Heart and soul. Zum 18. September 2018.

„No one you have been and no place you have gone ever leaves you. The new parts of you simply jump in the car and go along for the rest of the ride. The success of your journey and your destination all depend on who’s driving.“
[Bruce Springsteen: „Born to run“, 2016.]

In diesem Sinne wünsche ich dir, liebe S., für deine Reise durchs neue Lebensjahr immer den richtigen Chauffeur, allzeit die passende Geschwindigkeit, in heiklen Kurvenlagen ausreichend Stabilität und gute Bremsen – und vor allem viel Vergnügen auf all deinen Wegen!

Von Fan zu Fan ist es ja die allergrößte Herausforderung, einen adäquaten Geburtstagssong aus dem riesigen Werk unseres Meisters herauszufischen. „Glory Days“, das du ja sehr magst, war mir zu retrospektiv, „The ties that bind“, das dir sehr viel bedeutet (mir auch!), ist für dich ja arg speziell „besetzt“, ein paar Songs, die ich gern genommen hätte, waren mir zu beach-beer-summer-shalalala-mäßig und so vertiefte ich mich schließlich in die Rubrik „songs that matter through all my life“ und durchforstete sie gründlich .
Dort lagert das, was ich üblicherweise eher selten rauslasse, weil: zu melancholisch, zu sperrig, zu persönlich, zu unspektakulär, zu erinnerungsbeladen, zu unzugänglich oder musikalisch/poetisch einfach zu unbedeutsam.
Aber wenn das überhaupt jemand versteht, dass man an genau solche Songs sein Herz für immer verlieren kann, dann wohl du!

Und so widme ich dir heute einen meiner heart&soul-Songs, in dem es nebenbei passenderweise auch um eine längere Fahrt geht (wenngleich ich dich ebenso wenig wie mich für eine passionierte Schuhkäuferin halte), in dem es aber vor allem diese beiden Worte sind, die mich wieder und wieder erschaudern lassen (hier, in der wunderbaren Version aus Göteborg, bei 6:14 zu hören):

„(through the wind, through the rain, the snow, the wind, the rain),
girl, you’ve got my love, heart and soul!“

 

Zehn Minuten und achtzehn (!) Sekunden aus einer schwedischen Sommernacht (begeistert er dich eigentlich im Profil genauso wie mich?) hier und heute für dich mit meinen herzlichsten Glückwünschen und lieben Grüßen aus München, wo wir uns ja in Kürze wiedersehen werden!

Greetings from tramp to tramp with all my heart and soul –
Deine Natascha

Hall_uzinationen.

Diese Reise hat beinahe etwas Unwirkliches: Wenn wir nicht gerade von netten Tiroler Bergführern oder freundlichen Menschen vom Tourismusverband umhergeführt oder verköstigt werden, sitzen wir bei 30 Grad unter Palmen, gucken uns staunend um und können diese unglaubliche Bergwelt, die uns hier in Hall umgibt, einfach nicht fassen.

Und um sie vielleicht doch fassen zu können, gehen wir los – hinauf, hinab, hinüber, herum – und dennoch bleibt sie unfassbar.

Obwohl ich das Karwendel kenne, obwohl ich da einst komplett drübermarschiert bin und jedes Jahr Touren dort unternehme, obwohl mir all das ja eigentlich so vertraut ist, ergreift mich der bloße Anblick, die herbe Schönheit und die weiße, leuchtende Schroffheit dieser Kalkalpen immer wieder zutiefst: Verneigen möchte mich vor dieser stillen, gewaltigen Erhabenheit – oder aber meinen Tränen freien Lauf lassen.

Nirgendwo war ich je so verbunden mit Gesteinsmassen, nirgendwo je so verbunden mit dem, was man gemeinhin „Seele“ nennt. Allein dafür hat sich’s gelohnt, diese Einladung anzunehmen. Ob ich hernach in der Lage sein werde, einen Artikel darüber zu schreiben? Ich weiß es nicht.

Über das Innerste zu schreiben, das kostet stets so viel Kraft. Gelingt es, entsteigt man gestärkt seinem eigenen Text. Aber der Zeitpunkt, um hineinzuspringen in dieses noch unsortierte, aufgewühlte Wörtermeer, da hineinzuspringen und es erst zu zerteilen und dann zusammenzusetzen (und dies mehrfach, und manchmal so lange, bis man fast nicht mehr kann, und dann doch weiterzumachen, weil man auch nicht aufhören kann damit) – dieser Zeitpunkt, den wählt man nicht, sondern er erwählt einen.

Man spürt es sofort, wenn es soweit ist.

Und bis dahin sortieren wir eben Fotos.

Das Dackelfräulein besucht die erste Hundeboutique.

Madame Hund testet Gebäck in der zweiten Boutique.

Pippa gähnt Wolfi, den Coiffeur in der Bellness-Oase, an.

Kraxeldackel im Südkarwendel: SB-Theke in der Knappenkammer unterhalb des Lafatscherjochs.

Tiroler Landesfarben hinter Teckel auf 1.601m Höhe.

(Und bevor jemand fragt: Nein, wir, resp. ich, mögen Hundeboutiquen überhaupt nicht. Wir müssen da halt hin. Das ist nämlich eigentlich gar keine Pressereise, sondern eine Fressireise.)

S’Glück is a Vogerl…

… – wie’s in Österreich so schön heißt – und in diesem Sinne fliegen wir morgen dann mal los zu unserer kleinen Pressereise nach Tirol, wo wir auf ein paar schöne Tage, Erlebnisse, Eindrücke und Fotos hoffen, so dass im Anschluss ein feiner Artikel draus werden kann.

Das Fräulein in Vorfreude auf die Bellness-Oase.

Das Rad des Lebens dreht sich recht munter im Moment, größere Loopings brauch‘ ich dieses Jahr allerdings (nach allem, was so war und ist) keine mehr…

…irgendwelche Höllenfahrten schon gleich gar nicht…

…stattdessen gucken wir lieber der Lebensfreude unters Röckchen…

…oder bei einem Glaserl Gerstensaft in den Himmel der Bayern oder der Tiroler hinauf.

Slogans, die man sich zu Herzen nehmen sollte.

Sie hören von uns & haben auch Sie einen freudigen Wochenstart!

