Auf ein Isarkindl!

Spätnachmittags auf der Wiesn.

*****

Beim morgendlichen Weg zum Wochenend-Waldlauf bemerke ich, dass nach Langem mal wieder ein dunkler VW Touran vor mir herfährt. Dieses Modell mit den noch leicht eckigen Rücklichtern sieht man mittlerweile nur noch selten. Es war das letzte Auto, das N. fuhr (einer italienischen Prostituierten müsse es gehört haben, behauptete er stets, weil es innen auch noch zwei Jahre, nachdem er es gekauft hatte, penetrant nach billigem, süßem Parfüm roch) und das – genauso wie N. – nirgends mehr zu sehen sein wird, da sein Sohn es kurz nach Ns Tod gegen einen Zaun gesetzt hatte.

Manchmal gingen wir mittags nicht zum Italiener in dem Viertel, in dem unsere Firma lag, sondern fuhren an den Stadtrand zu einem anderen italienischen Lokal. Weil man dort garantiert keine Kollegen treffen würde.
N. sagte dann immer: „Dort können wir mal ganz in Ruhe über Persönliches reden!“. Wir stiegen jeder in sein Auto, um den durch einen gemeinsamen Aufbruch in einem Fahrzeug entstehenden Bürotratsch zu vermeiden (dazu muss man sagen: wir waren stets über 2 Stunden außer Haus, was alle Mittagspausengepflogenheiten sprengte und daher schon genug Fragen aufwarf) und trafen uns meist kurz nach Verlassen der Firmentiefgarage draußen auf der Straße. Er fuhr dann vor mir her, daher haben sich mir die Rücklichter seines Tourans so eingeprägt. Sie passten zu ihm. So unzeitgemäß und eckig (und dennoch so weich wirkend, durch die kleineren runden Lichtkreise in ihrer Mitte).

Saßen wir schließlich bei dem Stadtrand-Italiener und waren völlig ungestört, kam es entgegen Ns Ankündigungen niemals zu besonders persönlichen Gesprächen.
N. nahm sich nämlich selbst nicht so wichtig, und wenn er mal kurz (und womöglich sogar ungefragt) von sich sprach, dann auf eine bescheidene, zurückhaltende Weise, obwohl es durchaus Einiges gegeben hätte, worüber zu klagen oder gar zu verzweifeln gewesen wäre. Es war seine Sache nicht, in den immer lauter werdenden Ich-Ich-Ich-Kanon der Zeitgenossen drumherum einzustimmen, im Gegenteil. Seine Haltung war die, nicht aus jeder Seelenregung, Kränkung oder Belastung eine Nabelschau oder ein Drama zu machen, sondern auch mal von sich abzusehen und den Blick bewusst nach außen zu wenden. Ihn auf ein Tun zu richten oder auf andere Menschen (oder auch bloß auf das Fußballspiel am Feierabend oder auf die Natur, durch die er bei seinen Runden an der Isar streifte).

Wie sehr ich diesen Zug an ihm mochte!, denke ich, als der Touran vor mir abbiegt und auf Nimmerwiedersehen im Dunkel des Luki-Tunnels verschwindet.

*****

Neulich erzählt mir der Papa am Telefon, dass ein gemeinsamer Bekannter von uns (den wir jetzt einfach mal so nennen wollen, obwohl wir eigentlich keine „Bekannten“ zu haben pflegen, weder der Papa, noch ich, aber „Freund“ wäre wiederum übertrieben, und leider gibt’s für die Nähegrade dazwischen ja irgendwie keinen treffenden Begriff) an Krebs erkrankt sei.

Schlagartig wird mir klar, wieso ich so lange nichts von dem Bekannten gehört habe. Ich ringe einige Tage nach den passenden Worten und dem passenden Zeitpunkt (und da er bald Geburtstag hat, eilt es, denn der Geburtstag ist mit Sicherheit nicht der passende Zeitpunkt). Vor ein paar Tagen, in der Abendsonne an der Theresienwiese sitzend, finde ich dann Sätze, die mir einigermaßen angemessen erscheinen und ich schicke sie ihm aufs Handy, was sich ein kleines Bisserl absurd anfühlt, da er ja dort drüben auf der anderen Seite der Theresienwiese wohnt, sofern er da grad überhaupt wohnt und nicht in einer Klinik ist.

Letzteres ist der Fall, wie ich heute erfuhr, als mir mein Handy seine Antwort überbrachte.
Die John-Lennon-Frisur fiel der wochenlangen Chemo zum Opfer, die anschließende OP habe er halbwegs gut überstanden, schreibt er. Und dass er sich freue, so unverhofft von mir zu hören und jetzt gern zur Motivation vor seiner Reha fest ausmachen würde, dass wir noch diesen Sommer (weil das sei dann mal eine konkrete Aussicht!) zusammen nach Lenggries fahren und aufs Seekar oder Demeljoch steigen. Oder sogar auf den Scharfreuter, wenn er es packen würde.

Aber natürlich machen wir das!, schreibe ich sofort zurück, und dabei fällt mir eine Passage aus einem Glattauer-Roman ein, bei der ich mich seinerzeit in den Untiefen und Alltagsabgründen meines Charakters so wunderbar verstanden fühlte und die mir auch auf diese Situation zu passen scheint, in der wir ja irgendwie einen Optionsschein auf die Zukunft auszustellen versuchen:

„In der Küche machte ich Wasser heiß und goss es in die dicke gelbe Tasse, in die ich vor dem Schlafengehen einen Beutel Schwarztee mit Pfirsichgeschmack hineingehängt hatte. So machte ich es immer. Immer die gleiche gelbe Tasse. Immer Schwarztee mit Pfirsichgeschmack. Und immer hatte ich den Beutel schon am Vorabend in die Tasse gehängt. Damit war schon etwas vom nächsten Tag verraten. Das nahm mir die Scheu davor.“

Dieser Absatz fand sich auf der ersten Seite des Romans und er war der Hauptgrund, weshalb ich das Buch damals auf einen Schlag zu Ende las. Obwohl ich aromatisierte Tees verabscheue, erst recht welche mit Pfirsicharoma.
Eine gelbe Tasse verwende ich allerdings ebenso, nur halt für Kaffee, der aber – wie ich gern umgehend klarstellen möchte, damit Sie mich nicht für deppert halten! – natürlich nicht am Vorabend irgendwo eingefüllt wird (das Aroma ginge ja über Nacht flöten!) – ich pflege das im Roman beschriebene Ritual für ein anderes Segment meiner Frühstücksgewohnheiten und nehme mir auf diese Weise die Scheu vor dem nächsten Tag.

*****

Apropos Lenggries & die dortige Bergwelt.

Seit meinem Hüttenwochenende erreichen mich auf diversen Kanälen Nachfragen, wie es denn nun war und wann es denn jetzt weiterginge, mit mir, dort oben, hinter dem Zapfhahn (und am Spülbecken). Manch ein Leser scheint sogar aufgrund des Beitrags vor zwei Wochen davon auszugehen, ich wäre seither dort oben – und das nun durchgehend und heidi-idyllisch bis zum Ende der Bergsaison.

Höchste Zeit, diese Illlusion gründlich zu zerstören und die Nachfragen konkret zu beantworten. Da mich der Ausgang der Sache immer noch etwas schmerzt, fasse ich mich eher kurz (außerdem geziemt es sich nicht, zu viele Interna von dort oben zu verraten).

Nachdem ich von den 52 Stunden dort oben schlappe 32 Stunden gearbeitet (besser: brutal malocht) hatte, zwar in einem netten Team, in schönster Umgebung und sogar mit einem täglichen Springsteen-Song, der trotz der Koch-/Spüldämpfe und -geräusche bis an meine Ohren drang, war klar: das machen weder ich, noch mein lädierter Ellbogen ein zweites Wochenende lang mit.

Das ist körperliche Akkordarbeit, täglich 12 bis 14 Stunden ohne nennenswerte Pausen, für die man gemacht sein muss. Und das ist man definitiv nur, wenn man zwei kerngesunde Arme und jahrelange Erfahrung in der Gastronomie hat.

Am Samstag vor 2 Wochen wankte ich nach 14 Stunden Schuften (in allen Bereichen der Berghütte) in meine Kammer und selbst dort war an Erholung nicht zu denken, weil Andreas Gabalier noch gefühlte 90 Minuten auf meiner Bettkante saß und plärrte (der Junggesellenabschied, der Mountainbiker-Stammtisch? – beide nebenan im Gastraum und nur durch eine dünne Holzwand getrennt!).

Eine tiefgreifende Erfahrung war’s allemal, auf vielen Ebenen, aber nach dem vergeblichen Versuch, dort oben anzuregen, dass man so einen 14-Std-Tag ja vielleicht auf 2 Personen aufteilen könne, die dann jeweils nach 7 Stunden Reinklotzen noch ohne zu stammeln ihren Namen sagen und aufrecht in ihren Feierabend gehen könnten, hab ich das Projekt für mich ganz schnell als beendet erklärt.

Seit ein paar Jahren bin ich gut drin geworden, Dinge, die mich über Gebühr strapaziert haben (oder es noch tun würden), ganz schnell ad acta zu legen. Bringt nix.
Mit Mitte 40 weiß man langsam, was man stemmen kann (oder will) – und was nicht.

