Matrjoschka (3).

Am mütterlichsten war die Mutter, wenn das Kind krank war.

Vielleicht war die Tochter ja deshalb als Kleinkind so häufig krank. Um so ein bisschen mehr Mütterlichkeit abzubekommen als es im normalen Alltag je drin gewesen wäre. Wobei die Tochter in ihrer Erinnerung gar nicht so häufig krank war wie die Mutter es früher stets behauptet hatte.
Vielleicht hatte sie es ja vor allem deshalb behauptet, um die Schuld, in der die Tochter ihr gegenüber bereits qua Geburt stand, noch zu erhöhen. Denn ihrem unermüdlichen Einsatz fürs kranke Kind war mindestens eine Extraportion Dankbarkeit zu zollen.

Aber wie das mit Kindern eben so ist: von moralischem Gedöns noch völlig unverbogen sind sie halt einfach nur krank und bedürftig (und in diesem Zustand naiven Versehrtseins wohl auch undankbar, sofern das bereits eine Kategorie für sie wäre, was ziemlich sicher aber nicht der Fall ist in ihrem kindlichen Universum, das sie leider meist eh zu früh verlassen müssen).

Matrjoschka Nr. 3 putzt sich das Näschen, räuspert sich, kratzt sich noch eine Narbe blutig, steht langsam auf und spricht. Über Grießbrei und andere Torturen.

*****

In der Lebensphilosophie der Mutter gehörte Undankbarkeit bestraft.

Bei jeder grippal bedingten Bettlägerigkeit wurde ich von der Mutter mit Lindenblütentee und Hühnersuppe malträtiert. Alternative: Kamillentee und Rinderbrühe. Alles nah am Brechreiz für mich, bis heute. Was an damals liegt, denn nichts davon habe ich je freiwillig zu mir nehmen können. Als Kind wurde mir regelrecht übel, wenn der Geruch einer dieser vier Plörren durch die Wohnung bis zu meinem Krankenlager kroch oder mir dampfend unter die Nase gehalten wurde.

Da ich zu einer Zeit aufwuchs, in der manche noch an den ehernen Gesetzen der vorigen Generation festhielten, die in dem Fall lauteten „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“ und „Wenn dir das nicht schmeckt, hast du eben Pech gehabt – was anderes gibt’s nicht!“, hatte ich doppelt Pech.
Zum einen war ich krank und zum anderen bekam ich nichts zu essen, was ich mochte. „Verzogene Göre“, hieß es dann, und im Krieg und danach wäre man froh gewesen und so weiter… – na, Sie wissen schon. Dabei hätte mir schon etwas Zwieback und Hagebuttentee völlig gereicht, aber wenn die Mutter der Ansicht war, diese Krankheit müsse mit Hühnersuppe und Lindenblütentee und jene mit Rinderbrühe und Kamillentee kuriert werden, dann war das so.
Denn die Mutter war Legislative, Exekutive und Judikative in ein und derselben Person.

War ich auf dem Weg der Besserung, drohte mir die nächste kulinarische Eskalationsstufe. Unter der Überschrift „Dem Kind was Gutes tun“ kochte mir die Mutter Grießbrei oder briet Pfannkuchen. Pur wäre das vielleicht tatsächlich eine Leckerei für mich gewesen, die Crux war nur: es wurden Äpfel zugesetzt. Säuerliche, mehlige Äpfel, die ich nicht mochte. Im Grießbrei wurden sie als Stückchen mitgekocht, von denen nur die Schale übrigblieb, die sich immer in den Zahnzwischenräumen verfing, in die Pfannkuchen kamen sie als große Spalten hinein, die nie gar wurden und beim Draufbeißen sauer, morsch und eben halbgar schmeckten.
Die ultimative Krönung hieß schließlich Zimtzucker. Der kam über beide Speisen drüber, recht reichlich sogar, damit das Saure der Äpfel abgemildert wurde. Dummerweise mochte ich keinen Zimt, was die Mutter auch wusste, aber mit einem strengen „Alle Kinder mögen Zimt“ beiseite zu wischen pflegte.

Denken Sie jetzt bitte nicht, ich sei ein geschmäcklerisches Kind gewesen. So eines, das fast nichts essen mag und immer die Nase rümpft, egal, was man ihm vorsetzt. So war das nicht. Ich aß gerne und gut, ich liebte sogar Bitteres wie Chicorrée und Endivie, ich mochte eben nur diese Krankheitsgerichte der Mutter nicht. Schon in gesundem Zustand war ich kein Apfel- oder Zimtfan und auch kein Freund von klaren Brühen, aber wenn ich krank war, wurde ich davon eher noch kränker. Es war einfach anstrengend, sich ein Essen oder ein Getränk reinzuwürgen, das einem nicht schmeckte.

*****

Zwanzig Jahre nach diesen Kinderkrankheitsjahren, die Mutter und ich gingen schon längst getrennter Wege, mussten meine Mandeln entfernt werden.

Ich verließ die Studienstadt und fuhr für die Operation und den kurzen Krankenhausaufenthalt heim nach München. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände hatte der Papa der Mutter am Telefon berichtet, dass ich in München im Krankenhaus läge und die Mutter entschloss sich zu einem Überraschungsbesuch. Schließlich war das Kind krank – eine Situation, der sie sich gewachsen fühlte.

Dummerweise hatte der Operateur mir nach der Entfernung der Mandeln den Mund nicht achtsam genug geschlossen. Die Zunge war zwischen die Backenzähne geraten und beim Zusammenklappen des Kiefers eingeklemmt worden. Als ich aus der Narkose erwachte, hatte ich scheußliche Schmerzen im Rachen, die ich nicht zuordnen konnte und zunächst auf die OP an sich schob.
Erst am Tag drauf entdeckte eine Schwester das eitrige Loch hinten in meiner Zunge, ich hatte sie mir fast durchgebissen. Konnte nichts schlucken und auch kaum ein Wort sprechen.

In genau diese Phase fiel der Überraschungsbesuch der Mutter. Wir hatten uns über zwei Jahre nicht mehr gesehen, nur ein paar wenige unerfreuliche Telefonate geführt oder wegen irgendwelcher Formalitäten führen müssen. Da saß sie nun neben meinem Bett, redete auf mich ein, hielt mein ersticktes Krächzen für Getue, wunderte sich lautstark darüber, wie man nur nach einer läppischen Mandeloperation so fertig sein könne („Das ist doch heuzutage ein Routineeingriff!“), mokierte sich über meine Einsilbigkeit und drängte mir – Sie ahnen es, was jetzt kommt?! – ihren mitgebrachten Grießbrei mit Apfelstücken und Zimt auf. Allen Ernstes derselbe verdammte Brei mit  Apfelstücken und Zimt, den ich schon als Kind gehasst hatte! – und als ich mich abwandte und ihr andeutete, dass ich vor lauter Schmerzen nichts schlucken könne, setzte sie sich auf den Rand meines Bettes und wollte mich füttern.

Hätte ich eine Stimme gehabt, hätte ich geschrien, aber ich hatte keine, ich hatte nur meine Hände, um mich zu wehren, und so fegte ich mit einem Handschlag den Breipott von meiner Bettdecke, er fiel polternd zu Boden, und während die Mutter sich unter wütenden Exklamationen nach dem Gefäß bückte, riss ich die Klingel aus ihrer Halterung über meinem Kopf und läutete nach einer Schwester, die kurz darauf das Krankenzimmer betrat.
Ich heulte mittlerweile vor Anstrengung, Halsschmerzen und Verzweiflung, die Mutter stand schimpfend mit einem Fuß im Brei und hielt den halbleeren Pott in ihrer Hand wie eine Granate, die nur auf ihren Einsatz wartete, die Schwester beugte sich zu mir und fragte, was denn los sei und mit zerquetscher Stimme und letzter Kraft presste ich noch ganze drei Worte aus meiner wunden Kehle: SIE SOLL GEHEN!

*****

Und sie ging.

Als wir uns weitere zwanzig Jahre später wiedersahen (dazwischen gab es nur noch zwei Begegnungen, von denen möglicherweise ein andermal die Rede sein wird), lag sie abgemagert und leichenblass und von zig Schläuchen umgeben, die irgendetwas in sie hinein- oder aus ihr herausleiteten im Krankenbett der Palliativstation, musste gefüttert werden, konnte nicht mehr sprechen, vermochte nur noch eine Hand und die Augenlider minimal zu bewegen, alles andere hatte der Hirntumor komplett lahmgelegt.

Ich besuchte sie, um mich von ihr zu verabschieden, saß neben ihrem Bett und saß überwiegend schweigend dort. Es gab nicht mehr viel, das ihr hätte sagen wollen oder können nach all den Jahren und bei dieser unserer letzten Begegnung. Zwischen uns war manches zu oft gesagt worden und vieles unsagbar geblieben. Es war stimmig, dass es nun sprachlos endete. Reglos lag sie in ihrem Bett, sah mich ab und zu an und blinzelte oder zupfte mit der Hand an ihrer Bettdecke. Ich sah sie an und dachte: „Jetzt ist es wenigstens einmal friedlich zwischen uns.

