Across the border oder: Auf eine Wassermelone.

In der proppenvollen Arena unterhielt M. wie immer die Leute um uns herum. M. hatte diese Gabe, alle, die sich in seiner Nähe befanden, in Gespräche zu verwickeln. In lockere, zwanglose, meist sogar amüsante Gespräche. An seiner Seite konnte man gar nicht anders, als daran zu partizipieren, zumindest in Situationen, in denen man unter den vorderen 1.000 in einer Arena eingepfercht war, folglich sowieso nicht hätte fliehen können und das auch gar nicht wollte, weil man ja freiwillig und gern dort war, um an einem wundervollen Sommerabend auf den Beginn einer drei- bis vierstündigen musikalischen Messe zu warten.

An einem solchen Abend lernte ich dank M. vor fünf Jahren T. kennen. T. stand links von uns und versuchte, mit einem etwas schwachen Edding ein Request-Plakat zu bepinseln. Ich half ihm dabei. Am Ende stand „Local Hero“ auf der Pappe. Ich stutzte kurz und dachte mir: „Sieh mal an, ein Song, dem du bislang nie irgendeine Beachtung geschenkt hast – und für den ist das sein allergrößter Wunsch…“.
Bruce schenkte dem Plakat leider ebenfalls keine Beachtung, was aber angesichts der Tatsache, dass die Fan-Gemeinde an dem Abend das weltbeste „Back in your arms“ zu hören bekam, auch völlig egal war (ich denke, auch für T.). Bei „Thunderroad“ tauschten wir Telefonnummern und Mailadressen aus, er wollte mir seinen Video-Mitschnitt von „Back in your arms“ schicken (damals hatte ich noch kein Smartphone, was für T. unbegreiflich war).

Fortan schrieben wir uns drei Jahre lang Mails (Sie machen sich keine Vorstellung davon, was es unter Fans alles auszutauschen gibt!) und 2016 sahen wir uns schließlich bei der nächsten Tournee wieder. München, Olympiastadion: ich mit Kalkschulter, dem Gatten und M., er mit Sohn und ebenfalls gesundheitlich etwas angeschlagen.
Eine echte Fanfreundschaft hat natürlich Potenzial (trotz aller Gebrechen und Distanz), so viel ist schon mal klar. Blöd wird’s nur, wenn der gemeinsam verehrte Held seit anderthalb Jahren ausschließlich am Broadway herumtingelt und herumsingt, und nicht abzusehen ist, ob er a) in absehbarer Zeit mal die Freude daran verlieren wird und b) dann gleich die nächste Welttournee in Angriff nimmt, so dass sich wieder ein gemeinsames Konzerttreffen ergäbe.

Und bei den 500km, die zwischen meiner und T.s Heimat liegen, kann man halt nicht einfach mal „auf einen Kaffee gehen“.
Ein Wiedersehen stand also seit 18 Monaten in den Sternen. Wir mailten tapfer weiter.

*****

Als sehr klug hat es sich übrigens erwiesen, neulich aus einer Laune heraus eine „Nachfrist“ für Geburtstagspräsente zu verkünden.
Denn andernfalls hätte sich T. wohl im Leben nicht getraut, einer Pünktlichkeitsfanatikerin mit einiger Verspätung noch diesen netten Gutschein für eine kleine Butterfahrt zukommen zu lassen.

Als der Gutschein vor ein paar Wochen eingetrudelt war und ich all das Kleingedruckte, das es bei derlei Butterfahrten oder durch Rubbellose gewonnenen Kurzurlauben ja stets akribisch unter die Lupe zu nehmen gilt, ausgiebig studiert hatte, fand ich die Sache dann (bis auf die halbe Wassermelone) doch einigermaßen vertrauenserweckend, so dass ich beschloss, in die detailliertere Planung einzusteigen.

Erstmal folgte allerdings eine Ernüchterung. Es stellte sich nämlich heraus, dass T. nur noch an genau 5 Tagen im August Zeit haben würde – und da der Gutschein ja bloß drei Wochen gültig ist, musste da Einiges hin und her geschoben und eilig mit dem Gatten koordiniert werden. So ist es ja immer bei diesen Pseudo-Schnäppchen und den geschenkten Gäulen: der Teufel steckt im Detail.

Und nicht nur terminlich, auch räumlich bin ich T., der tief im Südwesten lebt, deutlich entgegengekommen. Damit er nur ein Training versäumt. Ja, allen Ernstes, das war auch so eine der Vorgaben! Dabei darf er selbstverständlich stattdessen mit mir trainieren, wenn auch Schwimmen nicht so sein Ding ist, aber mei, so ein Fußballer kann seine Wadln ja durchaus auch mal ins Wasser bewegen.

T. versuchte zunächst noch perfide, Werbung für ein landschaftlich und preislich idyllisches Landhotel an der Mosel oder im Schwabenländle zu machen, aber keine Chance: Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und das Saarland schloss ich von vornherein rigoros und aus zutiefst empfundenen Vorurteilen aus. Im Gutschein stand schließlich ausdrücklich drin, dass es ein Ort meiner Wahl sein dürfe. Nachdem ich T. dann mit der Steiermark, dem Salzkammergut oder gar Wien – „mal so als erste Überlegung eines möglichen Zieles“ – geschockt hatte, war er schlussendlich geradezu selig, als ich mit der Frankreich-Idee um die Ecke gebogen kam: „Wie wär’s denn mit Straßburg?“
Für ihn sind’s nur anderthalb Stunden mit dem Auto, für mich eine hoffentlich hübsch klimatisierte Zugfahrt unter vier Stunden und anschließendem Shuttle im hoffentlich krümelfreien Auto vom Straßburger Bahnhof zum Hotel.

Auch bzgl. der Hotelwahl verhielt ich mich äußerst entgegenkommend, habe von wirklich reizenden Schloss- und Boutiquehotels sowie noblen 5-Sterne-Palästen Abstand genommen (obwohl’s mich ja mal interessiert hätte, wie es da so ist) und einfach was Solides und Freibadnahes gewählt. Straßburg hat nämlich ein architektonisch äußert schickes Bad mit 50 Meter-Becken, das sollte man sich nicht entgehen lassen, wenn man schon mal dort ist. Nach einer kurzen, von T. initiierten Diskussion, ob im angedachten Hotel evtl. auch zwei Einzelzimmer mit Durchgangstür in Frage kämen (weil einen Zacken billiger), wurden dann zwei Doppelzimmer zur Einzelnutzung und ohne Verbindungstür gebucht. Es geht nix über ein eigenes, unbeengtes Zimmer mit nur einem Zugang, da bin ich strikt. Wir sind ja nicht auf der Berghüttn! Außerdem teile ich mir ungern Badezimmer mit Männern (den Gatten mal ausgenommen).

