Shirley Jean hat kein Halsweh oder: Die Turbo-Woche.

Wochen gibt’s, in denen gefühlt ein Monats- oder gar Quartalspensum an Ereignissen, Emotionen, Terminen und Arbeiten abgefackelt wird, ohne dass man das zuvor hat kommen sehen.

Eigentlich wollte ich die verregneten letzten Wiesntage nutzen, um mich hier mit der Steuererklärung 2018 einzuigeln und danach mit dem Sortieren der 3.000 Schwedenfotos und den Vorarbeiten für die Reportage zu beginnen sowie mit dem Abarbeiten meiner „Herbstliste“ loszulegen, die ich klugerweise noch im Gemütszustand sommerlicher Leichtigkeit und Beschwingtheit angefertigt hatte (um nach den Reisewochen weder in ein Loch zu fallen, noch lang nachdenken zu müssen, was denn nun anstünde: man ist ja schon irgendwie komplett aus dem Takt und der Zeit gefallen nach solchen Unternehmungen, die einen so voll und ganz absorbieren).

Steuererklärung, das heißt: Drei Tage Suchen, Tippen, Abheften, Rechnen, Recherchieren in juristischen Datenbanken, Fluchen, Studieren diverser Steuerratgeber, Herumärgern mit Zertifikaten und anderem Technikmüll- dann war die Quälerei überstanden und wie jedes Jahr nach dieser zermürbenden Arbeit befielen mich immense Erleichterung und absurde Heiterkeit.
Nicht etwa, weil in Folge dieser Arbeit ein Geldsegen ins Haus stünde, nein, einfach nur, weil „es“ vollbracht ist. Es ist eine Art Arbeit, die ich Jahr um Jahr als zermürbender und nervtötender empfinde und um die ich mich herumdrücke, so lange es nur irgendwie geht – und es geht oft sogar länger als gut für mich ist (Stichwort: Fristverlängerung).

Die neue Woche beginnt also steuer- und wiesnbefreit, es kehrt wieder Ruhe ein im Viertel, die Aufräumarbeiten auf dem Festgelände gehen schneller vonstatten als man gucken kann, draußen darf wieder geparkt werden und beim Abendgassi leuchtet wieder die Bavaria herüber, das Lichtermeer der Fahrgeschäfte ist erloschen.

Die Linden werfen ihre Blätter munter ab, die Grünstreifen atmen auf, weil das Getrampel der Besucherscharen ein Ende hat und es sich als Grashalm nun wieder lohnt, sich mal aufzurichten.
Man trifft beim Gassigehen wieder die vertrauten Menschen und Hunde, die sich alle ein wenig verschanzt hatten während des Oktoberfesttrubels vor ihren Türen oder – wie wir ja auch – auf weniger frequentierte Gassirouten ausgewichen sind.

Der Arzttermin, vor dem es einem schon seit Wochen graut, rückt immer näher, aber bevor man nachts ins Grübeln kommen könnte, hat der Hund Magen-Darm und erbricht sich so oft, dass man vor lauter Hinterherputzen und Hundtrösten und Karottenkochen gar nicht zum Schlafen und erfreulicherweise auch nicht zum Grübeln kommt. Parallel dazu geht die Badewannenarmatur kaputt, so dass man sich mit Hausmeister, Vermieter und Installateur rumschlagen darf, um möglichst bald wieder störungsfrei Duschen zu können, zwischendrin bringt man den Wagen in die Werkstatt, wo sich das Geräusch, das außer mir im August niemand wahrnehmen wollte, auch in der Werkstatt nicht, nun doch (mittlerweile auch für jeden unüberhörbar) als kaputtes Radlager entpuppt, woraufhin ich den Serviceheini der Werkstatt runder mache als es das Rad und sein Lager je waren und einen ordentlichen Nachlass nebst Leihwagen rausschlage für die Missachtung meines Hörvermögens und meiner Vorahnungen (metaphorisch natürlich, das „schlagen“), damit das Fräulein und ich bei diesem Mistwetter trocken zum Rentnertreffen ans andere Ende der Stadt reisen können.

Ja, Sie lesen richtig: ich gehe bereits zu Rentnertreffen!
Die ehemalige Sekretärin des Papas organisiert das zweimal jährlich für ein gutes Dutzend der jahrzehntelangen, beruflichen Weggefährten des Papas, die in den 1970er Jahren alle in etwa gleichalt waren und in ihren Job ein- und somit in etwa auch zeitgleich aus diesem ausstiegen. Das ist ja noch die Generation, in der die Menschen ihr Berufsleben lang ein und dieselbe Anstellung hatten, das kennt man heute in dieser globalisierten, schnelllebigen, veränderungsanfälligen, effizienzterrorisierenden und mega-verdichteten Arbeitswelt ja gar nicht mehr.
Zweimal im Jahr trifft sich diese Truppe also zum Essen, Trinken und Ratschen. Jedesmal fehlen ein paar, ab und an fehlt nun sogar schon einer für immer.
Mich laden sie ein, weil ich meine gesamte Kindheit, Jugend und Studentenzeit viel mit von der Partie war: töchternd, feiernd und jobbend.
Gelegentlich gehe ich hin, zu diesen Treffen, weil ich die Menschen mag und lange kenne, und mich vom einen oder anderen dort auch gekannt fühle.

Übrigens ein Phänomen, dieses Sich-gekannt-Fühlen, über das ich in den letzten Monaten oft nachgedacht habe: Wer sind oder waren eigentlich die Menschen, mit denen ich mich in etwa so fühle, wie ich mich selbst empfinde? Es gab Freundschaften, da fühlte ich mich permanent wie die Ältere oder die Anführerin, und selten umgekehrt mal mitgezogen, aufgefangen oder gar getragen (warum hat man das jahrelang mitgemacht? was sollte das?), und es gab Beziehungen zu Menschen, in denen ich mich bei nahezu jeder Begegnung irgendwie falsch, klein, unfähig oder fehl am Platz fühlte (warum ist man dennoch ein Stück des Weges gemeinsam gegangen? was sollte das?), manche dieser Verbindungen existieren immer noch.
Und ein paar ganz wenige, bei denen ich mich redend, schweigend, lachend, weinend, und überhaupt in so gut wie allen Seinszuständen identisch mit mir und harmonisch mit der anderen Person fühl(t)e.
Anderes Thema und zudem ein weites Feld, demnächst vielleicht mal mehr dazu. Im Herbst packt mich jedenfalls immer so ein Ausmistbedürfnis auf mehreren Ebenen. Damit der erste Schnee nichts zudeckt, das man vorher noch hätte wegfegen können? Ich weiß es nicht genau.

Wo war ich stehengeblieben?!
Ach ja, beim Rentnertreffen. Der Papa heut in schlechter Verfassung und nach zwei Stunden so müde, dass er geht (früher war er immer der Letzte bei solchen Runden). Seine erste Sekretärin (84) weint, als sie sich von ihm verabschiedet, weil sie am Wochenende in ein Seniorenwohnheim einziehen wird und der Ansicht ist, dass sie dann nicht mehr zu diesen Treffen wird kommen können, ihn also nie wiedersieht. Die andere Sekretärin (68) ist gottseidank noch fröhlich wie eh und je (wie selten ist es geworden, denke ich mir so, als ich mit ihr spreche, mal jemandem zu begegnen, auch außerhalb solcher Rentnerkreise, der einem putzmunter erzählt, es ginge ihm „echt richtig gut“), auch der Rest der Runde hält sich mehr oder weniger wacker.
Der ehemalige Bilanzbuchhalter hat nun auch Parkinson, der Papa berät ihn ein wenig zum Umgang mit der Krankheit und fast blitzt dabei etwas von seiner früheren Chefmentalität durch („Jetzt machen Sie das erstmal so und so, und dann geht das schon wieder, alles klar?“).
Auch J. ist heute da, leider mit Rezidiv und zaundürr, aber er ist da und wir wollen dran glauben, dass er weiterhin der zähe Knochen ist, der er immer war und es auch bleiben wird.

Nach drei Stunden löst sich die Runde auf und ich fahre nachdenklich, müde und etwas bedrückt durch den Regen nachhause.
Das Automatikgetriebe des Leihwagens ist dermaßen ungewohnt und weil ich deshalb das linke Bein vorsorglich komplett weggepackt habe, um nicht womöglich doch vor lauter Müdikgeit mit dem Kupplungsfuß reflexartig auf der Bremse zu landen, komme ich mit einem Krampf in der Wade zuhause an.

Dabei schmerzt das Gestell eh noch von gestern Abend.
Kiefer Sutherland was in town und nach drei Stunden Stehen, Rumhopsen und Klatschen spüre ich ebenso wie bei manch anderer Aktivität, dass ich auf die 50 zugehe und noch weniger belastbar werde als ich es eh schon immer war. Immerhin lag man gestern mal genau im Altersdurchschnitt des Konzertpublikums und so gab’s auch drumrum etliche andere, die mal in die Hocke gingen oder sich dezent an Rückenentlastungsübungen versuchten.

Vor wenigen Tagen bespielte Kiefer Sutherland das Wiener Publikum, gestern war München dran. Und 24 Stunden später muss ich sagen: ja, es war schon ganz gut, dieses Konzert, aber die ersten zwanzig Minuten haben das Gesamterlebnis doch etwas eingetrübt.
Stimmlich arg dünn, die Eröffnungssongs, das geliebte „Shirley Jean“ fiel dummerweise genau in diese Phase (ein Jammer, wenn die Studioversion um Welten besser ist als die Live-Version!), die Aussprache verwaschen, die Augen verquollen, die Bewegungen fahrig, und ich wollte dieses so ungewohnt flache, volumenlose Gekrächze schon auf eine Halsentzündung schieben und mitleiden mit dem guten Kiefer, da bekam er auf einmal doch noch die Kurve, bemerkenswerterweise nach einigen Gläsern karamellfarbener Flüssigkeit.

Man soll nichts unterstellen, was man nicht wirklich weiß oder wissen kann, dennoch meine ich in Mimik und Gestik Züge eines Trinkers zu entdecken, mindestens aber die Spuren von zu viel Alkohol, und vielleicht ist die Performance nur dann eine gute, wenn der passende Pegel erreicht ist?
Oder war er einfach nur müde oder sein Hund, den er im Tourbus dabei hat, hatte in der Nacht vorher Magen-Darm oder hatte er Streit mit seiner Freundin oder ist ihm sein Steak misslungen und war schon medium well statt English und hat ihm den Abend verdorben? Wer weiß das schon!

So wichtig ist das alles aber auch nicht, denn zwei Drittel des Auftritts hat der ehemalige Mr. Jack Bauer ja ordentlich hinbekommen, ich wünschte halt nur, er sähe auch noch ein bisschen mehr aus wie jener, und der hübsche Bursche aus „Flatliners“ würde nicht nur in den wenigen Momenten durchschimmern, wenn die Bühne in blaudunstiges Licht getaucht ist und er den Kopf tief zur Gitarre hinabsenkt (man muss das mal sagen: Springsteen sieht in egal welcher Beleuchtung/Pose mit 70 weit weniger verlebt aus und das ist nicht nur guten Genen oder guten Fotografen oder guten Therapeuten geschuldet).

