Possierlichkeiten in Paarbeziehungen oder: Die Staublaus.

Nach acht Wochen des coronabedingten (relativen) Kaserniertseins in Stadt und Wohnung war es diese Woche soweit: der Gatte durfte musste nach der längsten Pendelpause, die es in unserer Beziehung je gab, nun doch mal wieder an seinen Dienstort reisen. Die Universität Frankfurt hat zwar immer noch geschlossen bzw. praktiziert aktuell ein Online-Semester, es standen aber ein paar Termine an, die der Gatte nur vor Ort wahrnehmen wollte konnte.

Und sagen wir es mal so: Obwohl unsere Langzeitbeziehung überwiegend unter dem Label „Ein Tag ist schöner als der andere“ läuft, ist es nach acht Wochen am Stück dann doch nicht ganz so dramatisch, wenn die Wohnungstür auch mal wieder ins Schloss fällt und der Kontakt zum Lieblingsmenschen für vier Tage nur via Telefon und Email möglich ist.

Gestern stand nun des Gatten Rückkehr an. Die Wochenendeinkäufe waren gerade erledigt und die Spuren von vier Tagen Strohwitwenleben beseitigt, da fiel mir in der Küche – konkret: beim Rühren des Gugelhupfteigs – ein, dass es vielleicht ganz geschickt wäre, den Gatten noch vor seiner Heimkehr über ein Ereignis zu informieren, das sich während seiner Abwesenheit in der Wohnung zugetragen hatte und das womöglich in die Kategorie „Kleine Störenfriede in einer großen Liebe“ fallen könnte, da es einem Themenbereich entstammt, bei dem in der Vergangenheit nie nicht immer Einigkeit herrschte und die Wahrnehmungen signifikant ein wenig voneinander abwichen.

Die Rede ist von sich anbahnenden Defekten/Schäden/Katastrophen im gemeinsamen Zuhause. In unserer Dyade bin grundsätzlich meist ich diejenige, die derlei zuerst sieht/hört/riecht/ahnt, den Gatten folglich darauf aufmerksam macht bzw. danach befragt, ob er „es“ denn auch sähe/höre/röche/ahne.
Und Sie ahnen schon, was jetzt kommt, nicht wahr? Genau!
Solche Situationen gehen in 100 99% aller Fälle zu meinen Ungunsten aus, d.h. ich muss mich der Übertreibung und/oder der Hypersensibilität bezichtigen lassen und anschließend zusehen, wie ich alleine mit meiner angeblichen „Paranoia“ zurechtkomme.
Was dann immer meist so endet, dass eines Tages der Hausmeister, Lolek oder ein anderer Helfer zu Besuch kommt (fairerweise muss ich sagen, dass dann, wenn diese Besuche anstehen, auch der Herr Gemahl bereits etwas sieht/hört/riecht/ahnt, wenn auch nicht immer dasselbe wie ich, aber das sind zu dem Zeitpunkt dann vernachlässigbare Differenzen, deren Ausführung hier nicht weiter lohnt).

Ein Beispiel: Kurz nach der langwierigen Badrenovierung und Wasserschadensanierung nahm ich in dem ans Bad angrenzenden Schlafzimmer in einer Ecke des Raumes plötzlich einen minimal modrigen Geruch wahr, und zwar exakt dort, wo einst wochenlang eine der Heizplatten zur Trocknung der Wände aufgestellt worden war. Die Ecke war längst von der Wasserschadenfirma als getrocknet bezeichnet und von Lolek frisch gestrichen worden. Oben an der Decke meinte ich zudem, wieder einen neuen (oder alten?) Fleck durch das frische Weiß durchscheinen zu sehen. „Einbildung!“, sagte der Gatte, er sähe und röche dort rein gar nichts, ich sähe wohl Gespenster.
Genauso verhielt es sich übrigens mit der ans Bad angrenzenden Toilette: auch dort sah ich zwei Wochen nach Abschluss der Badrenovierung erste verdächtige Flecken an der frisch gestrichenen Wand. Was für „Gespenster“ daraus wurden, darüber berichteten wir hier und hier.

Mit diesem Erfahrungsschatz im Nacken setzte ich mich, nachdem der Gugelhupf in den Ofen bugsiert war, an den Schreibtisch und schrieb dem Gatten fix eine Mail. Wir sind beide keine Mit-dem-Handy-in-der-Öffentlichkeit-Telefonierer und da ich ihn im ICE auf dem Heimweg wusste (und zudem davon ausging, dass er in seine Arbeit vertieft sein würde), wählte ich diese diskrete Form der Mitteilung, um ihn auf seine Ankunft daheim einzustimmen.

Der Einfachheit halber kopiere ich Ihnen den entscheidenden Part der Mail in diesen Blogbeitrag hinein, da mich die Verwendung der indirekten Rede über längere Strecke dann doch etwas anstrengt:

„(…) Im Bad gibt es übrigens eine neue, unschöne Entdeckung. Ich habe das jetzt erstmal ein paar Tage beobachtet, bevor ich es dir sage, denn sonst wärst du mir vermutlich gleich wieder ins Gesicht gesprungen. Aber nun halte ich meine These/Diagnose für relativ gesichert und daher für mitteilbar: Wir haben Staubläuse im Bad. Das ist keine klassische Lausart, sondern ein kleines, an sich harmloses, aber in seinem Wohnverhalten dann doch irgendwie lästiges Tierchen. Wie ich jetzt auf „diesen Schmarrn“ komme? Ganz einfach!
Das, was ich neulich für deine unachtsam verstreuten Rasurkrümel hielt (du erinnerst dich bestimmt an meine Nachfrage, ob dir der Barthaarschneider ausgekommen sei), hatte ich ja bereits weggewischt. Am Tag drauf waren die kleinen, grauen Pünktchen aber wieder da. Nun gut, dachte ich, ist ja auch viel Bart, der da gut gepflegt wurde, beim Lüften könnte sich da schon nochmal was verteilt haben. Also wieder weggeputzt. Am nächsten Tag – und da warst du dann schon außer Haus und konntest als (erneuter) Verursacher definitiv nicht mehr im Frage kommen: schon wieder graue Brösel. Ich war irritiert, guckte, wo die überall rumliegen (ausschließlich auf dem nagelneuen, blitzblanken, weißen Waschtisch) und stellte plötzlich fest, dass die sich ja bewegen! Da dachte sogar ich kurz, ich würde halluzinieren. Aber letztlich ging es mir wie einst Galileo: sie bewegten sich tatsächlich!
Wieder den Lappen genommen, wieder alles entfernt. Dabei die Entdeckung, dass die größte Horde der kleinen Genossen in deinem Zahnputzbecher saß. Alles ausgewischt, mit kochendem Wasser ausgespült usw. Am nächsten Morgen dann die nächsten Tierchen. Dann hat es mir gereicht und ich habe recherchiert, was das sein könnte. Am Fenster sitzen die nämlich nie, immer nur auf dem Waschtisch, also kommen sie eher nicht von draußen rein, sondern leben bereits irgendwo in unserem neuen Bad. Im Spiegelschrank waren sie gottseidank nicht anzutreffen, allerdings vereinzelt an den Fliesen, die an den Waschtisch grenzen.
Die Recherche ergab dann: Es handelt sich um Staubläuse. Diese Spezies tritt in Räumen auf, die feucht sind, v.a. aber in Räumen, in denen es Schimmelbildung gab oder gibt oder in denen versteckte Feuchtigkeit vorhanden ist. Staubläuse sind ein häufiges Phänomen in Neubauten, die noch nicht durchgetrocknet sind, und ein nicht seltenes Phänomen in renovierten Räumen, in denen sich nach Verputzungen oder Verfliesungen o.ä. Bauarbeiten noch Staunässe verbergen könnte. Staubläuse sind an sich ungefährlich (und haben seltsamerweise weder was mit Staub noch mit Laus am Hut), können aber bei Menschen, die zu Allergien neigen, diese verstärken oder neue auslösen, erfreulicherweise aber nur, wenn sie in Massen auftreten (die Population in unserem Bad würde ich trotz all meiner „paranoiden Neigungen“ noch nicht als Masse bezeichnen). Chemie hilft gegen die Tierchen nur kurzfristig; wird die Ursache nicht beseitigt, kommen sie immer wieder. Sie ernähren sich überwiegend von Schimmelsporen und Flechten.
Das war eine unangenehme Erkenntnis, zumal sie auf denselben Tag fiel wie die Erkenntnis, dass leider an allen Türrahmen durch das Malerkrepp, das Lolek & Co. dort angebracht hatten, beim Abziehen der Klebebänder Lackflächen abgesprungen sind, so dass der alte vergilbte Lack nun wieder durchscheint.

Wenn du also wieder da bist, würde ich dich bitten, dir das Staublausphänomen mal anzusehen und es dann mit zu beobachten. Mir geht es jetzt erstmal drum, rauszufinden, wo die Viecher verstärkt sitzen und wie viele es sind. Wir werden zudem ab sofort die Lüftungsweise etwas umstellen und in den nächsten Tagen die Heizung im Bad volle Pulle laufen lassen, das wird auf einschlägigen Seiten (es gibt übrigens allen Ernstes die Seite: www.staublaus.de !) empfohlen. Oberstes Ziel ist, den Raum so trocken und warm wie möglich zu halten, denn Staubläuse hassen Wärme. Ich hoffe, es ist damit in Griff zu bekommen (weil es sich vielleicht und hoffentlich nur um Restfeuchte von den Bauarbeiten handelt), denn wenn nicht, dann heißt das, dass der Wasserschaden nicht komplett behoben war und hinter den neuen Fliesen noch Feuchtigkeit steckt – und dann gute Nacht!
Das mit dem abgeplatzten Lack werde ich Lolek sagen, ich hab nämlich keine Lust, das so zu belassen oder selbst nachzupinseln, weil das nicht so einfach ist mit dem Türlack an solchen Kanten. Nächste Woche kommt Lolek ja eh mehrfach zu uns, sofern er bis dahin mit seiner Baustelle in Mühldorf fertig ist, und verputzt das Loch in der WC-Wand, behebt die Undichtigkeit an der einen Silkonfuge und streicht das WC, da muss er halt dann auch noch mit dem Lack an den Türrahmen nacharbeiten.
Ich vermute übrigens, das Ganze ist eine Strafe Gottes oder aber Bill Gates steckt dahinter. Lass uns, wenn es ganz arg kommt, doch ggf. über ein Auswandern nach Nordkorea nachdenken, wo einen der Staat weniger verarscht und manipuliert. Vielleicht wird dort auch besser gebaut und renoviert. (…)“

Nur bei robustem Nervenkostüm oder allgemeiner Wurschtigkeit rate ich zur Vergrößerung dieses Beweisfotos.

Der Gugelhupf war längst fertig, als ich eine Antwort auf meine Mitteilung erhielt.

„Liebste Natascha,
habe eben erst deine Mail gelesen, weil ich in ein Gutachten vertieft war. Die letzten Minuten vor Einlaufen des ICEs in den Münchner Hbf habe ich nun aber natürlich damit verbracht, mich auf die Ankunft in unserem kontaminierten Heim vorzubereiten, indem ich mir nach Lektüre deiner Mail ein äußerst hilfreiches Video zur Einstimmung ansah (siehe unten).
Bis gleich, ich bringe Brezen mit! Dein R.“

Nie wird man als Frau und/oder Hausvorstand mit seinen Sorgen und Nöten ernst genommen!

Sollten Sie, liebe Leserinnen und Leser, persönliche Erfahrungen mit Staubläusen und/oder Langzeitbeziehungen haben, dürfen Sie gern aus dem Nähkästchen plaudern, vielleicht haben Sie den einen oder anderen brauchbaren Tipp?!
Und ansonsten freue ich mich über jedweden Zuspruch (verbitte mir hingegen Kritik, Augenbrauenhochziehen, Spott und die Zusendung von weiteren Horrorvideos zur geschilderten Thematik) und wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Bleiben Sie staublausfrei!