Eine Pflegerin durchbrach dann diese Stille und betrat den Raum. Sie brachte einen Tee und ein Schälchen Grießbrei mit, stellte die Sachen auf den Nachttisch der Mutter, guckte mich an und fragte: „Wollen Sie vielleicht Ihre Mutter mit dem Grießbrei füttern?“
Die Frage traf mich wie ein Blitz. Völlig paralysiert starrte ich erst auf den Grießbrei, dann auf die bleiche Mutter und schließlich zur Pflegerin – alles fühlte sich an wie eingefroren oder wie in Zeitlupe, kein Wort wollte über meine Lippen kommen, mein Hals war wie zugeklebt. Irgendwann gelang es mir, verneinend den Kopf zu schütteln.

Kurz darauf bin ich gegangen.
Und sie dann auch.

*****

Tickticktick.

Es könnte der letzte Frühlingstag in diesem Jahr gewesen sein…

…und nach dem gestrigen Abend ist uns sowieso nach Auslüften zumute, also laufen wir von St. Quirin (an dem man immer nur vorbeifährt, zu Unrecht!) über Gmund (Hundestrand, Thomas-Mann-Skulptur) nach Gut Kaltenbrunn (seit einiger Zeit in der Hand vom Käfer)…

…wo sie auf der Terrasse des Cafés tatsächlich nochmal Gartenpolster auf ein paar Stühle und Bänke gelegt haben…

…so dass sich das Dackelfräulein genüsslich auf den Holzplanken in der Sonne ausstreckt und eine Mütze Schlaf nimmt und ich mich mal wieder in der Kunst des Geradeausguckens übe, der Blick also nach Wiessee hinüberschweift, und sehe ich Wiessee, denke ich unweigerlich an H., die dort geheiratet hat, und ich überlege, wie lange das nun eigentlich schon her ist, 14 Jahre müssten es sein, meine Güte, was sind die Jahre schnell verflogen, damals allein im grünen Seidenkleid zu der Hochzeitsfeier gegangen, weil der U. mal wieder einen Totalausfall hatte, also lieber allein als mit ihm im Schlepptau, hätte H. nur noch ein Jahr gewartet mit ihrer Eheschließung, hätte ich mit einem vernünftigen Begleiter kommen können, aber was soll’s, alles Schnee von gestern, sowieso unzählige Erinnerungen an diesen See und sein bergiges Umland, weil der Haubau der Lebensgefährtin vom Papa ja bereits 17 Jahre her ist, so lange fahre ich nun schon regelmäßig hier raus, um die 200 Mal dürften es locker schon gewesen sein bislang, obwohl’s nie mein Liebslingstal und auch nicht mein Lieblingssee werden wird, aber manche Weichen stellt man eben nicht selbst, denn wenn’s nach mir gegangen wäre, hätte der Papa sein Altersdomizil ein Tal westlicher wählen sollen, in dem zwar der See fehlt, aber die Bergwelt die schönere ist, und während ich die Gedanken von A wie Abwinkl bis Z wie Zenettihäusl kreisen lasse, beiße ich auf eine matschige, große Rosine, obwohl ich den Kellner sogar zweimal fragte, ob sich in dem Apfelstreuselkuchen auch ganz sicher keine gedemütigten Weintrauben befänden, weil mir sein wackliges Ja beim ersten Mal nicht so geheuer war, fast immer wird man in puncto Rosinen beschissen, vor allem, wenn Apfel mit im Spiel ist, dann wird’s unseriös, und beim Herausfieseln der Rosine aus dem Mund, um sie am Tellerrand abzustreifen, denke ich an den Papa und dass Rosinen zu den Dingen gehören, in denen unsere Vorlieben konträrer nicht sein könnten, und dass es eigentlich eh immer eine Menge solcher Dinge gab und gibt, bei denen wir uns massiv unterscheiden oder uneins waren, es ist gut, dass einem sowas auch mal wieder ein- und auffällt, denn je älter er wird und je gebrechlicher, desto verklärter und friedvoller betrachte ich ihn und uns, erst heute Vormittag wieder eine Aufwallung größter Rührung, als wir zusammen am PC sitzen, weil er einige Fragen hat, er, der früher nie Fragen an die Tochter hatte, außer vielleicht Wann kommst du heim? oder Wie alt ist der Knilch? und plötzlich hagelt es nun Fragen, weil er mit der Technik nicht klarkommt und beispielsweise die Speicherkarte die Fotos nicht rausrückt, ich sehe ihm zu, wie seine zittrige Parkinsonhand die Maus bewegen will, gefühlt dauert es eine Ewigkeit, bis der Zeigefinger endlich den Klick ausführt und noch eine weitere Ewigkeit, bis er mir sein Problem vorgeführt hat, unterm Tisch liegt das Dackelfräulein und leckt ihm den großen Zeh ab, was ihn freut, so wie ihn überhaupt die Gegenwart des kleinen Hundes unglaublich erheitert, dann überlässt er mir Maus und Tastatur, und ich helfe ihm, lege Ordner an, kopiere 352 Russlandfotos an zwei verschiedene Stellen, tippe ihm eine Anleitung für zwei weitere Probleme, und er sitzt da neben mir auf dem Stuhl in seinem Morgenmantel, staunt und guckt, was ich da mache und dass ich Antworten habe, kindlich wirkt er, immer kindlicher, auch morgens kicherte er heute wie ein Kind, als ich das Fräulein zu ihm ins Schlafzimmer ließ, sie mit Anlauf in sein Bett sprang und schwanzwedelnd über ihn herfiel, ihm die Ohren polierte, was ihn so kitzelte, dass er sich zur Seite rollte und kicherte, wie ich ihn lang nicht mehr kichern hörte, sich das Kissen über den Kopf hielt, was natürlich einen waschechten Teckel keinesfalls von seinem Tun abhalten kann und so ging das Gebalge weiter, bis ich den Hund wieder aus seinem Bett klaubte und auf den Boden zurücksetzte und beide noch ein Weilchen erschöpft hechelten, aber ziemlich glücklich wirkten, kostbare Momente, und immer kostbarer wird ja die Zeit, wenn da auf einmal eine Uhr tickt, die vormals vierzig Jahre oder länger eine solch geräuschlose Existenz führte, dass man nie dran erinnert wurde, dass diese Uhr überhaupt Zeiger hat, die sich – tickticktick – bewegen und auf etwas zuschreiten, ja, da naht etwas, das spüre ich deutlich, ein Advent der anderen Art, dieses Nahen, denn wenn es angekommen sein wird, ist keine Geburtstagsfete angesagt, so viel ist klar.

Was man nicht so alles erinnern und denken kann, wenn man mal ein Dreiviertelstündchen dasitzt und den letzten Frühlingstag inhaliert und einen niemand vollquatscht oder anderweitig auf den Wecker geht.

Drafi Deutscher hat’s weggesungen!

Neulich, als das Dackelfräulein von diesen gruseligen Einzellern heimgesucht worden war, schickte uns ein Freund – Ihnen allen ist er aus diesem Blog unter seinem Pseudonym Mr. Spike wohlbekannt – den ultimativen Trostsong. Es gibt keine bessere Musik, wenn daheim ein unter Giardienbefall leidendes Dackelfräulein mit Dauerelendsblick umherschleicht.
Na, schon eine Idee? Nicht?!?

Ich will Ihnen gern etwas auf die Sprünge helfen: Sie erinnern sich, sofern Sie wie ich schon zu den gereifteren Jahrgängen gehören, doch bestimmt an diesen Ohrwurm von Drafi Deutscher. 1983 war das. Den Schlager gab es damals auch in einer noch ohrschmalzigeren Wurmvariante, nämlich von diesem putzigen Pseudo-Italiano Nino de Angelo.
Groschen gefallen? Ja?!?

Ganz genau, jetzt haben Sie’s!
Mr. Spike schickte uns den guten alten, ebenso weisen wie tröstenden Song „Giardien Angel“, begleitet von aufmunternden Worten und den allerbesten Genesungswünschen für die arme Pippamaus:

Tja, was sollen wir sagen? Es hat geholfen!

Der Himmel hatte ein Einsehen und sandte den Giardien Angel hinunter auf die Erde, auf dass er die Einzeller wieder vertreibe, sie zurückjage in ihre verseuchten Pfützen und verranzten Tümpel, denen sie einst entstiegen waren, um unser kleines, zartes Fräulein anzufallen und wochenlang zu quälen.

Soeben kam das Testergebnis. Alles in Ordnung, hurra!

Cool übrigens, es gibt da jetzt so eine App, in die die Ergebnisse direkt übertragen werden, sobald die Labormäuse in Berlin sich durch die drei Kotproben gewühlt und alles fertig analysiert haben.
Solide berlinerische 19,90€ statt 62,40€, dem Münchner Tierklinikluxuspreis.
Zwar irgendwie komisch, diese Schachtel mit den drei sorgsam befüllten Döschen quer durch die Republik zu schicken, aber mei.

Wieder ein Punkt weniger auf der aktuellen Gramliste.
Gut so, denn Wasserschaden und Finanzamt halten einen eh genug auf Trab.
Ach ja, und Weihnachten steht auch vor der Tür, mit aktuell noch ziemlich leeren Händen…

Aber wurscht.
Heute gilt es einfach nur Danke! zu sagen. Dem Giardien Angel ebenso wie dem geschätzten Mr. Spike.

She’s lost her Giardien: Kleiner Hund, wieder gesund.

Shirley Jean hat kein Halsweh oder: Die Turbo-Woche.

