But it’s so hard to dance that way when it’s cold and there’s no music.

[aus: „Hold on“ von Tom Waits – einem jener 10 Songs, die ich mitnähme, wenn ich auf eine einsame Insel verbannt würde und nur 10 Songs dorthin mitnehmen dürfte – er quillt schier über vor Zeilen, an denen ich extrem hänge, nicht nur in lyrischer Hinsicht, und zu seinem Refrain schlüge ich die Kokosnusshälften rhythmisch aneinander, wenn ich hüftwippend, so es die Gelenke noch hergäben, am Sandstrand dem Sonnenuntergang entgegenschwankte.]

Ganz richtig: kalt ist es wieder geworden. Auf den Schwingen eisiger Winde reitet der Winter nun hoffentlich ein letztes Mal durch die Lande.
Wir folgen seinen Spuren, was soll man auch sonst tun, außer die meteorologischen Launen so zu nehmen, wie sie nunmal daherkommen, ein klein wenig irritiert sind wir halt, dass wir binnen einer Woche gleichermaßen intensive Begegnungen mit Sister Spring und Väterchen Vrost zu verzeichnen haben.
Auf der neu entdeckten Privat-Alm in den Garmischer Bergen, auf der der hübsch Bewimperte und ich eben noch leichtbekleidet in die Sonne blinzelnd unsere Kuchenstückchen verzehrten, frieren der Gatte und ich uns bloß wenige Tage später ziemlich den Hintern ab, was aber auch damit zu tun haben mag, dass wir, verschwitzt wie wir nach zwei Stunden Bergtour sind, unsere Ersatzpullover nicht selbst anziehen, sondern das Dackelfräulein damit umwickeln, damit wir wenistens eine kurze Rast einlegen können ohne dass die Hundedame zu zittern anfängt.

Und, um nochmal auf das Waits-Zitat zurückzukommen: die live genossene Musik, sie fehlt mir, und wie, schließlich futtert man ja auch sonst nicht gern dauerhaft Konservenkost.
Wobei ich mich momentan gelegentlich mit Waits zudröhne oder am Willy DeVille berausche (während ich diesen Absatz tippe, höre ich beispielsweise zum wiederholten Mal „The Way We Make A Broken Heart“ – welch göttliche Diktion, und überhaupt: was für ein cooler, begabter Typ mit so einem Mordsorgan, leider braucht man auf seine Live-Auftritte ja nicht mehr zu hoffen).

Kunst im Café Kustermann.

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Vor einem Jahr, wir befanden uns gerade mitten in den Nachwehen der wasserschadenindizierten Badsanierung und kurz vor dem Antrittsbesuch der Vorhut einer zähen Psocopterapopulation, wurde der erste Lockdown verkündet.
Krass, ein Jahr Pandemie, und ein Ende noch immer nicht absehbar. Hat niemand hören wollen, als Wissenschaftler das damals genauso voraussagten („Eine Pandemie dauert üblicherweise zwei Jahre.“ )
Als Rückschau sei Ihnen diese vortreffliche Zusammenfassung auf einem benachbarten Blog wärmstens empfohlen, ich hoffe, der Verfasser führt seine gelungene Chronik auch in 2021 fort, ich schätze seinen Schreibstil ebenso sehr wie viele seiner Sichtweisen.

Mittlerweile haben wir nicht nur eine neue Sprache sowie die Kunst der Selfmade-Überbrückungsfrisur erlernt, sondern uns auch die Füße wundspaziert (oder -gejoggt), die Finger wundgekocht (oder -gebacken) und haben einander ungefähr in jenem Maß viel zu selten gesehen, in dem wir einander demnächst oder bereits jetzt viel zu verzeihen haben (wer auch immer die Beteiligten des „einanders“ sein mögen). Kleine oder größere Zerwürfnisse schleichen sich im Schlepptau der Seuche ja auch im Privaten ein – ich möchte wetten, jede/r von Ihnen ist irgendwo in ihrem/seinem näheren Umfeld schon mit einem Virusverharmloser oder Querquengler konfrontiert gewesen.

Seit Monaten treffe ich beispielsweise B. nicht mehr, und das nicht nur, weil man derzeit die Kontakte reduzieren soll, sondern weil B. sehr eng mit Menschen zusammenlebt, die sich nach wie vor fröhlich mit Gleichgesinnten zum Singen oder zu Kaffeekränzchen versammeln, ungern Maske tragen, aber gern unmaskiert und distanzlos zu Protestmärschen gehen.
Er sieht das zwar durchaus kritisch, im Falle des Falles würde mir sein Stirnrunzeln aber nicht viel helfen, außerdem gehört er, wie ich erst jetzt erfuhr, weil wir uns in den zwanzig Jahren unserer Freundschaft schändlicherweise nie übers Impfen unterhalten hatten (wozu auch?), zu denen, die allen Impfungen gegenüber gewisse Vorbehalte (um nicht zu sagen: eine kritische Distanz) hegen, wenn auch nicht wegen Mr. Gates und seinen Mikrochipmachenschaften. Wir gerieten daher im Januar ein klein wenig aneinander, was die jeweilige Bereitschaft zur Injektion eines Vakzins (und den möglichen Konsequenzen daraus) anging, Stichwort: Impfzwang kommt zur Hintertür herein.
Bestenfalls könnten wir nun versuchen, unsere Unstimmigkeiten draußen ausdiskutieren (denn B. mag längeres Telefonieren noch weniger als ich), aber mal ehrlich: Spazierengehen mit anderthalb Metern Abstand haut in den allermeisten Fällen doch eh nicht hin, wenn man sich lange und gut kennt, die wenig frequentierten Wege schmal sind, einem ein kalter Wind um die Ohren pfeift und man normal reden und einander nicht anbrüllen möchte.
In einer Email habe ich ihm meine Haltung erläutert, einiges zu der seinen nachgefragt und meinem Unmut über sein umgangserschwerendes Umfeld Luft gemacht, jetzt schlummert seit 14 Tagen seine ungelesene Antwort in meinem Postfach. Als ich die vierzeilige Textvorschau im Handy erblickte, ärgerte ich mich nämlich so sehr, dass mir die Lust aufs Weiterlesen augenblicklich verging. Ich verschob es auf den nächsten Tag, dann auf den übernächsten und so weiter.
Dabei fiel mir der Freund ein, der kein Freund war: der las manchmal seine Emails monatelang nicht, manche wahrscheinlich sogar nie (und zwar auch solche, die gar keine Antwort auf etwas waren, sondern einfach so eintrudelten). Ich hielt das damals für reichlich bekloppt und paranoid, aber siehe da – nun bin ich auch mal an diesem Punkt angekommen.
Mein Pensum an Coronacolloquien dieser Couleur ist längst erreicht und ich habe gelernt: ab einem gewissen Grad der Meinungsverschiedenheiten oder des Aneinandervorbeiredens kann man sich die Worte sparen und zieht sich besser darauf zurück, dass ja eh noch Kontaktbeschränkung herrscht.
Warten wir also (m)eine Impfung ab oder gleich das Ende der Pandemie, wobei die beiden Ereignisse (wahrscheinlich und hoffentlich) zeitlich einigermaßen zusammenfallen dürften.

Die KoCo19-Studie der Uni München geht gerade in die dritte Runde, auch hier ist kein Ende absehbar. Was insofern gut ist, als ich eh noch etwas üben muss, um mir den Piekser nicht jedes Mal zu tief in die Fingerbeere zu rammen. Ich praktiziere das exakt auf die Weise, in der ich mir als Kind die Pflaster von den Knien abgerissen habe: ratzfatz & mit einem schnellen und festen Ruck, damit es nicht unnötig schmerzt. Bei Blutentnahmen aus der Fingerbeere scheint das aber keine ideale Technik zu sein: diesmal habe ich stundenlang nachgeblutet und die Fingerkuppe tat Tage später, als ich den umfangreichen Fragebogen zur aktuellen Studienrunde ausfüllte, immer noch weh.

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Der Papa ist zwischenzeitlich vollends zum Pandemiepessimisten mutiert, der auf jede düstere Prognose von Wieler, Drosten & Co. stets noch eine Schippe drauflegt, natürlich nicht in virologischer oder epidemiologischer Hinsicht, sondern in wirtschaftspolitischer, womit er sich nach wie vor auszukennen glaubt, und ich fürchte (mich an seine Aussagen vom Frühjahr 2020 erinnernd), mit so manchem wird er wohl auch weiterhin richtig liegen.
Morgen werde ich ihn, sofern der Schnelltest nichts Gegenteiliges anordnet, am tief verschneiten Tegernsee besuchen und ihm endlich die Fondant-Eier mitbringen, die er so liebt und die ich neulich in einer Confiserie in Tölz für ihn mitgenommen habe.
Diesmal habe ich mir fest vorgenommen, die Themen Parkinson, Treppenlift & Co. nicht von mir aus anzusprechen, nachdem wir uns unlängst am Telefon in die Haare bekommen haben als er mir die Schnapsidee unterbreitete, sich nun doch nicht bei einer Seniorenresidenz auf die Warteliste setzen zu lassen, weil er (und die Lebensgefährtin) ja dann, wenn es im Haus gar nicht mehr ginge, erstmal in ein Hotel oder in eine Ferienwohnung umziehen könnten, um dort (unter Zuhilfenahme einer Zugehfrau und anderer externer Dienstleister) die Wartezeit auf einen Platz im Altenheim zu überbrücken. Gerade rund um den Lago di Bonzo ist das wirklich ein ausgesprochen cleverer Einfall, der eigentlich sehr gegen eine ökonomische Expertise des Papas spricht.