*****

Durch das gekippte Fenster wummert das Getrommel der Afrika-Tage ins Zimmer hiein. Wie ein wilder Herzschlag des Sommers, direkt vor unserer Tür, pulsierende Lebensfreude, mitten in der Stadt (man hört ja gerne das, was man hören will oder was man eh schon fühlt).

Es ist so unglaublich schön hier. Das muss einfach mal gesagt werden.

Die Aussicht aus dem Fenster, hinunter in die breite Allee voller Linden (die einem täglich aufs Neue das Auto dermaßen zukleistern mit ihrem Saft), das Gassigehen mit Blick auf die Weiten der Wiesn, hinüber zur Bavaria (geht ein Lüftchen, und das ist häufig der Fall, muss man beinahe den Atem anhalten, weil die Kamille so wuchert und blüht), die Menschen, die hier flanieren, pausieren, mit ihren Hunden oder Kindern spielen, auf Bänken sitzen, sinnieren, musizieren und auf der riesigen Freifläche alle möglichen Sportarten praktizieren (an die noch ausstehende Disziplin „Kampftrinken“ mit ihren begleitenden gymnastischen Verrenkungen wollen wir jetzt lieber noch nicht denken) – all das hat mir binnen der fünf Wochen, die wir jetzt hier leben, eine Energie und Freude geschenkt, die das gesamte Lebensgefühl doch ziemlich schnell und nachhaltig verändert hat.

Ein Geschenk, für das ich mich gern bedanken würde, wenn ich denn wüsste, bei wem.

*****

Ich strahle die Spätnachmittagssonne an und sie strahlt zurück (oder umgekehrt? – egal!), sitze auf der Parkbank (mehr und mehr bin ich geneigt, sie „meine Bank“ zu nennen, denn ich verweile recht oft hier, schaue, denke und schreibe hier vor mich hin) und genieße mein tägliches Feierabendbier (das eine, das ich mir am Tag gestatte).

Endlich wieder ein Zuhause.
Eine Heimat nicht nur draußen, sondern auch drinnen.

Irgendwer hat ja mal gesagt, Heimat sei kein Ort, sondern ein Gefühl.
Auf mich passt der Satz überhaupt nicht. Ich kann „Heimat“ nur an speziellen Orten empfinden und es wird kein Zufall sein, dass diese Orte alle regional recht nah beisammenliegen.
„Beheimatet“ fühle ich mich an und zwischen all diesen Heimatorten aber nur dann, wenn der Kern des Ganzen passt (bzw. es überhaupt einen gibt).

Gern heimzukommen und zu spüren, dass man genau dort am richtigen Fleck ist.
Auch das ein Geschenk.

*****

Ein schönes Wochenende wünsch‘ ich Ihnen und dass Sie sich wohlfühlen, dort, wo Sie sind!

Grateful.

*****

Wenn ihn seine Medikamente mal wieder besonders müde machen, kommt ihm ihr Name manchmal nicht zu Bewusstsein.

Der in solchen Momenten schmerzlich träge Geist greift dann gern zurück auf ein ehemals Vertrautes aus längst vergangenen Zeiten. Auf ein Früher, ein Damals, das „die beste Zeit seines Lebens“ zu nennen er sich konsequent verbietet, seit es ihm abhanden kam und das doch all die Jahrzehnte im Inneren so präsent war.

Er nennt sie dann Penny, wie unseren ersten Dackel, der damals, 1984, als die Mutter bereits im zweiten Jahr ihres Krankseins angekommen war, in unser im Ableben begriffenes Familienleben hineinpurzelte (wie ein wildes Aufbäumen des Schicksals gegen das leider eh schon Unvermeidbare und wie ein verzweifelter letzter Versuch, ein wenig Heiterkeit und Lebenslust zu retten – wäre da noch etwas zu retten gewesen).
Beugt er sich zu ihr hinunter und spricht sie mit Penny an, schaut sie genauso treuherzig zu ihm hinauf als hätte er Pippa gesagt und ihr Schwänzchen klopft dabei auf den Holzboden. Ein unerschütterliches tock-tock-tock, so als sei nicht das Geringste gewesen (und dem Papa tut die Kontinuität, die dieses Geräusch vermittelt, sichtlich gut).

Einmal versprach er sich völlig und nannte sie Pizza, was ja recht nah an Pippa ist, und ihm sogar gleich auffiel, kaum war das falsche Wort zwischen seinen Lippen hindurchgeschlüpft.
Wir mussten beide lachen. Der Hund zu unseren Füßen rollte sich dankbar zu einem kleinen Kringel ein, denn Hunde sind immer dankbar und beruhigt, wenn sie merken, dass ihre Menschen heiter sind. Sie spüren es an unserem Atem, am Tonfall, an der Körperhaltung, an der Art, wie man sich durchs Haar fährt oder die Brille zurechtrückt (und an vielen weiteren kleinen Zeichen, die wir Menschen an einander allenfalls in besonders wachen Momenten wahrzunehmen imstande sind, wenn überhaupt).

Vor vielen Jahren verkündete er bei einem Telefonat mit unverhohlen stolzem Unterton, dass ihm aufgefallen sei, wie sehr die Worte Papi und Pippa sich doch ähneln würden und wollte wissen, ob ich den Namen deshalb ausgewählt hätte.
„Nein“, musste ich ihn enttäuschen, „ich habe sie nach einer Romanfigur benannt – und außerdem entstammt sie ja einem P-Wurf, so dass der Anfangsbuchstabe bereits gesetzt war“.

Als er vor ein paar Tagen von Pippas bevorstehender Operation erfährt (die teurer wird, als wir zunächst annahmen), ruft er sofort an und weist mich ohne große Einleitung (und ohne sich zum eigentlichen Anlass zu äußern) an, ich solle mal in meinen Kontoauszug gucken, da müsse etwas für Penny eingegangen sein.
Genau genommen hat er nun den Großteil der OP-Kosten übernommen. Ich schlucke, als ich den Betrag sehe, bin hin und her gerissen zwischen Dankbarkeit und Rührung.

Der Verwendungszweck lautet „Von Papi für Pippa“.

Bei Bankgeschäften ist der Kopf also hellwach und klar, denke ich und nehme mir vor, diesen Gedanken zu konservieren, als kleines Bollwerk wider den viel zu oft wahrnehmbaren Verfall.

*****

It all will come out fine
I’ve learned it line by line
One common wire
One silver thread
All that you desire
Rolls on ahead

Worrying about your little world falling apart.

*****

Dieser vorwiegend verjammerte Monat neigt sich nun erfreulicherweise seinem Ende zu. Der Inhalt des Jammertopfes ebenfalls.
Alles ist gesagt, gefühlt, beweint, beschrieben und beklagt worden.
Bei einem der Loopings während der emotionalen Achterbahnfahrten, die der Februar mir gratis und so reichlich zugedacht hatte, hat’s mich aus der Kurve gehauen.
Der Aufprall war unsanft, das System wurde ziemlich durchgerüttelt. Überall schepperte, wackelte oder flatterte es.
Nach all dem Aufruhr macht sich nun eine beinahe wohltuende Leere breit und bietet Gelegenheit, die Wunden zu lecken und zu verpflastern.

*****

Das für gestern Vormittag geplante Schwimmen verschob sich dann doch auf den späten Abend. Was sich gelohnt hat.
Zum einen, weil man rückschwimmend durch den Dampf direkt zum (Voll?)Mond im schwarzen Winternachthimmel hinaufschauen konnte, zum anderen, weil nach dem Bahnenziehen erstmals in meiner über 20-jährigen Schwimmkarriere die Badelatschen am Beckenrand festgefroren waren. Das gab’s noch nie.
Der Lieblingsbademeister eilte mit dem Heißwasserschlauch herbei, eiste meine gelben Crocs los und spendierte mir zur Entschädigung für die 15 Sekunden Extra-Frieren eine Gutschrift für den nächsten Besuch.
Ich liebe dieses Bad.

*****

Man kann nicht alles wegschwimmen, was einem im Nacken sitzt oder im Magen liegt.
Aber manches kann man leichterschwimmen oder schwimmend ins Wasser hineindenken und dann zugucken, wie es allmählich auf den Beckenboden (den gekachelten!) sinkt.
Kleine Verletzungen, große Enttäuschungen, nagende Zweifel, wiederkehrende Zukunftssorgen, fehlende Antworten, schwelende Ängste, spontane Lebensmüdigkeiten, kraftraubende Viren, zerplatzte Hoffnungen – bei jedem dritten Armzug vollständig Ausatmen, und ab damit Richtung schwarzer Balken auf türkisem Boden.
Man muss außerdem sehr viele Bahnen schwimmen, um seinen Ballast loszuwerden. Keine Ahnung, wie viele.
Jeder hat so seine Ventile. Das Schwimmen ist meines.
Ein weiteres ist die Musik.