Wochen gibt’s, in denen gefühlt ein Monats- oder gar Quartalspensum an Ereignissen, Emotionen, Terminen und Arbeiten abgefackelt wird, ohne dass man das zuvor hat kommen sehen.

Eigentlich wollte ich die verregneten letzten Wiesntage nutzen, um mich hier mit der Steuererklärung 2018 einzuigeln und danach mit dem Sortieren der 3.000 Schwedenfotos und den Vorarbeiten für die Reportage zu beginnen sowie mit dem Abarbeiten meiner „Herbstliste“ loszulegen, die ich klugerweise noch im Gemütszustand sommerlicher Leichtigkeit und Beschwingtheit angefertigt hatte (um nach den Reisewochen weder in ein Loch zu fallen, noch lang nachdenken zu müssen, was denn nun anstünde: man ist ja schon irgendwie komplett aus dem Takt und der Zeit gefallen nach solchen Unternehmungen, die einen so voll und ganz absorbieren).

Steuererklärung, das heißt: Drei Tage Suchen, Tippen, Abheften, Rechnen, Recherchieren in juristischen Datenbanken, Fluchen, Studieren diverser Steuerratgeber, Herumärgern mit Zertifikaten und anderem Technikmüll- dann war die Quälerei überstanden und wie jedes Jahr nach dieser zermürbenden Arbeit befielen mich immense Erleichterung und absurde Heiterkeit.
Nicht etwa, weil in Folge dieser Arbeit ein Geldsegen ins Haus stünde, nein, einfach nur, weil „es“ vollbracht ist. Es ist eine Art Arbeit, die ich Jahr um Jahr als zermürbender und nervtötender empfinde und um die ich mich herumdrücke, so lange es nur irgendwie geht – und es geht oft sogar länger als gut für mich ist (Stichwort: Fristverlängerung).

Die neue Woche beginnt also steuer- und wiesnbefreit, es kehrt wieder Ruhe ein im Viertel, die Aufräumarbeiten auf dem Festgelände gehen schneller vonstatten als man gucken kann, draußen darf wieder geparkt werden und beim Abendgassi leuchtet wieder die Bavaria herüber, das Lichtermeer der Fahrgeschäfte ist erloschen.

Die Linden werfen ihre Blätter munter ab, die Grünstreifen atmen auf, weil das Getrampel der Besucherscharen ein Ende hat und es sich als Grashalm nun wieder lohnt, sich mal aufzurichten.
Man trifft beim Gassigehen wieder die vertrauten Menschen und Hunde, die sich alle ein wenig verschanzt hatten während des Oktoberfesttrubels vor ihren Türen oder – wie wir ja auch – auf weniger frequentierte Gassirouten ausgewichen sind.

Der Arzttermin, vor dem es einem schon seit Wochen graut, rückt immer näher, aber bevor man nachts ins Grübeln kommen könnte, hat der Hund Magen-Darm und erbricht sich so oft, dass man vor lauter Hinterherputzen und Hundtrösten und Karottenkochen gar nicht zum Schlafen und erfreulicherweise auch nicht zum Grübeln kommt. Parallel dazu geht die Badewannenarmatur kaputt, so dass man sich mit Hausmeister, Vermieter und Installateur rumschlagen darf, um möglichst bald wieder störungsfrei Duschen zu können, zwischendrin bringt man den Wagen in die Werkstatt, wo sich das Geräusch, das außer mir im August niemand wahrnehmen wollte, auch in der Werkstatt nicht, nun doch (mittlerweile auch für jeden unüberhörbar) als kaputtes Radlager entpuppt, woraufhin ich den Serviceheini der Werkstatt runder mache als es das Rad und sein Lager je waren und einen ordentlichen Nachlass nebst Leihwagen rausschlage für die Missachtung meines Hörvermögens und meiner Vorahnungen (metaphorisch natürlich, das „schlagen“), damit das Fräulein und ich bei diesem Mistwetter trocken zum Rentnertreffen ans andere Ende der Stadt reisen können.

Ja, Sie lesen richtig: ich gehe bereits zu Rentnertreffen!
Die ehemalige Sekretärin des Papas organisiert das zweimal jährlich für ein gutes Dutzend der jahrzehntelangen, beruflichen Weggefährten des Papas, die in den 1970er Jahren alle in etwa gleichalt waren und in ihren Job ein- und somit in etwa auch zeitgleich aus diesem ausstiegen. Das ist ja noch die Generation, in der die Menschen ihr Berufsleben lang ein und dieselbe Anstellung hatten, das kennt man heute in dieser globalisierten, schnelllebigen, veränderungsanfälligen, effizienzterrorisierenden und mega-verdichteten Arbeitswelt ja gar nicht mehr.
Zweimal im Jahr trifft sich diese Truppe also zum Essen, Trinken und Ratschen. Jedesmal fehlen ein paar, ab und an fehlt nun sogar schon einer für immer.
Mich laden sie ein, weil ich meine gesamte Kindheit, Jugend und Studentenzeit viel mit von der Partie war: töchternd, feiernd und jobbend.
Gelegentlich gehe ich hin, zu diesen Treffen, weil ich die Menschen mag und lange kenne, und mich vom einen oder anderen dort auch gekannt fühle.

Übrigens ein Phänomen, dieses Sich-gekannt-Fühlen, über das ich in den letzten Monaten oft nachgedacht habe: Wer sind oder waren eigentlich die Menschen, mit denen ich mich in etwa so fühle, wie ich mich selbst empfinde? Es gab Freundschaften, da fühlte ich mich permanent wie die Ältere oder die Anführerin, und selten umgekehrt mal mitgezogen, aufgefangen oder gar getragen (warum hat man das jahrelang mitgemacht? was sollte das?), und es gab Beziehungen zu Menschen, in denen ich mich bei nahezu jeder Begegnung irgendwie falsch, klein, unfähig oder fehl am Platz fühlte (warum ist man dennoch ein Stück des Weges gemeinsam gegangen? was sollte das?), manche dieser Verbindungen existieren immer noch.
Und ein paar ganz wenige, bei denen ich mich redend, schweigend, lachend, weinend, und überhaupt in so gut wie allen Seinszuständen identisch mit mir und harmonisch mit der anderen Person fühl(t)e.
Anderes Thema und zudem ein weites Feld, demnächst vielleicht mal mehr dazu. Im Herbst packt mich jedenfalls immer so ein Ausmistbedürfnis auf mehreren Ebenen. Damit der erste Schnee nichts zudeckt, das man vorher noch hätte wegfegen können? Ich weiß es nicht genau.

Wo war ich stehengeblieben?!
Ach ja, beim Rentnertreffen. Der Papa heut in schlechter Verfassung und nach zwei Stunden so müde, dass er geht (früher war er immer der Letzte bei solchen Runden). Seine erste Sekretärin (84) weint, als sie sich von ihm verabschiedet, weil sie am Wochenende in ein Seniorenwohnheim einziehen wird und der Ansicht ist, dass sie dann nicht mehr zu diesen Treffen wird kommen können, ihn also nie wiedersieht. Die andere Sekretärin (68) ist gottseidank noch fröhlich wie eh und je (wie selten ist es geworden, denke ich mir so, als ich mit ihr spreche, mal jemandem zu begegnen, auch außerhalb solcher Rentnerkreise, der einem putzmunter erzählt, es ginge ihm „echt richtig gut“), auch der Rest der Runde hält sich mehr oder weniger wacker.
Der ehemalige Bilanzbuchhalter hat nun auch Parkinson, der Papa berät ihn ein wenig zum Umgang mit der Krankheit und fast blitzt dabei etwas von seiner früheren Chefmentalität durch („Jetzt machen Sie das erstmal so und so, und dann geht das schon wieder, alles klar?“).
Auch J. ist heute da, leider mit Rezidiv und zaundürr, aber er ist da und wir wollen dran glauben, dass er weiterhin der zähe Knochen ist, der er immer war und es auch bleiben wird.

Nach drei Stunden löst sich die Runde auf und ich fahre nachdenklich, müde und etwas bedrückt durch den Regen nachhause.
Das Automatikgetriebe des Leihwagens ist dermaßen ungewohnt und weil ich deshalb das linke Bein vorsorglich komplett weggepackt habe, um nicht womöglich doch vor lauter Müdikgeit mit dem Kupplungsfuß reflexartig auf der Bremse zu landen, komme ich mit einem Krampf in der Wade zuhause an.

Dabei schmerzt das Gestell eh noch von gestern Abend.
Kiefer Sutherland was in town und nach drei Stunden Stehen, Rumhopsen und Klatschen spüre ich ebenso wie bei manch anderer Aktivität, dass ich auf die 50 zugehe und noch weniger belastbar werde als ich es eh schon immer war. Immerhin lag man gestern mal genau im Altersdurchschnitt des Konzertpublikums und so gab’s auch drumrum etliche andere, die mal in die Hocke gingen oder sich dezent an Rückenentlastungsübungen versuchten.

Vor wenigen Tagen bespielte Kiefer Sutherland das Wiener Publikum, gestern war München dran. Und 24 Stunden später muss ich sagen: ja, es war schon ganz gut, dieses Konzert, aber die ersten zwanzig Minuten haben das Gesamterlebnis doch etwas eingetrübt.
Stimmlich arg dünn, die Eröffnungssongs, das geliebte „Shirley Jean“ fiel dummerweise genau in diese Phase (ein Jammer, wenn die Studioversion um Welten besser ist als die Live-Version!), die Aussprache verwaschen, die Augen verquollen, die Bewegungen fahrig, und ich wollte dieses so ungewohnt flache, volumenlose Gekrächze schon auf eine Halsentzündung schieben und mitleiden mit dem guten Kiefer, da bekam er auf einmal doch noch die Kurve, bemerkenswerterweise nach einigen Gläsern karamellfarbener Flüssigkeit.