Der Begriff Pandemiepessimist ist übrigens auf meinem Mist gewachsen, schließlich möchte auch ich mal einen Beitrag zum Seuchensprachschatz leisten, nachdem solche Kracher wie Impfneid oder Masken-Raffke bedauerlicherweise anderen schon eher eingefallen sind als mir.
In dem Kontext ist auch die „atmende Öffnungsmatrix“ (Markus Söder, am 4. März 2021) ganz unbedingt erwähnenswert, nicht zuletzt deshalb, weil ich just an jenem Tag, an dem ich erstmals von diesem Neologismus las, meine persönliche „nicht-atmende Isolationsmatrix“ geordert hatte.

Die Wassertaufe der Ausrüstung für das zwangsweise neue Hobby muss noch etwas warten, zum einen, weil (wie eingangs erwähnt) der Winter wieder zurückgekehrt ist, zum anderen, weil ich die 30-tägige Rückgabefrist voll ausnutzen möchte, um mir darüber klar zu werden, ob die Gummihaut wirklich so sitzt wie sie soll (an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Blognachbarn & Neoprenexperten, der mich so geduldig berät), und falls ich das Teil behalte, muss ja noch weiteres Equipment bestellt werden, weil man auch Kopf, Hände und Füße im 10-12 Grad warmen kalten See irgendwie bedecken sollte, bevor man da drin einen oder zwei Kilometer ohne Zähneklappern schwimmen kann.

Ob die Frühlingsschur bis dahin halten wird? Ob ich meinen Friseur in 8 Wochen wohl erneut aufsuchen kann? Das Wiedersehen nach vier Monaten war letzte Woche – so weit ist es schon gekommen! – tatsächlich ein kleines Highlight. Auch für den Friseur, weil der sich über jeden Kunden gefreut hat, der mit einem ähnlich dämlichen Gag wie dem meinigen seinen Salon betrat (eine Kundin kam wohl mit Lamettaperücke, eine andere mit Sturmhaube verhüllt, ich kam komplett maskiert und mit umgehängten Identifikationsschild).

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Am vergangenen Wochenende fällt nicht nur einen Tag lang das warme Wasser im Mietshaus aus, sondern auch die neuen Nachbarn gestatten sich ihren ersten Ausfall. Zwei Nächte in Folge ordentlich Krach, bis nachts um 2 Uhr. Wüsste man nicht, dass es Franzosen sind, man würde sie für ein Rudel Italiener halten, so laut, durcheinander und schnell wie die quasseln können.
Ich ringe 36 Stunden mit mir, verfasse dann aber doch ein für meine Verhältnisse überfreundliches (und zugleich sehr direktes) Schreiben und lege es auf die hässliche, ebenfalls recht unfranzösische Fußmatte der Wohnung über uns.
Ja, ich weiß, man sollte reden in solchen Fällen, immer und überall wird einem dazu geraten: man muss reden.
Ganz bewusst habe ich mich diesmal dagegen entschieden zu reden, weil ich nämlich nicht Gefahr laufen möchte, womöglich redend in einer Diskussion mit mir wildfremden Menschen zu landen, die zufällig seit 7 Wochen über uns leben, mit Bodenblick durchs Treppenhaus huschen ohne sich ihrerseits mit den Nachbarn bekannt zu machen und die mir nun zwei Nächte in Folge kolossal auf den Keks gegangen sind.
Da gibt es nix zu diskutieren, sondern lediglich etwas mitzuteilen und eine Bitte zu äußern (und dank Corona hat man ja derzeit einen handfesten Grund, längeres Gerede im Treppenhaus noch mehr zu meiden als ich das eh schon immer tat).
Zur Zeit rede ich ohnehin schon viel mehr als mir lieb ist, aus Gründen, über die ich mich hier nicht näher auslassen möchte, weil das einer mir nahestehenden Person gegenüber zu indiskret wäre.
Jedenfalls bin ich in Sachen Reden momentan am Anschlag, da brauch ich nicht auch noch ein Problempalaver mit französischen Nachbarn italienischen Temperaments.

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Nicht nur mit den Nachbarn ist es gelegentlich ein Kreuz, man hat ja auch noch sein innerfamliäres Kreuz zu tragen.
Kommt der Gatte neulich vom MRT-Termin nachhause, die 240 Bilder von seinem Schädel auf einer CD mit im Gepäck, und aus Neugier stecken wir den Datenträger gleich ins Laufwerk, klicken einfach mal irgendwo hinein in diesen schwarzweißwinzigen Kästchensalat, weil vielleicht erkennt man ja irgendwas, auch wenn man außer längst verstaubten Schulwissensresten nicht mehr viel parat hat zum Thema Gehirn.
Ein Doppelklick öffnet das jeweilige Bildchen und vergrößert es sofort bildschirmfüllend. Beim zwanzigsten Klick erkennen wir plötzlich etwas, erschrecken und finden es dann doof, dass es bis zur Besprechung der Aufnahmen mit der Neurologin noch über eine Woche dauert.

Unverantwortlich von dem Radiologen, einen mit so einer Horrorsache heimzuschicken, erst recht in Zeiten wie diesen, finden Sie nicht auch?
(Um das gleich auflösen: inzwischen gab es Entwarnung. Unsere Interpretation war blanker Unsinn und im Oberstübchen des Gatten befindet sich nichts, was dort nicht auch sein sollte, zumindest aus neurologischer Sicht.)

In den überschaubaren Schlafphasen zwischen den nächtlichen Gelenkschmerzattacken träume ich derzeit viel und intensiv, leider nur selten verständliche oder vollständige Geschichten, es handelt sich eher um einzelne Episoden ohne richtiges Ende. So träume ich beispielsweise von einem weiteren Wasserschaden in unserer Wohnung, der meinen gesamten Kleiderbestand ruiniert, generell kommt häufig irgendwas mit Wasser vor, aber auch von nebligen Gassen in Bad Gastein, in denen ich etwas finde, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es überhaupt suche, träume ich. Oder von grünen Holzbooten mit Hundekörbchen im Heck sowie von der leicht zernäselten Stimme Karl Lauterbachs, die mir im Radio eine Parabel von Kafka vorliest während ich Rosenkohl putze und von einer Begegnung mit einem feschen Fremden, der aussieht wie Johnny Depp zu jenen Zeiten, als Johnny Depp noch so aussah wie Johnny Depp und nicht wie ein trauriges, verdörrtes, bleiches Nachtschattengewächs.

Tagsüber rede ich zu viel, schreibe zu wenig, und komme insgesamt nur bedingt zu dem, wozu ich kommen möchte oder sollte, die Alltagsroutinen leiden aber nicht allzusehr darunter.
Das Akkordeon ruht im Augenblick, ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich neuen Input und Unterricht bräuchte, aber mein Lehrer mit dem schönen bayrischen Namen sitzt gelockdownt irgendwo an der Grenze zur niederbayrischen Provinz und alleine schaffe ich das mit Lili Marleen nicht.
Einmal pro Woche geht’s nach Möglichkeit auf einen Berg und ebenfalls einmal geht’s auf die Yogamatte. Dazwischen die üblichen Runden im Park, zur Abwechslung gestern sogar mal in entgegengesetzter Richtung. Und kaum ändert man etwas, da rächt sich das auch sogleich, denn indem ich eine der Parkbänke mal aus anderer Perspektive sehe, kann ich zwangsläufig erkennen, wer auf ihr sitzt. Und das ist ausgerechnet R., einer der fünf Männer in meinem Leben, die meinten, mich heiraten zu wollen, was freilich – und ich sage das ohne jede Koketterie – nicht nur grob fahrlässig, sondern ein grober Irrtum war bzw. spätestens nach Umsetzung des Vorhabens sich als ein solcher erwiesen hätte (und es 1x auch hat), zumindest bei vieren von ihnen (am absurdesten seinerzeit der Antrag von U.: der kam zwei Jahre nach dem Ende unserer katastrophalen Beziehung mitten in eine schon länger andauernde Funkstille hinein, und das auch nur, weil ihm zu Ohren gekommen war, dass der Gatte auf der Matte stand).
Glücklicherweise sieht R. mich nicht (oder tut so als ob er’s nicht täte), er starrt stur in seine To-go-Lunch-Box, ich denke noch kurz, wie alt er doch geworden ist (7 Jahre nicht gesehen) und ändere umgehend meine Laufrichtung.
Abends essen wir nach wie vor gut und reichlich, sogar ein paar neue Gerichte bereichern zwischenzeitlich den Speiseplan.
Zu fortgeschrittener Stunde stürzen wir uns meist auf unsere derzeitige Serie „Better call Saul“ , Staffel 4, glaube ich, der Gatte wüsste es genauer, weil das ja sein Metier ist. Dieses Kleingangstermilieu lässt mir wie schon so oft das Herz aufgehen, ich gestehe, dass mich gewaltfreies Ganoventum wirklich anspricht und manche der gelungenen Gaunereien gehen mir danach noch tagelang durch den Kopf. In jedem Fall ist die Serie ein wunderbarer Kontrapunkt zur vorherigen, die „In Therapie“ hieß und nach der ich beinahe auf ungute Weise süchtig war und häufig schlecht oder wirr träumte.
Ab und an sehe ich mir abends auch Natur- oder Tierfilme an, der Anblick sich an den Westküstenstränden Irlands paarender Kegelrobben oder ausgedehnte Adlerflüge über die Walliser Alpen bescheren mir wenigstens ansatzweise das, was früher mal ein Saunabesuch bewirken konnte, sofern kein Frauenratschclub in den Schwitzkammern schwatzte: Ruhe, Tiefenentspannung, Regeneration.