Womöglicht war auch ich beim gestrigen Konzertabend noch zu benebelt von einer morgendlichen Aufregung und deren Folgen: denn eine viel mehr ans Herz gehende Musik lädt völlig überraschend dazu ein, tatsächlich live gehört zu werden – und das sogar noch in dieser Woche!

Zuvor geht’s wohl oder übel zum Arzt und hinaus zu einem weiteren Regenspaziergang und die radlagererneuerte Karre abholen – und noch allerhand anderes ist zu tun bis zu diesem so unverhofften Klang-Ereignis, auf das ich ja insgeheim warte und hoffe, seit diese Musik in mein Leben trat, was zwar erst ein paar Monate her ist, aber ich war halt noch nie besonders gut im Warten, erst recht nicht, wenn es um was Wichtiges und Emotionales geht – und dass das mit dieser Musik für mich was Großes ist, das war sehr schnell klar.

Nun aber eins nach dem anderen.
Bleiben Sie dran – wir berichten, wenn’s soweit ist!

Anybody alive out there? oder: Zwölf Tage im Zeitraffer.

Bevor sich die Nachfragen häufen oder die Sorgen intensivieren: Jaja, wir leben noch.

Nach all der alpinen und mentalen Erhabenheit folgten der Abstieg ins Tal und die Erkenntnis, dass es erstmal nichts mehr zu sagen gibt, weil für den Augenblick das Sagbare tatsächlich gesagt war, und das Unsagbare ja sowieso ein solches bleiben würde, zumal uns zu Tale bereits nach kurzer Zeit ein paar Unsäglichkeiten ereilten, die zu überstehen waren und mittlerweile auch überstanden sind.

Zu guter Letzt noch eine erfreuliche Serie an sagenhaft schönen Begegnungen und Unternehmungen, die viel Zeit gebunden und Aufmerksamkeit gefordert hat – und schon waren zwölf Tage ins Land gegangen (oder ins Wasser) und nun sind wir wieder da, wobei wir ja nie weg waren, nur eben nicht hier.

*****

In Bildern ausgedrückt war’s ungefähr so (chronologisch sortiert, aber unter Auslassung diverser Lowlights & Details & misslungenen Bildmaterials):

Big sisters are watching you! – der Abstieg aus dem Wettersteingebirge…

…und direkt danach ins Alpspitz-Bad: 70er Jahre Charme, wettgemacht von einem traumhaften 50m-Außenbecken mit Alp- und Zugspitzblick.

Wieder daheim gings dann los mit den Begrenzungen und dem Bierzeltaufbau…

…und den Versuchen, der Hitze zu trotzen & Nachfragen zu verneinen („Ui, haben Sie das nasse Handtuch für den Hund bewusst in Bierbankfarbe mitgenommen?“)…

…und schließlich testet das Dackelfräulein Ende Juli bei 33 Grad und mit kühlem Frottee umwickelt noch sein neues Front-Körbchen (mittlerweile haben wir uns auch beide an das Ding gewöhnt, sind nun in 7 Min an der Isar statt vormals in 15 – und damit noch schneller im Wasser und weg vom Asphalt, falls der wieder mal zu heiß werden sollte)…

…und dann kam (unter anderem) das hier: nennen wir’s einfach mal die „Nachwirkungen“ der etwas speziellen Hüttentoilette oder des abgestandenen Wassers aus der Zisterne oben auf 2.400m…

…jedenfalls taperte ich zitternd und delirierend und mit der bangen Frage durch die Wohnung, ob der Hund womöglich zum Geodreieck mutiert ist oder einem der fiese Virus den Blick so vernebelt…

…derweil im benachbarten Frankreich the Boss himself M&M’s kauft, so dass man gleich nochmal ins Grübeln kommt, ob man nicht doch zu voreilig den Freunden die Silvesterreise in die Bretagne abgesagt hat.

Naja, und dann kam noch das hier: Sie sehen’s ja am Pfötchen…

…aber kaum waren wir wieder am Wasser angelangt, tauchten die Sorgen gleich ein bisschen unter…

…und das Fräulein und ich all unsere Flossen in den See…

…was eine wahre Wohltat war: mal wieder einen See komplett zu durchschwimmen, sogar mit Berg- und Klosterblick (schwer zu erkennen, Pippa übt das Fotografieren mit dem Smartphone noch).

Baden in Bayern, aber richtig und züchtig!

Anschließend auf Wasserwegen durchs Moorgebiet gewandert…

…hinüber nach Reutberg auf ein Feierabendbier aus der Klosterbrauerei (eine der vielen tollen Touren aus dem beliebten Buch „Wanderungen für Leib und Seele 😉 )…

… und am Tag drauf noch Besuch von der Freundin aus Braunschweig, die einen in allen Hundesorgen so gut versteht, weil sie selbst einen hat…

…und gemeinsam einen herrlichen Spazier- und Sprechmarathon am Starnberger See absolviert, mit der schönen Aussicht, sich schon in Kürze wiedersehen zu können.

In der Hoffnung, hiermit die meisten Nachfragen beantwortet zu haben, grüßen herzlich  –
die Kraulquappe & das Dackelfräulein.

Die Welt ist nicht größer als das Fenster, das du ihr öffnest.

Gestern Mittag auf der Gindelalm.

Ein weiß-blaues Fenster öffnet sich.
Auf der Holzbank direkt darunter sitze ich. In der Sonne. Denke die ersten paar gewichtigeren Gedanken in diesem neuen Lebensjahr. Erfreue mich an der Wärme, dem Licht, dem Panorama. Habe mir vorgenommen, hier heroben in Ruhe tippenderweise den letzten Gratulanten zu danken, um den Geburtstagsreigen abzuschließen. Daraus wird aber nichts, das Handy bleibt im Rucksack.

Ich komme mit zwei Kielern ins Gespräch bzw. die mit mir, natürlich zunächst wegen des Dackelfräuleins, diesem Plauschinitiator der Extraklasse. In den folgenden drei Stunden geht’s dann um alle möglichen Themen. Ja, Sie lesen richtig: drei Stunden. Sowas passiert mir quasi nie. Mit Fremden, und einfach so, und trotz meiner misanthropischen Tendenzen. Und ausgerechnet gestern, wo ich mich nach Alleinsein gesehnt hatte und was zu denken mit auf den Berg geschleppt hatte, was ja auch gerade im Begriff war, gedacht zu werden als diese Unterhaltung ihren Anfang und dann kein Ende mehr nahm.

Noch ungewöhnlicher als das lange Gespräch auf der Alm ist, dass wir dann sogar beschließen, zu dritt hinabzugehen ins Tal. Normalerweise beende ich solche Berghüttenkontakte spätestens mit dem letzten Schluck aus meinem Weißbierglas oder Kaffeehaferl, weil ich gern in Ruhe und in meinem Tempo gehe, und bei Fremden, tja, da weiß man ja erst recht nicht, wie’s läuft und wie sich’s läuft.
Aber es hat alles gepasst mit den beiden Kielern, es war so offen, interessiert, lustig und einfach, dass ich fast schon geneigt war, mich für kontaktfreudiger zu halten als ich es mir bislang unterstellt hätte, und dass es völlig krampfig gewesen wäre, nicht gemeinsam mit den netten Nordlichtern abzusteigen, zumal wir unsere Autos am selben Parkplatz stehen hatten.
Zu guter Letzt tauschen wir auch noch Telefonnummern aus (ebenfalls eine Seltenheit für mich) und wenn ich möchte, kann ich im Spätsommer den bereits gebuchten, letzten Hotel-Zwischenstopp vor der dänischen Grenze wieder stornieren und mitsamt Pippa im schönen Kiel in einem Gästezimmer logieren.

Soweit der beschwingte Teil des Tages.

Anschließend noch eine Viertelumdrehung am See weitergefahren, um den Papa zu besuchen, wie immer eigentlich, wenn ich in den Tegernseer Bergen herumstiefle.

Stehen wir gemeinsam in der Küche, der Papa am Herd und schon mit dem Abendessen beschäftigt, ich an der Spüle, um den Wandernapf vom Fräulein und meine Trinkflasche auszuwaschen.
Er rührt in einem großen Wok, es gibt ein Curry. Wenn er sich neben dem Herd zur Anrichte beugt, um ins Rezept zu gucken, meint man, er fiele gleich vornüber, so schief ist seine Haltung. Auch wenn er sich nicht zu einem Rezept beugt, meint man das häufig.
Seine Lesebrille beschlägt von den Dämpfen, die aus dem Wok aufsteigen. Alles wirkt angestrengt und beschwerlich.

Schließlich ist eine Limette auszupressen. Seine linke Hand hält die kleine Edelstahlpresse fest, die rechte versucht, die halbierte Limette im Uhrzeigersinn zu drehen, um ihr den Saft abzuringen. Ja, „abzuringen“. Das trifft es genau, denn die Szene wirkt wie ein Ringkampf im Kleinen.
Und der Papa verliert diesen Kampf, die Limette rutscht ab und plumpst in die Spüle, wo ich sie auffange und dann sage: „Lass mich das machen.“. Er sagt daraufhin gar nichts, dreht sich zurück zum Herd und rührt wieder stumm in seinem Wok herum.
Wie er da so steht, dieser voluminöse Mensch, dieser Fels, der er immer war, und kaum noch rühren kann, das rührt mich wiederum so sehr, dass ich die Küche verlassen muss und lieber draußen auf der Terrasse den Tisch decke.

Die Lebensgefährtin vom Papa sitzt am Tisch und flucht leise und ein bisschen senil über einem Sudoku, das sich offenbar nicht lösen lässt. Ich ignoriere sie, was unserem Verhältnis auch irgendwie angemessen ist oder zumindest keinem von uns als störend aufstößt.
Hinter der Hecke hört man aus dem Garten nebenan den unerzogenen Terrier der beiden uralten Nachbarinnen kläffen und ich denke in dem Moment: Halb Rottach-Egern besteht aus Rentnern und Greisen, die andere Hälfte sind Sportler, Tagesausflügler und Touristen.
Im Grunde ist es beklemmend, was aus diesem einst bäuerlichen Dorf am Fuße des Wallbergs geworden ist. Alle fünf Minuten donnert ein Krankenwagen mit Blaulicht durch die Hauptstraße, vorbei an all den Nobelboutiquen und Zweigstellen von Sansibar, Dallmayr & Co., in denen geliftete und betuchte Urlauberinnen absurd teure Tees trinken oder dämliche Accessoires kaufen und danach mit ihrem straßbehalsbandeten Chihuahua in der Designerumhängetasche in der Gondel auf den Wallberg hinaufschweben, um in dem potthässlichen Panoramarestaurant einen Prosecco zu trinken.
Dieses Tegernseer Tal ist ein so wunderschöner Fleck Oberbayerns, aber zum einen sehen das zu viele so und zum anderen hat das Geld die Einheimischen so sehr an die Randbereiche der vier den See umgebenden Ortschaften verdrängt, dass man sie in den Orten mittlerweile schon mit der Lupe suchen muss.
Ab und an sieht man noch einen, abends am Lago di Bonzo, wenn die Ausflügler alle wieder weg sind und die Touristen sich ihr 4-Gang-Dinner in der „Überfahrt“ oder beim „Bachmair“ reinziehen. Abends gehen die Einheimischen baden, oder frühmorgens. Da haben sie ihre Ruhe und ihren See einen Moment lang für sich und so wie er war, als hier noch nicht die Prominenz regierte, die Reichen ihre Zweitwohnsitze hierher verlegt hatten und die Almwiesen für ihre Doppelgaragen plattmachen ließen. Aber ich schweife ab.

