Erholung.

Schreibtischarbeit und Einkäufe erledigt, Schwimmen gewesen, an der Isar entlangspaziert, die Sonne und einen Kaffee genossen, auf dem Rückweg am Wertstoffhof vorbei, dort beim Kistenheben das Daumengelenk verrenkt. Später am Tag auf einer Parkbank dem fernen Donnergrollen gelauscht und einfach mal ein Weilchen geradeaus geschaut, während drinnen das Gemüse im Ofen schmorte.

Alles in allem ein guter Tag.

Frühlingsfedern oder: Damals in Ottakring.

Im stürmischen Südföhn, der das Seeufer großzügig mit Frühlingsluft überschwemmt, kommt dem Dackelfräulein und mir ein Paar entgegen. Ein ungleiches Paar. Sie, um die 60, hat sich bei ihm, sehr jung, untergehakt. Die Federn an ihrem Damenhut vibrieren heftig im Wind. In inniger Vertrautheit aneinandergeschmiegt spazieren sie im Gleichschritt auf uns zu. Es kommt zur Begegnung, gar zum Gespräch – ausschließlich dem Charme des Hundes wegen, ich hätte lieber meine Ruhe gehabt.

Während ich den beiden interessiert Fragenden die üblichen Auskünfte erteile („nein, sie ist nicht mehr ganz jung, sondern schon 6“, „ja, sie liebt Wasser und es ist ihr nicht zu kalt“, „nein, sie ist kein Zwergdackel, sondern Normalschlag, ihr Vater war ein recht zierlicher, aber drahtiger Bursche“) und Pippa das neu gewonnene Publikum geschickt nutzt, um unter großem „Mei, schau!“ und „Herrje, wie reizend!“ mit einer aus dem Schilf stibitzten Feder im Schnabel eine regelrechte Zirkusnummer aufzuführen, habe ich plötzlich ein Déjà-vu. So ein Gespann hast du doch schon mal gesehen!, rumpelt es durch mein Bewusstsein.
Und flugs formiert sich’s zur konkreten Erinnerung: Die beiden vor mir, die sind gar kein Paar, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne – das sind Mutter und Sohn!

Wo war das noch? Genau!
Damals, im Ottakringer Frühling war’s.

Das Ritual aller frisch Getrennten stand mir bevor: meine paar, noch bei K. in Wien deponierten Habseligkeiten abzuholen. Ich wollte K. keinesfalls schon wiedersehen und bat daher seinen besten Freund C., er möge meine Sachen doch bei Gelegenheit an sich nehmen. C. erledigte das umgehend und bot an, ich könne, wenn ich demnächst zum Abholen der Dinge vorbeikäme, gern das Wochenende bei ihm verbringen, um die weite Strecke nicht am selben Tag hin und retour fahren zu müssen. Der Frühling hielte schließlich gerade Einzug in Wien und man könne ja gemeinsam auf den Kahlenberg wandern (und ich dürfe mich auch gern an seiner Schulter ausweinen, wenn mir danach sei).

Ich überlegte kurz, ob mir danach wäre und vor allem, ob ich so viel Wien jetzt schon wieder verkraften könnte, war mir irgendwie unsicher, entschloss mich dann aber, die Unternehmung als willkommene Ablenkung vom Trennungsschmerz und als gute Option für einen positiveren Abschied von der Stadt zu betrachten und nahm das Angebot dankend an.

Eine weise Entscheidung, da sich die Hinfahrt, was ich natürlich vorher nicht ahnen konnte, nicht in den üblichen drei Stunden bewältigen ließ, sondern fast sieben Stunden hinzog, da mir an einer Tankstelle bei Passau der Autoschlüssel im Schloss des kleinen, roten Fiestas abbrach und mich der grantige niederbayerische Tankwart nur sehr unwillig zum nächsten Ford-Händler kutschierte, damit ich einen Ersatzschlüssel anfertigen lassen konnte.

