Kleines Daumenkino oder: So eine Art Wochenrückblick.

Die Tage am Tegernsee waren nicht ganz unanstrengend.
Zum einen wegen der Tiefschneestapferei bergauf- und abwärts, über die wir natürlich nicht ernsthaft jammern wollen, weil das herrliche Wetter und das Tagestouristenverbot, das ja nun schon wieder aufgehoben wurde, einmalige, ach was sag ich: geradezu paradiesische Rahmenbedingungen für diese Ausflüge schufen.

Allein auf weiter Flur, das Fräulein putzmunter auf der Piste, problemlos stundenlang ohne Mantel, ich meist ohne Mütze/Handschuhe/Jacke hinterher, Mittagsrast in der Sonne, mit Krapfen und Knackwürstchen, bei einem der Abstiege kamen uns bereits die ersten Einheimischen in kurzen Hosen und Hemden entgegengehikt, ein Hauch von Frühlingsgefühlen umflatterte einen im gleißenden Glitzerlicht der Spätnachmittagssonne, den restlichen Abend flatterten dann allerdings die Beine von dem Surfen im sulzigen Schnee.

Zum anderen war’s anstrengend aufgrund der pandemie- und parkinsonbedingten Lage des Papas und der Lebensgefährtin.
Gelinde gesagt spitzen sich die diversen Schwierigkeiten, die freilich schon in der alten Normalität vorhanden waren, dort aber noch nicht gar so ins Gewicht fielen, im (Zusammen-)Leben der beiden allmählich zu. Der Papa nimmt nur noch die nötigsten Therapien wahr (das Angebot wurde wg. Corona eingeschränkt) und hat darüberhinaus irgendwie die Motivation verloren, sich ernsthaft für eine Verbesserung seiner Situation zu engagieren („Die Treppengeherei hier im Haus strengt mich schon genug an!“ ) und sieht als Betriebswirt auch nach dem Ende des Coronawinters noch so viel Düsternis und Kahlschlag nahen, dass er sich einem gewissen Grundpessimismus anheimgibt („Das wird da draußen in der Welt eh alles nix mehr!“ ). Die Lebensgefährtin muss alle Besorgungen des Alltags alleine bewältigen, weil der Papa seinen Radius recht konsequent auf die paar Meter zwischen Sofa, Küche und Esstisch beschränkt. Ihre Canastarunde, ihre Tennisstunden und das wöchentliche Freitags-Damenkaffeekränzchen – nichts davon findet mehr statt. Die Enkel kommen aus Sicherheitsgründen auch nicht mehr vorbei. Freunde sowieso nicht.
Nur ich, ab und zu, und das fällt für die Lebensgefährtin nicht gerade unter die Rubrik „Highlights“, soweit hat es noch nicht mal der wochenlange Lockdown gebracht (unser Verhältnis wird in diesem Leben nicht mehr über das einer befriedeten Koexistenz hinausgehen, in etwa vergleichbar mit der von Katz‘ & Hund, die nicht von kleinauf aneinander gewöhnt wurden, sondern zwangsweise lernen mussten, gelegentlich auf demselben Hof zu leben und in den Zeiten solcher Zusammentreffen Zank und Zwist aus Gründen der Ressourcenschonung so gut es geht zu vermeiden).
Da der Input der Außenwelt nicht mehr aus Begegnungen/Reisen/Kultur besteht, sondern Post und Nachrichten das Einzige sind, was derzeit noch von draußen hineindringt zu den beiden, gibt es während meines Besuchs neben der nicht endenwollenden Pandemie und der gottseidank beendeten Präsidentschaft Trumps nicht allzu viele Gesprächsthemen. „Es passiert ja nichts mehr bei uns“ , klagen beide, alles fühle sich an wie in diesem Film mit dem Murmeltier, ein Tag gleiche dem anderen.
Leider haben die beiden sich – womöglich um das Alltagseinerlei zu durchbrechen? – angewöhnt, sinnlose Streitereien über Kleinkram zu führen, kleinlichste Klärungen von Schuldfragen werden auf einmal ganz groß ausgefochten und selbst das Ergebnis dieser Fehden ist genauso wie der Murmeltiertag: beliebig, austauschbar, ermüdend.
Für den Papa ist es sichtlich schön, dass das Dackelfräulein und ich für ein paar Tage im Haus sind, das beschert seinem Tag eine andere Struktur und bringt neue Aufgaben mit sich („Hast du einen Wunsch, was du essen möchtest?“). Jeder Handgriff in der Küche geht quälend langsam vonstatten, helfen lassen will er sich nicht (nicht aus falschem Ehrgeiz heraus, sondern weil er es – genau wie ich – hasst, wenn ihm jemand in der Küche reinredet oder reinpfuscht, unter Teamplayern wird das Mithelfen genannt und ist stets gut gemeinter Terror), sein Bemühen um die Mahlzeiten rührt mich, vermischt sich aber spürbar mit einer schweren Sorge: Wie lange schafft er das noch? Und wenn er’s mal nicht mehr schafft – was ist dann?