Zwischen Drive-in und Tough-out.

Ein kleines, coronafreies Quiz: Welche Story vermuten Sie hinter diesem Foto?

Keine Idee? Na, vielleicht hilft Ihnen das hier weiter:

Groschen gefallen? Yep, richtig!

Lolek is back!
Also eigentlich war er nie so richtig weg, nur mal kurz für den Sonntag, seinen einzigen freien Tag in der Woche.
Der Spaß ist doch noch nicht zu Ende. Und es gibt auch immer noch irgendwo eine Bäckerei, die Krapfen verkauft.
Damit halte ich Lolek bei Laune. Und mich ebenfalls.

Momentan betreiben wir Nachbesserungen und Feinschliff.
Letzteren gottseidank ohne Feinstaub, nach zwei Tagen Durchputzen täte ich sehr ungern wieder ganz von vorn anfangen.
Ich lerne jetzt die Welt der FI-Schalter und Ihrer Fehlermeldungen kennen, eine sehr erdende Beschäftigung, wenn auch teils eine düstere, weil dem Bade halt das Lichte fehlt.

Außer Lolek geht mittlerweile auch Dimitros täglich bei uns ein und aus. Dimitros ist Elektriker und ein Spezl von Lolek. Im Unterschied zu Lolek mag er keine Krapfen und schenkt dem Dackelfräulein kaum Beachtung. Dafür trägt er Handschuhe und eine Atemschutzmaske, rollt das „r“ und sagt ein recht deutsch klingendes „tschüss“ (mir gefällt Loleks polnischdeutsches „tschuss“ viel besser, denn das passt klanglich auch mehr zu dem, was hier so abgeht).

Der Wiedereinbau der Kammerregale ist ein Kapitel für sich. Oder zwei. Interessiert aber en detail eh keine Sau außer den unmittelbar Betroffenen.
Nur so viel: Heute hat er jedenfalls nicht wie geplant stattgefunden, dieser Kammerregalwiedereinbau, weil die polnische Interpretation meiner Maßgabe „Die Kammer muss bis in das letzte Eckchen absolut baugleich bleiben“ eine andere war als die von mir intendierte.

Da ist jetzt ein Aufputz-Kabelkanal, der ein einem Eckchen 15mm Platz beansprucht, auf einer Länge von 80cm, und somit muss der gute Herr Wurm von der Wasserschadenfirma, der das Regal ausgebaut hat, am Montag nochmal wiederkommen, um die Regalbretter und Seitenwände zurechtzusägen und dann einbauen zu können.
Genau das wollte ich vermeiden.

Einen größeren Schock erleide ich aber nicht, als Herr Wurm aus der Kammer herausruft, hier passe etwas nicht, denn ich war instinktiv längst davon ausgegangen, dass das nicht reibungslos klappen würde und zwar schon, bevor die Kammer demontiert wurde.
Überhaupt trügt mich mein Gefühl in Handwerksdingen selten, leider hilft mir diese Gabe praktisch herzlich wenig, sondern verdirbt bloß den Nachtschlaf und den Teint.

Lolek entschuldigt sich tausendfach, dass er Bolek nicht besser beaufsichtigt hat, als jener in der Kammer werkelte und eine Leitung aus dem Sicherungskasten rauszupfte und ins Bad rüberlegte, und schenkt uns als Entschädigung das neu eingebaute WC (das der Vermieter nicht übernehmen wollte, weil das alte zwar völlig verranzt und verkalkt war, aber eben noch funktionstüchtig und als Münchner Vermieter muss man da schon aufpassen, dass einem die Mieter nicht übermütig werden vor lauter neuen Kacheln und Badewannen).
Drauf gschissn also, im wahrsten Wortsinne – das ist ein fairer Deal,. Ich hätte Lolek auch für ein halbes Abflussrohr diese Panne verziehen, aber ich nehm auch ein ganzes Klosett.

*****

Vor unserer Haustür hat gestern der Drive-in für Rachenabstriche eröffnet.
Zu Füßen der Patrona Bavariae nun ein paar Zelte, etliche Schilder und eine lange Schlange Autos. Wartezeit aktuell: drei Stunden, eher mehr. Die Polizei regelt die Zufahrt und den Warteschlangenkoller.

Drumherum schaut’s aus, als würden sie ein größeres Areal schon mal vorsorglich für einen spontanen Lazarett-Bau präparieren. Platz wäre ja auch genug vorhanden, hier auf der Wiesn. Das Frühlingsfest ist abgesagt, genau wie das Oldtimertreffen. Und bis zur fünften Jahreszeit, und ob die stattfinden wird oder nicht, denkt derzeit eh noch niemand.

Ich gönne mir eine kurze Pause fern der Baustelle Wohnung mit Frischluft und Sonne. Auf jeder Bank sitzt brav nur 1 Mensch, den Kopf zumeist gesenkt, wg. Smartphonegucken, Sonnenbrille vergessen oder allgemeinem Trübsinn.
Erstaunlich viele Kinder springen hier noch herum, Klein- und Großfamilientreffen finden statt, die schiefhängenden Haussegen schon gut hörbar. Lagerkollergesichter, Verschwörungstheoriegeräderte und durchschnittlich Angsthabende. Dazu noch Sporttreibende, Allesignorierende, Schulfreigestellte und emsige Radkuriere.