Knarzende Scharniere oder: I got my finger on the trigger.

Mit Süßkram hab ich’s nicht so sehr.
Würde sich der gezuckerte Teil der Welt auf Nutella, Pistazieneis und Streuselkuchen beschränken, würde mir nichts Wesentliches fehlen (wenn mir hingegen die Brezen genommen würden – dann gute Nacht!). Letzterer, also der Streuselkuchen, hat jetzt Hochsaison, das erntereife Obst, so wirkt’s, wenn man den Blick über die Kuchenvitrinen schweifen lässt, kann es kaum erwarten, sich dicht aneinander geschmiegt unter die buttrigknusprigen, goldbraunen Streusel zu legen und sein Fruchtfleisch genüsslich auf Hefe- oder Mürbteigböden auszustrecken.

Heute Morgen rief mich überraschend B. an. Ob er kurz vorbeikommen dürfe, er hätte zwei Bleche Streuselkuchen gebacken und das sei eigentlich als kleines kulinarisches Beiwerk für den geplanten Umtrunk im Büro zu viel des Guten. Die Kollegen wüssten das eh nicht zu schätzen. Da habe er an mich gedacht.
Eher Birne oder Zwetschge, habe er sich gefragt, sich dann aber erinnert, dass ich in derlei Gebäck lediglich die Matschigkeit von Äpfeln nicht allzu sehr goutiere. Ob der Gatte da sei, dann brächte er gern die doppelte Menge. Er könne ruhig die doppelte Menge bringen, obwohl der Gatte in Frankfurt sei, entgegnete ich. Bei Streuselkuchen darf man mir ruhig was zutrauen.
Und so fuhr er mittags zu mir, stellte mir vier große Stücke des duftenden Kuchens in die Küche, drückte mich kurz, sah mich an, machte eine Bemerkung zur Müdigkeit, die mir wohl ins Gesicht geschrieben stand sowie zur Herpesinvasion auf meiner Oberlippe, gab damit zu erkennen, dass er in etwa wusste, wie es mir geht, schnürte daraus noch einen anteilnehmenden Schlusssatz und musste leider gleich wieder los, zurück ins Büro.

*****

Als ich die Tür hinter ihm schloss, war mir nach Heulen zumute.
Weil B. – obwohl sehr sprachgewandt und sicher im Ausdruck – Gefühle kaum je mit schönen Worthülsen ummantelt, sondern überwiegend in Taten ausdrückt.
In den anderthalb Jahrzehnten, die wir uns kennen, hat er mit einer Kontinuität hinhören, sehen und wissen wollen, wie ich sie nur bei wenigen Menschen erlebt habe. Beständig stellte er Fragen, wenn er nicht verstand, und gab Antworten, wenn ich verstehen wollte. Mit Kritik hielt er ebensowenig hinterm Berg wie mit Zuspruch. Von allergrößter Einigkeit bis hin zu kaum überbrückbaren Differenzen haben wir alle Stadien an Mitteilungslust und -frust durchlaufen. Beide hassen wir Rumsitzen und Rumtrödeln, beide lieben wir es, wenn der andere Ideen hat und die Initiative ergreift, beide freuen wie uns, den anderen mitreißen zu können, beide sind wir bekennende Resonanzjunkies und ekelhafte Korinthenkacker, wenn es um Klippen und Klappen der Kommunikation geht.
Es gibt nicht viele Menschen, von denen ich behaupten würde, dass sie mich wirklich kennen oder erkannt haben (und umgekehrt), B. gehört jedenfalls zu ihnen.

Dieses Glück ist wie ein Scheck, den man überall und jederzeit einlösen kann, selbst wenn man einander zwischendurch, so wie B. und ich, zweimal zwei Jahre nicht gesehen hat, unterbrochen nur von einer Beerdigung und einem Krankenhausbesuch (absurd eigentlich, aber so ergab es sich).
Man steht sich gegenüber, nimmt den Faden wieder auf als hätte man ihn erst gestern fallen lassen oder sowieso nie aus der Hand gelegt, nichts ist verloren oder vergessen, aber alles verziehen und verwunden.
Ein Glück, dass wir seit ein paar Monaten wieder in Verbindung sind.

Ich legte mir eines der Kuchenstücke auf den Teller, nahm es mit an den Schreibtisch, begann genussvoll zu essen und riss mir bereits beim zweiten Bissen eines meiner Beulenpestbläschen an einer krustigen Streuselkante auf. Es war nicht das Bläschen, das ich mir morgens beim Abtrocknen mit dem Frotteehandtuch aufgehobelt hatte, sondern ein anderes. Etwas Blut tropfte hinunter und landete recht adrett exakt zwischen zwei Zwetschgenschnitzen.
Man wird also beim Zubeißen in den nächsten Tagen ebenso Acht geben müssen wie beim Lachen oder Schreien oder Zähneputzen.

*****

*****

Manche Menschen überschütten einen mit Liebesschwüren, man fühlt sich wonnig überzogen von ihrem verbalen Zuckerguss, schleckt mal links, mal rechts an der süßen Schicht, überfrisst sich vielleicht sogar ein bisschen an der köstlichen Klebrigkeit. Und stellt wenig später erstaunt fest: praktisch und faktisch bleibt nicht viel mehr davon übrig außer einem klebrigen Gefühl auf der Zunge.

Den größten Worten folgen oft nicht mal die kleinsten Taten. Eine leise Kritik, ein falsches Wort, ein einziges mitgeteiltes eigenes Bedürfnis kann ausreichen und schon treten sie den Rückzug an, wenden sich gekränkt ab. Flugs verwandelt sich das gerade noch lodernde Feuer ihrer Zuneigung zum kläglich glimmenden Kohleklumpen, der noch ein Weilchen die Temperatur hält und wenig später in stummer Kälte erlischt.

Sie lieben sich in ihrem Liebestaumel und in der Vorstellung ihrer selbst als Liebende so sehr, sonnen sich in ihren Bekundungen, wälzen sich wohlig darin und vergessen darüber völlig, dass sie den anderen, die Zielscheibe ihrer Schwüre, entweder gar nicht oder nicht gut genug kennen, um ihn überhaupt und noch dazu mit diesem Überschwang lieben zu können.

