Beg (if it means anything to you).

Woran merkt man eigentlich, dass man älter wird?

Unter anderem daran, dass die Songs, an denen man hängt (und an denen Erinnerungen hängen), plötzlich in den Radiosendern gespielt werden, die man, als man noch jung war, als „unter aller Sau“ klassifiziert hatte und bei denen man keine Minute freiwillig hängengeblieben wäre.

Und daran, dass einem Erinnerungen plötzlich Tränen in die Augen treiben, obwohl das vom heutigen Standpunkt aus betrachtet ganz und gar überflüssig ist, was man freilich damals noch nicht ahnen konnte (dass der ganze Herzschmerz sich tatsächlich mal auflösen würde).

Überhaupt wird ja der persönliche Anrührungsquotient mit steigendem Lebensalter immer größer.

Was soll’s.
Sieht einen ja keiner, wenn man ein bisserl schniefend und mit leicht geröteten Wangen durch das schöne Alpenvorland heimwärts fährt, und falls doch, dann könnte man’s ja auch locker auf den ersten dezenten Sonnenbrand dieses Frühlings schieben.

Das hier ist was für Eingefleischte.
Oder für Neugierige oder Sentimentale oder Ältergewordene.

(Und ich möchte jetzt von niemandem, der dabei war, hören, dass der Sound sch**** war, damals an diesem Wahnsinnsabend in der Red Bull Arena. Das mag ja sein, aber in den vorderen zehn Reihen, da spielte das echt keine Rolle, und erst recht nicht bei diesem Prolog samt Kniefall – und allem, was danach kam.)

In my dream our love was lost, I lived by luck and fate
I carried you inside of me, prayed it wouldn’t be too late
Now I’m standin‘ on this empty road where nothin‘ moves but the wind
And honey I just wanna be back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again

Once I was your treasure and I saw your face in every star
But these promises we make at night, oh that’s all they are
Unless we fill them with faith and love they’re empty as the howlin‘ wind
And honey I just wanna be back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again

You came to me with love and kindness
But all my life I’ve been a prisoner of my own blindness
I met you with indifference and I don’t know why
Now I wake from my dream, I wake from my dream to this world
Where all is shadow and darkness and above me a dark sky unfurls
And all the love I’ve thrown away and lost I’m longin‘ for again
Now darlin‘ I just wanna be back in your arms

Leipzig, Sommer 2013, irgendwie noch deutlich jünger.

Song des Tages (18).

In schönster Frühlingssonne durch den Wald gesprintet (erstmals seit Monaten in leichtem Gewand), den uralten iPod wiederbelebt (kein Ersatz für den schönen Schlanken in pink, aber mei), die 380 Songs umfassende Liste auf Zufallswiedergabe gestellt (ausschließlich der Lebenssoundtrack, der in letzter Zeit viel zu kurz kam) und auf dem Trampelpfad mit Blick hinüber zu den Bergen (dort hinten am heimatlichen Horizont leuchtend und lockend) eine Dynamik und Freude verspürt wie schon lange nicht mehr.

Grab your ticket and your suitcase, thunder’s rolling down this track
Well, you don’t know where you’re going now, but you know you won’t be back
Well, darling, if you’re weary, lay your head upon my chest
We’ll take what we can carry, yeah, and we’ll leave the rest

Well, big wheels roll through the fields where sunlight streams
Meet me in a land of hope and dreams

I will provide for you and I’ll stand by your side
You’ll need a good companion now for this part of the ride
Yeah, leave behind your sorrows, let this day be the last
Well, tomorrow there’ll be sunshine and all this darkness past

Well, big wheels roll through fields where sunlight streams
Oh, meet me in a land of hope and dreams

Mit dem Song grüß‘ ich ganz besonders die S. aus dem schönen Wien (in großer Vorfreude auf unseren Konzerttrip nach Leipzig: das grab your ticket ja gerade noch mal gerettet, trotz der kleinen Panne…) sowie den S., der mich bei einem aktuellen Zukunftsprojekt so großartig unterstützt (worüber beizeiten noch zu berichten sein wird).

Einen Frühlingsschwung wünsch‘ ich der geschätzten Leserschaft sowie einen schönen, sonnigen Feiertag!