Richtig rührselig wird es schließlich in zwei Momenten.
Der eine: als ich mir abends das Akkordeon schnappe und meine bisherigen La-Paloma-Versuche zum Besten gebe – da hat er Tränen in den Augen und lobt mich (beides eine absolute Ausnahmeerscheinung). Wir besprechen, welches Repertoire ich mir noch aneignen könnte, damit es dereinst im Pflegeheim genug zu singen gibt. Lili Marleen wünscht er sich sehr, ebenso Hey Jude und Wir lagen vor Madagaskar, und ich bestelle mir sofort die Noten.
Der andere: die Telekom schreibt ihm, dass sein Uralt-Handy ab dem Zeitpunkt der Abschaltung des 3G-Netzes nicht mehr funktionieren wird und offeriert einen neuen Vertrag samt neuem Gerät, natürlich ein Smartphone, was er aber für seine letzten Lebensjahre unbedingt vermeiden wollte. Mit zittriger Hand reicht er mir das Schreiben und fragt, was er denn nun tun solle und gesteht mir im selben Atemzug, er habe noch so einen blöden Brief bekommen, nämlich von seiner Bank, die ihn darauf einstimmt, dass er die fürs Online-Banking benötigte TAN künftig von einer App generieren lassen müsse („…und App, das heißt doch dann auch wieder Smartphone, oder?“ ).

Beide sind wir noch immer recht ungeübt in diesem Rollentausch, obwohl der sich an manchen Punkten eh längst vollzogen hat, der Startschuss dazu fiel ja schon vor fünfeinhalb Jahren auf unserer letzten gemeinsamen Reise, nämlich am Abreisemorgen in dem kleinen, hektischen Hotel mitten in Helsinki, in dem sie nur Finnisch, Schwedisch, Russisch oder Englisch sprachen, was den Papa sichtlich überforderte, so dass er zum allerersten Mal die Abwicklung des Auscheckens und das Ordern des Taxis, das uns zum Flughafen bringen sollte, mir überließ, und ich fast ins Stottern geriet, als ich mit der Rezeptionistin sprach und ihn währenddessen mit etwas verlorenem Blick neben unseren Koffern in der Lobby sitzen sah, er, der mir bis zu diesem Augenblick jahrzehntelang das Gefühl gegeben hatte, immerzu alles im Griff zu haben und geregelt zu bekommen – und nun war plötzlich ich an der Reihe…

