Song des Tages (62).

Das neue Springsteen-Album (wir berichteten hier) bescherte mir einen Song, bei dem ich nach dem ersten Hören ahnte: den werde ich lieben!
Und so kam es auch – ein paarmal angehört, die Lyrics inhaliert und seither x-mal angehört, so langsam klappt auch das Mitsingen (man lernt diese Texte ja leider nicht mehr in a wink of an eye, so wie das in den 80er und 90er Jahren noch der Fall war), bin schon immer der Typ gewesen, der sich an sowas regelrecht besäuft.
Überlebt der Song dieses Besäufnis, bleibt er mir für immer, und ansonsten war’s halt ein toller Rausch, ein intensiver Trip, eine kleine Orgie für die Ohren, an die man sich gern erinnert.

Das Stück, in das ich mich verliebt habe, heißt „Song for Orphans“. Wenngleich es nur bedingt der Bruce darin war, den in den ich mich verliebte, sondern vielmehr der Bob.
Schon mit den ersten Takten von „Song for Orphans“ tritt Mr. Dylan durch die Tür, erst rein instrumental, von Anfang an ist es da, dieses herrliche, geleierte Dylan-Gequietsche (freilich nur für den, der’s mag), die Mundharmonika vor allem, und kurz bevor der Gesang einsetzt, ja, da hörte ich’s schon, was gleich kommen würde, in mir sang es ein „May God bless and keep you always, may your wishes all come true“, dieser göttliche Beginn von „Forever young“, der so beiläufig und zugleich so wohlplatziert daherkommt und einen sofort mitnimmt in die Geschichte, die erzählt wird, ein Auftakt, der einen mitreißt in eine Bilder- und Klangwelt, in die man Hals über Kopf eintauchen möchte, um vorübergehend und wie in einem Sog, einem Strudel darin unterzugehen. So ging mir das mit etlichen Liedern aus der Feder des Herrn Robert Allen Zimmerman, erst neulich wieder in dem uralten „To Ramona“ versunken, allein wegen der Zeile „your cracked country lips I still wish to kiss“ (und wie er diese paar Worte ausspricht!).

Als Springsteen in „Song for Orphans“ zu singen beginnt, ist von Gott und sich erfüllenden Wünschen zwar weit und breit nichts zu hören, stattdessen vernehme ich ein „Well the multitude assembled and tried to make the noise“, das allerdings von der Metrik fast 1:1 übertragbar wäre auf den zuvor assoziierten Dylan-Song, und bei der zweiten oder dritten Strophe dämmert’s mir, dass ich das alles doch vor langer Zeit schon mal irgendwo gehört habe, aber nicht bei Dylan, sondern bei Springsteen selbst, wohl auf irgendeiner der zahllosen Bootleg-CDs, die M. mir damals (vor über 15 Jahren?) mit den Worten „durch diese Sammlung wirst du dich noch an langen Winterabenden durchhören, wenn du mich schon längst nicht mehr kennst“ überreichte (womit er falsch lag).

Ich recherchiere, was es mit dem Song auf sich hat und woher ich ihn kennen könnte und stelle fest: „Song for Orphans“ wurde 1971 geschrieben, dann im Sommer meines Geburtsjahres erstmals aufgenommen, veröffentlicht haben sie ihn erst jetzt (zumindest so richtig offiziell), live wurde er gelegentlich mal zum Besten gegeben, und siehe da, er ist tatsächlich auf einer meiner Bootlegs von M., ein Konzertmitschnitt aus dem Jahre 1973, ein verrauschter, miserabler Mitschnitt, deshalb war meine Erinnerung wohl so schwach (und der Song nicht hängengeblieben). Jetzt aber!

Wen’s interessiert, dem empfehle ich erst die ganz frühe Version aus den 70ern zu hören, danach die aus den 80ern und abschließend dann die letzten Freitag veröffentlichte.
In der Reihenfolge stell‘ ich die drei YouTube-Clips hier auch rein und wünsche viel Spaß beim Nachvollziehen der Entwicklungslinie eines Songs, wie ihn auch Dylan nicht besser hätte schreiben (und vor allem keinesfalls besser hätte singen!) können.

 

 

Wer Nerv, Zeit und Gelegenheit dazu hat, dem sei auch das Dokumentationsfilmchen zur Entstehung des neuen Albums ans Herz gelegt.