*****

@Wien: Kanntest du diese Version schon? (Veteranenvorspann überspringen & Einstieg bei 1:23!)

Ablenken.

Zwei Tage bestes Ablenkungsprogramm!

Die Freundin hat nochmal die Nähnadel geschwungen und aus dem Billig-Babyhöschen einen feinen Dackelpyjama für die Nächte nach der OP fabriziert, aus dem sich das Fräulein hoffentlich nicht herauswinden kann.

Probetragen des Dackelhinterbein-OP-Schutzes…

…mit justierbaren Hosenträgern. Passt!

„Nettes Gewand für nur 8€“, denkt sich der Mensch.
„Was soll jetzt dieser Unsinn?“, fragt sich der Hund (macht aber für ein paar Stückerl Kärntner Bergkäse alles brav mit).

Das beim Medizinischen Fachhandel für malade Haustiere bestellte Teil für 18€ hat hinten und vorne nicht gepasst und ist schon wieder auf dem Weg retour. Es geht einfach nix über ordentliche Handarbeit & Maßanfertigungen.

Gestern dann, pünktlich zum Frühlingsbeginn im schönen Oberbayern, ganztags in die Berge zum Durchlüften.

Die Tannen auf 1.000 Metern Höhe verschneiter als an Weihnachten…

… und nach den zapfigen Stunden im Freien mit der Graseck-Gondel wieder hinab ins Tal.

„Die Phantasie ist ein ewiger Frühling.“ (Friedrich Schiller)

Viel Liebe, Freundschaft und Zuspruch von außen (ganz herzlichen Dank dafür!).

Zur Frühstücksbreze heute die erfreuliche Botschaft, dass der fesche Kiefer sich im Juni die Ehre gibt (und hoffentlich seinen dämlichen Cowboyhut daheim lässt) und kurz danach noch ein überaus nettes und lustiges Telefonat mit einer niedersächsischen Dame vom Kundenservice der Krankenkasse. Mein Orthopäde hat mir ein Tensgerät verordnet, das sei „so eine Art Vibrator für den Ellenbogen“, also ein „echt cooles Teil“, wie mir die Niedersächsin von der BARMER mit ihrer wunderbaren Sabine-Töpperwien-Stimme erläutert – „da werden Sie schon Spaß mit haben“ (uns beiden rutscht ein kurzes, dreckiges herzhaftes Lachen raus). Na dann!

Summa summarum nehme ich das mal als gutes Omen, hoffe auf ein paar Stunden Schlaf heute Nacht und einen reibungslosen Ablauf des für morgen Anstehenden.

Song des Tages (17).

Neue Woche, neue Wege.

Eine Schreibarbeit voranbringen, die OP hinter uns bringen. Und manches mehr.
Hoffentlich wirft’s einen nicht aus der Spur.

Im Küchenradio spuin’s an Hubert, lang‘ nicht mehr gehört!

Ein Open-Air-Konzert in Coburg fällt mir ein, kurz nach dem Independence Day muss es gewesen sein, eine Ameisenstraße unter einer Wolldecke im Wald, irgendwo zwischen Würzburg und Coburg, heiß war es, der Honda von P. ohne Klimaanlage. Die Stimmung schwierig, aber nicht aussichtslos, was man damals vor 24 Jahren zu gern geahnt hätte, aber erst viel später wissen durfte. Immerhin.

An dieser Stelle herzliche Grüße nach Berlin an P., den Läufer mit der feschen Russenmütze (frohes Zehennägelschneiden!) – und allen anderen einen guten Start in die Woche!

De Fiass de gengan wia von selber und de Strass’n
de fangt an vor meiner Tür
nur wo’s aufheat woass ma nie
und wo’s hiführt woass ma nie
und ob ma‘ z’ruckkommt woass ma nie

Remembering Kölnarena, 13. Dezember 2007.

Grad noch fröhlich über Krapfenwerbung herumgeblödelt – und schon war Schluss mit lustig.