Zurück zur vergangenen Woche.
Die letzten beiden Stunden meines Besuchs am Tegernsse verbringe ich also damit, den Herrn Vater zu beruhigen, dass der Wechsel von seinem Nokia 3310 auf ein Smartphone nicht den Weltuntergang einläuten wird, sondern er auch mit „so einem Scheißgerät“ weiterhin ganz normal würde telefonieren können, ohne Verwendung „fürchterlicher Apps“ , denn die bräuchte er nur für ein paar wenige andere Dinge. Er guckte grantig, hörte mir aber geduldig zu, fuhr nebenbei mit dem Zeigefinger seiner nicht-parkinson-betroffenen Hand unaufhörlich und Rille für Rille des vor ihm liegenden Tischsets ab und nickte ab und zu stumm. Schwer zu sagen, ob er das Tun seines eigenen Fingers abnickte oder meinen Vortrag über die Vorzüge eines Smartphones, ich tippe eher auf Ersteres.
Bevor ich mich ins Auto setze, um nachhause zu fahren, verspreche ich ihm, mich daheim in München bald um die Vertragsänderung zu kümmern.
Mal langsam!“ , interveniert er, das müsse man doch jetzt nicht überstürzen, das liefe einem ja nicht davon und da wolle er schon noch ein Weilchen selbst den Daumen drauf haben.
Und damit beschloss er das Thema.

Apropos Daumen. Hat irgendwer von Ihnen in den Wintermonaten vielleicht auch diese Probleme mit einreißenden Fingerkuppen? Und verwendet zur heilenden und schützenden Abdichtung solche Spezialpflaster (konkret: Compeed für Fingerkuppen)? Kriegen Sie das hin? Klappt das bei Ihnen?
Ich plage mich seit zwei Wochen mit deren Anwendung herum und wäre äußerst dankbar für jedweden Tipp zum zügigen, korrekten und vor allem zerstörungsfreien Anbringen jener Heilmittel auf kaputte Daumenkuppen.

Bis vor einigen Jahren nannte ich diese allwinterliche Daumenkuppendauerverletzung noch meinen „Langlaufdaumen“ , weil das Phänomen damals nur auftrat, wenn ich nach ein paar Stunden in der Loipe meine trotz dieses strapaziösen Sports immer noch dauereiskalten Finger aus den etwas zu starren und nicht optimal sitzenden Handschuhen entließ.
Manchmal blutete die Daumenkuppe sogar schon im Handschuh und wenn es besonders blöd lief, verklebte die Wunde noch während des Sports mit dem Stoff und das Abziehen des Handschuhs war dann ziemlich schmerzhaft.
Der Riss im Daumen wuchs während der Wintermonate nie so richtig zu, weil immer wieder ein neuer Langlaufausflug dazwischen kam und das Ganze damit wieder von vorne begann. Auch neue Handschuhe schufen keine Abhilfe, herkömmliche Pflaster sowieso nicht und diese Superdinger von Compeed gab es damals noch nicht.
Mittlerweile betreibe ich keinen Langlauf mehr (neben Gassigehen, Bergtouren und Joggingrunden habe ich definitiv keine Lust auf eine weitere Bewegungsvariante, die per pedes ausgeübt wird), nur der Langlaufdaumen, der ist mir geblieben bzw. kehrt zuverlässig Winter für Winter zurück.
Dafür gibt es zwischenzeitlich eine immense Erweiterung der Pflaster-Palette von Compeed, die ich zunächst zur Anwendung am zerschundenen Wanderstiefelfuß kennen- und schätzen lernte (simple Anwendung, tolle Wirkung), dann für lästigen Lippenherpes (schon nicht mehr ganz so simple Anwendung, falls es aber gelingt: gute Wirkung) und nun auch gern meinem winterwunden Däumchen angedeihen lassen würde, wenn ich denn in der Lage wäre, das blöde Teil so anzubringen, dass es dort haften bliebe und wirkte.