Das Curry schmeckt sehr gut. Alles schmeckt sehr gut hier, immer noch. Der Papa war zeitlebens ein passionierter Hobbykoch und sah auch immer so aus. Es ist neben dem Reiseführer- und Zeitunglesen die letzte Passion, die ihm noch geblieben ist.
Beim Essen fallen ihm ein paarmal die Augen zu und sein Kinn sinkt zum Brustkorb, er ist für einen Moment komplett weg und bekommt nichts mehr mit. „Papa, schläfst du?“, frage ich und er schreckt hoch, reißt die Augen auf, lächelt und meint: „Aber nein, ich bin doch wach!“
Nach solchen Szenen leite ich dann gern über zum Thema Autofahren und ob das denn alles noch gut ginge, was von ihm beharrlich bejaht und von mir ebenso beharrlich nicht geglaubt wird.

Weil es sich so ergibt und die Lebensgefährtin gestern auch Einiges zu beklagen hat („Dein Vater wird immer unbeweglicher!“ / „Manchmal verlässt er das Haus zwei Tage lang nicht!“) sprechen wir auch noch über Treppenlifte, Rollatoren, Rollstühle und einen Umzug vom Haus der Lebensgefährtin in eine Wohnung, in der manches einfacher zu bewerkstelligen wäre.
Damit wollen dann aber doch beide noch nichts Näheres zu tun haben und wir verheddern uns recht bald ungut in Details zu Treppenliftkonstruktionen und der albernen Frage, ob dann das Treppenhaus überhaupt noch für Gehende zu benutzen wäre, was natürlich hanebüchen ist, weil das Rottacher Treppenhaus weder besonders eng, noch baulich irgendwie speziell beschaffen ist.
Ich mache also mal wieder einen Punkt (der insgeheim ein Gedankenstrich ist, was ich aber nicht verrate) und erzähle von der Tour in Oberammergau letzte Woche, weil der Papa dort noch jeden Stein und Pfad erinnert und das ein Thema ist, bei dem die Wege gleich wieder zusammenführen und der Geruch von Alter und Gebrechlichkeit und noch Schlimmerem, den die Treppenliftsache unweigerlich mit sich bringt, so wieder einigermaßen verfliegt, während die Sonne idyllisch hinter dem Ringberg versinkt und man in ihren letzten Strahlen schon den Fuchs über das Feld schleichen sieht.

Als der Papa nochmal in die Küche schlurft, um einen Wein zu holen, sehe ich ihm durch die geöffnete Terrassentür hinterher. Und sehe auf einmal unseren alten Nachbarn aus dem ehemaligen Mietshaus in Neuhausen in ihm. Der alte Oberstudienrat, mit dem wir Tür an Tür lebten und in seinen letzten Jahren sehr befreundet waren – bis zu seinem Ende, d.h. bis er beschloss, sterben zu wollen, was ihm binnen weniger Wochen gelang.
Es ist dieselbe Schwerfälligkeit, dieselbe Art, mitten im Gehen zu schwanken und zu pausieren, dasselbe Schnaufen bei jedem Schritt (und als ich beim Heimfahren noch weiter drüber nachdenke: es ist sogar derselbe Galgenhumor, nur leider nicht dieselbe Offenheit für Hilfe und Unterstützung).
Der Papa wirkt viel älter als er ist, aber Krankheit ist nunmal keine Frage des Alters und das Alter nichts weiter als eine Zahl (erst letzte Woche auf der Hütte einen Mann getroffen, der mit 75 fit wie ein Turnschuh da heraufspaziert war und zwar über den Steig, über den Pippa und ich uns später doch etwas mühsam hinunterzitterten).

Momente, in denen kurz aufscheint, wie es noch werden könnte und was uns noch so bevorstünde – und die mir mit etwas Abstand zu dem Trübsal und den Ängsten, die sie jedes Mal in mir auslösen, auch eine seltsam intensive Art von Lebensimpuls und -gier geben und recht deutlich zurufen, dass man verdammt nochmal das Glück am Schopf packen solle, wenn es einem denn vor den Augen steht oder gar vor die Füße fällt, und dass man dort, wo man sogar selbst den Glücksschmied spielen kann, weil Gesundheit und Umstände das jetzt gerade erlauben, das auch tun sollte ohne zu viel Wenn und Aber und Konjunktive.

Gelegenheiten ergreifen, sich ein Stück vom Himmel oder der Welt schnappen – so lange sich diese weiß-blauen Fenster noch öffnen und man noch Herr oder Frau über seine zwei Haxn ist.

Heute Mittag in München.

Am Limit.

Montagmorgen in der Notfallambulanz.

Ein Erlebnis im wahrsten Sinne des Wortes ambulare. Mehrere Wartezonen und Zuständigkeitsbereiche durchwandert, auf den Klinikfluren auf und ab gegangen, so gut das halt noch ging. Wegen der Sintflut da draußen konnte man ja leider nicht an die frische Luft, in diesen tollen, ginkgobepflanzten Innenhof, der einer der schönsten Innenhöfe Münchens ist, und dort ambulieren. Überhaupt wirkte die ganze Maistraße eher wie Novemberstraße.

Viel Zeit gehabt, über den Begriff Notfall nachzudenken: wie ich den definieren würde und wie die Uniklinik den auffasst.

Der Torwart an der Klinikpforte schickt einen zu Raum Nr. 21a, in dem man sich ein Kärtchen zu holen hat, das einen als Notfall ausweist. An der besagten Tür klebt ein Riesenschild, das zu lesen einem schon ganz schön was abverlangt, wenn man sich kaum aufrecht halten kann. Das Fazit des ellenlangen Textes: Wehe, Sie kommen herein – klopfen Sie nur 1x kurz und warten Sie dann draußen!

Als sich fünf Minuten nach meinem Klopfen rein gar nichts getan hat, wage ich es, die Klinke herunterzudrücken und vorsichtig in den Raum hineinzugucken – nicht, dass da gar niemand drin ist… Doch, da ist jemand. Eine grimmige Verwaltungstante. Sie hockt hinter ihrem Tisch und raunzt mich an, ich solle draußen warten, sie würde einen schon holen.

Eine zweite Frau gesellt sich zu mir, klopft an die Tür und will nach fünf Warteminuten auch zur Klinke greifen. Ich kläre sie auf, rate ihr ab. Wir kauern nun nebeneinander in der Hocke auf dem Flur, Sitzgelegenheiten gibt es vor Raum 21a nämlich keine. Ist ja der Notfallraum, da kann man sich zur Not auch in den Raum fallen lassen und liegend warten (drei Räume weiter, quasi übergangslos: die Liegendanlieferung, passt also eh).

Kommt eine dritte Frau hinzu, schmerzgekrümmt schleppt sie sich vor die Tür, liest das Schild, stöhnt auf, klopft, wartet drei Sekunden und drückt die Klinke runter. Der Verwaltungsdrache telefoniert nun und mampft einen Schokoriegel und winkt die Patientin sofort wirsch aus dem Zimmer.

Nach weiteren 20 Minuten geht Frau Nr. 2 und mir die Geduld aus und wir treten ungebeten nochmal ein. Der Drache will sich empören, aber wir kommen ihr zuvor. Genervt drückt sie uns schließlich die laminierten Kärtchen in die Hand. Nun sind wir „Notfall“ und dürfen uns in Zimmer 14 bevorzugt anmelden.

An der Tür mit der Nr. 14 hängt eine noch umfangreichere Hinweistafel als an der 21a.
In Kurzform: Wehe, Sie kommen herein – ziehen Sie eine Nummer und warten Sie!
Eine halbe Stunde nach Eintreffen in der Klinik ziehe ich aus dem Automaten die Nummer 51. Auf dem Display über Raum 14 blinkt eine 45. Da ich das Anmeldebüro bereits kenne, weiß ich, dass sich dort drinnen drei Tische mit je einem Verwaltungsdrachen dahinter befinden. Spätestens als sich die Tür zum dritten Mal öffnet und eine Patientin herauskommt, müsste man meinen, dass das Display so langsam von 45 zu 46-47-48 weiterspringen würde. Tut es aber nicht. Es verharrt drei Tassen Kaffee und sechs Donuts lang (mal so gemutmaßt) bei 45. Hat man viel Zeit, über die Sache mit der bevorzugten Anmeldung nachzudenken und sich zu fragen, warum man nicht gleich hier eine Nummer gezogen hat.

Immerhin gibt es hier Sitzgelegenheiten. Harte Holzbänke mit unbequemen Rückenlehnen. Genau das Richtige für eine Frauenklinik, denn wir Frauen hassen Weiches und Warmes, ganz besonders, wenn’s uns mies geht.
Weil irgendwo weit oben im Flur ein paar Fenster gekippt sind, ist es gottseidank auch herrlich kalt in dem Wartebereich. Man hört den Starkregen so auch besser. Wie er idyllisch und beruhigend auf die metallenen Fenstersimse hämmert.

Nach weiteren 40 Minuten blinkt Nummer 51 auf. Ich traue meinen Augen kaum. Mit klammen Händen und Füßen schwanke ich zur Tür von Zimmer 14.
Drinnen ruft Frau S. mich zu ihrem Schreibtisch, auf dem eine hässliche Sukkulente und ein gerahmtes Katzenfoto verstauben. Zu den Nachbarschreibtischen gibt es weder optisch noch akustisch irgendeine Art von Trennung.
Man hört alle Details zu Beschwerden, Krankheitsverläufen, Medikamenten, Adressen, Telefonnummern, Namen von ggf. zu verständigenden Angehörigen sowie deren Telefonnummern. Und unterschreibt parallel dazu die vierseitige Datenschutzerklärung, die einem Frau S. vor die Nase legt. Danach unterschreibt man noch das Anmeldeformular und mit einem Haufen Papier in den Händen darf man nun nach nebenan gehen.
In Zimmer 13. Endlich angekommen, im eigentlichen Wartezimmer, hurra. Gesteckt voll mit überwiegend elend dreinblickenden Frauen. Und bestückt mit richtigen Stühlen, sogar mit plastikgepolsterter Lehne. Und einem Getränkeautomaten, dessen Abluft und Kühlaggregatsdauerbrummen einen in den nächsten zwei Stunden in den Wahnsinn treiben wird.

