Grazer Grandezza in Wien.

Well, she drew out some money from the Southern Trust
And put her little backpack on a public bus
Leaving Munich with a pipe dream in her hand
And a cheap return ticket to an eastern land

(frei nach Bruce Springsteens „Johnny Bye-Bye“)

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Und plötzlich fiel mir Winckelmann ein.

Winckelmann! Hätte mir nie träumen lassen, dass mir der mal gegen 23 Uhr in einer verqualmten Bar einfallen würde.

Sie wissen schon, der, der einst das Begriffspaar von der „edlen Einfalt“ und der „stillen Größe“ prägte, das die Genossen der Weimarer Klassik später eifrig rezipierten.

Die musikalische Darbietung, die in diesem Moment vor meinen Augen (und vor allem in meinen Ohren) stattfand, strahlte exakt das aus: edle Einfalt und stille Größe. Und Erhabenheit.

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Hello again, Vienna!

Langsam findet der Tag sein Ende…

…und die Nacht beginnt!

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Wien, 1. Bezirk, am Samstag, den 12. Oktober.
Ein milder, sonniger Herbsttag legt sich schlafen. Die Nacht erwacht langsam zum Leben, blickt unternehmungslustig auf die dunkle Stadt hinab und überlegt, was sie anstellen und wen sie in ihren Bann ziehen könnte.

Ein verheißungsvolles Flüstern weht durch die Weihburggasse – show a little faith, there’s magic in the night! – und es weist uns den Weg zu einer gemütlichen Bar, und dort an einen Tisch in vorderster Front vor der kleinen Bühne, die gar keine richtige Bühne ist, sondern einfach ein „Künstler-Eckerl“: ein Barhocker, etwas technisches Equipment, ein paar Instrumente – that’s all.

Neben mir: Sori, überzeugte Wahl-Wienerin und meine Blogfreundin und Musikgefährtin.
Vor uns: zwei köstliche Schnaitl-Halbe und – was weit besser ist als jedes Bier – Matthias Forenbacher.

Falls Sie Winckelmann nicht kennen, dann ist das ja so grad noch verzeihlich, aber den aus Graz stammenden Forenbacher, den sollten Sie wirklich kennen. Tun Sie vielleicht auch, wenn Sie diesen Blog schon länger lesen oder Musik eine Ihrer Leidenschaften ist.

Auf ein oberösterreichisches Bier im Front-of-stage-Bereich…

…während der Musiker sich am Tresen seine Setlist zusammenbastelt.

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Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann mich zuletzt eine musikalische Neuentdeckung derart umgehauen hat.

Es war Anfang Mai dieses Jahres, es war ein Frühlingsabend, ich saß am PC, recherchierte etwas lustlos für einen zu schreibenden Artikel und durchstöberte zwischendrin die paar Blogs, die ich abonniert habe.

Auf Soris Blog war mal wieder ein Konzertbericht erschienen, sie ist bei einem Auftritt von einem Herrn Forenbacher gewesen und erzählte davon. Aha. Nie gehört. Viele der Künstler, über die sie berichtet, kenne ich nicht, also war ich wenig verwundert, dass mir auch dieser Name nichts sagte.

Neugierig las ich den Beitrag. Das klang ja grandios, was da stand, und für den restlichen Abend war ich nicht mehr damit beschäftigt, das Netz nach der Historie der Klöster und den besten Wanderwegen im Fünfseenland abzugrasen, sondern nach allen irgendwie auffindbaren Songs von diesem Matthias Forenbacher (der bedauerlicherweise erst seit Kurzem im Hauptberuf Musiker ist).
Postwendend kamen dann die ersten beiden CDs aus Wien (danke auch hierfür, Sori!), die dritte besorgte ich mir selbst, und für Wochen lief daheim und im Auto fast nichts anderes mehr.

Denn wenn mich mal was am Wickel hat – und zwar so richtig am Wickel! – dann ist das erstmal eine ziemlich ausschließliche Sache. Völlig wurscht, ob es sich dabei um Orte, Berge, Seen, Texte, Bilder, Gefühle, Atmosphären, Essen, Trinken oder eben um Musik handelt: ich werde vorübergehend zum Junkie, verliere beim Konsumieren des „Stoffs“ jedes Maß und manchmal beinahe den Blick für anderes.

