Leipzig (2): You sit and wonder just who’s gonna stop the rain.

Die heutige Blogstatistik spricht eine klare Sprache: die Leserschaft kann es entweder kaum erwarten, Teil 2 des Leipzig-Berichts zu lesen oder aber der Ministrantenimbiss-Post schlug ein wie eine Bombe (leider ist die Statistik ja nicht allzu detailliert).

Wurscht.
So oder so war ich noch nicht fertig mit dem Erzählen und schwelge noch im Gefühl vom vergangenen Wochenende.

Als der Kiefer vorgestern in Leipzig zu heftig an die Himmelspforte klopfte (voilà: hier kommt es, mein erstes WordPress-Video!)…

…bewahrheitete sich die Prognose der blöden Wetter-App leider doch noch…

…und das ausgerechnet am einzigen Konzertabend meiner fast 34-jährigen Konzertbesucherkarriere, an dem ich nicht in geschlossenem Schuhwerk, sondern in Sandalen unterwegs war…

…zum Glück aber in Hundebesitzer-Trampel-Sandalen und nicht in solchen mit feinen Lederriemchen oder Straßsteinchen im Geflecht, so dass das Wasser im Gummifußbett sommerwarm die Zehen umspielte und dem Schuh nichts weiter anhaben konnte.
Naja, und vom Rest des phänomenalen Abends haben Sie ja schon gestern gelesen.

Worüber noch kein Wort fiel, ist der Sonntag.

Das lag unter anderem auch daran, dass der mit einem Frühstück begann, das mich sprachlos machte. Zum einen, weil die Wartezeit für eine Tasse Kaffee ungefähr 10 Minuten betrug. Es gab sage und schreibe nur einen Kaffee-Automaten für alle Teilnehmer des Parteitages der Linken, alle Bach-Fest-Besucher, alle Kiefer-Sutherland-Fans und die paar Dödel, die sich am Vorabend zu Dieter Thomas Kuhn verirrt hatten.

Immerhin hatte das Hotelpersonal es nicht versäumt, das Display dieses einzigen Automaten auf den Sonntags-Modus zu stellen:

Zusätzlich zum „Wasser im Pott“ (für alle aus dem Ruhrgebiet Angereisten?) durften die Gläubigen es nach Herzenslust dem Herrn gleichtun und Teewasser zapfen, nach dessen Genuss sie mindestens zum Gehen über die Pfützen im Kopfsteinpflaster vor dem Gewandhaus befähigt wären.

Den anderen Moment der Sprachlosigkeit bescherte mir Sori. Als ich nach einem dieser längeren Kaffeeholausflüge zu ihr an den Tisch zurückkehrte, hatte sie die Zeit meiner Abwesenheit genutzt, um mir einen Brief zu schreiben. Wir Frauen sind so. Wenn wir nicht live miteinander reden können, schreiben wir uns sofort und mit großer Freude Briefe, Emails, Whatsapps.
Vor meinem Frühstücksteller lag ein Kuvert, drauf stand mein Name. Ich fragte, ob ich den Brief gleich lesen solle oder erst später im Zug. Wie ich es lieber wolle, sagte Sori.

Neugierig öffnete ich sofort das Kuvert (Geduld gehörte noch nie zu meinen Tugenden) und drin war kein Brief, sondern ein Stapel Schwarz-weiß-Fotografien, die etwas historisch anmuteten. Ich nahm sie aus dem Umschlag und erkannte den Bruce meiner Jugend (am Gesichtsausdruck, an der Frisur und am shirtsprengenden Bizeps)!
Beim näheren Betrachten begriff ich dann: das waren Original-Fotografien aus den 1980er-Jahren, also genau aus der Ära, in der meine lebenslange Liebe begann.

Und als Sori mich fragte, ob ich denn nicht das Stadion erkennen würde, da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Na sicher, das Münchner Olympiastadion, ganz klar an der Zeltdachkonstruktion zu erkennen…, ja meine Güte, das konnte dann ja eigentlich nur… – und genauso war es auch: Es handelte sich um Fotos von meinem ersten Konzert am 18. Juni 1985!

Das können wahrscheinlich nur Fans verstehen, was einem so ein Geschenk bedeutet!
[@Sori: nochmals 1000 Dank dafür!!! @Herrn Speed: schleifen Sie bitte schon mal das Sägeblatt, ich brauch‘ einen Spezialrahmen Altar für diese Rarität!]

Und weil wir dann eh schon mittendrin waren im Lieblingsthema des Tages, verlegten wir kurzerhand unseren Marsch durch Leipzig erstmal in den Nordwesten der Stadt.

So wie die einen halt sonntags zur Kirche gehen…

…pilgern andere zu ihren musikalischen Gedenkstätten…

…und beschließen die sonntägliche Messe mit Gebeten wie „Gib mir 1x im Leben Lost in the flood live!“ oder „Hol mich 1x zu dir auf die Bühne, zu Jole Blon oder zu Jersey girl!“.

Nach dieser netten Kurz-Wallfahrt spazierten wir dann doch noch in die Altstadt, aber kaum wollte ich Marktplatz und Thomaskirche näher betrachten…

…erspähte die Sori ein E-Street-Band-Fan-Shirt, das an einem Mittfuffziger prangte, der mit seiner Gefährtin unvorsichtigerweise in der ersten Reihe eines Straßencafés beim Brunch saß.