Man soll nichts unterstellen, was man nicht wirklich weiß oder wissen kann, dennoch meine ich in Mimik und Gestik Züge eines Trinkers zu entdecken, mindestens aber die Spuren von zu viel Alkohol, und vielleicht ist die Performance nur dann eine gute, wenn der passende Pegel erreicht ist?
Oder war er einfach nur müde oder sein Hund, den er im Tourbus dabei hat, hatte in der Nacht vorher Magen-Darm oder hatte er Streit mit seiner Freundin oder ist ihm sein Steak misslungen und war schon medium well statt English und hat ihm den Abend verdorben? Wer weiß das schon!

So wichtig ist das alles aber auch nicht, denn zwei Drittel des Auftritts hat der ehemalige Mr. Jack Bauer ja ordentlich hinbekommen, ich wünschte halt nur, er sähe auch noch ein bisschen mehr aus wie jener, und der hübsche Bursche aus „Flatliners“ würde nicht nur in den wenigen Momenten durchschimmern, wenn die Bühne in blaudunstiges Licht getaucht ist und er den Kopf tief zur Gitarre hinabsenkt (man muss das mal sagen: Springsteen sieht in egal welcher Beleuchtung/Pose mit 70 weit weniger verlebt aus und das ist nicht nur guten Genen oder guten Fotografen oder guten Therapeuten geschuldet).

Womöglicht war auch ich beim gestrigen Konzertabend noch zu benebelt von einer morgendlichen Aufregung und deren Folgen: denn eine viel mehr ans Herz gehende Musik lädt völlig überraschend dazu ein, tatsächlich live gehört zu werden – und das sogar noch in dieser Woche!

Zuvor geht’s wohl oder übel zum Arzt und hinaus zu einem weiteren Regenspaziergang und die radlagererneuerte Karre abholen – und noch allerhand anderes ist zu tun bis zu diesem so unverhofften Klang-Ereignis, auf das ich ja insgeheim warte und hoffe, seit diese Musik in mein Leben trat, was zwar erst ein paar Monate her ist, aber ich war halt noch nie besonders gut im Warten, erst recht nicht, wenn es um was Wichtiges und Emotionales geht – und dass das mit dieser Musik für mich was Großes ist, das war sehr schnell klar.

Nun aber eins nach dem anderen.
Bleiben Sie dran – wir berichten, wenn’s soweit ist!

Anybody alive out there? oder: Zwölf Tage im Zeitraffer.

Bevor sich die Nachfragen häufen oder die Sorgen intensivieren: Jaja, wir leben noch.

Nach all der alpinen und mentalen Erhabenheit folgten der Abstieg ins Tal und die Erkenntnis, dass es erstmal nichts mehr zu sagen gibt, weil für den Augenblick das Sagbare tatsächlich gesagt war, und das Unsagbare ja sowieso ein solches bleiben würde, zumal uns zu Tale bereits nach kurzer Zeit ein paar Unsäglichkeiten ereilten, die zu überstehen waren und mittlerweile auch überstanden sind.

Zu guter Letzt noch eine erfreuliche Serie an sagenhaft schönen Begegnungen und Unternehmungen, die viel Zeit gebunden und Aufmerksamkeit gefordert hat – und schon waren zwölf Tage ins Land gegangen (oder ins Wasser) und nun sind wir wieder da, wobei wir ja nie weg waren, nur eben nicht hier.

*****

In Bildern ausgedrückt war’s ungefähr so (chronologisch sortiert, aber unter Auslassung diverser Lowlights & Details & misslungenen Bildmaterials):

Big sisters are watching you! – der Abstieg aus dem Wettersteingebirge…

…und direkt danach ins Alpspitz-Bad: 70er Jahre Charme, wettgemacht von einem traumhaften 50m-Außenbecken mit Alp- und Zugspitzblick.

Wieder daheim gings dann los mit den Begrenzungen und dem Bierzeltaufbau…

…und den Versuchen, der Hitze zu trotzen & Nachfragen zu verneinen („Ui, haben Sie das nasse Handtuch für den Hund bewusst in Bierbankfarbe mitgenommen?“)…

…und schließlich testet das Dackelfräulein Ende Juli bei 33 Grad und mit kühlem Frottee umwickelt noch sein neues Front-Körbchen (mittlerweile haben wir uns auch beide an das Ding gewöhnt, sind nun in 7 Min an der Isar statt vormals in 15 – und damit noch schneller im Wasser und weg vom Asphalt, falls der wieder mal zu heiß werden sollte)…

…und dann kam (unter anderem) das hier: nennen wir’s einfach mal die „Nachwirkungen“ der etwas speziellen Hüttentoilette oder des abgestandenen Wassers aus der Zisterne oben auf 2.400m…

…jedenfalls taperte ich zitternd und delirierend und mit der bangen Frage durch die Wohnung, ob der Hund womöglich zum Geodreieck mutiert ist oder einem der fiese Virus den Blick so vernebelt…

…derweil im benachbarten Frankreich the Boss himself M&M’s kauft, so dass man gleich nochmal ins Grübeln kommt, ob man nicht doch zu voreilig den Freunden die Silvesterreise in die Bretagne abgesagt hat.

Naja, und dann kam noch das hier: Sie sehen’s ja am Pfötchen…

…aber kaum waren wir wieder am Wasser angelangt, tauchten die Sorgen gleich ein bisschen unter…

…und das Fräulein und ich all unsere Flossen in den See…

…was eine wahre Wohltat war: mal wieder einen See komplett zu durchschwimmen, sogar mit Berg- und Klosterblick (schwer zu erkennen, Pippa übt das Fotografieren mit dem Smartphone noch).

Baden in Bayern, aber richtig und züchtig!

Anschließend auf Wasserwegen durchs Moorgebiet gewandert…

…hinüber nach Reutberg auf ein Feierabendbier aus der Klosterbrauerei (eine der vielen tollen Touren aus dem beliebten Buch „Wanderungen für Leib und Seele 😉 )…

… und am Tag drauf noch Besuch von der Freundin aus Braunschweig, die einen in allen Hundesorgen so gut versteht, weil sie selbst einen hat…

…und gemeinsam einen herrlichen Spazier- und Sprechmarathon am Starnberger See absolviert, mit der schönen Aussicht, sich schon in Kürze wiedersehen zu können.

In der Hoffnung, hiermit die meisten Nachfragen beantwortet zu haben, grüßen herzlich  –
die Kraulquappe & das Dackelfräulein.

Die Welt ist nicht größer als das Fenster, das du ihr öffnest.

Gestern Mittag auf der Gindelalm.

Ein weiß-blaues Fenster öffnet sich.
Auf der Holzbank direkt darunter sitze ich. In der Sonne. Denke die ersten paar gewichtigeren Gedanken in diesem neuen Lebensjahr. Erfreue mich an der Wärme, dem Licht, dem Panorama. Habe mir vorgenommen, hier heroben in Ruhe tippenderweise den letzten Gratulanten zu danken, um den Geburtstagsreigen abzuschließen. Daraus wird aber nichts, das Handy bleibt im Rucksack.

Ich komme mit zwei Kielern ins Gespräch bzw. die mit mir, natürlich zunächst wegen des Dackelfräuleins, diesem Plauschinitiator der Extraklasse. In den folgenden drei Stunden geht’s dann um alle möglichen Themen. Ja, Sie lesen richtig: drei Stunden. Sowas passiert mir quasi nie. Mit Fremden, und einfach so, und trotz meiner misanthropischen Tendenzen. Und ausgerechnet gestern, wo ich mich nach Alleinsein gesehnt hatte und was zu denken mit auf den Berg geschleppt hatte, was ja auch gerade im Begriff war, gedacht zu werden als diese Unterhaltung ihren Anfang und dann kein Ende mehr nahm.

Noch ungewöhnlicher als das lange Gespräch auf der Alm ist, dass wir dann sogar beschließen, zu dritt hinabzugehen ins Tal. Normalerweise beende ich solche Berghüttenkontakte spätestens mit dem letzten Schluck aus meinem Weißbierglas oder Kaffeehaferl, weil ich gern in Ruhe und in meinem Tempo gehe, und bei Fremden, tja, da weiß man ja erst recht nicht, wie’s läuft und wie sich’s läuft.
Aber es hat alles gepasst mit den beiden Kielern, es war so offen, interessiert, lustig und einfach, dass ich fast schon geneigt war, mich für kontaktfreudiger zu halten als ich es mir bislang unterstellt hätte, und dass es völlig krampfig gewesen wäre, nicht gemeinsam mit den netten Nordlichtern abzusteigen, zumal wir unsere Autos am selben Parkplatz stehen hatten.
Zu guter Letzt tauschen wir auch noch Telefonnummern aus (ebenfalls eine Seltenheit für mich) und wenn ich möchte, kann ich im Spätsommer den bereits gebuchten, letzten Hotel-Zwischenstopp vor der dänischen Grenze wieder stornieren und mitsamt Pippa im schönen Kiel in einem Gästezimmer logieren.