*****

Auf der nächtlichen Heimfahrt ist die alphabetische Tracklist der 16GB-Musiksammlung bei „M“ angelangt. Macdonald, Amy.
Sie singt darüber, was Glück für sie bedeutet. Netter Song, 4:49 lang. Dann Stille, das Gerät springt nicht automatisch weiter zum nächsten Titel, und ich denke sofort: „Verdammt, geht DAS jetzt auch noch kaputt in diesem versemmelten Monat.“
Weil die Straße glatt ist, kann ich nicht an der Anlage rumfummeln. Als ich an der nächsten Ampel stehe und mit dem Finger aufs Display zusteuere, singt die Amy plötzlich weiter, nach über 70 Sekunden Pause.
Siehe da, es sind ja noch 3 Minuten Restzeit für „What happiness means to me“ angezeigt, das Glück hat also einen Epilog, den ich bislang nie bemerkt habe (da könnte sich das Leben mal eine Scheibe von abschneiden).
Unverzeihlich, denn es folgt eine Acoustic-Zugabe in schottischem Akzent von „Dancing in the dark“. Ein Song, den ich zwar seit 33 Jahren in & auswendig kenne, aber früher mal so oft gehört habe, dass ich schon lange nicht mehr wirklich zuhörte (sofern er mir überhaupt ab und zu mal unterkam).
Manches hat man ja als Teenager ganz anders aufgefasst (oder noch gar nicht erfasst) – und gestern Nacht trafen diese Worte zum ersten Mal einen völlig neuen Punkt meines Bewusstseins (oder auch bloß einen der Nerven, die sich im Februar entzündet hatten).

*****

You sit around getting older
there’s a joke here somewhere and it’s on me
I’ll shake this world off my shoulders
come on baby this laugh’s on me

Stay on the streets of this town
and they’ll be carving you up alright
They say you gotta stay hungry
hey baby I’m just about starving tonight
I’m dying for some action
I’m sick of sitting ‚round here trying to write this book
I need a love reaction
come on now baby gimme just one look

You can’t start a fire sitting ‚round crying over a broken heart
This gun’s for hire
Even if we’re just dancing in the dark
You can’t start a fire worrying about your little world falling apart
This gun’s for hire
Even if we’re just dancing in the dark

*****

(This one’s for you, S.)

*****

It’s dark at night.

Das Panoramahotel in den Bergen empfängt mich eingeschneit, aber panoramalos. Dass das so bleiben würde, war nicht zu erwarten, passt dann aber unerwartet gut zu Allgemeinbefinden und Stimmungslage.

Es lässt sich tagsüber nur erahnen, dass wir von Bergen umgeben sind, das Weiß der Skihänge geht nahtlos über in weißgraue Nebelschleier, die jenseits der 900 Höhenmeter alles verhüllen.
Ein Sessellift, den ich vom Bett aus sehen kann, verschwindet im Nebel, ein seltsam beruhigender Anblick ist das: am rechten Seil verschwindet Sessel um Sessel in dem dichten Dunst und zugleich taucht an der linken Seite der Strippe Sessel um Sessel wieder auf.
Nachts blitzen auch weiter oben an den Berghängen vereinzelt Lichter auf: Hütten, Liftanlagen, Pistenraupen.

Das Zimmer ist wie vor Anreise abgesprochen „puristisch und ohne Schnickschnack“, sieht man mal von dem sehr flauschigen star spangled bathrobe und dem Sinnspruch ab, den sie hier in jedem Zimmer an die Wand über dem Bett gepinselt haben.

Natürlich in jedem Zimmer einen anderen, so dass man leicht geneigt ist, in die vom Zufall zugeteilte Sentenz etwas Schicksalhaftes hineinzudeuten.

Mein Herz fühlt sich bleischwer, folglich ist das wohl nicht mein Zuhause hier, was nicht weiter überrascht, da ich ja auch verreist bin.
An den Sternenmantel gewöhnt man sich, schließlich guckt man nicht dauernd an sich herunter bei den paar Stiegen hinauf zur Sauna.

Aus der Sauna blickt man direkt auf den nachtschwarzen Berghang.

Bei der Nachtrunde mit dem Dackelfräulein ist es so stockdunkel, dass ich mir das Stirnlämpchen über die Mütze ziehen muss, damit wir nicht vom Weg abkommen. Unter dem harschen Schnee ist es eisig geworden, so wie es überhaupt sehr eisig geworden ist (vor drei Wochen erst saß ich mit Hagebuttenkrapfen und offener Jacke auf einer Bank am See und träumte schon vom Frühlingsbeginn).
Nachts drücke ich das Dackelfräulein viel enger als sonst an mich, damit ich morgens durchgewärmt aufwache. Nur gut, dass ihr das eh recht ist.

Tagsüber stapfen wir Stunde um Stunde schlecht gepflegte Winterwanderwege entlang. Gut gepflegt würden sie meine Laune aber auch nur unwesentlich bessern, fürchte ich. Ich friere trotz dicker Vermummung wie eine Irre, bin appetitlos wie nie, Magen und Kehle sind zugeschnürt, vermutlich ein Virus, diesmal wenigstens nicht Noro mit Vornamen. Das mit der Mukiku ist jedenfalls gründlich daneben gegangen.
Man kann halt nicht immer bei blauem Himmel und Sonnenschein glücklich durch die Berge hoppeln, so ist das (L)eben.

Ich schleppe mich in ein Lokal, in dem die Menschen einen Dialekt sprechen, der meine Ekelgefühle nur noch verstärkt, würge mir eine Kinderportion rein (wie sie einen schon ansehen, wenn man ein 4,90€-Gericht aus der Rubrik „Für unsere Kleinen“ bestellt!), denn irgendwas muss man ja zu sich nehmen außer Salzstangen und Orangen (eigentlich das Einzige, das mir schmeckt).
Das Herz schmerzt und der Magen mag nicht mehr.
Beim Essen entwischt mir eine Nudel, flutscht über den Tellerrand und landet mit ihrem roten Saucenhäubchen auf der bis dahin schneeweißen Tischdecke. Ich pieke sie verschämt von dort auf und verursache dadurch einen noch größeren Fleck.

Dabei fällt mir der Papa ein, den ich neulich, als er für uns gekocht hatte, bei einer neuen Esstechnik beobachtet habe. Der Parkinson versaut ihm schon seit Langem das kleckerfreie Speisen, aber ganz besonders schien es ihn zu ärgern, ja, manchmal beinahe zu quälen, wenn es ihm nicht gelingen wollte, mit seiner Gabel treffsicher in den nächsten Happen zu stechen (vom Hantieren mit dem Messer wollen wir erst gar nicht sprechen).
Nun hat er einen Trick gefunden, dieses deprimierende Harpunieren zu umgehen: Er hält die Gabel jetzt in der linken, nicht zitternden, aber motorisch schon immer ungebildeten Hand, parkt die rechte Hand neben dem Teller, hebt, wenn keiner zu gucken scheint, ein bisschen den Zeigefinger der ruhenden Hand an, so dass dieser knapp über den Tellerrand hervorschaut, und schiebt – sich von links mit dem Besteck nähernd – das aufzugabelnde Häppchen gegen seine Fingerkuppe, so dass es letztlich auf den Zinken landet. Das klappt sehr gut, viel besser als das fahrige Gestocher zuvor. Dennoch kommen mir fast die Tränen, wenn ich daran denken muss (und das muss ich erstaunlich oft) oder das hier so hinschreibe.
Ist etwas erst einmal erzählt, dann existiert es, ist auf bestimmte Weise festgelegt und nicht mehr so leicht veränderbar als wenn es unerzählt geblieben wäre. Das gilt nicht nur für die Gabelgeschichte. Vieles, wenn es erstmal dasteht, in die Worte gegossen, die man eben in jenem Moment des Niederschreibens wählen wollte (oder musste), wird einem dann noch bewusster – oder überhaupt erst bewusst? – in seinem jeweiligen So-sein.

Morgen Früh fahren wir wieder nachhause.
Die Auszeit ist also aus bevor sie an war.
(Cura te ipsum, sag ich mir.)

Von wohlmeinenden Genesungswünschen bitte ich Abstand zu nehmen (hab‘ mich bereits ausführlich genug selbst bedauert), erheiternde Kommentare oder schräge Berichte von in die Hose gegangenen Kurzurlauben sind hingegen jederzeit willkommen!

Remembering Kölnarena, 13. Dezember 2007.

Grad noch fröhlich über Krapfenwerbung herumgeblödelt – und schon war Schluss mit lustig.

So einen Zusammenbruch zuletzt an jenem Abend vor über 10 Jahren in Köln erlebt: The Boss himself bespielte seinerzeit mit Inbrunst die Halle und ich bespie mit Inbrunst die Sanitärkeramik, am Ende des Abends auf du und du mit der Klofrau (es schweißt zusammen, wenn man ein spektakuläres 15-minütiges „The river“ gemeinsam im weißgefliesten WC-Vorraum hört, die Klofrau mir mit Tüchern den Schweiß von der Stirn tupfend). Santa Claus had been coming to town für 16.000 Fans, nur nicht für mich. Der beste Freund tauchte alle paar Songs vor den Damentoiletten auf, um mich zu überreden, mich wenigstens an den Hallenrand zu verfrachten (wo ja auch die Sanitäter sofort zur Stelle wären), aber nicht mal daran war zu denken. Zu schwach für alles. Dann noch eine gruselige Nacht, Tür an Tür, am nächsten Tag der Rückflug nach München mit Schüttelfrost und Immodium. Ein kurzer, heftiger Alptraum, so ein Norovirus.