Aber ums Kennen geht es ihnen ja auch nicht, schon gar nicht ums Erkennen, dazu sind sie viel zu verstrickt in sich selbst, verheddert in die ewige Nabelschau ihres von der Welt ach so missachteten oder beschädigten Ichs oder völlig aufgeweicht vom Bad in ihren zerquälten Seelentümpeln, in denen schon seit Jahren keine Rose mehr gedeihen möchte und alles Lebendige mangels Licht und Pflege längst veralgt oder verendet ist.

*****

Auch die Mutter war so gestrickt.
Sie gefiel sich so sehr in den wenigen Szenen unseres 17 Jahre währenden Theaterstücks, in denen sie als „die Liebende“ auftrat. Dankbarkeit und Applaus waren angesagt, wurden geradezu eingefordert: „Schau her, wie ich dich liebe und was ich dir alles opferte!“ lag in jedem ihrer Schritte, mit denen sie über die Bühne stolzierte, das Haar in den Nacken und mir ein Lächeln zuwerfend.

Dankbar sollte ich sein, wenn sie, die ewig Angeschlagene, trotz allem in der Lage war, mir dieses Lächeln zu schenken.
Einmal im Jahr gab es Streuselkuchen, mit matschigen Äpfeln darin, dankbar sollte ich sein für diese Anstrengung, die sie meinetwegen auf sich genommen hatte.
Hatte sie sich tagelang von allem zurückgezogen und kam für einen Moment wieder hervorgekrochen aus ihrem Elendssumpf, hätte ich besonders dankbar sein müssen, denn schließlich hatte sie diesen Kraftakt nur für mich vollbracht.

Für mich, die ich sie qua meiner Existenz in dieses Jammertal verbannt hatte, weil man als Frau mit Kind am Hals in den 70er Jahren nun mal nicht hätte davonlaufen können aus einer Ehe, die nichts weiter war als die Eintrittskarte in das Tal der Tränen.
Also schickte sie den Mann davon, diesen undankbaren Klotz, dem sie doch ihre besten Jahre geschenkt hatte, die ihr nun niemand mehr zurückgeben konnte. Blieb, wo sie war, behielt das Kind und den Hund, und war fortan noch überforderter.

Mit aufgeschlagenen Kinderknien konnte sie noch umgehen, auch mit Erkältungen, aber als die Wunden und Infekte des Heranwachsens größer und schwieriger wurden, begann ein Wettstreit, bei dem der Sieger bereits feststand. Egal, was ich auch hatte: ihr Leid war größer, wichtiger, langwieriger.
Die wenigen Male, die ich es wagte, trotz ihres schwereren Leidens um Aufmerksamkeit, Zuwendung oder Trost für mich zu bitten, wies sie mich schroff und zutiefst erschüttert von sich.
Ob ich denn nicht sähe, wie schlecht es ihr ginge und dass es ihr nicht möglich sei, sich jetzt auch noch mit mir zu befassen. Es ginge um ihr Überleben, ob ich das denn nicht begreifen würde. Noch ein Mucks und sie verstummte mit einer Dramatik, die einem Angst und Bange werden ließ (von den Strafen soll hier und heute nicht die Rede sein).
Schon Jahre vor dem ersten Krebs gab es dieses gefühlte „Es“, dieses unheimliche Etwas, das größer war als sie und das über sie kam wie eine Heimsuchung, der sich alles zu beugen hatte. Ich beugte mich. So tief ich konnte, aber nur bis zu einem Punkt, von dem aus es immer noch möglich war, hinaufzuschielen zu der Mater dolorosa, um die ich mich zu kümmern hatte und nach deren Befinden alles ausgerichtet werden musste.

Ich verschwand ganz und gar hinter dieser Aufgabe, wurde unsichtbar und zugleich an der Oberfläche zur perfekten Marionette und zur allzeit aufmerksamen Besorgerin, wie die Haushaltshilfen in Österreich so schnöde tituliert werden. Und wetzte des nachts in meinen Träumen die Messer, mit denen ich eines Tages diese Schnüre alle durchtrennen würde.

Ab und an ließ ich eine der noch unfertigen Klingen aufblitzen, wenn ich in Diskussionen merkte, dass meine Argumente die besseren waren und ich sie damit mühelos in die Enge hätte treiben können, was ich freilich niemals gewagt hätte (die drohende Strafe, nicht auszudenken!), ritzte meine Worte damit heimlich unter die Tischplatte, wo ich sie später, in den vielen so hilflosen Momenten, zumindest noch mit den Fingerspitzen ertasten konnte wie ein Blinder die Brailleschrift.
Zur Selbstvergewisserung und zur Ablenkung von dem Unsäglichen, das sich oberhalb der Tischplatte zutrug.

Als der erste Krebs kam, und er kam leider recht früh, hatte sie zeitgleich mit der Diagnose auch ihr ultimatives Totschlagargument erhalten. Sie nutzte es reichlich.
Selbst in den Runden, in denen sie das schlechtere Blatt hatte, zog sie dieses düstere Ass aus ihrem Ärmel und warf es mit versteinerter Miene auf den Tisch. Game over.
Da lag es, glotzte uns mit seinen fahlen Augen drohend an und verdammte uns für die noch folgenden Jahrzehnte ihres Überlebens zum Schweigen.

*****

I got my finger on the trigger
But I don’t know who to trust
When I look into your eyes
There’s just devils and dust
We’re a long, long way from home
Home’s a long, long way from us
I feel a dirty wind blowing
Devils and dust

Well I dreamed of you last night
In a field of mud and bone
Your blood began to dry
And the smell began to rise

And I’m just trying to survive
What if what you do to survive
Kills the things you love
Fear’s a dangerous thing
It can turn your heart black you can trust
It’ll take your God filled soul
Fill it with devils and dust

*****

Hier stehe ich nun. Das ist meine Geschichte.
Nun kann ich sie erzählen, die Zeit ist reif dafür.

30 Jahre sind vergangen seit „damals“.
30 Monate, seit sich ein Deckel für immer geschlossen hat. Ihrer.
Und ein anderer sich öffnen konnte. Meiner.