Die Ausgangssperre rückt mit jedem Gruppenkaffeekränzchen und -pläuschchen und Kinderhordenkreischen näher.
Auf meinem linken Knie landet ein Marienkäfer, dem das alles wurscht sein kann. „Du genießt deine Käferfreiheit“, sage ich zu ihm, „und wir haben das Dackelfräulein, das uns den dreimaligen täglichen Ausgang sichern wird, wir haben es doch noch ganz gut erwischt, oder?“

*****

Mehr möchte ich für heute nicht sagen zur coronaren Lage in der Isarmetropole, aufgrund eigener Psychohygienemaßnahmen und um mir eine gewisse Sorte von Nicht-Diskussionen heute vom Leib zu halten, mit der ich in den letzten Tagen konfrontiert war.
Denn kaum spitzt sich die Coronakrise zu, meldeten sich erste Kritiker sich zu Wort, weil ihnen irgendetwas in einem meiner coronaren Beiträge, derer es ja noch gar nicht viele gab, nicht behagte. Drei Meldungen waren es, um genau zu sein, dem einen missfiel ein Satz, dem anderen ein Foto, dem dritten ein Kommentar eines anderen Lesers.

Ich diskutiere gern, ich erkläre auf Nachfrage auch gern meine Haltung, ebenso gern kläre ich Missverständnisse auf oder vermittle zur Not sogar mal unter den Kommentatoren. Am liebsten auch gleich hier, an Ort und Stelle, wo sich ja die Quelle befindet, an der sich der Unmut entzündete und die Diskussion dazu auch am besten stattfinden sollte, aber meinetwegen auch auf anderen Kanälen, falls dem Leser oder der Leserin irgendwas aufstößt, das er/sie zwar unbedingt loswerden möchte, nur eben lieber nicht öffentlich.

Was mir aber aufstößt, sind kritische Kommentare mit (prinzipiell begrüßenswerten) Hintergrunderläuterungen, die nur vordergründig zur Diskussion einzuladen scheinen, weil sie so persönlich verpackt oder wortreich oder beides daherkommen, weshalb ich selbstverständlich gleich dazu Stellung nehme und ebenfalls meine Hinter- und Beweggründe erläutere – und dann kommt dazu aber nix mehr zurück oder nur ein schmales, schales Sätzlein, dass es ja sooo wichtig nun auch wieder nicht sei.
Eine Art Zurückrudern, als habe man es ja nur mal sagen wollen (aber lieber nix dazu hören wollen), also eher ein Abwürgen der Debatte, die ja kaum begonnen hat.

Das ist in meinem Augen nichts weiter als ein fruchtloser Austausch, um nicht zu sagen: ein nutzloser Schlagabtausch, keinesfalls aber eine echte Auseinandersetzung mit sachlichem Argumentieren, keine konstruktive Diskussion, die ja neben dem Loswerden der eigenen Kritik ebenso beinhalten sollte, auch den anderen anzuhören und auf ihn einzugehen, zumal der sich ja die Mühe machte, sich mit der Leserkritik ernsthaft auseinanderzusetzen.

Wenn es sich so verhält, möge man doch bitte am Stammtisch meckern, wo eh keiner dem anderen zuhört oder wirklich antwortet, oder möge man in Zeiten wie diesen, in denen die Stammtische geschlossen haben, einfach in sein Tagebuch hineinmotzen, denn von dort kommt kein Echo, und was dort steht, erzeugt auch keine Widerworte und stellt keine unbequemen Nachfragen, die einem dann abverlangen würden, sich womöglich tiefergehender (oder konkreter) mit dem eigenen Spontangepolter zu befassen.

Was Sie hier in diesem Blog lesen, liebe Leserinnen und Leser, und zwar ganz egal, ob es um Corona, Leben, Tod, Mütter, Väter, Dackel, Nachbarn, Handwerker, Biersorten, Berggipfel, Liebe, Leiden, musikalische und hygienische Vorlieben und Abneigungen, Krapfen von Kustermann oder Krümelschubladen von Toastern geht, ist meine Sicht auf eben diesen meinen Ausschnitt der Welt, den ich im Augenblick des Schreibens (und je nach Lust und Laune) näher oder ferner betrachten möchte oder zu betrachten vermag.

Sie sind jederzeit eingeladen, sich dazu zu äußern: ablehnend, zustimmend, herumalbernd, mitweinend, nachfragend, hinterfragend, interessiert, animiert, argumentierend, ergänzend, erläuternd, flossenklopfend, schwanzwedelnd und sogar bellend, wenn es nicht in Dauergekläffe ausartet, denn dann, so meine ich, passen wir wohl einfach nicht zusammen, so vom Kommunikationsverhalten, Stil und Anspruch her.

Das wäre dann wie Hund und Katz, die auch nicht dieselbe Sprache sprechen, und die man zwar mit Mühe und Beharrlichkeit aneinander gewöhnen kann, aber solche Bemühungen, die würde ich mir gern für das Leben jenseits meines Blogs aufheben, und selbst dort nur für die Situationen, in denen derlei Anstrengungen oder Anpassungsleistungen zwingend erforderlich sind.

Wie beispielsweise das Telefonat mit dem Hersteller der in den verkehrten Maßen gelieferten Duschtrennwand, das ich jetzt noch führen muss.
Einer dieser Menschen, denen es immerzu gelingt, auf eine Email alles Mögliche und Unmögliche zu antworten, aber zu der einzigen Frage, die darin enthalten war, hartnäckig schweigen.

Ein einziges Kommunikationstrainingslager, diese Monate nach dem Wasserschaden.

Zumindest in der Hinsicht bin auch ich bereits nah am Lagerkoller.

*****

München, Theresienwiese, heute. Zoomen Sie’s groß, dann sehen Sie die Drive-in-Schlange. Lassen Sie’s ungezoomt, dann sehen Sie einfach schönen bayrisch-blauen Himmel.

Was vom Winter übrig blieb.

Der Winter 2020 braucht kein Faschingsgetöse mehr, um vertrieben zu werden, nur noch ein paar Sonnentage und dann war’s das mit ihm.

Die Grödeln hätte man getrost daheim lassen können, von den Würstln für die beiden Hundedamen hingegen hätten’s ruhig ein paar mehr sein dürfen. Nicht mal ansatzweise Futterneid, Popo an Popo liegend auf der Hütte die Eckbank geteilt, bei der Heimfahrt um ein Haar noch gemeinsam in einem (!) Körbchen geschlafen – ja, dass wir DAS noch erleben dürfen, solch eine Harmonie und Gelassenheit…
Nun gut, die Chef-Frage war von der ersten Begegnung an eindeutig geklärt und dann funktioniert das halt auch. Hunde kommunzieren untereinander in einer Klarheit, von der sich mancher Mensch eine Scheibe abschneiden könnte.