Meist endet dieser suchtartige Zustand recht abrupt (bei Genussmitteln oder Gefühlen), manchmal hält er auch für Monate oder Jahre an. Und in seltenen Fällen ist es sogar, wie man so sagt: was fürs Leben. Wie mit dem Wettersteingebirge, mit Lenggries, mit dem Maisinger See, dem Lieblingsschwimmbad, der Gänsehaut auf dem Rücken, dem Pistazieneis und der Musik von Springsteen, Dylan und Waits.

Als ich zum ersten Mal „Walden Pond“ hörte, hatte ich sofort dieses Gefühl: das hier, das hat das Zeug dazu, in die letztgenannte Kategorie aufgenommen zu werden. Und als dann sukzessive mehr von dem „Stoff“ in meine Ohren drang („Why“, „Self-loading gun„, „Escape for a while“ – um nur ein paar weitere Songs zu nennen, die ich zum Niederknien schön finde), legte ich die in etwa zeitgleich zu meiner steirischen Neuentdeckung erschienene Springsteen-CD „Western Stars“ beiseite und auch die frisch erschienene „Reckless & Me“ vom Kiefer verschwand irgendwo im Regal.

Das alles war erstmal unerheblich geworden, die neuen Scheiben könnte man ja immer noch hören, wenn man demnächst die weite Strecke nach Gotland führe und dabei ja beim besten Willen nicht tagelang nur die drei Forenbacher-Alben in Endlosschleife hören könnte, zumal auf der Öresundbrücke Springsteens „Across the border“ Pflicht ist und manch anderes ja auch schon gewissermaßen Tradition hat bei diesen einsamen Fahrten quer durch Schweden („Mansion on the hill“, „Janey don’t you lose heart“, „Fade away“).

Zu „Western Stars“ kam’s allerdings während der gesamten Reisewochen kaum, und auch Mr. Sutherland fristete in Schweden eher ein Schattendasein.

Umso häufiger griff ich auf der langen Reise zu Forenbachers Songs: man muss das ja unbedingt mal ausprobieren, wie sich diese neue Musik beim Unterwegssein anfühlt, man kennt einander ja erst so kurz und war noch nie zusammen auf Reisen! Man muss das testen, ob und wie sich diese Songs in einem entfalten, wenn man währenddessen an der rauen Küste entlangfährt oder durch wilde Raukarlandschaften oder abends beim Feierabendbier über die Zinnen von Visby guckt.

Der „Cradle Song“ war zum Beispiel der perfekte Begleiter zum morgendlichen Lauf am Meer („…inside is heaven and outside there is joy“), wohingegen „Totally blind“ eher was fürs Dahingrooven auf den Serpentinensträßchen im Süden Gotlands war („and in the streets of a little village with wind and rain and fainting lights…“ – rein aus Platzgründen kann leider nicht die ganze Strophe zitiert werden, obwohl sie’s verdient hätte), „Walden Pond“ geradezu ideal zur Abendstimmung in meiner kleinen, dunklen Holzhütte an der Stadtmauer von Visby passte („you’d like to speak, it’s strange but you just can’t„) und das wunderbar seelenvolle Cover von „I’m a believer“ den einen oder anderen Erinnerungs- und Gedenkmoment an was oder wen auch immer absolut adäquat zu untermalen verstand („what’s the use in tryin‘? all you get is just pain! when I needed sunshine I got rain…“).

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Auf diese Art und Weise gestalten sich bei mir üblicherweise nur jene Anfänge, denen das Potenzial zu mehr innewohnt, und da sich diese neue Story bislang Monat um Monat und Kapitel um Kapitel in ungebrochener Begeisterung fortschreibt, wage ich die Prognose, dass sie sich bald auf Augenhöhe befinden könnte mit der Aussicht, die man auf der Meilerhütte hat.

Sie erinnern sich? Dieser vor Pathos und Ergriffenheit nur so triefende Bericht von meiner Hochsommertour? Als ich mich vor lauter Erhabenheitsgefühl dort oben kaum noch einkriegen konnte?

Womit wir quasi wieder bei Winckelmann wären. Und bei der „edlen Einfalt“ und der „stillen Größe“.

Erstere zeigt sich für mich in der puristischen Ästhetik dieser Songs, in den schörkellosen Skizzen, die sie zeichnen, plus der Prise dylanscher Poesie, die sie umweht.