Es wurde von Springsteens langjährigem Lieblingsregisseur Thom Zimmy gedreht, hat den Charakter einer winterlichen Bergpredigt (kein Wunder, denn zwei der zwölf neuen Titel zielen genau in diese Richtung, sie heißen „Power Of Prayer“ & „If I Was The Priest“ , wieso „was“?, fragt man sich nur, ein „I am“ wäre aufrichtiger gewesen) und stimmt den Zuschauer/-hörer hervorragend auf nahenden Nachtfrost und erste Schneefälle ein.
Außerdem gibt’s anrührende Rückblicke auf Springsteens Anfänge mit den Castiles, ehrliche Einblicke in die gealterten Gesichter der E Streeter, schwarzweiße Ausblicke aus den Fenstern des Studios im frühwinterlichen New Jersey, in dem sich die Band im November 2019, als man noch nah beieinander sein, singen und werkeln durfte, für einige Tage verschanzt hatte, um „Letter to you“ aufzunehmen. Leider derzeit nur via AppleTV erhältlich oder wenn man Freunde hat, die Freunde haben, die irgendwelche Kontakte haben, die das irgendwie gezippt und irgendwo verschickbar abgespeichert haben, na, Sie verstehen schon und dürften mich ggf. kurzfristig als Freundin betrachten, sollten Sie Bedarf haben.

Jedenfalls war ich gestern Abend recht gerührt beim Gucken der ersten Hälfte dieser Doku. Die zweite zieh ich mir heute Abend rein, wenn das Fräulein und ich am Tegernsee eingetroffen sind, uns gemütlich auf der Couch eingekuschelt haben und draußen der Schnee leise in den Garten rieselt.
Verreist die etwa schon wieder?, denken Sie jetzt, nicht wahr? Nein, nein, so kann man das diesmal wirklich nicht nennen! Ich gebe lediglich dem Wannenlack, den Lolek gerade eben, während ich diesen Blogbeitrag schreibe, auf die Haarrisse in der nagelneuen Badewanne aufträgt, die Gelegenheit, in aller Ruhe zu trocknen.
Seit dem Ende der Staublausinvasion habe ich, wie Sie vielleicht bemerkt haben, konsequent Abstand davon genommen, Sie mit weiteren Baufälligkeiten des hiesigen Binnenbetriebs zu behelligen, man kann es ja irgendwann nicht mehr hören, dieses Mieterelend, und wen interessieren schon von einem Tag auf den anderen entstandene Risse in neuen Badewannen oder nach Gefahrenklassen gestaffelte Schwellenwerte des Legionellenbefalls in Altbauten, auch wenn Letztere mit dem schönen Akronym „KBE“ abgekürzt werden, was für „KolonieBildendeEinheiten“ steht – die Bilder, die so ein Begriff in einem auslöst, faszinieren mich übrigens sehr).
Gottseidank haben wir die Hütte am Tegernsee für die Dauer der Wannenlacktrocknung für uns alleine, der Papa und seine Gefährtin weilen ja nach wie vor im fernen Venetien, mittlerweile fast quarantäneartig in Ihrem Hotel, schon mal so als Einstimmung auf die Tage ihrer behördlich verordneten Abschottung nach Heimkehr. Der Gatte musste wegen präsenzerfordernder Termine nach Frankfurt reisen, das nach bayerischen Ampelanlagen tiefst dunkelrot wäre, nach hessischen aber nur normalrot vor sich hin leuchtet, trotzdem fühlt man sich ja immer unwohler mit Zugfahrten und großstädtischer Menschendichte, auch insofern bin ich nicht unglücklich mit der Option, aufs Land zu flüchten, solange es nicht das Berchtesgadener Land oder der Landkreis Rottal-Inn ist, wo man nicht mehr vor die Tür darf.

Die Sorge vor einem erneuten Lockdown lässt sich übrigens nicht nur am Füllstand der Klopapierregale oder der Flut an Shitstorms unter den zur Vorsicht mahnenden Corona-Artikeln im Netz ablesen, sondern auch am Verkehrskollaps, wie ihn gestern beispielsweise die Region Tegernsee-Schliersee erlitt: ganztags ein einziger, alle Ortszufahrten blockierender Dauerstau, je ein Hausstand im eigenen Auto eingelockt, weil auf die Straßen hinausgelockt vom gradiosen Sonntagswetter.
An Schönwetterwochenendtagen fahren wir – wie auch schon vor Corona – so gut wie nicht mehr raus ins Oberland. Die Stunden, die man mit Ärgern (kein freier Parkplatz/Sitzplatz, Wanderwege überfüllt, zu viele und zu laute Menschen), Rumstehen (auf der Straße, vor dem Selbstbedienungtresen in den Hütten, an der Eisdiele) und Rumkurven (Parkplatz, Schleichwege, Stauumfahrungen) verbringt, können daheim in der Stadt, die manchmal ja erfreulich leer ist an solchen Tagen, besser und vor allem erholsamer verbracht werden.

