Gib ihnen noch drei südlichere Tage…

Drei Bayern in Südtirol.

Tag 1.

Kleine Bergtour zum Hexenbödele (klingt schwäbisch, war aber in den Sarntaler Alpen und schön dort) und große Almenwanderung mit Erdpyramidenbesichtigung. Am späten Mittag ein Teller Schlutzkrapfen, ein Schälchen Salat und ein Schluck Weißbier (wieso gibt’s hier ausschließlich Weihenstephaner?). Das Fräulein keift die italienischen Rüden an, ist ansonsten aber guter Dinge. Wir auch – die Aussicht auf Schlern und Latemar und das Wandern durch die kleinen Dörfer mit den hübschen Kirchen sind ein so unerwartetes Geschenk (und wir immer noch so überrascht von uns selbst, dass wir überhaupt hier sind). Abends spartanische Jause (Resteessen aus den Münchner Kühlschränken) in der kleinen Küche, die zu unserem unglaublich günstigen Zimmerchen in dem hübschen 700 Jahre alten Hof gehört (merke: je preiswerter das Zimmer und je älter das Gebäude, in dem es sich befindet, desto mehr Käfer sitzen in der Duschwanne und desto besser ist es insgesamt, die Brille daheim vergessen zu haben).

Tag 2.

Wir wollen nach Bozen. Autofahrt über schmale Sträßchen nach Oberbozen. Keinen Parkplatz gefunden. Von drei kleinen Parkplätzen darf auf zweien nur für 60 Minuten geparkt werden, der dritte Parkplatz ist rappelvoll. Nur 1 Stunde Zeit für Bozen ist natürlich völliger Käse, daher das Schicksal herausgefordert und auf einem der 60-Min-Parkplätze die Parkscheibe auf eine fiktive Ankunftszeit gestellt, die uns mit etwas Glück (oder gutmütiger Politesse) 4 bis 6 Stunden Aufenthalt in Bozen erlaubt. Hat geklappt. Genauso wie das Dackelfräulein in der Seilbahn, die uns von Oberbozen nach Bozen befördert, als Schoßhund (!) zu deklarieren – denn nur die dürfen dort ohne Maulkorb und Fahrschein mitreisen. Bozen empfängt uns mit T-Shirt-Wetter, zahlreichen maskierten Italienern und kaum Grashalmen (geschweige denn Wiesenfleckerln), so dass wir dem Fräulein zuliebe alsbald an den Stadtrand ausweichen, wo sich ein wahres Arboretum befindet, in dem auch ein paar italienische Rüden herumspazieren, deren Interesse auf keinerlei Gegenliebe stößt. Die hormonelle Situation ändert sich schlagartig gegen 17 Uhr, als uns in den Gassen der Altstadt (wir haben zwischenzeitlich fünf Stunden con bassotto a Bolzano hinter uns) ein unscheinbarer, zahnloser Malteserrüde begegnet. Das Fräulein ist nun paarungsbereit und wie immer sind Alter, Aussehen, Rasse, Benehmen und Bildungsstand egal. Nix wie zurück zur Seilbahn! Wir schweben hinauf nach Soprabolzano, erstehen dort noch ein paar Lebensmittel in einem winzigen Laden, fahren zu unserem Quartier zurück und feiern das Leben und dass wir dem biglietto entgangen sind.

Tag 3.

Laut Wetterbericht letzter Spätsommersonnentag. Wir sitzen müde beim Frühstück. Die Nacht war schwierig, weil das hormongepeitschte Teckelhirn stündlich Impulse zu ungewöhnlichem Verhalten sendete. Um 3 Uhr büxte sie aus meinem Bett aus, stürzte sich zu D. ins Bett und umarmte sie so heftig und innig, dass an entspanntes Atmen oder gar Schlafen nicht mehr zu denken war. Trotzdem will dieser Tag ausgekostet werden. Während D. an ihrem Teetässchen nippt, wälze ich die Wanderkarte. Noch einmal in diesem Jahr die 2.000m-Grenze überschreiten, das ist die Idee – wir setzen sie auf dem Rittner Horn um. Gute Entscheidung, denn der Hundumblick könnte besser nicht sein – schließlich will man der vierbeinigen Gefährtin ja was bieten am Welthundetag (erst recht, wenn sie schon nicht einen der vier Rüden haben darf, denen wir im Laufe des Bergtages begegnen). Sechs Stunden später noch ein letzter italienischer Kaffee kurz vor dem Parkplatz, der Schlern ist mittlerweile in dichte Wolken gehüllt, das war’s dann wohl mit der Nachspielzeit, die wir dem Sommer abgerungen haben. Um 20 Uhr fallen die ersten dicken Tropfen auf den Sims unseres Küchenfensters, beim Nachtgassi pfeift mir ein eisiger Sturm um die Ohren und das Einzige, was morgen, wenn wir (aller Voraussicht nach) bei leichtem Schneefall über den Brenner heimwärts fahren werden, noch an den Sommer 2020 erinnern dürfte, sind die Autoreifen.

Das Quarantänevermeidungsquartier.

Wo man derzeit als Münchner/Bayer noch einigermaßen kostengünstig, kurzfristig, stressfrei und ohne mehrseitige Reisewarnungen studieren zu müssen (in welche Länder sollte ich besser nicht fahren bzw. wo will man uns Münchner/Bayern derzeit keinesfalls beherbergen) Urlaub machen kann:

Sicher möchten Sie nun wissen, wie ich auf dieses verlockende Inserat stieß, und bestimmt vermutet der eine oder andere Leser schon irgendein abstruses Dackelfräulein-Abenteuer und schüttelt sorgenvoll den Kopf, dabei ist das alles ganz anders als Sie denken, sofern Sie überhaupt schon etwas gedacht haben sollten.

Also: Innerhalb des Freistaats dürfen wir Münchner ja noch bedenkenlos verreisen, und da ich gerade die kleine Auszeit für den Gatten, die er – um sich für das Wintersemester, das in vielerlei Hinsicht anstrengend zu werden verspricht, ein bisschen zu sammeln und zu rüsten – in einem abseits jeglichen Trubels gelegenen Dorf in Tirol gebucht hatte, wegen der aktuellen Reisewarnung für Tirol storniert habe (da er es sich wegen des eben erwähnten Semesterbeginns nicht erlauben kann, sich nach vier Tagen in Tirol anschließend 14 Tage in Quarantäne zu begeben), bin ich nun dabei, seiner Bitte nachzukommen, und mich nach einer passenden Alternative umzusehen (er weilt derzeit in Frankfurt und kommt vor lauter Terminen nicht dazu, sich selbst darum zu kümmern).