Erfreulicherweise sind diese zwei Wartestunden von zwei Aktionen unterbrochen: 1.) Dem Erscheinen einer Krankenschwester, die die Tür aufreißt und Is no jemand Nei’s dazuakemma? plärrt und einem den Papierstapel und das Notfallkärtchen abnimmt. 2.) Einer Blutabnahme, die in meinem Fall etwas länger dauert, da die Rollvenen dreimal davonrollen und die Schwester dann eine Stationsschwester dazuholen muss, die wo Übung mit de Broblemfälle hod.
Schöne Atmosphäre, auch bei dieser Prozedur: ein charmantes Durchgangszimmer, dauernd latscht jemand an einem vorbei, ruft was, holt was, will was, wie im Taubenschlag geht’s zu, keine Pritsche zum Hinlegen, als mir der Kreislauf nach dem dritten Zustechen ein wenig zu entgleisen droht, es muss im Sitzen auf dem Klappstuhl klappen (darum heißt der auch so).

Vom Wartezimmer aus hat man Blick auf Maistraße, auf die Flamingo Bar und die kleine Bäckerei an der Ecke, wo ich mir zu gern eine Breze holen täte, da das Frühstück daheim aufgrund der Gesamtlage recht schmal ausfiel (und auch wieder aus mir rausfiel), aber die Schwester gebietet, ich solle mal lieber nüchtern bleiben, falls sie einen dabehalten müssten. Was einem die Wartezeit nicht grad erleichtert, weder der nagende Hunger, noch der innere Aufruhr, den so ein Appell beschert.

Nach weit über drei Stunden komme ich tatsächlich dran. Der sehr junge Gynäkologe (mit zartem Bartflaum im Gesicht) ist nett, spricht fließend Lateinisch und sogar ein paar Brocken Deutsch und hat auch schon psychologische Fortbildungen besucht.
Als wir uns an seinem Schreibtisch zur Anamnese gegenübersitzen, bemerkt er nämlich trotz eifrigen Tippens meinen ängstlichen Blick auf den Laborbericht, der neben seiner Tastatur liegt. Da steht in Fettdruck und Schriftgröße 24 Lebensgefahr / Notfall drüber, und drunter mein Name. Das kann man mühelos lesen, auch wenn der Text auf dem Kopf steht und der Blutzucker im Keller ist. Schnappt der Arzt also meinen Angstblick auf, erklärt mir sogleich freundlich und zugewandt, dass die Überschrift nur aus organisatorischen Gründen da draufsteht: damit das Labor die beiligende Blutprobe vorrangig untersucht. Guckt kurz auf den Zettel und beglückwünscht mich zu meinem recht positiven Hämoglobinwert, dem Geschilderten nach sei das ja nicht zu erwarten gewesen.

Irgendwo zwischen Franz Kafka und Karl Valentin, das Ganze.
Und dazu ein paar Szenen aus der Rubrik „Als Statist unterwegs im eigenen Leben“.

Zumindest bis hierher.
Die Untersuchung ein kleiner Alptraum, nur leider sehr real und so nah am persönlichen Limit, dass mir die Tränen runterlaufen und ich beinahe schreie, dass sie bitte sofort damit aufhören mögen. Stattdessen wird mir schwarz vor Augen. Der sehr junge Arzt und die noch jüngere Assistentin sind sehr verunsichert, holen dann doch lieber den Chefarzt dazu. Der ist Vollprofi und hat schon so viel Blut und Tränen gesehen und Schreie gehört, dass er wegen sowas längst keinen Ultraschall mehr verzittert oder die Fassung oder seinen onkeligen Tonfall verliert.
Ergebnis: Nichts Unerwartetes entdeckt, Rezept bekommen, weitere Maßnahmen erläutert, Wiedervorstellung in Kürze.

Wie ein Zombie nach vier Stunden die Notfallambulanz verlassen, an den ganzen Menschen auf den Fluren und in den Zimmern vorbei, Richtung Klinikausgang.
Aus dem grauen Schleier des Dauerregens treten triefend der Gatte und das Dackelfräulein hervor. Halluziniere ich noch oder lebe ich schon wieder?
Einzig denkbare Bedürfnisabfolge nun: Breze, Kaffee, Kuchen, Hinlegen.

Fragen Sie bitte nichts nach, und wünschen Sie auch nichts. Ich hab dazu eh keine Antworten.
Es wird schon wieder. Andere haben sowas auch überstanden.

*****

24 Stunden später. Dienstagmittag.

Die Isarauen versinken zunehmend im Wasser. Ein Wildfluss am Limit. Das Dackelfräulein wundert sich, dass dort, wo sie üblicherweise ihrem Bällchen nachrennt, heute Enten baden und dass dort, wo die Enten sonst baden, ganze Baumstämme in den Fluten treiben.

Die Stadt sperrt erste Wege und Stege. Der Regen läuft einem in den Kragen und in die Schuhe. Schirm bringt nichts wegen krassem Wind.
Trotz aller Garstigkeit hat die Runde aber ein bisschen was Vitalisierendes.

*****

Am Abend dann eine Ladung Puder ins blasse Gesicht und los zur Praterinsel. Die kleine Mariannenbrücke fast schon auf einer Ebene mit der Wasseroberfläche.

Der DAV feiert 150. Geburtstag, der Gatte trägt dort vor, da hat man versprochen, mit dabei zu sein. Nicht nur so in der Funktion als Spielerfrau, sondern eher in der vertrauten Rolle als Gelegenheitsgroupie. Und aus allgemeinem alpinen Interesse.

Ich hatte mir den ja irgendwie deutlich größer vorgestellt.

Aber holla, ich sag’s Ihnen: an Drahtigkeit ist der schwer zu überbieten. Sehr ausdefiniert, alles (oder wie sagt man da?). Und so ein nettes Bayrisch! Berchtesgadener Land eben. Und überhaupt ein total angenehmer Typ, so im Gespräch und beim gemeinsamen Bier.

Das war’s dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Limit ist halt für jeden was anderes & woanders.

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Standing on a ledge oder: Der Krebs und sein Gang.

Traf ich dieser Tage den J. wieder.
In herrlich milder Luft sitzen wir draußen und trinken Tee.
Der Name des Cafés so verheißungsvoll wie das Wetter: Der LENZ ist da (tralala & verhext & grün & hopsasa).

Lange hatte ich ihn nicht gesehen, er war sehr absorbiert. Von einem hartnäckigen Karzinom. Und noch mehr von all den Medikamenten und den Therapien vorher und nachher und überhaupt. Hatte sich sehr zurückgezogen. So sehr, dass ich das mit dem Krebs zunächst von einer gemeinsamen Bekannten erfuhr und nicht von ihm.

Normalerweise verabreden wir uns nicht, J. und ich, sondern laufen uns zufällig über den Weg (wie das üblicherweise zwischen uns war, können Sie hier nachlesen, dann sind Sie im Bilde).
Eine Krebserkrankung kann solche Verhaltensmuster schon mal verändern. Plötzlich ein Gefühl von Endlichkeit oder zumindest eines von Nicht-mehr-blind-drauf-vertrauen-Wollen, dass man einander schon – wie in den 20 Jahren zuvor – alle zwei Jahre im Park, auf der Straße, an der Isar, im Schwimmbad oder auf dem Berg begegnen würde.
Nun sitzen wir also, explizit verabredet, in einem Café. Das ist neu für uns.

Ich mustere ihn verstohlen. Ob die Krankheit ihn verändert hat. Ob sie seiner Sportlerstatur etwas anhaben konnte. Ob die grauen Locken noch dieselbe Länge und Dichte haben. Ob die Gesichtszüge andere sind als bei unserer letzten Begegnung. Ob man ihm mittlerweile sein Alter ansehen kann, ihm, dem völlig Zeitlosen und ewig Frischen.
Seine Stimme zu hören, und sie auch so gänzlich unverändert wahrzunehmen, tut mir gut. Sie gehört zu den wenigen Stimmen, die ich mit geschlossenen Augen memorieren kann und das schon seit über 30 Jahren. Ein schönes, weiches Münchnerisch, durchsetzt von ein paar Dialektsprengseln des Oberlands, vielleicht aus Mittenwald, wo J. geboren wurde oder aus Lenggries, wo er aufwuchs.
Der Blick hinter seiner John-Lennon-Brille ist noch derselbe wie eh und je, froh, wach und lebendig, nur vielleicht etwas müder geworden, aber diese Interpretation kann auch meiner eigenen momentanen Müdigkeit geschuldet sein.

Wir haben uns nebeneinander gesetzt, so können wir beide den Rücken an die Hauswand lehnen und in die Sonne gucken.
Sprechen über dies und das. Über alte Zeiten. Über gemeinsame Stationen, damals. Über den Papa, natürlich. Über das letzte Jahr. Über das Jetzt. Über den Krebs. Über den Umgang damit. Über Metastasen und Chemotherapie und Bestrahlung. Über Heilung, Chancen und Heilungschancen.

„Jetzt sitzen wir hier, wir zwei Krebse“, sagt er, „und sprechen über Krebs!“.
Er lacht verschmitzt und meint, das sei eh die ganze Zeit über seine Devise gewesen: drauf zu vertrauen, dass ein Tag komme, an dem Krebs wieder einfach nur (s)ein Sternzeichen sei, dem er keine größere Bedeutung schenken müsse. Und dass er ja momentan als geheilt gälte.
Ich frage nach, will die ganze Geschichte hören, sofern er sie erzählen möchte, denn es ist ja manchmal so eine Sache mit den eigenen Krankheitsgeschichten: sie nerven einen ab einer gewissen Wiederholung – wie eine Platte, die hängengeblieben ist – und machen einen dann bei jeder weiteren eher noch kränker als dass einem das Erzählen noch irgendeine Erleichterung verschaffte.

J. stört das nicht, er erzählt mir bereitwillig alles, chronologisch, ruhig, mit einigen Pausen dazwischen.
Wir sehen uns die meiste Zeit dabei nicht an, weil wir ja nebeneinander sitzen und Richtung Sonne blicken, das fühlt sich entspannt an. Auch daran erkennt man vertraute Menschen: dass man auch nach langer Zeit ohne Warmwerdenmüssen und ohne Holprigkeiten über alles miteinander sprechen kann, dass man sich nicht dauernd ansehen muss (es gleichwohl mühelos könnte), dass man Pausen gut aushält, dass man nebeneinander sitzen kann und sich keine Gedanken über den passenden Abstand machen muss.