Gestern ab 18 Uhr dann Norovirus 2.0. Diesmal ohne Springsteen in Köln, dafür mit Tierklinikbesuch in Oberhaching, dort leider ohne nette Klofrau und passende musikalische Untermalung. Das Dackelfräulein hatte ein Kauknochenendstück verschluckt und quer im Hals stecken, jaulte wie wir sie noch nie hatten jaulen hören. Gottseidank rutschte das Ding dann doch noch bis in den Magen durch. Gruseliger Abend, gruselige Nacht. Den kleinen Hundekörper ganz nah bei mir, mich immer wieder ihres Herzschlags vergewissernd (übertrieben & irrational).

Heute komatöser Zustand, aber mit allerbester Pflege: Auf einen Schluck Elektrolytelösung zwei Schluck Cola, das Ganze mit Zwieback abdichten, alle paar Stunden eine Palette Chemie reinpfeifen, der Gatte hatte schließlich die halbe Apotheke leergekauft, ansonsten Wärme und Schlaf, und am Abend feststellen, dass das Gröbste wohl schon überstanden ist.

Verschwitzt oder: Die Gletscherspalte.

„Du schaffst das schon“, meinte er damals zu mir, als ich mich auf den Weg machte, alleine die Alpen zu überqueren, „und wenn nicht, dann hol‘ ich dich eben ab, in welcher Gletscherspalte auch immer du hängst.“

***

Heute sind das Dackelfräulein und ich auf den Riederstein gestiegen, um die Grödel und die Winterwanderhose einem ersten Härtetest zu unterziehen.

Auf dem Riederstein war ich bislang nur ein einziges Mal, mit dem Papa, als er noch fit war und ich noch keine Lust auf Bergtouren an freibadtauglichen Sommertagen hatte und daher mürrisch hinter ihm bergauf schnaufte. Rund 30 Jahre sind seitdem vergangen.

Vom südlichen Ortsende in Tegernsee brechen wir bei zähem Nebel auf…

…und ich wundere mich, wie der Papa morgens am Telefon behaupten konnte, im Tegernseer Tal schiene die Sonne…

…doch schließlich behielt er recht, wenn auch erst jenseits der 1.000 Höhenmeter.

Pippa kriegt sich nicht ein vor Freude, sobald sie Schnee unter den Pfoten spürt…

…und fliegt geradezu aufwärts, so dass man kaum hinterherkommt.

Folglich ist sie als Erste oben auf dem Gipfel…

…der eine kleine Kapelle mit Aussichtsbank beherbergt…

…von wo aus sich ein bombastischer Blick auf die Tegernseer Berge bis weit nach Tirol hinein auftut…

…nur der See ist komplett bedeckt von dem flauschigen Wolkenteppich.

Ich bin verschwitzt und etwas außer Atem (das Hinaufstapfen durch den Schnee strengt gewaltig an), aber das Dackelchen findet das Panorama völlig unerheblich und drängt schon bald ungeduldig zum Aufbruch.

Beim Abstieg rasten wir ausgiebig auf der Galaun, spielen Wurststückchensuchen im Pulverschnee…

…kehren auf ein Haferl Kaffee samt Kuchenstück in der Hütte ein…

…und ich versinke in einer Mischung aus Demut und Dankbarkeit: für diesen Tag, für die wärmende Sonne und den Kaffee, für das neue Equipment und für meine kleine, fröhliche Begleiterin.

Anschließend besuchen wir den Papa in Rottach-Egern.
Er ist recht angeschlagen zur Zeit. Schaut sich die Fotos von unserem Winterwanderglück an und seufzt ein bisschen. Die Berge sind für ihn nur noch Kulisse, der Parkinson und andere Beschwerden fesseln ihn ans Tal und mehr und mehr auch ans Haus. Das schmerzt, wenn man Jahrzehnte lang so gern gewandert ist, aber der Schmerz über den geschrumpften Aktionsradius ist mittlerweile einer unter vielen geworden, und beileibe nicht der größte.

Während ich unter die Dusche springe, fängt er an, in der Küche zu werkeln. Schnippelt Zuckerschoten klein, mariniert das Fleisch, pinselt den Wok mit Sesamöl aus. Als ich wieder dazukomme, rührt er gerade Pippas Futter um, Karotten und Fleisch sollen vermischt werden. Seine Hand zittert, die Bewegungen sind fahrig und zäh, die Gabel pflügt ungelenk durch die Schüssel.
Stets muss ich mir auf die Lippen beißen, wenn ich ihn so sehe. Immer hatte er alles im Griff – im Job, in der Freizeit und besonders in der Küche – und nun fordert eine Kleinigkeit wie Umrühren seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit. Und obwohl dieser Prozess nun schon seit 5 Jahren voll im Gange ist, sträuben sich in mir immer noch eingebrannte Bilder und Erinnerungen aus 40 Jahren dagegen, die Realität endlich als solche anzuerkennen.

„Hast du schon auf dein Konto geguckt?“, fragt er.
„Ja“, sage ich, und füge hinzu, dass ja noch gar nicht Weihnachten sei.
„Aber du gehst doch jetzt in die Berge und nicht erst nach Weihnachten“, entgegnet er, „also besorg‘ dir bitte neue Stöcke und den Rest hebst du auf für die kleine Operation von Pippa.“

Beim Abendessen erzählt er mir, dass er neulich zum ersten Mal in seinem Leben einen Termin verschwitzt hat. Dabei hätte er den Termin doch notiert gehabt. An zwei Stellen sogar. Das beschäftigt ihn schwer. Er, der immer pünktlich war und dem nie etwas durch die Lappen ging. Ob er sich künftig etwa einen Zettel schreiben müsse, auf dem er vermerkt, dass er sich bereits Listen zu den anstehenden Erledigungen angefertigt hätte.
Er versucht, dem Ganzen mit den verbliebenen Resten seiner rheinischen Frohnatur einen galgenhumorvollen Anstrich zu geben, ich lache ihm zuliebe, spiele mit bei dem Gag, und empfehle ihm die gelben Haftnotizen wiederzubeleben, die er früher ergänzend zu seinen Listen (quasi als Meta-Liste) an Türrahmen klebte oder an innen an seine Haustür (damit ihn die Ermahnung rechtzeitig vor Verlassen der Wohnung anspränge). Er lacht zurück, Sekunden später fallen ihm unvermittelt die Augen zu, der Kopf sinkt Richtung Brustkorb, für einen Augenblick befindet er sich im Nirwana der Nebenwirkungen seiner täglichen Dopaminzufuhr, kurz darauf schaut er mich an und will wissen, ob er mal wieder kurz weg gewesen sei.

Als ich am späten Abend über vereiste Landstraßen und durch dichte Nebelschwaden nachhause fahre, muss ich heulen, weil mir plötzlich jener Satz einfällt, den er vor vielen Jahren zu mir sagte, als ich noch die Unsichere war und er der Fels in der Brandung: „Du schaffst das schon, und wenn nicht, dann hol‘ ich dich eben ab, in welcher Gletscherspalte auch immer du hängst.“
Er, der immer für alles eine Lösung wusste und mir immer das Gefühl gab, ich sei ebenso stark wie er (was er, wie ich heute weiß, gar nicht immer war, aber er strahlte es aus und ich glaubte daran), ist in den letzten Jahren langsam, aber unaufhaltsam ein anderer geworden.

Ich wünschte, nun könnte ich ihm mal ein „Du schaffst das schon“ mitgeben, aber es wäre nicht glaubhaft, denn wir wissen beide, dass wir schon froh sein können, wenn seine gesundheitliche Lage stagniert.
Und was die Gletscherspalte angeht: Er wird es nicht mehr sein, der mich dort rausholt, sollte ich da je hineingeraten.

Es fühlt sich beklemmend an, wenn eine Ahnung zur Gewissheit wird, selbst wenn man schon immer um die Metapher in diesem Part des väterlichen Satzes wusste und auch nicht ernsthaft auf Gletschern herumzuturnen gedachte.

Heast, des is makaber…

…singt der Wolfgang Ambros in seinem uralten Song „Da Hofa“.

Der Großteil des gestern Abend im Münchner Prinzregententheater dargebotenen Repertoires kam zwar (noch) nicht makaber, aber doch reichlich morbid daher. Es war allerdings weit mehr als die erwartbare, typisch wienerische Morbidität.
Verzweiflung, Vergänglichkeit, Verfall waren spürbar – in Text, Ton und – worauf ich überhaupt nicht vorbereitet war – auch in personam. Das Gitarrenspiel oft wacklig, die Stimme manchmal brüchig und dünn, das Betreten und Verlassen der Bühne ein sichtlicher Kraftakt. Nur momenthaft waren der Ambros meiner Jugendjahre und der, den ich vor über zehn Jahren auf der überaus gelungenen „Ambros singt Waits“-Tour erlebt hatte, noch wiederzuerkennen.

Zum ersten Mal in meinem Leben war ich dankbar, ein bestuhltes Konzert zu besuchen, andernfalls hätt‘ ich mich erstmal setzen müssen.

Schlecht sieht er aus. Zaundürr, sehr geschwächt, immens gealtert, eigentlich schwer krank. Die erste halbe Stunde des Konzerts bin ich fast ausschließlich damit beschäftigt, den ebenso unerwarteten wie schockierenden Anblick des Austropop-Altmeisters zu verdauen und im Schutz der Rückenlehne vor mir zu googeln: Seit wann geht’s dem so mies und warum isser so beinand? Operationen, Alkohol, Tabletten, Depressionen, Trennungen? (Nächstens, wenn ich wieder zu Konzerten von Vertretern der Ü60-Generation gehen sollte, werde ich das vorher googeln – um vorbereitet zu sein.)