Und wo wir gerade bei den Gebrechen sind: Nach langer Suche habe ich ein Online-Yoga-Portal gefunden, das mich weder zu sehr mit spirituellem Beiwerk belastet noch in eine Community hineinzwängt, sondern mir einfach und für wenig Geld ermöglicht, meinen schwimmbadschließungsbedingten Schulter- und Nackenbeschwerden entgegenzuwirken und generell ein wenig an der ohnehin längst verlorengegangenen Geschmeidigkeit zu arbeiten.
Ja, ich formuliere das bewusst so: zu arbeiten. Denn Spaß ist das (noch) nicht, wenn man in mancher Haltung statt fünf Atemzügen nur zwei schafft oder bereits mit dem Erreichen der Haltung wie ein Mehlsack, der Schlagseite bekommen hat, auf seiner Matte umkippt, und dabei noch dazu von den Homeoffizieren im Haus gegenüber beobachtet werden könnte.
Nicht alles wird ja während so eines Lockdowns reduzierter oder distanzierter, im Gegenteil: manches enthemmt und entgrenzt sich geradezu schamlos, sind ja schließlich alle daheim und haben Fenster (und wer arbeitet oder trainiert schon bei heruntergelassener Jalousie oder zugezogenen Vorhängen).
Jedenfalls ist der Onlinekurs recht erträglich, vor allem sprachlich gefällt er mir, weil etliche der Lehrer, die einen schinden, Österreicher sind. Da klingt manches gleich viel charmanter und selbst wenn mal ein „Ommmm“ gebrummt wird, schwingt da viel mehr Gutturales mit, als es ein hochdeutsch sprechender Yogi je zustande bekäme.

Sonst ist alles murmeltiermäßig.
Die Konturen dieser Winterwochen verschwimmen allmählich. Ich schreibe wieder, auf einmal fließt es wieder, erfreulich ist das. Zwei Begegnungen pro Woche, 1x mit dem hübsch Bewimperten, 1x mit D., wie gehabt. Drei- bis viermal Sport oder sowas in der Art. Einmal wöchentlich ein Wannenschaumbad, bevorzugt nach dem Wochenendlauf im Park. Natur und Berge so oft es die Verpflichtungen erlauben. An fünf von sieben Abenden wird eine Dreiviertelstunde auf dem Akkordeon geübt. An ebenso vielen Abenden trifft sich das gesamte Rudel gegen 20:30 Uhr auf der Couch zum Serie-Gucken, mittlerweile sind wir in einem Alter, in dem man nach 8-10 Jahren dieselbe Serie glatt ein zweites Mal ansehen kann und sich genauso gruselt wie beim ersten Mal. Die Krapfensucht hat ihren Zenit noch nicht überschritten, obwohl ich ihr nun in Woche 2 nahezu täglich fröne, dummerweise ist die Konditorei Kustermann fußläufig nur drei Minuten von unserem Home & Office entfernt und macht die besten Hagebuttenkrapfen der Stadt (unfettig, schön groß, sehr luftig, mit nicht zu süßer, eher dunkler Hagebuttenmarmelade befüllt, die – wichtig! – nirgends raustrieft, wenn man den ersten Bissen nimmt und vor allem: die leckeren Dinger sind – so gehört sich das! – ausschließlich mit Puderzucker bestäubt, und zwar nicht zu dick – mit diesen lackierten Trümmern, womöglich noch mit Farbe im Lack, können Sie mich jagen, mit den diversen Füllungsvarianten erst recht).

München versinkt seit gestern im Schnee. In den Isarauen und auf der Schneeresienwiese wird Langlauf gemacht, die homeschoolingmüden Kinder aus dem Viertel rodeln neben der Bavaria den Hang hinunter. Die Zamperln dieser schönen Stadt kriegen sich nicht mehr ein vor Freude an der weißen Pracht, das Dackelfräulein gräbt unter der Schneedecke einen großen Ast hervor und rastet anschließend aus wie zu Welpentagen.

Himmel der Bayern (15): Uphill, downhill.

Von wegen Ruh-Polding.