Ich drücke ihn nach oben, stemme mich gegen den Widerstand seiner knarzenden Scharniere, hebe ihn schließlich ganz hoch, bis er einrastet und ohne mein Zutun geöffnet bleibt, recke meinen Kopf empor und sehe den Himmel.

So rein die Luft – und so weit der Raum.

*****

Cross your heart. Ein Erinnerungsfragment.

Wachgelegen in einer schwülen Nacht voller Blutegelträume und mich erinnert.
Aufgesetzt im dunklen Zimmer, Tom Waits gehört. Wasted and wounded, it ain’t what the moon did, I got what I paid for now.
Subtropische Siriusnacht, Schweiß- und Wortausbrüche im Wechsel, wie ein Fieberanfall.
Irgendwann Ruhe, der Schlaf zur Rechten beflankt vom gleichmäßigen Herzschlag des Hundes und zur Linken von einem zerquetschten Blutsauger an der Wand.

Taucher hätte er werden sollen, dachte ich oft.
Am besten Tiefseetaucher.

Kaum war er aufgetaucht zu einem ersten gemeinsamen Landgang, der uns beide beschwingte und begeisterte, tauchte er wortlos wieder ab.
Kaum hatte ich mich halbwegs damit abgefunden, kam er plötzlich wieder aus seinen Untiefen empor.
Schwamm drüber, dachte ich damals, freute mich an der Fortsetzung und – schwupps! – weg war er.

Und so sollte es fortan sein zwischen uns.
Bis eines Tages einem von uns, unter Wasser oder an Land, der Sauerstoff ausgehen würde.
Ein ewiger Kreislauf aus Abtauchen, Wegtauchen, Untertauchen, Auftauchen, Eintauchen – das war seine Königsdisziplin.

Seine Tauchgänge entschuldigte er mal charmant, mal unbeholfen, mal gar nicht – die Gründe dafür nannte er nie.
Möglich, dass er sie selbst nicht kannte. Ebenso möglich, dass ich sie nicht kennen sollte.
(Im Rückblick frage ich mich ohnehin, ob wir einander auch nur annähernd kannten oder erkannten.)

Er nannte diese Phasen Notabschaltung. Als er wieder auftauchte, fragte ich vorsichtig nach, worin die Not denn bestanden hatte.
Er wolle da mal persönlich drüber reden, meinte er – tauchte ab und schwieg.

*****

Früh sprach er von Freundschaft und spät begriff ich, dass das eher die Mitteilung einer großen Sehnsucht war als ein reales Vorhaben oder gar ein Zutrauen in selbiges.
Mit Leichtigkeit überspielte er die Schwere und mit Kraft manche Schwäche, auch das ein wiederkehrendes Spiel, das er oft gewann und genauso oft verlor.

Nach Klarheit und Intensität strebte er und betäubte seine Sinne bisweilen fast bis zur Besinnungslosigkeit.
Ein Spagat zwischen absoluter Präsenz und totaler Ablenkung, der ihn ständig zu zerreissen drohte.

Also übte er sich in der Kunst des Spagats:
ein Tierfreund zu sein – und ohne Gewissensbisse in Billigfleisch beißen,
ein Empathiker zu sein – und über die Nöte anderer geflissentlich hinwegsehen,
ein Nähesuchender zu sein, sich wieder mehr mit dem Leben und den Menschen zu verbinden – und flüchten, wenn jemand leibhaftig die Tür weit öffnet,
ein Kommunikationsvirtuose zu sein, im Monolog zu brillieren – und allem Dialogischen, das in die Quere oder zu nahe kommt, ausweichen.
Und wie in allem, worin er sich intensiv übte, kam er auch hier der Perfektion recht nahe.

Ansonsten war er ein Meister des Alles-oder-Nichts-Prinzips. Die Pole seiner Welt hießen Null und Hundert, dazwischen schien es nur schäbiges Mittelmaß zu geben, das ihm zuwider war.
War er auf Hundert, überstrahlte er mit seiner Energie und seinem Übermut mühelos den leisen Hauch an Größenwahn und Narzissmus, der ihn umwehte. Sein Humor genoss dann den Auslauf und tollte mit meinem ausgelassen herum, Bäume hätten wir ausreißen können, Berge versetzen.
War er bei Null angekommen, hatte er die Aura einer Mondlandschaft – die Seele von Erschöpfung zu einem kargen Krater erodiert, der Lebenshunger zu bizarren, mageren Formationen erstarrt, alles an ihm wirkte versteinert, verstaubt, verschüttet. Jede Zuwendung und Ansprache prallte an ihm ab wie an einem schweren, verriegelten Metalltor, das unter Strom steht.
Die Schläge, die man sich auch beim noch so zaghaften Anklopfen zuzog, trafen einen bis ins Herz.

*****

Während seiner Landgänge schnitzte er für jeden, der sein Interesse geweckt hatte oder dessen Interesse er wecken wollte, schöne und passgenaue Sätze, die nicht nur wohl klangen, sondern auch wohl taten.
Ein Wohlgefühl, das sich alsbald in Wohlgefallen auflösen konnte, wenn manche der Worte sich als besessene Grenzgänger entpuppten zwischen gedachter Wirklichkeit und gelebter Realität.

Auf meine Fragen hatte er meist keine Antworten, er selbst stellte erst gar keine Fragen, so dass es für mich nichts zu beantworten gab.
Über etliche Strecken unseres gemeinsamen Weges winkten wir einander bestenfalls aus der Ferne zu, der eine im Separee des Schweigens sitzend, der andere im Bottich der Bezugslosigkeit ausharrend.
Während des Unterwegsseins begriff ich allmählich, dass aus diesem fortwährenden Auf und Ab nichts erwachsen würde, auf das er sich einlassen und ich mich verlassen könnte.

Das Ganze war auf ein paar Sprints ausgelegt und leider nicht für die Langstrecke gemacht.
Ein starkes, harmonisches Team, je geringer die Distanz war, bei größerem Abstand hingegen ein fragiles, disparates Konstrukt.

*****

Überreich mit Talenten gesegnet war er, doch ließ er viele davon achtlos herumliegen wie andere Menschen ihre Socken.
Aus Ideen entstanden in Windeseile Pläne, manche davon wurden zu Zusagen, doch eben noch klar umrissene Konturen lösten sich oft schneller auf als die Kondensstreifen eines Flugzeugs am Himmel.