Fasziniert bin ich vor allem davon, dass J. während der gesamten Chemotherapie wöchentlich 1x auf einen Berg stieg, immer am Tag vor der Infusion, immer alleine.
Einmal habe er sich im Wochentag geirrt („es war ja alles so gleich in diesen Monaten“) und da rief die Assistentin aus der Onkologie vom Rechts der Isar ihn dann auf dem Handy an und fragte, wo er denn sei.
– Draußen sei er.
Ja wo denn „draußen“, wollte sie wissen.
– Auf einem Felsvorsprung sei er, in dem Ammergauer Bergen.
Aber das dürfe er doch nicht, er solle doch zuhause sein und sich schonen oder draußen nur mit Mundschutz unterwegs sein und schon gar nicht bergauf, das sei viel zu anstrengend, viel zu riskant.
– Na das hätte er ihr auch nicht freiwillig erzählt, aber sie habe ja nicht aufgehört, ihn zu fragen.
Jedenfalls zwang sie ihn dann doch zur Umkehr, weil die Infusion noch an dem Tag hat sein müssen, also stieg er halt wieder hinab („schad‘ um die Klammspitze, ich war fast schon oben!“) und fuhr zurück in die Stadt, direkt zur Klinik.

Er legt mir die Hand auf den Arm nach diesen Worten und schaut mich von der Seite an und sagt: „Ich wusste, dass ich hinauf gehen muss. Weil ich das doch mein Leben lang gemacht habe. Seit fast 60 Jahren gehe ich immer hinauf, erst recht, wenn es hier unten beklemmend wird. Ich wusste, wenn ich das jetzt bleiben lasse und mich daheim einsperre und mit Mundschutz auf den nächsten Termin warte, dann geh ich drauf.“
(Dass er sich das an dem einen oder anderen Felsvorsprung, den er in dieser Phase passierte, ebenfalls gedacht habe, auch das verschweigt er mir nicht.)

Wir bestellen ein zweites Getränk, reden über die Berge, auf denen jeder von uns in der letzten Zeit so herumturnte, in welcher Verfassung auch immer (man hätte sich mehrfach treffen können oder zumindest zuwinken), und darüber, was das mit uns macht, und wieso man das Glück und vielleicht sogar Heilung findet, dort oben.
Denn Heilung bedeutet auch, dass man spürt, was einen noch trägt, wenn vieles aufhört, einen zu tragen.

Die Sonne verabschiedet sich aus der Ludwigsvorstadt und verschwindet allmählich hinter der Ruhmeshalle, um ihre letzte Abendrunde durch die Schwanthalerhöhe zu drehen.
Innerlich randvoll (Gedanken, Gefühle: das Leben, der Tod, der eigene Weg, die Begleiter auf diesem, die Richtungswechsel, die Sackgassen, was war, was ist und was wird noch sein können?) gehe ich nach diesen Stunden nachhause und höre mir das Lied an, das mir zum Felsvorsprung gleich in den Sinn kam (I’m standing on a ledge…) und sowieso gut zu J. passt: some kind of gypsy boy, schon immer.

Der heutige, unerwartete Wintertag lässt’s zu, das Erlebte noch in Worte zu fassen, und auch der morgendliche Termin hat wieder einen Tropfen Öl in das viel zu oft klemmende innere Schloss eingebracht, auf dass es geschmeidiger und leichtgängiger werde und der Schlüssel sich drehen möge. Rechts herum!

Song des Tages (29).

Ich kann diesen Ort nicht ausstehen.
Scheinheilig liegt das Radiologicum an der Münchner Freiheit, aber von Freiheit ist nichts spürbar dort, es ist ein Ort der Enge, der Beklemmung, der Sterilität und der Technik. Es thront im 5. OG über den Dächern Schwabings, im gläsernen Aufzug schwebt man hinauf, trockene Lippen, kreislaufschwach, klamm an Händen und Füßen. Immer im Januar. Und immer ist alles grau: der Himmel, die Fassaden, die Stimmung. Heute auch ich: graue Stiefel, graue Jeans, grauer Mantel, graue Handschuhe. Nur der Schal ist türkis und die Überweisung hellgelb und der U-Bahnhof eigentlich auch ganz farbenfroh.

Der Befund dann allerdings der Beste seit Jahren, so dass der Radiologe nach kurzem Grübeln meint, man könne künftig glatt nur alle zwei Jahre kommen, was einen nach 16 Jahren schon sehr zu hören freut.
Erleichtert verlasse ich die Praxis, gehe zum Aufzug, eine kleine Frau steht dort und wartet. Wir steigen gemeinsam in den Glaskubus ein, ich meine, ich hätte sie schluchzen hören, bin mir aber nicht sicher. Als ich die „EG“-Taste drücke, sehe ich ihr Gesicht. Sie weint. Wie eine Comicfigur weint sie: die Tränen spritzen regelrecht links und rechts aus ihren Augenwinkeln heraus. Ihre Arme hängen wie leblos links und rechts neben ihrem recht rundlichen, in einen gesteppten Daunenparka gezwängten Körper herunter. Sie ist schätzungsweise so alt wie ich.
Ich fummle ein Päckchen Taschentücher aus meiner Manteltasche heraus, halte sie ihr hin und sage „Nehmen Sie doch eines!“.
„Jetzt habe ich Krebs…“, entgegnet sie, greift nach den Taschentüchern und fährt nach kurzem Naseputzen fort: „…und mein Freund hat sich zu Silvester aus dem Staub gemacht. Jetzt bin ich allein, jetzt bin ich nichts als allein.“.

Was ich ganz spontan antworten möchte, wage ich nicht zu sagen (zu banal und zu unpassend womöglich), also sage ich gar nichts und greife stattdessen mit beiden Armen um die schluchzende Daunenkugel herum und halte sie fest bis der Aufzug fünf Etagen später „Bing“ macht, weil er das Erdgeschoss erreicht hat, und dann nochmal „Bing, bing“, weil seine Tür sich öffnet und er die beiden Frauen gemeinsam in die Kälte und das Grau entlässt, wo sich ihre Wege alsbald trennen.

*****

But there’s things that’ll knock you down
You don’t even see coming
And send you crawling like a baby back home
You’re gonna find out that day sugar

When you’re alone you’re alone
When you’re alone you’re alone
When you’re alone you’re alone
When you’re alone you ain’t nothing but alone

I knew some day your runnin‘ would be through
And you’d think back on me and you
And your love would be strong
You’d forget all about the bad and think only of all the laughs that we had
And you’d wanna come home

Now it ain’t hard feelings or nothin‘ sugar
That ain’t what’s got me singing this song
It’s just nobody knows honey where love goes
But when it goes it’s gone gone

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Im Spätsommer 2014, auf meiner Reise durch Südschweden und Gotland, hörte ich viel Musik. Lange Autofahrten sind ja wie gemacht dafür und zu fast jeder meiner Stationen erinnere ich noch das Lied, das ich zur Ankunft oder bei der Abreise hörte.

Fünf Songs kristallisierten sich im Laufe dieser Wochen als die hartnäckigsten, besten und stimmigsten Begleiter heraus. Zu jedem einzelnen notierte ich mir damals, weshalb ich das so empfand.

When you’re alone, B. Springsteen. Lifetime really does have a tendency of sliding away faster than we can control. We have to learn to take life in its pleasures as it comes – and above all: spend time with people that make your life brighter, deeper, more complete and even more worth living. That’s what I realized while listening to this song. (Ronehamn, Kapten Grogg, am 3. Sept. 2014).“

Meine Güte, wie ich dieses Lied damals liebte und jede seiner Strophen mich so erfüllte, beglückte, befreite.
Ewig nicht mehr dran gedacht, ewig nicht mehr gehört.

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Der Hund von Baskerville.

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Im Traum lag ich aufgebahrt und mit einem Hüftgurt auf einer Liege festgeschnallt in einem kahlen, kalten Raum, die Decke schmutziggrau, links und rechts mintgrün gekachelte Wände, vor mir eine schwere Metalltür, hinter der ich Stimmen vernahm, so schwach, entfernt und verschwommen allerdings, dass ich nichts verstand, so sehr ich mich auch bemühte.

Auch sonst verstand ich nichts: warum ich dort lag, warum so seltsam fixiert, und warum mit diesen höllischen Schmerzen im rechten Arm. Hinter mir, in der einzigen Wand, die ich nicht sehen konnte, weil es unmöglich war, den Kopf so weit zu drehen, schien sich eine weitere Tür zu befinden, denn auf einmal hörte ich, wie dort eine Klinke heruntergedrückt wurde.

Ein Mensch betrat den Raum, näherte sich mir von hinten, beugte sich über mein Gesicht, so dass ich das seine nur als Fratze wahrnahm. Die Mimik verkehrtherum betrachtend musste ich erstmal überlegen, ob der Ausdruck nun als uklig oder unheimlich zu interpretieren sei. Ich fand es nicht mehr heraus, denn plötzlich pustete mir die Fratze unerwartet einen Satz ins Gesicht.

Der Fremde sagte: Wir können Sie heut nicht drannehmen. Ich fragte: Drannehmen wofür? Die Stimme antwortete: Das darf ich Ihnen nicht mehr sagen, Ihr Ausweis ist ungültig.
Mich durchfuhr ein Schauer, denn an irgendetwas erinnerte ich mich diffus, als das Wort „Ausweis“ fiel. Der fremde Mensch und seine Stimme kamen mir noch näher, bedrohlich sanken sie fast hinab auf meine Stirn, hinter der es wie wild dachte und suchte und nichts fand. Ich wollte meinen rechten Arm heben, um dazwischenzugehen, zwischen diesen fremden Schädel und meinen, aber der Arm ließ sich nicht heben, der Schmerz war zu groß.

Woher kam dieser Schmerz nur, woher? Ich hob den Kopf, bog den Hals weit nach rechts, wo mein Arm lag und sah mitten in meiner Armbeuge eine kleine halbmondförmige Platte stecken. Damit war mein Arm an der seitlichen Außenkante der Liege fixiert worden, quasi aufgespießt worden, jede Bewegung führte dazu, dass sich die Platte tiefer in mein Fleisch bohrte.
Blut war erstaunlicherweise keines zu sehen (überhaupt träumte ich in meinem Leben bislang nur einmal von Blut oder erinnere alle anderen Male nicht). Der Fremde atmete mir nun unangenehm in den Nacken, schwieg und ich spürte, dass er mich beobachtete.

Instinktiv wusste ich, dass mir nicht viel Zeit bliebe. Mit dem linken Arm fuhr ich blitzschnell nach rechts, riss den metallenen Halbmond aus meiner Armbeuge heraus (wieder kein Blut, nirgends!), und hielt ihn mir vor die Augen. „Du bist jetzt mein Land“ stand darauf. In Schriftart Baskerville war der Satz in die Mitte des Metallstücks eingraviert.