Das Problem: Ganz Oberbayern ist entweder ausgebucht oder in den ländlichen/bergigen Regionen dermaßen absurd überteuert, dass da gar nix mehr geht, außer, man erbt überraschend oder man begnügt sich mit einer Reise nach Ottobeuren, Wolnzach oder Waldkraiburg (und ich könnte Ihnen zu jedem der genannten Orte eine Übernachtungsstory erzählen, bei der Ihnen alles vergehen würde).
Erschwinglich und schön (eh eine seltene Kategorie bei Hotels) wären allenfalls diverse Stadthotels in München (fährt ja derzeit keiner hierher, was Dumpingpreise nach sich zieht), aber das ist natürlich totaler Käse, denn hier wohnen wir ja schließlich das ganze Jahr über und am Ende läuft man sich dann noch beim Spaziergang zufällig über den Weg und so käme ja kein Urlaubs-/Auszeit-/Alleinsein-Feeling auf.

Als ich alle gängigen Hotel-Portale durchforstet hatte, guckte ich schlussendlich ziemlich frustriert noch bei AirBnb vorbei und gab dort verzweifelt das gesamte Voralpenland als Zielregion ein. Potthässliche Apartments in Holzkirchen hinterm S-Bahnhof („zentral gelegenes Kleinod“), bedrückend enge und düstere Dachgeschosse in Wallgau („alpines Dachstudio“), gruselige Souterrain-Wohnungen in Prien („kuschliges Zuhause in Seenähe“) – es war nix Adäquates zu finden!
Bis auf die oben abgebildete Unterkunft, ebenso schonungslos wie verheißungsvoll „Survival Laubhütte“ oder (für den eher nüchtern-sachlichen Kunden:) „Privatzimmer in Erdhaus“ genannt. Ein Volltreffer, mit dem ich nicht mehr gerechnet hatte.
Denn was will man(n) mehr? Das ist Romantik und Abenteuer pur! Der totale Thoreau für nur 110€ am Tag, ein echtes Schnäppchen, andere fahren dafür unnötigerweise bis nach Kanada (und Sie müssen zugeben: Valley, das klingt sowieso fast wie Kanada)!

Leb wohl, Tirol! Pandemie, ade! Adieu, Reisewarnung!
Down in the Valley wird von Corona nichts mehr zu hören und zu sehen sein, sofern einem nicht der infizierte Förster aufs Dach hustet, von gästereichen Dorfhochzeiten ausgebüxte Elstern den dort gemopsten und verseuchten Kaffeelöffel vor die Erdhaustür schmeißen oder die Baum-Umarmer-Truppe sich im selben Wald tummelt, und sich dummerweise einer von denen im überfüllten Shakti-Chor-Workshop, den er noch vor dem Baum-Umarm-Seminar besucht hat, angesteckt hat und nun vor lauter Waldglück und Seelenheil in genau die Baumrinde heult, an der der Laubhüttengast abends eine Leine befestigt, auf der er seine Wandersocken zum Trocknen aufhängt.
Sie werden mir zustimmen: all diese Szenarien eher unwahrscheinlich und damit eine Destination mit sensationell niedrigem Infektionsrisiko!

Ich habe also sofort zugeschlagen, denn der Gatte wollte eh gern möglichst viel Ruhe und Natur um sich haben, und ich denke mal, die in der Anzeige erwähnten „mütterlichen Arme“ (sofern die grammatikalisch etwas missglückte Unterüberschrift im Inserat das meint, was ich denke) stören ihn auch nicht weiter, sondern vermitteln vielmehr eine anheimelnde Geborgenheit, dort, in der heiß ersehnten Einsamkeit und Klausur.
Die Gegend rund um Valley kennt er auch schon ein bisserl, dank unserer wunderbaren Ausflügen ins Mangfalltal, zur nächsten Gaststätte kann er, so sagt Google Maps, direkt von der Haustür aus wandern (hin und zurück ein Tagesmarsch, wenn man all die Bachquerungen und Böschungen mit einrechnet, total super, um den Kopf mal so richtig freizukriegen), die Orientierung wird ihm als ehemaligem Gebirgsjäger nicht schwerfallen, so dass ich auch keine Sorge hätte, dass er in den Wäldern verlorenginge.
Und wenn die Temperaturen des nachts schon arg anziehen sollten, was im Oktober durchaus der Fall sein kann, so wird das der Stabilität und Windfestigkeit der Unterkunft nur zuträglich sein. Nicht, dass es da zu sehr raschelt und pfeift, wenn mal ein Herbststurm durch den Wald fegt und man dann nicht schlafen kann wegen dem dämlichen Naturkrach (man kennt dieses höchst ägerliche Phänomen ja von den berühmten „Haus am Meer“-Urlauben, in denen man nächtelang wachliegt, weil es so verflucht laut rauscht und brandet und man das plötzlich live nicht mehr halb so idyllisch findet wie noch zum Zeitpunkt der Quartiersuche), da wäre ein kleiner Bausubstanzzustandswechsel in Richtung Iglu ja kein Schaden.

Jetzt warte ich nur noch auf eine Antwort des Vermieters zu meiner kleinen Nachfrage, wie man sich denn das erwähnte Badezimmer so ungefähr vorzustellen habe (schließlich möchte man vorher Klarheit haben, ob der Barthaarschneider überhaupt ein nützliches Reise-Utensil ist oder besser gleich daheimbleibt) sowie die erbetene Reservierungsbestätigung – und dann steht der Vorfreude des Gatten auf einen traumhaften Tapetenwechsel in diesem urgemütlichen Unterschlupf nichts mehr im Wege.

Im Dunstkreis der Drusenfluh (III).

Quo vadis?

Nach der zweiten Nacht im Maiensäss spüren wir morgens eine leichte Körperschwere. Die ist nicht etwa der Nacht geschuldet, sondern dem Chrüz. Oder den sechs Stunden Draußensein. Oder dem Gewerkel im Haus. Oder dem Doppel-Gedöns rund um den Hund.

Egal. Jedenfalls ist klar, dass heute statt sechs auch fünf Stunden Draußensein und statt einer Bergtour auch eine Almenwanderung völlig ausreichen wird, deren Höhenunterschiede sich laut Wanderkarte hoffentlich und trotz einiger Gegenanstiege von dem unterscheiden würde, was das Chrüz uns am Tag zuvor aufgebürdet hatte.