Dafür, so sagte ich zu T., verzichte ich auch auf die im Gutschein aufgeführte halbe Wassermelone. Ich hasse nämlich Obst, aus dem man Kerne entweder umständlich rauspopeln muss oder die Dinger einem nach Verzehr zwischen den Zähnen klemmen.
Auf Antibrumm Forte, das in den Gutscheinleistungen inkludiert ist, da T. weiß, dass Abende mit mir zum Horrortrip werden können, wenn auch nur eine einzige Mücke vorbeischwirrt, verzichte ich ebenfalls, da ich mitten in der Stadt nicht mit solchen Mückenhorden rechne wie sie mich in einem Landhotel an der Mosel überfallen hätten. Zum Ausgleich darf T. die Tourismusabgabe, die zum Übernachtungspreis hinzukommt, übernehmen (Antibrumm Forte wäre sowieso viel teurer gekommen – vielleicht ist da jetzt sogar noch ein Croissant drin, wir werden es sehen).

Jedenfalls ist nun alles geritzt & gebucht und das auch schon seit zwei Wochen und sofern die Gleise nicht von der Hitze geschmolzen sind oder „Nadine“ irgendwelche Oberleitungen auf der Alb beschädigt hat, geht’s dann morgen los.

Lieber T., danke für das prima Geschenk – ich freu mich sehr auf unsere Butterfahrt, sei pünktlich am Bahnhof, gern auch direkt am Bahngleis (du weißt ja, das Gepäck & mein Ellbogen sind keine gute Kombination), leg den richtigen Bruce in den CD-Player, vergiss die Badehose nicht und lass bloß diese unsägliche Wassermelone daheim!

Il ne faut pas laisser croitre l´herbe sur le chemin de l‘amitié.

In diesem Sinne: See you tomorrow in Strasbourg!

*****

Tonight my bag is packed
Tomorrow I’ll walk these tracks
That will lead me across the border

It goes to show you never can tell. Zum 7. Juli 2018.

Mit den herzlichsten Glückwünschen nach Köln an einen meiner ganz frühen Bruce-Mitstreiter – anbei zum Jubeltag ein Ständchen, das exakt heute vor 5 Jahren dargeboten wurde und bei dem mich allein die Suche nach der passenden Tonart (G-Dur, A-Dur, ja was denn nu?) und die Abstimmung mit Stevie und Nils absolut begeistert hat.

Dir, lieber M., für dein neues Lebensjahr always the right key (to life, to universe, to an old parked car!?) und dazu stets die richtige Musik und Begleitung – das wünsch‘ ich Dir!

It was a teenage wedding and the old folks wished them well
You could see that Pierre did truly love the Mademoiselle
And now the young Monsieur and Madame have rung the chapel bell
„C’est la vie“ say the old folks
It goes to show you never can tell

They furnished off an apartment with a two room roebuck sale
The coolerator was crammed with TV dinners and ginger ale
But when Pierre found work, the little money comin‘ worked out well
„C’est la vie“ say the old folks
It goes to show you never can tell

They had a hi-fi phono boy did they let it blast?
Seven hundred little records all rock, rhythm and jazz
But when the sun went down the rapid tempo of the music fell
„C’est la vie“ say the old folks
It goes to show you never can tell

Regentage.

Regen konnte man das eigentlich gar nicht mehr nennen, was da ab Dienstagnachmittag über unsere Stadt hereinbrach.

Als ich abends mit meinem großen Freund S. telefonierte, mussten wir uns fast anschreien, um einander verstehen zu können, so laut hämmerten die Wassermassen gegen die Fenster. Die Straßen nachts völlig überflutet, das Dackelfräulein angewidert und beherzt mit großen Sätzen von Grünstreifen zu Grünstreifen springend.

Am nächsten Morgen dieselbe Lage, nur der Starkregen hatte sich zu Normalregen gewandelt, immerhin.
Ich sah aus dem Fenster und wusste: das ist einer dieser Tage, an denen der Hund 3x abgeduscht werden muss und 2 Pfotenhandtücher in der Wäsche landen und überhaupt alles ziemlich nass und ungemütlich werden wird und der Gatte natürlich in Frankfurt sitzt, wo es nicht halb so doll regnet wie hier.

An solchen Tagen (allein mit Hund) fasst man entweder gleich frühmorgens den Beschluss, sofort das Stimmungsruder herumzureißen und sich nicht vom Weltuntergangswetter anfressen zu lassen – oder man ist verloren und geht unter in den Fluten der grauen Asphaltflächen und der verschlammten Isarauen (gen Süden braucht man auch nicht fliehen, da sind ganze Ortsdurchfahrten wegen der Wassermassen gesperrt).

Ich fasste also den Beschluss, es würde ein guter Tag werden und raffte mich als Allererstes zu einer kleinen beruflichen Weichenstellung auf, die mir etwas im Magen lag und notierte dann beim Morgenkaffee etliche mistwettergeeignete Punkte auf meine Erledigungsliste, um die ich mich schon länger herumdrückte.

Zum Beispiel jenen, dem Gatten bis WM-Anpfiff hier daheim das Fernsehen zu ermöglichen. Nein, nein, das ist nicht trivial und in 5 Minuten erledigt, wo denken Sie hin? Dafür muss man heutzutage nicht mehr bloß einen Stecker in die Steckdose drücken und ein Antennenkabel in die Buchse schieben. Erst recht nicht als Vodafone-Kunde, der im Rahmen seines DSL-Anschlusses überraschend zu IP-TV verdonnert wurde. Da hocken Sie erstmal vor einem Karton (Receiver) und einem Papierberg (Bedienungsanleitung, Installationsanleitung, mehrseitige Schreiben von Vodafone mit allen möglichen 32-stelligen Codes, die man an allen unmöglichen Stellen im Installationsprozess eingeben muss), packt aus, liest, studiert, schüttelt den Kopf, googelt, um zu verstehen, versteht irgendwann so halberlei und wurschtelt am Fußboden sitzend mit all den Geräten und Kabeln und Zetteln herum. Und natürlich ist das LAN-Kabel nicht lang genug, so dass man den WLAN-Repeater umstöpselt und es damit probiert, was dann dank des LAN-Ports, den der Repeater hat, auch funktioniert, aber halt nur so, dass man im Wohnzimmer über etliche kreuz und quer gespannte Kabel hüpfen müsste, bis man mal auf der Couch säße. Kann man dem Gatten nicht zumuten, nicht eine ganze WM lang, wo er die doch auch aus beruflichen Gründen gucken muss, wie ich aus der Zeitung erfuhr.