Schade ist, dass ich an solchen sonnigen Wochenendnachmittagen nun nicht mehr meinem Ritual nachgehen kann, mein Feierabendbier auf einer Bank an der Theresienwiese zu genießen, weil die Aussicht auf die täglich länger werdenden Schlangen drüben vor den Drive-In-Coronatest-Zelten, auf der anderen Wiesnseite, mich deprimiert.
Zudem bauen sie da seit vorgestern an einem neuen, riesigen Zelt. Ich bin sofort rübergelaufen, um mich zu erkundigen, ob das exakt am Standort des oktoberfestlichen Schützenzeltes errichtete Gerüst der Baubeginn für eine Nachhol-Wiesn ist oder aber ein Lazarett, das die Stadt München schon mal für den Fall der Fälle aufstellen lässt.

Beides erwies sich erfreulicherweise als unzutreffend, wie mir der sehr bayerische Bewacher der Drive-In-Zufahrt am Samstag erläuterte: die Stadt baut hier ein neues, winterfestes Coronatest-Zelt, damit „de se beim Obstrich ned d’Finga obfrian“, die bisherigen Behelfszelte sind offenbar nicht gut genug isoliert.

Wahrlich keine verlockenden Aussichten, so insgesamt (im Übrigen: ich bin dafür, dass das Corona-Palaver in der Schwimmbadumkleide – und gern auch in öffentlichen Verkehrsmitteln, Supermärkten, Wartezimmern etc. – verboten gehört und dort nicht nur Maskenpflicht, sondern auch Schweigepflicht herrschen sollte – vorhin nach dem Schwimmen hätte ich beinahe zwei Weibern meine Flossen nachgeschmissen, weil sie die Ruhe meiner Ankleideprozedur mit ihrer lautstarken Diskussion über die Schikanen unserer Gesundheitsdiktatur zerstörten: Ich lass mich doch nicht nochmal einsperren! geiferte die eine, Ein Winter ohne Sauna wäre das Allerletzte! meckerte die andere, dabei war es das Allerletzte, dass die Inhaftierungsgegnerin ganz offensichtlich ein und dieselbe (hellblaue OP-)Maske seit Monaten trug, so dreckig und zerfleddert wie die aussah).

In dysem Sinne: May God bless and keep you always & kommen Sie wohlbehalten durch diese neue Woche

Ein morgendlicher Anblick…

…bei dem sich mir ganz spontan (und erstmals) die Bedeutung von „Grüß Gott!“ erschließt.

Loisachbrücke bei Oberau.

Denn wenn ich ihn je irgendwo träfe, diesen Herrn Gott, dann wohl am Ehesten hier.

Grüß Gott, Werdenfelser Land! Guten Morgen, Zugspitze!

Und ein wenig Schutz könnte ja nicht schaden bei dem heutigen Transzendenz-Vorhaben, das der Gatte frühmorgens, während ich den Rucksack mit Proviant bestücke, mit der Bemerkung „Du bist bergsüchtig“ quittiert.

Wo er recht hat, hat er recht (zumal das Sujet ja gut zu einem seiner aktuellen Forschungsprojekte passt, zumindest im weitesten Sinne).

Grazer Grandezza in Wien.

Well, she drew out some money from the Southern Trust
And put her little backpack on a public bus
Leaving Munich with a pipe dream in her hand
And a cheap return ticket to an eastern land

(frei nach Bruce Springsteens „Johnny Bye-Bye“)

*****

Und plötzlich fiel mir Winckelmann ein.

Winckelmann! Hätte mir nie träumen lassen, dass mir der mal gegen 23 Uhr in einer verqualmten Bar einfallen würde.

Sie wissen schon, der, der einst das Begriffspaar von der „edlen Einfalt“ und der „stillen Größe“ prägte, das die Genossen der Weimarer Klassik später eifrig rezipierten.

Die musikalische Darbietung, die in diesem Moment vor meinen Augen (und vor allem in meinen Ohren) stattfand, strahlte exakt das aus: edle Einfalt und stille Größe. Und Erhabenheit.