Für den Abend ist schon seit Tagen der große Wetterumschwung angekündigt (womöglich gar der Schlussgong dieses Sommers?), von dem wir uns, noch daheim in München und im Stundentakt die diversen Wetter-Apps prüfend, beinahe von der gesamten Reise hätten abhalten lassen.

Nach einem bis aufs zu weiche Ei äußerst formidablen Frühstück schlüpfen wir daher alsbald in die Trekkingschuhe und brechen auf.

Über herrliche Almpfade wandernd werden die bisherigen Panoramaerlebnisse endlich noch um Ausblicke in den Westen ergänzt…

…und unterwegs etliche Maisensässe bestaunt, die wir alle sofort erwerben würden, wenn man nur wohlhabend wäre (oder einem ein Leben als Erbe beschieden wäre)…

…außerdem ist es der Tag des Rastens, Ruhens und Ratschens, wann immer sich die Möglichkeit dazu bietet.

Die Nusskipferl heißen hier Nussgipfel (alpenrepublikanische Angeberei?), zu den Semmeln sagen sie Weggli (was mich ungut an meinen Studienort erinnert), der Bergkäse ist zum Alpkäse mutiert und der Tretroller zum Trottinett, was deutlich netter klingt als die fußfaulen Gestalten dreinblicken, die da draufstehen und mit einem Affenzahn an uns vorbeiheizen, als wir mal ein Sträßchen queren müssen.

Am frühen Nachmittag bewölkt sich der Himmel über dem schönen Prättigau zusehends und ich bin erleichtert, dass wir unsere kleine Hütte gerade so rechtzeitig erreichen, dass der hübsch Bewimperte sich noch im Trockenen fürs Holzhacken und Ofenbeheizen aufwärmen kann:

Als bekennender Fan von Routinen und Gewohnheiten, die einem den Alltag nicht nur strukturieren, sondern auch erleichtern, endet der Tag so wie der vorige auch: in Etappen wird geduscht, erst die Hunde, dann wir, bald drauf bullert das Feuer im Ofen und die Nudeln köcheln auf dem Herd, das Weißbier perlt verheißungsvoll im Glase und die Themen an diesem langen Abend gleichen einer kleinen Familienaufstellung.

Zu später Stunde, als nur noch Noagerl in den Gläsern sind, basteln wir die Protagonisten aus den übriggebliebenen Holzscheiten und ein paar anderen Utensilien, die das Häuschen und sein Keller so hergeben, nach.

Ihnen diese Genossen nun einzeln näher vorzustellen, würde an dieser Stelle aber wirklich zu weit führen.
Nur so viel: die Figur ohne Gesicht, das bin nicht ich, und die mit dem Gummiknäuel auf dem stumpfen Schädel auch nicht.

Wenn Sie mögen (und noch nicht der Ansicht sind, dass sich langsam ein gewisser Höhenkoller in die Berichterstattung eingeschlichen haben könnte), sehen wir uns dann morgen zu einem (kurzen!) vierten und letzten Teil der Drusenfluh-Serie wieder.

Guäts Nachtli einstweilen!

Im Dunstkreis der Drusenfluh (I).

Wieder zurück aus dem Land der 1000 Gipfel, 150 Täler und 615 Seen.
Viel zu kurz war sie, die Zeit in Graubünden, und doch in sich so lang, so reich, so schön. Empfundenermaßen waren das nicht drei Tage, sondern mehr als das Doppelte.

Bergurlaub in der Ostschweiz: Unsere Unterkunft.

Der hübsch Bewimperte und seine kleine Hundedame fahren zur vereinbarten Zeit an der Theresienwiese vor und laden das Dackelfräulein & mich und unser „aufs Nötigste“ beschränkte Gepäck in das kleine blaue Auto ein.
Da die beiden ebenfalls nur das Nötigste dabeihaben, sind schlussendlich nicht nur der Kofferraum, sondern alle Fußräume und Seitenfächer im Wagen komplett vollgestopft.
Vom Pfotenverbandsmaterial über zwei elektrische Zahnbürsten, einer Auswahl an Energieriegeln, die locker für eine viertägige Hochgebirgsdurchquerung ausgereicht hätte, sowie etlichen lebenswichtigen CDs, Medikamenten und Outdoorutensilien, bis hin zum Toaster und Bialetti-Espresso-Kocher hatten wir an alles gedacht. Nur nicht daran, dass der Schuko-Stecker vom gotländischen Toaster nicht in die eidgenössischen Steckdosen passen würde.
Aber mei, wir wollten ja ein bisschen Wildnis und Abenteuer und haben – so viel sei vorab schon verraten – glatt ohne Toaster dort oben in den Bergen überlebt.

Erster Zwischenstopp am Kaiserstrand kurz vor Bregenz, damit die beiden Hundemädels sich im Bodensee erfrischen können. Draußen hat es 27 Grad, und obwohl ein ordentlicher Wind von Lindau herüberpfeift, ist es affenheiß. Letztendlich stehen wir dann alle mit den Füßen im kühlen Wasser und werfen Stöckchen und Steinchen in den See oder schnorcheln danach.

Der Freund weiß eine schöne Kaffeeterrasse mit Seeblick und anschließend eine noch schönere Eisdiele und so geht es erst anderthalb Stunden später wieder weiter.
Bregenz, St. Margareten, Vaduz, Bad Ragaz – ein Panorama rundum und einen Himmel dazu, der einen schier umhaut. Bei Landquart verlassen wir die Autobahn Nr. 13.

Zweiter Zwischenstopp, etwas weniger idyllisch als der erste, in Schiers auf dem Coop-Parkplatz.
Dort den letzten Schattenplatz ergattert, somit können die Hunde im Auto bleiben während wir zu zweit schnell zum Einkaufen sausen, damit wir für unsere Tage im Maiensäss auch noch mit Käse, Eiern, Butter, Obst und Gemüse ausgerüstet sind und nicht mehr hinunter in den Ort müssen.
Eine sehr kluge Entscheidung, wie wir schon wenige Minuten später, auf der extrem kurvenreichen, steilen und schmalen Bergstraße feststellen, denn diese Straße möchte man keinesfalls öfter als nötig hinauffahren (am besten nur einmal pro Saison und dann den ganzen Sommer oben bleiben).