Spätnachmittags traf ich etwas gerädert von der Anreise bei C. in Ottakring ein.
C. war einer der höflichsten Männer, die ich je kennengelernt habe, quasi ein Kavalier alter Schule. Er erwartete mich bereits unten auf der Straße, hielt mir die Autotür auf, um mir aus dem Auto heraus und in den Mantel hinein zu helfen. Trug mein Gepäck nach oben in die – wie er mir im Stiegenhaus erläuterte – 240m² große Altbauwohnung.

Ich war noch nie zuvor bei C. daheim gewesen, staunte daher nicht schlecht über die schier unglaublichen Dimensionen seines studentischen Zuhauses.
Als er die Wohnungstür aufschloss und meinen Koffer auf den Dielenboden stellte, hörte ich ein Klappern aus einem der Räume. Vielleicht die Bedienerin? Das kannte ich schon von K.s Eltern, dass sich in Wien auch der Mittelstand gern diesen mindestens wöchentlichen Luxus im Alltag leistete.
Das Klappern schien näher zu kommen und kurz darauf stand es leibhaftig vor uns. Eine ältere, stark geschminkte Dame in wallendem Gewand, mit Federschmuck im hochgesteckten, silbrigen Haar. C. stellte sie mir als seine Mutter vor. Sie reichte mir ihre knochige, reich beringte Hand mit einem „Ich grüße Sie herzlich, wertes Fräulein Natascha!“, auch das war mir bereits von K.s Eltern vertraut (da wo i dahoam bin, da hatten Freunde der Kinder nicht mehr als ein schlichtes elterliches „Servus“ oder „Hallo“ zu erwarten).

Beim Abendessen erfuhr ich, dass C.s Mutter gar nicht zu Besuch war, wie ich zunächst angenommen hatte, sondern ebenfalls dort lebte und zwar bereits seit über 40 Jahren, und dass die Wohnung deshalb so riesig war, weil es sich eigentlich um zwei Wohnungen handelte, die vor langer Zeit zusammengelegt worden waren, weil C.s Mutter dort auch ihr Geschäft hatte. Sie führte dort jahrzehntelang eine Werkstatt für Kunstblumengestecke. Dass der Laden angeblich längst stillgelegt worden war, sah man dem hinteren Trakt der Altbauwohnung kaum an: drei große Räume mit eingestaubten Werkbänken, Schränken voller Werkzeug und deckenhohen Regalen bis zum Anschlag vollgestopft mit Schachteln, Boxen und Körben. Darin Kunstblumenteile, aus Seide, aus Plastik, aus Holz, aus Drahtgeflecht, eine unfassbare Vielfalt!, nebst zig Schubkästchen voller Federn, Perlen und Zierrat aller Art (und Abart) – mir fiel in einer Tour die Kinnlade herunter, während man mich durch die Räumlichkeiten führte.

Im kleinsten der Zimmer, das vielleicht 25m² maß, stand ein uraltes, riesiges Doppelbett mit besticktem, dunkelroten Überwurf – mein Gästebett fürs Wochenende, wie man mir mitteilte.
Umgeben von all dem Geblümel und der Patina längst verblichener Zeiten und Gewerke sollte ich dort schlafen, was mir zumindest in der ersten Nacht kaum gelingen wollte. Neben dem Bett hatte C. meine Sachen aus K.s Wohnung fein säuberlich aufgeschichtet. Obenauf ein Briefchen von K., das ebenfalls hervorragend als Schlafräuber taugte.

Am nächsten Morgen zog ich die schweren Samtvorhänge beiseite und blickte durch das milchig-schmutzige Sprossenfenster hinab auf die belebte Straße. Die Bim schob sich quietschend neben dem Samstagmorgenverkehr entlang, die Menschen hetzten bereits geschäftig durch die Gassen, ein paar Bäume hier und dort, die erstes Grün zeigten, unter dem Fenster ein Magnolienbaum in voller Blütenpracht. Frühling in Ottakring.