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Hello again, Vienna!

Langsam findet der Tag sein Ende…

…und die Nacht beginnt!

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Wien, 1. Bezirk, am Samstag, den 12. Oktober.
Ein milder, sonniger Herbsttag legt sich schlafen. Die Nacht erwacht langsam zum Leben, blickt unternehmungslustig auf die dunkle Stadt hinab und überlegt, was sie anstellen und wen sie in ihren Bann ziehen könnte.

Ein verheißungsvolles Flüstern weht durch die Weihburggasse – show a little faith, there’s magic in the night! – und es weist uns den Weg zu einer gemütlichen Bar, und dort an einen Tisch in vorderster Front vor der kleinen Bühne, die gar keine richtige Bühne ist, sondern einfach ein „Künstler-Eckerl“: ein Barhocker, etwas technisches Equipment, ein paar Instrumente – that’s all.

Neben mir: die Blogkollegin und Musikgefährtin.
Vor uns: zwei köstliche Schnaitl-Halbe und – was weit besser ist als jedes Bier – Matthias Forenbacher.

Falls Sie Winckelmann nicht kennen, dann ist das ja so grad noch verzeihlich, aber den aus Graz stammenden Forenbacher, den sollten Sie wirklich kennen. Tun Sie vielleicht auch, wenn Sie diesen Blog schon länger lesen oder Musik eine Ihrer Leidenschaften ist.

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Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann mich zuletzt eine musikalische Neuentdeckung derart umgehauen hat.

Es war Anfang Mai dieses Jahres, es war ein Frühlingsabend, ich saß am PC, recherchierte etwas lustlos für einen zu schreibenden Artikel und durchstöberte zwischendrin die paar Blogs, die ich abonniert habe.

Auf einem benachbarten Blog war mal wieder ein Konzertbericht erschienen, die Verfasserin ist bei einem Auftritt von einem Herrn Forenbacher gewesen und erzählte davon. Aha. Nie gehört. Viele der Künstler, über die sie berichtet, kenne ich nicht, also war ich wenig verwundert, dass mir auch dieser Name nichts sagte.

Neugierig las ich den Beitrag. Das klang ja grandios, was da stand, und für den restlichen Abend war ich nicht mehr damit beschäftigt, das Netz nach der Historie der Klöster und den besten Wanderwegen im Fünfseenland abzugrasen, sondern nach allen irgendwie auffindbaren Songs von diesem Matthias Forenbacher (der bedauerlicherweise erst seit Kurzem im Hauptberuf Musiker ist).
Postwendend kamen dann die ersten beiden CDs aus Wien (danke an die Blogkollegin!), die dritte besorgte ich mir selbst, und für Wochen lief daheim und im Auto fast nichts anderes mehr.

Denn wenn mich mal was am Wickel hat – und zwar so richtig am Wickel! – dann ist das erstmal eine ziemlich ausschließliche Sache. Völlig wurscht, ob es sich dabei um Orte, Berge, Seen, Texte, Bilder, Gefühle, Atmosphären, Essen, Trinken oder eben um Musik handelt: ich werde vorübergehend zum Junkie, verliere beim Konsumieren des „Stoffs“ jedes Maß und manchmal beinahe den Blick für anderes.

Meist endet dieser suchtartige Zustand recht abrupt (bei Genussmitteln oder Gefühlen), manchmal hält er auch für Monate oder Jahre an. Und in seltenen Fällen ist es sogar, wie man so sagt: was fürs Leben. Wie mit dem Wettersteingebirge, mit Lenggries, mit dem Maisinger See, dem Lieblingsschwimmbad, der Gänsehaut auf dem Rücken, dem Pistazieneis und der Musik von Springsteen, Dylan und Waits.

Als ich zum ersten Mal „Walden Pond“ hörte, hatte ich sofort dieses Gefühl: das hier, das hat das Zeug dazu, in die letztgenannte Kategorie aufgenommen zu werden. Und als dann sukzessive mehr von dem „Stoff“ in meine Ohren drang („Why“, „Self-loading gun„, „Escape for a while“ – um nur ein paar weitere Songs zu nennen, die ich zum Niederknien schön finde), legte ich die in etwa zeitgleich zu meiner steirischen Neuentdeckung erschienene Springsteen-CD „Western Stars“ beiseite und auch die frisch erschienene „Reckless & Me“ vom Kiefer verschwand irgendwo im Regal.