So einen Zusammenbruch zuletzt an jenem Abend vor über 10 Jahren in Köln erlebt: The Boss himself bespielte seinerzeit mit Inbrunst die Halle und ich bespie mit Inbrunst die Sanitärkeramik, am Ende des Abends auf du und du mit der Klofrau (es schweißt zusammen, wenn man ein spektakuläres 15-minütiges „The river“ gemeinsam im weißgefliesten WC-Vorraum hört, die Klofrau mir mit Tüchern den Schweiß von der Stirn tupfend). Santa Claus had been coming to town für 16.000 Fans, nur nicht für mich. Der beste Freund tauchte alle paar Songs vor den Damentoiletten auf, um mich zu überreden, mich wenigstens an den Hallenrand zu verfrachten (wo ja auch die Sanitäter sofort zur Stelle wären), aber nicht mal daran war zu denken. Zu schwach für alles. Dann noch eine gruselige Nacht, Tür an Tür, am nächsten Tag der Rückflug nach München mit Schüttelfrost und Immodium. Ein kurzer, heftiger Alptraum, so ein Norovirus.

Gestern ab 18 Uhr dann Norovirus 2.0. Diesmal ohne Springsteen in Köln, dafür mit Tierklinikbesuch in Oberhaching, dort leider ohne nette Klofrau und passende musikalische Untermalung. Das Dackelfräulein hatte ein Kauknochenendstück verschluckt und quer im Hals stecken, jaulte wie wir sie noch nie hatten jaulen hören. Gottseidank rutschte das Ding dann doch noch bis in den Magen durch. Gruseliger Abend, gruselige Nacht. Den kleinen Hundekörper ganz nah bei mir, mich immer wieder ihres Herzschlags vergewissernd (übertrieben & irrational).

Heute komatöser Zustand, aber mit allerbester Pflege: Auf einen Schluck Elektrolytelösung zwei Schluck Cola, das Ganze mit Zwieback abdichten, alle paar Stunden eine Palette Chemie reinpfeifen, der Gatte hatte schließlich die halbe Apotheke leergekauft, ansonsten Wärme und Schlaf, und am Abend feststellen, dass das Gröbste wohl schon überstanden ist.

Back to Sinabelkirchen.

Nach zwei erholsamen und sehr schönen Tagen in Paderborn (selten in einem fremden Haus so gut geratscht geschlafen!), kam ich daheim gestern grad noch zum Hundbegrüßen, Kofferauspacken und Essenfassen – und schon ging’s weiter: Mit dem Gatten in den Carl-Orff-Saal im Münchner Gasteig zu Gert Steinbäcker, dem Anfangsbuchstaben der steirischen Combo STS.

Wieder eine Reminiszenz an längst vergangene Zeiten!
An Jahre, in der diese Gassenhauer auf keiner Schulparty und bei keinem Wies’n-Besuch fehlen durften. Während des Studiums in den 90ern dann nochmal mein kurzes STS-Revival samt Erweiterung des Song-Repertoires, ausgelöst durch die Verbandelung mit dem Wiener.
Drei Konzertbesuche: mit dem rothaarigen Kommilitonen, natürlich mit dem Wiener und einmal sogar mit dem Papa.

Nach fast 20 Jahren Pause gestern Abend nun zwei Drittel von STS hier in München live on stage.
Zwei, weil der Schiffkowitz für ein paar Songs dazukam: sehr netter Typ immer noch, ganz rührend, mit seinem alten Schweißband um den grauen Schopf und dem aus der Form gekommenen weißen T-Shirt unter dem ebenso formlosen Schlabberhemd. Zunächst etwas kurzatmig und nervös, hat sich dann aber gut gefangen und seinen Gastauftritt sichtlich genossen.

Den Hauptteil des Abends bestritt Steinbäcker zusammen mit seinen klasse Musikern – die Maria Ma am Hackbrett, die den Altersdurchschnitt erheblich senkte oder der langjährige Weggefährte Gerd Wennemuth am Schlagzeug, und nicht zu vergessen „am Gebläse: der Franz Josef Zettl“. Ja fein, genau so muss man das anmoderieren!

Geboten wurde: Große Spielfreude, viel Dynamik, Altes aus STS-Zeiten, Neues vom Steinbäcker-Solo-Album mit dem schönen Titel „Ja eh“, diesem alles- und zugleich nichtssagenden österreichischen Universalgrunzer für jedwede Lebenslage (am eh-esten wohl verwandt mit dem bayrischen „ja mei“).