Alles zerfiel zu nichts und aus dem Nichts erwuchs erneut alles.
Gabe und Fluch zugleich.
Ein Perpetuum Mobile.

Ein Leben zwischen Extremen, das sich an sich selbst über die Jahre so wund gewetzt hatte, dass er wie ein Rundumversehrter auf permanente Rücksichtnahme angewiesen war – und wo er sie nicht bekam, wandte er sich ab.
Überleben musste er allein, nach seiner Methode und ohne jede Hilfe, davon war er überzeugt, niemanden wollte er dabei brauchen – und vermutlich wagte auch kaum jemand mehr, ihn zu brauchen.

Nach gut einem Dutzend seiner Notabschaltungen fühlte ich mich schließlich so ausgeschaltet, dass meine Kraft für den nächsten Sprint schwand und ich die Notwendigkeit eines erneuten Einschaltens hinterfragte.
Die einzige Antwort, die ich auf diese Frage finden konnte, ließ mich leer und traurig zurück.

So kam der Tag, an dem mir die Luft ausging für dieses zermürbende Zirkeltraining aus Warten und Hoffen, aus On und Off, aus Irritation und Wut, aus Anfangen und Aufhören, aus Lachen und Weinen, aus Höhenflug und freiem Fall, aus Verstehenwollen und Gegen-die-Wand-Laufen.

Such a beautiful opportunity, würde er vielleicht sagen.
Ein Jammer, dass wir sie nicht ergreifen konnten, würde ich wohl entgegnen.
(Wenn es wenigstens zu einem persönlichen Abschied gekommen wäre.)

*****

Schon seltsam:
Es gibt Geschichten, deren Ende man bereits ahnt, wenn man das erste Kapitel gelesen hat und die man trotzdem und unbedingt bis zum Schluss lesen muss.
Nur um ja nichts unversucht gelassen zu haben, zu begreifen, dass diese ganze Geschichte un(be)greifbar ist und bleiben wird.

Noch seltsamer:
Als Kind war ich in der Lage, solche Bücher einfach nach ein paar Seiten zuzuklappen, ich wollte keine Geschichten lesen, deren Ende zu vorhersehbar war oder deren Einzelheiten mich überwiegend bestürzten oder bedrückten.
Vormals intakte Instinkte, über die Jahre deformiert zu fatalen Fehlschaltungen.
Als Erwachsene quäle ich mich nun Seite für Seite durch den Text, bis zum bitteren Ende, lege dabei eine erstaunliche Selbstverletzungsignoranz und Hartnäckigkeit an den Tag, die, würde ich sie auf andere Sphären anwenden, mich bestimmt schon zu manch Erfreulicherem geleitet hätten.

Und nur allzu gern hätte ich mich aus dieser Geschichte mit dem faulen Fazit davongestohlen, dass alles im Leben einen tieferen Sinn habe, auch wenn er sich einem oft erst viel später erschlösse, dieses so simple wie armselige „Wer weiß, wozu’s gut war!“, das ich als Trostversuch schon der Mutter stets übelnahm, für großen Unsinn halte und das ja in Schmeißfliegenmanier immer dann auf den Plan tritt, wenn es eigentlich drum ginge, etwas, das weh tut, aushalten zu müssen ohne es verstehen zu können.

Für diese Widerfahrnisse gibt es weder eine Wikipedia noch einen ICD-Schlüssel, so schwer es auch zu akzeptieren ist, sich erst in Unwissenheit zu winden und das Erlittene dann namenlos zu bestatten.

That’s how the cookie crumbles.

*****

All das und noch viel mehr dachte und fühlte sie als die Geschichte endete, sprang anschließend ins Wasser, tauchte tief ein in das schützende, kühlende, reinigende und so weiche Element. Ja, auch sie konnte tauchen!

Und schwimmen erst! Weit hinaus schwamm sie, so weit sie konnte, bis sie den Punkt erreichte, an dem das neue Ufer heller leuchtete und näher war als jenes, an dem der schmale Steg stand, von dem sie hineingesprungen war.

Weiter, immer weiter. Jeder Zug ein Befreiungsschlag, jedes Einatmen ein Akt der Lebendigkeit und des Vorwärtsbewegens, jedes Ausatmen ein Akt des Loslassens und des Abschiednehmens.

Goodbye, my almost friend.

*****

You can cross your heart and still be lying
You can count the reasons why you’ve thrown it away

Dream on, dream on.

Dichtung und Wahrheit.

Das alte Lebensjahr geht nun doch noch ordentlich und gepflegt zu Ende.

Eine Punktlandung war das: Die Dichtung der neuen Duschtrennwand – gestern um 18:07 Uhr vom Handwerksfreund fertig montiert und silikoniert – lässt beim morgendlichen Testduschen tatsächlich keinen Wasserschwall (ja nicht mal mehr einen Tropfen!) über den Wannenrand rinnen. Hurra & nochmals herzlichen Dank ins Allgäu!

Das Auslaufen beschränkte sich daher heute ausschließlich auf 14km Wasserwanderweg.
Ich hatte dem Dackelfräulein, das in den letzten Tagen arg zu kurz kam und kaum eines ihrer Hobbies ausüben durfte, fest versprochen, dass wir uns heute fern aller Silikonreste und Styroporbrösel, die daheim noch die Böden dekorieren, einen richtigen Ausflug gönnen werden.

Man muss ja einfach mal wieder weiter gucken als bis zum Badewannenrand!

Das Fräulein findet ein verfaultes Ei und freut sich!

Und ich finde Ruhe – und freue mich.

Aber die Ruhe ist nur von kurzer Dauer, denn als nächstes findet Pippa einen Kugelfisch-Rahmen.

Also muss ich das Ding 20x in den See werfen, bis der Seehund einigermaßen Ruhe gibt.

Dann bin ich dran: einsamer Steg im Schilf, ab ins Wasser!

Nächste Pause in der nächsten Bucht oder: Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise!

Überhaupt machen wir heute auffallend viele Pausen – erfreulich, wenn die Lokalitäten derart durchdacht konzipiert sind: Zufluss neben Abfluss – ideal!