Die feindosierte, melancholische Intensität Springsteenscher darkness sowie die fragile, ansatzweise monotone, aber stets eindringliche Energie, wie man sie aus etlichen Waits-Songs kennt, macht hingegen ihre „stille Größe“ aus.

Neben all den Vergleichen (Dylan-Springsteen-Waits), denen, so schmeichelhaft und zutreffend sie auch sein mögen, ja immer etwas Schablonenhaftes anhaftet (keiner möchte Imitat oder Nachfolger sein, sondern Individuum und Original), muss man sagen: was wir hier hören, ist auch nicht die Kunst von einem, der angetreten ist, um dem Boss auf einer Stone-Pony-Kopie hinterherzugaloppieren oder den wortreichen Balladen eines Literaturnobelpreisträgers nachzueifern.

Matthias Forenbachers Musik ist ein ganz eigenes und gekonntes (weil so behutsames und unaufdringliches) Changieren zwischen den Welten – der realen wie der fiktiven: mal berichtet ein Reisender, mal ein Verlorener, mal ein Rastloser, ein Staunender, ein Verzweifelter, ein Beobachtender, ein Hoffender, Liebender oder Fragender (und ab und an spricht das Instrumentale auch einfach nur für bzw. zu sich selbst), aber nie erzählt hier ein Angekommener, Saturierter oder Selbstzufriedener seinen Zuhörern fertige, abgeschlossene Stories.

Die Lyrics lassen per se (mindestens aber zwischen den Zeilen) genug Platz für ein individuelles Weiterspinnen und Kolorieren der Klang- und Wortbilder, das ganz der persönlichen Imagination folgen kann. Zugleich sind Forenbachers Kompositionen mehr als nur Gerüst oder Geländer für eigene Fantasien und innere Dialoge: Manche der Fragen, die sich beim Zuhören auftut, verdampft in der Präsenz und Atmosphäre dieser Geschichten, die einem durchs bloße Hinhören und Draufeinlassen lesbar werden, auch ins Nichtausgeführte hinein.

Umso schöner, wenn sich all diese Wahrnehmungen dann mit dem ersten Live-Eindruck decken. Wenn sich kein Riss auftut zwischen Studio-Alben hier und Person/Performance dort.

You got this guitar and you learned how to make it talk (and taught her to tell your stories in such a haunting voice).

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Ein rundum authentischer, persönlicher, nahbarer Auftritt und Abend war das, der noch lange in mir nachhallen wird und für den es sich absolut gelohnt hat, 900 km Zugfahrt binnen 23 Stunden und etwas Schnaitlschädelweh auf mich zu nehmen.

Möge auch diese Geschichte, die ich hier nun zu erzählen begonnen habe, unbedingt unfertig bleiben, und mögen sich noch oft Gelegenheit, Zeit und Raum finden, um ihr weitere Kapitel in Form von Songs, Konzerten und Gesprächen hinzuzufügen.

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Danke an den Gatten, dass er – kaum von seiner Dienstreise heimgekehrt – gestern den Mantrailing-Schnupperkurs übernommen hat, anschließend abends daheim nicht nur ein, sondern gleich zwei Dackelfräuleins gehütet hat, weil’s dem Nachbarn schon so zugesagt war, und mir dadurch diesen fünfzehnstündigen Spontanbesuch in Wien ermöglicht hat.

Danke, Wien, für die laue Herbstnacht.
Danke, Sori, für den herrlichen gemeinsamen Abend.

Und danke, Matthias, für deine wunderschöne Musik und Stimme.

Dachshund-Overkill.

Gestern – an Tag 3 von 4 in Passau – also ins Dackelmuseum.

Puh. Was man nicht alles sammeln kann!

Sagen wir’s mal so: Wenigstens schön kühl da drin & in dem Dreiviertelstündchen ganz allein im Museum, keine quietschenden Amerikaner oder andere „Mei wie süß“-Verrückte weit und breit.

Pippa sank sofort zwischen zwei Vitrinen zu Boden und in einen Erschöpfungsschlaf, optisch fügte sie sich nahtlos zwischen die Exponate ein und wirkte fast wie ein Bestandteil der Ausstellung.