Ich begriff in der Traumwelt offenbar sofort, was es mit dieser Botschaft auf sich hatte, meine Schläfen pochten vor Aufregung, zugleich war ich wild entschlossen, nahm all meinen Mut zusammen und fuhr mit der linken Hand, in der sich noch immer der scharfkantige Halbmond befand, schnell nach hinten und stach den Fremden nieder.

Es gab ein dumpfes Geräusch, als er zu Boden fiel. Das kleine Plättchen, das ihn niedergestreckt hatte, löste sich wohl aus der Einstichstelle, denn ich hörte, wie es mit einem leisen Klirren irgendwo auf dem Steinboden aufkam, noch ein wenig vibrierte und dann verstummte. Totenstille herrschte in dem Raum.

In dem Moment öffnete sich die große Metalltür vor mir und ein Arzt, der mir bekannt vorkam, lächelte mir zu.
„Sie sind wieder gesund“, rief er mit einer Heiterkeit in der Stimme, die ich ihm beinahe übelnahm, und fuhr fort: „Sie dürfen jetzt erstmal nachhause gehen.“

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Um 6 Uhr wendet das städtische Räumfahrzeug quietschend im Hinterhof und schiebt den nächtlichen Neuschnee knirschend Richtung Einfahrt.
Ich wache auf.
In meinem rechten Arm schläft das eingekringelte Dackelfräulein. Die Dornschließe ihres Halsbands, das ich ihr nachts vor lauter Müdigkeit ausnahmsweise abzunehmen vergessen hatte, drückt ein wenig auf meine Armbeuge. Ich drücke einen Kuss auf ihre kleine Hundestirn, spüre ihr warmes Köpfchen und denke: Wo wir so zusammen sind, dort muss Zuhause sein.

Niedergebügelt oder: Rowenta, 1984.

Eine der Tätigkeiten im Haushalt, die ich outgesourced habe, weil ich sie stets weniger mochte als alle anderen, aber passenderweise mit jemandem verheiratet bin, dem diese Tätigkeit nicht so zuwider ist, vielleicht auch, weil er dabei stundenlang in Ruhe Fußballgucken kann (freilich nicht die Spiele „seines“ Vereins, denn das wäre gerade bei dieser Tätigkeit durchaus riskant) oder sich alternativ dazu von YouTube-Videos von Philosphievorlesungen berieseln lassen kann (denn Fußball läuft ja nicht täglich, YouTube aber schon), ist das Bügeln.

Im Klartext: Ich hasse Bügeln. Schon immer. Ich bin geradezu traumatisiert, was Bügeln betrifft. Offen gestanden, beginnt das schon beim Anfassen des Bügeleisens. Denn bevor ich in meinem Leben überhaupt an den Punkt gelangt war, an dem es wirklich erforderlich geworden wäre, dieses Gerät anzufassen (also zur ersten Hochzeit oder mit Beginn der Phase der Vorstellungsgespräche), war ich bereits über 10 Jahre im Besitz eines Bügeleisens.

Ich war 12 Jahre alt, als ich mein erstes Bügeleisen bekam.
Es trat unter sehr schwierigen Umständen in mein Leben, und dass es ein Begleiter für sage und schreibe 34 Jahre werden sollte, hat damals wohl niemand beabsichtigt oder geahnt, am allerwenigsten ich, die ich 1984 wirklich so manches gern hätte haben wollen, aber definitiv kein Bügeleisen und erst recht kein damit verbundenes Trauma.

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1982. In der sich bereits anbahnenden, kleinen, ganz privaten Dystopie in jenem facettenreichen Gebilde, das man Herkunftsfamilie nennt, knirschte es schon lange im Gebälk, aber noch stand das Gebäude, die Fassade wies keine sichtbaren Schäden auf, die Abrissbirne war noch nicht geschmiedet worden, alle klammerten sich noch an einander oder an Dinge, die irgendeine Art von Griff oder Mulde boten, in die sich die nach Hilfe tastenden Hände krallen konnten.

Wohin man aber auch blickte oder lauschte – wenn man wirklich aufmerksam war und das Wahrgenommene an sich heranließ – dann war es überall spürbar, dieses Knirschen und Knarzen, dieser Zersetzungsprozess, dieses langsame Verschmelzen der vielen kleinen Eiterbeulen zu einem riesigen Abszess, der gar nicht anders konnte, als irgendwann zu platzen, wenn ihm denn niemand eine Drainage legen würde, was keiner tat oder tun konnte, so wie in vielen Familien ja den grausigsten Dingen ihr Lauf gelassen wird, anstatt die ganze Bagage gesammelt in die Notaufnahme zu schicken.

We played out an all-night movie role
You said it would last, but I guess we enrolled
In 1984 (Who could ask for more?)

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1984. Die Mutter kurz vor einem ihrer Reha-Aufenthalte. Jahrelanges Herumdoktern an dem Kreuzbandriss einer Unsportlichen, die sich „der Familie zuliebe“, die bevorzugte Plattform ihrer Opferrolle, eine Saison lang ungelenk auf die Skier gestellt hatte, bis es sie, am letzten Tag des fürchterlichen „Familienskikurses“ im weltmeisterlichen Schladming mitten auf der Planai zerlegte. Im Winter 1982. Bei der letzten Abfahrt.
Der Papa hatte sich am Tag zuvor am Hochwurzen das Kahnbein der linken Hand gebrochen.

In meine spätkindliche Welt war damit endgültig das Unglück hereingebrochen, es war sichtbar geworden, es ließ sich nicht mehr verbergen. Zerbrochen an allen Ecken und Enden wurden wir wie ein Haufen Versehrter heimgekarrt, der Fahrer vom Papa kam mit dem Kombi, um die Mutter mit ausgestrecktem, provisorisch geschientem Haxn nach München zu kutschieren und direkt ins Rechts der Isar einzuliefern. Dort wetzte der seinerzeit als Kniespezialist ausgewiesene Chefarzt in der Chirurgie bereits die Messer, verpfuschte dann aber das Knie nachhaltig, so zumindest die Version der Mutter.
Der Papa transportierte mit eingegipstem Hangelenk unsere Skiausrüstung, die Koffer und mich nachhause. Aus der Traum vom Wintersport, vorbei die Ferien, die Kindheit auch und das Familienleben ebenso.
Entschuldigen Sie den kleinen Exkurs in den Winter des Jahres 1982, aber der ist als Prolog zum Winter 1984 nunmal unerlässlich.

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Zwei Jahre nach diesem Drama in St. Eiermark, wie der Papa die Region immer nannte, was ich als Kind lustig fand, aber nur bis zu diesem Unglückstag, an dem unsere Familie für alle Zeiten verunfallte (was für ein gräßliches Verb, aber es trifft genau), zwei Jahre nach Schladming stand also wieder mal einer der Reha-Aufenthalte der Mutter an. 1984. Dazwischen lag übrigens die räumliche Trennung der Eltern, der Papa war ausgezogen bzw. ausgezogen worden, zur Scheidung rang man sich erst Jahre später durch, der eine aus Berechnung, der andere aus Hoffnung.

Jeder Aufenthalt, egal wo und für wie lange, ist ja verbunden mit Kofferpacken. Das pünktliche Herrichten von Sachen beherrschte die Mutter noch nie, sie beherrschte es so wenig, dass der Papa irgendwann die Beherrschung verlor und ihr das Packen abnahm. Was die Mutter gar nicht ertragen konnte: dass ihr jemand die zumindest in ihrem Kopf wohl existenten Listen an mitzunehmenden Gegenständen aus der Hand nahm oder gar ignorierte und nach seiner Fasson ihren Koffer befüllen wollte. Bevor wir für drei Wochen nach Holland reisen konnten, reisten wir stets drei Tage durch die Vorbereitungshölle und die letzten drei Stunden vor der Abreise durch das Fegefeuer des finalen Kofferpackens.

Sie können sich nun in etwa vorstellen, was sechs Wochen Reha-Aufenthalt also im Vorfeld bedeuteten.
Die Mutter saß überfordert vor ihren Koffern, um sie herum Berge an unnützem Zeug, bis Mittag sollte man in der Klinik eintreffen, sie hockte da morgens in ihrem Chaos und konnte keine Entscheidung treffen, was wohin eingepackt werden musste. Der Papa hatte einen Tag freigenommen, fuhr zu uns, um beim Koffertragen zu helfen und um sie und ihre Sachen in die Klinik zu bringen, hatte alles Überflüssige vorsorglich aus dem Mercedes entfernt, damit das Kind neben all dem Gepäck auch noch irgendwie Platz auf der Rückbank fände.

Die Zeit wurde knapp und knapper, der Papa wollte packen, durfte aber nicht, die Mutter konnte nicht packen, tat es dann aber. Kurz vor dem Aufbruch wanderte sie rastlos durch die Wohnung, mit einem suchenden Blick nach Dingen schielend, die sie vergessen haben könnte oder noch brauchen würde, dort in Bad Heilbrunn.

Plötzlich griff sie nach dem Bügeleisen und stopfte es obenauf in eines iher übervollen Gepäckstücke. Dem Papa platzte der Kragen. Ob sie jetzt spinne?! Es gäbe Bügeleisen in der Klinik, die man bei Bedarf ausleihen könne! Sie solle sich das doch bitte sparen, das Auto würde eh schon überquellen vor lauter Gepäck. Auf einmal wurde um dieses Bügeleisen so gestritten wie seinerzeit beim Auseinanderdividierens des Hausstandes über einen pottscheußlichen Wandteppich aus Ägypten, an dem eigentlich keiner hing, aber an dem man vielleicht genau deshalb alles aufhängen konnte. Diese ganze Ehe, dieses ganze Scheitern, all die Verzweiflung.

Die 12-Jährige heulte. Natürlich nicht wegen des Bügeleisens, das für 6 Wochen zu verreisen drohte, auch nicht wegen der Mutter, die für längere Zeit verschwinden würde, nein, sie heulte einfach nur wegen der immensen Lautstärke und der ewigen Wiederholung des Immergleichen.

Man fuhr schließlich in Bombenstimmung los, genau wie früher, wenn es Richtung Holland ging.

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Bei der Ausfahrt Penzberg/Iffeldorf verließ der Papa die A95, nicht nur, um die kürzeste Strecke nach Bad Heilbrunn zu wählen, sondern um einen unangekündigten Zwischenstopp in Penzberg einzulegen. Er bog spontan von der Durchgangsstraße ab und hielt vor einem Elektro- und Haushaltswarengeschäft. Eines dieser Geschäfte, mit allem, was das Hausfrauenherz an kleinen Alltagshelfern begehrt, zusammengepfercht in einem mit billigem, beigem Teppich ausgekleideten Schaufenster, hinter staubigen Scheiben auf Kundschaft wartend und mit handgeschriebenen Preisschildchen versehen, die wacklig an den ausgestellten Waren hängen. Geschäfte, die es heute kaum noch gibt, weil sie längst der großen Konkurrenz erlegen sind, selbst in Penzberg.