Eine neue Hundefreundschaft beginnen zu sehen und parallel dazu den Anfang einer neuen Menschenfreundschaft zu (emp)finden – welch Geschenk!
Danke an den großen M. & die kleine Shiva für den gemeinsamen Ausflug in die Tegernseer Berge.

Was sonst noch so war (oder ist oder sein wird).

Der heutige Dienstag beginnt ungeahnt fröhlich: mit Lachtränen am Frühstückstisch. Mein Privater Pressespiegel, den ich seit Jahren abonniert habe und dessen morgendliche Präsenz neben meinem Schokostreuseltoast ich nicht mehr missen möchte, hat heute wieder ein paar besondere Schmankerl für mich vorgesehen, unter anderem einen Artikel von Max Scharnigg über das antiquierte Katalogwesen. Er lag ganz oben auf dem Stapel der sorgsam vom häuslichen Pressebeauftragten aus der Süddeutschen Zeitung herausgetrennten und gefalteten Seiten, auf denen jeweils mit buntem Leuchtstift der von mir zu lesende Artikel markiert ist, damit ich nicht aus Versehen meine wertvolle Lebenszeit mit nutzloser Lektüre vergeude. Aus allen Ressorts erhalte ich so stets das nach meinen individuellen Maßstäben Wichtigste (bzw. das nach denen des häuslichen Pressebeauftragten als solches Erachtete) – und das verzehrfertig portioniert. Besser geht es nicht, vor allem morgens.

Dem Gatten gebührt wirklich ein Orden dafür, dass er seine Nebentätigkeit als häuslicher Pressebeauftragter schon seit Jahren zu meiner vollen Zufriedenheit ausübt (genauso wie seinen Job als Serienbeauftragter, der besonders dann, wenn eine Serie von Feiertagen ansteht, gewissenhafteste Planung voraussetzt, um Pannen wie z.B. jene, dass einem plötzlich am 25.12. gegen 20:37 Uhr der Stoff ausgehen könnte und man womöglich hinaus ins Kino müsste – oder überhaupt irgendwie hinaus in die Welt des weihnachtsfeiernden Volkes -, unbedingt zu vermeiden) und mir dadurch das Hantieren mit der für meinen Geschmack einfach viel zu großen, unhandlichen Gesamtzeitung konsequent erspart (und bitte kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Hinweis auf digitale Abos: eine Zeitung ist und bleibt etwas, das ich auch mal anfassen können möchte und das keine teuren Reparaturen verursachen darf, wenn es mir in die Badewanne fällt).
Da der Private Pressespiegel meist im Laufe von ein paar Tagen entsteht, da er ja von Hand gesammelt und erstellt wird (der Begriff handverlesen erschließt sich einem hier ganz neu, fällt mir gerade auf) – je nachdem eben, wie der Gatte neben seinem universitären Hauptjob halt grad die Zeit findet für diese nebenberuflichen Sperenzchen – erspart er mir sogar die Druckerschwärze an den Fingern, da die Seiten bis dahin oft schon gut abgehangen sind.
Sehr angenehm, so ein Pressespiegel, ich kann es Ihnen nur empfehlen, falls Sie auch zu denen gehören, die sich nicht gern beim Umblättern von diesen monströsen Tageszeitungen die Butter vom Brot nehmen lassen.

Zurück zu dem Katalog-Artikel von Scharnigg. Toll geschrieben zum einen, zum anderen eine herrliche Erinnerung an uralte Zeiten, in denen ich mir abendelang mit H., als es noch nett und entspannt war mit ihm, aus dem Manufactum-Katalog vorlas und wir aus dem Gegackere und den Begeisterungsstürmen ob dieser Sprache gar nicht mehr herauskamen.
H. war übrigens der schwäbische Theologe und Psychologe, mit dem ich seinerzeit einen nicht mal einjährigen Beziehungsversuch praktizierte, der dann aber an Hs Eifersuchtswahn scheiterte (Bsp.: Ich, mit nassen Haaren, auf dem Rad sitzend, vom Schwimmen heimkehrend und ihn freundlich grüßend – er, mit trockener Miene, vor meiner Haustür wartend und mich sofort anmeckernd, wen ich denn im Schwimmbad getroffen hätte, da ich ja so glücklich aussähe – und wehe, es entfuhr einem dann auch noch ein Lachen), was insgesamt gut so war, denn auf lange Sicht hätte mich dieser Dialekt sowieso zu sehr strapaziert.

Auch Gemütslage und daraus resultierende Handlungsaussetzer bei der Lektüre des Sport-Schuster-Katalogs fasst Scharnigg grandios zusammen (dasselbe gälte auch für den Globetrotter-Katalog, mein erklärter Liebling unter den etablierten Outdoor-Œuvres). Mit den anderen drei Katalogen habe ich persönlich kaum Erfahrung, dennoch habe ich mehrfach geschmunzelt beim Lesen.

*****

Stirnrunzeln und Kopfschütteln löste hingegen dieser Tage die bahnbrechende Erkenntnis aus, dass ich meine ersten drei Lebensjahre ja im Glockenbachviertel verbracht habe. Es war daheim immer nur die Rede von „Auenstraße“, die Eltern haben nie das Viertel dazu genannt.
Hätte man in 47 Lebensjahren durchaus schon ein klein wenig eher herausfinden können. Es verhielt sich hiermit aber wohl wie mit Liedern, die man in frühester Kindheit gelernt hat: manche Worte, Sätze, Refrains hat man nie so recht verstanden, sie in ihrer Bedeutungsentleertheit aber auch nie hinterfragt, und erst Jahrzehnte später fiel’s einem wie Schuppen von den Augen, dass der See gar nicht stahlig herumlag, sondern dass es schlicht und einfach still und starr liegt der See hieß. Holla!