Der weibliche Klaus-Meine-Verschnitt zu meiner Linken war gleich vom ersten Lied an schwer elektrisiert und am Ausrasten, am Schluss stand oder tanzte das gesamte Publikum, und zumindest all jene, die der frühwinterliche Katarrh noch verschont hatte, plärrten nach Kräften mit.

War ein prima Kurztrip nach Griechenland, Sinabelkirchen, Stinatz, Graz und Wien (den Exkurs nach Hamburg hätt’s für meine Ohren nicht gebraucht), mal leicht, mal tiefschürfend, immer mit Inbrunst. Kein sensationelles oder weltbewegendes Konzert, aber solide, sympathisch und schwungvoll – eine willkommene, wunderbare Novemberaufhellung und für mich persönlich ein Abend aus der Kategorie „The older you get, the more it means“.

Herzlichen Dank an meine liebe Blogger-Kollegin (resp. Springsteen-Tramp und damit quasi Seelenverwandte) Sori aus Wien für den Hinweis, dass Steinbäcker derzeit auf Tour ist und auch in München Station machen wird.

Und ein ebenso herzliches Dankeschön an den Lieblingsnachbarn, dass er den ganzen Konzertabend lang auf seiner Couch mit dem Dackelfräulein gekuschelt hat!

Heast, des is makaber…

…singt der Wolfgang Ambros in seinem uralten Song „Da Hofa“.

Der Großteil des gestern Abend im Münchner Prinzregententheater dargebotenen Repertoires kam zwar (noch) nicht makaber, aber doch reichlich morbid daher. Es war allerdings weit mehr als die erwartbare, typisch wienerische Morbidität.
Verzweiflung, Vergänglichkeit, Verfall waren spürbar – in Text, Ton und – worauf ich überhaupt nicht vorbereitet war – auch in personam. Das Gitarrenspiel oft wacklig, die Stimme manchmal brüchig und dünn, das Betreten und Verlassen der Bühne ein sichtlicher Kraftakt. Nur momenthaft waren der Ambros meiner Jugendjahre und der, den ich vor über zehn Jahren auf der überaus gelungenen „Ambros singt Waits“-Tour erlebt hatte, noch wiederzuerkennen.

Zum ersten Mal in meinem Leben war ich dankbar, ein bestuhltes Konzert zu besuchen, andernfalls hätt‘ ich mich erstmal setzen müssen.

Schlecht sieht er aus. Zaundürr, sehr geschwächt, immens gealtert, eigentlich schwer krank. Die erste halbe Stunde des Konzerts bin ich fast ausschließlich damit beschäftigt, den ebenso unerwarteten wie schockierenden Anblick des Austropop-Altmeisters zu verdauen und im Schutz der Rückenlehne vor mir zu googeln: Seit wann geht’s dem so mies und warum isser so beinand? Operationen, Alkohol, Tabletten, Depressionen, Trennungen? (Nächstens, wenn ich wieder zu Konzerten von Vertretern der Ü60-Generation gehen sollte, werde ich das vorher googeln – um vorbereitet zu sein.)

Etwa eine Stunde hat’s gebraucht, bis Auge und Ohr sich an die fahrigen, ungelenken Bewegungen, die langsamen und oft vernuschelten Zwischenmoderationen, die die Darbietung der Songs umrahmen, einigermaßen gewöhnt haben. Die zwei exzellenten Musiker an seiner Seite fangen die diversen Holprigkeiten auf so gut sie können  (und das können sie gut!), und holen ihren Chef auch zurück in die Spur, wenn er sich gelegentlich in langatmigen Monologen verliert, die ihren Reiz deutlich mehr aus dem sympathischen Wienerisch ziehen als aus ihrem Inhalt.
„So gsehn muass ma des betrachdn!“ meint der Bandleader in einer dieser Plaudereien zwischen den Liedern. Und das war kein Fazit des vorausgegangenen Schwanks, nein, es war das ambros’sche Pendant zu „von demher“, das mein kroatischer Friseur immer von sich gibt, und das sowohl nichts als auch alles bedeuten kann. Au weia.

Blauer Nebel kriecht über die Bühne als der Barde Lieder wie „Tendenz zur Demenz“ und „Gezeichnet fürs Leben“ anstimmt oder über alte Zeiten oder die Zeit an sich sinniert. Schwer auszumachen, wann und wo hier Schmäh, Galgenhumor, Melancholie oder tiefe Verzweiflung Regie führen. Düster ist’s jedenfalls.