Soweit der beschwingte Teil des Tages.

Anschließend noch eine Viertelumdrehung am See weitergefahren, um den Papa zu besuchen, wie immer eigentlich, wenn ich in den Tegernseer Bergen herumstiefle.

Stehen wir gemeinsam in der Küche, der Papa am Herd und schon mit dem Abendessen beschäftigt, ich an der Spüle, um den Wandernapf vom Fräulein und meine Trinkflasche auszuwaschen.
Er rührt in einem großen Wok, es gibt ein Curry. Wenn er sich neben dem Herd zur Anrichte beugt, um ins Rezept zu gucken, meint man, er fiele gleich vornüber, so schief ist seine Haltung. Auch wenn er sich nicht zu einem Rezept beugt, meint man das häufig.
Seine Lesebrille beschlägt von den Dämpfen, die aus dem Wok aufsteigen. Alles wirkt angestrengt und beschwerlich.

Schließlich ist eine Limette auszupressen. Seine linke Hand hält die kleine Edelstahlpresse fest, die rechte versucht, die halbierte Limette im Uhrzeigersinn zu drehen, um ihr den Saft abzuringen. Ja, „abzuringen“. Das trifft es genau, denn die Szene wirkt wie ein Ringkampf im Kleinen.
Und der Papa verliert diesen Kampf, die Limette rutscht ab und plumpst in die Spüle, wo ich sie auffange und dann sage: „Lass mich das machen.“. Er sagt daraufhin gar nichts, dreht sich zurück zum Herd und rührt wieder stumm in seinem Wok herum.
Wie er da so steht, dieser voluminöse Mensch, dieser Fels, der er immer war, und kaum noch rühren kann, das rührt mich wiederum so sehr, dass ich die Küche verlassen muss und lieber draußen auf der Terrasse den Tisch decke.

Die Lebensgefährtin vom Papa sitzt am Tisch und flucht leise und ein bisschen senil über einem Sudoku, das sich offenbar nicht lösen lässt. Ich ignoriere sie, was unserem Verhältnis auch irgendwie angemessen ist oder zumindest keinem von uns als störend aufstößt.
Hinter der Hecke hört man aus dem Garten nebenan den unerzogenen Terrier der beiden uralten Nachbarinnen kläffen und ich denke in dem Moment: Halb Rottach-Egern besteht aus Rentnern und Greisen, die andere Hälfte sind Sportler, Tagesausflügler und Touristen.
Im Grunde ist es beklemmend, was aus diesem einst bäuerlichen Dorf am Fuße des Wallbergs geworden ist. Alle fünf Minuten donnert ein Krankenwagen mit Blaulicht durch die Hauptstraße, vorbei an all den Nobelboutiquen und Zweigstellen von Sansibar, Dallmayr & Co., in denen geliftete und betuchte Urlauberinnen absurd teure Tees trinken oder dämliche Accessoires kaufen und danach mit ihrem straßbehalsbandeten Chihuahua in der Designerumhängetasche in der Gondel auf den Wallberg hinaufschweben, um in dem potthässlichen Panoramarestaurant einen Prosecco zu trinken.
Dieses Tegernseer Tal ist ein so wunderschöner Fleck Oberbayerns, aber zum einen sehen das zu viele so und zum anderen hat das Geld die Einheimischen so sehr an die Randbereiche der vier den See umgebenden Ortschaften verdrängt, dass man sie in den Orten mittlerweile schon mit der Lupe suchen muss.
Ab und an sieht man noch einen, abends am Lago di Bonzo, wenn die Ausflügler alle wieder weg sind und die Touristen sich ihr 4-Gang-Dinner in der „Überfahrt“ oder beim „Bachmair“ reinziehen. Abends gehen die Einheimischen baden, oder frühmorgens. Da haben sie ihre Ruhe und ihren See einen Moment lang für sich und so wie er war, als hier noch nicht die Prominenz regierte, die Reichen ihre Zweitwohnsitze hierher verlegt hatten und die Almwiesen für ihre Doppelgaragen plattmachen ließen. Aber ich schweife ab.

Das Curry schmeckt sehr gut. Alles schmeckt sehr gut hier, immer noch. Der Papa war zeitlebens ein passionierter Hobbykoch und sah auch immer so aus. Es ist neben dem Reiseführer- und Zeitunglesen die letzte Passion, die ihm noch geblieben ist.
Beim Essen fallen ihm ein paarmal die Augen zu und sein Kinn sinkt zum Brustkorb, er ist für einen Moment komplett weg und bekommt nichts mehr mit. „Papa, schläfst du?“, frage ich und er schreckt hoch, reißt die Augen auf, lächelt und meint: „Aber nein, ich bin doch wach!“
Nach solchen Szenen leite ich dann gern über zum Thema Autofahren und ob das denn alles noch gut ginge, was von ihm beharrlich bejaht und von mir ebenso beharrlich nicht geglaubt wird.

Weil es sich so ergibt und die Lebensgefährtin gestern auch Einiges zu beklagen hat („Dein Vater wird immer unbeweglicher!“ / „Manchmal verlässt er das Haus zwei Tage lang nicht!“) sprechen wir auch noch über Treppenlifte, Rollatoren, Rollstühle und einen Umzug vom Haus der Lebensgefährtin in eine Wohnung, in der manches einfacher zu bewerkstelligen wäre.
Damit wollen dann aber doch beide noch nichts Näheres zu tun haben und wir verheddern uns recht bald ungut in Details zu Treppenliftkonstruktionen und der albernen Frage, ob dann das Treppenhaus überhaupt noch für Gehende zu benutzen wäre, was natürlich hanebüchen ist, weil das Rottacher Treppenhaus weder besonders eng, noch baulich irgendwie speziell beschaffen ist.
Ich mache also mal wieder einen Punkt (der insgeheim ein Gedankenstrich ist, was ich aber nicht verrate) und erzähle von der Tour in Oberammergau letzte Woche, weil der Papa dort noch jeden Stein und Pfad erinnert und das ein Thema ist, bei dem die Wege gleich wieder zusammenführen und der Geruch von Alter und Gebrechlichkeit und noch Schlimmerem, den die Treppenliftsache unweigerlich mit sich bringt, so wieder einigermaßen verfliegt, während die Sonne idyllisch hinter dem Ringberg versinkt und man in ihren letzten Strahlen schon den Fuchs über das Feld schleichen sieht.

Als der Papa nochmal in die Küche schlurft, um einen Wein zu holen, sehe ich ihm durch die geöffnete Terrassentür hinterher. Und sehe auf einmal unseren alten Nachbarn aus dem ehemaligen Mietshaus in Neuhausen in ihm. Der alte Oberstudienrat, mit dem wir Tür an Tür lebten und in seinen letzten Jahren sehr befreundet waren – bis zu seinem Ende, d.h. bis er beschloss, sterben zu wollen, was ihm binnen weniger Wochen gelang.
Es ist dieselbe Schwerfälligkeit, dieselbe Art, mitten im Gehen zu schwanken und zu pausieren, dasselbe Schnaufen bei jedem Schritt (und als ich beim Heimfahren noch weiter drüber nachdenke: es ist sogar derselbe Galgenhumor, nur leider nicht dieselbe Offenheit für Hilfe und Unterstützung).
Der Papa wirkt viel älter als er ist, aber Krankheit ist nunmal keine Frage des Alters und das Alter nichts weiter als eine Zahl (erst letzte Woche auf der Hütte einen Mann getroffen, der mit 75 fit wie ein Turnschuh da heraufspaziert war und zwar über den Steig, über den Pippa und ich uns später doch etwas mühsam hinunterzitterten).

Momente, in denen kurz aufscheint, wie es noch werden könnte und was uns noch so bevorstünde – und die mir mit etwas Abstand zu dem Trübsal und den Ängsten, die sie jedes Mal in mir auslösen, auch eine seltsam intensive Art von Lebensimpuls und -gier geben und recht deutlich zurufen, dass man verdammt nochmal das Glück am Schopf packen solle, wenn es einem denn vor den Augen steht oder gar vor die Füße fällt, und dass man dort, wo man sogar selbst den Glücksschmied spielen kann, weil Gesundheit und Umstände das jetzt gerade erlauben, das auch tun sollte ohne zu viel Wenn und Aber und Konjunktive.

Gelegenheiten ergreifen, sich ein Stück vom Himmel oder der Welt schnappen – so lange sich diese weiß-blauen Fenster noch öffnen und man noch Herr oder Frau über seine zwei Haxn ist.

Heute Mittag in München.

Am Limit.

Montagmorgen in der Notfallambulanz.

Ein Erlebnis im wahrsten Sinne des Wortes ambulare. Mehrere Wartezonen und Zuständigkeitsbereiche durchwandert, auf den Klinikfluren auf und ab gegangen, so gut das halt noch ging. Wegen der Sintflut da draußen konnte man ja leider nicht an die frische Luft, in diesen tollen, ginkgobepflanzten Innenhof, der einer der schönsten Innenhöfe Münchens ist, und dort ambulieren. Überhaupt wirkte die ganze Maistraße eher wie Novemberstraße.

Viel Zeit gehabt, über den Begriff Notfall nachzudenken: wie ich den definieren würde und wie die Uniklinik den auffasst.