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Der Kalender offenbart heute noch ein weiteres Jubiläum, das wesentlich feiernswerter ist als der Jahrestag des Virus‘ oder des Lockdowns Nr. 1: Am 17. März vor neun Jahren fuhren wir aus einem kleinen Dorf im Landkreis Erding bei strahlendem Sonnenschein (und ebensolchen Gesichtern) mit einem fast frisch geschlüpften, total entzückenden Minihund auf dem Schoß nachhause.

Und der Alltag wurde ein ziemlich anderer als zuvor – so viel haben sie dann immerhin doch gemeinsam, diese beiden heutigen Jahrestage.

Time of transition.

Wenn der Winter sich entschlösse, nicht nochmal zurückzukommen – ich wäre ihm nicht böse. So schön er auch war, so sehr wir das Weiße und die Weite auch genossen haben – einen dauerhaften Wechsel zu mehr Farbe und Wärme würde ich nun willkommen heißen.

Es ist still geworden hier.
Die vergangenen zwei Wochen innerlich ein Abbild des Wetters: von frostig bis frühlingshaft alles dabei. Teilweise war’s sogar schon Zeit für die sogenannte Übergangsjacke, bloß ärgerlich, dass es dieses Kleidungsstück nur für die äußere Hülle gibt.

Meine Krapfendiät neigt sich langsam ihrem Ende zu und hat keine nennenswerten Spuren hinterlassen. Ausreichend Bewegung und unzureichender Schlaf fallen offenbar mehr (bzw. weniger) ins Gewicht als wochenlanger Schmalzgebäckkonsum. Angereichert um ein paar gesundheitliche Beeinträchtigungen und die diesjährige Faschingsmaskerade – ein lumpiges Nervenkostüm -, hätten es vielleicht auch zwei Krapfen pro Tag sein dürfen. Bedauerlich, dass ich das nicht ausprobiert habe.

Der Tod des Vaters der Freundin beschäftigt nicht nur die Freundin sehr, sondern geht auch mir ziemlich nahe. Neben viel Mitfühlen und Mithelfen wohl vor allem deshalb, weil mir die mit diesem arg plötzlichen Abschied verbundenen Ereignisse und Emotionen vorkommen wie eine Vorschau zu einem in Kürze erscheinenden Film, bei dem dann ich in der ersten Reihe sitzen werde.
Dazu passt, dass ich während eines Telefonats mit dem Papa ganz beiläufig erfahre, dass er einen schweren Gichtanfall hatte und sich ein Wochenende lang nicht mehr von der Stelle rühren konnte.
Seit wann hast du Gicht?“ frage ich ihn reichlich verdutzt und er sagt mit derselben tonlosen Stimme, mit der er seit Wochen über nahezu alles spricht: „Ach, das war ja jetzt erst das zweite Mal.
Der von Mr. Parkinson eh schon sehr begrenzte Radius des Papas war vorübergehend auf Null geschrumpft: ein Gang ins Erdgeschoss des Hauses ein vormittagsfüllendes Vorhaben – da bleibt man besser gleich im Bett, was zwar naheliegend erscheint, aber letztlich nicht besser ist.
In Kombination mit der Tatsache, dass die Lebensgefährtin, die für ihr Alter bislang recht agil und aktiv war, auf einmal heftige Probleme mit Rücken und Hüfte hat, ist die Lage nicht wirklich rosig. Im Gegenteil: wenn das so weitergeht, bricht die Versorgung dort bald zusammen.

Als diese Vorstellung sich in mir zu einem opulenten, düsteren Wandgemälde verdichten will, ergreife ich sofort die Flucht nach oben. Was ich nicht wegschwimmen kann, das muss ich weglaufen, und damit’s vom Ergebnis her halbwegs dasselbe ist, muss es dabei möglichst bergauf gehen, wahrscheinlich, damit in Kopf und Körper dieser ganz besondere Rhythmus entsteht, der den vollgelaufenen Empfindungstank auf diese so wohltuende Weise klärt und leert.
Die Strecke erfordert zudem Einiges an Konzentration und Klamottenaktion: Frühlingsmilde auf der zum Berg führenden Forststraße (hochgekrempelte Fleecejacke, und sogar das noch viel zu warm), auf dem schattigen Weg durchs Hirschbachtal dann Anorak-Mütze-Handschuhe, kurz drauf die Grödeln über die Sohlen gezogen (dicke, spiegelglatte Eisschicht auf dem steilen Pfad), oben aus dem Bergwald tretend dann alles wieder ausgezogen (geschlossene Schneedecke, wolkenloser Himmel, Sonne satt), auf der pandemieleeren Hüttenterrasse sitzend schließlich noch Stiefel abgelegt, Hosenbeine abmontiert und ins T-Shirt geschlüpft (Sonnencreme vergessen, Gesicht nun passend zur Mützenfarbe).

Mehr und mehr spielt sich sowas wie ein Lockdownlebensrhythmus ein.
Zwischen Homeoffice und Haushalt immer wieder Ausflüge in die Berge, an Seeufer und ins Münchner Umland einflicken, abwechselnd alleine sowie in Begleitung des Gatten, der Freundin oder des hübsch Bewimperten, Letzterem neuerdings auch sonntags begegnend (ein handverlesenes Grüppchen kommt nun via Zoom zu einer vom Freund angeleiteten Yogastunde zusammen), regelmäßig Telefonate oder Textnachrichten mit all denen, die man nicht treffen kann – das näht die von der Seuche zerschnittenen Sphären wenigstens vorübergehend wieder (scheinbar) zusammen.
Durch das ständige Selbstkochen und Nirgends-mehr-Einkehren einiges an Geld gespart, auch die neue Friseurschere hat schon fast einen Hunderter wettgemacht. Das Fräulein und der Gatte können sich sehen lassen, zumindest so lange ich noch was sehe, denn an meinem Kopf hat sich bislang keiner ausgetobt, dort schaut’s aus wie ein Experiment namens „In drei Monaten vom Pixie-Cut zur Dixie-Hut“ , das kann jetzt nur noch ein Fachmann beheben.
Wobei ich nicht zu denen gehöre, die meinen, ein Friseurbesuch bedeute ein Stück Freiheit oder hätte was mit Würde zu tun.

Die Tasche für den heutigen Tag ist gepackt, das Fräulein sitzt startklar daneben. Machen wir uns also auf den Weg an den Tegernsee, während der einstündigen Autofahrt bleibt noch Zeit, sich weiter den Kopf zu zerbrechen über das, was dort zu tun, zu fragen und zu sagen ist.
Das Hirn will emsig Listen anfertigen (man muss was tun!), das Herz klopft an, um vor zu viel Aktionismus zu warnen (man kann das jetzt nicht alles planen!).

Eine Gemengelage, die dazu führen könnte, hastig eine Hypothek auf ein Haus aufzunehmen, das längst im Abriss begriffen ist.

Wollwurst statt Weißwurst! Eine Kampagne gegen die Kälte.

What a worst! – wie Helge Schneider es einst so treffend formulierte.

Zur Weißwurstfrühstückszeit spazieren wir gestern nach Weißach in die Hundebutike den Haustierhandel. Die Besitzerin erinnert sich sofort an mich und holt unter der Ladentheke die drei zurückgelegten Mäntel hervor und geleitet Pippa zum „Anprobier-Podest“. Ungünstigerweise ist das nur durch einen Flur zu erreichen, in dem auf Hundenasenhöhe (sagen wir mal: der eines Beagles, was aber auch einen Dackel nicht abhält, diese Höhe durch Halsrecken zu erreichen) ca. 10 riesige, offene Kartons mit allerlei Leckereien stehen, Sie wissen schon, diese Kisten, aus denen man sich seinen Mischun selbst zusammenstellen kann, jedenfalls eine saublöde Idee, so einen Verlockungsparcours zu errichten, weil der daran vorbeigeführte Hund natürlich gleich noch unwilliger ist, sich anschließend, immer noch in Riechweite der Tröge!, auf ein kleines, gepolstertes Podest hieven zu lassen, um dort diverse Klamotten über den Kopf gezogen zu bekommen.