Also das Mittagsgassi kurzerhand zu Saturn verlegt, um einen Powerline-Adapter zu besorgen. Zu Saturn können wir nun zu Fuß laufen, weil wir hier ja eine Spitzen-Infrastruktur rundum haben und nicht mehr für jeden Mist ins Auto steigen müssen, so wie damals in Suburbia. Wir queren im strömenden Regen die Theresienwiese und staunen nicht schlecht: zum einen haben sich dort so große Pfützen gebildet, dass Enten munter darin ihre Runden schwimmen und zum anderen haben sie am nördlichen Ende der Wiesn binnen zwei Tagen (die wir da nicht so genau hingeguckt haben) ein Zeltdorf für die Afrika-Tage errichtet (möge das Oktoberfest doch ähnlich fix auf- und abgebaut sein).

Das Dackelfräulein findet es prima bei Saturn. Untere Regalfächer mit kleinen Kisten drin hatten es ihr schon immer angetan: die purzeln so lustig aus dem Regal, wenn man sie mit der Nase anstupst und dann kann man sie im Flur herumkicken bis sie unter die Regale kullern! Binnen weniger Minuten hatte sie ihr Publikum gefunden und fünf Saturn-Mitarbeiter rissen sich erst darum, mit dem kleinen Hund Powerline-Adapter-Boxen in den Gängen hin und her zu schießen und warfen sich schließlich alle auf den Boden, um das Dackelchen zu streicheln (man warnt dann: „Vorsicht, sie hat ganz dreckige Pfoten und der Bauch trieft entsetzlich!“, aber das juckt keinen, trotz Arbeitskleidung, die ja noch ein paar Stunden kundentauglich getragen werden muss) und schlussendlich in einer Gemeinschaftsaktion die Kisterln wieder unter den Regalen hervorzuangeln und in die Fächer zurückzustellen (Teambuilding, vom Kunden gesponsert). Leider war daher erstmal kein Kundenberater mehr frei, der mich zum Powerline-Adapter-Kauf hätte beraten können, es ist immer derselbe Graus in diesen Geschäften, man muss sich allein durchschlagen durch den Produktdschungel.

Daheim angekommen beseitigen wir alle Wetterspuren an Mensch und Hund – und weiter geht’s auf dem Wohnzimmerboden, mit neuen Schachteln und Zetteln, so lange, bis alles läuft. Die WM kann kommen!

Zur Rekreation turne ich danach ausgiebig zwischen Fensterbänken und dem Schreibtisch herum, um endlich Maß zu nehmen für die Verdunkelungsjalousien, die der Gatte braucht, um endlich ohne Schlafbrille (wobei ihm die gut steht, finde ich, sie hat so was zorromäßiges!) nächtigen zu können (sein Zimmer ist das einzige ohne Rolladen und von Vorhängen und dergleichen können wir frühestens im Herbst zu träumen wagen).
Und wieder ein Haken auf der Liste – die Dinger sind eine gute Stunde später bestellt und werden nächste Woche etwa gleichzeitig mit dem Handwerksfreund hier eintreffen (es geht nichts über gute Koordination).

Ich gönne mir zur Belohnung eine warme Mahlzeit und stöbere beim Essen in anderen Blogs. Und entdecke die druckfrische Rezension über das Kiefer-Konzert vom vergangenen Wochenende meiner Konzertfreundin Sori. Ja super! Endlich hat mal jemand kenntnisreich etwas über die musikalischen Aspekte geschrieben und den Abend nicht nur aus Groupie-Sicht beleuchtet! Die Lektüre weckt in mir sogleich mehr Appetit auf Musik als auf meine Linguine mit Spargel, muss ich feststellen.
Beim Abwasch denke ich dann: Warum nicht einfach mal wieder ganz spontan sein und genau diesem Appetit (oder Hunger?) folgen, so wie man das früher gemacht hat, als man noch jung und frisch war und sich einbildete, die Welt (oder das Leben?) böte täglich 1000 tolle Chancen (und gehöre einem), und man müsse nur zugreifen?

Eine halbe Stunde später sitzen das Dackelfräulein und ich im Auto und brettern in einer Stunde und sechsundzwanzig Minuten in die Nürnberger Südstadt.
Die Musikkneipe heißt HIRSCH, sieht aber eher nach Wildschwein aus, davor eine lange Schlange, trotzdem ist das mit dem Ticket schnell geregelt, so dass noch Zeit für ein lauschiges Gassi (in Nürnberg: null Regen!) im Industriegebiet bleibt. Das Auto wird nochmal umgeparkt, so dass es besonders ruhig und geschützt steht, damit die Hundedame ungestört schlafen kann. Zeitlich ist es plötzlich doch etwas knapp geworden (falls Sie es noch nicht wissen: Hunde spüren, wenn ihre Menschen nur darauf warten, dass sie ihre Geschäfte verrichten und ihnen dann Alleinsein und Warten droht, da können Sie dann ein 3x längeres Gassi als sonst einplanen, bis alles erledigt ist und Sie gehen dürfen!), ich renne zum HIRSCH rüber, die Schlange ist längst weg, von drinnen hört man schon die Musik wummern, verdammt!

Vor lauter Eile irre ich mich im Eingang, drücke irgendeine Klinke herunter und stehe in einem Vorraum, in dem kein Kartenabreißer und auch sonst niemand steht, sehe eine weitere Tür, öffne sie und schlüpfe eilig hindurch – und gerate direkt hinter die Bühne, wo mich ein Roadie (und zwar der langhaarige Gitarren-Tausch-Buddy) vom Kiefer abfängt und mich auf Englisch drauf hinweist, dass ich hier falsch sei. Ja sowas. Ich antworte, dass ich keine Zeit mehr für Umwege hätte, weil doch das Konzert gerade begonnen habe (die Band spielte just den Opener! – ja Herrgott nochmal, da kann man doch nicht mehr irgendwelche Eingänge suchen!) und dann klopft der Typ mir auf die Schulter, sagt „allright“ und „come along with me“ und geleitet mich durch den Backstage-Bereich bis zu einem Filzvorhang, den er beiseiteschiebt. Dahinter steht ein Security-Walross mit schwitzigem Gesicht und wildem Bart, an den übergibt er mich mit den Worten „she’s allowed to stay there“ – und so darf ich für die nächsten anderthalb Stunden direkt neben der Bühne verweilen, zwischen dem Verstärker und den Spitzen der Cowboystiefel des Gitarristen.