Nun ja, einmal im Leben kann man da schon gewesen sein. Das eine oder andere Stück entlockte uns durchaus ein kleines Schmunzeln, das Fräulein bekam zum Abschied ein Eis geschenkt…

…und wurde, wie jeder Dackel, der höchstselbst die Ausstellung besucht hat, von der Aufsicht fürs Museums-Album auf Facebook abgelichtet:

https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=392831281589825&id=201096964096592

Zur visuellen Entkitschung und allgemeinen Erdung dann den heutigen letzten Tag der Exkursion in der niederbayerischen Provinz im Ilztal verbracht.

Tolle Flusswanderung mit Zufallsbesuch eines lost place. Sie erinnern sich an den Armbrust-Dreifach-Mord in einem Passauer Gasthof, neulich im Mai? Schöner Biergarten draußen, aber drinnen wirklich ein Interieur zum Abtreten.

Morgen mehr dazu. Schlafen Sie gut!

Voll schön, dass es dich gibt.

My hometown ❤

10 Dinge, die ich in 5 Jahren Bloggen gelernt habe.

WordPress gratuliert mir morgens um kurz vor 4 zum 5-jährigen Jubiläum. Zeit für ein kleines Resümee.

1. Die Blogosphäre: Eine unendliche Spielwiese für Identitätsentwürfe aller Art und Unart. Ein Blick durchs Schlüsselloch in die Reinräume diverser Selbsttherapien und in die Verliese vermeintlich Austherapierter – ein weites Feld und noch mehr, das alles.

2. Zwischen bloggender Kunstfigur und realer Person hinter Text/Bild unterscheiden zu können, ist gleichfalls Kunst. Eine, die ich mangels diesbezüglicher Phantasie oft nur ungenügend beherrsche.

3. Es gibt Blogger, die unter lautstarkem Vorgeben von Authentizität schreibenderweise eine komplette Biographie erfinden. Um sich dann ganz authentisch darüber zu freuen, wenn andere das lesenderweise für bare Münze nehmen.

4. Man kann überall Freunde finden. Auch in der World of WordPress.

5. Beim Bloggen über Fußball hört der Spaß auf. Bei bestimmten Vereinen sowieso.

6. Worte verbinden nur dort, wo Wellenlängen übereinstimmen. Da hatte Max Frisch schon recht.

7. Dass jemand Follower wird, heißt noch lange nicht, dass derjenige dir folgt (im Wortsinne) oder dem, was du schreibst, folgen kann (im Hirn- oder Humorsinne). Und es heißt erst recht nicht, dass er deinen Blog aufmerksam oder überhaupt verfolgt.

8. Ein Like bedeutet manchmal weder, dass der Liker deinen Beitrag gelesen hat, noch, dass er ihm gefällt. Manchen rutscht einfach nur die Maus oder der Finger aus.

9. Ein Dackelfoto (be)wirkt mehr als 1000 Worte. Diese Erkenntnis sollte womöglich ernster genommen werden (doch besser zu Instagram auswandern?).

10. Mehrere Fotos von zwei Dackeln (wie gestern) – und die Aufrufzahlen gehen durch die Decke (ich bin noch nicht im Stande, „viral“ korrekt in einen anständigen Satz einzubauen, daher die altmodische „Decke“, aber immerhin eine im Altbau). Das gibt mir ziemlich zu denken.

Gedacht durch meine Augen.

Gestern war ein guter Tag.

Was nach der viel zu kurzen Nacht, ein paar gesundheitlichen Querelen und dem morgendlichen Ärger mit der per Post zugestellten Anonymverfügung der Magistratsabteilung 67 der Stadt Wien ja erstmal nicht zu erwarten war.

Dann aber pünktlich und wie geplant vom Schreibtisch an die südlicheren Wirkungsstätten geflüchtet. Dort eine letzte Exkursion zu Recherche- und Fotozwecken.
Nach dem Part am See sogar mit Begleitung von B. (einem ganz realen B., nicht dem aus den Träumen), der sich den Nachmittag freigenommen hatte, um nach seinem mittäglichen Pneumologentermin etwas durchzuatmen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenn B. mal wieder mit seiner Lunge kämpft, dann haben wir ein recht angenehmes gemeinsames Tempo, sonst ist er nämlich trotz seines Altersvorsprungs von 13 Jahren so beieinander wie ich es vielleicht vor 13 Jahren mal war.
Wie sich doch mit dem Älterwerden manche Differenzen nivellieren.