Pippa zappelt also ordentlich herum, während die Verkäuferin langsam ins Schwitzen gerät, bei dem Versuch, den Lodenmantel an der wackelnden Wurst zu justieren.
Der Mantel sieht gut aus, ist auch von bester Qualität, aber preislich eher was für die Sorte Hundehalter, die hier in Villen haust und deren Hunde wahrscheinlich ganzjährig frieren, weil sie meist nur an der Seepromenade ausgeführt werden.
Das zweite Modell (innen Wolle, außen Kunststoff, dazwischen Goretex) scheidet am lebenden Subjekt sofort aus, es ist zu starr und sperrig, das Fräulein hätte darin nicht genug Bewegungsfreiheit.
Der dritte (und letzte) Versuch ist ein Exemplar von Hunter (nomen hoffentlich non est omen) und passt beinahe wie angegossen. Beinahe, weil der Pulli hinten, zur Rute hin, ein kleines Stück länger sein dürfte, aber die größere Größe schlabbert dann um den Körper herum zu sehr, was ja nicht Sinn der Sache wäre. „Eine sehr schlanke Lady haben Sie da„, kommentiert die Verkäuferin die sich im Wollpullover windende Pippa. „Ja“ , sage ich, „und jetzt habe ich eine kleine Wollwurst!“

Wir nehmen die kleinere Größe; die Farbwahl ist dann denkbar einfach, da es das Teil nur in nutshell oder lambwhite gibt (wer, so frage ich mich, kauft seinem Hund cremeweiße Klamotten? vermutlich auch die Seepromenadenfraktion…). Da so ein wollener Pullover natürlich nichts für eiskalte oder nasse Tage ist, wird zusätzlich noch eine Maßanfertigung für einen wasserdichten Zweitmantel bestellt, aber für trockene, kalte Tage scheint mir der Wollpulli eine gute Wahl zu sein.

Mit dem Nusschalenjäger im Rucksack verlassen wir den Laden eine halbe Stunde später wieder, natürlich nicht, ohne en passant ein paar Knabbereien aus den Kartons gemopst zu haben. Die Verkäuferin zwinkert dazu, klar doch, genau so funktioniert ja Kundenbindung (über dem Eingang prangt schließlich auch ein Schild mit der Aufschrift: „Hier ist der Hund König„, haha).

Das Fräulein blickt eher wenig königlich drein als ich sie vor dem Einsteigen ins Auto erneut in die Wollpelle stecke, aber was sein muss, muss sein. Nun steht einer kleinen Bergtour als Testlauf nichts mehr im Wege.

Und siehe da, schon nach wenigen Metern auf dem Wanderweg ist klar: die Wollwurst fühlt sich pudelwohl. Kein gekrümmter Rücken mehr, keine Bewegungsunlust, kein unglückliches Geschau, kein erbärmliches Gezitter. Wie wunderbar.

Gönnen wir uns also gleich ein kleines Experiment und gehen erstmals einen Weg, der von der Gemeinde seit Jahren als Sackgasse ausgewiesen ist, in meiner Wanderkarte aber als alter Jägersteig markiert ist. Bin ich nun jahrelang brav dran vorbeigelaufen, diesmal wagen wir es und biegen genau dort ab.

Der alte Jägersteig erweist sich als einsamer Pfad durch schönsten Bergwald, im bunten Laub rascheln wir serpentinenweise aufwärts und genießen die klare Luft und die schönen Ausblicke hinüber zum Wallberg.

Waldi (watching Wallberg).

Nach einer Stunde verliert sich der Pfad allmählich bzw. wird von einem Teppich aus Buchenblätter-Schnee-Mix verdeckt.
Ich muss mich nun ganz aufs Dackelfräulein verlassen, die vor mir herläuft, immer mit der Nase am Boden, und den Weg zu wissen scheint (in 99% der Fälle irrt sie auch nicht). Hoffen wir’s einfach mal, dass sie der Spur der Jägersohle folgt!

Keine Markierungen, nirgends, nur die Hundenase, die den Weg findet.

Die kleine Pfadfinderin macht ihre Sache ausgezeichnet – irgendwann gelangen wir aus dem Wald hinaus und im Schnee, auf der freiliegenden Kuppe kurz vor dem Gipfelanstieg zur Baumgartenschneid, ist der Weg auch für Menschen wieder einwandfrei zu erkennen.

Die Wollwurstpelle kann jetzt abgelegt werden, denn ohne tobt es sich besser durch den Schnee, und außerdem hat sich die Hundedame längst warmgelaufen.

Auf den letzten Metern hinauf zur Baumgartenschneid staune ich nicht schlecht über die Fernsicht, die sich von dort oben bietet.
Aus einer albernen Alpinistenarroganz heraus gehörte sie bislang zu den Bergtouren, die ich stets ausgelassen habe, wenn ich in der Tegernseer Region unterwegs war, denn drumherum stehen etliche prominentere und (vermeintlich) spektakulärere Berge, die ich vorzog.

Dabei entpuppt es sich oft als spektakulärer, auch mal den Kandidaten in der zweiten Reihe eine Chance zu geben (worauf manch einer ja auch in Sachen Partnerwahl schwört, wie man immer wieder hört), erst recht seit Beginn dieser Pandemie, denn dort ist weniger bis gar nichts los (ob das auch für Wochenenden so gilt, vermag ich nicht einzuschätzen, weil wir da prinzipiell nicht mehr ausfliegen) und das Gesamterlebnis daher umso nachhaltiger.

Beim Abstieg lassen wir den alten Jägersteig links liegen und laufen Richtung Riederstein, wo wir bei der winzigen Bergkapelle noch kurz den Blick ins Tal mitnehmen, nur kurz, weil Pippa diesen Ort nicht leiden kann, jenseits des Geländers geht’s nämlich dermaßen steil hinab und so beschloss sie schon vor Jahren, sich dort nur noch für ein paar Sekunden aufzuhalten, erst recht, wenn die kleine Loge bereits von einem Kollegen belegt ist, der durch treuherziges Gucken auch noch zwei Hundekekse abstaubt.

Noch eine Viertelstunde den Kreuzweg runter und dann gibt’s endlich die wohlverdiente Pause samt Feierabendbier, zwischenzeitlich sind wir gut drei Stunden unterwegs.

Das Dackelfräulein probiert nun meinen Mantel aus, denn trotz Liegeplatz auf der gepolsterten Sitzbank (freilich auf eigener, mitgeschleppter Matte) wird es empfindlich frisch, als die Sonne sich hinter die Tannen zurückzieht.

Nach einem Plausch mit der Wirtin, die alle paar Minuten sorgenvoll auf ihr Handy schaut oder zur vollen Stunde „an Radio oschoid“ , um die Beschlüsse der Regierung, die die Gastronomie betreffen werden, druckfrisch mitzubekommen – sie hatten sich wirtschaftlich gerade ein wenig erholt von den Folgen des ersten Lockdowns -, packen wir zusammen und wandern zum Parkplatz zurück.

Abstieg von der Galaun.

Im Auto angekommen schalte auch ich den Radio ein, nehme zur Kenntnis, was ab Montag alles nicht mehr geht, weil es eben leider, leider anders nicht ging, bin traurig, dass wieder schwimmbadlose Wochen bevorstehen, bin froh um diesen für längere Zeit letzten Bergtag inklusive Bewirtung, um die Sonne, die sich gelegentlich zeigte, um meinen kleinen Hund, der nicht mehr friert und um die Ruhe, die wir hier tanken konnten, bevor es am Donnerstagabend wieder zurück geht in die große Stadt mit ihrer 122er-Inzidenz (ein Wert, neulich noch als katastrophal klassifiziert, mittlerweile längst moderates Mittelfeld).

Vor Sonnenuntergang greift Sisyphos nochmal beherzt zur Harke…

…wohl wissend, dass das letzte Foto nichts weiter sein wird als eine Momentaufnahme von diesem schönen Abend im Tal.

Das Gereche rächt sich noch am selben Abend erneut mit Rückenschmerzen, ich plädiere daher für eine sofortige Umbennung des zugehörigen Gartengeräts in „Rächen“ und verabschiede mich mit dieser profanen Randnotiz in einen kleinen persönlichen Lockdown.

Bis die Tage & bleiben Sie gesund und munter!

Zwischen Lodenmantel und Laubhaufen oder: Das Landleben.

Seit 36 Stunden spiele ich Hausbesitzer.
Mit dem (Zwischen-)Fazit, dass es zwar großartig ist, mal ganz allein in diesem Haus zu wohnen (der morgendliche Blick aus dem Dachstudio auf den verschneiten Wallberg kommt mir gleich noch schöner vor, wenn ich weiß, dass mich im Erdgeschoss keine Dauerbeschallung erwartet) – ertappe mich sogar bei dem Gedanken, was ich hier alles verändern könnte, wenn ich die Hütte erben würde (unnütze Fantasterein, da die Immobilie ja nicht dem Papa gehört) – dass ich summa summarum aber einen miserablen Hausbesitzer abgäbe.

Ständig diese Lauferei, weil irgendeine Utensilie im Dachgeschoss liegt, man selbst aber gerade im Keller steht und genau dieses Trumm jetzt braucht, man ist dauernd am Überlegen und Herumschleppen (oder legt sich das Zeug, das hoch/runter muss für den nächsten Gang an den Treppenabsatz, hätte ich das täglich, so würde mir das wohl einen erheblichen Teil meiner Energie rauben, die ich doch lieber am Berg oder im Wasser auslebe als in einem Haus), oder die alltägliche Instandhaltung, die vier Wohnebenen halt so mit sich bringen (dabei ist das hier noch nicht mal ein großes Haus), und dann: der Garten (und auch der ist nicht mal allzu groß).