Ich zog mir etwas über, um nicht durch Nachtgewand und Barfüßigkeit meine Gastgeber zu verschrecken und schlich auf leisen Sohlen den langen, dunklen Flur Richtung Küche, in der Hoffnung auf einen Hauch Kaffeeduft und ein vielleicht schon im Entstehen begriffenes Frühstück. Stille empfing mich. Kein Kaffee, kein Croissant weit und breit. Das Knarzen des alten Bodens unter meinen Füßen das einzige Geräusch in der noch schlafenden Wohnung. Ich beschloss, mich ins Bad zu verkrümeln, fand den Weg nicht gleich, bog falsch ab und kam an einer geöffneten Flügeltür vorbei – die einzige Lichtquelle in dem düsteren Gang.

In dem Zimmer sah ich ein fast identisches Doppelbett wie das, in dem auch ich schlief, stehen, und als ich da so hinüberblickte, bemerkte ich, wie sich etwas in dem Bett regte und erkannte den silbrigen Schopf der Mutter. Sie drehte sich im Schlaf um. Aber was war das? In der anderen Betthälfte schien es auch einen kleinen Ruck unter der Decke zu geben!?! Und tatsächlich: Dort lag C., der Mutter den Rücken zugewandt, tief und fest schlafend.
Einer ausgiebige Dusche bot die Gelegenheit, diese frühmorgendlichen Impressionen aus dem 16. Bezirk erstmal sacken zu lassen, um das später folgende gemeinsame Frühstück ohne Entgleisungen in der Mimik antreten zu können.

Es war die seltsamste Mutter-Sohn-Symbiose und zugleich die abstruseste WG, in die mir je Einblick gewährt wurde. Und es war eines der erlebnisreichsten Wochenenden, die ich je in Wien verbracht habe. Mit einer Friedhofsbesichtigung (Ottakring), einer Wanderung (Kahlenberg), dem Abendessen in einem Ottakringer Beisl mit den schrägen Kommilitonen von C. (Indologie, Papyrologie und Epigraphik), der Präsentation von C.s beeindruckender Sammlung schwedischer Pornohefte aus den 70er Jahren (sehr züchtig, sehr blond, sehr haarig überhaupt), den Foxtrottübungen im Flur (C.s Mutter bat mich, ihren Sohn in der Linksdrehung zu unterrichten) und nicht zu vergessen den drei langen Frühstücken zusammen mit C.s Mutter in ihrem divenhaften, brokatenen Schlafrock (und mit flittergesprenkelten Seidenhyazinthen auf dem Frühstückstisch).

Zum Abschied schenkte sie mir ein Paar Ohrringe, die mir fast bis zum Schlüsselbein reichten und sich mit ihren pieksigen Federkielen übel in meinem Mantelkragen verhakten.

Es wird höchste Zeit, wieder einmal nach Wien zu reisen, denke ich.

Vielleicht schon im Frühling.

Mia san mia – aber wer bin i?

Schwerfällig schäle ich mich morgens aus dem Bett, um den Dreiteiler Morgengassi-Dusche-Frühstück zu bewältigen.

„Du kannst! So wolle nur!“
Der innere Schweinehund schlägt mit der Faust auf den Tisch und schubst mich wenig später erneut nach draußen.

Ein beinahe laues Frühlingslüftchen weht durch die Altstadt, fleecedeckenumwickelte Touris schlürfen beim Donisl überteuerten Kaffee und recken ihre puckbebrillten Bleichgesichter in die Münchner Morgensonne.
Das „Mia san mia“-Schaufenster beim Münzinger leuchtet noch in tiefroter Trunkenheit vom gestrigen Sieg und selbst beim Brezenkauf kann man diesem ach so variantenreichen Motto nicht mehr entrinnen.
Mia san einfach ois!

Sind aber auch mit die besten Brezen, wenn Sie mich fragen (vielleicht ja tatsächlich wegen ihrer Handgeflochtenheit?).
Für meinen Geschmack jedenfalls genau die richtige Menge Salz, der passende Bräunungsgrad und die ideale Teigbeschaffenheit im Inneren (was beispielsweise der Pfister wohl niemals hinbekommen wird.)

Nun mögen ja mia zwar mia sein (und die Brezen haben’s gut, die san sogar glei Munich!), aber wer zum Teufel bin eigentlich ich?