Das alles war erstmal unerheblich geworden, die neuen Scheiben könnte man ja immer noch hören, wenn man demnächst die weite Strecke nach Gotland führe und dabei ja beim besten Willen nicht tagelang nur die drei Forenbacher-Alben in Endlosschleife hören könnte, zumal auf der Öresundbrücke Springsteens „Across the border“ Pflicht ist und manch anderes ja auch schon gewissermaßen Tradition hat bei diesen einsamen Fahrten quer durch Schweden („Mansion on the hill“, „Janey don’t you lose heart“, „Fade away“).

Zu „Western Stars“ kam’s allerdings während der gesamten Reisewochen kaum, und auch Mr. Sutherland fristete in Schweden eher ein Schattendasein.

Umso häufiger griff ich auf der langen Reise zu Forenbachers Songs: man muss das ja unbedingt mal ausprobieren, wie sich diese neue Musik beim Unterwegssein anfühlt, man kennt einander ja erst so kurz und war noch nie zusammen auf Reisen! Man muss das testen, ob und wie sich diese Songs in einem entfalten, wenn man währenddessen an der rauen Küste entlangfährt oder durch wilde Raukarlandschaften oder abends beim Feierabendbier über die Zinnen von Visby guckt.

Der „Cradle Song“ war zum Beispiel der perfekte Begleiter zum morgendlichen Lauf am Meer („…inside is heaven and outside there is joy“), wohingegen „Totally blind“ eher was fürs Dahingrooven auf den Serpentinensträßchen im Süden Gotlands war („and in the streets of a little village with wind and rain and fainting lights…“ – rein aus Platzgründen kann leider nicht die ganze Strophe zitiert werden, obwohl sie’s verdient hätte), „Walden Pond“ geradezu ideal zur Abendstimmung in meiner kleinen, dunklen Holzhütte an der Stadtmauer von Visby passte („you’d like to speak, it’s strange but you just can’t„) und das wunderbar seelenvolle Cover von „I’m a believer“ den einen oder anderen Erinnerungs- und Gedenkmoment an was oder wen auch immer absolut adäquat zu untermalen verstand („what’s the use in tryin‘? all you get is just pain! when I needed sunshine I got rain…“).

*****

Auf diese Art und Weise gestalten sich bei mir üblicherweise nur jene Anfänge, denen das Potenzial zu mehr innewohnt, und da sich diese neue Story bislang Monat um Monat und Kapitel um Kapitel in ungebrochener Begeisterung fortschreibt, wage ich die Prognose, dass sie sich bald auf Augenhöhe befinden könnte mit der Aussicht, die man auf der Meilerhütte hat.

Sie erinnern sich? Dieser vor Pathos und Ergriffenheit nur so triefende Bericht von meiner Hochsommertour? Als ich mich vor lauter Erhabenheitsgefühl dort oben kaum noch einkriegen konnte?

Womit wir quasi wieder bei Winckelmann wären. Und bei der „edlen Einfalt“ und der „stillen Größe“.

Erstere zeigt sich für mich in der puristischen Ästhetik dieser Songs, in den schörkellosen Skizzen, die sie zeichnen, plus der Prise dylanscher Poesie, die sie umweht.

Die feindosierte, melancholische Intensität Springsteenscher darkness sowie die fragile, ansatzweise monotone, aber stets eindringliche Energie, wie man sie aus etlichen Waits-Songs kennt, macht hingegen ihre „stille Größe“ aus.

Neben all den Vergleichen (Dylan-Springsteen-Waits), denen, so schmeichelhaft und zutreffend sie auch sein mögen, ja immer etwas Schablonenhaftes anhaftet (keiner möchte Imitat oder Nachfolger sein, sondern Individuum und Original), muss man sagen: was wir hier hören, ist auch nicht die Kunst von einem, der angetreten ist, um dem Boss auf einer Stone-Pony-Kopie hinterherzugaloppieren oder den wortreichen Balladen eines Literaturnobelpreisträgers nachzueifern.

Matthias Forenbachers Musik ist ein ganz eigenes und gekonntes (weil so behutsames und unaufdringliches) Changieren zwischen den Welten – der realen wie der fiktiven: mal berichtet ein Reisender, mal ein Verlorener, mal ein Rastloser, ein Staunender, ein Verzweifelter, ein Beobachtender, ein Hoffender, Liebender oder Fragender (und ab und an spricht das Instrumentale auch einfach nur für bzw. zu sich selbst), aber nie erzählt hier ein Angekommener, Saturierter oder Selbstzufriedener seinen Zuhörern fertige, abgeschlossene Stories.