Front-of-stage-Platz für die Kraulquappe 🙂

Das Security-Walross denkt offenbar, ich sei irgendeine Art VIP und bietet mir höflich aus seinem Getränkevorrat (der auch jener ist, mit dem die Band versorgt wird) wahlweise Wasser, Bier oder Whiskey an (@Gatte in FFM: natürlich nahm ich das Wasser, ich musste schließlich noch heimfahren!).
Der Gitarrist nickt mir freundlich zu, auch der Kiefer guckt herüber und wenn ich nicht schon seit Nürnberg-Langwasser so nötig aufs Klo müsste, würde ich vor sofort Glück platzen (aber so ist es eher die Blase, die kurz vorm Platzen steht). Ich wende mich an den Bärtigen und schildere mein Problem: dass ich ja zu gern ein Wasserfläschchen nähme, aber dringend zuvor eine Toilette aufsuchen müsse, und der Koloss nickt stumm, führt mich durch den Filzvorhang rüber zur Umkleide, zeigt auf eine Tür und knorzt auf Fränkisch, er müsse zurück und würde sich drauf verlassen, dass ich sofort wiederkäme, weil er hier eigentlich niemanden reinlassen dürfe. Ich verkneife es mir also brav, in der Umkleide nach den Zivilklamotten vom Kiefer zu fahnden und beeile mich.
Danach ist alles super: das kühle Getränk, das leichtere Körpergefühl, der grandiose Logenplatz, die tolle Sicht, der Kiefer, der den proppenvollen HIRSCHen rockt.

90 Minuten lang halte ich mich für einen seltenen Glückspilz. Mr. Sutherland springt auf den Sockel des Verstärkers, der vor meiner Nase steht, man könnte jetzt glatt an seine stramme Wade greifen!

Die paar Fotografen von den Lokalzeitungen verlassen irgendwann den Graben vor der Bühne und quetschen sich in das kleine Areal hinein, das ich bis dahin nur mit dem Security-Kerl teilen musste, es wird also etwas enger, aber mei, es geht ja eh schon dem Ende entgegen. Drei Zugaben werden noch gespielt – ein famoses „Knockin‘ on heaven’s door“ diesmal ohne Regen und mit Kniefall! – …

…und dann geht’s durch den Filzvorhang wieder zurück nach draußen und im Schweinsgalopp zum Auto zurück. Das Ticket hätt‘ man gar nicht gebraucht an dem Abend, es ist unversehrt, der Gitarren-Buddy hat’s nicht kontrolliert und sonst auch keiner.

Auch im Auto ist alles bestens, das Fräulein hat friedlich geschlafen, schreckt etwas verwirrt hoch als ich die Tür öffne und schleckt mir zur Begrüßung die Arme ab. Ich packe die Leine und wir drehen unsere Nachtgassi-Runde, die uns wie zufällig nochmal am HIRSCH vorbeiführt, denn wenn man schon weiß, wo der Künstlereingang ist, ist das einfach zu verlockend.
Heute aber gibt’s kein Autogramm- und Selfie-Stündchen mehr, die Band hat’s eilig, es geht noch weiter nach Zürich, daher ist es mit einem kurzen Winken der Crew zur Absperrung rüber getan.
Ich bücke mich zu Pippa hinab, kraule sie hinterm Ohr, zeige zum Tour-Truck, auf den die Band zugeht, und sage: „Schau, Mäuschen, da drüben ist der Hollywood-Star – jetzt hast du den auch mal gesehen!“

Anschließend noch eine entspannte Fahrt durch die Nacht – nix los auf der Straße und bis hinter Ingolstadt alles trocken – und 90 Minuten später liegen wir auch schon zuhause im Bett.

So Regentage können manchmal echt super sein.

Leipzig (2): You sit and wonder just who’s gonna stop the rain.

Die heutige Blogstatistik spricht eine klare Sprache: die Leserschaft kann es entweder kaum erwarten, Teil 2 des Leipzig-Berichts zu lesen oder aber der Ministrantenimbiss-Post schlug ein wie eine Bombe (leider ist die Statistik ja nicht allzu detailliert).

Wurscht.
So oder so war ich noch nicht fertig mit dem Erzählen und schwelge noch im Gefühl vom vergangenen Wochenende.

Als der Kiefer vorgestern in Leipzig zu heftig an die Himmelspforte klopfte (voilà: hier kommt es, mein erstes WordPress-Video!)…

…bewahrheitete sich die Prognose der blöden Wetter-App leider doch noch…

…und das ausgerechnet am einzigen Konzertabend meiner fast 34-jährigen Konzertbesucherkarriere, an dem ich nicht in geschlossenem Schuhwerk, sondern in Sandalen unterwegs war…

…zum Glück aber in Hundebesitzer-Trampel-Sandalen und nicht in solchen mit feinen Lederriemchen oder Straßsteinchen im Geflecht, so dass das Wasser im Gummifußbett sommerwarm die Zehen umspielte und dem Schuh nichts weiter anhaben konnte.
Naja, und vom Rest des phänomenalen Abends haben Sie ja schon gestern gelesen.

Worüber noch kein Wort fiel, ist der Sonntag.

Das lag unter anderem auch daran, dass der mit einem Frühstück begann, das mich sprachlos machte. Zum einen, weil die Wartezeit für eine Tasse Kaffee ungefähr 10 Minuten betrug. Es gab sage und schreibe nur einen Kaffee-Automaten für alle Teilnehmer des Parteitages der Linken, alle Bach-Fest-Besucher, alle Kiefer-Sutherland-Fans und die paar Dödel, die sich am Vorabend zu Dieter Thomas Kuhn verirrt hatten.

Immerhin hatte das Hotelpersonal es nicht versäumt, das Display dieses einzigen Automaten auf den Sonntags-Modus zu stellen:

Zusätzlich zum „Wasser im Pott“ (für alle aus dem Ruhrgebiet Angereisten?) durften die Gläubigen es nach Herzenslust dem Herrn gleichtun und Teewasser zapfen, nach dessen Genuss sie mindestens zum Gehen über die Pfützen im Kopfsteinpflaster vor dem Gewandhaus befähigt wären.

Den anderen Moment der Sprachlosigkeit bescherte mir Sori. Als ich nach einem dieser längeren Kaffeeholausflüge zu ihr an den Tisch zurückkehrte, hatte sie die Zeit meiner Abwesenheit genutzt, um mir einen Brief zu schreiben. Wir Frauen sind so. Wenn wir nicht live miteinander reden können, schreiben wir uns sofort und mit großer Freude Briefe, Emails, Whatsapps.
Vor meinem Frühstücksteller lag ein Kuvert, drauf stand mein Name. Ich fragte, ob ich den Brief gleich lesen solle oder erst später im Zug. Wie ich es lieber wolle, sagte Sori.

Neugierig öffnete ich sofort das Kuvert (Geduld gehörte noch nie zu meinen Tugenden) und drin war kein Brief, sondern ein Stapel Schwarz-weiß-Fotografien, die etwas historisch anmuteten. Ich nahm sie aus dem Umschlag und erkannte den Bruce meiner Jugend (am Gesichtsausdruck, an der Frisur und am shirtsprengenden Bizeps)!
Beim näheren Betrachten begriff ich dann: das waren Original-Fotografien aus den 1980er-Jahren, also genau aus der Ära, in der meine lebenslange Liebe begann.