Habe heute die Kunsthalle besucht, nicht nur um der Verblödung Vereinseitigung durch die drei großen H’s vorzubeugen (Hund, Hatschen, Haushalt), sondern weil eines der großen Themen meiner Spätadoleszenz seit letzter Woche dort aufmarschiert ist. Der Faust. Hat mich damals fast zwei Jahre beschäftigt, bevor ich mich in die Lehr- und Wanderjahre begab.

„Man sehnt sich nach des Lebens Bächen
Ach! Nach des Lebens Quelle hin.“

Montags sprudeln die Quellen der Kunst dort zum halben Preis, und ist man zeitig dort, also bevor all die anderen Rentner/Erwerbsarbeitslosen/Selbständigen/Müßiggänger/Zeithabenden dort aufkreuzen, kann man das Ganze in relativer Ruhe durchwandern.

„Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit, ins Rollen der Begebenheit!“ (Buch-Raum).

„Ihr habt das Recht, gesittet pfui zu sagen.“ (Buch-Raum)

„Du entschuldige, i kenn‘ di doch ned“ (Überraschungen gab’s auch!)

„Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben.“ (Mephisto-Raum)

Der Hochgenuss schließlich auf einer ledernen Bank in Raummitte:
Ganz allein mit der Video-Installation, privatissime mit dem Brandauer, eine der Lieblingsstimmen meines Lebens, der ich einst Hunderte von Kilometern nachreiste, allein des Klanges wegen.

Da könnte man locker einen Vormittag einfach so versitzen, würden einen nicht andere Pflichten daran hindern!

„Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.“

Auch toll: die Gretchen-Räume.

Vor allem die Postkartenwand. Ist wohl mal ein richtiger Hype unter Liebenden gewesen, sich die zuzuschicken, gern versehen mit Geheimbotschaften. Heute schickt man eher ein paar vieldeutige Emojis und Akronyme hin und her oder Selfies in Sepia (damit’s nicht gar so fleischlich wirkt).

„Ich bin von je der Ordnung Freund gewesen.“ (Gretchen-Raum)

„Mit Frauen soll man sich nie unterstehn zu scherzen.“ (Gretchen-Raum)

„Er liebt mich. Liebt mich nicht. Liebt mich.“ (Gretchen-Flur)

Zum Schluss dann eine Prise Selbstreferentialität.
Tritt man nach allen Stationen und Rezeptionen der Tragödie nämlich wieder hinaus ins Licht der Flure, stellt einem die Ausstellung selbst eine Art Gretchenfrage:

„Wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdets nicht erjagen.“ (Am Ausgang)

Der zauselige Mann vor mir rollte sich ohne zu zögern beeindruckende zwei Meter gelbe Fäuste ab, die Ex-Oberstudienrätin an seiner Seite pappte sich kieksend ein rotes Herzerl ans Revers ihres grünen Lodenmantels.

Ich war unentschlossen und hab‘ mir dann mal 13 Stück gemischt mitgenommen, mit leichter Tendenz zu lila.

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen.“ (Technische Spielerei neben dem Café in der Kunsthalle).

Mein Tipp: Planen Sie am Schluss noch mindestens ein Viertelstündchen extra ein für das Fotoshooting. Allein die Menüführung und die Anweiseungen/Fragen auf dem Display machen Spaß:
„Einzelfoto?“/“Gruppenfoto?“
„Stellen Sie sich auf die Markierung!“ (Obacht: es wird von 7 runtergezählt, dann ausgelöst!)
„Schön?“ – „Ja!“/“Nein, wiederholen!“
„Dürfen wir dein Foto auf unsere Facebookseite stellen?“ – „Ja“/“Nein“
„Sollen wir dir dein Foto per Email senden?“ – „Ja“/“Nein“ (Bei „Ja“: großartige Riesentastatur folgt!)

Empfehlenswerte Sache, die Ausstellung.
Gerade zu Wochenbeginn und wenn man mit dem inneren Schwung noch ringt.

[Beinahe alle Zitate aus Goethes Faust. Wer tatsächlich die genaue Versnummer wissen will, der frage nach oder google.]

But hell a little touchup and a little paint. Zum 30. Dezember 2017.