Etwa eine Stunde hat’s gebraucht, bis Auge und Ohr sich an die fahrigen, ungelenken Bewegungen, die langsamen und oft vernuschelten Zwischenmoderationen, die die Darbietung der Songs umrahmen, einigermaßen gewöhnt haben. Die zwei exzellenten Musiker an seiner Seite fangen die diversen Holprigkeiten auf so gut sie können  (und das können sie gut!), und holen ihren Chef auch zurück in die Spur, wenn er sich gelegentlich in langatmigen Monologen verliert, die ihren Reiz deutlich mehr aus dem sympathischen Wienerisch ziehen als aus ihrem Inhalt.
„So gsehn muass ma des betrachdn!“ meint der Bandleader in einer dieser Plaudereien zwischen den Liedern. Und das war kein Fazit des vorausgegangenen Schwanks, nein, es war das ambros’sche Pendant zu „von demher“, das mein kroatischer Friseur immer von sich gibt, und das sowohl nichts als auch alles bedeuten kann. Au weia.

Blauer Nebel kriecht über die Bühne als der Barde Lieder wie „Tendenz zur Demenz“ und „Gezeichnet fürs Leben“ anstimmt oder über alte Zeiten oder die Zeit an sich sinniert. Schwer auszumachen, wann und wo hier Schmäh, Galgenhumor, Melancholie oder tiefe Verzweiflung Regie führen. Düster ist’s jedenfalls.

Lediglich der unvermeidbare „Zentralfriedhof“ fällt schlussendlich völlig aus der Reihe dieses Endzeitszenarios: da hätte ich eher den finalen Hieb des Sensenmannes erwartet als einen Gastauftritt des wie eh und je bubihaft wirkenden Michael Mittermeiers, der vital in die Saiten haut und mit kräftiger Stimme „Wann’s Nochd wird über Simmering, kummt Leben in die Toten“ rausschmettert.
Na sowas.

Ein teils beklemmendes und zugleich sehr anrührendes Herbstkonzert, vor allem, wenn einen die Gegebenheiten so unvorbereitet erwischen.

Als wir das Theater nach drei Stunden verlassen, nieselt es. Auf dem Weg zur U-Bahn höre ich Satzfetzen anderer Konzertbesucher. Manch einer meckert, weil es ja nimmer der Ambros von früher ist, den er da gehört und gesehen hat. Warum hört der nicht früher auf und bleibt seinen Fans so in Erinnerung wie er war als er noch funktioniert hat. An sauber’n Schlussstrich hätt‘ er zieh’n soll’n, bevor’s peinlich wird. Die meisten aber wirken auf die eine oder andere Weise ergriffen, gucken andächtig und sind still.

„Ambros pur“ lautet der Titel der Tour – und in der Tat war es eine Veranstaltung „on the rocks“, ohne Zusatzstoffe, künstliche Aromen und realitätsverschleiernde Hilfsmittel.
Ja, so sieht ein Mann aus, der stramm auf die 70 zugeht und trotz mancher Gebrechen immer noch das tun will und vor allem auch tut, was er immer gern getan hat: Musik machen.

Er zeigt sich so wie er jetzt eben ist, versteckt sich nicht, steht zum Nachlassen seiner Kräfte, singt und spielt weiter, um den Motor am Laufen zu halten, winkt mit zittrigem Arm ins Publikum, humpelt müde und gebückt wie ein 90-Jähriger von der Bühne. Ja, es schmerzt, das mitanzusehen. Als Zumutung empfinde ich es aber nicht, schließlich kann jeder, der das nicht ertragen kann oder will, einfach heimgehen (oder gar nicht erst hingehen).

Entscheidend war für mich, zu erleben, wie er übers ganze Gesicht strahlt, der Wolfgang Ambros, als der Saal geschlossen aufsteht und minutenlang applaudiert.

Der Respekt, die Präsenz und die Liebe der Mitmenschen können einen schon am und im Leben halten.

Die Raumforderung. (Ein Vorruf.)

Wie ihr gemerkt habt: Es herrschte einige Tage lang Blubberpause im Hause Kraulquappe. Heute kann ich erzählen, wieso. Allerdings muss ich dazu ziemlich weit ausholen.

20150822_185258

Geburtstagstisch von Herrn M. (August 2015)

Seit 16 Jahren lebe ich in der zweiten Etage eines 20-Parteien-Mietshauses gegenüber von Herrn M.. Als ich hier einzog, wohnte Herr M. schon ca. zwei Jahre in dem Haus. Mit Beginn seiner Pensionierung hatte er Berlin verlassen und war nach München übersiedelt. Anfangs ging unser Kontakt kaum über ein höfliches Grüß Gott hinaus, gelegentlich vielleicht noch garniert mit einer alltäglichen, meteorologischen oder saisonalen Floskel. Mehr hatten wir nicht miteinander zu tun, dieses Wenige aber in friedlichem Einklang.

Ich erinnere nicht mehr, wann und wie ich erfuhr, dass Herr M. sein Moabiter Berufsleben als Oberstudienrat für Latein und Französisch verbracht hatte. Vermutlich tratschte mir das die damalige Hausmeisterin Frau S. irgendwann im Gemeinschafts-Wäschekeller zu, wo sie besonders gern diejenigen Mieter abpasste, die sich sonst bei Treppenhaus-Begegnungen erdreisteten, ihrem Redefluss mit einer schnellen Ausrede zu entkommen – mitten im Wäscheaufhängen ließ es sich schlecht flüchten. So manche Information über die Nachbarn verdanke ich daher meiner Aversion gegen Wäscheständer in der Wohnung und der Gabe von Frau S., genau zu erlauschen, wann einer der Gesprächsverweigerer auf dem Weg in den Wäschekeller war.

Ansonsten fiel mir an Herrn M. nur auf, dass er nachts Opern hörte (etwas arg laut), sich um eines der Blumenbeete vor dem Haus kümmerte (mit großem Eifer) und relativ viel Zeit mit Herrn H. aus dem Parterre (ein ehemaliger Schauspieler) verbrachte. Da ich in puncto Homosexualität schon immer Tomaten auf den Augen hatte, sofern sich nicht gerade alle Klischees auffälligst in einer Person ballten, habe ich erst nach vielen Jahren – vermutlich ebenfalls von Frau S. und im Wäschekeller – gesteckt bekommen, dass Herr M. nach Beendigung seines Berufslebens wegen Herrn H. nach München gezogen war und es sich damals glücklich fügte, dass zwei Etagen über Herrn H. eine Zweizimmerwohnung für Herrn M. frei wurde, so dass man einander nach 40 Jahren vertrauter Distanzbeziehung nicht zu nah auf der Pelle säße.

Nach zwei eher wortkargen Anfangsjahren als Nachbarin von Herrn M. überkam mich für die Dauer von drei Wintern die bislang einzige Backphase meines Lebens. Ich habe einige Wochenenden mit der Herstellung der aufwändigsten Plätzchensorten verbracht und bergeweise Gebäck produziert, verziert, verpackt und verschenkt (und selbst gegessen, ja sicher!). Nach derlei Küchenorgien stellte ich Herrn M. stets am Morgen danach einen Teller mit Plätzchen vor die Tür. Genauer gesagt: auf seine Süddeutsche Zeitung, die dort lag (auf dem Fußabstreifer haben Plätzchenteller ja nichts verloren). Wenige Tage später klingelte dann Herr M., um den gespülten Teller zurückzubringen und sich zu bedanken – er hatte für jede Sorte eine kurze, liebevolle Rezension parat, die er mir, klein und kugelig in meinem Türrahmen lehnend, vortrug.

So kamen wir allmählich näher in Kontakt. Bald wurde ich Fan seiner gewählten, altertümlichen und dadurch teilweise verschroben anmutenden Formulierungen. Fast noch besser als sein gesprochenes Wort waren seine Zettelchen. Wenn er mich zum Zwecke der Tellerrückgabe nicht antraf, fand ich den Teller mit einem Zettel darunter auf meiner Fußmatte vor (leere Plätzchenteller dürfen da schon stehen).

In etwa zu der Zeit begann sein Ex-Schauspieler-Lebensgefährte sehr zu kränkeln, so dass Herr M. mehr und mehr die Rolle des Versorgers übernahm, obwohl er selbst auch schon nicht mehr der Mobilste war.

Daher ergab es sich, dass ich gelegentlich vor Großeinkäufen (die ich an sich hasse, weil ich Großmärkte schrecklich finde, aber damals, mit Vollzeitjob, waren diese Art Einkäufe aus Zeitgründen noch unvermeidbar) bei Herrn M. nachfragte, ob ich für ihn und Herrn H. ein paar Dinge mitbesorgen könne. Auch aus dieser Aktion resultierten etliche Zettelchen, denn meine Nachfrage zog immer eine Liste nach sich, die Herr M. mir dann am Vorabend des geplanten Großeinkaufs vor die Tür legte, meist im Kuvert mit Geldschein anbei. Mit der Zeit wurden diese Listen immer unterhaltsamer, da ausführlicher oder mit kleinen Scherzen versehen, so dass ich anfing, sie aufzuheben.