Und als Sori mich fragte, ob ich denn nicht das Stadion erkennen würde, da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Na sicher, das Münchner Olympiastadion, ganz klar an der Zeltdachkonstruktion zu erkennen…, ja meine Güte, das konnte dann ja eigentlich nur… – und genauso war es auch: Es handelte sich um Fotos von meinem ersten Konzert am 18. Juni 1985!

Das können wahrscheinlich nur Fans verstehen, was einem so ein Geschenk bedeutet!
[@Sori: nochmals 1000 Dank dafür!!! @Herrn Speed: schleifen Sie bitte schon mal das Sägeblatt, ich brauch‘ einen Spezialrahmen Altar für diese Rarität!]

Und weil wir dann eh schon mittendrin waren im Lieblingsthema des Tages, verlegten wir kurzerhand unseren Marsch durch Leipzig erstmal in den Nordwesten der Stadt.

So wie die einen halt sonntags zur Kirche gehen…

…pilgern andere zu ihren musikalischen Gedenkstätten…

…und beschließen die sonntägliche Messe mit Gebeten wie „Gib mir 1x im Leben Lost in the flood live!“ oder „Hol mich 1x zu dir auf die Bühne, zu Jole Blon oder zu Jersey girl!“.

Nach dieser netten Kurz-Wallfahrt spazierten wir dann doch noch in die Altstadt, aber kaum wollte ich Marktplatz und Thomaskirche näher betrachten…

…erspähte die Sori ein E-Street-Band-Fan-Shirt, das an einem Mittfuffziger prangte, der mit seiner Gefährtin unvorsichtigerweise in der ersten Reihe eines Straßencafés beim Brunch saß.

Und schon war man wieder im Gespräch „unter Tramps“ – natürlich waren die zwei am Abend zuvor auch beim Kiefer, denn das ist ja quasi alles irgendwie ein und derselben musikalischen Ursuppe entsprungen. Die Gefährtin noch zu neu, um allzu viel mitzureden („ich war mal bei Rebekka Bakken“ – „Hm, ja, schön!“) und sich insgeheim wahrscheinlich fragend, was ihr da noch alles bevorstünde (zeitlich, emotional und finanziell), wie um alles in der Welt man sich nur an einzelne Songs von x Konzerten erinnern könne („Weißt du noch: Racing damals in Mannheim, 2003, oder Point blank 2009 in Frankfurt?) und ob sie mit dem Kerl wirklich eine gute Wahl getroffen hätte (na klar hatte sie das).
Nach einem ausgiebigen Plausch herzliche Verabschiedung, wie von alten Freunden.

Also eben gar keine Kultur mehr, was soll’s.
Ab zum Bahnhof und wieder nachhause.

Schön war’s!
Thanks to Kiefer & danke, liebe Sori – für den tollen gemeinsamen Trip, die Heiligenbildchen und die halbfeuchten Gauloises, und dann bis spätestens im Herbst hier in München!

You sit and wonder just who’s gonna stop the rain
Who’ll ease the sadness, who’s gonna quiet the pain
It’s a long dark highway and a thin white line
Connecting, baby, your heart to mine!

Nachtrag, 13. Juni: Link zum lesenswerten Leipzig-Bericht auf Soris Blog!

Leipzig (1): Drinking warm beer in the soft summer rain.

Eigentlich müsste es heißen „barefoot girl sitting on the hood of a Dodge drinking warm beer in the soft summer rain“, aber wir waren nunmal nicht barfuß und hockten auch nicht auf einem Dodge rum.

Aber der Rest stimmt so – und nach 21 Stunden mit S. musste dieser Beitrag einfach mit einer Songzeile von Springsteen beginnen. Noch dazu mit einer, in der es regnet und aus der man zugleich spürt, wie unerheblich so ein Regen doch sein kann, wenn man in der richtigen Gesellschaft und am richtigen Ort ist.

Es war wirklich ein kleines, feines Open-Air.

In der „Parkbühne“ standen wir mit Bier und bester Sicht (schätzungsweise Reihe 13) umeinander. Kein Show-Schnickschnack, der abgelenkt hätte, kein Gedränge und Geschubse, das den Musikgenuss gestört hätte.

Im Gegenteil. Als der Sommerregen begann, flohen ein paar Sensibelchen aus den vordersten Reihen an den überdachten Rand der Arena, so dass wir ganz locker noch ein gutes Stück weiter vorsprinten und dort am Wet-T-Shirt-Contest in front of Mr. Sutherland teilnehmen konnten.

Da S. mir freundlicherweise kurz vor Konzertbeginn noch erzählt hatte, dass sich bei Kiefer-Sutherland-Konzerten auffällig viele Ü40-Frauen aufführen würden wie die Teenager, nahm ich das als Freibrief und tat mir von Anfang an keinerlei Zwang an.

Nach anderthalb Stunden hemmungslosem Mitsingen und -tanzen schwappten wir triefnass, aber glücklich zum Ausgang, holten uns noch einen Absacker und da eh schon alles wurscht war (die Welt so rund, die Seele so weit, das Herz so erfüllt von Musik!) nahm ich sogar eine der halbfeuchten Gauloises von S. – noch nicht ahnend, wie schicksalhaft diese erste Zigarette seit ewigen Zeiten sein würde.

Denn hätten wir nicht so gemütlich vor uns hingequalmt und herumgestanden, hätten wir vermutlich längst das Areal der Parkbühne verlassen gehabt. Was fatal gewesen wäre, weil wir dann nicht mehr mitbekommen hätten, dass an einem Hinterausgang des Geländes eine Handvoll Fans eisern an einem Tor ausharrten und als wir gucken gingen, was es da wohl zu gucken gäbe, kam auch schon der Kiefer zum Tor geschlendert, verteilte großzügig Autogramme und ließ sich cheek to cheek mit seinen Fans ablichten.

Klein isser, dafür umso großflächiger tätowiert. Und ein bisserl fertig und versoffen schaut er aus und gar nicht so muskelbepackt wie zu 24-Zeiten. Trotzdem immer toll, wenn man als Teenager mal so nah rankommt an seinen Star.

Ganz beseelt ins Hotelzimmer zurück, dort sofort raus aus den nassen Klamotten und rein in die skurrile Badewanne…

…in der auch zwei Platz gehabt hätten (und so ein kleiner Kanadier erst recht).

Nach dem Bade war’s nur noch ein Hupf rüber ins Bett und keine 5 Minuten später sind die Lichter ausgegangen (nicht nur die grünen).

Denn man ist halt doch kein Teenager mehr, sondern nach so einem Tag echt platt und richtig froh, wenn man in Morpheus‘ Armen ruhen kann.