Schon die Nacht war alles andere als ruhig. Gerade friedlich eingeschlummert, werde ich wieder wach, weil dem Dackelmädchen übel ist. Sie stupst mich an und trottet mit Hängeohren und Würgen zum Bad, dort erbricht sie sich (wegwischfreundlich – was man einem Hund nicht alles beibringen kann!). So ging das dann im 2 Stunden-Takt bis die Morgensonne durch die Eiszapfen vor dem Balkon hereinlugte.

Beim Morgengassi zittert der Hund trotz Mantel am ganzen Körper, immerhin hat sie keinen Durchfall, aber in Sorge ist man trotzdem. Zumal unser Hund quasi nie Magenprobleme hat und – wenn überhaupt – nur 1x kotzt (danach ist’s stets wieder gut). Nach dem Gassi verkroch sie sich ins Bad, kauerte sich in eine Ecke und blickte erbärmlich drein.

Gerädert zum Frühstück gegangen, die einzige morsche Semmel im riesigen Brotkorb erwischt. Egal, dem Rührei sei Dank rutschte sie schon runter. Der Hund immer noch im Bad.
Um 9:30 Uhr Termin in Vorderbrand 4 vereinbart, bei Dr. H.. Mein eigentlich recht gutes Hörverständnis des Bayrischen wird auf eine harte Probe gestellt, aber das Wichtigste ist ja zunächst, dass der Tierarzt meinem Hochdeutsch entnehmen kann, was mit Pippa los ist. Und „Schnee-Streusalz-Gastritis“ verstehe ich dann gottseidank sofort, das klingt auf Ruapaddingerisch fast genauso.

Wie kommt’s? Erwischen Hunde zu viel eiskalten Schnee – und den zu erwischen ist beim Sausen und Spielen im Tiefschnee keine Kunst, da so ein Dackel mit der Schnauze ja recht bodennah unterwegs ist – kann sich die Magenschleimhaut entzünden. Kommt dann noch der Chemie-Cocktail diverser Streusalzmischungen hinzu, reagieren einige Hunde mit Erbrechen, manche sogar direkt während oder nach den Spaziergängen. 

Hatten wir noch nie. Dr. H. meint, das käme in strengeren Wintern häufiger vor und allzu oft gibt’s die ja nicht mehr. Auch diese arktische Kälte kann den Hundekörper zusätzlich strapazieren. Nun ja.
Mit einer Dose magenschonendem Diätfutter und dem guten Rat, der Hund solle heute geschont und warm gehalten werden, marschierten wir wieder von dannen.

Um 10:30 Uhr stieg ich folglich taufrisch, bestens ausgeschlafen, ziemlich erholt und energiegeladen in die Loipe hinterm Haus ein. Traumwetter! Nix los!

In beiden Richtungen bot sich nach wenigen Metern nur eine steile Abfahrt an. Um Himmels Willen. Ich steh doch erst zum vierten Mal seit der Knie-OP wieder auf den Brettern… „So you’re scared and you’re thinking that maybe we ain’t that young anymore“ – singt es in mir (merke: Es gibt keine Lebenslage, für die es kein Springsteen-Zitat gäbe.)
Jedes Bangen um meine Menisken und Schultern ignorierend wählte ich beherzt die sich gen Süden hinunterstürzende Spur. Natürlich war die Spur unten ausgefranst, vereist noch dazu, aber in einem dämlichen, ungelenken Pflug dem Ende des Hangs entgegenbremsend konnte ich das Gröbste verhindern. 

Nach ein paar weiteren Kilometern – immer noch sonnig, menschenleer und bester Schnee – schwante mir, dass ich mich für die falsche Abfahrt entschieden hatte: Mir kamen andere Langläufer entgegen, die mich anmeckerten, dass ich gefälligst die Laufrichtung einhalten solle. Ich fuhr weiter und nahm in Kauf, dass ich in ein paar Kilometern erneut einen Anschiss kassieren würde. War grad so gut reingekommen in die Bewegung, die alten Fischerski flitzten noch wie eh und je.