Die Lyrics lassen per se (mindestens aber zwischen den Zeilen) genug Platz für ein individuelles Weiterspinnen und Kolorieren der Klang- und Wortbilder, das ganz der persönlichen Imagination folgen kann. Zugleich sind Forenbachers Kompositionen mehr als nur Gerüst oder Geländer für eigene Fantasien und innere Dialoge: Manche der Fragen, die sich beim Zuhören auftut, verdampft in der Präsenz und Atmosphäre dieser Geschichten, die einem durchs bloße Hinhören und Draufeinlassen lesbar werden, auch ins Nichtausgeführte hinein.

Umso schöner, wenn sich all diese Wahrnehmungen dann mit dem ersten Live-Eindruck decken. Wenn sich kein Riss auftut zwischen Studio-Alben hier und Person/Performance dort.

You got this guitar and you learned how to make it talk (and taught her to tell your stories in such a haunting voice).

*****

Ein rundum authentischer, persönlicher, nahbarer Auftritt und Abend war das, der noch lange in mir nachhallen wird und für den es sich absolut gelohnt hat, 900 km Zugfahrt binnen 23 Stunden und etwas Schnaitlschädelweh auf mich zu nehmen.

Möge auch diese Geschichte, die ich hier nun zu erzählen begonnen habe, unbedingt unfertig bleiben, und mögen sich noch oft Gelegenheit, Zeit und Raum finden, um ihr weitere Kapitel in Form von Songs, Konzerten und Gesprächen hinzuzufügen.

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Danke an den Gatten, dass er – kaum von seiner Dienstreise heimgekehrt – gestern den Mantrailing-Schnupperkurs übernommen hat, anschließend abends daheim nicht nur ein, sondern gleich zwei Dackelfräuleins gehütet hat, weil’s dem Nachbarn schon so zugesagt war, und mir dadurch diesen fünfzehnstündigen Spontanbesuch in Wien ermöglicht hat.

Danke Wien, für die laue Herbstnacht.
Danke an die Blogkollegin, für den gelungenen gemeinsamen Abend.

Und danke, Matthias, für deine wunderschöne Musik und Stimme.

You can’t start a fire without a spark oder: Ein Stück Lebensverfilmung.

Gestern Abend, 20:15 Uhr, München-Schwabing.
Endlich mal das neu umgebaute ARRI-Kino besucht. Eine fantastische Lounge, eine ansprechende, schummrige Bar und ein kleiner, extravaganter Kinosaal mit Wohnzimmerfeeling.
Umgeben von einer deckenhohen Bibliothek sitzt man dort, die Buchreihen werden von geschmackvollen Lämpchen beleuchtet, nix Halogen oder LED, sondern auch hier unaufdringliches Licht, schließlich ist es Abend und der Mensch möchte nicht von irgendeinem Drumrum erleuchtet oder bestrahlt werden, sondern sich dem Inneren zuwenden und den Feierabend vom Außen einläuten.

Die plüschigweichen, samtroten Fauteuils sind nicht nur herrlich groß und bequem, sondern können auch leicht nach hinten geneigt werden, für jene Fimmomente, in denen es einen innerlich umnietet, es die Seele sozusagen in die Kissen drückt (und dann ist es schon sehr schön, wenn sie so weich fällt wie hier).
Der Fußraum ermöglicht auch 2-Meter-Menschen komplette Beinfreiheit und könnte mühelos noch ein Dackelkörbchen beherbergen (ein lang gehegter Traum: den Hund ins Kino mitnehmen können, damit man nicht immer so hetzen muss, vor und nach dem Film).
Neben jedem Sessel breite Armlehnen, mit integrierten Abstellflächen und einem Flaschenkühler davor, ein Kellner im Frack schleicht mit einem Tablett dezent durch die Reihen und serviert Drinks, nicht zu fassen (die Getränkekarte liegt ebenfalls in der Armlehne und hätte man von diesem Luxus vorher gewusst, hätte man glatt die Penunzen für einen Mai Tai mitnehmen müssen, dank der Buy-online-and-print-at-home-Tickets hat man aber nix dabei).
Nicht unbedingt ein Kinosaal für Händchenhalten und Tauschen von Küssen, trotz der dunkelrot-heimeligen Atmosphäre, denn der Sitznachbar ist schon arg gut verschanzt hinter dem ausladenden Lehnstuhl.