M. bugsiert das kleine Auto wirklich großartig bergaufwärts, Serpentine um Serpentine, mal mit grellem Gegenlicht, mal ohne, einmal kommt uns sogar der Postbus entgegen und fast möchte man Gott, wenn man denn an ihn glaubte, dafür danken, dass er einem just an dieser Stelle eine Mini-Ausweichbucht geschenkt hat, denn die Leitplanken haben, so es denn überhaupt welche gibt, doch schon etliche Dellen und jenseits der Planken geht’s besorgniserregend bergab.
Schon als Beifahrerin bricht mir streckenweise der Angstschweiß aus, aber vor allem bin ich so dermaßen heilfroh, dass ich den Kombi daheim beim Gatten gelassen habe, nicht auszudenken, ob bzw. wie man mit diesem Schiff da hochkäme (so routiniert ich auch Auto fahre: sowas ist echt gar nix für mich).

Das kleine Sträßchen führt uns durch winzige Bergdörfer, vorbei an alten Holz- oder Steinhäusern, die Zeit wirkt wie stehengeblieben in diesen Weilern, wir passieren zwei idyllische Gasthöfe und ein paar Steilhänge mit Viehweiden, schrauben uns langsam und mühsam in die Höhe, immer Stoßgebete in den Himmel Graubündens schickend, dass ja kein Gegenverkehr mehr auftauchen möge.
Nach einer halben Stunde dann endlich: Ende Gelände!

Nun noch einen Schotterweg hinauf, die Freundin von M., der das Maiensäss gehört, das unser Zuhause für die nächsten Tage sein wird, hat in der Wegbeschreibung vermerkt, dass dieser durch ein Wäldchen führe (wir lernen: für den Schweizer sind 5 zusammenstehende Bäume ein Wäldchen) und gleich dahinter, links auf einer Almwiese, die Hütte zu finden sei.

Als M. den Motor abstellt, kommt mir kurz diese Strophe aus dem uralten U2-Song in den Sinn – I want to feel sunlight on my face / I see that dust cloud disappear without a trace / I wanna take shelter from the poison rain / Where the streets have no name -, dann sind wir auch schon mit Aussteigen, Schauen und Staunen beschäftigt. Und das Auffinden des Hausschlüssels stellt uns gleich vor die nächste kleine Herausforderung, die erst nach einigem Suchen und dank Ms Beweglichkeit zu bewältigen ist.

Wir sind da. Grüezi Graubünden!

Um uns herum nur Berge, Himmel, Wolken, Wiesen, Blumen, Kühe und Kuhfladen. Die Geräuschkulisse hier oben in 1.700m Höhe besteht aus dem sanften Wehen des Windes, den dauerbimmelnden Kuhglocken und ein paar geschäftigen Grunzgeräuschen, die die mit ihren Nasen in die Mauselöcher hineinpustenden Hundedamen von sich geben.

Wir schleppen unser Equipment in das Häuschen, diskutieren kurz die Betten- bzw. Zimmeraufteilung, legen die Hundedecken auf den Boden, schalten Hauptsicherung und Boiler ein, befüllen den Kühlschrank, ziehen uns um und brechen zu einer ersten Spazierrunde auf.
Ein Stück unterhalb von unserem Häuschen liegt ein Berggasthof, den wir zum Abendessen ansteuern. Es gibt köstliche Rösti und Bier von der Brauerei Engel, dazu einen göttlichen Blick hinüber zur Drusenfluh.

Der Name dieses spektakulären Bergmassivs, das das österreichische Montafon vom schweizerischen Prättigau trennt und dessen Gipfel zu den zehn höchsten des Rätikons gehört (der Große Drusenturm misst 2.830m), begeistert mich sofort, und ich sage ihn in den Folgetagen so oft es geht: Drusenfluh, Drusenfluh und nochmals Drusenfluh!

Die Hunde und uns in Schweizer Armeedecken gewickelt bleiben wir so lange draußen in dem Berggasthof sitzen, bis die Sonne tief im Westen vollends hinter den Bergspitzen versunken ist.

Die Drusenfluh leuchtet nun nachtblauschwarz, nur ganz oben, an den Drei Türmen, noch leicht orangerot, und ein mildes Mondlicht weist uns den Weg zurück zum Maiensäss.

Hund haben (18).

Eines der großartigsten Phänomene jahrelangen Hundhabens besteht darin, dass man mit der Zeit all jene Dinge vergisst oder verdrängt, die man in seinem früheren, hundelosen Leben total gern unternommen hat und die mit Hund an der Backe Hacke einfach nicht mehr so gut gehen oder eher schlecht machbar oder sogar ganz und gar unmöglich sind.

Ich nehme an, es geht Menschen mit kleinen Kindern recht ähnlich und auch sie vergessen mit den Jahren, wie schön das Leben zuvor war, vor allem, was spontane und nicht generalstabsmäßig und tagelang vorher organisierte Abendunternehmungen oder gar Kurzreisen angeht.
Wie nett es war, nach Lust und Laune Biergärten, Theater, Ausstellungen, Kinos, Lokale, Freunde aufsuchen zu können (und das alles ohne ständigen, verantwortungsbewussten Blick auf die Uhr), im Hochsommer stundenlang lesend an Seeufern herumzudösen oder gleich tageweise in die Berge zu flüchten.
Wie unkompliziert es war, in fremden Städten oder Ländern eine Unterkunft zu finden oder ein paar Urlaubstage oder -wochen zu gestalten.
Wie wenig man sich mit dem Partner abzustimmen brauchte, als man noch zu zweit war: es genügte ein „Du, ich treff mich heut Abend mit X, es kann spät werden!“, nun spricht man sich Tage im Voraus ab, wer wann für den Hund zuständig ist, teilt Abendgassis auf, informiert sich über die aktuelle Verdauungslage des Vierbeiners und muss sich in beruflich oder privat enger getakteten Phasen genauestens an Absprachen halten, da es nunmal nicht geht, dass der Hund statt drei Stunden auf einmal mehr als doppelt so lang allein zuhause ist, nur weil einem nach dem Pizzaessen mit einer Freundin plötzlich noch der Sinn nach einem Kinobesuch steht oder die Arbeitskollegen nach Feierabend zu einem gemeinsamen Biergartenbesuch aufrufen.

Da zieht also eines Tages dieses sogenannte „Glück auf vier Pfoten“ ein und in den folgenden zwei Jahren staunt man nicht schlecht, was alles plötzlich nicht mehr geht oder nur noch anders oder mit mehr Aufwand machbar ist oder einem aber bereits im Vorfeld so viel Aufwand bescheren würde, dass man abzuwägen beginnt, ob das noch in einer vernünftigen Relation zu der angestrebten Unternehmung steht oder es nicht entspannter ist, die Sache einfach bleiben zu lassen und nach adäquten Alternativen zu suchen.
Wehmut und Ernüchterung überschatten gelegentlich dieses immens große Glück, das einem die Wohnung vollhaart und einem das nachmittags im Café aus Langeweile zernagte Bierfilzl nachts um 4 Uhr von Gallenflüssigkeit ummantelt auf den Teppich würgt.

