Akademiker, Astra und Attila.

Beim Blättern durch die ZEIT bleibt mein Blick kurz an einer Überschrift hängen, in der es heißt, dass die Hausärzte hierzulande angeblich fast nur noch Akademiker mit AstraZeneca impfen.
Was will uns das nun wieder sagen?
Vielleicht, dass nur die intellektuell einigermaßen hochfrisierten Hirne in diesem Land der Lage sind, das extrem geringe Risiko, sich als Impfnebenwirkung von Astra eine Sinusvenenthrombose zuzuziehen, realistisch einzuordnen vermögen und sich daher vor Ort in der Hausarztpraxis als einzige Patientengruppe mit der Verabreichung dieses Impfstoffs einverstanden zeigen?
Oder soll das bedeuten, dass die eher schlicht strukturierten Gemüter sich von dem guten alten Sprichwort „Per aspera ad astra“ ins Bockshorn bzw. aus der Hausarztpraxis jagen lassen (um ja nicht vorzeitig in den Himmel aufzufahren), das sie zwar aufgrund ihres Mittelschulabschlusses nie in dessen tiefer, philosophischer Bedeutung durchdrungen, sondern lediglich behalten haben, dass dieses Zitat aufs Konto des alten Dramatikers und Pessimisten Seneca (der Heini, der auch „Das Leben ist kurz“ oder so ähnlich, verfasste) geht, der seit der Rechtschreibreform ja unter Zeneca firmiert, womit die finsteren Zusammenhänge hinreichend enttarnt wären, bis auf den, wie man den bösen Bill Gates noch in dieses Konstrukt hineinpfriemeln könnte, was aber vielleicht gar nicht so schwer ist, nur ich komm‘ da jetzt nicht so schnell drauf, weil Akademikerin…
Habe den ZEIT-Artikel übrigens nicht gelesen, mein morgendlicher Pegel an pandemiebezogenen Wasserstandsmeldungen war zu dem Zeitpunkt bereits erreicht, die nächste Dosis gibt’s erst wieder nach dem Abendessen.

Gegen 11 Uhr klingelt das Handy und ein Hermes-Fahrer schreit mich an, dass er in einer halben Stunde mit dem Geschirrspüler hier aufschlagen würde.
„Wo sollen abstellen?“, brüllt er hinterher. „Na, in meiner Küche!“, brülle ich zurück, ich habe das Gerät ja „mit Montage“ bestellt. „Ich nix Montage!“ plärrt er und legt auf.

Ich spüre unmittelbar nach dem Ende dieses Gesprächs, wie sich die aktuelle Tageslaune deutlich früher als erwartet von der Leine losreißt und ihrem Höhepunkt entgegensprintet. Diverse Fragen, die nun aufpoppen wollen, verdränge ich erfolgreich und nutze die verbleibenden 28 Minuten, um den Online-Händler zu erreichen, wo ich die Spülmaschine bestellt habe. Nach fünf Minuten in der Warteschleife, die nicht für mich, sondern „Für Elise“ programmiert wurden, beende ich das Warten, schreibe eine wütende Mail an den Kundenservice und lege mir anschließend ein paar einfache, kurze deutsche Sätze für den Spediteur zurecht. Das f***ing Akademikerproblem scheint mich durch diesen Tag begleiten zu wollen.
Allein meinem viel zu niedrigen Blutdruck tut so ein Vormittag ausgesprochen gut.

Um 11:45 Uhr läutet es an der Tür. Der Ich-nix-Montage-Typ steht unten im Treppenhaus und brüllt „Welche Stock?“. Ein Attila-Hildmann-Verschnitt (nur kleiner und dicker) wuchtet wenig später die neue, bereits von der Umverpackung befreite BOSCH aus dem Aufzug und zerrt sie unsanft Richtung Haustür. Als er sich mir zuwendet, bemerke ich, dass Attila keine Maske trägt.
Unser etwas hitziger Dialog beginnt beiderseits grußlos, er eröffnet mit den Worten „Sie haben beschwert bei Chef“, aufgrund der stimmlichen Modulation ist leider völlig unklar, ob er das als Vorwurf oder Frage meint, so dass ich erst gar nicht darauf eingehe und stattdessen ein „Würden Sie bitte eine Maske aufsetzen“ entgegne.
Das passt Attila gar nicht, weil er dafür umständlich in seiner Hose herumkramen muss und ihm während des Kramens auch noch die Kippen aus der Gesäßtasche kullern, so dass er sich unnötigerweise schon vor der Montage bücken muss, was auch ich lieber vermieden hätte, da sich hierbei nämlich die ausgeleierte Hose über sein Hinterteil abwärts schiebt und es steht, wie bereits erwähnt, eben kein Typ à la Arjen Robben vor der Tür, sondern ein Stammesbruder Hildmanns.
Kürzen wir die Sache ab: Attila bekommt noch Verstärkung, die ebenfalls erstmal maskenlos erscheint, die beiden trampeln dann mit der neuen BOSCH in die Küche und widmen sich unter großem Gestöhne der Installation, die nicht allzu geschmeidig gelingt, da ich ihnen erst erläutern muss, wo man den Wasserzulauf abdreht und kurz danach gefragt werde, ob ich einen Schraubenzieher hätte.