Ein guter Tag war es, weil die Mücken fernblieben, die Wege menschenleer waren, im Forsthaus mit See- und Alpenblick der schönste Platz in der Sonne frei war, die spontane Essenseinladung sehr gelegen kam, einem niemand den letzten Rhabarberstreuselkuchen vor der Nase wegfraß, neben der Knipserei und Lauferei noch genug Zeit und Ruhe für Gespräche blieb.
Zum Abschluss ein bisschen Kunst und Architektur, ein wunderschöner Abendhimmel am Seeufer und auf der gesamten Heimfahrt die Fenster offen, den Wind in den Haaren, den Bruce im CD-Player und auf der Rückbank ein zufrieden schlummerndes Hundefräulein.

Machen Sie doch mal Urlaub in Oberbayern!
Ich führ‘ Sie gern mal einen Nachmittag lang herum, zum Bloggerbuddy-Bonus-Preis (= Sprit, Streuselkuchen, Schneider Weiße).

Museum der Phantasie.

Finde den Dackel!

Sind es zwei, die sich erlesen, dass man sie als eines kennt?

Ein gutes Ziel, so kurz vor dem kalendarischen Altern.

Noch ein Schnapp-Schuss.

Ein paar werden die Zahlenmystik entdecken und mich verstehen.

Ita est. Amen.

Für ’n Appel und ’n Ei.

München halt: Mir ham’s ja.
Hoffentlich stellen’s das Trum ned neben die Bavaria.

Song des Tages (28).

Nachts unterhalb der Bavaria getroffen:

Einen echten Schneehasen (lepus timidus verus).

Was nur das „timidus“ im Namen soll? Mit einer Größe von fast 2 Metern wirkte er so völlig unerschrocken…

(Muss ich gleich an eine uralte Kassette denken. Jefferson Airplane – White rabbit. Eine gruselige Aufnahme von einem Freund: drei Minuten lang einfach das Mikro seines Kassettenrecorders vor den Lautsprecher seines Plattenspielers gehalten, im Hintergrund pfiff der Kanarienvogel – oder war’s seine bekiffte Schwester?)

When logic and proportion have fallen sloppy dead
And the white knight is talking backward
And the red queen, she’s off with her head
Remember what the dormouse said
Feed your head, feed your head, feed your head!

Erholung.

Schreibtischarbeit und Einkäufe erledigt, Schwimmen gewesen, an der Isar entlangspaziert, die Sonne und einen Kaffee genossen, auf dem Rückweg am Wertstoffhof vorbei, dort beim Kistenheben das Daumengelenk verrenkt. Später am Tag auf einer Parkbank dem fernen Donnergrollen gelauscht und einfach mal ein Weilchen geradeaus geschaut, während drinnen das Gemüse im Ofen schmorte.

Alles in allem ein guter Tag.

Frühlingsfedern oder: Damals in Ottakring.

Im stürmischen Südföhn, der das Seeufer großzügig mit Frühlingsluft überschwemmt, kommt dem Dackelfräulein und mir ein Paar entgegen. Ein ungleiches Paar. Sie, um die 60, hat sich bei ihm, sehr jung, untergehakt. Die Federn an ihrem Damenhut vibrieren heftig im Wind. In inniger Vertrautheit aneinandergeschmiegt spazieren sie im Gleichschritt auf uns zu. Es kommt zur Begegnung, gar zum Gespräch – ausschließlich dem Charme des Hundes wegen, ich hätte lieber meine Ruhe gehabt.

Während ich den beiden interessiert Fragenden die üblichen Auskünfte erteile („nein, sie ist nicht mehr ganz jung, sondern schon 6“, „ja, sie liebt Wasser und es ist ihr nicht zu kalt“, „nein, sie ist kein Zwergdackel, sondern Normalschlag, ihr Vater war ein recht zierlicher, aber drahtiger Bursche“) und Pippa das neu gewonnene Publikum geschickt nutzt, um unter großem „Mei, schau!“ und „Herrje, wie reizend!“ mit einer aus dem Schilf stibitzten Feder im Schnabel eine regelrechte Zirkusnummer aufzuführen, habe ich plötzlich ein Déjà-vu. So ein Gespann hast du doch schon mal gesehen!, rumpelt es durch mein Bewusstsein.
Und flugs formiert sich’s zur konkreten Erinnerung: Die beiden vor mir, die sind gar kein Paar, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne – das sind Mutter und Sohn!