Nach weiteren zwei Jahren hat man schließlich mit viel Veränderungswillen und Anpassungsarbeit einen Modus gefunden, in dem sich dieses so gänzlich neue Leben wieder gut und rund anfühlt. Und nochmal zwei Jahre dazu, und schon hat man komplett vergessen, wie das Leben früher mal war.

Ein perfekter Assimilationsprozess ist das, den das Hirn da vollbringt, und er kommt nach ein paar Jahren zu einem geradezu perfekten Abschluss: Man ist dann genauso glücklich wie früher, nein, Unsinn, sogar deutlich glücklicher als früher ist man jetzt, denn ein einziger Dackelblick aus diesen ehrlichen, braunen Augen, und schon ist alle Mühsal und Einschränkung wie weggeblasen, und ein Leben ohne Hund ist im Lauf der Zeit sowieso ganz und gar unvorstellbar geworden – nicht auszudenken, der kleine Schlawiner wäre plötzlich nicht mehr da…

Vier Tage Passau mit Hund und mit Temperaturen von deutlich über 30 Grad bedeuten, dass man vieles, das zu sehen man hoffte, überhaupt nicht zu sehen bekommt (wg. für Hundepfoten zu sonnigen oder langen Wegen dorthin) oder nur die absurdesten Orte sieht (z.B. betonierte, schattige Flusszuläufe, durch die man gemeinsam zwecks Abkühlung watet, oder das verschlammte Inn-Ufer oder die veralgten Donautreppen) oder aus anderen Gründen nichts sehen kann (stundenlanges Verharren unter einem zwar schönen, aber licht- und sichtraubenden Blauglockenbaum, wo es der Hund gut aushält und endlich mal nicht hechelt).

Man gibt dazu dann Kommentare zum Besten wie „Dieser Hund hat meine Perspektive auf die Welt und das Leben vollkommen verändert!“ oder „Dank meines Hundes entdecke ich nun so viel Neues!“ – und das stimmt natürlich auch. Absolut stimmt das.
Früher hätte ich mir halt das Museum für Moderne Kunst angesehen, vielleicht auch eine Führung im Stephansdom oder eine ArchitekTour mitgemacht, wäre zu Fuß jedes Gässchen dieser hübschen Stadt abgelaufen, den ganzen Tag auf den Beinen gewesen und hätte mich von Eindrücken und Neigungen einfach mal hierhin, mal dorthin treiben lassen.
Und nun? Mit Pippa an meiner Seite verzichte ich der Hitze wegen auf all diese Dinge. Meine Perspektive auf Passau ist nun eine, in der mein Auge immer geschickter nach schattigen Rasenstücken, erfrischenden Bachbetten, möglichen Flusszugängen, kühlen Seitengässchen, sonnenbeschirmten Cafés, klimatisierten Geschäften sucht – und fündig wird. Bin ja schließlich kein Anfänger mehr.

Gut, in den Stephansdom habe ich das Dackelfräulein trotz der Verbotsschilder mit reingeschmuggelt und in einer Nische unter einem Opferstock (Aufschrift „Für die Armen“) angebunden, wo sie dann friedlich auf dem kühlen Kirchenboden lag und auf mich wartete und die Spendenfreudigkeit sicher mächtig angekurbelt hat, falls jemand ihrer dort gewahr wurde.
Draußen hätte ich sie nirgendwo lassen können und ich bin sicher, dass Gott, falls es ihn doch geben sollte, auf jeden Fall damit einverstanden gewesen wäre, dass ein Hund keinesfalls auf kochendheißen Steintreppen vor dem Dom warten muss.

Als der Gatte seine Tagung hinter sich gebracht hat und wir überlegen, was wir in den verbleibenden 24 Stunden in Passau noch gemeinsam unternehmen könnten, schminken wir uns schnell alles, was mit der hübschen Altstadt zu tun hat, ab. Dort finden nämlich unzählige Festivitäten statt (Mitternachtsshopping, Konzerte, etliche Sommerfeste, tagsüber wie nachts), so dass klar ist: zu der perversen Affenhitze kämen auch noch größere Menschenmengen hinzu – das geht einfach gar nicht mit einem Dackel, der ja eh gern mal übersehen wird („Huch, wen haben wir denn da unten?“).

Also verbringen wir den einzigen gemeinsamen Abend oberhalb der Innstadt, laufen über luftige Höhenwege vom Kloster Mariahilf bis zum oberösterreichischen Grenzstein und zurück. Das tut dem Hund sehr gut, dort oben zu flanieren: der Asphalt ist kühl, es ist nichts los und man kann endlich mal wieder ein paar Katzen verbellen, weil endlich mal wieder ein paar Kräfte in den kleinen, von der Hitze geschundenen Hundekörper zurückkehren, weil die Umgebungsvariablen stimmen. Danach duschen wir uns alle noch kühl ab und legen uns unter kalten Tüchern aufs Hotelbett. Da kann einem doch jedes Altstadtsommerfest gestohlen bleiben!

Am nächsten Morgen – für den Tag sind 35 Grad vorhergesagt – verwerfen wir ebenfalls jegliches eigentlich noch geplantes Stadtprogramm, lediglich die Veste Oberhaus handeln wir als Kompromiss aus. Zuletzt als Kind mit dem Papa dort gewesen, weil die in der Burg gelegene Jugendherberge umgebaut oder eingeweiht wurde (ich weiß nur noch, dass ich es da recht unheimlich fand, so mit richtigen Luken statt Fenstern, Burgfeeling eben).
Wir starten früh, ergattern den letzten Parkplatz im Schatten und schlagen uns immer nah an den Burgmauern durchs Gelände, ab und an muss das Fräulein irgendwo kurz warten, wenn wir einen sonnigen Aussichtspunkt aufsuchen wollen.

Nach einer (!) knappen Stunde im Burggelände ist sie trotzdem sehr geschafft, allein von der warmen Luft. Also beginnt nun wie ausgemacht das Hundeprogramm, für vier (!) Stunden, wohlgemerkt. Beim Frühstück bereits gründlich recherchiert, wo der nächste See ist, an dem wenige Menschen und keine Hundeverbote zu erwarten sind.
Das ist der Stausee Oberilzmühle, sagt Google. Die Hotelbesitzerin wird dazu auch noch interviewt und auch nach ihren Infos klingt das Ganze ziemlich gut: bloß 20 Minuten zu fahren, sauberes Gewässer, Waldwege drumherum, nur irgendwo eine kleine Liegewiese und eine FKK-Bucht, Parkplatz weit genug vom Seeufer entfernt, so dass nicht mit allzu vielen Besuchern zu rechnen ist. Sogar eine Rundwanderung ist möglich und eine Einkehr soll es auch geben.