*****

Bei frühlingshaften Temperaturen geht’s morgen endlich mal wieder an den See, der putzmunter und ohne jede Eisscholle drauf im Föhnsturm vor sich hinwogen wird.
Das Fräulein und ich wollen den Papa besuchen, ein paar Dinge für ihn regeln, gemeinsam ein vorgezogenes Weihnachtsessen verdrücken, auch wenn die für morgen angekündigten 17 Grad am Alpenrand dem Wallberg das dünne Schneekapperl, das er schon trug, schnell wieder abziehen werden und dort dann nicht viel an Weihnachten oder Winter erinnern wird.
Mir aber eh wurscht, da ich ja mit diesem Fest nicht viel am Hut habe (und ehrlich gesagt auch nicht mal einen Hut besitze).

*****

Apropos Redewendungen: ein netter Österreicher, mit dem ich gelegentlich Mails tausche, schreibt mir neulich „Wünsche Dir baldige Besserung mit Deiner Backe“ und ich stutze und frage mich, was er damit wohl meinen könnte. Zahnprobleme hab ich ja nun keine. Und auch kein Furunkel am Allerwertesten.

Scrolle dann in der Mail weiter runter, bis zu meiner letzten Mail, um zu gucken: hab ich mich da vielleicht irgendwo vertippt? Nein, hab ich nicht, ich schrieb ihm dort lediglich, ich hätte grad „gesundheitliche Probleme an der Backe“.
Das lässt in der Tat zwei Lesarten zu – und es erheitert mich wirklich sehr, welche der beiden er gewählt hat.

*****

Nicht minder erheiterte mich die vom Postillon vor einigen Tagen veröffentlichte Liste der 25 häufigsten Google-Suchanfragen der Deutschen in 2019. Tatsächlich konnte ich nach zweifachem Genuss dieser Aufzählung lange nicht einschlafen, vor lauter Gekicher. Es gibt wahrliche schlimmere Ursachen für Schlaflosigkeit, sagte ich mir, und las die Liste gleich noch ein drittes Mal.
Falls Sie auch mal nicht einschlafen können, nehmen Sie doch einfach an einem kleinen Gewinnspiel teil: Finden Sie meine drei Favoriten in dieser Liste und Sie gewinnen eine selbstgebrannte Mandel oder Musik-CD, ganz nach Gusto (oder meinetwegen auch ganz nach Gustl).

*****

Zurück zur Gesundheit und dem, was da so an der Backe haftet. Ziemlich hartnäckig pappt es da. Aber man muss auch kleine Erfolge wertschätzen sowie das Drumrum dieser kleinen Erfolge. Der Osteopath hat einige Schmerzpunkte weggezaubert, ich check‘ es zwar nicht, wie der das macht, aber er macht’s. Sogar zum Freundschaftspreis, weil man kennt einander nun seit 15 Jahren, 10 davon als Privatpatient, da ist man quasi für magerere Jahre schon ein wenig in Vorleistung gegangen. Der Ellenbogen nun um Welten beweglicher, die Schulter tageweise schmerzfrei, der Nachtschlaf auch besser.

Und weil sich’s so ergab – er ist nämlich wirklich ein sehr netter Mensch, dieser Osteopath – bot er an, sich das Fräulein auch mal anzusehen. Umsonst, weil er ja keine spezielle Ausbildung für Tierbehandlung hätte.

Die Sitzung hat mich extrem angerührt: diese großen Therapeutenhände auf dem kleinen Hundekörper, und so erstaunlich, wie schnell sie ganz ruhig wurde und still hielt und ihn, den sie noch nie zuvor gesehen hatte, einfach machen ließ. Beruhigendes Ergebnis zudem, dass der Knubbel rechts neben der HWS, den ich seit längerem beim Kraulen spüre, eine muskuläre Sache ist – mir fällt ein Stein vom Herzen.

*****

Wenn aber momentan ein Stein vom Herzen fällt, kippt das Schicksal sogleich ein paar Brocken nach. Der Obdachlose aus der Unterführung hier in der Nähe ist nur zwei Wochen nach seinem Hund gestorben.
Mir bleibt die Spucke weg und wird noch kälter als mir eh schon ist, als ich’s erfahre.

„Bubi, du darfst mir nicht erfrieren!“, das sagte er noch vor rund einem Monat zu seinem alten Hund. Ich hörte es, weil ich durch die Unterführung joggte und meinem Walkman just der Saft ausgegangen war (genau wie mir, nachdem ich Zeuge dieser Szene geworden war).

Brachte ihm später eine Decke für seinen Bubi. Hat aber nichts mehr geholfen, der Hund starb trotzdem wenige Tage später. Und neulich, wieder durch die Unterführung zum Park laufend, sehe ich die alte Decke bei einem anderen Obdachlosen und frage spontan nach, wo denn der ursprüngliche Besitzer der Decke sei. „Is‘ tot“, sagt der Unterführungskollege, rollt sich in die Decke ein und dreht sich zur Seite.
Da gefriert einem echt das Blut in den Adern und der heimische Wasserschaden wirkt auf einmal reichlich banal.

*****

Dennoch möchte ich Ihnen den Status quo zu diesem kleinen, heimischen Desaster nicht vorenthalten, zumal mir klar ist, dass manch eine/r von Ihnen mich sonst eh per Mail oder fernmündlich um Auskunft ersuchen würde. Weil das ja schon ein arg hässlicher und fieser Fleck war, der sich da in unserer Kammer ausbreitete und die Regalreihen eine nach der anderen zu okkupieren drohte. Da würde ich auch nachfragen, wenn ich wüsste, ein Freund oder eine Freundin hätte einen solchen Fiesling mitten in der Wohnung sitzen.

Sage und schreibe 13 Tage nach meiner Schadensmeldung klingelte hier – natürlich zur absoluten Lieblingszeit (vor 8 Uhr morgens) – ein Mitarbeiter einer Firma mit dem verheißungsvollen, aber verlogenen Namen „Schaden365“. Verlogen, weil mindestens 13 Tage gehören hier ja abgezogen und man weiß nicht, wie’s anderen ergeht.