Um 20:15 Uhr schiebt sich der Vorhang lautlos beiseite und die Vorführung beginnt.
Und ich muss sagen: Die britische Regisseurin Gurinder Chadha hat einen Film gedreht, der ohnehin kein Händchenhalten und Geknutsche nebenher zuließe. Weil dieses Movie im wahrsten Sinne des Wortes ein Movie ist: Es bewegt einen.
Erst recht, wenn die eigene Frühadoleszenz in dieselbe Zeitspanne fiel wie die des Protagonisten, wenngleich sie glücklicherweise nicht umgeben war von denselben Rassenunruhen und Trostlosigkeiten eines grauen Industriekaffs (dafür von den Scheidungsunruhen daheim).
Vor allem bewegt „Blinded by the light“ wegen seines Soundtracks. Obwohl dieser Satz, aus der Tastatur eines seit 35 Jahren eingefleischten Fans stammend, als tendenziös gewertet werden könnte – ist er dennoch objektiv und zutiefst wahr (lesen Sie die Rezensionen, sogar die taz hat etliche gute Haare an dem Streifen gelassen).

„Blinded by the light“ ist ein großer kleiner Film.
Kein cineastisches Meisterwerk, keine bahnbrechende Filmkunst, aber ein ehrlicher Film über Familie und Freundschaft, über Heranwachsen und Identitätssuche, über Zwänge und Befreiung, über Politik und Kultur, über – und das ist das Herzstück des Films, sein Pulsschlag! – Musik und Liebe (und über die Liebe zur Musik und die erste Liebe mit der richtigen Musik im Herzen und Hintergrund).
Und es braucht wahrlich keine Kinosesselküsse mehr, wenn auf der Leinwand so ein erster Kuss geküsst wird (das sympathische junge Paar abgeschirmt von der Welt, weil beschirmt von den Kopfhörern eines SONY-Walkmans, den man selbst in den 80ern hatte, bloß in einer anderen Farbe) und diese Initiation auch noch zu dieser breathtaking-earthquaking Hammerstrophe aus „Prove it all night“ stattfindet… (was gäbe ich drum, wenn ich meinen ersten Kuss zu diesen Zeilen erlebt hätte, aber das kommt halt davon, wenn man sich vier Wochen vor dem ersten Springsteen-Konzert zum ersten Mal küssen lässt).

Naja, genug geteenelt & geträumt.
Schauen und hören Sie sich das an, wenn Sie bislang Bruce Springsteen nur mit dem totgedudelten „Born in the USA“-Gestampfe assoziieren oder wenn Sie damals in den 80ern jung waren und ebenfalls nicht viel mit Wham, a-ha und all dem Pop-Geplänkel anfangen konnten.
Und erst recht, wenn Sie womöglich einen ähnlichen Moment der Erweckung erlebt haben wie Javed, als er zum allerersten Mal eine Musik hört, die ihn durch und durch berührt, ergreift und aufrüttelt, die ihm einen Teil seiner Perspektivlosigkeit nimmt, von der er sich nicht nur verstanden, sondern behutsam in den Arm genommen fühlt und die ihn fortan ebenso zuversichtspendend wie zukunftweisend dabei begleitet, der zu werden, der er ist, sein möchte oder noch werden kann.

Springsteen selbst sah den Film weit vor Fertigstellung und Veröffentlichung, weil es der Regisseurin wichtig war, vorab zu erfahren, ob er mit der Story einverstanden wäre und gegebenfalls noch was am Plot ändern zu können.
Nach der Vorführung sagte er zunächst kein einziges Wort, dann stand er auf, umarmte Gurinder Chadha, küsste sie auf die Wange und meinte: „Danke, dass du dich so um meine Musik gekümmert hast. Es ist wunderschön. Ich liebe es. Bitte ändere kein einziges Detail.“

Heute in einem Monat wird Bruce Springsteen unglaubliche 70. Die Jahre rasen nur so dahin.
2016 stand ich im Berliner Olympiastadion, hörte mein erstes „Backstreets“ live und hatte das Gefühl, das könne es jetzt womöglich gewesen sein, das könne nun das letzte meiner vielen Springsteen-Konzerte gewesen sein. Weil er nie wieder durch Europa tourt, weil es niemals eine Farewell-Thunderroad-Tour geben wird, sondern es einfach eines Tages vorbei sein würde, ohne Ankündigung, ohne große Inszenierungen.