Er stieg aus, verschwand in dem kleinen Laden und kam 10 Minuten später mit einer Schachtel unter dem Arm wieder heraus. Riss die Autotür auf, drückte mir den kleinen Karton in die Hand und sagte „Da, jetzt hast du selbst ein Bügeleisen, wenn deine Mutter nicht in der Lage ist, ohne dieses Trum in die Klinik zu gehen.“.
Ich hielt es auf dem Schoß, betrachtete die Schachtel, auf der „Rowenta“ stand und der darin befindliche Inhalt mit einem schnöden Foto abgebildet war, und war unschlüssig, ob ich nun „Danke“ sagen müsste oder ob ich nochmal weinen sollte oder ob mir all das einfach nur egal sein dürfte.
Keine Ahnung, was ich damals tat, manches entsorgt das Hirn ja dankenswerterweise.

Jedenfalls war ich nun Eigentümerin eines Bügeleisens und wenig später auch Besitzerin eines Bügeleisentraumas.

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Denn dieses Gerät wurde nicht nur zum Symbol meiner Abnabelung von der Mutter, sondern nach ihrer Rückkehr aus der Klinik auch zum Streitobjekt. Schließlich hatte die Tochter nun das bessere Bügeleisen, das neuere, das mit mehr technischen Finessen. Und sie brauchte es doch gar nicht! Ha! So ging das nicht, so war das nicht vorgesehen!
Aber irgendwas war da in der Tochter, das bereits so widerspenstig geworden war, dass sie auf einmal dieses olle Bügeleisen festhielt und nicht hergeben wollte. Nicht mal ausleihen wollte sie es, nein! Es war IHR Bügeleisen und sie würde es nicht von der Mutter anfassen lassen, fast wie ein geliebtes Haustier, das man vor den unkundigen Zugriffen zu neugieriger Fremder zu beschützen versucht.

Mit 17 verließ ich die Mutter. Ich ließ sie zurück mit ihrem alten Bügeleisen und ihren ganzen Krankheiten (und leider auch mit meinem Hund).
Ich nahm mein Bügeleisen und alles, was ich sonst noch packen konnte (ordentlich packen, versteht sich, denn ich kann gar nicht anders als Dinge ordentlich und übersichtlich zu packen, ich kann Chaos beim Packen oder Zeitnot vor der Abreise nicht ausstehen) und ging.

Das Bügeleisen wurde damit auch zum Inbegriff meines frühen Auszugs in die Welt, es wurde mein erster praktischer Begleiter auf dem Weg zum ersten eigenen Hausstand, den ich schließlich mit 18 hatte. Ich trug es von Bleibe zu Bleibe, räumte es von Schrank zu Schrank, von Regal zu Regal, es war immer bei mir, obwohl ich es in den ersten Jahren so gut wie nie verwendete.
Es wohnte all die Zeit in seiner Originalschachtel aus dem Penzberger Haushaltswarengeschäft, ab und zu sah ich hinein, ob es noch da wäre. Das war es, es war sehr verlässlich da. Manchmal war es nahezu das einzige greifbare Relikt einer früheren Zeit, das noch da war und gottseidank auf eine stumme Weise da war und nichts von mir wollte – das hatte in all den unruhigen Jahren etwas ungemein Beruhigendes und Kontinuitätspendendes.

Und es war unversehrt, das hatte es mir voraus. Es war so herrlich heil und glänzend und unversehrt.

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Nein, ich erzähle Ihnen jetzt nicht die vergangenen 34 Jahre, die ich mit diesem Rowentagerät verbracht habe, en detail nach – seien Sie unbesorgt.
Ungefähr 20 Jahre unseres Zusammenseins kann man nämlich in zwei knappe Sätze fassen: Wir gewöhnten uns aneinander und kamen klar. Aber es war eine rein pragmatische Beziehung, wirklich tiefe Gefühle oder gar Freude am gemeinsamen Alltag kamen nie auf.

Heute würde ich sagen, dass uns das am Tag unseres Kennenlernens schon so vorherbestimmt war: Da war kein Fünkchen Liebe oder freie Wahl im Spiel, sondern wir wurden zwangsverheiratet, Rowenta und ich. Daraus hätte auch großes Leid erwachsen können, in unserem Fall blieb es bei einem kleinen Trauma. Wenn man so will, ist es also noch ganz gut gelaufen. Denn 34 Jahre sind kein Pappenstiel.

Ich überließ das Bügeleisen schon in meiner ersten Ehe gern und regelmäßig M., der damit auch meine Sachen bügelte. Rowenta und M. kamen nämlich gut zurecht, sie waren zufrieden miteinander. Als ich M. verließ, habe ich mein Bügeleisen dennoch nicht bei ihm zurückgelassen. Es hing an mir wie ein früher Fluch (oder ich an ihm), etwas, das man zwar loswerden will, aber nicht loslassen kann. Die Erinnerungen an diesen Penzberger Montagmorgen im Jahr 1984 waren zwar rabenschwarz, aber ich konnte sie nicht loslassen. Undenkbar, mich von diesem Ding zu trennen.

Einige Jahre lang haben Rowenta und ich dann zu zweit zusammengelebt. Sogar ungeahnt intensiv, denn bei meinen 3-4 Dienstreisemonaten pro Jahr war ich doch sehr auf das Funktionieren unserer Beziehung angewiesen. Es lief an der Front reibungslos zwischen uns, aber Herzlichkeit keimte dennoch nie auch nur ansatzweise auf.
Bis Rowenta zu schwächeln begann. Nicht, was ihre Heizleistung anging, da hapert es bis heute kein bisschen. Das mit einer Art Kunstgarn umwickelte Kabel begann sich aufzulösen, hier und da hing ein Faden aus dem Gewebe heraus. Eine zeitlang ließen sich diese Alterserscheinungen noch mit der Nagelschere stutzen oder wegzupfen, so wie man ab 40 beginnt, sich die ersten grauen Haare einzeln auszurupfen, was man dann aber bald wieder bleiben lässt, weil man ja sonst mehr Schaden als Nutzen damit anrichten würde und gewisse Prozesse sich ja eh nicht aufhalten lassen.

Ich begann auf einmal, mich um mein Bügeleisen zu sorgen. So funktional, lieblos und nüchtern die Beziehung zwischen uns auch immer war, sein Verfall bekümmerte mich zutiefst und sein potentieller Tod war mir eine schier unerträgliche Vorstellung.

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Genau in dieser kritischen Phase trat der Gatte in mein Leben. Er konnte von Anfang sehr gut mit Rowenta, umwickelte ihre Wunden fürsorglich mit einem Stoffklebeband, was ihrem Faserkleid wohlttat. Er entführte sie, verjüngt und aufgebrezelt wie sie dann aussah, in die Welt des Fußballs. Erstmals durfte dieses Bügeleisen erfahren, dass das Leben aus mehr bestand als aus dunklen Schränken und kurzen, wortkargen Ausflügen ins Licht.
Sein trostloses Kasper-Hauser-Dasein wurde abgelöst von stundenlangen Champions-League-Abenden bei Festbeleuchtung, mit Rotwein und laut krakeelenden Kommentatoren, und dazu durfte es noch geschmeidigweiche Boss-Hemden bis zur Perfektion streicheln. Vom Alter her hätte man sagen müssen: Rowenta erlebte ihren zweiten Frühling! Die traurige Wahrheit aber war: es war der erste Frühling überhaupt für dieses arme, ungeliebte Ding.

Als Rowenta dann dank der Förderung durch den Gatten auch noch ein Seniorenstudium beginnen durfte, war mir klar, dass ich mich fortan aus der Beziehung zwischen den beiden ganz raushalten sollte. Es ist mit Sicherheit das einzige Bügeleisen, das zahlreiche Vorlesungen über Husserl gehört hat und etliche Vorträge von Hans Joas auswendig kennt. Der ungeahnte, späte Geistesreichtum kam auch Rowentas körperlicher Verfassung sehr zugute, sie hielt sich wacker, trotz aller Betagtheit. Ich ließ die beiden in Ruhe, wohl wissend, dass ich da eh nur störte, sie kamen ohne mich ganz hervorragend klar.

Wir begegneten uns in den letzten Jahren kaum noch, Rowenta und ich, und wenn, dann lehnte sie gerade erschöpft in der Küche und befand sich in der Abkühlphase nach einem langen Abend mit dem Gatten, an dem ihr wahre Höchstleistungen abverlangt worden waren (denn der Gatte bügelt immer erst dann, wenn „ein bisserl was zusammengekommen ist“, und „ein bisserl“ ist ein recht dehnbarer Begriff zwischen Männern und Frauen).

Ich würde rückblickend sagen: diese Zeit war die beste in Rowentas langen Leben. Und ein paar solcher Abende werden sie schon noch miteinander haben, die beiden (@Gatte: ähem, räusper – die Schublade mit der Bügelwäsche geht übrigens kaum noch zu, es wär‘ also ein bisserl was zusammengekommen 😉 ).

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Aber alles geht irgendwann zuende. Auch das längste Bügeleisenleben. Und wie es oft so ist: wenn das Ende bevorsteht, kommen manche einander doch nochmal näher, nach einer Pause oder nach Jahren des Zerwürfnisses, vielleicht auch zum allerersten Mal überhaupt.

In den letzten Wochen habe ich mich Rowenta erstmals nach vielen Jahren wieder zugewandt. Sie sogar berührt. Stundenlang! Ich holte im Wochentakt je ein Paar unserer neuen Vorhänge aus der Näherei ab, die dann gewaschen und vor dem Aufhängen natürlich gebügelt werden mussten. Da der Gatte zeitlich und bügeltechnisch aus dem letzten Loch pfeift, so mitten im Semester, wollte ich ihn nicht damit belasten, obwohl ich sonst wirklich konsequent gar nichts bügle, nicht mal in Notfällen wie spontanen Theaterbesuchen oder Beerdigungen.

Nach ca. 10 Jahren der totalen Distanz zwischen uns, kam es also jüngst nochmal zu mehreren Begegnungen. Mir fiel auf, dass Rowenta mittlerweile schwer ächzt und knarzt, wenn man sie auf höchster Stufe über 11 Meter Marimekkostoff scheucht. Kleine Runden stemmt sie noch ganz gut, aber solche Marathonläufe sind ihre Sache nicht mehr. Sie ist alt geworden, uralt.

Plötzlich, beim letzten Vorhang, den ich bügle, spüre ich ein Ziehen in der Herzgegend. Mein Blick fällt auf ihr Kabel, auf ihren an ein paar Stellen gebrochenen Griff, auf ihren zierlichen, altersschwachen, bleichen Körper. Es schnürt mir den Hals zu.

Und ich sehe auf einmal wieder das unglückliche Mädchen von 1984 auf der Mercedesrückbank sitzen, und ich spüre seinen Drang loszuweinen oder wegzulaufen, damals in Penzberg, an diesem Wintertag, der so düster war, obwohl der Himmel so blau war über dem herrlich verschneiten Tölzer Land.