Und schon war man wieder im Gespräch „unter Tramps“ – natürlich waren die zwei am Abend zuvor auch beim Kiefer, denn das ist ja quasi alles irgendwie ein und derselben musikalischen Ursuppe entsprungen. Die Gefährtin noch zu neu, um allzu viel mitzureden („ich war mal bei Rebekka Bakken“ – „Hm, ja, schön!“) und sich insgeheim wahrscheinlich fragend, was ihr da noch alles bevorstünde (zeitlich, emotional und finanziell), wie um alles in der Welt man sich nur an einzelne Songs von x Konzerten erinnern könne („Weißt du noch: Racing damals in Mannheim, 2003, oder Point blank 2009 in Frankfurt?) und ob sie mit dem Kerl wirklich eine gute Wahl getroffen hätte (na klar hatte sie das).
Nach einem ausgiebigen Plausch herzliche Verabschiedung, wie von alten Freunden.

Also eben gar keine Kultur mehr, was soll’s.
Ab zum Bahnhof und wieder nachhause.

Schön war’s!
Thanks to Kiefer & danke, liebe Sori – für den tollen gemeinsamen Trip, die Heiligenbildchen und die halbfeuchten Gauloises, und dann bis spätestens im Herbst hier in München!

You sit and wonder just who’s gonna stop the rain
Who’ll ease the sadness, who’s gonna quiet the pain
It’s a long dark highway and a thin white line
Connecting, baby, your heart to mine!

Nachtrag, 13. Juni: Link zum lesenswerten Leipzig-Bericht auf Soris Blog!

Himmel der Bayern (21): Zwischen Gespinstmotten und Russ’n.

Kann sein, dass ich noch ein Fan von blind dates werde.

Seit ich blogge, mache ich mit dieser Art des Kennenlernens nämlich ausnahmslos gute Erfahrungen. Damals, gefühlte Jahrzehnte ist’s her, zu Zeiten der Partnersuche, waren von den wenigen auf diese Weise angebahnten Begegnungen fast alle ein Griff ins Klo. Ob es wohl daran lag, dass ich mich damals ausschließlich an blind dates mit Männern versuchte?

Heute date ich Frauen. Und ganz so blind wie früher stolpere ich auch nicht mehr in diese Treffen hinein.

Im Gegenteil: Von der einen hatte ich schon etliche Geschichten und zig Zitate quer durch die Weltliteratur gelesen, bei der anderen wusste ich um jede Vorliebe und Abneigung ihres Hundes sowie um zahlreiche persönliche Details des „Rudel-Lebens“, mit der nächsten teile ich dieselbe große und einzig wahre, lebenslange Musik-Liebe und irgendwann tauchte dann auch die eine auf, die liebend gern schwimmt, ähnliches Equipment im Badezimmer verwendet und der Zahl 13 ebenso zugetan ist wie ich.

Als sie sich neulich meldete und mitteilte, dass sie mit Kind und Kegel ein paar Tage in München sein würde, hatte ich dank ihres an Kunstwerken/Zeichnungen/Selfies reichen Blogs bereits ein präzises Bild von ihr. (Gut, als wir uns dann vorgestern am Fischbrunnen verabredet hatten, kam sie in anderem Outfit daher, trotzdem haben wir uns gleich erkannt.)

Angedacht war erstmal ein blind date zu zweit und vielleicht an den folgenden Tagen noch eine Fortsetzung, bei der unser gesamter Anhang mit von der Partie sein sollte.
Für den Fall, dass wir uns mit diesem Vorhaben zu weit aus dem Fenster gelehnt hätten, wurde vorab sicherheitshalber eine Parole vereinbart, mit der man sich nach dem ersten Abend auf unpeinliche Art aus der Affäre hätte ziehen können, wenn die Chemie doch nicht gepasst hätte (meine: „Sorry, der Hund hat Durchfall, wir können leider nicht weg“).

Der Hund hatte weder real, noch fiktiv Durchfall und auch die andere Seite machte von ihrer Parole keinen Gebrauch.

Stattdessen haben wir viel gefuttert, geredet, gelacht und sind noch mehr gelaufen. Außerdem weiß ich dank ihrer botanisch-biologischen Expertise nun endlich, wie der Kokon der Gespinstmotte aussieht (und sie kann nun zielsicher „an Russ’n“ bestellen).

Danke, liebe Heike, für die Initiative – es waren zwei rundum schöne Begegnungen mit Dir und Euch!

Bis zum nächsten Mal gelobe ich, mich nachts nicht mehr im Gärtnerplatzviertel zu verlaufen, aber ich hoffe, ich konnte diesen faux pas durch die heute präzise vorbereitete und ohne jede Panne durchgeführte Groß-Expedition durch den nördlichen Englischen Garten wieder wettmachen.

Im Aumeister (vergrößern lohnt nicht, da ist keiner von uns drauf!).

Hikeonart & pseudopregnant Pippa & Kraulquappe.

Ein schönes restliches Wochenende wünscht allen Leserinnen und Lesern
Die Kraulquappe.