Wo war das noch? Genau!
Damals, im Ottakringer Frühling war’s.

Das Ritual aller frisch Getrennten stand mir bevor: meine paar, noch bei K. in Wien deponierten Habseligkeiten abzuholen. Ich wollte K. keinesfalls schon wiedersehen und bat daher seinen besten Freund C., er möge meine Sachen doch bei Gelegenheit an sich nehmen. C. erledigte das umgehend und bot an, ich könne, wenn ich demnächst zum Abholen der Dinge vorbeikäme, gern das Wochenende bei ihm verbringen, um die weite Strecke nicht am selben Tag hin und retour fahren zu müssen. Der Frühling hielte schließlich gerade Einzug in Wien und man könne ja gemeinsam auf den Kahlenberg wandern (und ich dürfe mich auch gern an seiner Schulter ausweinen, wenn mir danach sei).

Ich überlegte kurz, ob mir danach wäre und vor allem, ob ich so viel Wien jetzt schon wieder verkraften könnte, war mir irgendwie unsicher, entschloss mich dann aber, die Unternehmung als willkommene Ablenkung vom Trennungsschmerz und als gute Option für einen positiveren Abschied von der Stadt zu betrachten und nahm das Angebot dankend an.

Eine weise Entscheidung, da sich die Hinfahrt, was ich natürlich vorher nicht ahnen konnte, nicht in den üblichen drei Stunden bewältigen ließ, sondern fast sieben Stunden hinzog, da mir an einer Tankstelle bei Passau der Autoschlüssel im Schloss des kleinen, roten Fiestas abbrach und mich der grantige niederbayerische Tankwart nur sehr unwillig zum nächsten Ford-Händler kutschierte, damit ich einen Ersatzschlüssel anfertigen lassen konnte.

Spätnachmittags traf ich etwas gerädert von der Anreise bei C. in Ottakring ein.
C. war einer der höflichsten Männer, die ich je kennengelernt habe, quasi ein Kavalier alter Schule. Er erwartete mich bereits unten auf der Straße, hielt mir die Autotür auf, um mir aus dem Auto heraus und in den Mantel hinein zu helfen. Trug mein Gepäck nach oben in die – wie er mir im Stiegenhaus erläuterte – 240m² große Altbauwohnung.

Ich war noch nie zuvor bei C. daheim gewesen, staunte daher nicht schlecht über die schier unglaublichen Dimensionen seines studentischen Zuhauses.
Als er die Wohnungstür aufschloss und meinen Koffer auf den Dielenboden stellte, hörte ich ein Klappern aus einem der Räume. Vielleicht die Bedienerin? Das kannte ich schon von K.s Eltern, dass sich in Wien auch der Mittelstand gern diesen mindestens wöchentlichen Luxus im Alltag leistete.
Das Klappern schien näher zu kommen und kurz darauf stand es leibhaftig vor uns. Eine ältere, stark geschminkte Dame in wallendem Gewand, mit Federschmuck im hochgesteckten, silbrigen Haar. C. stellte sie mir als seine Mutter vor. Sie reichte mir ihre knochige, reich beringte Hand mit einem „Ich grüße Sie herzlich, wertes Fräulein Natascha!“, auch das war mir bereits von K.s Eltern vertraut (da wo i dahoam bin, da hatten Freunde der Kinder nicht mehr als ein schlichtes elterliches „Servus“ oder „Hallo“ zu erwarten).

Beim Abendessen erfuhr ich, dass C.s Mutter gar nicht zu Besuch war, wie ich zunächst angenommen hatte, sondern ebenfalls dort lebte und zwar bereits seit über 40 Jahren, und dass die Wohnung deshalb so riesig war, weil es sich eigentlich um zwei Wohnungen handelte, die vor langer Zeit zusammengelegt worden waren, weil C.s Mutter dort auch ihr Geschäft hatte. Sie führte dort jahrzehntelang eine Werkstatt für Kunstblumengestecke. Dass der Laden angeblich längst stillgelegt worden war, sah man dem hinteren Trakt der Altbauwohnung kaum an: drei große Räume mit eingestaubten Werkbänken, Schränken voller Werkzeug und deckenhohen Regalen bis zum Anschlag vollgestopft mit Schachteln, Boxen und Körben. Darin Kunstblumenteile, aus Seide, aus Plastik, aus Holz, aus Drahtgeflecht, eine unfassbare Vielfalt!, nebst zig Schubkästchen voller Federn, Perlen und Zierrat aller Art (und Abart) – mir fiel in einer Tour die Kinnlade herunter, während man mich durch die Räumlichkeiten führte.