Ich höre die Autotür noch zufallen, als der Papa ausstieg, um Rowenta zu kaufen, sehe ihn noch aus dem Geschäft kommen und diese Bügeleisenschachtel unter dem Arm tragen, dort eingeklemmt wie ein Gewehr, mit dem er der Mutter mindestens einen Streifschuss verpassen und die Tochter vor irgendwas beschützen und bewahren wollte, das er selbst nicht hätte in Worte fassen können (weil er in derlei Worten keine Übung hatte und im Umgang mit den dahinterliegenden Gefühlen schon gleich gar nicht), und vor allem aber sich selbst den Weg freischießen wollte, in ein Leben ohne diesen ganzen familiären Scheiterhaufen, dessen Teil leider auch er war.

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Und mit dieser launigen Lebensgeschichte eines einst so ungeliebten Geschenks, dessen Tage nun ebenso gezählt sind wie die der Türchen des Adventskalenders 2018, verabschieden wir uns hier und heute in eine kurze Auszeit, in der wir in Ruhe ein paar Dinge ein bisschen sortieren, wenn nicht gar ausmisten wollen, um anschließend unbelasteter an Zukünftigem feilen zu können.

Nicht nur an einer Zukunft ohne Rowenta, sondern auch an einer, in der man Penzberg 1984 noch ein Stück friedlicher unter dem Schnee vom vergangenen Jahrhundert mitsamt seiner teilweise schon verstorbenen Protagonisten ruhen lassen kann.

 

Sky of memory and shadow (a dream of life). Zum 21. November 2018.

Lieber P.T.,

es ist an der Zeit, Ihnen mal ganz explizit zu danken.
Und Ihr Geburstag ist ein sehr guter Anlass dafür.

Ohne Ihren beharrlichen Zuspruch und Ihre Unterstützung hätte ich es vor vier Jahren mit Sicherheit nicht so (vergleichsweise und für meine Verhältnisse) schnell geschafft, mich aus meiner beruflichen Sackgasse zu befreien und den Horror vor all den damit verbundenen „Amtswegen“ zu überwinden (und erst recht den, anschließend ins Bodenlose zu fallen).
All meine Schreckensvisionen haben Sie sich angehört, nachgefragt, seziert und behutsam darauf hingewirkt, sie zu eliminieren oder sie zumindest auf ein realistisches, rationales Maß zurechtzustutzen. Heute muss ich über so manches schmunzeln, was ich damals für unmöglich oder nicht umsetzbar hielt (und feststellen: sogar noch viel mehr als DAS war machbar und die Welt ist selbst dann nicht untergegangen, sogar die in dem Kontext innerlich ausgemalten Kleinkatastrophen blieben aus – das Schicksal ist wirklich in vielerlei Hinsicht ein mieser Verräter).

Ohne Ihren klugen und empathischen Beistand hätte ich mich noch weitere Jahre mit dem Fehlen einer Antwort auf diese eine zentrale Frage (die Mutter betreffend, Sie wissen schon) herumgequält, die mich vor 13 Jahren erstmals in Ihre Praxis führte. Mittlerweile liegen Frage und Antwort ungeahnt friedvoll nebeneinander in einem Ruheforst und die Qualen sind weitgehend über- und ausgestanden.

Ach ja, und dann noch diese andere Riesensache aus der Rubrik „Endlosschleife der Verhaltensmuster aus der Kindheit“. Ohne Ihr geduldiges Zuhören und Ihr kritisches Nachfragen hätte ich mich vermutlich noch ein weiteres Jahr in dem absurden Rettungsprogramm dieser recht hoffnungslosen Knalltüte Person (der U., Sie erinnern sich) sinnlos aufgearbeitet. Und den Absprung erst viel später geschafft und dann womöglich den Gatten nicht mehr getroffen, endlich einen Menschen, der nicht gerettet werden musste und nicht im düsteren Kerker seines nicht gelebten Lebens und seiner Ideenlosigkeit vor sich hin trank und jammerte.

All die Jahre war ich Ihnen übrigens auch immer wieder dankbar dafür, wenn ich heulend dasitzen durfte ohne dass Sie dann je in einen betulichen Trostmodus verfallen wären – ich schätzte es immer sehr, dass Sie meine Tränen mit genau dem richtigen Gesichtsausdruck ausgehalten und angenommen haben (und einfach ein Taschentuch herüberreichten).

Nicht zu vergessen: Ihr Hinweis auf einen definitiv lebenswichtigen Film für Hunde- und Dackelliebhaber. Auch dafür herzlichen Dank. Denn seit wir Pippa haben, kriegen wir das Kinoprogramm meist nicht mal mehr mit, sondern sind zu Serienjunkies auf der heimischen Couch avanciert, weil da der Hund mit dabeisein kann.

Zu guter Letzt sei erwähnt, dass ohne Ihre Impulse diese Zeilen heute wohl nicht hier stünden, denn Sie waren es, der mir den Widerwillen (und die Vorurteile) gegen das Bloggen nahm und mich vor meiner großen Schwedenreise 2014 zum Schreiben animierte.
Wer weiß, ob ich ohne diesen Anfang später je versucht hätte, meine Texte auch anderswo unterzubringen und das eines Tages sogar gegen Bezahlung…

Und wissen Sie was? Wenn alles gutgeht, dann fahre ich nächstes Jahr erneut über die geliebte Öresundbrücke, wo Sie zwar leider wieder nicht als Kassierer sitzen und mir ein fröhliches „Hej hej“ und „Trevlig resa“ zurufen werden, aber ich würde diesmal die Brückenmaut auch nicht mehr selbst bezahlen müssen, weil mir die gesamte Fahrt gesponsert würde, bis nach Gotland!
Sollte das wirklich klappen, fotografiere ich Ihnen alle schwarzen Schafe, die ich auf der Insel treffe und bring‘ Ihrem Hund eine Decke aus Gotlandwolle mit – versprochen!

Als Zeichen meines Danks für alles, das Sie für mich getan haben bzw. mich konsequent anstupsten und ermutigten, es selbst für mich tun zu können, gebührt auch Ihnen ein Song vom Boss (Sie ahnten es natürlich, dass das kommen würde 🙂 ).

Es ist keiner meiner favorites, dafür sind über weite Strecken die lyrics wirklich sehr passend für das, was ich damals empfand und das, was über die Jahre daraus erwuchs: The rising (somehow).

Can’t see nothin‘ in front of me
Can’t see nothin‘ coming up behind
Make my way through this darkness
I can’t feel nothing but this chain that binds me
Lost track of how far I’ve gone
How far I’ve gone, how high I’ve climbed
On my back’s a sixty pound stone
On my shoulder a half mile of line

A dream of life comes to me
Like a catfish dancin‘ on the end of my line
Sky of blackness and sorrow (a dream of life)
Sky of love, sky of tears (a dream of life)
Sky of glory and sadness (a dream of life)
Sky of mercy, sky of fear (a dream of life)
Sky of memory and shadow (a dream of life)
Your burnin‘ wind fills my arms tonight
Sky of longing and emptiness (a dream of life)
Sky of fullness, sky of blessed life
Come on up for the rising!

 

Wir sehen uns dann demnächst beim üblichen „Jahresabschlussgespräch über die aktuellen Lebensbaustellen“. Das Fundament nun ein so anderes als vor 5 Jahren, das Grundgefühl ein so viel stabileres und die Aussichten bei Weitem nicht mehr so trüb wie damals, im Gegenteil. Nur hätte ich nicht gedacht, wie lange das dauern würde, dieses Sich-Rausschälen aus dem, was nicht mehr passte und vielleicht eigentlich nie passte, was krank machte, einen blockierte und abhielt oder ablenkte.

Auch da hatten Sie recht: es ist ein langer Weg.
Drehe ich mich um, kann ich all den zähen Morast, die tiefen Furchen, die üblen Stolpersteine noch sehen. Schaue ich nach unten, fühle ich jetzt festen Boden unter meinen Füßen. Und richte ich den Blick nach vorn, sehe ich zwar noch keinen klar umrissenen Weg, aber doch schon viel mehr als nur eine Andeutung desselben – und vor allem sehe ich dieses Leuchten am Horizont.

Bis bald & zum heutigen Tag die allerbesten Glückwünsche für Sie –

Ihre N.H. alias Kraulquappe.

Da sein.

Der Winter ist da. Das Dackelfräulein rastet wie immer aus und staubt durch die erste, noch dünne weiße Pracht.

Und Lolek ist auch wieder da. Um seine wackelnden Türschwellen von vor zwei Wochen rauszureißen und nochmal neu zu verlegen. Natürlich wieder zur Lolek-Time: morgens um kurz nach 7 Uhr. (Möge der frühe Pole diesmal den Wurm erwischt haben.)

Der November geht in die letzte Runde. Diese Woche: Beseitigung kleinerer Baustellen, in Sachen Wohnung, in Sachen Gesundheit (nebenher noch Steuererklärung und Schimmelentfernung, eine schwere Wahl, was zuerst/lieber…).

Immer dieser verfluchte Bammel vor neuen Schäden, Pannen, Überraschungen. Und auch vor Vollnarkosen (wie oft haben sie einem für danach eine Breze versprochen, auf die man sich vor dem Knock-out tröstend freute und dann wurde ein Napf bleiches Hühnerfrikassee serviert, von dem einem noch speiübler wurde und erst recht zum Heulen zumute war).

Wie gesagt: alles Lästige in diesen Monat reingepackt! Der Advent darf mir gern und ausgiebig ein Gefühl von advenire bescheren. Ich möcht‘ mich mit einer Großpackung der Kindheitslebkuchen, diese billigen Herz-Stern-Brezen-Dinger, unter einen der frisch lackierten Türrahmen setzen und von dort aus mampfend und teetrinkend die letzten Lampen, Malereien und Silikonfugen bestaunen, um die sich der Handwerksfreund nächste Woche noch kümmern wird, und wenn ich genug gestaunt habe, dass jetzt endlich alles fertig, sauber, aufgeräumt und befestigt ist, dann möcht‘ ich aufstehen und den diesen Freitag abholbereiten Marimekkovorhang (der einen hinsichtlich zu bestellender und gelieferter Länge und zu beachtendem Rapport fast zur Weißglut getrieben hat) zuziehen und einfach mal kurz die Füße hochlegen.

Und mich anschließend gänzlich anderem, das so lang (ja, viel zu lang!) aufgeschoben wurde, zuwenden. Das neue Jahr lockt mit neuen Plänen.

Haben Sie einen guten Start in den Winter – und nehmen Sie bitte Abstand von Genesungswünschen oder Gesundheitsnachfragen, schicken Sie lieber Brezen oder Billiglebkuchen. Oder einfach ein Stoßgebet gen Winterhimmel.

Ihre Kraulquappe.