Also verbringen wir den letzten Tag fast komplett an der Ilz, die ja immerhin auch was mit der Dreiflüssestadt zu tun hat (zwar als kleinste der drei dort zusammenfließenden Wasseradern, aber mei), laufen auf dem Ilzwanderweg, spielen Frisbee mit Pippa, gehen mit ihr zusammen in den Stausee oder in den flachen Fluss, gucken ihr glücklich und zufrieden dabei zu, wie sie sich im kühlen Gras den nassen Rücken schubbert oder auf schmalen Waldwegen munter vorauswetzt und nur wenige Mal müssen wir ein bisschen Obacht geben, dass sie nicht einem im Ufergebüsch herumlümmelnden und Kombucha trinkenden Nackerten über seine Yogamatte saust (eher alternatives Publikum dort am Ilzstausee).

Der Hund ist im Vergleich zu der einen Stunde im Burggelände der Veste Oberhaus wie ausgewechselt – und die Welt ist wieder rund und schön. Für uns alle. Wir klopfen uns Tannennadeln und Kies aus den Trekkingsandalen, holen die Leckerlis, die Pippa nicht erwischt, selbst aus der Strömung, rutschen dabei fast auf den glitschigen Steinen in der Ilz aus, sprühen uns reichlich mit Anti-Brumm die fast dauernd nassen und von Mücken umkreisten Wadln ein und genießen den Familienausflug. Was hätte man schon in der Passauer Altstadt gesollt? Pah!

Bei der Triftsperre angekommen, sehen wir schon das von unserer Hotelchefin erwähnte „abgelegene Gasthaus“ samt dem sympathischen blauen Schild der Löwenbrauerei Passau durch die Bäume schimmern.

In einer weinrebenberankten Laube des Biergartens lassen wir uns zu einem Imbiss nieder. Von der Nicht-Biergarten-Seite aus erkennt man den Gasthof dann übrigens sofort wieder: Im Mai war er in jeder deutschen Tageszeitung zu sehen. Nicht wegen seiner hübschen Laube oder seines eher durchschnittlichen Essens oder des überbordenden Lokalkolorits in jedem Winkel des Gebäudes und auch nicht wegen manch ebenso antiquarischen wie schlichten Angebots in der Speisenkarte (Limo weiß oder gelb: 2,50€, ja köstlich!). Sondern wegen des dreifachen Armbrust-Suizids, der hier vor ein paar Wochen stattfand. Haben Sie sicher gehört oder gelesen.

Das illustre Trio erweckte wohl schon beim Einchecken etwas Misstrauen bei der Pensionswirtin, da ohne Gepäck gereist und das Frühstück explizit nicht mitgebucht wurde. Macht man ja als Übernachtungsgast eigentlich nicht.
Nun, sieht man die Pension von innen, was man leider muss, wenn man die hübsche Gartenlaube verlässt, um kurz die Toilette aufzusuchen, kann man das sofort nachvollziehen, denn nichts – absolut nichts! – lädt dazu ein, sich hier häuslich einzurichten oder gar ein Frühstück einzunehmen. Aber aus Sicht der Gasthofsbesitzer wird sich das wohl anders anfühlen.

Kein Zufall auch die Ortswahl für diese geplante und gruselige Hinrichtung, denn der mystische Tunnel hinter der Triftsperre, in dem es nachts spuken soll (Mädchenschreie, verschwundene Pfaffen etc.) sowie die Nähe zur Burgruine Reschenstein, auf der es ebenfalls nicht mit reschten Dingen zuzugehen scheint, zieht gelegentlich Menschen an, die sich von solchen lost & spooky places angezogen fühlen und über solche Orte nicht immer nur zur Geisterstunde in Foren mit Gleichgesinnten diskutieren, sondern das mal in echt erleben wollen.

Und manch besonders düsteres Vorhaben lässt sich vermutlich eben besser an einem solchen Ort umsetzen als beispielsweise in einem inmitten saftig grüner Bergwiesen gelegenen 3-Sterne-Hotel mit bodentiefen Glasfronten vor jedem Zimmer und einladender Lobby direkt hinter der Panorama-Sonnenterrasse, von der aus der Blick wahlweise zum Alpenglühen auf dem schrofigen Felsmassiv gegenüber oder zu den glücklich weidenden Kühen der nebenan befindlichen Alm schweift. Da passt so ein niederbayrischer Hinterlandgasthof mit Tunnel und Burgruine daneben schon eher.

Dem Hund ist all das aber ohnehin wurscht, denn Hauptsache während der Rast, und zwar ganz egal, wo und von wie vielen Sternen umgebeben die stattfindet, gibt es die übliche handvoll Futter samt genug Wasser im faltbaren Reisenapf: ein seit Jahren nicht verhandelbarer Programmpunkt bzw. eher so eine Art Ablasshandel (= Ihr dürft hier ein Stündchen in Ruhe sitzen, wenn ich dafür eine Extraportion Fressbares abstaube).

Es war ein toller Tag dort an der schwarzen Ilz. Was man nicht alles sieht und erlebt, wenn man mit Hund leben und reisen darf.
Stephansdom oder Donauschifffahrt kann ja jeder, aber die Halser Ilzschleifen, den Stausee Oberilzmühle und die Triftsperre, zu diesen Kleinoden im Passauer Umland verschlägt es nur die wenigsten Besucher.

Danke dafür, liebster Hund!

(Und gib Bescheid, wenn das kalte, nasse Geschirrtuch dir wieder zu warm wird, dann tränken wir es nochmal in Eiswasser.)

Himmel der Bayern (61): Auffe, umme, obbe.

Lang nimmer do gwen.

Niederbayern. Passau.

Zuletzt wohl mit U., fürchte ich, an irgendeinem Winterwochenende, das ich geflissentlich verdrängt habe.

Es dominieren eh die Kindheitserinnerungen an die idyllische Dreiflüssestadt. Der Papa hatte damals oft hier zu tun und nahm uns ab und zu mit. Wunderschöne Altstadt, viel Kopfsteinpflaster und rundum überall Wasser. Fein!