Liebe H.,

ob Du zwischen Packerlauspacken und Partyvorbereitungen überhaupt Zeit hast, eine/n Geburtstags-Post zu lesen?!?
Vorsichthalber fasse ich mich mal eher kurz.

Ich freue mich, Dich in Bloghausen und schließlich auch im echten Leben getroffen zu haben – und danke Dir für Deine diesbezügliche Initiative!
Da hattest Du einen guten Riecher, denn wir passen ja recht passabel zusammen:

– laufen in den gleichen Asics durch die Wälder
– verwenden im Bad nahezu identisches Hygiene-Equipment
– haben beide in die Fußballwelt eingeheiratet
– sind früh an der Mutter-Front fürs Leben imprägniert worden…

…weshalb wir nun auf unsere Glücksportionen immer fest den Deckel draufschrauben, auf dass sie uns keiner stehle…

Münchner Glücksglas.

Paderborner Glückspott.

…und falls doch mal eine Pechsträhne herunterfällt auf die Lebenswege (oder hinaufwirbelt aus dem Ker_ker der Vergangenheit), stehen uns ähnliche, zuverlässige Gefährten treu zur Seite, die den Weg fix wieder freipusten.

Bayrischer Bläser.

Westfälische Wariante.

Für dein neues Lebensjahr wünsche ich Dir Glücksmomente nicht gläser-, sondern kübelweise, und dass Du so bleibst wie Du bist: kreativ, kradheraus und kroßherzig!

Als Begleitmusik für Deinen Jubeltag kommen hier ein paar Klänge aus dem unerschöpflichen springsteenschen Songarchiv, das ich für Dich geöffnet und nach einer annähernd malerischen Textzeile durchforstet habe (und mit etwas Mühe auch fündig wurde, auf die Grammatik solltest Du allerdings nicht zu genau achten, es geht da mehr so ums große Ganze).

So you been broken and you been hurt
Show me somebody who ain’t
Yeah I know I ain’t nobody’s bargain
But hell a little touchup and a little paint

You might need somethin‘ to hold on to
When all the answers they don’t amount too much
Somebody that you could just to talk to
And a little of that Human Touch

In diesem Sinne: möge Dir immer genug Lack und Farbe zum Experimentieren, Artifizieren und Retuschieren zur Verfügung stehen!

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und heute Abend eine tolle Feier, bei der Du’s krachen lässt – ganz gemäß Deines Mottos:

Impressionen aus dem Atelier von Frau H. aus P.

Das wünscht Dir
Deine Kraulquappe.

Song des Tages (9).

Warmmachen für den nächsten Beitrag.

Arbeitstitel: Was hat der Lago di Bonzo urlaubenden Hunde zu bieten?

Hurra – ein ganzes Ufer für mich allein!

In einem der saubersten Seen Bayerns plantschen, während sich Herrchen und Frauchen an der Wiesseer Skulpturen-Promenade von der Muse küssen lassen?

Nicht ganz wie Kopenhagens Kleine Meerjungfrau, aber mei!

Auf eine Chance hoffen, dem Ex-Captain des FC Bayerns das Leder abzujagen? Einen norddeutschen Pudelrüden aufreißen, der auf Besuch bei Frauchen im Medical Park ist?
Unter einem der schattigen Tische im Bräustüberl geduldig aushaaren, bis man ein Stück Bierbratl ergattert?

Aus der Serie „Dackelbadewannen“. Hier: Vor dem Tegernseer Bräustüberl.

Pippa besucht am Tegernsee in erster Linie ihren Opi. Der schießt zwar keinen Fußball mehr, bietet aber stets genug Schatten, Schutz und Schmankerl. Aber das taugt nicht wirklich als Tipp für andere Hundehalter.

Pippa und ihr „Opi“.

Mir wird schon noch was einfallen. Nächste Woche, nächster Anlauf.

War jedenfalls ein schöner Tag mit meinem Papa. Vorgezogener Vatertag quasi, da uns so eine Katastrophe wie 2016 nicht mehr passieren wird: Völkerwanderung zur Alm, 45 Min Anstehen für 2 Stück Kuchen, lauter besoffene Mountainbikevätertrupps um uns herum.