Im kleinsten der Zimmer, das vielleicht 25m² maß, stand ein uraltes, riesiges Doppelbett mit besticktem, dunkelroten Überwurf – mein Gästebett fürs Wochenende, wie man mir mitteilte.
Umgeben von all dem Geblümel und der Patina längst verblichener Zeiten und Gewerke sollte ich dort schlafen, was mir zumindest in der ersten Nacht kaum gelingen wollte. Neben dem Bett hatte C. meine Sachen aus K.s Wohnung fein säuberlich aufgeschichtet. Obenauf ein Briefchen von K., das ebenfalls hervorragend als Schlafräuber taugte.

Am nächsten Morgen zog ich die schweren Samtvorhänge beiseite und blickte durch das milchig-schmutzige Sprossenfenster hinab auf die belebte Straße. Die Bim schob sich quietschend neben dem Samstagmorgenverkehr entlang, die Menschen hetzten bereits geschäftig durch die Gassen, ein paar Bäume hier und dort, die erstes Grün zeigten, unter dem Fenster ein Magnolienbaum in voller Blütenpracht. Frühling in Ottakring.

Ich zog mir etwas über, um nicht durch Nachtgewand und Barfüßigkeit meine Gastgeber zu verschrecken und schlich auf leisen Sohlen den langen, dunklen Flur Richtung Küche, in der Hoffnung auf einen Hauch Kaffeeduft und ein vielleicht schon im Entstehen begriffenes Frühstück. Stille empfing mich. Kein Kaffee, kein Croissant weit und breit. Das Knarzen des alten Bodens unter meinen Füßen das einzige Geräusch in der noch schlafenden Wohnung. Ich beschloss, mich ins Bad zu verkrümeln, fand den Weg nicht gleich, bog falsch ab und kam an einer geöffneten Flügeltür vorbei – die einzige Lichtquelle in dem düsteren Gang.

In dem Zimmer sah ich ein fast identisches Doppelbett wie das, in dem auch ich schlief, stehen, und als ich da so hinüberblickte, bemerkte ich, wie sich etwas in dem Bett regte und erkannte den silbrigen Schopf der Mutter. Sie drehte sich im Schlaf um. Aber was war das? In der anderen Betthälfte schien es auch einen kleinen Ruck unter der Decke zu geben!?! Und tatsächlich: Dort lag C., der Mutter den Rücken zugewandt, tief und fest schlafend.
Einer ausgiebige Dusche bot die Gelegenheit, diese frühmorgendlichen Impressionen aus dem 16. Bezirk erstmal sacken zu lassen, um das später folgende gemeinsame Frühstück ohne Entgleisungen in der Mimik antreten zu können.

Es war die seltsamste Mutter-Sohn-Symbiose und zugleich die abstruseste WG, in die mir je Einblick gewährt wurde. Und es war eines der erlebnisreichsten Wochenenden, die ich je in Wien verbracht habe. Mit einer Friedhofsbesichtigung (Ottakring), einer Wanderung (Kahlenberg), dem Abendessen in einem Ottakringer Beisl mit den schrägen Kommilitonen von C. (Indologie, Papyrologie und Epigraphik), der Präsentation von C.s beeindruckender Sammlung schwedischer Pornohefte aus den 70er Jahren (sehr züchtig, sehr blond, sehr haarig überhaupt), den Foxtrottübungen im Flur (C.s Mutter bat mich, ihren Sohn in der Linksdrehung zu unterrichten) und nicht zu vergessen den drei langen Frühstücken zusammen mit C.s Mutter in ihrem divenhaften, brokatenen Schlafrock (und mit flittergesprenkelten Seidenhyazinthen auf dem Frühstückstisch).

Zum Abschied schenkte sie mir ein Paar Ohrringe, die mir fast bis zum Schlüsselbein reichten und sich mit ihren pieksigen Federkielen übel in meinem Mantelkragen verhakten.

Es wird höchste Zeit, wieder einmal nach Wien zu reisen, denke ich.

Vielleicht schon im Frühling.