Als ich den thermalbadenden Papa in Italien anrufe und frage, ob ich, wenn ich denn schon hier reisidiere, damit daheim in München der Badewannenlack trocknen kann, irgendwas erledigen könne (neben dem Einkauf von ein paar Vorräten, damit die beiden Heimkehrer in ihrer Quarantäne was zu Essen haben), erwähnt er den Ahornbaum im Garten bzw. das Laub, dessen er sich entledigt hat. „Du könntest das Laub ein bisschen zusammenrechen und zur Hecke hin schieben“ , meint er, und ich sage fröhlich und pflichtbewusst: „Ja, mach ich doch gern!“ . Ich mache es auch, allerdings schon nach den ersten 60 Minuten nicht mehr gern, sondern mit zunehmendem Ziehen im unteren Rücken, und nach 75 Minuten – zwischenzeitlich ist es dunkel geworden – dann so ungern, dass ich den Laubhaufen erstmal neben dem Sandkastenhäuschen liegen lasse und ihm eine gute Nacht wünsche.

Nur das Draußensein bei dieser Tätigkeit, das gefällt mir sehr, und auch den Geruch der Blätter und das Vogelgezwitscher mag ich. Der Laubhaufen kommt mir riesig vor, dabei ist der Ahorn noch nicht mal komplett nackt und ich noch nicht mal komplett fertig mit dem Zusammenrechen – meine Güte, was für Blättermengen man da zu bewältigen hat wegen eines einzigen Baumes.
Bevor ich morgen Abend abreise, werde ich mein Rechenwerk noch vollenden, denn frustrierenderweise hat der Baum über Nacht schon wieder für ordentlich Nachschub gesorgt und bis morgen liegt sicher erneut die ganze Wiese voller Laub.

Was mir am Haushaben aber ausnehmend gut gefällt: keine antiautoritär erzogenen und tagsüber körperlich nicht ausgelasteten Nachbarskinder trampeln einem täglich morgens ab 6:45 Uhr auf dem Kopf herum oder nerven einen ein verregnetes Wochenende lang ununterbrochen mit ihrem Geplärre und Gepolter (fairerweise muss ich dazu sagen: auch die Eltern dieser Kinder nerven – sie hat ein Lachen, das so unecht und schrill ist, dass ich mich immer frage, ob das nicht im Hals oder in den Bronchien weh tut, so zu lachen, er ist überarbeiteter und permanent müde dreinblickender Pneumologe, wahrscheinlich flüchtet er sich wegen des Lachens seiner Frau in die Praxis und schiebt dort freiwillig Corona-Sonderschichten, wenigstens packt er ab und zu seine zwei Racker und geht mit ihnen zum Radfahren, die Mutter scheint eher die inhäusige Beschäftigung oder das Laissez-faire zu bevorzugen).

Und was auch fein ist an einem Haus: der private Zugang zur Tiefgarage durch den eigenen Keller. Ein Traum! Niemanden treffen zu müssen, den man nicht treffen wil, wenn man los will, kein unnötiger Austausch von Floskeln in Treppenhäusern, keine Höflichkeitsantworten auf dämliche Verlegenheitsfragen wie „Naaaa, alles gut bei euch?“ (und probieren Sie das bloß nicht aus, wie Ihre Nachbarn Sie angucken, wenn Sie mal antworten: „Neiiiiiiin, alles scheiße bei uns!“ , auch wenn die Tatsache, diesen Satz gesagt zu haben, Sie für den Rest des Tages mit einer Heiterkeitsschicht gegen alles, was da an Nachbarschaftskram noch kommen mag, imprägniert).
Ich mag das Diskrete, das Unaufdringliche, für mich liegt eindeutig mehr Höflichkeit darin, sich einfach nur freundlich grüßen zu dürfen/können, aber nichts weiter reden zu müssen, wenn man das gerade nicht kann/möchte.

Hätte ich ein Haus, so müsste es daher ein freistehendes sein, mit so viel Abstandswiese bis zum nächsten Gebäude, dass man nie über Laub, Grillgestank, Gartenpartys, Trampolinquietschen, Andreas-Gabalier-Songs, Hundegebell oder Kinderkreischen streiten müsste.
Gern auch gleich mit einem Waldstück oder Hügel als Diskretionswall dazwischen. Außerdem ein Haus mit freiem Blick auf unverbaute Natur, beispieslweise auf die Berge oder weite Felder oder auf einen See.
Das vereinfacht das ganze Thema enorm: von sowas kann man in Oberbayern in aller Ruhe weiterhin träumen und braucht nicht wertvolle Lebenszeit damit verplempern, sich über Eigenheimfinanzierung den Kopf zu zerbrechen (dasselbe gilt für den Wohnungskauf in all den Regionen, in denen wir gerne wohnen würden). Auch das durchaus ein Aspekt von Freiheit!
Seit Beginn der Pandemie explodieren hier die Immobilienpreise auch in den ländlichen Gegenden noch mehr als zuvor – wer kann, kauft sich ein Distanzrefugium inklusive Gartenglück und Virenvakuum.

Der gestrige Dienstag beginnt recht bewölkt und eiskalt…

Blick vom Esstisch auf den Ringberg.

…und nach einem Arbeitsvormittag am Laptop fliegen das Fräulein und ich ins Kreuther Tal aus. Wenn es von Gmund bis Rottach wolkenverhangen ist, hat sich die Sonne manchmal nur nicht hinter dem Hirschberg hervorgetraut, es lohnt sich also meist, der Weißach ein Stück gen Süden zu folgen und dort auf besseres Wetter zu hoffen.

Auf dem Weg nach Kreuth, mit Blick auf auf den verschneiten Blaubergkamm.

Eine Hoffnung, die sich erst im Laufe unserer kleinen Wanderung erfüllen wird.

Was dann auch nichts mehr hilft, denn bis dahin mussten wir zusehen, dass es uns durch Bewegung einigermaßen warm wird oder uns vom Kachelofen in der Schwarztennalm wärmen lassen.

Das Dackelfräulein ist nicht gut beieinander. Irgendwas ist anders, ihr Gangbild wirkt unrund, ihre Stimmung ebenso, nach über acht Jahren Zusammenleben sieht man’s dem Tier ja schon am Blick an, wenn irgendwas nicht stimmt, sogar wenn das Tier einen Dackelblick hat, mit dem es einen nicht selten auch gehörig hinters Licht führt.
In der Almhütte angekommen, setze ich sie samt ihrer Matte neben mir auf die Bank und denke über ihr verändertes Verhalten nach. Magen-Darm? Post-Läufigkeits-Erschöpfung? Schneematsch?

Leergefegter Parkplatz bei Kreuth-Klamm.

Auf dem Rückweg zum Parkplatz fällt dann endlich der Groschen. In der ersten Viertelstunde läuft sie haklig vor mir her, teilweise mit leicht gekrümmtem Rücken. Als ich kurz stehenbleibe, um mir ein Taschentuch aus meinem Rucksack zu holen, sehe ich, wie sie abwechselnd die Vorderpfoten hebt und zittert.
Das ist völlig neu, um diese Jahreszeit und in so einer Situation. Gefroren hat sie bislang, wenn es richtig winterlich war, unter null Grad hatte und wir lange in der Kälte unterwegs waren.

Nun, da sie demnächst 9 Jahre alt wird, hat sich etwas verändert. Ein schleichender Prozess war bzw. ist das. Genau wie die Sache mit den eigenen Falten und grauen Haaren und all den anderen kleinen Zipperlein: man bemerkt es nicht sofort, sondern es dauert, bis man das als etwas registriert, das jetzt da ist und das auch dableibt.
Pippa saust schon länger nicht mehr gar so agil los, sobald sie aus dem Auto aussteigt, nach wie vor ist sie eine gute und ausdauernde Geherin, aber wenn sie erst einmal ins Frieren geraten ist, bedarf es einiger Zusatzbewegung, bis sie wieder warm wird, womit sie sich dann aber auf eine Weise auspowert, die ihr – je nach Witterung und Temperatur – nicht mehr bekommt. Der Gatte mag es nicht, wenn ich sage „Das ist das Alter!“ , aber was soll man denn sonst sagen? Es ist das Alter!

Und so bin ich tief betroffen, dass ich wohl schon ein paarmal diesen kleinen, tapferen Hund zu lang durch die Kälte gescheucht haben könnte, in dieser Saison und vielleicht auch schon in der letzten. Die Sitzheizung auf der Rückbank war genau die richtige Entscheidung, nur sollte die auch nicht dazu dienen, das durchfrorene Fräulein nun regelmäßig nach Spazierrunden aufzutauen, sondern wir brauchen eine Lösung fürs Unterwegssein in der Kälte, weshalb ich gleich auf der Heimfahrt noch bei einem Geschäft für Tierbedarf (ich meide das Wort „Hundeboutique“) anhalte und mich eine halbe Stunde zu wärmeisolierenden, wasserabweisenden Hundemänteln beraten lasse. Leider sitzt Pippa spotzdreckig im Auto und kann die Schutzkleidung nicht gleich anprobieren, ich lasse drei Teile zurücklegen für den heutigen Mittwochvormittag. Vielleicht wird es ein Stück aus Loden, ist mir wurscht, ob da jetzt irgendwer den Kopf schüttelt und spottet – ich möchte keinen Plastikschrott kaufen, sondern was Vernünftiges, das meine kleine Hundedame für den Rest ihres Lebens warmhält.