Lesen Sie morgen dann „Leipzig (2)“, wo es weniger Kiefern, dafür umso mehr Brucen wird (schließlich war ich ja mit der Sori dort, und es war Sonntag, bekanntlich der Tag des Herrn 😉) oder – wenn Ihnen das Thema auf den Senkel geht oder Sie einer gänzlich anderen Glaubensgemeinschaft angehören – warten Sie einfach ein paar Tage ab, dann gibt’s hier wieder den gewohnten Hunde- und Handwerker-Content.

Herzlich grüßt –
Die Kraulquappe.

On tour: Zwischen Kiefer und Fichte.

Greetings to S. – not from Asbury Park but from the Wiesn.

Servus, Minga!

Selten so auf eine Zugfahrt gefreut.
Einfach mal gut drei Stunden dasitzen, fern der Wohnung und des Werkelns, aus dem Fenster gucken, dem einen oder anderen Gedanken nachhängen und -spüren. Oder ihn sogar notieren.

ICE-Lieblingsplatz: Einzelsitz am Waggonende.

Nachher wird mich S. am schönen Leipziger Bahnhof abholen, wir werden zur Begrüßung schmunzeln, weil wir beide unsere Springsteen-Shirts tragen, werden dann zum Hotel schlendern, unsere zwei Einzelzimmer beziehen, uns anschließend in die Altstadt aufmachen, wo wir uns bei 25 Grad in einen schattigen Lokalgarten setzen, dort Essen und Trinken, und am frühen Abend spazieren wir dann rüber in den großen Stadtpark, in dem ab 20 Uhr der Kiefer rockt. Nach all den Fichten in der Wohnung mal eine willkommene Abwechslung.

Ein kleines, feines Sommer-Open-Air, auf das ich mich seit Monaten freue. Es mit S. zu teilen, wird prima sein. Ein Rosie-Sandy-Mary-Candy-Wendy-Feeling, denn der Bruce hat uns zusammengebracht (und vielleicht ist uns auch das ja eines Tages noch vergönnt, mal gemeinsam auf ein Springsteen-Konzert zu gehen, wer weiß).

*****

So wie der Bruce vor fast genau 5 Jahren (meine Güte: wie die Zeit verfliegt!) in derselben Stadt T. und mich zusammengebracht hat. Kleine Konstanten im Leben: ich trug dasselbe Shirt wie heute und es war ebenfalls ein herrlicher Sommertag. Damals: Open-Air in der Red-Bull-Arena. Zufällig nebeneinander gestanden, vorn in der Arena.

T. versuchte, mit einem dicken, schwarzen Edding ein Request-Schild zu bepinseln, „Local hero“ sollte draufstehen. Zu wacklig, das Ganze. Gemeinsam ging’s dann besser mit dem Beschriften. Und fast vier Stunden später – nachdem man gemeinsam zu „Back in your arms“ fast geheult hatte und beim Encore denselben Favoriten bejubelt hatte („Bobby Jean“) – tauschte man Adressen und Telefonnummern aus, umarmte sich in der lauen Sommernacht und sagte „Wir sehen uns wieder!“, was dann auch so war.
Eine Begegnung, die bis heute Bestand hat. Der Bruce & seine Musik schweißt einen zusammen (natürlich nur, wenn’s drüber hinaus auch noch was gibt, das verbindet), das war schon immer so.

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Leipzig 2013 war aber nicht nur einer meiner Springsteenschen Sommernachtsträume, sondern auch mein vorletzter Konzerttrip mit M., dem jahrelang besten Freund und Begleiter zu allen Konzerten vom Boss. Letzte Begegnung dann 2016 in Berlin, mit Abschied vor den Toren des Olympiastadions – passenderweise nach dem Springsteen-Konzert (jenes, bei dem ich in einem einsamen Moment voller Andacht und Melancholie dachte: möglicherweise ist das das letzte Mal, nicht nur mit M., sondern überhaupt.)

Ich sehe uns noch vor dem Alten Rathaus in Leipzig sitzen, 2013 im Sommer, am Tag nach der Leipziger Konzertnacht, mit Sonnenbrillen vor den müden Augen, plaudernd und in Eiskaffees rührend, und ich erinnere mich ebenso genau, wie ich die wachsende Erkenntnis auszublenden versuchte, dass M. das Fragen mehr und mehr einzustellen schien und sich mit einer Selbstzufriedenheit, die mir unheimlich war, in seinen Anekdoten einzurichten begann und sich geradezu gemütlich darin sonnte. Fraglos, kritiklos, bezugslos.

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Es gibt diese Menschen, die irgendwann keine Fragen mehr an andere haben. Mit denen man eines Tages fast nur noch Story gegen Story tauschen kann und wo Zuhören und Anteilnahme durch schalen Applaus und das heimliche Warten auf Stichworte ersetzt werden.

Auf Stichworte, die den Startschuss geben für den schnellen und geschmeidigen Rollenwechsel, vom Applaudierer zum Anekdotenerzähler und umgekehrt – übrigens eine Kommunikationsform, die man auch gut auf Partys beobachten kann: Hör ich dir zu, hörst du mir zu, aber eigentlich hört niemand mehr hin, sondern jeder nur noch sich selbst.

Ein Graus.

Und danach gehen sie lachend und zufrieden und vielleicht ein bisserl beschwipst heim und sagen sich „Was hab ich mich heut wieder gut unterhalten!“ und genauso ist’s ja auch, das „ich mich“ trifft’s so exakt! – ein Selbstgespräch hätt’s auch getan, wäre da nicht die Gier nach Applaus (selbst wenn’s oft nur ein geheuchelter ist).

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Mir fällt dazu immer ein Satz von Leonhard Frank, dem Würzburger Schriftsteller, ein: „Er war egozentrisch wie ein Kreisel, der sich noch im Totlaufen schwankend um sich selbst dreht.“

Ich kannte ein paar solcher Kreisel, meist trennten sich die Wege irgendwann. Nach einiger Zeit der Beobachtung bekam ich vom bloßen Zusehen einen heftigen Drehwurm, mir wurde unerträglich schwindlig und ich taumelte von dannen.

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Der ICE rauscht an Bamberg vorbei. Ich denke an H., die hier mal studiert hat und meine Besuche bei ihr. Von Würzburg aus übers Land gezuckelt mit dem kleinen roten Fiesta. Damals hörte man im Auto noch Musik auf Kassetten und schnippte die Zigarettenasche beim Fahren aus dem offenen Fenster. 20 Jahre später reist man mit cleaner Sportlerlunge in klimatisierten Wägen.