Lediglich der unvermeidbare „Zentralfriedhof“ fällt schlussendlich völlig aus der Reihe dieses Endzeitszenarios: da hätte ich eher den finalen Hieb des Sensenmannes erwartet als einen Gastauftritt des wie eh und je bubihaft wirkenden Michael Mittermeiers, der vital in die Saiten haut und mit kräftiger Stimme „Wann’s Nochd wird über Simmering, kummt Leben in die Toten“ rausschmettert.
Na sowas.

Ein teils beklemmendes und zugleich sehr anrührendes Herbstkonzert, vor allem, wenn einen die Gegebenheiten so unvorbereitet erwischen.

Als wir das Theater nach drei Stunden verlassen, nieselt es. Auf dem Weg zur U-Bahn höre ich Satzfetzen anderer Konzertbesucher. Manch einer meckert, weil es ja nimmer der Ambros von früher ist, den er da gehört und gesehen hat. Warum hört der nicht früher auf und bleibt seinen Fans so in Erinnerung wie er war als er noch funktioniert hat. An sauber’n Schlussstrich hätt‘ er zieh’n soll’n, bevor’s peinlich wird. Die meisten aber wirken auf die eine oder andere Weise ergriffen, gucken andächtig und sind still.

„Ambros pur“ lautet der Titel der Tour – und in der Tat war es eine Veranstaltung „on the rocks“, ohne Zusatzstoffe, künstliche Aromen und realitätsverschleiernde Hilfsmittel.
Ja, so sieht ein Mann aus, der stramm auf die 70 zugeht und trotz mancher Gebrechen immer noch das tun will und vor allem auch tut, was er immer gern getan hat: Musik machen.

Er zeigt sich so wie er jetzt eben ist, versteckt sich nicht, steht zum Nachlassen seiner Kräfte, singt und spielt weiter, um den Motor am Laufen zu halten, winkt mit zittrigem Arm ins Publikum, humpelt müde und gebückt wie ein 90-Jähriger von der Bühne. Ja, es schmerzt, das mitanzusehen. Als Zumutung empfinde ich es aber nicht, schließlich kann jeder, der das nicht ertragen kann oder will, einfach heimgehen (oder gar nicht erst hingehen).

Entscheidend war für mich, zu erleben, wie er übers ganze Gesicht strahlt, der Wolfgang Ambros, als der Saal geschlossen aufsteht und minutenlang applaudiert.

Der Respekt, die Präsenz und die Liebe der Mitmenschen können einen schon am und im Leben halten.

O-wimoweh, o-wimoweh, o-wimoweh. Zum 27. März 2017.

Liebster R.,

der Status „Gatte“ bewahrt dich vor nichts: Weder vor dem Geburtstaghaben an sich, noch vor der Gratulationsserie auf meinem Blog. Zumal dein heutigre Geburtstag ein – wie sage ich’s nur? – irgendwie besonderer ist.

Vielleicht ist er am besten durch ein kleines Bildchen zu umschreiben, das ich letztes Jahr an einem Sommermorgen in Tirol schoss, als du schon deinen Pflichten als Hunde-Vater nachgingst, während ich noch im Nachthemd auf dem Balkon unseres Domizils stand und den Sonnenaufgang bestaunte, der hinter dem Lamsenjoch hervorkroch.

Verwackelt, da zu früh am Morgen.

Heute übernehme ich das Morgengassi, so dass du schon mal den Tisch decken noch gemütlich liegenbleiben kannst, bis ich mit frischen Semmeln heimkommen und dich an den Gabentisch bitten werde. In der ganz oben auf dem Geschenkeberghügel thronenden Karte steht dann auch all das, was hier nicht steht (also nicht mehr viel).

Und bitte reiß dich zusammen und beginn mit der Karte! Denn wenn du die zwei Präsente auspackst, besteht Gefahr, dass du womöglich vor lauter Tränen (Freudentränen, hoffe ich!), keinen Buchstaben mehr lesen kannst.

Apropos Freudentränen. Die vergoss ich seinerzeit auch, als wir in unseren Anfangsjahren noch ständig durch die Berge marschierten und ich dich eines Tages, es war auf dem Soiernhaus, dabei ertappte, wie du ganz versonnen Otto, den Hund des Hüttenwirts, deinen Käsebrotfinger hast abschlecken lassen.