Diese beiden Kleinigkeit haben zur Folge, dass ich nach dem zehnminütigen Besuch von Attila und seinem Adlatus die gesamte Installation unter Zuhilfenahme eines YouTube-Videos sowie der mitgelieferten Bedienungsanleitung selbst nochmal gründlichst überprüfe, natürlich nicht ohne zuvor den Unterschrank, die Maschine, meinen Schraubenzieher und alle Griffe/Hähne/Schläuche desinfiziert zu haben, weil Attila sich, um sich ein lästiges zweites Mal zu bücken zu können, an allen möglichen und unmöglichen Flächen festhalten musste und dabei asthmatisch in seine recht angegriffen aussehende Maske keuchte.

Das Altgerät wollen sie zunächst auch nicht mitnehmen, erst als ich androhe, noch in ihrem Beisein erneut den Chef zu kontaktieren (ohne mit dem je Kontakt gehabt zu haben, da ich auf meine Wutmail noch keinerlei Reaktion erhalten hatte), zeigen sie sich kooperativer und schleppen mit grimmigen Gesichtern die auf dem Balkon deponierte und über Nacht hübsch eingeschneite alte Spülmaschine aus der Wohnung.

Mittlerweile läuft testweise das erste Kurzprogramm der neuen BOSCH und ich muss sagen: ihr sanftes Schnurren wirkt irgendwie beruhigend nach all dem Trubel. Ich lausche ihr ein Weilchen, lege dann aber Chuck Ragan in den CD-Player (einem wie dem hätte man lieber beim Spülmaschineneinbau zugesehen, nur so schauen sie halt bloß in der Phantasie aus, diese Monteure), drehe den Lautstärkeregler auf, wische zu „Nothing left to prove“ die letzten Reste dieses unfassbar kundenfreundlichen und coronakonformen Tageshighlights vom Küchenboden und spüre dabei ganz langsam etwas Freude in mir aufsteigen – auf eine Zukunft mit blitzsauberem und funkelndem Geschirr.

Per aspera ad astra. Durch das Elend zum Glanze.
So ist das wohl, da hatte der gute Zeneca schon recht.

Well silence took me fierce and blindly
And shadows became one
I found the floor with the broken boards
And the grist for the mill gone

With nothing left but a chord to stretch
And a word to get on by
Sometimes you reach for the bottle before the sky
Yeah, well we all rise to fall in time

Wie ein Mops den Klops suchte und dabei das Ei des Kolumbus fand. A kitchen story about the loop of life & love.

Ein Hund kam in die Küche
und stahl dem Koch ein Ei.
Da nahm der Koch den Löffel
und schlug den Hund entzwei.

Da kamen viele Hunde
und gruben ihm sein Grab
und setzten drauf ’nen Grabstein,
darauf geschrieben stand:

Ein Hund kam in die Küche
und stahl dem Koch ein Ei.
Da nahm der Koch den Löffel
und schlug den Hund entzwei.

*****

Das Lied:
Jeder kennt es, ein Endlos-Song, eine Dauerschleife, ein zumindest vordergründig heiteres Liedchen.
Für mich eine Erinnerung an Kindheitstage, in denen ich morgens im Bad mit dem Papa zu singen pflegte, allerdings hieß das Lied bei uns „Ein Mops kam in die Küche“, was aber nichts zur Sache tut, denn Hund ist Hund, und ob nun ein Mops oder ein Dackel in die Küche kommt, das mag im Auge des Betrachters oder Besitzers zwar einen erheblichen Unterschied machen, verhaltensbiologisch aber läuft’s aufs Selbe hinaus: der allzeit verfressene Vierbeiner klaut etwas aus der Küche – schon allein der Titel des Liedes verweist ja quasi auf die Quintessenz des Haushund-Seins.
Bis hierhin ist die Geschichte gut nachvollziehbar, dann aber nimmt sie eine absurde Wendung, die ich schon damals nicht verstehen konnte und die bis heute zwei zentrale Fragen unbeantwortet ließ:
Wieso handelt es sich bei dem Diebesgut nur um ein schnödes Ei?
Und weshalb bringt der Koch den Hund für diese harmlose Tat gleich um?
Um uns nicht in Nebenpfade oder Sackgassen zu verirren und dabei den Faden zu verlieren, wollen wir uns hiermit trösten: der so unfair und brutal Erschlagene bekam von einer Schar Artgenossen umgehend eine ordentliche Beisetzung organisiert und durch eine das grausame Widerfahrnis gnadenlos enthüllende Grabinschrift wurde ihm nicht nur ein ehrendes, sondern ein immerwährendes Andenken bewahrt. Dazu die posthume Genugtuung, dass seine Nachfahren ihn rächen würden, indem auch sie wieder in räuberischer Absicht in die Küche tapsen… (wodurch das Drama leider von vorn beginnt, das Schicksal aller Beteiligten sich wiederholt und eben zur Endlosschleife wird).
Eines ist jedenfalls sicher: Hätte ein Mops einen Klops gestohlen oder der Hund nur einen Klaps bekommen, hätte es dieser Song womöglich niemals in den Kanon des deutschen Liedguts geschafft.