Glaubt man den väterlichen Überlieferungen, nahm ich meinen ersten Schluck Bier aus einer Flasche Bamberger Rauchbier. Die herben Geschmacksnoten hatten es mir in der Kindheit angetan. Oder der schmucke Bügelverschluss oder das Ploppen, wenn man ihn öffnete. So erzählt es der Papa jedenfalls.

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Noch eine knappe Stunde bis Leipzig. Zeit für die Kopfhörer und ein letztes Mal „Shirley Jean“, mein vermutlich meistgehörter Song 2018, nachher dann live on stage. Wie schön!

Meeting Wolfgang oder: Jraaduss.

Es ist nicht zu fassen. Der Wolfgang!

Da geht mal EINMAL ohne Handy aus dem Haus, und zwar auch noch alle beide OHNE Handy, was eigentlich quasi nie vorkommt, nur eben heute Abend. Meins hing daheim am Ladekabel, der Gatte hatte seins auf dem Schreibtisch liegen lassen. Schließlich wollten wir nur kurz was Essen gehen, weil mir nach meinem Hüttenwochenende schlicht und einfach die Kraft fehlte, mich heute Abend wie gehabt an den Herd zu stellen (Hüttenbericht folgt noch, aber klar!).

Im netten Lokalgarten angekommen, wies uns der Kellner den reservierten Tisch zu und als ich mich setzte und noch damit beschäftigt war, unterm Tisch das ideale Plätzchen für das alte, abgewetzte Restaurantkörbchen vom Dackelfräulein zu suchen, da raunt mir der Gatte schon zu: „Hast du das gesehen? Ist das nicht der Niedecken, da am Nebentisch?“

Und tatsächlich.
Ich gucke jraaduss und da hockt Wolfgang Niedecken (na klar, morgen und übermorgen spielt der ja hier! – fällt’s mir dann ein, ich seh ja schon seit Wochen immer beim Vorbeiradeln am Circus Krone die Plakate hängen).
Umringt von ein paar jungen Kerlen, vielleicht die Jungs, die als Vorgruppe auftreten (blöder Scherz) oder irgendwelche anderen Musiker-Spezln oder -Jünger, mit denen man sich halt so trifft, wenn man in der Stadt ist (der Gatte meint, es waren Journalisten, aber ich hätte gern, dass es Musiker waren). Ins Gespräch vertieft, bei einem frisch gepressten Obst-Gemüse-Saft. Nebst Gattin.

Jetzt bin ich kein riesiger BAP-Fan, aber ich mag manches von denen schon gern, sind halt so Ohrwürmer aus der Jugend (oder auch noch ein paar spätere) und zweimal hab ich die sogar live gesehen und fand’s doch recht gut (freilich auch, weil er „Hungry heart“ spielte 🙂 ). Einmal hab ich ihn solo erlebt mit dem „Niedecken singt Dylan“-Programm, bei dem mir seinerzeit sogar ein Tränchen über die Wange kullerte vor Rührung. Den Dylan ins Kölsche zu übersetzen, das hatte schon was, das war beinahe so gut wie „Ambros singt Waits“, damals im Circus Krone (die Waits-Songs ins Wienerische zu übertragen, das hat mich einfach noch mehr begeistert).
Ach ja, und als Gast auf Springsteens Bühne hab ich ihn auch erlebt, an jenem denkwürdigen Abend in der Kölnarena.

Obwohl ich kein Fan bin, denke ich sofort: Das ist ja toll, dass der Wolfgang da sitzt. Sieht man den mal aus der Nähe (hat sich verdammt lang gut gehalten) und hört den netten Dialekt (für mich gibt es außer München nur noch zwei andere deutschsprachige Städte, die ich – auch sprachlich – liebe: Wien und Köln). Ob man um ein Foto bitten soll? Wenn ja, wie macht man das, ohne dass es völlig peinlich ist? Und dann fällt mir ein, dass mein Handy daheim liegt, und ich frag den Gatten: „Hast du dein Handy dabei?“, er verneint und dann verwerfe ich diese vielleicht eh etwas kindische Idee.

Wir unterhalten uns, wir essen und trinken – und wir bändigen das Dackelfräulein beim Fliegenfischen.
Wie so oft ist es Pippa zu verdanken, dass Kontakte entstehen, wo ohne Hund nie welche zustande gekommen wären. Sie liegt nach einem ihrer zahlreichen und erfolglosen Nach-der-Fliege-schnapp-Versuchen sehr erbärmlich dreinblickend in ihrem Körbchen (in das sie zitiert wurde), in unglücklicher Seitenlage (weil sehr unfreiwillig), mit leicht irrsinnigem Blick nach schräg oben (die blöde Fliege könnte schließlich wiederkehren).
Dieses Bild des Jammers sieht einer der Jungs am Niedecken-Tisch, grinst breit und ruft schließlich etwas zum kläglichen Dackelchen herüber, worauf das Fräulein natürlich nicht antworten kann, also tun wir das. Daraufhin drehen sich alle am Nebentisch zu uns um. Auch der Wolfgang. Und schon ist man im Gespräch. Er hat auch einen Hund, einen Tibetterrier, hätte aber immer gern einen Dackel gehabt, weil er die toll findet, aber leider ist sein dreistöckiges Haus dafür nicht so geeignet. Tja, das stimmt natürlich, Treppen und ein Wursthund sind keine gute Kombination, da ist man als armer Mietwohnungsbewohner definitiv besser dran, denn da kann man problemlos einen Dackel halten.
Ein kleiner Plausch unter Hundefreunden. Anschließend wendet er sich wieder den Jungs zu.

Da das Eis aber nun gebrochen ist, greife ich meine kindische Idee wieder auf, überlege, wie wir das technisch lösen könnten und beim Bezahlen überreden wir die sehr junge Bedienung (die so jung ist, dass sie nicht mal weiß, wer oder was da am Nebentisch bappt), uns doch bitte ihr Smartphone zu leihen, damit wir ein Foto machen und es mir auf mein daheim ladendes Handy schicken können.

Ich klopf dem Wolfgang also auf die Schulter und frag ihn, ob er vielleicht mit dem schönen Dackelfräulein auf einem Bild verewigt werden möchte – und natürlich möchte er das unbedingt.

(Hundefotografie-Gesetz Nr. 1: So ein Hund guckt grundsätzlich nie wie gewünscht in die Linse, schon gar nicht, wenn’s mal schnell gehen muss.)

Aff un zo merk ich dann, wie joot et dunn kann,
Wemmer Luffschlösser baut un op Zofäll vertraut,
Jar nix mieh plant, op jar nix mieh waat – nur su!

Ja, so isses.
Danke, Wolfgang, und dann mal ein gelungenes Konzert an den nächsten beiden Abenden hier in unserer schönen Stadt!