Denn da war mir klar: Mit dem kannste zusammenbleiben, der liebt nicht nur dich, sondern auch Dackel. Ein äußerst entscheidendes Kriterium!

Otto vom Soiernhaus.

Wenig später schleifte ich dich – quasi als letzten Lackmustest – zu deinem ersten Springsteen-Konzert und auch da erlebte ich dich so, wie man den, mit dem man sich jung fühlend altern will, erleben möchte: Begeistert, beschwingt, beseelt. Du hattest zwar sehr bald andere Lieblingssongs als ich, aber da auch diese noch in dem Kompendium „Die 300 besten Songs von Bruce Springsteen“ enthalten sind, sagte ich mir: Schwamm drüber. Ohne etwas Toleranz haut so eine Beziehung ja eh nicht hin.

Und so nahmen die Dinge ihren Lauf.

Ein paar Jahre später heirateten wir und wurden genau 9 Monate nach der Hochzeit stolze Eltern. Zeit wurde es, wir waren schließlich nicht mehr die Jüngsten! Im Unterschied zur Situation vieler anderer Eltern in unserem Umfeld hatten wir allerdings das große Los gezogen, da unsere Kleine von Anfang an gern und viel schlief. Schon nach 4 Wochen schlief sie durch, und zwar voll 8 Stunden!

Als sie sich dann eines Tages aus ihrer Wiege raus- und in unser Bett reingeschlichen hatte, schlief sie gleich noch länger und lieber.

Sie ist nämlich – genau wie du! – kein Morgenhektiker und lässt sich gern erstmal die Sonne auf den Bauch scheinen, bevor sie aufsteht und in der Küche Stress macht wegen des Frühstücks (was ja mein Job ist).

Du hast sie, kaum dass sie laufen konnte, mit deiner ganz großen Leidenschaft angesteckt. Und ganz wie bei dir wurde fast eine Sucht draus. Wenn der Ball mal nicht so rollte, wie sie sich das erhofft hatte, war sie stundenlang unleidig. Wenn das dann noch auf Tage fiel, an denen der große, ruhmreiche FC Bayern abgekackt hatte, hatte ich gleich zwei Mega-Muffel auf der Couch sitzen.

Philippa Gar-nicht-Lahm.

Pippas Ballsucht hast du mittlerweile durch zahlreiche Intelligenzspiele („Zieh“, „Acht“, „Blau“, „Tür zu“ etc.) und Erweiterung des Repertoires an Gassirouten einigermaßen in den Griff bekommen. Bei dir ist diesbezüglich Hopfen und Malz verloren, aber ich verstehe das schon: Einmal Fan, immer Fan, da helfen nicht mal mehr Intelligenzspiele, geht mir schließlich genauso. Sowas ist wie „lebenslänglich“, wenn es echt ist.

Und so ist es manchmal auch mit der Liebe und der Ehe. Darauf hoffe ich natürlich in unserem Falle sehr, und die Chancen stehen gut, da du nach 10 Jahren immer noch mein Lieblingsmensch bist! 🙂

Den Song vom Boss, den ich für dich ausgewählt hatte, habe ich wieder verworfen (es wäre „Outlaw Pete“ gewesen, obwohl du deine Säuglingszeit nicht im Knast verbracht und auch noch niemanden erschlagen hast). Ich habe ihn verworfen, weil ich dachte, du wirst eigentlich oft genug mit dieser Musik beschallt und hörst sie dir ja sogar freiwillig auf deinen Zugfahrten zwischen Frankfurt und München an, wenn du nicht gerade Sportfilme guckst oder im Gang stehen musst, weil der ICE mal wieder nur halb so lang ist wie er sein sollte.

Dein Geburtstagsständchen werden dir also nicht Bruce Springsteen & the E-Street-Band bringen, sondern Pat, the Hippo & Stanley, the Dog. Der Boss wäre einverstanden mit diesen Stellvertretern, da bin ich mir sicher.