Der Torwart an der Klinikpforte schickt einen zu Raum Nr. 21a, in dem man sich ein Kärtchen zu holen hat, das einen als Notfall ausweist. An der besagten Tür klebt ein Riesenschild, das zu lesen einem schon ganz schön was abverlangt, wenn man sich kaum aufrecht halten kann. Das Fazit des ellenlangen Textes: Wehe, Sie kommen herein – klopfen Sie nur 1x kurz und warten Sie dann draußen!

Als sich fünf Minuten nach meinem Klopfen rein gar nichts getan hat, wage ich es, die Klinke herunterzudrücken und vorsichtig in den Raum hineinzugucken – nicht, dass da gar niemand drin ist… Doch, da ist jemand. Eine grimmige Verwaltungstante. Sie hockt hinter ihrem Tisch und raunzt mich an, ich solle draußen warten, sie würde einen schon holen.

Eine zweite Frau gesellt sich zu mir, klopft an die Tür und will nach fünf Warteminuten auch zur Klinke greifen. Ich kläre sie auf, rate ihr ab. Wir kauern nun nebeneinander in der Hocke auf dem Flur, Sitzgelegenheiten gibt es vor Raum 21a nämlich keine. Ist ja der Notfallraum, da kann man sich zur Not auch in den Raum fallen lassen und liegend warten (drei Räume weiter, quasi übergangslos: die Liegendanlieferung, passt also eh).

Kommt eine dritte Frau hinzu, schmerzgekrümmt schleppt sie sich vor die Tür, liest das Schild, stöhnt auf, klopft, wartet drei Sekunden und drückt die Klinke runter. Der Verwaltungsdrache telefoniert nun und mampft einen Schokoriegel und winkt die Patientin sofort wirsch aus dem Zimmer.

Nach weiteren 20 Minuten geht Frau Nr. 2 und mir die Geduld aus und wir treten ungebeten nochmal ein. Der Drache will sich empören, aber wir kommen ihr zuvor. Genervt drückt sie uns schließlich die laminierten Kärtchen in die Hand. Nun sind wir „Notfall“ und dürfen uns in Zimmer 14 bevorzugt anmelden.

An der Tür mit der Nr. 14 hängt eine noch umfangreichere Hinweistafel als an der 21a.
In Kurzform: Wehe, Sie kommen herein – ziehen Sie eine Nummer und warten Sie!
Eine halbe Stunde nach Eintreffen in der Klinik ziehe ich aus dem Automaten die Nummer 51. Auf dem Display über Raum 14 blinkt eine 45. Da ich das Anmeldebüro bereits kenne, weiß ich, dass sich dort drinnen drei Tische mit je einem Verwaltungsdrachen dahinter befinden. Spätestens als sich die Tür zum dritten Mal öffnet und eine Patientin herauskommt, müsste man meinen, dass das Display so langsam von 45 zu 46-47-48 weiterspringen würde. Tut es aber nicht. Es verharrt drei Tassen Kaffee und sechs Donuts lang (mal so gemutmaßt) bei 45. Hat man viel Zeit, über die Sache mit der bevorzugten Anmeldung nachzudenken und sich zu fragen, warum man nicht gleich hier eine Nummer gezogen hat.

Immerhin gibt es hier Sitzgelegenheiten. Harte Holzbänke mit unbequemen Rückenlehnen. Genau das Richtige für eine Frauenklinik, denn wir Frauen hassen Weiches und Warmes, ganz besonders, wenn’s uns mies geht.
Weil irgendwo weit oben im Flur ein paar Fenster gekippt sind, ist es gottseidank auch herrlich kalt in dem Wartebereich. Man hört den Starkregen so auch besser. Wie er idyllisch und beruhigend auf die metallenen Fenstersimse hämmert.

Nach weiteren 40 Minuten blinkt Nummer 51 auf. Ich traue meinen Augen kaum. Mit klammen Händen und Füßen schwanke ich zur Tür von Zimmer 14.
Drinnen ruft Frau S. mich zu ihrem Schreibtisch, auf dem eine hässliche Sukkulente und ein gerahmtes Katzenfoto verstauben. Zu den Nachbarschreibtischen gibt es weder optisch noch akustisch irgendeine Art von Trennung.
Man hört alle Details zu Beschwerden, Krankheitsverläufen, Medikamenten, Adressen, Telefonnummern, Namen von ggf. zu verständigenden Angehörigen sowie deren Telefonnummern. Und unterschreibt parallel dazu die vierseitige Datenschutzerklärung, die einem Frau S. vor die Nase legt. Danach unterschreibt man noch das Anmeldeformular und mit einem Haufen Papier in den Händen darf man nun nach nebenan gehen.
In Zimmer 13. Endlich angekommen, im eigentlichen Wartezimmer, hurra. Gesteckt voll mit überwiegend elend dreinblickenden Frauen. Und bestückt mit richtigen Stühlen, sogar mit plastikgepolsterter Lehne. Und einem Getränkeautomaten, dessen Abluft und Kühlaggregatsdauerbrummen einen in den nächsten zwei Stunden in den Wahnsinn treiben wird.

Erfreulicherweise sind diese zwei Wartestunden von zwei Aktionen unterbrochen: 1.) Dem Erscheinen einer Krankenschwester, die die Tür aufreißt und Is no jemand Nei’s dazuakemma? plärrt und einem den Papierstapel und das Notfallkärtchen abnimmt. 2.) Einer Blutabnahme, die in meinem Fall etwas länger dauert, da die Rollvenen dreimal davonrollen und die Schwester dann eine Stationsschwester dazuholen muss, die wo Übung mit de Broblemfälle hod.
Schöne Atmosphäre, auch bei dieser Prozedur: ein charmantes Durchgangszimmer, dauernd latscht jemand an einem vorbei, ruft was, holt was, will was, wie im Taubenschlag geht’s zu, keine Pritsche zum Hinlegen, als mir der Kreislauf nach dem dritten Zustechen ein wenig zu entgleisen droht, es muss im Sitzen auf dem Klappstuhl klappen (darum heißt der auch so).

Vom Wartezimmer aus hat man Blick auf Maistraße, auf die Flamingo Bar und die kleine Bäckerei an der Ecke, wo ich mir zu gern eine Breze holen täte, da das Frühstück daheim aufgrund der Gesamtlage recht schmal ausfiel (und auch wieder aus mir rausfiel), aber die Schwester gebietet, ich solle mal lieber nüchtern bleiben, falls sie einen dabehalten müssten. Was einem die Wartezeit nicht grad erleichtert, weder der nagende Hunger, noch der innere Aufruhr, den so ein Appell beschert.

Nach weit über drei Stunden komme ich tatsächlich dran. Der sehr junge Gynäkologe (mit zartem Bartflaum im Gesicht) ist nett, spricht fließend Lateinisch und sogar ein paar Brocken Deutsch und hat auch schon psychologische Fortbildungen besucht.
Als wir uns an seinem Schreibtisch zur Anamnese gegenübersitzen, bemerkt er nämlich trotz eifrigen Tippens meinen ängstlichen Blick auf den Laborbericht, der neben seiner Tastatur liegt. Da steht in Fettdruck und Schriftgröße 24 Lebensgefahr / Notfall drüber, und drunter mein Name. Das kann man mühelos lesen, auch wenn der Text auf dem Kopf steht und der Blutzucker im Keller ist. Schnappt der Arzt also meinen Angstblick auf, erklärt mir sogleich freundlich und zugewandt, dass die Überschrift nur aus organisatorischen Gründen da draufsteht: damit das Labor die beiligende Blutprobe vorrangig untersucht. Guckt kurz auf den Zettel und beglückwünscht mich zu meinem recht positiven Hämoglobinwert, dem Geschilderten nach sei das ja nicht zu erwarten gewesen.

Irgendwo zwischen Franz Kafka und Karl Valentin, das Ganze.
Und dazu ein paar Szenen aus der Rubrik „Als Statist unterwegs im eigenen Leben“.

Zumindest bis hierher.
Die Untersuchung ein kleiner Alptraum, nur leider sehr real und so nah am persönlichen Limit, dass mir die Tränen runterlaufen und ich beinahe schreie, dass sie bitte sofort damit aufhören mögen. Stattdessen wird mir schwarz vor Augen. Der sehr junge Arzt und die noch jüngere Assistentin sind sehr verunsichert, holen dann doch lieber den Chefarzt dazu. Der ist Vollprofi und hat schon so viel Blut und Tränen gesehen und Schreie gehört, dass er wegen sowas längst keinen Ultraschall mehr verzittert oder die Fassung oder seinen onkeligen Tonfall verliert.
Ergebnis: Nichts Unerwartetes entdeckt, Rezept bekommen, weitere Maßnahmen erläutert, Wiedervorstellung in Kürze.

Wie ein Zombie nach vier Stunden die Notfallambulanz verlassen, an den ganzen Menschen auf den Fluren und in den Zimmern vorbei, Richtung Klinikausgang.
Aus dem grauen Schleier des Dauerregens treten triefend der Gatte und das Dackelfräulein hervor. Halluziniere ich noch oder lebe ich schon wieder?
Einzig denkbare Bedürfnisabfolge nun: Breze, Kaffee, Kuchen, Hinlegen.

Fragen Sie bitte nichts nach, und wünschen Sie auch nichts. Ich hab dazu eh keine Antworten.
Es wird schon wieder. Andere haben sowas auch überstanden.