Huius, 20 Uhr.
Für den morgigen Einkauf erbitte ich freundlichst:
– 3 Gläser Spreewaldgurken (die ganz dicken)
– 3 Flaschen Campari (wider die Vernunft)
– 2 Rotköhler
– 4 Amphoren Aioli
– 2 Gläser Dijonsenf (den teuersten)
usw. usw.
50 Linsen anbei.
Besten Dank, M.

Bei der Übergabe der Einkäufe wurde ich in die Wohnung gebeten, um die Tüten gleich in der Küche zu platzieren, so dass wir erstmals nicht mehr im öffentlichen Raum kommunizierten. Der eine oder andere Plausch ergab sich, wir lernten einander besser kennen und aus einem höflich-losen Nebeneinander wurde ein recht freundlicher Nachbarschaftskontakt.

Umso schändlicher, dass ausgerechnet parallel zu dieser Entwicklung das dunkle Kapitel unserer Nachbarschaftsbeziehung aufgeschlagen wurde. Und zwar von mir. Natürlich von mir. Denn Herr M. ist ein völlig lauterer, tadelloser Charakter. In mir hingegen tun sich gelegentlich Abgründe auf, aus denen ich mich zwar meist wieder emporarbeite, was aber leider der Tatsache keinen Abbruch tut, dass es sich um Abgründe handelt.
Als ich damals von der Selbständigkeit in ein Angestelltenverhältnis wechselte, veränderte sich meine Einkommenssituation drastisch. Nicht zu meinen Gunsten, versteht sich. Ich musste an vielen Ecken den Rotstift ansetzen, wenn ich weiterhin alleine hier wohnen bleiben wollte (die große Wohnung war eigentlich für eine Person mit Durschnittseinkommen viel zu teuer). Als eine von vielen Maßnahmen bestellte ich damals meine Tageszeitung ab und leistete mir bloß noch das Wochenend-Abo.
Herr M. las die gleiche Tageszeitung, stand aber deutlich später auf als ich. Meine Missetat begann damit, dass ich gelegentlich vor dem Frühstück im Nachthemd über den Flur huschte, mir seine Süddeutsche schnappte, sie für 15 Minuten „auslieh“ und sie dann nach dem Frühstück sorgsamst gefaltet und ohne Fettflecken und Knicke wieder ordentlich zurück auf seine Fußmatte legte. Selbst ein kleines Eselsohr wäre wohl unentedeckt geblieben, da Herr M. damals schon sehr schlecht sah und eine unglaublich dicke Brille trug (weswegen ich ihn, wenn ich in meinem Umfeld von ihm sprach, meist „Marmeladenglas“ nannte – auch dessen schäme ich mich heute ein wenig, selbst wenn es nicht so despektierlich gemeint war, wie es klingen mag).

Die Steigerung meiner kleinen Zeitungsgaunerei vollzog sich etliche Monate später, als Herr M. mittlerweile fast täglich mit der Pflege von Herrn H. beschäftigt war und nur noch für wenige Besorgungen das Haus verließ. Er erzählte mir damals, dass er nichts Kulturelles mehr unternehmen könne, weil seine Kräfte stark nachgelassen hätten und zeitlich würde er es eben auch gar nicht mehr schaffen, wegen der Versorung des Herrn H..
Und was schnitzte ich Gelegenheitscharakterschwein mir aus dieser Aussage zurecht?! Ich mopste ab und zu aus der Donnerstagsausgabe seiner Zeitung das Münchner Wochenkulturprogramm (eine extra Beilage) – und legte es nicht zurück. Mea culpa!
Mopsen sagen übrigens die Menschen, die auch lieber Schwindeln sagen als Lügen, weil sie ihre eigenen Vergehen in selbstgezimmerte Schweregrade einteilen und aus diesen gern mal die mildere Variante für die Etikettierung ihres Tuns wählen, um moralisch besser wegzukommen – das nur am Rande.
Das mit der gemopsten Beilage ging vielleicht ein Vierteljahr so dahin, dann endete diese Phase jäh, da plötzlich auch ich dank des Stresspegels meiner damaligen Beziehung mit U. nichts Kulturelles mehr unternahm.

Ich werde Herrn M. das mit der Mopserei eines Tages noch beichten. Vermutlich sogar bald. Es ist zwar schon über 10 Jahre her, dennoch spüre ich aus aktuellem Anlass ein Bedürfnis nach einer Art Geständnis dieser einzigen, aber umso hässlicheren Schramme in unserem Verhältnis, die ich zu verantworten habe und von der er ja nicht mal etwas ahnt.

Mein Leben nahm wieder eine bessere Richtung, nachdem ich U. aus selbigem rausgeworfen hatte. Einige Zeit später zog erstmals ein Mann mit in diese Wohnung ein – er wohnt immer noch hier und wir haben zwischenzeitlich sogar geheiratet.
Das nachbarschaftliche Verhältnis mit Herrn M. blieb wie es war, der Gatte wurde vorgestellt, durfte fortan auch mal Spreewaldgurken und Campariflaschen in die Wohnung gegenüber schleppen, wir hatten dann auch wieder unsere eigene Süddeutsche im Tagesabonnement, so dass bei mir keinerlei Rückfall in alte Verhaltensmuster zu befürchten war. Kurz: Alles ging seinen gewohnten Gang.

Bis vor gut fünf Jahren Herr H. starb. Ich kam gerade etwas angeschickert von einer Büro-Weihnachtsfeier heim, als mir im Hausflur ein Arzt mit ernstem Blick aus der Wohnung von Herrn H. entgegenkam und mir sofort schwante, dass es nun “ so weit“ ist. So war es auch.
Der Gatte war nicht zuhause, so dass ich mich nicht beraten konnte, was am besten zu tun sei bzgl. Herrn M.. Rübergehen und Klingeln, um zu erkennen zu geben, dass man es mitbekommen hatte? Sofort oder erst am nächsten Tag? Was sagen? Schließlich setzte ich mich an den Schreibtisch und schrieb einen Brief an Herrn M., kein klassisches Kondolenzschreiben, sondern einfach das, was mir durch den Kopf ging in meiner Unerfahrenheit mit dem Tod und meiner Betroffenheit darüber, dass er nun ganz allein war. Herr M. hat nämlich kaum noch Freunde, nur einen alten Schulfreund, der in Linz lebt und mit dem er manchmal telefoniert, den er aber nie mehr sehen wird, weil beide zu gebrechlich sind, um zu reisen. Und ein befreundetes Ehepaar aus einem Münchner Vorort. Sowie uns Nachbarn (neben uns noch ein weiteres Paar, die auch mit ihm in Kontakt stehen). Das war’s. Keine Familie mehr, Berliner Kontakte auch keine mehr, viele schon gestorben, andere einfach aus den Augen verloren. Der Lebensmittelpunkt von Herrn M. war Herr H., und der war nun tot.

Ich legte meinen etwas holprigen und unbeholfenen Brief auf seine Fußmatte, in der Hoffnung, er würde ihn vielleicht am selben Abend noch finden und so erfahren, dass ich den Todesfall mitbekommen hatte.
Am späten Abend läutete Herr M.. Ich öffnete, im Nachthemd und mit Zahnbürste in der Hand, er stand im Hausmantel und mit bleichem Gesicht vor der Tür. Er wolle sich bedanken für den Brief, für die Anteilnahme, die Worte haben ihn berührt. Es sei gut zu wissen, dass jemand im Bilde sei über das Geschehene, mit dem er nun umzugehen habe.

Jener Abend war der Beginn unserer Freundschaft. Und zugleich das Ende der Campariflaschen, denn die waren eine Vorliebe des Herrn H. gewesen.

Seitdem besuchte ich ihn ohne äußere Anlässe, wir saßen einfach abends in seinem Wohnzimmer und tauschten uns über Gott und die Welt aus (mehr über Letztere). Bei einem Altersunterschied von fast 40 Jahren gab es gegenseitig immer wieder eine Menge zu staunen. Ich erfuhr viel über die Kriegsjahre und das Nachkriegs-Berlin, über Gottfried Benns Lyrik, die Briefwechsel von Thomas Mann; er ließ sich erklären und zeigen, was das Internet ist, in das ja heutzutage alle immer „hineingehen“ würden und wie es kommt, dass manche Leute 300 Facebook-„Freunde“ haben. In Google Maps wollte er den New Yorker Stadtplan großzoomen, per Streetview durch Manhattan „laufen“ und einfach mal was in Wikipedia nachschlagen („Unfassbar, dass  man da nicht mehr den Brockhaus bemühen muss!“). Einer der Höhepunkte unserer gemeinsamen Geschichte war für mich, als er mich eines Tages bat, ihm zwei CDs aufzunehmen: eine von Bruce Springsteen („Der Bursche sieht ja ganz proper aus!“) und eine von Pink Floyd („Wissen Sie, zu dieser Musik hatte ich vor langer Zeit in Berlin so meine Erlebnisse…“). Ich werde nicht vergessen, wie ich in einer Mondnacht unseren Dackel nochmal vor die Tür ließ und plötzlich „Comfortably numb“ statt Fischer-Dieskau aus dem 2. OG in die nächtliche Straße mäanderte.
Er kochte für mich Rouladen, ich besuchte ihn nach seiner Augenoperation, er las mir Proust vor, ich lud ihn zu uns zum Essen ein – vegetarische Gerichte waren eine neue Welt für ihn, der er, wie fast allem, neugierig gegenüberstand. Er war bei der Feier zu meinem 40. Geburtstag mit dabei, bekam unsere Hochzeit mit, hat sich rührend auf unseren kleinen Hund eingelassen – er, der nie zuvor etwas mit Tieren zu tun hatte (außer durch den Beruf seines Vaters, der Metzger war). Er schenkte uns „Und Pippa tanzt“ von Gerhart Hauptmann, weil er dachte, dass sie nach dieser Figur benannt sei, dabei heißt sie so, weil mich Rebecca Millers Roman „Pippa Lee“ so begeistert hat (und ich Gerhart Hauptmann schon nach der 9. Klasse, als uns viel zu früh das Schicksal des Bahnwärters Thiel serviert wurde, für alle Zeiten ungerechtfertigterweise aufs Abstellgleis verbannt hatte).