Nach 14 etwas mühsamen Kilometern ist es Zeit, länger die Füße hochzulegen. Hinweis: Wenn Sie vom „Zeigezeh“ meines rechten Fußes aus, der sich – Obacht! – im Bild links befindet, eine schnurgrade Linie gen Himmel ziehen, landen Sie direkt auf dem Heiligen Berg bzw. in der Klosterkirche. Das wollte ich Ihnen nicht vorenthalten!

Wieder ein Jahr vorbei.

Ich lasse es Revue passieren und blicke zurück auf eine beachtliche Menge Anstrengung, Kämpfe, Abschiede, Tränen, Wohnungen, Makler, Kartons und Sägespäne. Aber es gab auch viel Schönes, Neues, Wegweisendes, Bewegung, Freundschaft und Liebe.

War es rückblickend ein überwiegend gutes Jahr oder eher ein schwieriges? Oder hielt es sich die Waage? Was folgt daraus? Sollte ich was verändern oder darf es so weitergehen?

Die Wahrheit ist: Ich bilanziere seit ein paar Jahren nicht mehr.
Ich gucke mir das Vergangene nur noch an, wie eine Landkarte: Wo möchte ich wieder hin, wo hat es mir gar nicht gefallen, wohin möchte ich unbedingt mal, um zu sehen und zu spüren, wie es da so ist?

Gelegentlich besorge ich mir auch neue Landkarten.
Ist schon immer eine Leidenschaft gewesen: am Frühstückstisch sitzen und beim Morgenkaffee Landkarten angucken.

Für den morgigen Tag werd‘ ich die allerdings nicht brauchen, weil ich mich da überwiegend auf Lieblingswegen und in Lieblingsgewässern aufhalten werde, mit Lieblingsmenschen und Lieblingsmusik, versteht sich.

Ich wünsche mir ein Frühstück mit einer Breze vom Neulinger, einen nicht zu frühen Anruf vom Papa, einen Sack voll Sonne, freien Eintritt im Freibad – danke an D. für den klasse Vorschlag, dass wir uns dort treffen: du erkennst mich am roten Zinken (hatte heut die Sonnencreme vergessen) und den gelben Flossen!

Danach darf mich der Gatte zum See kutschieren, unterwegs hören wir Shirley Jean oder Bobby Jean, wenn wir da sind, ziehen wir die Jeans aus und hüpfen ins Wasser. Vom Tretboot aus, wenn möglich.

Vielleicht finden wir sogar eines mit Rutsche.
Und mit Sonnendach, damit das Dackelfräulein keinen Hitzschlag bekommt (und mein Zinken nicht noch mehr verbrennt).

So ungefähr jedenfalls.
Und die Lücken im Tagesplan füllen wir einfach mit Streuselkuchen auf.

Mal sehen, wo die Reise im nächsten Jahr hingeht. Ahoi!

This little light.

Schwimmen & Springsteen – und alles ist gut und leuchtet.


Well now, this little light of mine, yeah, I’m gonna let it shine!

Auf ein Isarkindl!

Spätnachmittags auf der Wiesn.

*****

Beim morgendlichen Weg zum Wochenend-Waldlauf bemerke ich, dass nach Langem mal wieder ein dunkler VW Touran vor mir herfährt. Dieses Modell mit den noch leicht eckigen Rücklichtern sieht man mittlerweile nur noch selten. Es war das letzte Auto, das N. fuhr (einer italienischen Prostituierten müsse es gehört haben, behauptete er stets, weil es innen auch noch zwei Jahre, nachdem er es gekauft hatte, penetrant nach billigem, süßem Parfüm roch) und das – genauso wie N. – nirgends mehr zu sehen sein wird, da sein Sohn es kurz nach Ns Tod gegen einen Zaun gesetzt hatte.

Manchmal gingen wir mittags nicht zum Italiener in dem Viertel, in dem unsere Firma lag, sondern fuhren an den Stadtrand zu einem anderen italienischen Lokal. Weil man dort garantiert keine Kollegen treffen würde.
N. sagte dann immer: „Dort können wir mal ganz in Ruhe über Persönliches reden!“. Wir stiegen jeder in sein Auto, um den durch einen gemeinsamen Aufbruch in einem Fahrzeug entstehenden Bürotratsch zu vermeiden (dazu muss man sagen: wir waren stets über 2 Stunden außer Haus, was alle Mittagspausengepflogenheiten sprengte und daher schon genug Fragen aufwarf) und trafen uns meist kurz nach Verlassen der Firmentiefgarage draußen auf der Straße. Er fuhr dann vor mir her, daher haben sich mir die Rücklichter seines Tourans so eingeprägt. Sie passten zu ihm. So unzeitgemäß und eckig (und dennoch so weich wirkend, durch die kleineren runden Lichtkreise in ihrer Mitte).

Saßen wir schließlich bei dem Stadtrand-Italiener und waren völlig ungestört, kam es entgegen Ns Ankündigungen niemals zu besonders persönlichen Gesprächen.
N. nahm sich nämlich selbst nicht so wichtig, und wenn er mal kurz (und womöglich sogar ungefragt) von sich sprach, dann auf eine bescheidene, zurückhaltende Weise, obwohl es durchaus Einiges gegeben hätte, worüber zu klagen oder gar zu verzweifeln gewesen wäre. Es war seine Sache nicht, in den immer lauter werdenden Ich-Ich-Ich-Kanon der Zeitgenossen drumherum einzustimmen, im Gegenteil. Seine Haltung war die, nicht aus jeder Seelenregung, Kränkung oder Belastung eine Nabelschau oder ein Drama zu machen, sondern auch mal von sich abzusehen und den Blick bewusst nach außen zu wenden. Ihn auf ein Tun zu richten oder auf andere Menschen (oder auch bloß auf das Fußballspiel am Feierabend oder auf die Natur, durch die er bei seinen Runden an der Isar streifte).

Wie sehr ich diesen Zug an ihm mochte!, denke ich, als der Touran vor mir abbiegt und auf Nimmerwiedersehen im Dunkel des Luki-Tunnels verschwindet.

