könnte, ohne allzu viele Strapazen.
Dann möchte er noch die Einzelheiten zu der Tour hören, vor allem die Namen der Berge rund ums Stahlhaus herum, und kurz bevor wir auflegen, sagt er glatt „Ich bin stolz auf dich“, aber da bin ich leider bereits auf der Autobahn und der Verkehr ist so dicht, dass ich nicht mehr losheulen kann, wie man das sogar als erwachsene Tochter noch sofort tun möchte, wenn der Papa mal so einen seltenen Satz raushaut, obwohl man mit dem Begriff Stolz ja an sich nie warm geworden ist.

Übers Wochenende begeben wir uns nun in kreative Klausur, wünschen Ihnen schöne Winterträume und sagen Servus & bis bald!

Tochter sein.

Ein wattierter Tag neigt sich seinem Ende zu.

Es gibt nicht viele dieser wattierten Tage, aber heute war einer von ihnen.

Abendstimmung in Farchant (mit Blick zur Zugspitze).

Morgens eine Impuls-Ampulle vom Arzt des Vertrauens bekommen. In ihrer Wirkung eine Art mentale Lebensversicherung (oder besser: -zusicherung). Das Besprochene will ich mir jedenfalls merken und es verinnerlichen oder veräußerlichen, je nachdem.

Anschließend mit dem Rad weiter, einmal quer durch die Stadt, zum Lieblingsbad. Odeonsplatz-Briennerstraße-Königsplatz-Nympenburgerstraße, ein bisserl wie eine Stadtrundfahrt, alles strahlt in der Sommersonne so hell, klar und freundlich. München ist schon schön. Das sage ich auch dem Ex-OB, der zufällig neben mir an einer Ampel steht.

Im Freibad die bevorzugte Bahn fast für mich gehabt, keinerlei Gedränge und Beckenquallen. Weiches Wasser umgibt mich, hält mich, trägt mich, verleiht mir Auftrieb. Frisch geduscht und mit dem ultimativen Sommergefühl (= mit nassen Haaren Radfahren) zum Lunch zu D.

Lunch ist an sich gar nicht mein Wort, erst recht nicht für so ein Brotzeit- &Gesprächsstündchen mit einer Freundin, aber heut schreib ich es hin: Lunch. Weil ich D. mittendrin eine Frage stelle, die eine Vokabel mit demselben Seltenheitswert wie Lunch enthält, nämlich Nagellack. Ich frage sie spontan: Sag mal, hast du einen Nagellack da?

Sie hat. Und nicht nur einen. Ich wähle den blauen Lack. Und dann tue ich es und lackiere mir zum ersten Mal in meinem Leben die Zehennägel (mit den besten Grüßen an Dr. T.). Blau, ha! War mir plötzlich danach.

Nach dem Lunch mit den neuen blauen Nägeln das Rad zum Radladen des Vertrauens gebracht, weil mir das Geschäft im neuen Viertel nicht zusagt (komische Zeiten, unzuverlässig, chaotisch, und da es heut um was Größeres ging, kam der Laden echt nicht in Frage). Ohnehin bin ich vom Typ her Stammkunde: wenn ich mich einmal ge-/erkannt, gut bedient und wohl fühle, bleibe ich ewig treu (Stammkunde sein ist wie gute Gewohnheiten oder liebgewonnene Rituale pflegen: es entlastet so herrlich von dem ständigen Orientierungs- und Entscheidungszirkus, erspart einem meist auch Skepsis und Ärger).

R., der nette Radladenchef berät mich super in Sachen Zweitkorb. Der ist für das Dackelfräulein gedacht und da muss was Stabiles her (ich will sie vor dem Lenker haben und nicht hinterm Sattel und schon gar nicht in einem Anhänger), und als der R. sogar noch eine Idee vorträgt für eine gepolsterte Auflage fürs Dackelkinn (obwohl Hunde ja gar kein Kinn haben), ist mir zutiefst klar, dass ich hier auch die nächsten Jahre mein Rad herbringen werde.

Nach dem Abendessen meine Sachen gepackt, dem Gatten und Pippa Adieu gesagt und eine Stunde später im Zugspitzland wieder ausgestiegen.

Garmisch, Burgrain. Jugendherberge. Die erste mit einem Alpinstudienplatz. Vor 10 Jahren hat der Papa hier seinen Abschied von 40 Berufsjahren gefeiert, dieses Haus war sein letztes großes Projekt.

Zehn Jahre später spaziere ich nun noch einmal in dieses schicke Haus hinein – und siehe da! – da ist es ja glatt noch einmal, dieses vertraute, alte Gefühl: Tochter sein.

An der Rezeption meinen Namen sagen, die Reservierung liegt im Extrafach bereit, auf der Rechnung steht ein Sonderpreis, das Bett ist bereits bezogen, das abendliche Getränk geht aufs Haus und „bitte grüßen Sie Ihren Vater herzlich von uns„. So war das früher immer, wenn ich irgendwo in Bayern unterwegs war.

Ich stehe in meinem Zimmer und gucke aus dem Fenster. Die Alpspitze leuchtet im Abendrot, das Wettersteingebirge räkelt sich in den letzten Sonnenstrahlen. Wirklich eine privilegierte Lage für eine Jugendherberge.

Und mir ist bewusst, dass ich nun wohl zum letzten Mal diese Art von Tochter sein genieße, inklusive einer Nacht im Stockbett, in einem Viererzimmer für mich allein (mit 47 schläft man jetzt freiwillig unten, früher wär das niemals in Frage gekommen).

Kurz bevor ich sentimental werden könnte, klingelt das Handy. Der Papa ist dran und will wissen, ob ich gut angekommen sei und ob im Haus alles geklappt habe. Natürlich, Papa, sage ich, – ich bin ja schon groß!

Ein wattierter Tag neigt sich seinem Ende zu.

Danke dafür.