Seit dem Tod seines Lebensgefährten hat er fast jedes Weihnachten bei uns verbracht. Jeder von uns suchte vorher einen Text für den Abend aus, und wenn wir unser Dreigangmenü verspeist hatten, wurde vorgelesen. Das waren herrlich unweihnachtliche Weihnachten. Herr M. ist so erfrischend mit seinem Witz, seinem Sprachtalent und dem aufgrund seines Alters so ganz anders gelagerten Fundus an Bildung, Erfahrungen und Geschichten.

P1030745

Eines der Weihnachten mit Herrn M.

Er lud uns alle paar Monate in ein Lokal ein, was mit jedem Mal ein beschwerlicherer Ausflug wurde, da er aufgrund einer neurologischen Erkrankung in den Beinen immer unbeweglicher wurde. An seinem Geburtstag versammelt er jedes Jahr die sechs Personen, mit denen er noch in Verbindung steht, für ein Abendessen beim Italiener. Ein Ritual schon fast: mein Mann begleitet ihn samt Rollator mit dem Taxi zum Restaurant, ich kümmere mich vor Ort um die Tisch-Deko und bestelle den Aperitif, dann warten wir bis die anderen vier eintreffen, drei Stunden später alles wieder retour.

Aus Herrn M. wurde irgendwann P., was nach so vielen Jahren des Siezens eine große Umstellung war und zunächst auch unnötig erschien. Mittlerweile können wir uns kaum noch erinnern, dass es mal anders war.

Wir haben in den vergangenen fünf Jahren viel gelacht, angeregt diskutiert, ausgiebig geschlemmt, über ungeliebte Nachbarn gelästert, zusammen Champions League Finale geschaut, einander bei Krankheiten beigestanden und uns bei Schwierigkeiten aus der Patsche geholfen.
Als mir im Sommer 2013 mein nagelneues, mühsam zusammengespartes Fahrrad vor der Haustür geklaut wurde, stand er einige Wochen später mit einem Scheck vor der Tür und spendierte mir ein neues Rad. Einfach so. Weil er seine Rente eh nicht mehr komplett auf den Kopf hauen könne, so sei sie wenigstens sinnvoll investiert und er habe ja alles, was er brauche. Mehrfachdanksagungen waren bei ihm strengstens verboten, einmal Danke genügte, danach durfte über die Angelegenheit kein Wort mehr verloren werden.

Wir besorgen seit Jahren zweimal wöchentlich Brot für ihn, und sonntags, wenn der Gatte zum Bäcker geht, bekommt P.  zwei Laugencroissants oder Semmel und Breze an die Tür gehängt.
Da wir aufgrund des Pendelns des Gatten die Zeitung wieder auf ein Wochenend-Abo reduziert haben, legt P. seit Jahren das Herzstück der Süddeutschen, den Sportteil, jeden Tag für den Gatten beiseite bzw. auf die Fußmatte (wer weiß, vielleicht hätte er mir vor 10 Jahren die Kulturbeilage auch rausgelegt, wenn ich nur den Mut gehabt hätte, ihn danach zu fragen).

Das hätte jetzt noch ewig so weitergehen können. Wenn man nicht genau wüsste, dass auch solche Ewigkeiten ein „Verfallsdatum“ haben (das aber nicht am Deckelrand oder Packungsboden aufgedruckt ist, so dass man sich drauf einstellen könnte).

Seit Februar hatten sich weitere gesundheitliche Probleme bei unserem Nachbarn eingeschlichen, die ihm die Lebensfreude nach und nach ziemlich zu vermiesen begannen und jetzt erneut einen Krankenhausaufenthalt bescherten.
Und im Zuge dessen uns dreien eine neue Vokabel: Die Raumforderung.

Bis dahin kannte ich nur die Raumpflegerin, als vermeintlich ehrbarere, politisch korrektere Bezeichnung der ehemaligen Putzfrau, die scheinbar (oder „anscheinend“, das lern‘ ich nicht mehr, hilf‘, Freundin B.!) zum Schimpfwort verkommen war, weil Putzen zu sehr an Dreck erinnert und mit dem wollen ja viele lieber nichts zu tun haben, weder real, noch verbal.
Die Raumforderung kommt auch erstmal wie so eine Verschleierung oder ein Ausweichmanöver daher, wenn man nicht gerade Mediziner und mit dem Fachjargon vertraut ist.

Als P. in den ersten Zeilen seines Befunds etwas von Raumforderung las, schüttelte er verwundert den Kopf, befragte den Arzt und erfuhr, dass sich dahinter ein Tumor verbirgt. „Ja dann sollen die das doch auch so hinschreiben“ raunte er ungehalten.
Mit Vor- und Zunamen heißt die Raumforderung: Hepatozelluläres Karzinom.
„Das Ding hat seinen Raum längst eingenommen und muss ihn doch gar nicht mehr fordern“ – meinte er trocken zu mir, als ich am Klinikbett saß und wir über die Untersuchungsergebnisse sprachen. Wir waren uns einig, dass wir der Raumforderung keinen 13-buchstabigen Raum einräumen wollen, sondern sie fortan Krebs nennen werden. Ist kürzer. Und klarer.

Es ist noch offen, wie es jetzt weitergeht. In den nächsten Tagen werden ihm die Therapiemöglichkeiten erläutert. Wir werden dann erfahren, ob ihm Monate bleiben könnten oder gar ein paar Jahre. Die Sache ist nur die: P. möchte am liebsten nichts von Therapiemöglichkeiten hören. Er möchte nämlich keine Jahre mehr haben. Sondern seine Ruhe.

Er habe sein Leben gelebt, sagte er zu uns. Er sei 82 und man solle ihn doch bitte in Ruhe lassen, er wolle keine Operation, auch keine Therapie, sondern am liebsten eine Tablette, mit der es zuende wäre. Was das denn jetzt noch bringen solle, das alles in die Länge zu ziehen. Es gäbe keine Perspektiven mehr, er hätte keine Ziele mehr, sein Radius sei bedrückend klein geworden und würde auch nicht mehr größer werden. Er sei fertig – das sagte er ohne Bitterkeit! – denn er habe ein gutes Leben gehabt. Jetzt sei es es aber auch mal genug. Vor dem Sterben hätte er gleichwohl etwas Bedenken und Respekt, denn man wisse ja nicht, wie sich das anfühle und ob das nicht doch weh täte.

Ich saß da, hörte ihm zu, und überlegte, was ich sagen sollte. Bis ich spürte, dass es nicht nötig ist, etwas zu sagen, sondern dass es genügt, ihn anzuhören und ernst zu nehmen.

Ich nickte stumm.

Anschließend bat er um drei Kugeln Krokant-Eis, vom Sarcletti, wenn es sich die Tage mal einrichten ließe.

P1030749

Weihnachtswunsch von P.: Gerne mal was mit Roter Bete.

Wo die Sinne herrschen oder: Vom Schweigen des Sinns.

DSC01712

Kürzlich fragte mich ein Leser dieses Blogs, ob ich eigentlich – wie ja manche der Fotos vermuten ließen – im Dauerurlaub sei, wie es denn käme, dass ich mir mein Leben so einrichten könne und ob das alles dem Gatten zu verdanken sei. Er schloss seine Mail mit dem Fazit, wie traumhaft das doch alles sein müsse. Obgleich mich diese Fragen per Mail erreichten, möchte ich sie öffentlich beantworten. Rein prophylaktisch, falls noch jemand dieselben Fragen wälzt, noch stellen wird oder sie sich nicht zu stellen traut.

Nein, mein Leben ist kein Dauerurlaub, trotz der zahlreichen Himmel-blau-alles-prima-Fotos vom glücklichen Hündchen, mir und den sonnendurchfluteten Bierhumpen. Mein Leben ist auch kein Wunschkonzert. Nicht mal ein Ponyhof. Ganz profan habe auch ich einen Sack an Sorgen, den ich mit mir rumtrage, so wie alle anderen (ab und zu plumpst eine raus oder eine neue wird dazu gestopft).