*****

Neulich erzählt mir der Papa am Telefon, dass ein gemeinsamer Bekannter von uns (den wir jetzt einfach mal so nennen wollen, obwohl wir eigentlich keine „Bekannten“ zu haben pflegen, weder der Papa, noch ich, aber „Freund“ wäre wiederum übertrieben, und leider gibt’s für die Nähegrade dazwischen ja irgendwie keinen treffenden Begriff) an Krebs erkrankt sei.

Schlagartig wird mir klar, wieso ich so lange nichts von dem Bekannten gehört habe. Ich ringe einige Tage nach den passenden Worten und dem passenden Zeitpunkt (und da er bald Geburtstag hat, eilt es, denn der Geburtstag ist mit Sicherheit nicht der passende Zeitpunkt). Vor ein paar Tagen, in der Abendsonne an der Theresienwiese sitzend, finde ich dann Sätze, die mir einigermaßen angemessen erscheinen und ich schicke sie ihm aufs Handy, was sich ein kleines Bisserl absurd anfühlt, da er ja dort drüben auf der anderen Seite der Theresienwiese wohnt, sofern er da grad überhaupt wohnt und nicht in einer Klinik ist.

Letzteres ist der Fall, wie ich heute erfuhr, als mir mein Handy seine Antwort überbrachte.
Die John-Lennon-Frisur fiel der wochenlangen Chemo zum Opfer, die anschließende OP habe er halbwegs gut überstanden, schreibt er. Und dass er sich freue, so unverhofft von mir zu hören und jetzt gern zur Motivation vor seiner Reha fest ausmachen würde, dass wir noch diesen Sommer (weil das sei dann mal eine konkrete Aussicht!) zusammen nach Lenggries fahren und aufs Seekar oder Demeljoch steigen. Oder sogar auf den Scharfreuter, wenn er es packen würde.

Aber natürlich machen wir das!, schreibe ich sofort zurück, und dabei fällt mir eine Passage aus einem Glattauer-Roman ein, bei der ich mich seinerzeit in den Untiefen und Alltagsabgründen meines Charakters so wunderbar verstanden fühlte und die mir auch auf diese Situation zu passen scheint, in der wir ja irgendwie einen Optionsschein auf die Zukunft auszustellen versuchen:

„In der Küche machte ich Wasser heiß und goss es in die dicke gelbe Tasse, in die ich vor dem Schlafengehen einen Beutel Schwarztee mit Pfirsichgeschmack hineingehängt hatte. So machte ich es immer. Immer die gleiche gelbe Tasse. Immer Schwarztee mit Pfirsichgeschmack. Und immer hatte ich den Beutel schon am Vorabend in die Tasse gehängt. Damit war schon etwas vom nächsten Tag verraten. Das nahm mir die Scheu davor.“

Dieser Absatz fand sich auf der ersten Seite des Romans und er war der Hauptgrund, weshalb ich das Buch damals auf einen Schlag zu Ende las. Obwohl ich aromatisierte Tees verabscheue, erst recht welche mit Pfirsicharoma.
Eine gelbe Tasse verwende ich allerdings ebenso, nur halt für Kaffee, der aber – wie ich gern umgehend klarstellen möchte, damit Sie mich nicht für deppert halten! – natürlich nicht am Vorabend irgendwo eingefüllt wird (das Aroma ginge ja über Nacht flöten!) – ich pflege das im Roman beschriebene Ritual für ein anderes Segment meiner Frühstücksgewohnheiten und nehme mir auf diese Weise die Scheu vor dem nächsten Tag.

*****

Apropos Lenggries & die dortige Bergwelt.

Seit meinem Hüttenwochenende erreichen mich auf diversen Kanälen Nachfragen, wie es denn nun war und wann es denn jetzt weiterginge, mit mir, dort oben, hinter dem Zapfhahn (und am Spülbecken). Manch ein Leser scheint sogar aufgrund des Beitrags vor zwei Wochen davon auszugehen, ich wäre seither dort oben – und das nun durchgehend und heidi-idyllisch bis zum Ende der Bergsaison.

Höchste Zeit, diese Illlusion gründlich zu zerstören und die Nachfragen konkret zu beantworten. Da mich der Ausgang der Sache immer noch etwas schmerzt, fasse ich mich eher kurz (außerdem geziemt es sich nicht, zu viele Interna von dort oben zu verraten).

Nachdem ich von den 52 Stunden dort oben schlappe 32 Stunden gearbeitet (besser: brutal malocht) hatte, zwar in einem netten Team, in schönster Umgebung und sogar mit einem täglichen Springsteen-Song, der trotz der Koch-/Spüldämpfe und -geräusche bis an meine Ohren drang, war klar: das machen weder ich, noch mein lädierter Ellbogen ein zweites Wochenende lang mit.

Das ist körperliche Akkordarbeit, täglich 12 bis 14 Stunden ohne nennenswerte Pausen, für die man gemacht sein muss. Und das ist man definitiv nur, wenn man zwei kerngesunde Arme und jahrelange Erfahrung in der Gastronomie hat.

Am Samstag vor 2 Wochen wankte ich nach 14 Stunden Schuften (in allen Bereichen der Berghütte) in meine Kammer und selbst dort war an Erholung nicht zu denken, weil Andreas Gabalier noch gefühlte 90 Minuten auf meiner Bettkante saß und plärrte (der Junggesellenabschied, der Mountainbiker-Stammtisch? – beide nebenan im Gastraum und nur durch eine dünne Holzwand getrennt!).

Eine tiefgreifende Erfahrung war’s allemal, auf vielen Ebenen, aber nach dem vergeblichen Versuch, dort oben anzuregen, dass man so einen 14-Std-Tag ja vielleicht auf 2 Personen aufteilen könne, die dann jeweils nach 7 Stunden Reinklotzen noch ohne zu stammeln ihren Namen sagen und aufrecht in ihren Feierabend gehen könnten, hab ich das Projekt für mich ganz schnell als beendet erklärt.

Seit ein paar Jahren bin ich gut drin geworden, Dinge, die mich über Gebühr strapaziert haben (oder es noch tun würden), ganz schnell ad acta zu legen. Bringt nix.
Mit Mitte 40 weiß man langsam, was man stemmen kann (oder will) – und was nicht.