An einem alten Gebäude am Donauufer zeigte er mir – ich war vermutlich 6 oder 7 Jahre alt – die Hochwassermarkierungen und ich weiß noch, wie fassungslos es mich machte, dass die Donau hier höher gestanden haben sollte als ich groß war (stimmt das grammatikalisch? falls nicht, sehen Sie’s mir bitte nach: es hat 35 Grad und ich hab 3 Stunden Rumlaufen hinter mir).

Ich erinnere mich an Herrn W., den späteren Gründer des Passauer Musuems für Moderne Kunst, er schenkte mir damals ein hübsches, aber kompliziertes Holzspiel, für das mir die Geduld fehlte. Und an ein mittleres Drama zwischen den Eltern, weil die Mutter mit einem Absatz im Kopfsteinpflaster hängenblieb und der Tag dann gelaufen war (und das nicht etwa, weil sie sich verletzt hätte).
Überwiegend aber sehe ich den Papa, wie er uns in seiner beigen Freizeithose und seiner Frühe-80er-Jahre-Windjacke (modische, gerippte Bündchen!) vorausläuft und sich überall auskennt und uns auf dieses und jenes aufmerksam macht (das Kind soll ja was lernen!).

Zu Studienzeiten auch ein paarmal durch Passau gefahren, auf dem Weg zum Freund nach Wien, der wegen seiner zeitaufwändigen Facharztausbildung nicht so oft die Stadt verlassen konnte. Meist kurze Rast hier, einen Happen gegessen und weiter.

Einer der Passau-Stops gekrönt von einem spektakulären Schlüsselbruch an der Autobahntankstelle. (Für die Jüngeren unter den Lesern: Ja, Schlüsselbruch. Damals sperrte man ein Auto noch ab. Mit einem richtigen Schlüssel.)
Getankt, dann den Schlüssel ins Schloss gesteckt und umgedreht, ihn wieder abziehen wollen und – schwupps! – blieb einfach der halbe Schlüssel im Schloss des kirschroten Fiestas stecken. Sehr ratlos stand ich da an der Tanke, das weiß ich noch gut.
Zweitschlüssel lag daheim in Würzburg, Handys hatte damals noch niemand, aber wenigstens befand sich das Portemonnaie in meiner Hand, das gab ein wenig Halt.
Der Tankwart hatte einen Spezl unten in der Stadt, und dessen Bruder hatte eine Ford-Werkstatt. Also fuhr mich der Tankwart obbe in die Stadt zum Ford-Händler, ich lief zur Werkstatt umme, der dortige Kfz-Mechaniker fuhr mich wieder auffe, öffnete mein Auto ruckzuck auch ganz ohne Schlüssel, entfernte die Reste desselben aus dem Schloss und fertigte mir unten in der Werkstatt einen neuen Schlüssel an (im Handschuhfach lag ja ordentlich das Bordbuch samt Serviceheft, dort war die Schlüsselnummer notiert).
Drei Stunden später und 200 DM ärmer (zu Studentenzeiten eine mittelschwere Katastrophe) konnte ich weiterfahren nach Wien, der angehende Herr Psychiater machte sich schon Sorgen und der geplante Absacker im Heurigenlokal fiel wegen meiner späten Ankunft leider flach.

Ich glaube, es gab sogar mal ein Wochenende mit dem Wiener Freund in Passau, weil exakt in der Mitte gelegen zwischen Wien und Würzburg. Kann aber nicht so prickelnd gewesen sein, sonst wäre die Erinnerung deutlicher. Ein ibis-Hotel, glaub ich, ohne Fön, mit schlechtem Frühstück und grausligem Weichspülergeruch im Bettzeug.

Dann waren da noch zwei nicht mehr genau datierbare Besuche bei K., in Hacklberg, einem Vorort von Passau. Seinerzeit der engste Mitarbeiter vom Papa und ein enger Freund von mir. Der zeigte mir als Einheimischer und Ortskundiger die Museen und Beisln der Stadt.

So viel zur persönlichen Passau-Historie.

Diesmal reisen das Dackelfräulein und ich dem Gatten voraus, der hier ab morgen eine kleine Tagung zum Thema „Stress“ begleitet (als ob er davon nicht eh schon genug hätte). Hören wir uns vielleicht auch mal einen Vortrag an, falls der Hörsaal klimatisiert ist. Ich schwanke noch zwischen einem Vortrag über Husserls Beitrag zur Stressforschung und einem anderen mit dem verlockenden Titel „Sinn finden in der Arbeitswelt“ (hä?, aber kann ja u.U. mal nicht schaden).

Vielleicht belassen wir’s aber auch bei Streifzügen durch die schattigen Gässchen der Altstadt, Eisessen, Rumgucken, Fotografieren, Baden am Innufer (das Fräulein) und Schwimmen in einem der schönsten Freibäder Deutschlands (ich). Zwischendrin ein wenig Schreiben und Arbeiten, falls die Hitze zulässt es und die Lüftung des Laptops nicht schlapp macht. Morgen Abend hinauf nach Hacklberg, wo uns K. in seinem Garten bewirten möchte, der Gatte ist sowieso bis spätabends eingespannt mit dem Tagungsvolk.

Natürlich aber ist – Sie ahnten es vielleicht eh!? – der Hauptgrund unserer Fahrt nach Passau ein Besuch im hier ansässigen, weltweit ersten Dackelmuseum (!), das vor gut einem Jahr seine Pforten öffnete und diese auch für Besucher auf vier Beinen nicht verschließt (so gehört sich das auch).

Betrachten wir diese Ausflugstage also als Dienstreise und fachliche Fortbildung, außerdem muss man ja auch den Viecherln mal ein bisserl was für den Verstand bieten und nicht immer nur ein sportliches Programm.

Wir halten Sie auf dem Laufenden, wünschen erträgliche Saharatage und immer einen kühlen Fluss in der Nähe.

Aus Passau grüßen reichlich verschwitzt –

Die Kraulquappe & Fräulein Pippa

PS: Der Shop vom Dackelmuseum ist zwar schön kühl, aber sonst ein geballter Irrsinn.

PPS: Gerade das „Kowalski“ wiedergefunden. Mehr als 20 Jahre ist’s her…

It’s dark at night.

Das Panoramahotel in den Bergen empfängt mich eingeschneit, aber panoramalos. Dass das so bleiben würde, war nicht zu erwarten, passt dann aber unerwartet gut zu Allgemeinbefinden und Stimmungslage.