Abends dann nach 10 Jahren regelmäßiger Aufenthalte am Tegernsee zufällig festgestellt, dass es dort ein Freibad mit 50-Meter-Becken gibt. Wie konnte mir das entgehen? Blind vor lauter Vorurteilen („Das haben die bei dem Altersdurchschnitt eh nicht“)? Hätte man da nicht 1x in 10 Jahren wirklich gründlich recherchieren können? Unfassbar! Schönste Sportschwimmerbahnen, nix los, Wallbergblick beim Rückenschwimmen, ja toll!

Leider komme ich bislang weder einen Tag lang in Ruhe zum Arbeiten, noch ausreichend zum Fotografieren oder Nachdenken. Dafür hat mir der Handwerker, der hier gestern 7 Stunden geschuftet hat (unter anderem haben wir jetzt Licht!), am Ende des gemeinsamen Arbeitsmarathons die Hand gedrückt und gemeint, er nähme mich jederzeit als Assistenz mit. Denselben Satz habe ich doch schon vor 4 Wochen vom Schreiner gehört…?

Vielleicht wäre das ja eine Karriereoption. Am Ende des Tages zu sehen, was man geschafft hat – das hat schon was. Genug Bewegung hätte man dabei auch. Und abends den Kopf so leer, dass einem eh nicht mehr einfiele, was man sonst noch so wollte oder wollen könnte, wenn man nicht so dermaßen müde und geschafft wäre.

Erleuchtet und erschöpft grüßt
Die Kraulquappe (beinahe fertig mit dem Projekt „Umzug“).

Kvinnan med tax oder: Schwedische Hunde-Hysterie.

Eigentlich war das ein Tag, der es verdient hätte, einzig mit einer ehrfürchtigen und stillen Fotoserie gefeiert zu werden: Gut geschlafen, tolles Wetter, beste Stimmung zwischen Mensch und Hund, wunderbarer Ausflug auf eine traumhaft schöne Insel, Picknick in der Natur usw..

Sätze, die mit „eigentlich“ beginnen, schreien natürlich nach einem „aber“. Gleich kommt es, das ABER, ich versuche dennoch, mich damit so kurz zu fassen wie es geht (es wird eher nicht gehen) und den Fokus überwiegend auf das Erfreuliche zu richten.

Als wir am Vormittag in Hällevik eintrafen, hätte mir das Ortschild schon eine Warnung sein müssen, dass die Schweden, heidnisch verbrämt wie sie offenbar sind, nicht alle Tassen im Schrank haben. Stattdessen hielt ich erfreut an, schoss ein Foto von dem lustigen Schild …

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… und fuhr weiter Richtung Fischereihafen Hällevik.
Wieder einer dieser hübschen Orte an der Südküste, die nach Saisonende ganz der Natur und den Tieren zurückgegeben werden.

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Nur die Räucherei (hier hat man sich auf Aalfang spezialisiert) hat Museum und Verkaufsstube offen, was aber bloß Pippa interessiert, denn ich vertrage Fisch wegen des hohen Histamingehalts leider nicht so gut.

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Der Ort hat neben netten Häuschen auch einen kleinen Leuchtturm zu bieten …

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… wir können uns aber nicht allzu lange dort umsehen, weil wir noch 3km bis zum Fährhafen im benachbarten Nogersund zu laufen haben.

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Von hier aus legen die Fähren Kutter zur Insel Hanö ab. Die Insel Hanö wird von meinem alten Reiseführer-Freund Rasso in seinem Südschweden-Buch als „Perle der Ostsee“ bezeichnet und bislang konnte ich Rasso immer vertrauen.

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Pünktlich sind wir am Anleger, gehen an Bord und – jetzt kommen wir zu dem ABER! – werden, als wir uns in den einzigen für Fahrgäste gedachten Raum begeben wollen, von der Kapitänsgehilfin angeraunzt. Höflich entgegne ich auf Englisch, dass ich sie nicht verstehe, woraufhin sie mir, nun ebenfalls auf Englisch, erklärt, ich dürfe mit Hund dort nicht hinein.