Sollten wir fündig werden, geht’s danach gleich hoch auf die Baumgartenschneid. Wenn nichts Passendes dabei ist, schlurfen wir an der Seepromenade entlang und setzen uns ein bisschen ins Café.
So lange man noch in Cafés gehen kann, wobei mir mein Schwimmbad deutlich mehr fehlen wird, man kann ja nun leider schon aus Erfahrung sprechen.

Umso wichtiger, dieser Mantelkauf, denn es wird in jeder Hinsicht ein langer, kalter Winter.

Eine Ode an die Vergänglichkeit.

München, 23. Oktober 2020, um kurz nach 7 Uhr.
Die noch müden Augen weiten sich schlagartig, als ich die Tageszeitung vom Fußabstreifer nehme.

Der Boss auf dem Titelblatt?!? Das gab’s noch nie!
So gering meine Erwartungshaltung bezüglich des heute erschienenen Springsteen-Albums auch war – da macht das Fan-Herz allein schon aus Gewohnheit einen Sprung.

Beim ersten Morgenkaffee mischt sich bald ein Gefühl des Bedauerns hinzu: leider kein Willi-Winkler-Artikel, und auch Herr Kister hatte selbstverständlich Besseres zu tun, also musste durfte der Hentschel den Verriss schreiben, den die anderen beiden so nicht bzw. anders und würdiger in Worte gekleidet hätten. Was soll’s.

Kosmischer Motor? Brief an Gott? Nun ja.
„Letter to you“, so viel ist klar, ist meilenweit davon entfernt, nochmal ein ganz großer Wurf zu sein. Vielmehr wirkt Springsteen auf diesem Album wie einer, der etwas müde – das Leben ist, man muss das so sagen, weitgehend gelebt und ein langer ruhiger Fluss geworden – am Ufer steht, auf die Weiten eines Sees (vermutlich in seinem Privatbesitz) hinausblickt und nochmal ein paar Steinchen springen lässt. Aus Zeitvertreib, aus Melancholie, aus Nostalgie, und weil er wissen will, ob er’s noch kann.

Manche flutschen ihm etwas zu glatt aus der Hand und über die Wasseroberfläche, manche gehen nach nur einem kläglichen Hüpfer plump unter und nur wenigen auserwählten Steinchen gelingt plattelnderweise eine Fluglinie, die dem Zuschauer/-hörer spontan ein ehrfürchtiges Wow! entlockt. Ja, da schau her, er kann’s noch!

Der 71-jährige Springsteen bückt sich keinesfalls wie alter Mann, wenn er Stein um Stein aufhebt und zum Wurf ansetzt, aber inhaltlich und musikalisch dreht er sich wie ein Kreisel um sich selbst, hat nichts Neues mehr zu erzählen, vertraute Versatzstücke werden aneinander gereiht (und bestenfalls neu gemischt), er sucht nicht mehr nach Antworten auf Fragen, die zu stellen er längst aufgehört hat, zumindest im tonkünstlerischen Teil seines Seins.
Die großen Geschichten, sie sind auserzählt, ab einem gewissen Punkt wird halt vieles Wiederholung, und das ist auch nicht weiter verwunder- oder verwerflich (die wenigsten erfinden sich permanent neu oder sprudeln bis ins hohe Alter ungebrochen vor Kreativität), sondern der übliche Lauf der Dinge, erst recht in einem privilegierten, weil zumindest materiell vollkommen wattierten und abgesicherten Leben.

Der Mann mag zwar immer wieder mit seinen Dämonen und Depressionen zu kämpfen haben, die zahlreichen seiner Songs eine gänsehautbescherende Tiefe einhauchten, aber eine gewisse Sorte „Hungergefühle“, wie sie dem Schaffen seiner frühen Jahre noch anzuhören war, peinigt ihn längst nicht mehr.
Er ist satt. Nicht überfressen, aber eben sehr gut gesättigt. Alles, was jetzt noch kommt, ist der Nachschlag zum Nachschlag, die ebenso überflüssige wie klebrige Kirsche auf dem Sahnehäubchen eines Desserts, das bereits aus purem Genuss verzehrt wurde und für dessen Verspeisen nicht mal mehr ein kleines Hüngerchen die Kaumuskeln in Gang gesetzt hatte.
Aus gediegener Gewohnheit wird die Kirsche nun abermals zerkaut, pappt sich wie immer in die Krone des maroden Backenzahns, aber ja, sie schmeckt schon noch, und sie schmeckt erwartungsgemäß süß. Ein Überraschungsgefühl stellt sich beim Verzehr nicht ein, und so ähnlich ist das auch mit den zwölf Songs von „Letter to you“.

Das im Herbst des Lebens produzierte Winter-Album.

In Summe ist’s ein etwas glanzloser Abgesang auf die ehemaligen Glory Days geworden, das neue Album, zwar sind ein paar Perlen dabei (besser gesagt: schöne Momente und tröstende, poesiealbumartige Miniaturen, sogar ein paar verheißungs- und kraftvolle Ausbrüche hie und da), aber das war’s dann auch schon.
Der einst so wunderbar wummernde Zug, die von einem donnernden Herzschlag angetriebene Dampflok, die ihre treue Fangemeinde über Jahrzehnte stets mitzureißen verstand, hat das Land of Hope and Dreams längst verlassen.
Am Horizont ist ihre Rußwolke noch erkennbar, mit kohlegrauen Kringeln malt sie ein farewell in den düsteren Himmel dieser gespaltenen, zerfallenden, immer fremder werdenden Nation.

Oder steht da doch eher fair well?
Man kneift die Augen zusammen, versucht, ganz genau hinzusehen, aber die Schrift am Horizont, sie verblasst zusehends, mit jedem Lidschlag verschwimmt sie ein bisschen mehr. Und es ist auch unerheblich.
Worte sind manchmal kaum mehr als Schall und Rauch, den Noten ergeht es da keinen Deut besser, und bekantlich ist alles, was man mit Liebe betrachtet (oder hört), auf seine ganz eigene Art und Weise schön (wenngleich über Jahrzehnte wiederholte Liebeserklärungen etwas von einer hängengebliebenen Schallplatte haben – sei’s drum, ich steh‘ dazu).

Die Titelschlagzeile der Süddeutschen, gleich unter der Ankündigung der Rezension zum neuen Springsteen-Album, lautet: „Die Situation ist sehr ernst“.
Freilich gilt diese Überschrift weder dem Boss noch seinem Schaffen, sondern der Pandemie und dem Virus, das der Welt zu schaffen macht, bemerkenswerterweise trifft sie aber auch ein bisschen den Kern des neuen Albums: Es ist eine Ode an die Vergänglichkeit und insofern ist seine Botschaft durchaus ernst.
Leider ist es eine etwas öde Ode. Selbst aus den großen Themen der Menschheit (Freundschaft, Liebe, Abschied, Tod…) lässt sich nicht auf Biegen und Brechen ein großer Klangteppich weben, manchmal wird eben nur ein kleiner Bettvorleger draus.

Nun, da die kalte Jahreszeit anbricht, wird manch einer froh und dankbar sein, wenn er seine noch nackten, bettwarmen Füße auf dieses anheimelnde, flauschige Etwas stellen kann, anstatt sie schon frühmorgens dem unwirtlichen, kühlen Boden auszuliefern.

Ja, es wird kalt.
Hüllen wir uns also ruhig ein in diese testamentarischen Töne, die – bei aller erlauchten Ernsthaftigkeit, die ihren Erschaffer getrieben haben mag – nirgends unangenehm pieken, an alten Narben ziepen oder im verwitterten Mansion on the hill (einem seiner besten Songs der frühen Jahre) fest verriegelte Türen jäh aufreißen und das dahinter eingelagerte Innenleben verstaubter und dunkler Räume offenbaren, dessen Anblick man gerade jetzt (oder überhaupt) womöglich nicht mehr ertragen könnte.

One minute you’re here, next minute you’re gone.
Wo er recht hat, hat er recht, der altersweise, gute Mr. Springsteen.

So, ich geh‘ dann mal eine Runde Schwimmen, grüße die Tramps unter meinen Lesern ganz herzlich, wünsche eine angenehme Lektüre des Briefes, der uns heute aus New Jersey gesandt wurde – und allen anderen ein schönes Wochenende.

check out / lock out / freeze out. (3)

Vorweg: Haben Sie vielen Dank für all die positive Resonanz zu der kleinen Coronakunst-Trilogie!

Hier also der dritte und letzte Teil.

Museumscafé zu Coronazeiten.

Nochmal ein Spaziergang übers Gelände, leider nur mit der Smartphone-Kamera.

Drinnen dann ein ganzes Gewölbe voller Radierungen. Und Poesie!