Das Hundeleben:
Eine endlose Polonaise zwischen Küche und Körbchen, zwischen Napfleeren und Nickerchen. Eine ewige Wiederholung von Widersprüchlichem: ja/nein, komm/bleib, hinaus/hinein, lecker/pfui, Mäuschen/Mistvieh.
Beobachtung in der Wortewelt: Ein Kleinkind sagt meist nicht Hund, sondern Wauwau. Bemerkenswert, dass der allerersten Bezeichnung dieses wunderbaren Wesens, die uns über die Lippen kommt, bereits die Wiederholung innewohnt.
Das repetitive Moment als Mittel zur Annäherung ans Wesenhafte oder gar zur Reduktion aufs Wesentliche.
Was aber ist das Wesentliche?
Was treibt einen Hund an, nicht nur unentwegt in die Küche, sondern auch in sein Revier und zu seinem Menschen wiederzukehren, ist es bloßer Instinkt oder ist da noch mehr im Spiel? Was bestimmt den besonderen Rhythmus dieser auf zig Regeln und Ritualen basierenden Lebensgemeinschaft von Mensch und Hund? Was ist nicht des Pudels, sondern des Rudels Kern?
Wenn man nicht gerade ein kaltherziger Koch mit Mordgelüsten ist, lautet die Antwort: Es ist die Liebe, the loop of love, sie gleicht einer Nadel, die auf einer Schallplatte hängengeblieben ist und fortwährend dieselbe Rille herunterleiert, forever and ever, egal, was uns das Tier alles raubt (und wir ihm).

*****

Der Grazer Musiker und Komponist Matthias Forenbacher hat sich für sein jüngst veröffentlichtes Werk ebenso kühn wie kreativ in den Kosmos der Kaniden hineinbegeben.
Schnappt sich den altbekannten Klassiker „Ein Hund kam in die Küche“, betätigt sich gleichermaßen als Chef de cuisine und Chef de chien und variiert das vertraute Volkslied.
Verfremdet, verfeinert, verquirlt und verwandelt es, verleiht ihm unerwartete Stimmungsfarben und verpflanzt es in unerhörte Sphären.
Fünfzehnmal würzt er es dezent und sparsam, werkelt mit nur wenigen Zutaten, lässt sich Zeit und Raum, um jeweils etwas Eigenes und Neues daraus zu zaubern, filetiert und flambiert es, und schlussendlich fügen sich all die Einzelteile zu einem schmackhaften, stimmigen Menü, was mir offen gestanden erst auffiel, als ich mir das zwanzigminütige Album neulich mal im Repeat-Modus anhörte, während ich am Herd stand und eine Dreiviertelstunde lang das Risotto rührte (eine in ihrer Zubereitungweise übrigens angenehm repetetive kulinarische Komposition).

Es war Anfang Januar, als eines sonnigen Mittags Forenbachers neue CD mit dem Titel „dogs“ dem Dackelfräulein direkt vor die Nase fiel.
Die Postbotin warf sie durch den Briefkastenschlitz in unseren Flur und wurde für diese rüde Störung des Schönheitsschlafs postwendend verbellt. Nebenan in der Küche warf ich gerade die Kärntner Kasnudeln in den Topf und einen Schimpfer in Richtung Hund, als ich dessen Gebell vernahm: Jeden Tag derselbe Radau, ja, lernt sie es denn nie!?
Aber was für eine Freude, als ich das Kuvert dann der Hundeschnauze entwand, es öffnete und ein handsigniertes Exemplar der „dogs“ zum Vorschein kam!

*****

Vergangenen Freitag hat Matthias Forenbacher seine Hunde nun offiziell von der Leine gelassen. Einen Hundeführerschein, wie er sonst ja leider vielerorts in Österreich verpflichtend ist, benötigen Sie nicht, um mit ihnen Gassi zu gehen – obwohl die 15 Vierbeiner in Temperament und Charakter doch ziemlich unterschiedlich und daher nicht so leicht im Zaum zu halten sind.