*****

Durch das gekippte Fenster wummert das Getrommel der Afrika-Tage ins Zimmer hiein. Wie ein wilder Herzschlag des Sommers, direkt vor unserer Tür, pulsierende Lebensfreude, mitten in der Stadt (man hört ja gerne das, was man hören will oder was man eh schon fühlt).

Es ist so unglaublich schön hier. Das muss einfach mal gesagt werden.

Die Aussicht aus dem Fenster, hinunter in die breite Allee voller Linden (die einem täglich aufs Neue das Auto dermaßen zukleistern mit ihrem Saft), das Gassigehen mit Blick auf die Weiten der Wiesn, hinüber zur Bavaria (geht ein Lüftchen, und das ist häufig der Fall, muss man beinahe den Atem anhalten, weil die Kamille so wuchert und blüht), die Menschen, die hier flanieren, pausieren, mit ihren Hunden oder Kindern spielen, auf Bänken sitzen, sinnieren, musizieren und auf der riesigen Freifläche alle möglichen Sportarten praktizieren (an die noch ausstehende Disziplin „Kampftrinken“ mit ihren begleitenden gymnastischen Verrenkungen wollen wir jetzt lieber noch nicht denken) – all das hat mir binnen der fünf Wochen, die wir jetzt hier leben, eine Energie und Freude geschenkt, die das gesamte Lebensgefühl doch ziemlich schnell und nachhaltig verändert hat.

Ein Geschenk, für das ich mich gern bedanken würde, wenn ich denn wüsste, bei wem.

*****

Ich strahle die Spätnachmittagssonne an und sie strahlt zurück (oder umgekehrt? – egal!), sitze auf der Parkbank (mehr und mehr bin ich geneigt, sie „meine Bank“ zu nennen, denn ich verweile recht oft hier, schaue, denke und schreibe hier vor mich hin) und genieße mein tägliches Feierabendbier (das eine, das ich mir am Tag gestatte).

Endlich wieder ein Zuhause.
Eine Heimat nicht nur draußen, sondern auch drinnen.

Irgendwer hat ja mal gesagt, Heimat sei kein Ort, sondern ein Gefühl.
Auf mich passt der Satz überhaupt nicht. Ich kann „Heimat“ nur an speziellen Orten empfinden und es wird kein Zufall sein, dass diese Orte alle regional recht nah beisammenliegen.
„Beheimatet“ fühle ich mich an und zwischen all diesen Heimatorten aber nur dann, wenn der Kern des Ganzen passt (bzw. es überhaupt einen gibt).

Gern heimzukommen und zu spüren, dass man genau dort am richtigen Fleck ist.
Auch das ein Geschenk.

*****

Ein schönes Wochenende wünsch‘ ich Ihnen und dass Sie sich wohlfühlen, dort, wo Sie sind!

Beg (if it means anything to you).

Woran merkt man eigentlich, dass man älter wird?

Unter anderem daran, dass die Songs, an denen man hängt (und an denen Erinnerungen hängen), plötzlich in den Radiosendern gespielt werden, die man, als man noch jung war, als „unter aller Sau“ klassifiziert hatte und bei denen man keine Minute freiwillig hängengeblieben wäre.

Und daran, dass einem Erinnerungen plötzlich Tränen in die Augen treiben, obwohl das vom heutigen Standpunkt aus betrachtet ganz und gar überflüssig ist, was man freilich damals noch nicht ahnen konnte (dass der ganze Herzschmerz sich tatsächlich mal auflösen würde).

Überhaupt wird ja der persönliche Anrührungsquotient mit steigendem Lebensalter immer größer.

Was soll’s.
Sieht einen ja keiner, wenn man ein bisserl schniefend und mit leicht geröteten Wangen durch das schöne Alpenvorland heimwärts fährt, und falls doch, dann könnte man’s ja auch locker auf den ersten dezenten Sonnenbrand dieses Frühlings schieben.

Das hier ist was für Eingefleischte.
Oder für Neugierige oder Sentimentale oder Ältergewordene.

(Und ich möchte jetzt von niemandem, der dabei war, hören, dass der Sound sch**** war, damals an diesem Wahnsinnsabend in der Red Bull Arena. Das mag ja sein, aber in den vorderen zehn Reihen, da spielte das echt keine Rolle, und erst recht nicht bei diesem Prolog samt Kniefall – und allem, was danach kam.)

In my dream our love was lost, I lived by luck and fate
I carried you inside of me, prayed it wouldn’t be too late
Now I’m standin‘ on this empty road where nothin‘ moves but the wind
And honey I just wanna be back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again

Once I was your treasure and I saw your face in every star
But these promises we make at night, oh that’s all they are
Unless we fill them with faith and love they’re empty as the howlin‘ wind
And honey I just wanna be back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again

You came to me with love and kindness
But all my life I’ve been a prisoner of my own blindness
I met you with indifference and I don’t know why
Now I wake from my dream, I wake from my dream to this world
Where all is shadow and darkness and above me a dark sky unfurls
And all the love I’ve thrown away and lost I’m longin‘ for again
Now darlin‘ I just wanna be back in your arms

Leipzig, Sommer 2013, irgendwie noch deutlich jünger.

Song des Tages (17).

Neue Woche, neue Wege.

Eine Schreibarbeit voranbringen, die OP hinter uns bringen. Und manches mehr.
Hoffentlich wirft’s einen nicht aus der Spur.

Im Küchenradio spuin’s an Hubert, lang‘ nicht mehr gehört!

Ein Open-Air-Konzert in Coburg fällt mir ein, kurz nach dem Independence Day muss es gewesen sein, eine Ameisenstraße unter einer Wolldecke im Wald, irgendwo zwischen Würzburg und Coburg, heiß war es, der Honda von P. ohne Klimaanlage. Die Stimmung schwierig, aber nicht aussichtslos, was man damals vor 24 Jahren zu gern geahnt hätte, aber erst viel später wissen durfte. Immerhin.

An dieser Stelle herzliche Grüße nach Berlin an P., den Läufer mit der feschen Russenmütze (frohes Zehennägelschneiden!) – und allen anderen einen guten Start in die Woche!

De Fiass de gengan wia von selber und de Strass’n
de fangt an vor meiner Tür
nur wo’s aufheat woass ma nie
und wo’s hiführt woass ma nie
und ob ma‘ z’ruckkommt woass ma nie