Nach meiner Wahrnehmung ist das nämlich der einzige Song, dessen Erklingen dich absolut immer erheitert (also hoffentlich auch schon am frühen Morgen des heutigen Tages). Gleichwohl birgt der Text nicht allzu viele Highlights, so dass ich es mal auf diesen bedeutungsvollen Vers hier beschränke, den ich dir widmen möchte:

Hush, my darling, don’t fear, my darling
The lion sleeps tonight!

Aber bevor the lion sleeps (und wir neben ihm), feiern wir jetzt erstmal deinen runden GeburtsTag!

Alles Liebe und Gute wünscht dir
Deine Kraulquappenfrau.

We busted out of class, had to get away from those fools. Zum 4. März 2017.

Liebe H.,

als ich dich vor über 35 Jahren zum ersten Mal sah – in einem braunen Strickpulli (aus venezulanischer Alpakawolle?) mit deinen Eltern in der Aula unserer Schule und direkt neben mir sitzend -, hat wohl keine von uns geahnt, dass das der Anfang einer Freundschaft sein würde, die uns ein Leben lang begleitet.
Nachdem wir jetzt so viele Jahre hinter uns haben, in denen wir uns trotz noch so viel räumlicher Distanz und unterschiedlicher Lebenswege nicht aus den Augen verloren haben, gehe ich davon aus, dass wir uns auch in der Zeit, die wir noch vor uns haben, weiterhin erhalten bleiben.

Du & ich, du & meine Penny, wir & unsere Partys.

Apropos Zeit.
Neulich erschrak ich ziemlich, als ein Geschenk von dir plötzlich und unerwartet den Geist aufzugeben drohte. Ich tendiere blöderweise gelegentlich dazu, sowas für „ein Zeichen“ zu halten…
Das Handrührgerät, das du mir 1992 geschenkt hast – du erinnerst dich hoffentlich: es war das Jahr, in dem wir in meiner Würzburger Studentenbude gemeinsam Anti-Familien-Weihnachten feierten, uns erst an Nudeln überfraßen und danach im „Zauberberg“ Tanzen gingen -, schien nach 25 Jahren Einsatz allmählich seinen Dienst quittieren zu wollen. Es läuft nicht mehr so quirlig wie gewohnt und macht neuartige Geräusche, die nichts Gutes verheißen. Seine Tage sind, fürchte ich, gezählt. Die Trennung wird mir schwerfallen, wenn es dann mal soweit ist.

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Ich will nicht meckern, denn was hält heutzutage überhaupt noch 25 Jahre?! Und, ganz ehrlich, dieses Handrührgerät ist ein Stück weit auch zum Sinnbild für unsere Freundschaft geworden: Solide und robuste Markenware, auf die man sich jahrzehntelang verlassen kann, selbst wenn sie zwischendurch mal seltener in Gebrauch war.

Geschätzte 3.017 Mal ist das gute Stück im Einsatz gewesen für Teige und Füllungen aller Art, und wenn ich einen Wunsch äußern dürfte (obwohl heute der Tag ist, an dem nicht ich, sondern du Wünsche erfüllt bekommst), wäre es dieser: Möchtest du nicht eines Tages den Nachfolger von Bosch-Spot besorgen, dann könnte der uns weitere 25 Jahre als Sinnbild dienen, und wir hätten schon fast die Zeit bis zum Heim überbrückt (dort püriert und quirlt ja dann die Heimküche für uns).

Verzeih‘ den kleinen Exkurs. Dein Geburtstag ist natürlich kein geeigneter Anlass, um über die ferne Zukunft im Altenheim zu philosophieren (davor passiert ja schließlich noch viel anderes im Leben wie z.B. unsere bereits als Teenager beschlossene gemeinsame Krampfader-OP). Zwar erinnert jeder Geburtstag zwangsläufig auch ein bisschen ans Älterwerden, aber mit unserem Jahrgang muss einen das ja noch nicht allzu nachdenklich stimmen oder gar bestürzen.

Sofern du die bisherigen Beiträge dieser Geburtstagsserie auf meinem Blog verfolgt hast, weißt du ja, dass das Highlight des Beitrags stets ein fürs Geburtstagskind maßgeschneiderter Song ist – nach Möglichkeit einer aus dem schier unerschöpflichen Bruce-for-birthday-Fundus (wenn schon leider nicht „for president“).

Bei niemandem fällt mir das leichter als bei dir!