Hey, ihr ungehobelten Jungs, schon mal was von Niesetikette gehört?!?

Die feuchtkalten Übergänge ein mystischer Mix aus Licht und Schatten:

Nicht so mein Fall waren die beiden „untitled big unknowns„, dafür gefiel mir der Begleittext umso besser:

Die „Turmspringerin“ gehörte ganz klar zu meinen Favoriten in der „Lockout„-Ausstellung. Denn immer wieder erfahren wir: das Leben ist kein Uhrwerk, in dem alle Rädchen reibungslos ineinander greifen und nach Plan funktionieren, vielmehr ist es ein Springen (-müssen & -dürfen!) ins zutiefst Ungewisse. In Gewässer, deren Grund wir oft nicht ermessen können, in Strömungen, denen wir uns (mal mutig, mal bang) anvertrauen, die uns mitreißen – und wir wissen nicht, wohin (das war schon vor Corona so, es ist in der Pandemie so, und es wird auch danach so sein).

Und damit schließe ich nun die Tür zu den sonnigen, erlebnisreichen Tagen in Südtirol, die ihren krönenden (sic!) Abschluss in den düsteren Gemäuern von Franzensfeste fanden…

…und freue mich, heute nicht mehr ins Ungewisse zu springen, sondern für den Moment zu wissen, wohin die Reise gerade geht (so die Deutsche Bahn sich keine spontanen Scherze erlaubt, der Umstieg klappt und der Sturm keine Oberleitungen zerstört).

Man erwartet mich schon und wärmt bereits das Gästebett vor!

Mein großer brauner Freund! 
© Andrea Itze

check out / lock out / freeze out. (2)

Ja. Bloß nicht zu „clos“.

Teil 2 der Impressionen aus dem Kunstbunker in Fortezza.

Grandios gelungen: die Einbeziehung der Lichtverhältnisse des Festungsgebäudes in die Anordnung der Exponate. Diese Zimmerfluchten! Und die Auf-, Ab-, Durch- und Übergänge zwischen den Räumen!

Drehen Sie sich unbedingt immer noch eimal um, bevor sie in den nächsten Ausstellungsraum gehen oder die Etage verlassen oder von drinnen nach draußen treten.

Ein Strick Stück Heimat, wenn man genau hinschaut. Und ein gutes Motto: Zusammenhalten (statt das Seil für Trostloseres zu verwenden).

O aero_sole mio! (Sta ’nfronte a te!)

Wäre es nicht so kühl gewesen und hätten wir mehr Zeit gehabt und auch die Brille dabei, dann wäre das die Sonntagslektüre der Wahl gewesen. Die Fragen von Frisch haben mich schon zu Studentenzeiten bewegt, die von Proust hätte ich zu gern kennengelernt – und natürlich die Antworten der Künstler/innen (sorry: das große I und das kleine Sternchen werden Sie bei mir nicht finden). Vielleicht bekommt man das irgendwo als Buch oder Katalog? Vielleicht vom Weihnachtsmann?

Morgen dann der letzte Part der Fortezza-Trilogie.

Jetzt hinaus in den Regen. Ideal, um keine Rüden zu treffen (morgen dürfte der Hormonspuk wieder vorbei sein). Bleiben Sie gesund, trocken und heiter!

check out / lock out / freeze out. (1)

Sonntagmorgen in den Sarntaler Alpen. Zapfige 4 Grad, scheußlicher Dauerregen. Vom Schlern sieht man überhaupt nichts mehr. Das Rittner Horn, auf dem man tags zuvor noch mit dünnem Jäckchen in der Sonne herumsprang, ist bereits dick eingeschneit.

D. und ich packen unsere Koffer. Das liebestolle Fräulein beäugt uns dabei kritisch und wimmert ein bisschen vor sich hin, so wie schon die halbe Nacht lang. Unten in der urigen Hofküche, mit einem Interieur, als wäre die Zeit im vorigen Jahrhundert einfach stehengeblieben, bezahlen wir die bescheidene Zeche, die uns die Bäuerin für den viertägigen Aufenthalt berechnet. Aus dem Küchenradio erschallt derweil die Sonntagsmesse, live aus dem Brixener Dom. Hier heroben hat man halt nicht viel mehr außer dem Glauben, dem Acker, den Obstbäumen und ein paar Milchkühen, die noch übriggeblieben sind von der einst stattlichen Herde. Zum Abschied schenkt die Bäuerin jeder von uns ein Glas selbstgemachte Marmelade, wir schenken ihr ein Trinkgeld und zwei Mitbringsel aus München. Es ist einer dieser Abschiede, bei denen man sogar ein „Gott beschütze euch!“ trotz der sonst atheistischen Grundhaltung problemlos annehmen könnte.

Fröstelnd steigen wir ins Auto, vor allem das Dackelfräulein bibbert herzergreifend und will sich gar nicht auf ihrer Wolldecke ablegen. Langsam und vorsichtig kurven wir die engen, nebligen Bergsträßchen hinunter ins Eisacktal. Nach wenigen Minuten ist das Auto warm und unsere verregnete Kleidung trocknet bereits, der Sitzheizung sei Dank (und mir ebenfalls, weil ich die beim neuen Auto diesmal auch für die Rückbank geordert habe, denn die Hundedame friert seit letztem Winter doch merklich schneller und das muss ja nicht sein). Die verzärtelten Städterinnen reisen nun also mit wohligwarmem Gesäß heimwärts.

Zwischenstopp in Franzensfeste, für einen anderthalbstündigen Museumsbesuch. Länger kann man das Fräulein (trotz vorheriger Sitzbeheizung) bei den Außentemperaturen nicht guten Gewissens im Auto lassen.

Die Sonderausstellung trägt den Titel „Lockout“ und ich bin auch mit einem Tag Abstand zu diesem Erlebnis nicht in der Lage, Ihnen zu sagen, was mich mehr beeindruckt hat: die Exponate oder die Atmosphäre und Architektur des Gebäudes, in dem sie präsentiert wurden.

Selten eine solche Kongruenz zwischen Ausstellungthema und Museumsräumlichkeiten gesehen und gespürt.

Und auch das Wetter hätte passender nicht sein können – ein Blick durch die vergitterten Fenster in den düsteren Festungsinnenhof oder auf die schneebedeckten Berghänge rund um Franzensfeste ergänzt das Lockout-Feeling geradezu perfekt.

Das ganze Gelände ein Eldorado für Fotografen, zu denen ich mich zwar nicht im Entferntesten zähle, und dennoch hab ich mich schwarz geärgert, dass die gute Sony-Kamera daheim in München lag (es war eben wirklich ein sehr spontaner und überstürzter Aufbruch am vergangenen Mittwoch, neben dem Fotoapparat vermisste ich noch: die Zeckenzange, eine lange Unterhose und mein Schweizer Taschenmesser).

Sollten Sie noch irgendwie die Gelegenheit finden, sich diesen Lockout vor Ausstellungsende am 8. November (bzw. den nächsten Reisewarnungen oder weiter ansteigenden Infektionszahlen in Italien etc.) anzusehen, ergreifen Sie sie! So präsent das Virus in den Kunstwerken auch ist – die Ansteckungsgefahr beim Museumsbesuch dürfte ausgesprochen gering sein: riesige Räume, gut belüftet, vorgegebene Laufrichtung, begrenzte Besucherzahl – und die Italiener sind ohnehin recht vorbildlich, was das Einhalten der Hygieneregeln angeht. Ich hab’s ja sonst nicht so mit den Italienern – zu laut & zu schnell (das Sprechen), zu breit & zu opulent (die Aussprache) -, aber hier taugen sie durchaus mal zum Vorbild.

Mein Tipp: Warm anziehen, am Tag vorher keinen Alcatraz-Streifen angucken, bei psychischen Beschwerden lieber einen sonnigen Tag für die Fahrt nach Franzensfeste wählen und ruhig mehr als anderthalb Stunden Zeit für die Ausstellung mitbringen (ergo: den Hund besser daheim lassen).

Von Franzensfeste fahren wir anschließend weiter über den Brenner (1 Grad, leichter Schneefall, gottseidank wenig Verkehr), durchs Inntal (die Tuxer Alpen zur Rechten, das Karwendel zur Linken, alles im oberen Drittel weiß bepudert) und via Achensee (nochmals Gassigehen mit dem Fräulein) heim nach München, wo der out-of-Rosenheim gut erholte Gatte uns schon freudig erwartet.

Beinahe eine Reise durch drei Jahreszeiten, diese vier Tage. Schön war’s!

(Der Übersichtlichkeit/Wirkung halber teile ich das Bildmaterial in drei Häppchen auf – bleiben Sie also dran, wenn Sie’s interessiert, morgen geht’s weiter.)

Es geht ans Eingemachte oder: So schlecht bin ich gar nicht, im Werfen.

Absurd. Bereits zwei saukalte, verregnete Tage fühlen sich mittlerweile (innerlich und äußerlich) an wie früher eine ganze Mistwetterwoche. Ist diese Wahrnehmung etwa auch so ein Nebeneffekt des Älterwerdens? Keine Ahnung.
Heute jedenfalls schon beim Genuss des Frühstückseis erleichtertes, frühmorgendliches Aufatmen, dass es draußen wieder lichter ist (im Hinterkopf pocht die bange Frage, wie man ihm begegnen wird, dem ja erst noch bevorstehenden Novemberregen, geschweige denn dem langen Wintergrau).