Und natürlich darf das hier nicht fehlen (with special greetings to Sori in meiner österreichischen Herzensstadt!):

Beg (if it means anything to you).

Woran merkt man eigentlich, dass man älter wird?

Unter anderem daran, dass die Songs, an denen man hängt (und an denen Erinnerungen hängen), plötzlich in den Radiosendern gespielt werden, die man, als man noch jung war, als „unter aller Sau“ klassifiziert hatte und bei denen man keine Minute freiwillig hängengeblieben wäre.

Und daran, dass einem Erinnerungen plötzlich Tränen in die Augen treiben, obwohl das vom heutigen Standpunkt aus betrachtet ganz und gar überflüssig ist, was man freilich damals noch nicht ahnen konnte (dass der ganze Herzschmerz sich tatsächlich mal auflösen würde).

Überhaupt wird ja der persönliche Anrührungsquotient mit steigendem Lebensalter immer größer.

Was soll’s.
Sieht einen ja keiner, wenn man ein bisserl schniefend und mit leicht geröteten Wangen durch das schöne Alpenvorland heimwärts fährt, und falls doch, dann könnte man’s ja auch locker auf den ersten dezenten Sonnenbrand dieses Frühlings schieben.

Das hier ist was für Eingefleischte.
Oder für Neugierige oder Sentimentale oder Ältergewordene.

(Und ich möchte jetzt von niemandem, der dabei war, hören, dass der Sound sch**** war, damals an diesem Wahnsinnsabend in der Red Bull Arena. Das mag ja sein, aber in den vorderen zehn Reihen, da spielte das echt keine Rolle, und erst recht nicht bei diesem Prolog samt Kniefall – und allem, was danach kam.)

In my dream our love was lost, I lived by luck and fate
I carried you inside of me, prayed it wouldn’t be too late
Now I’m standin‘ on this empty road where nothin‘ moves but the wind
And honey I just wanna be back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again

Once I was your treasure and I saw your face in every star
But these promises we make at night, oh that’s all they are
Unless we fill them with faith and love they’re empty as the howlin‘ wind
And honey I just wanna be back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again

You came to me with love and kindness
But all my life I’ve been a prisoner of my own blindness
I met you with indifference and I don’t know why
Now I wake from my dream, I wake from my dream to this world
Where all is shadow and darkness and above me a dark sky unfurls
And all the love I’ve thrown away and lost I’m longin‘ for again
Now darlin‘ I just wanna be back in your arms

Leipzig, Sommer 2013, irgendwie noch deutlich jünger.

Song des Tages (18).

In schönster Frühlingssonne durch den Wald gesprintet (erstmals seit Monaten in leichtem Gewand), den uralten iPod wiederbelebt (kein Ersatz für den schönen Schlanken in pink, aber mei), die 380 Songs umfassende Liste auf Zufallswiedergabe gestellt (ausschließlich der Lebenssoundtrack, der in letzter Zeit viel zu kurz kam) und auf dem Trampelpfad mit Blick hinüber zu den Bergen (dort hinten am heimatlichen Horizont leuchtend und lockend) eine Dynamik und Freude verspürt wie schon lange nicht mehr.

Grab your ticket and your suitcase, thunder’s rolling down this track
Well, you don’t know where you’re going now, but you know you won’t be back
Well, darling, if you’re weary, lay your head upon my chest
We’ll take what we can carry, yeah, and we’ll leave the rest

Well, big wheels roll through the fields where sunlight streams
Meet me in a land of hope and dreams

I will provide for you and I’ll stand by your side
You’ll need a good companion now for this part of the ride
Yeah, leave behind your sorrows, let this day be the last
Well, tomorrow there’ll be sunshine and all this darkness past

Well, big wheels roll through fields where sunlight streams
Oh, meet me in a land of hope and dreams

Mit dem Song grüß‘ ich ganz besonders die S. aus dem schönen Wien (in großer Vorfreude auf unseren Konzerttrip nach Leipzig: das grab your ticket ja gerade noch mal gerettet, trotz der kleinen Panne…) sowie den S., der mich bei einem aktuellen Zukunftsprojekt so großartig unterstützt (worüber beizeiten noch zu berichten sein wird).

Einen Frühlingsschwung wünsch‘ ich der geschätzten Leserschaft sowie einen schönen, sonnigen Feiertag!

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@Wien: Kanntest du diese Version schon? (Veteranenvorspann überspringen & Einstieg bei 1:23!)

Ablenken.

Zwei Tage bestes Ablenkungsprogramm!

Die Freundin hat nochmal die Nähnadel geschwungen und aus dem Billig-Babyhöschen einen feinen Dackelpyjama für die Nächte nach der OP fabriziert, aus dem sich das Fräulein hoffentlich nicht herauswinden kann.

Probetragen des Dackelhinterbein-OP-Schutzes…

…mit justierbaren Hosenträgern. Passt!

„Nettes Gewand für nur 8€“, denkt sich der Mensch.
„Was soll jetzt dieser Unsinn?“, fragt sich der Hund (macht aber für ein paar Stückerl Kärntner Bergkäse alles brav mit).

Das beim Medizinischen Fachhandel für malade Haustiere bestellte Teil für 18€ hat hinten und vorne nicht gepasst und ist schon wieder auf dem Weg retour. Es geht einfach nix über ordentliche Handarbeit & Maßanfertigungen.

Gestern dann, pünktlich zum Frühlingsbeginn im schönen Oberbayern, ganztags in die Berge zum Durchlüften.

Die Tannen auf 1.000 Metern Höhe verschneiter als an Weihnachten…

… und nach den zapfigen Stunden im Freien mit der Graseck-Gondel wieder hinab ins Tal.

„Die Phantasie ist ein ewiger Frühling.“ (Friedrich Schiller)

Viel Liebe, Freundschaft und Zuspruch von außen (ganz herzlichen Dank dafür!).

Zur Frühstücksbreze heute die erfreuliche Botschaft, dass der fesche Kiefer sich im Juni die Ehre gibt (und hoffentlich seinen dämlichen Cowboyhut daheim lässt) und kurz danach noch ein überaus nettes und lustiges Telefonat mit einer niedersächsischen Dame vom Kundenservice der Krankenkasse. Mein Orthopäde hat mir ein Tensgerät verordnet, das sei „so eine Art Vibrator für den Ellenbogen“, also ein „echt cooles Teil“, wie mir die Niedersächsin von der BARMER mit ihrer wunderbaren Sabine-Töpperwien-Stimme erläutert – „da werden Sie schon Spaß mit haben“ (uns beiden rutscht ein kurzes, dreckiges herzhaftes Lachen raus). Na dann!

Summa summarum nehme ich das mal als gutes Omen, hoffe auf ein paar Stunden Schlaf heute Nacht und einen reibungslosen Ablauf des für morgen Anstehenden.