*****

24 Stunden später. Dienstagmittag.

Die Isarauen versinken zunehmend im Wasser. Ein Wildfluss am Limit. Das Dackelfräulein wundert sich, dass dort, wo sie üblicherweise ihrem Bällchen nachrennt, heute Enten baden und dass dort, wo die Enten sonst baden, ganze Baumstämme in den Fluten treiben.

Die Stadt sperrt erste Wege und Stege. Der Regen läuft einem in den Kragen und in die Schuhe. Schirm bringt nichts wegen krassem Wind.
Trotz aller Garstigkeit hat die Runde aber ein bisschen was Vitalisierendes.

*****

Am Abend dann eine Ladung Puder ins blasse Gesicht und los zur Praterinsel. Die kleine Mariannenbrücke fast schon auf einer Ebene mit der Wasseroberfläche.

Der DAV feiert 150. Geburtstag, der Gatte trägt dort vor, da hat man versprochen, mit dabei zu sein. Nicht nur so in der Funktion als Spielerfrau, sondern eher in der vertrauten Rolle als Gelegenheitsgroupie. Und aus allgemeinem alpinen Interesse.

Ich hatte mir den ja irgendwie deutlich größer vorgestellt.

Aber holla, ich sag’s Ihnen: an Drahtigkeit ist der schwer zu überbieten. Sehr ausdefiniert, alles (oder wie sagt man da?). Und so ein nettes Bayrisch! Berchtesgadener Land eben. Und überhaupt ein total angenehmer Typ, so im Gespräch und beim gemeinsamen Bier.

Das war’s dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Limit ist halt für jeden was anderes & woanders.

*****

Standing on a ledge oder: Der Krebs und sein Gang.

Traf ich dieser Tage den J. wieder.
In herrlich milder Luft sitzen wir draußen und trinken Tee.
Der Name des Cafés so verheißungsvoll wie das Wetter: Der LENZ ist da (tralala & verhext & grün & hopsasa).

Lange hatte ich ihn nicht gesehen, er war sehr absorbiert. Von einem hartnäckigen Karzinom. Und noch mehr von all den Medikamenten und den Therapien vorher und nachher und überhaupt. Hatte sich sehr zurückgezogen. So sehr, dass ich das mit dem Krebs zunächst von einer gemeinsamen Bekannten erfuhr und nicht von ihm.

Normalerweise verabreden wir uns nicht, J. und ich, sondern laufen uns zufällig über den Weg (wie das üblicherweise zwischen uns war, können Sie hier nachlesen, dann sind Sie im Bilde).
Eine Krebserkrankung kann solche Verhaltensmuster schon mal verändern. Plötzlich ein Gefühl von Endlichkeit oder zumindest eines von Nicht-mehr-blind-drauf-vertrauen-Wollen, dass man einander schon – wie in den 20 Jahren zuvor – alle zwei Jahre im Park, auf der Straße, an der Isar, im Schwimmbad oder auf dem Berg begegnen würde.
Nun sitzen wir also, explizit verabredet, in einem Café. Das ist neu für uns.

Ich mustere ihn verstohlen. Ob die Krankheit ihn verändert hat. Ob sie seiner Sportlerstatur etwas anhaben konnte. Ob die grauen Locken noch dieselbe Länge und Dichte haben. Ob die Gesichtszüge andere sind als bei unserer letzten Begegnung. Ob man ihm mittlerweile sein Alter ansehen kann, ihm, dem völlig Zeitlosen und ewig Frischen.
Seine Stimme zu hören, und sie auch so gänzlich unverändert wahrzunehmen, tut mir gut. Sie gehört zu den wenigen Stimmen, die ich mit geschlossenen Augen memorieren kann und das schon seit über 30 Jahren. Ein schönes, weiches Münchnerisch, durchsetzt von ein paar Dialektsprengseln des Oberlands, vielleicht aus Mittenwald, wo J. geboren wurde oder aus Lenggries, wo er aufwuchs.
Der Blick hinter seiner John-Lennon-Brille ist noch derselbe wie eh und je, froh, wach und lebendig, nur vielleicht etwas müder geworden, aber diese Interpretation kann auch meiner eigenen momentanen Müdigkeit geschuldet sein.

Wir haben uns nebeneinander gesetzt, so können wir beide den Rücken an die Hauswand lehnen und in die Sonne gucken.
Sprechen über dies und das. Über alte Zeiten. Über gemeinsame Stationen, damals. Über den Papa, natürlich. Über das letzte Jahr. Über das Jetzt. Über den Krebs. Über den Umgang damit. Über Metastasen und Chemotherapie und Bestrahlung. Über Heilung, Chancen und Heilungschancen.

„Jetzt sitzen wir hier, wir zwei Krebse“, sagt er, „und sprechen über Krebs!“.
Er lacht verschmitzt und meint, das sei eh die ganze Zeit über seine Devise gewesen: drauf zu vertrauen, dass ein Tag komme, an dem Krebs wieder einfach nur (s)ein Sternzeichen sei, dem er keine größere Bedeutung schenken müsse. Und dass er ja momentan als geheilt gälte.
Ich frage nach, will die ganze Geschichte hören, sofern er sie erzählen möchte, denn es ist ja manchmal so eine Sache mit den eigenen Krankheitsgeschichten: sie nerven einen ab einer gewissen Wiederholung – wie eine Platte, die hängengeblieben ist – und machen einen dann bei jeder weiteren eher noch kränker als dass einem das Erzählen noch irgendeine Erleichterung verschaffte.

J. stört das nicht, er erzählt mir bereitwillig alles, chronologisch, ruhig, mit einigen Pausen dazwischen.
Wir sehen uns die meiste Zeit dabei nicht an, weil wir ja nebeneinander sitzen und Richtung Sonne blicken, das fühlt sich entspannt an. Auch daran erkennt man vertraute Menschen: dass man auch nach langer Zeit ohne Warmwerdenmüssen und ohne Holprigkeiten über alles miteinander sprechen kann, dass man sich nicht dauernd ansehen muss (es gleichwohl mühelos könnte), dass man Pausen gut aushält, dass man nebeneinander sitzen kann und sich keine Gedanken über den passenden Abstand machen muss.

Fasziniert bin ich vor allem davon, dass J. während der gesamten Chemotherapie wöchentlich 1x auf einen Berg stieg, immer am Tag vor der Infusion, immer alleine.
Einmal habe er sich im Wochentag geirrt („es war ja alles so gleich in diesen Monaten“) und da rief die Assistentin aus der Onkologie vom Rechts der Isar ihn dann auf dem Handy an und fragte, wo er denn sei.
– Draußen sei er.
Ja wo denn „draußen“, wollte sie wissen.
– Auf einem Felsvorsprung sei er, in dem Ammergauer Bergen.
Aber das dürfe er doch nicht, er solle doch zuhause sein und sich schonen oder draußen nur mit Mundschutz unterwegs sein und schon gar nicht bergauf, das sei viel zu anstrengend, viel zu riskant.
– Na das hätte er ihr auch nicht freiwillig erzählt, aber sie habe ja nicht aufgehört, ihn zu fragen.
Jedenfalls zwang sie ihn dann doch zur Umkehr, weil die Infusion noch an dem Tag hat sein müssen, also stieg er halt wieder hinab („schad‘ um die Klammspitze, ich war fast schon oben!“) und fuhr zurück in die Stadt, direkt zur Klinik.

Er legt mir die Hand auf den Arm nach diesen Worten und schaut mich von der Seite an und sagt: „Ich wusste, dass ich hinauf gehen muss. Weil ich das doch mein Leben lang gemacht habe. Seit fast 60 Jahren gehe ich immer hinauf, erst recht, wenn es hier unten beklemmend wird. Ich wusste, wenn ich das jetzt bleiben lasse und mich daheim einsperre und mit Mundschutz auf den nächsten Termin warte, dann geh ich drauf.“
(Dass er sich das an dem einen oder anderen Felsvorsprung, den er in dieser Phase passierte, ebenfalls gedacht habe, auch das verschweigt er mir nicht.)

Wir bestellen ein zweites Getränk, reden über die Berge, auf denen jeder von uns in der letzten Zeit so herumturnte, in welcher Verfassung auch immer (man hätte sich mehrfach treffen können oder zumindest zuwinken), und darüber, was das mit uns macht, und wieso man das Glück und vielleicht sogar Heilung findet, dort oben.
Denn Heilung bedeutet auch, dass man spürt, was einen noch trägt, wenn vieles aufhört, einen zu tragen.

Die Sonne verabschiedet sich aus der Ludwigsvorstadt und verschwindet allmählich hinter der Ruhmeshalle, um ihre letzte Abendrunde durch die Schwanthalerhöhe zu drehen.
Innerlich randvoll (Gedanken, Gefühle: das Leben, der Tod, der eigene Weg, die Begleiter auf diesem, die Richtungswechsel, die Sackgassen, was war, was ist und was wird noch sein können?) gehe ich nach diesen Stunden nachhause und höre mir das Lied an, das mir zum Felsvorsprung gleich in den Sinn kam (I’m standing on a ledge…) und sowieso gut zu J. passt: some kind of gypsy boy, schon immer.

Der heutige, unerwartete Wintertag lässt’s zu, das Erlebte noch in Worte zu fassen, und auch der morgendliche Termin hat wieder einen Tropfen Öl in das viel zu oft klemmende innere Schloss eingebracht, auf dass es geschmeidiger und leichtgängiger werde und der Schlüssel sich drehen möge. Rechts herum!