Geben Sie also gut Acht, spitzen die Ohren und genießen Sie diesen nicht alltäglichen Spaziergang, der Sie in die Welt der Soundschleifen und des Storytellings entführen wird. Und planen Sie dafür ruhig mehr als zwanzig Minuten Zeit ein, denn wenn Sie die erste Erkundungsrunde gedreht haben, werden Sie vielleicht gleich wieder loswollen. Da capo, so steht es schließlich unter der Namensliste der Dogs, auf der Albumrückseite.
Al fine ist in dieser Looposphäre (oder Luposphäre) freilich nicht vorgesehen, aber ein al dente dürfen Sie sich durchaus gönnen, falls Sie gerade am Herd stehen und – wie ich es gleich tun werde – Ihre Nudeln ins sprudelnde Wasser werfen, woraufhin – wenn alles so ist wie es immer ist – il cane folgen wird, weil Ihr Hund – wie könnte es anders sein? – in die Küche geflitzt kommt, für den Fall, dass es dort eine Nudel zu mopsen gäbe.
Da capo – und so beginnt die Geschichte wieder von vorn, the loop of life, es geht weiter und immer weiter, sofern Ihnen nicht die Nudeln ausgehen oder Ihrem Dieb die Luft oder Ihrem CD-Player der Saft.

Da capo!, eine Anweisung, die momentan wie ein Innuendo anmutet. Ein Zufall? Oder hat der Künstler uns seine Loops vielleicht ganz bewusst genau jetzt gesandt, damit der monotone Murmeltiermodus unseres Lockdownlebens endlich den adäquaten Soundtrack verpasst bekommt?
Ein Soundtrack, der zugleich als Erinnerung an den unverwüstlichen Kreislauf des Lebens aufgefasst werden darf sowie als Ermutigung zum Durchhalten und Weitermachen.
Und natürlich nicht zuletzt auch als Hommage an den Hund, diesen treuen Gefährten, der so gelassen und geduldig mit uns zu Hause hockt, Tag für Tag, Nacht für Nacht, Woche für Woche, Monat für Monat, sein ganzes Leben lang, völlig gleich, ob da draußen eine hartnäckige Seuche wütet oder ein laues Lüftchen eine Papiertüte übers Trottoir trudeln lässt.

Mit dieser Gedankenschleife wollen wir die kleine Rezension nun beschließen, damit sie sich nicht noch bis ins Unendliche fortspinnt, schicken herzliche Grüße hinüber ins frisch gelockerte Österreich, wünschen Matthias & seinen Hunden einen guten Lauf und freuen uns auf ein Wiedersehen und -hören, hier oder dort.

*****

Die 15 Streuner, Schoßhunde und Schlawiner aus der Steiermark können Sie hier einzeln oder im Rudel streamen & feeden:
https://songwhip.com/matthias-forenbacher
https://matthiasforenbacher.bandcamp.com/album/dogs

Das Leben, ein Tanz & wir pfeifen dazu. Zum 28. Dezember 2020.

Meiner kleinen, treuen, klugen und tapferen Begleiterin zum 9. Geburtstag:
Mögest Du noch lange mit mir durchs Leben tanzen, und ich mit Dir!

Aus der Steiermark kommt das Geburtstagslied…

…und aus der Münchner Küche der Videoclip dazu.

Manchmal ist das Leben ein Eiertanz und das einzig vernehmbare Pfeifen jenes, das aus dem letzten Loch ertönt, so dachte ich in den vergangenen Wochen des Öfteren.
Wir wollen diese Gedanken nun so gut es geht abschütteln und mit Zuversicht und Mut das neue (Lebens-)Jahr beginnen.

Song des Tages (3).

Zum Tag der Frau heute der Song einer Frau,
die ich in den noch unvergenderten 1980er Jahren sehr bewundert habe
und auf deren Konto meine jahrelang getragene
(und bald wieder anstehende) Kurzhaarfrisur ging.

Now there was a time
When they used to say
That behind every great man
There had to be a great woman

But in these times of change
You know that it’s no longer true
So we’re comin‘ out of the kitchen
‚Cause there’s somethin‘ we forgot to say to you, we say

Sisters are doin‘ it for themselves
Standin‘ on their own two feet
And ringin‘ on their own bells, we say
Sisters are doin‘ it for themselves

Das „We’re coming out of the kitchen“ kann ich zwar nicht unterschreiben,
aber fairerweise muss ich dazusagen:
Es ist frei gewählt, das Küchenschicksal!

Am Weltfrauentag habe ich mir und dem Dackelfräulein allerdings eine warme Mahlzeit auswärts gegönnt 🙂

Einen schönen Abend
wünscht
Die Kraulquappe.