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Ich frage, wieso. Sie zeigt auf ein Hund-in-rot-durchgestrichen-Schild über der Tür. Ich frage nochmal, wieso Hunde dort verboten seien. Sie murmelt was von „some passengers have allergies“. Ich frage, welche anderen Passagiere sie meine. Sie zeigt auf ein schwedisches Ehepaar, das hinter mir den Kutter betreten hat. Ich erkläre ihr, dass dieses Paar nichts gegen meinen Hund hat, da es ihn bereits am Hafen ausführlich gestreichelt hatte und sich sogar am Ohr abschlecken ließ. Die netten älteren Leute bestätigen das. Sie sind außer mir die einzigen Fahrgäste.

Die Kapitänsgehilfin beharrt auf dem Hundeverbot und ergänzt, dass auf Hanö ein kranker Mann mit Allergien lebe, der diesen Kutter auch benutzt. Zwar nicht heute, aber gelegentlich. Aha. Sie deutet mir an, ich könne mit Pippa aufs Außendeck gehen oder im Vorraum stehenbleiben. Ich fluche auf Deutsch, zunächst ein „Verdammt nochmal, dass ich nicht auf Englisch oder – noch besser – auf Schwedisch fluchen kann!“, dann „Scheiß-Schweden!“.

Die haben hier echt landesweit eine bekloppte Hunde-Hysterie. In kein Lokal, in kein Café, in kein Hotelrestaurant (manchmal nicht mal ins Hotel!) kommt man mit Hund rein, zumindest nicht ohne hartnäckige Verhandlungen, und wenn es dann klappt, dann landet man an einem Katzentisch im hinterletzten Eck (und mal ehrlich: mit einem Hund am Katzentisch, das schlägt dem Fass doch den Boden aus!).

Dann klemme ich mir schnaubend meinen kleinen Hund unter den Arm und stapfe die Treppe zum Außendeck hoch.

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Da hocken wir nun. Auf den Stufen, nah an der Reling. Der Kutter startet. Die 30 Minuten nach Hanö sind ein Abenteuer, denn es hat so krassen Seegang, dass die Gischt aufs Deck spritzt, der Kutter schaukelt wie wild, der Wind pfeift uns um die Ohren, die Motoren dröhnen, der Diesel stinkt. Ich kann mich auf den Stufen sitzend nicht anlehnen, Pippa ist das Ganze nicht geheuer und als die beruhigende Hand nicht mehr hilft…

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… muss ich sie auf den Schoß nehmen und festhalten, was mir nach 20 Minuten schief sitzen und Wackelausgleichsversuchen üble Rückenschmerzen beschert.

Kurz vor Hanö kommt die Kapitänsgehilfin aufs Außendeck geschwankt und will das Geld für den Fahrschein kassieren. 68 Kronen für die Hin- und Rückfahrt, toller Nachsaisonpreis zwar, aber ich sag‘ ihr, dass ich das nicht voll bezahlen werde, weil ich hier oben nicht den vollen Komfort hatte. Ehrlich gesagt: ich hatte gar keinen. Es geht nochmal eine Weile hin und her, schließlich zahle ich den halben Preis für diese genussreduzierte „Vuxen rundtur“ durch das Gewässer im Land des Hexenkults.

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Genug gemotzt. Schweden hat großes Glück, dass es mir sonst so gut gefällt, dass ich auch weitere Male hierher reisen werde, aber in Sachen Hundefreundlichkeit kann man dem ganzen Land nur eine intensive Verhaltenstherapie verordnen (inklusive Aufklärungsarbeit über Gesundheitsrisiken durch Kontakt mit Hunden).

Die Stunden auf Hanö entschädigten mich allerdings für den Ärger bei der Überfahrt mehr als reichlich.

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Der Hafen von Hanö.

 

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Auf dem Weg durch den winzigen Ort.

 

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Herbst auf Hanö. Fußballsaison für Pippa.

 

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Auf dem Weg zum Fyren, dem höchstgelegenen Leuchtturm der Ostsee.