Song des Tages (29).

Ich kann diesen Ort nicht ausstehen.
Scheinheilig liegt das Radiologicum an der Münchner Freiheit, aber von Freiheit ist nichts spürbar dort, es ist ein Ort der Enge, der Beklemmung, der Sterilität und der Technik. Es thront im 5. OG über den Dächern Schwabings, im gläsernen Aufzug schwebt man hinauf, trockene Lippen, kreislaufschwach, klamm an Händen und Füßen. Immer im Januar. Und immer ist alles grau: der Himmel, die Fassaden, die Stimmung. Heute auch ich: graue Stiefel, graue Jeans, grauer Mantel, graue Handschuhe. Nur der Schal ist türkis und die Überweisung hellgelb und der U-Bahnhof eigentlich auch ganz farbenfroh.

Der Befund dann allerdings der Beste seit Jahren, so dass der Radiologe nach kurzem Grübeln meint, man könne künftig glatt nur alle zwei Jahre kommen, was einen nach 16 Jahren schon sehr zu hören freut.
Erleichtert verlasse ich die Praxis, gehe zum Aufzug, eine kleine Frau steht dort und wartet. Wir steigen gemeinsam in den Glaskubus ein, ich meine, ich hätte sie schluchzen hören, bin mir aber nicht sicher. Als ich die „EG“-Taste drücke, sehe ich ihr Gesicht. Sie weint. Wie eine Comicfigur weint sie: die Tränen spritzen regelrecht links und rechts aus ihren Augenwinkeln heraus. Ihre Arme hängen wie leblos links und rechts neben ihrem recht rundlichen, in einen gesteppten Daunenparka gezwängten Körper herunter. Sie ist schätzungsweise so alt wie ich.
Ich fummle ein Päckchen Taschentücher aus meiner Manteltasche heraus, halte sie ihr hin und sage „Nehmen Sie doch eines!“.
„Jetzt habe ich Krebs…“, entgegnet sie, greift nach den Taschentüchern und fährt nach kurzem Naseputzen fort: „…und mein Freund hat sich zu Silvester aus dem Staub gemacht. Jetzt bin ich allein, jetzt bin ich nichts als allein.“.

Was ich ganz spontan antworten möchte, wage ich nicht zu sagen (zu banal und zu unpassend womöglich), also sage ich gar nichts und greife stattdessen mit beiden Armen um die schluchzende Daunenkugel herum und halte sie fest bis der Aufzug fünf Etagen später „Bing“ macht, weil er das Erdgeschoss erreicht hat, und dann nochmal „Bing, bing“, weil seine Tür sich öffnet und er die beiden Frauen gemeinsam in die Kälte und das Grau entlässt, wo sich ihre Wege alsbald trennen.

*****

But there’s things that’ll knock you down
You don’t even see coming
And send you crawling like a baby back home
You’re gonna find out that day sugar

When you’re alone you’re alone
When you’re alone you’re alone
When you’re alone you’re alone
When you’re alone you ain’t nothing but alone

I knew some day your runnin‘ would be through
And you’d think back on me and you
And your love would be strong
You’d forget all about the bad and think only of all the laughs that we had
And you’d wanna come home

Now it ain’t hard feelings or nothin‘ sugar
That ain’t what’s got me singing this song
It’s just nobody knows honey where love goes
But when it goes it’s gone gone

*****

Im Spätsommer 2014, auf meiner Reise durch Südschweden und Gotland, hörte ich viel Musik. Lange Autofahrten sind ja wie gemacht dafür und zu fast jeder meiner Stationen erinnere ich noch das Lied, das ich zur Ankunft oder bei der Abreise hörte.

Fünf Songs kristallisierten sich im Laufe dieser Wochen als die hartnäckigsten, besten und stimmigsten Begleiter heraus. Zu jedem einzelnen notierte ich mir damals, weshalb ich das so empfand.

When you’re alone, B. Springsteen. Lifetime really does have a tendency of sliding away faster than we can control. We have to learn to take life in its pleasures as it comes – and above all: spend time with people that make your life brighter, deeper, more complete and even more worth living. That’s what I realized while listening to this song. (Ronehamn, Kapten Grogg, am 3. Sept. 2014).“

Meine Güte, wie ich dieses Lied damals liebte und jede seiner Strophen mich so erfüllte, beglückte, befreite.
Ewig nicht mehr dran gedacht, ewig nicht mehr gehört.

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Der Hund von Baskerville.

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Im Traum lag ich aufgebahrt und mit einem Hüftgurt auf einer Liege festgeschnallt in einem kahlen, kalten Raum, die Decke schmutziggrau, links und rechts mintgrün gekachelte Wände, vor mir eine schwere Metalltür, hinter der ich Stimmen vernahm, so schwach, entfernt und verschwommen allerdings, dass ich nichts verstand, so sehr ich mich auch bemühte.

Auch sonst verstand ich nichts: warum ich dort lag, warum so seltsam fixiert, und warum mit diesen höllischen Schmerzen im rechten Arm. Hinter mir, in der einzigen Wand, die ich nicht sehen konnte, weil es unmöglich war, den Kopf so weit zu drehen, schien sich eine weitere Tür zu befinden, denn auf einmal hörte ich, wie dort eine Klinke heruntergedrückt wurde.

Ein Mensch betrat den Raum, näherte sich mir von hinten, beugte sich über mein Gesicht, so dass ich das seine nur als Fratze wahrnahm. Die Mimik verkehrtherum betrachtend musste ich erstmal überlegen, ob der Ausdruck nun als uklig oder unheimlich zu interpretieren sei. Ich fand es nicht mehr heraus, denn plötzlich pustete mir die Fratze unerwartet einen Satz ins Gesicht.

Der Fremde sagte: Wir können Sie heut nicht drannehmen. Ich fragte: Drannehmen wofür? Die Stimme antwortete: Das darf ich Ihnen nicht mehr sagen, Ihr Ausweis ist ungültig.
Mich durchfuhr ein Schauer, denn an irgendetwas erinnerte ich mich diffus, als das Wort „Ausweis“ fiel. Der fremde Mensch und seine Stimme kamen mir noch näher, bedrohlich sanken sie fast hinab auf meine Stirn, hinter der es wie wild dachte und suchte und nichts fand. Ich wollte meinen rechten Arm heben, um dazwischenzugehen, zwischen diesen fremden Schädel und meinen, aber der Arm ließ sich nicht heben, der Schmerz war zu groß.

Woher kam dieser Schmerz nur, woher? Ich hob den Kopf, bog den Hals weit nach rechts, wo mein Arm lag und sah mitten in meiner Armbeuge eine kleine halbmondförmige Platte stecken. Damit war mein Arm an der seitlichen Außenkante der Liege fixiert worden, quasi aufgespießt worden, jede Bewegung führte dazu, dass sich die Platte tiefer in mein Fleisch bohrte.
Blut war erstaunlicherweise keines zu sehen (überhaupt träumte ich in meinem Leben bislang nur einmal von Blut oder erinnere alle anderen Male nicht). Der Fremde atmete mir nun unangenehm in den Nacken, schwieg und ich spürte, dass er mich beobachtete.

Instinktiv wusste ich, dass mir nicht viel Zeit bliebe. Mit dem linken Arm fuhr ich blitzschnell nach rechts, riss den metallenen Halbmond aus meiner Armbeuge heraus (wieder kein Blut, nirgends!), und hielt ihn mir vor die Augen. „Du bist jetzt mein Land“ stand darauf. In Schriftart Baskerville war der Satz in die Mitte des Metallstücks eingraviert.

Ich begriff in der Traumwelt offenbar sofort, was es mit dieser Botschaft auf sich hatte, meine Schläfen pochten vor Aufregung, zugleich war ich wild entschlossen, nahm all meinen Mut zusammen und fuhr mit der linken Hand, in der sich noch immer der scharfkantige Halbmond befand, schnell nach hinten und stach den Fremden nieder.

Es gab ein dumpfes Geräusch, als er zu Boden fiel. Das kleine Plättchen, das ihn niedergestreckt hatte, löste sich wohl aus der Einstichstelle, denn ich hörte, wie es mit einem leisen Klirren irgendwo auf dem Steinboden aufkam, noch ein wenig vibrierte und dann verstummte. Totenstille herrschte in dem Raum.

In dem Moment öffnete sich die große Metalltür vor mir und ein Arzt, der mir bekannt vorkam, lächelte mir zu.
„Sie sind wieder gesund“, rief er mit einer Heiterkeit in der Stimme, die ich ihm beinahe übelnahm, und fuhr fort: „Sie dürfen jetzt erstmal nachhause gehen.“

*****

Um 6 Uhr wendet das städtische Räumfahrzeug quietschend im Hinterhof und schiebt den nächtlichen Neuschnee knirschend Richtung Einfahrt.
Ich wache auf.
In meinem rechten Arm schläft das eingekringelte Dackelfräulein. Die Dornschließe ihres Halsbands, das ich ihr nachts vor lauter Müdigkeit ausnahmsweise abzunehmen vergessen hatte, drückt ein wenig auf meine Armbeuge. Ich drücke einen Kuss auf ihre kleine Hundestirn, spüre ihr warmes Köpfchen und denke: Wo wir so zusammen sind, dort muss Zuhause sein.