Die Brandenburger Freunde bringen einen Geschenkkarton gefüllt mit Erträgen aus dem eigenen Garten und der heimischen Töpferwerkstatt mit, der uns noch den halben Winter über nähren und erfreuen wird: So viele Gelees, Eingemachtes, Brot, zwei dekorative (und sogar schmackhafte) Weißbierproben aus der Hauptstadt, allerlei Obst, schönstes Gemüse (besonders hervorzuheben: ein Potpourri aus den 28 selbst gezogenen Tomatensorten) und gleich noch die entsprechende Keramik dazu, auf der das alles aufbewahrt, angerichtet und serviert werden kann.
Ja ist denn heut schon Weihnachten?, denkt man da kurz, staunt dann aber einfach weiter, wozu die Bloggerei so geführt hat über all die Jahre, und freut sich dran.
Zwischenzeitlich sind die beiden im empfohlenen Ferienort angekommen, sogar ohne Schneeketten, stattdessen bei Sonnenschein und blauem Himmel, was leider nicht den gesamten Aufenthalt über so bleiben wird, wenn man den Prognosen glauben möchte.

Die Gemeinden Murnau, Mittenwald und Lenggries (und demnächst auch Schliersee) dürften mir langsam Provisionen zukommen lassen für die kostenlose Werbung und die erfolgreiche Vermittlung von Gästen. Überhaupt sollte ich ernsthaft drüber nachdenken, ob Individuelle Urlaubsberatung (inkl. -betreuung vor Ort) nicht jenseits des Freundeskreises ein Metier wäre, aus dem sich ein wenig Kapital schlagen ließe.
Das Coronajahr bescherte so einige Anfragen aus der Leserschaft (teils auch von Lesern, von denen ich gar nichts wusste/ahnte): ob ich nicht einen Tipp hätte für eine passende Urlaubs-/Wanderregion, dann wurden die Begleitungen, die Vorlieben, der finanzielle und zeitliche Rahmen sowie die sportlichen und sonstigen Ambitionen zu Berg und Tale genannt, und man stellte mir für meine Bemühungen stets etwas in Aussicht, das über ein herzliches Dankeschön hinausging.
Nicht schlecht eigentlich. Werde ich mal durchdenken und demnächst mit meinem österreichischen Privat-Coach besprechen.

Einstweilen kann ich Ihnen anbieten: Wenn Sie (oder jemand, den Sie kennen), Urlaub in Oberbayern planen und ein paar Tipps brauchen, die Sie mit einem ordentlichen Mahl honorieren möchten – kommen Sie ruhig auf mich zu!
Auch andere Naturalien oder Dienstleistungsen nehme ich gern an, ebenso sind Globetrotter- oder Sport-Scheck-Gutscheine jederzeit willkommen.

*****
An der nördlichen Spitze der Theresienwiese wurde gestern anlässlich der Gedenkfeier zum 40. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats im strömenden Regen eine Dokumentationsstätte eröffnet.

Ich erinnere mich noch gut an jenen Abend: Die Schlange vor dem Riesenrad war außergewöhnlich lang. Die Mutter wollte, dass wir uns anstellen, weil die Riesenradfahrt jedes Jahr unseren Familien-Wiesn-Abend abrundete, und so sollte es auch diesmal sein. Der Papa war dagegen, weil er keine Lust hatte, eine halbe Stunde für eine wegen des enormen Andrangs womöglich auch noch verkürzte Fahrt anzustehen.
So durfte ich damals entscheiden, ob wir bleiben oder gehen sollen, und wie so oft, schlug ich mich auf die Seite des Papas, und plädierte für den Aufbruch. Die Fahrt mit dem Riesenrad war mir vergleichsweise wurscht, ich war damals deutlich mehr an Geisterbahn, Kettenkarussell, Schießständen (wegen der Riesenteddybären, nicht wegen der Gewehre!) und gebrannten Mandeln interesssiert. Als wir die U-Bahn-Station Goetheplatz erreicht hatten und gerade die Rolltreppe betreten wollten, hörte man die gewaltige Detonation, alles zuckte zusammen, und der Papa packte die achtjährige Tochter fest an der Hand, hakte die Mutter unter, sagte in einem für ihn ungewohnt strengen Ton „Da ist etwas ganz Schreckliches passiert – lasst uns zusehen, dass wir sofort von hier wegkommen!“, und mit zig anderen Menschen stürmten wir zur U-Bahn hinunter.

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Beim Sonntagslauf im Park sehe ich nach Längerem mal wieder den alten Mann mit seinem einäugigen Hund.
Runde 1: Der Mann sitzt auf einer Bank, der Hund liegt vor der Bank im Gras und reckt seine graue Schnauze der Nachmittagssonne entgegen.
Runde 2: Drei Kinder bewerfen den Hund abwechselnd mit Steinen und Kastanien. Der Hund ist zu schwach, um sich zu wehren oder davonzurennen, außerdem würde er seinem Herrchen nicht von der Seite weichen. Das Herrchen guckt verzweifelt und schimpft mit gebrochener Stimme ein bisschen. Die Kinder lachen und verspotten den hässlichen Hund. Ich spüre ein Stechen in Herzgegend, das nichts mit der sportlichen Betätigung zu tun hat.
Runde 3: Die Kinder kreischen nun vor Vergnügen und schmeißen immer noch Steine und Kastanien auf den Hund, der sich mal in die eine, mal in die andere Richtung wegzuducken versucht. Ich unterbreche meinen Lauf. Gehe auf die drei Jungs zu und bitte sie, sofort mit der Quälerei aufzuhören. Einer der Bengel knallt mir eine Kastanie gegen die Wade.
Ich frage ihn, wo seine Eltern sind. Die sind drüben im Biergarten!, sagt er, Wir dürfen hier spielen!, meutert der andere, und der dritte sammelt bereits neue Wurfgeschosse – und genau den knöpfe ich mir als Erstes vor. Halte ihm beide Arme fest, entwende ihm Kastanien und Steine und zische ihn an, dass er jetzt sofort mit diesen Attacken gegen das Tier aufzuhören hat. Eine weitere Kastanie knallt gegen mein Bein und auch der einäugige Hund bekommt wieder eine ab.
Da platzt mir der Kragen, ich brülle den Jungen, der sie geworfen hat, an, was ihm einfiele, den Hund so zu piesacken, flink dreht er sich um und flitzt davon, ich bücke mich, hebe eine Kastanie auf und werfe sie ihm hinterher. Sie trifft ihn an der Schläfe, er quiekt beleidigt auf und greift sich theatralisch an den Kopf, und ich kann es nicht fassen, dass meine Kastanie ihn überhaupt getroffen hat, denn zeit meines Lebens war ich im Werfen eine völlige Nulpe, aber siehe da, wenn’s einmal drauf ankommt, und nicht um irgendwelche dämlichen Bundesjugendspiele geht, da kann ich das offenbar doch!
Runde 4 und 5: Die zuvor ausgesprochenen Drohungen haben Wirkung gezeigt und die drei Burschen haben sich in eine andere Ecke der großen Wiese verkrümelt und quälen jetzt mit ihren Wurfgeschossen andere Kinder, deren Eltern sicherlich ebenfalls irgendwo im Biergarten sitzen und sich dort um nix scheren.
Der alte Mann nickt mir müde zu. Sein Hund hat sich ins Gras gekauert, sicherheitshalber ist er ein Stück näher zur Bank gerückt.

Zuhause muss ich eine halbe Tüte Fruchtgummi essen, um dieses Park-Erlebnis in mir zuzukleistern und dem verbleibenden Tag noch angemessen begegnen zu können. Schließlich ist es erst 15:30 Uhr und da kann man die Schotten ja noch nicht dicht machen.

*****

Die Sonnenblumen von M. halten sich wacker.
Mit jedem Tag, an dem ich sie ein Stück kürzen und ihnen frisches Wasser geben muss, schneide ich dem zurückliegenden Sommer zwei bis drei Zentimenter aus seinen Eingeweiden und verspüre eine tiefe Melancholie.

Abschiede waren noch nie meine Sache.

Freitagabend, im Freibad.

Dichter Dampf steigt über dem menschenleeren 50m-Becken auf, das Thermometer an der Außentür zeigt 5 Grad. Ja haben wir da jetzt eine komplette Jahreszeit übersprungen oder was ist los?

Auf der Gufferthütte hat es geschneit, und das nicht zu knapp. Der Papa meldet auch schon weiße Berggipfel ringsum.

Morgen fahren die Freunde 613 km hierher, um den Wanderherbst in Oberbayern zu genießen. Gerade habe ich die Mitnahme von Mützen und Handschuhen empfohlen.

Was für ein schräges Jahr – aber wir machen einfach weiterhin das Beste draus. Gute Reise, liebe B.!

Das letzte Zeichen des Sommers brachte der hübsch Bewimperte erst vor 3 Tagen vorbei, hartnäckig strahlen die zwei Blumen nun gegen das Regengrau an.