Ein freundlicher Mann in – mit noch schlafverklebten Augen betrachtet – Glen-Hansard-Optik, nur jünger und mit schlechter sitzenden Hosen, betritt schwer bewaffnet die Wohnung. Das Dackelfräulein begrüßt ihn aufs Herzlichste, denn sie weiß: Handwerker kommen grundsätzlich nur hier vorbei, um mit ihr zu spielen (und man muss sagen: manchmal ist das ja tatsächlich das einzig positive Ergebnis solcher Besuche). Sie bringen immer große Boxen mit, in denen viele Spielsachen drin sind, die sich toll von einer Dackelschnauze stibitzen lassen und wunderbar über den Parkettboden gekickt werden können. Außerdem gehen sie kurz nach Ankunft auf die Knie, um auch auf Augenhöhe mit ihr spielen zu können, nachdem sie sich zuvor intensiv die Ohren und den Bart säubern ließen. Pippa liebt Handwerker, Heizungsableser und Hausmeister, bislang beruhte das auch meist auf Gegenseitigkeit.

Der nette Herr von „Schaden365- minus-mindestens-13“ hat Spielsachen dabei, die auch ich noch nie gesehen habe. Eine Wärmebildkamera beispielsweise. Damit kann man den Verlauf der Rohre hinter der verschimmelten Wand nachvollziehen, wenn man Wasser hindurchschickt, und auch noch einiges andere wie heimliche Nebenpfade, die das Wasser sich gesucht hat, aufspüren. Klasse Sache!

Nach anderthalb Stunden ist die undichte Stelle hinter der Wannenarmatur gefunden und abgedichtet, in der Kammer der Putz oberflächlich, aber fürs Erste gründlich genug abgeschlagen und alles stinkt nach Chlorbleiche. Wir haben außerdem ein paar neue Begriffe aus der Wunderwelt der Wasserschäden gelernt und die Empfehlung erhalten, dass der gesamten Wand zwischen Bad und Kammer im Frühjahr, wenn das Bad erneuert wird, ein Neuaufbau gut täte. Na, das wird ein Spaß!

*****

Das habe ich Ihnen, glaube ich, noch gar nicht berichtet, oder? Im Zuge des Wasserschadens und des Begehungstermins letzte Woche hier vor Ort, habe ich unserem Vermieter die Zusage für ein komplett neues Badezimmer aus den Rippen geleiert. Das war eigentlich so ein Fernziel von mir, für 2021 oder 2022, man muss ja die Wünsche an diese Münchner Vermieter sehr wohldosiert platzieren und bloß nicht zu viele oder zu kostspielige auf einmal, aber jetzt bot es sich an, das vorzuziehen, denn so schnell kommt so eine Gelegenheit nicht wieder, dass der Vermieter höchstselbst die vergilbten Silikonfugen am Wannenrand und die fragwürdigen Fugen im gesamten Fliesenspiegel mal zu Gesichte bekommt und ich mich live sowohl sehr glaubhaft als spießige Hausfrau als auch als bemitleidenswerte Allergikerin präsentieren kann.

„Schauen Sie, wir halten Ihre Wohnung wirklich sehr gut in Schuss und haben hier auch schon viel investiert, das sehen Sie ja, da wäre es doch schön, wenn ich nicht dauernd niesen müsste und mir endlich mal keine Sorgen mehr machen bräuchte, wo vielleicht als nächstes der Schimmel durchbricht…“ – bei diesem (inhaltlich weit übertriebenem) Satz den Vermieter wie beiläufig ins ordentlich gewienerte Bad geführt, so dass ihm der Kontrast zwischen der schon seit weit vor Einzug vorhandenen Baufälligkeit dieser Nasszelle und meinem redlichen Bemühen, das Beste daraus zu machen, zwangsläufig auffällt, ja: auffallen muss, und als ich zum nächsten, die Notwendigkeit eines neuen Badezimmers untermauernden Argument ausholen möchte, unterbricht er mich bereits und meint „Ja dann wird das jetzt einfach mal gemacht. Und zwar gleich im Februar oder März. Was hätten Sie denn gern alles erneuert? Fliesen? Wanne? Der Boden, geht der noch?“
Nein, natürlich geht auch der Boden nicht mehr bzw. der vorhande wird dann nicht mehr zu den Fliesen passen, die wir uns vorstellen. Alles muss raus. Wenn schon, denn schon.

In die große Vorfreude auf eine nahende Badzukunft ohne Ekelsilikon und Schimmelsporen mischt sich allerdings auch bald blanker Realismus.
Zu präsent sind sie noch, die Wochen der Umzüge und der Handwerkeleien aus den Jahren 2017 und 2018, zu präsent ist auch noch die Erinnerung daran, dass Renovierungen jeder Art immer auch Baustellen jenseits der eigentlichen Baustelle mit sich bringen, neben all den anderen möglichen Seiteneffekten, dem Dreck, dem Terminchaos und dem unvermeidbaren Verhau hier herinnen.

Im Hinterkopf formiert sich daher schon seit Tagen ein Fluchtszenario: Wenn man das Ganze so richtig gut vorbereiten würde, sich da selbst organisatorisch reinhängen würde, anstatt das alles dem Vermieter zu überlassen, dann wäre es ja eventuell denkbar, dass man nach ein paar Tagen, in denen man Lolek & Bolek (treue Leser erinnern sich vielleicht noch an die beiden und tatsächlich besteht nun die Aussicht auf ein „Lolek&Bolek 2.0“, ja wer hätte das gedacht?, aber die können halt alles, von der Türschwellenschreinerei über Lackierungen und Anstriche bis hin zum Fliesenlegen) hier eingewiesen und ihnen ein bisschen auf die Finger geschaut hat, vielleicht die restliche Zeit allein werkeln lässt, sich währenddessen anderswo einquartiert, wo man auch Duschen und Baden kann – und erst dann wiederkehrt, wenn hier alles erledigt und alles wieder gut ist.