Zum Beispiel: Ich bin derzeit die Erwerbsarbeit los, was oft befreiend ist und selbst so gewählt war, aber zugleich eben Erwerbsarbeitslosigkeit mit all den dazugehörigen Überlegungen, Einschränkungen, Zweifeln und Ängsten bedeutet – und keineswegs ein kontinuierliches Urlaubsgefühl und Freiheit pur. Da der Gatte seine Arbeit ganz und gar nicht los ist (was so auch gut und gewollt ist), also quasi für zwei arbeitet, kommen wir schon über die Runden. Aber nicht für alle Ewigkeit. Über kurz oder lang sollte auch ich wieder in Lohn und Brot stehen. Denn – um auch auf das Fazit des oben erwähnten Lesers zurückzukommen – der momentane Zustand ist zwar immer wieder recht angenehm (dienstags in den Bergen zu sein könnte glatt ein Dauerhobby werden!), aber als einzige Zukunftsperspektive eher belastend statt traumhaft.

Dass ich dieses Thema hier nicht breittrete, hat viele persönliche Gründe. Den simpelsten davon will ich nennen: Jammern ist unsexy, nervtötend, langweilig und macht also weder mich, noch den Leser froh. Außerdem schöpfe ich mein Jammerpensum (im Blog sowie im echten Leben) bereits mit Themen aus, die noch bedrängender und schmerzlicher waren oder sind. Zum Beispiel: Lamentieren über die Kalkschulter.

Die wuchs sich nämlich zu einem in der vergangenen Dekade noch nie dagewesenen persönlichen Elend aus: Vier Wochen lang war ich nicht beim Schwimmen. Es war grauenhaft, wirklich! Aber es wäre einfach nicht gegangen, die Schulter hätte keinen der mir bekannten Schwimmstile zugelassen. Ob einarmiges Schwimmen machbar ist, wollte ich partout nicht testen, es wäre mir wie eine Kapitulation vorgekommen (und die muss man sich für Extremsituationen wie Schulter-OP oder -Amputation aufheben).

Ich habe gejammert, was das Zeug hielt (und tue es noch!).

Es gibt ja etliche Menschen, die in fast jeder Krankheit und auch sonst jedem Ungemach einen tieferen Sinn oder zumindest ein Zeichen sehen können (oder wollen), das einem der eigene Körper (gerne auch: das betroffene Körperteil oder Organ) oder das Schicksal sendet. Ich sträube mich beharrlich gegen diese Betrachtungsweise, dazu bin ich zu nüchtern oder zu wenig spirituell und insgesamt wohl zu pragmatisch.

In den drei Monaten, die ich nun mit meinen Schulterbeschwerden herumziehe, habe ich mich daher nicht in die Frage vertieft, ob und wenn ja, was mir der Kalk oder die feinen Risse in der Sehne für eine Botschaft überbringen möchten (lastet da etwas zu sehr auf meinen Schultern? das Leben etwa? oder die Zukunftssorgen? oder all die Gedanken in meinem Kopf? oder gar der Kopf selbst?).

Hinzu kam die schnöde Tatsache, dass der Auslöser der Schulterbeschwerden ein „Unfall“ war. Ein paar dämliche, pubertierende Jungs gaben mir – Rolltreppe abwärts fahrend, mit Pippa auf dem Arm – am 17. April um 10:32 Uhr von hinten einen Schubs, der mich samt Hund unsanft über die Treppen stürzen ließ. Auch darin sehe ich im Übrigen kein Zeichen, es ging halt einfach mal so richtig abwärts, das kommt vor.
Das einzige Zeichen, das ich erkennen konnte, war jenes auf meinen Schienbeinen, die aussahen wie eine Adidas-On-body-Werbung, nur dass die drei Streifen nicht – wie meist – weiß waren, sondern blutig rot. Seitdem hab‘ ich „Schulter“ und eine große, hässliche, noch immer taube Beule am Bein (lästigerweise genau dort, wo die Zungenspitze des Bergstiefels endet).

Drei Monate sind eine lange Zeit – für die Schulter, für mich und für meine Mitmenschen.

Die Schulter durchlief diverse Stadien der Entwicklung und Schmerzes. Ich durchlief eine Menge neuer Körperzustände: Vom Schlafen in Sargposition über das einarmig-verkrampfte Wäscheaufhängen bis hin zur Schmerzmittelunverträglichkeit, die aussah wie Masern und sich anfühlte wie ein Magen-Darm-Infekt, fiese Spritzen unters Schulterdach, und – nicht zu vergessen! – zwei Springsteen-Konzerte ohne Klatschenkönnen und andere Arm-Ekstasen. Wenn man zudem drei Minuten braucht, um alleine ein T-Shirt an- oder auszuziehen, kaum noch rückwärts einparken kann und für vieles um Hilfe bitten muss, schlägt das mit der Zeit aufs Gemüt.

Seit geschlagenen drei Monaten jammere ich nun mein Umfeld voll, meine Laune war und ist gelegentlich unterirdisch, und der Alltag an vielen Ecken eine Qual. Und ein Ende ist noch nicht abzusehen 🙂

Das strapazierte Umfeld reagierte mit Mitleid, Nachfragen, Zuspruch, Genervtheit, Kopfschütteln, noch mehr Mitleid, noch mehr Zuspruch, guten Ratschlägen, aber auch selteneren Nachfragen oder kritischen Anmerkungen (an dieser Stelle ein Dankeschön an alle, die mich und meine Schulter immer noch tapfer ertragen!).
Die kritischen Fragen oder Kommentare, die bislang an mich herangetragen wurden, fokussierten allesamt mehr den psychsichen Kontext meines Leidens: Meine Einstellung zum Schmerz, mein Umgang damit, meine Unfähigkeit (oder, noch schlimmer: mein Unwille), die Zeichen und den Sinn hinter den Symptomen zu erkennen.

Ich bin bei sowas ein ungnädiger, ekelhafter und dogmatischer Zeitgenosse.
Wenn die drei Reizworte – „Zeichen“, „Sinn“, „Einstellung“ – mal gefallen sind, wische ich sie mit einer rabiaten Handbewegung vom Tisch, schrubbe ihre Splitter von der Oberfläche, desinfiziere alles und stelle unmissverständlich klar, dass ich damit nichts zu tun haben will. Diese Radikalität gibt natürlich umgehend Anlass zu neuen Mutmaßungen, denn solche Vehemenz und Ablehnung muss ja einen Hintergrund haben, und der würde mir was sagen wollen, wenn ich denn bereit wäre, ihn mal zu erhören…

Bin ich aber nicht. Wenn’s weh tut, tut’s weh. Und der Schmerz wird nicht weniger, wenn ich da eine Prise Schicksal hineingeheimnisse oder ein Stück der „Am Leiden wachsen“-Philosophie herausschnitze. Ich war schon beim Yoga immer unfähig, einen krassen Dehnungsschmerz wegzuatmen und gäbe auch einen miserablen Fakir ab.

Meine Strategie ist: Ertragen und Klagen (also Pragmatismus und Ventil). Abwarten und sich mit Alternativen ablenken. Das Unterkellern von Krankheiten, um dort Sinn einzulagern, ist jedenfalls nicht mein Ding. Wo die Sinne herrschen – in dem Fall der Schmerz – hält der Sinn am besten die Klappe.

Seit der Tour auf den Hirschberg gibt es ein wenig Hoffnung. Ich will es noch nicht beschreien, aber es kommt mir so vor, als ginge es langsam aufwärts (und das nicht nur auf den Wegen zu diversen Berghütten). Das musste ich sofort ausnutzen und war letzte Woche endlich wieder Schwimmen!

20160712_131352

Der zweimalige Versuch war allerdings noch weit entfernt vom einst so fröhlichen Flossenschlag:

– wie auf rohen Eiern ins Wasser gegangen (über die Leiter, welch‘ Schmach!)
– wie eine Omi auf Reha mit vorsichtigem Brustschwimmen begonnen
– wie ein Angsthase das Kraulen nach einer Bahn wieder bleiben lassen
– wie ein begossener Pudel nach 45 Minuten aus dem Becken gestiegen (dummerweise nicht über die Leiter!)

Da fällt mir gerade dieser saublöde Spruch ein, dass das Schwimmen schon so manchem geholfen hätte, sich über Wasser zu halten. Haha. Ja, mehr ist es gerade auch nicht. Ich halte mich über Wasser.

Zu Land und auf meinen Füßen halte ich mich derzeit deutlich besser. Nichts tut weh, wenn ich gehe, und mit Trekkingstöcken zu gehen tut der Schulter sogar richtig gut. Früher war ich ja gleichermaßen intensiv in den Bergen wie im Wasser unterwegs, in den letzten 5 Jahren hat das Bergsteigen etwas gelitten. Wir legen täglich so viele Schritte mit dem Hund zurück, dass mir die Lust auf noch mehr Gehen tatsächlich ein wenig vergangen war und ich die regelmäßigen Bergtouren nicht nur vernachlässigt, sondern mit der Zeit als weitere Sport-Option schon fast vergessen hatte.

20160718_191232

Vorgestern, während des stundenlangen Abstiegs im Karwendel, schlich sich doch glatt der Gedanke in mein sonnenverbrutzeltes Hirn ein, ob ich dem Umstand, „dank“ meiner Wasser-Zwangspause nun meine alte, große Liebe zu den Bergen wiederentdeckt zu haben, nicht doch ein Fitzelchen Sinn unterjubeln soll.

Über derlei sinnierend grüßt euch zur Nacht –
Die Kraulquappe.

PS: Das war das letzte öffentliche Äußern zur Schulter. Ich schwöre.