Ein zweiter Rüffel blühte mir nicht mehr, stattdessen aber eine Loipe, die kein Ende zu nehmen schien. Künftig empfiehlt es sich, die Lesebrille aufzusetzen, wenn man den Loipenplan studiert. Dann sähe man auch, dass die angebliche Verbindungsstelle von zwei Loipen (die Taille einer 8, die ich brillenlos klar zu erkennen glaubte) keine Verbindung ist, sondern dass da noch Platz dazwischen ist. Im Gelände gestalten sich diese 2 Milimeter Platz dann so: bewaldeter Hang mit unpassierbarem Tiefschnee. Kein Abkürzen, sondern Weiterlaufen (vom gestrigen Lohengrin Nr.2 ist spätestens jetzt kalorientechnisch nix mehr übrig, so viel ist gewiss).

Fast zwei Stunden später (geplant war eine!) kroch ich nach 17 Kilometern inklusive viel zu vielen Steigungen und Abfahrten sowie zwei schmerzenden Blasen an den Fersen die letzte Steigung zu meiner Unterkunft hoch.

Pippa schnarchte in ihrem mit Decken ausgepolsterten Krankenfauteuil noch tief und fest ihrer Genesung entgegen, war dann aber sofort hellwach und im Krankenschwester-Modus, als ich meine Socken auszog und sich die eine Blase als kleines Blutbad entpuppte.
Nach einer heißen Dusche und notdürftigem Abkleben der Fersen wandertenhumpelten wir gemeinsam nach Ruhpolding-City. 

Ja, wir humpelten beide. Dem Hund taten nun auch noch die Pfoten weh. Die Kälte? Das Streusalz? Die miese Allgemeinverfassung? Das hündische Solidarisieren mit Frauchens Leiden? Keine Ahnung. 

Somit hatte mein geplanter Gang zur Apotheke gleich doppelt Sinn: zu Compeed-Extra (das Beste, was man auf kaputte Füße kleben kann!) gab’s nun auch noch eine Tube Vaseline. Zwei Stunden später und wieder „daheim“ im Warmen, konnten alle 6 Füße erfolgreich verarztet werden.

Einen zweiten cross-country-Ausflug kann ich mir glatt sparen, dachte ich mir beim Compeeden und Cremen, während Pippas Magen schon wieder beunruhigend blubberte und rumorte. Wir reisen nicht am Freitag, sondern morgen ab. 
Obwohl es hier wirklich schön ist, aber in dem Zustand wäre nur noch eine Pferdeschlittenfahrt (in Bärenfelle gehüllt und mit becherweise Punsch) möglich, die das Touristenamt Ruhpolding 3x täglich anbietet (eine davon sogar mit Einkehr bei der Windbeutelgräfin).

Rundum ramponiert (erwähnte ich schon mein seit dem Wohnungstermin entflammtes Halsweh? und das allmonatliche Hormonübel?) schlurfte ich runter in den Hotelkeller und schlief in der finnischen Sauna fast ein. Urlaub pur eben.

Das mit dem Abstandgewinnen von den nervigen Themen daheim in der Stadt, das hat echt voll super geklappt. 

So ist es ja oft mit diesen Kurzurlauben: man ist intensiv mit all den neuen Eindrücken und Erlebnissen beschäftigt, taucht völlig ein in das Hier und Jetzt, da kommt man gar nicht mehr auf die Idee, dem Schnee von vorgestern noch länger nachzuhängen und sich das Leben davon vermiesen zu lassen. 

Das müssen manchmal gar keine 3 Tage Auszeit sein, wenn so ein kleines Urlaubsparadies mit einem Event nach dem anderen aufwartet.

Da reichen sogar zwei Tage. Locker.

Aus dem Biathlon-Mekka grüßt euch etwas angeschossen
Die Kraulquappe.