****

Dass alles gut sein möge, diese Sehnsucht wohnt ja nicht nur still und leise in jedem Einzelnen von uns, sondern auch unüberhörbar in urbanen Treppenhäusern. Die Nachbarin, im Grunde eine ganz Nette und Unkomplizierte, ist auf dem besten Wege, sich den Status nett und unkompliziert, den sie bislang bei mir genoss, nachhaltig zu ruinieren. Seit einiger Zeit schleudert sie mir bei unseren Zufallsbegegnungen im Treppenhaus jedesmal ein mit Hast rausgeprustetes „Und? Wie isses? Geht’s euch gut?“ entgegen. Bislang habe ich das mit einem sozialverträglichen „Ja“ quittiert, wohl wissend, dass ein „Nein“ ja nicht das wäre, was die nette, unkomplizierte Nachbarin zu hören beabsichtigt.

Diese nachbarschaftliche Anpassungsleistung meinerseits war jedoch ein großer Fehler, denn jetzt hat sie ihre unselige Floskelfrage zu einem noch zeitsparenderen „Na, alles super?“ umgemodelt und sich damit nun das längst fällige „Nö!“ von mir eingehandelt.
Woraufhin wir dann ins Gespräch kamen, was eigentlich auch nicht in meiner Absicht lag, da ich es vorziehe, Treppenhausbegegnungen kurz, nett und unkompliziert zu halten und mich nicht in längere oder gar persönlichere Unterredungen verwickeln zu lassen.

Womöglich ist mein Wunsch, es bei einem freundlichen „Hallo“ samt Blickkontakt zu belassen auch nichts wesentlich Anderes als das ehemalige „Und? Wie isses? Geht’s euch gut?“ der Nachbarin. Hätte sie es nur dabei belassen!

*****

Für heute belasse ich es bei diesen Einblicken und Ausblicken, sende Ihnen herzliche Grüße, verbunden mit dem Wunsch, dass bei Ihnen alles gut oder sogar super sein möge – und sollte das nicht rundum der Fall sein, so wie bei mir ja auch, dann wünsch‘ ich Ihnen, dass Sie’s auch nicht zu bitter oder zu ernst nehmen, erst recht nicht in dieser für viele ja eh schon recht anstrengenden Vorweihnachtswoche.

Von Verlässlichkeit, Fortpflanzungstrieb und Gerichtspflege.

„Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenns ihm gut geht, und eine, wenns ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion.

Der Mensch ist ein Wirbeltier und hat eine unsterbliche Seele, sowie auch ein Vaterland, damit er nicht zu übermütig wird.

Der Mensch wird auf natürlichem Wege hergestellt, doch empfindet er dies als unnatürlich und spricht nicht gern davon. Er wird gemacht, hingegen nicht gefragt, ob er auch gemacht werden wolle. (…)

Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören. Man könnte den Menschen gradezu als ein Wesen definieren, das nie zuhört. Wenn er weise ist, tut er damit recht: denn Gescheites bekommt er nur selten zu hören. Sehr gern hören Menschen: Versprechungen, Schmeicheleien, Anerkennungen und Komplimente. Bei Schmeicheleien empfiehlt es sich, immer drei Nummern gröber zu verfahren als man es grade noch für möglich hält.

Der Mensch gönnt seiner Gattung nichts, daher hat er die Gesetze erfunden. Er darf nicht, also sollen die andern auch nicht.

Um sich auf einen Menschen zu verlassen, tut man gut, sich auf ihn zu setzen; man ist dann wenigstens für diese Zeit sicher, daß er nicht davonläuft. Manche verlassen sich auch auf den Charakter.

Der Mensch zerfällt in zwei Teile:

In einen männlichen, der nicht denken will, und in einen weiblichen, der nicht denken kann. Beide haben sogenannte Gefühle: man ruft diese am sichersten dadurch hervor, daß man gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion setzt. In diesen Fällen sondern manche Menschen Lyrik ab.

Der Mensch ist ein pflanzen- und fleischfressendes Wesen; auf Nordpolfahrten frißt er hier und da auch Exemplare seiner eigenen Gattung; doch wird das durch den Faschismus wieder ausgeglichen.

Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen haßt die andern Klumpen, weil sie die andern sind, und haßt die eignen, weil sie die eignen sind. Den letzteren Haß nennt man Patriotismus.

Jeder Mensch hat eine Leber, eine Milz, eine Lunge und eine Fahne; sämtliche vier Organe sind lebenswichtig. Es soll Menschen ohne Leber, ohne Milz und mit halber Lunge geben; Menschen ohne Fahne gibt es nicht.

Schwache Fortpflanzungstätigkeit facht der Mensch gern an, und dazu hat er mancherlei Mittel: den Stierkampf, das Verbrechen, den Sport und die Gerichtspflege.

Menschen miteinander gibt es nicht. Es gibt nur Menschen, die herrschen, und solche, die beherrscht werden. Doch hat noch niemand sich selber beherrscht; weil der opponierende Sklave immer mächtiger ist als der regierungssüchtige Herr. Jeder Mensch ist sich selber unterlegen.

Wenn der Mensch fühlt, daß er nicht mehr hinten hoch kann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die sauern Trauben der Welt. Dieses nennt man innere Einkehr. Die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für verschiedne Rassen: Alte haben gewöhnlich vergessen, daß sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, daß sie alt sind, und Junge begreifen nie, daß sie alt werden können.

Der Mensch möchte nicht gern sterben, weil er nicht weiß, was dann kommt. Bildet er sich ein, es zu wissen, dann möchte er es auch nicht gern; weil er das Alte noch ein wenig mitmachen will. Ein wenig heißt hier: ewig.

Im übrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen läßt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot.

Neben den Menschen gibt es noch Sachsen und Amerikaner, aber die haben wir noch nicht gehabt und bekommen Zoologie erst in der nächsten Klasse.“

{Kurt Tucholsky: „Der Mensch“. Aus: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 9, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 230-231.]