 

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Auf 74 Meter Höhe: Der Hanö Fyn.

 

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Eine Skulptur auf dem Weg zum Englischen Soldatenfriedhof.

 

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Achso, das ist gar nicht Kunst, sondern eine David-Bowie-Gedenkstätte!

 

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Der Engelska kyrkogarden. Viele Soldaten waren’s ja nicht.

 

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Wanderung bis an die Nordspitze der Insel, zur Landzunge Brönsäcken, die von Wind und Wellen ständig umgeformt wird.

 

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Zurück zum Hafen an der Westküste entlang.

 

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Ohne Worte.

Nach 3 Stunden sind wir geschafft wieder am Hafen und nehmen den Nachmittagskutter zurück nach Nogersund. Die Kapitänsgehilfin knurrt kurz, als wir das Boot betreten, sie sagt was zum Kapitän, und rechnet nicht damit, dass ich einen kleinen Satzfetzen verstehe, weil ich den nun schon öfter gehört habe, im Café, im Hotel, im Klostergarten: „(…) kvinnan med tax (…)“.

Genau, das bin ich! Kvinnan med tax. Die Frau mit dem Dackel.
Wir knurren zurück, trollen uns aufs Außendeck, lassen uns zurückschunkeln und von den ollen Hundehysterikern auf keinen Fall unser schönes Leben vermiesen.

Einen guten Abend wünscht
Die Kraulquappe, vom Winde verweht.

Postskriptum.
Gerade trifft eine Email vom Gatten aus der fernen Heimat ein, die einen Absatz enthält, den ich gleich in diesen Beitrag einfügen und auch beantworten möchte.
Der Gatte schreibt, wie immer anteilnehmend und interessiert an meinem Schicksal, folgende Worte:

"(...) Die Insel sieht wirklich nett aus. 
Hab sogar auf Wikipedia nachgelesen und zu meinem Entsetzen festgestellt, 
dass es im Ort einen krassen Bevölkerungsschwund gibt: 
Im Jahr 2000 gab es 39 Einwohner, 2008 aber nur noch 33!!! 
Aktueller ist Wikipedia nicht, aber wenn das kontinuierlich so weitergegangen ist, 
dann waren es heute, 26.09.2016, nur noch 27! Hast du die alle getroffen?(...)"

Lieber Gatte,
Wikipedia ist wirklich gar nicht mehr auf dem Laufenden. Ich hatte heute, am Nachmittag des 26.09.2016, nur noch das Vergnügen, 8 Einwohner der Insel Hanö zu treffen! In zwei Häusern in Hafennähe sah es zudem so aus, als säßen jeweils Rentner beim Apfelschälen in der Küche. Also lass es 10 sein. Falls der Kapitän und seine Gehilfin auch noch dazugehören, was ich aufgrund der miesen Stimmung zwischen der Besatzung und mir nicht klären konnte, sind es maximal 12.
Wenn es, wie du korrekt berechnet hast, weiterhin alle 8 Jahre zu einer Schrumpfung um 6 Einwohner kommt, ist Hanö im September 2032 leer. Das wär‘ doch dann was für uns! Sind wir da schon in Rente?
Ich vermutlich schon, denn ich rentiere ja jetzt schon vor mich hin, aber wie steht’s mit dir? Naja, zur Not nimmst du mal ein Sabbatical oder drei Forschungssemester am Stück.
Wobei ich zu bedenken gebe, dass Rasso in seinem Reiseführer schreibt: „Seit 1956 leben Damhirsche auf Hanö, zunächst 5, heute geschätzte 100 bis 200 Tiere.“ Nicht auszudenken, wie viele es sein mögen, bis die Insel menschenfrei ist. Das gäbe dann ein Problem mit unserem Hund. Heute konnten wir die Hirsche noch in die Flucht schlagen, aber wie viele Hunde müssen wir mitnehmen, um die riesige Population 2032 noch in Schach halten zu können? Rechnest du das bitte mal aus?
Ich wünsch‘ dir einen schönen Abend und küsse dich!

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Vor kvinnan med tax flüchtender Hirsch auf Hanö.