Denn ohne dich gäbe es diese Art der Gratulation womöglich gar nicht. Wären wir nicht 1985 dicke Freundinnen gewesen, hättest du vielleicht eine andere mit ins Münchner Olympiastadion genommen, als deine Mutter von ihrem Chef diese Freikarten für Bruce Springsteen bekommen hat.
Für mich war das der Beginn einer lebenslangen Liebe, bestimmt auch, weil es (im zarten Alter von 12 bzw. 13) unser allererstes Konzert war – quasi ein Initiationserlebnis.

Und kein Song passt besser zu unserer Geschichte als dieser hier:

Well, we busted out of class
had to get away from those fools

We learned more from a three minute record
than we ever learned in school

Tonight I hear the neighborhood drummer sound
I can feel my heart begin to pound
You say you’re tired and you just want to close your eyes
and follow your dreams down

We made a promise
We swore we’d always remember

No retreat, baby, no surrender
Like soldiers in the winter’s night with a vow to defend
No retreat, baby, no surrender

Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen, liebe H.
Und hör‘ genau hin, es ist eine leicht abgewandelte Version, mit einer tollen weiteren Zeile drin (außerdem ist die verwackelte, aber rührende Aufnahme aus den 1980er Jahren, von einem Konzert in Kanada, wohin es dich ja mal kurz verschlagen hatte).

Happy birthday & alles Liebe & no retreat, baby, no surrender!
Deine Kraulquappe.

Song des Tages (2).

Irgendwie nahm die turbulente Woche mit deutlich weniger Ups als Downs dann doch noch ein gutes Ende.

Das absolut mieseste Down war der ebenso plötzliche wie unerklärliche Verlust einer Konzertkarte für Lambchop (ich verliere so gut wie nie etwas!), so dass ich wie ein auf frischer Tat ertappter Schwarzfahrer am Einlass der Kammerspiele stand und schließlich mitten unter den Leuten in Tränen ausbrach, weil ich es einfach nicht fassen konnte, dass das Ticket WEG war.

Zu verdanken habe ich den plötzlichen Stimmungsumschwung drei eigentlich kleinen Dingen, die sich am heutigen Nachmittag zutrugen.

  1. Einem unerwarteten Lob, das der Gatte aussprach, bevor ich zum Sonntagslauf aufbrach: Für das Gewinnen des nervenaufreibenden, monatelangen Kampfes gegen die dämliche Hausverwaltung und die geizige Vermieterin. Dieser „Sieg“ ist fast an mir vorbeigezogen vor lauter anderem Zeug (oder man ist so leergekämpft, dass man nichts mehr fühlt, gibt’s ja auch).
  2. Der Rückkehr von Hi-Hü-Hi-Hü. Ornithologisch unbewandert wie ich bin, habe ich keinen adäquaten Namen für den kleinen Genossen, dessen hörbares Auftauchen im Baum vor dem Schlafzimmerfenster jedes Jahr den Frühling ankündigt. So wurde er halt nach seinem zwar etwas einfältigen, aber dennoch froh stimmenden Gesang getauft.
  3. Der Zufallswiedergabe-Funktion des iPods beim Laufen. Ich hatte auf nix so recht Lust, also überließ ich dem Zufall das Zepter und dieser kramte aus den Untiefen des Archivs einen ewig nicht mehr gehörten Song aus, zu dem es sich so dermaßen gut laufen lässt (und dabei hoppelte auch noch ein Kaninchen neben mir her, einige Takte lang!)

I wanna run, I want to hide
I wanna tear down the walls
That hold me inside

Da mag man den ollen Bono so schrecklich finden wie man will, der Rhythmus ist spitze. Dennoch habe ich mich für eine Videoversion entschieden, in der einem des Weltretters Anblick erspart bleibt, da er wegen einer Verletzung von einem besseren Prediger vertreten wurde 🙂

Ich kam jedenfalls ziemlich euphorisch und innerlich geglättet nachhause zurück.

I want to feel sunlight on my face
I see the dust-cloud disappear without a trace
I want to take shelter from the poison rain
Where the streets have no name

Jetzt noch den aktuellen Artikel über einen der Lieblingsberge fertigschreiben und danach den neuen Island-Krimi gucken.
Wird schon alles werden!

Es grüßt euch
Die Kraulquappe.