Es lässt sich tagsüber nur erahnen, dass wir von Bergen umgeben sind, das Weiß der Skihänge geht nahtlos über in weißgraue Nebelschleier, die jenseits der 900 Höhenmeter alles verhüllen.
Ein Sessellift, den ich vom Bett aus sehen kann, verschwindet im Nebel, ein seltsam beruhigender Anblick ist das: am rechten Seil verschwindet Sessel um Sessel in dem dichten Dunst und zugleich taucht an der linken Seite der Strippe Sessel um Sessel wieder auf.
Nachts blitzen auch weiter oben an den Berghängen vereinzelt Lichter auf: Hütten, Liftanlagen, Pistenraupen.

Das Zimmer ist wie vor Anreise abgesprochen „puristisch und ohne Schnickschnack“, sieht man mal von dem sehr flauschigen star spangled bathrobe und dem Sinnspruch ab, den sie hier in jedem Zimmer an die Wand über dem Bett gepinselt haben.

Natürlich in jedem Zimmer einen anderen, so dass man leicht geneigt ist, in die vom Zufall zugeteilte Sentenz etwas Schicksalhaftes hineinzudeuten.

Mein Herz fühlt sich bleischwer, folglich ist das wohl nicht mein Zuhause hier, was nicht weiter überrascht, da ich ja auch verreist bin.
An den Sternenmantel gewöhnt man sich, schließlich guckt man nicht dauernd an sich herunter bei den paar Stiegen hinauf zur Sauna.

Aus der Sauna blickt man direkt auf den nachtschwarzen Berghang.

Bei der Nachtrunde mit dem Dackelfräulein ist es so stockdunkel, dass ich mir das Stirnlämpchen über die Mütze ziehen muss, damit wir nicht vom Weg abkommen. Unter dem harschen Schnee ist es eisig geworden, so wie es überhaupt sehr eisig geworden ist (vor drei Wochen erst saß ich mit Hagebuttenkrapfen und offener Jacke auf einer Bank am See und träumte schon vom Frühlingsbeginn).
Nachts drücke ich das Dackelfräulein viel enger als sonst an mich, damit ich morgens durchgewärmt aufwache. Nur gut, dass ihr das eh recht ist.

Tagsüber stapfen wir Stunde um Stunde schlecht gepflegte Winterwanderwege entlang. Gut gepflegt würden sie meine Laune aber auch nur unwesentlich bessern, fürchte ich. Ich friere trotz dicker Vermummung wie eine Irre, bin appetitlos wie nie, Magen und Kehle sind zugeschnürt, vermutlich ein Virus, diesmal wenigstens nicht Noro mit Vornamen. Das mit der Mukiku ist jedenfalls gründlich daneben gegangen.
Man kann halt nicht immer bei blauem Himmel und Sonnenschein glücklich durch die Berge hoppeln, so ist das (L)eben.

Ich schleppe mich in ein Lokal, in dem die Menschen einen Dialekt sprechen, der meine Ekelgefühle nur noch verstärkt, würge mir eine Kinderportion rein (wie sie einen schon ansehen, wenn man ein 4,90€-Gericht aus der Rubrik „Für unsere Kleinen“ bestellt!), denn irgendwas muss man ja zu sich nehmen außer Salzstangen und Orangen (eigentlich das Einzige, das mir schmeckt).
Das Herz schmerzt und der Magen mag nicht mehr.
Beim Essen entwischt mir eine Nudel, flutscht über den Tellerrand und landet mit ihrem roten Saucenhäubchen auf der bis dahin schneeweißen Tischdecke. Ich pieke sie verschämt von dort auf und verursache dadurch einen noch größeren Fleck.

Dabei fällt mir der Papa ein, den ich neulich, als er für uns gekocht hatte, bei einer neuen Esstechnik beobachtet habe. Der Parkinson versaut ihm schon seit Langem das kleckerfreie Speisen, aber ganz besonders schien es ihn zu ärgern, ja, manchmal beinahe zu quälen, wenn es ihm nicht gelingen wollte, mit seiner Gabel treffsicher in den nächsten Happen zu stechen (vom Hantieren mit dem Messer wollen wir erst gar nicht sprechen).
Nun hat er einen Trick gefunden, dieses deprimierende Harpunieren zu umgehen: Er hält die Gabel jetzt in der linken, nicht zitternden, aber motorisch schon immer ungebildeten Hand, parkt die rechte Hand neben dem Teller, hebt, wenn keiner zu gucken scheint, ein bisschen den Zeigefinger der ruhenden Hand an, so dass dieser knapp über den Tellerrand hervorschaut, und schiebt – sich von links mit dem Besteck nähernd – das aufzugabelnde Häppchen gegen seine Fingerkuppe, so dass es letztlich auf den Zinken landet. Das klappt sehr gut, viel besser als das fahrige Gestocher zuvor. Dennoch kommen mir fast die Tränen, wenn ich daran denken muss (und das muss ich erstaunlich oft) oder das hier so hinschreibe.
Ist etwas erst einmal erzählt, dann existiert es, ist auf bestimmte Weise festgelegt und nicht mehr so leicht veränderbar als wenn es unerzählt geblieben wäre. Das gilt nicht nur für die Gabelgeschichte. Vieles, wenn es erstmal dasteht, in die Worte gegossen, die man eben in jenem Moment des Niederschreibens wählen wollte (oder musste), wird einem dann noch bewusster – oder überhaupt erst bewusst? – in seinem jeweiligen So-sein.

Morgen Früh fahren wir wieder nachhause.
Die Auszeit ist also aus bevor sie an war.
(Cura te ipsum, sag ich mir.)

Von wohlmeinenden Genesungswünschen bitte ich Abstand zu nehmen (hab‘ mich bereits ausführlich genug selbst bedauert), erheiternde Kommentare oder schräge Berichte von in die Hose gegangenen Kurzurlauben sind hingegen jederzeit willkommen!

Himmel der Bayern (16): Lauf der Dinge.

Servus, Ruhpolding…

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… du hast dir echt Mühe gegeben mit deiner sonnigen, weißen Pracht …

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… – wir kommen wieder, wenn Fersen und Füße verheilt sind!

Himmel der Bayern (4): Sogar in Tirol.

4km jenseits der Grenze zum Freistaat:

Drei Tage zu dritt nachholen, was letzte Woche ins Wasser fiel. 

Kraxeln, Kühe, Kasnudeln. Karwendel eben.

Morgen: Falkenhütte.

Servus aus dem Rißtal, beim Warten aufs Alpenglühen –

Die Kraulquappe.

PS: Ein großes Dankeschön an unsere Trauzeugin D., die uns durchs Gießen der heimischen Balkonpflanzen den Verlängerungstag ermöglicht 🙂 !