Seit ich mich gestern Abend aus dem gemütlichsten aller Kinosessel erhob, hinaus ins nächtliche Schwabing trat und mir auf dem Weg zu meinem Fahrrad ein paar Tränchen aus den Augenwinkeln tupfte, hoffe ich inständig, dass es das doch noch nicht gewesen ist.

Sondern dass er doch nochmal kommt und wir alle uns nochmal gemeinsam um diese Musik kümmern können – und diese Musik sich um uns.
Denn es ist wunderschön. Ich liebe es. Und bitte ändere kein einziges Detail, Bruce.

You sit around gettin‘ older
There’s a joke here somewhere and it’s on me
I’ll shake this world off my shoulders
Come on, baby, this laugh’s on me

Ganz besondere Grüße sende ich mit diesem Beitrag an meine lang- oder kurzjährigen Bruce-Weggefährten: Helen, Marko, Peter, Robert, Thorsten, Sori und Lukas. Keep on rockin‘, Tramps!

A certain kind of magic took place.

[Zitat aus dem Trailer „Western Stars“.]

Meine Güte, was für ein Kino-Jahr!

So you walk on, through the dark.
Because that’s where the next morning is.
[Zitat aus dem Trailer „Western Stars“.]

Das hört ja gar nicht mehr auf mit den Musikfilmen…, der Soundtrack meines Lebens (meiner Jugend!) nun endlich auf der großen Leinwand. Diese Stimme, dieser Blick, diese Musik!

Jetzt aber erstmal „Blinded by the light“, Kinostart am 22. August.

Ein bisschen Javed steckte 1985 auch in mir und mit den ersten Songs von Springsteen ging für mich tatsächlich ein Vorhang auf – zu einer neuen Ära, zu etwas nie zuvor Dagewesenem, zu etwas existenziell Wichtigem – empfundenermaßen war’s ein bisschen dieses I found the key to the universe, zwar nicht im Motor einer alten Karre, aber eben dort im Stadion, auf der Bühne.
Das war wie eine Offenbarung, eine Erweckung, und, hey, ich war noch keine 13!

(Das müssen Sie jetzt nicht verstehen, das kann man nur so oder so ähnlich fühlen und erlebt haben – oder auch nicht.)

Einen fulminanten Start in die neue Woche wünscht –
Die Kraulquappe.

Time goes by so slowly (and time can do so much). Zum 13. Mai 2019.

Liebe B.,

am gestrigen Regentag habe ich mich halb totgesucht in den Lyrics des großen Meisters (der dieses Jahr ja auch einen runden Geburtstag feiert), aber nur 2x „clay“ (gänzlich unpassender Kontext) und kein einziges Mal „pottery“ gefunden.

Dafür hab‘ ich was anderes für Dich entdeckt. Ein – wie ich finde – ausgesprochen schönes Töpfervideo. Gerade für mich als Laien auf dem Gebiet gewährt es doch gleich einen recht tiefen Einblick in dieses wundervolle Handwerk. Himmel, ist das aufregend! Und den Song, mit dem die spannenden Minuten an der Drehscheibe unterlegt wurden, den mochte ich auch immer.

Ich schenk es Dir, liebe 13er-Kollegin, also zu Deinem heutigen Ehrentag (obwohl ich nicht weiß, wie Du zu Patrick Swayze stehst – mein Typ war das ja nicht so, wobei in dem Video geht’s sogar einigermaßen) und wünsch‘ Dir weiterhin viel Freude bei der Ausübung und dem Ausbau Deines Herzenshobbies, viele genussreiche Momente an der Drehscheibe und beim Modellieren…

… und natürlich alles Liebe und Gute zu Deinem heutigen Geburtstag!

Ich stoß‘ dann später auf Dich an, zu dieser Stunde muss das Klopfen des Löffels an das Heidelbeermüslischälchen und der erhobene Kaffeepott reichen. Prosit!

Herzlichen Glückwunsch aus München,
Deine Natascha

Beglückend.

Schwer zu sagen, welcher dieser Anblicke mich heute am meisten beglückt hat:

a) der des kleinen gelben Fischleins, das heute so überraschend meine Bahn kreuzte und quasi mitten im Kraulschlag entzückend an meine Schwimmbrille dotzte, in diesem schönen, erst diese Woche neu entdeckten Schwimmbad, das ich zunächst nur notgedrungen als Alternative zum Lieblingsbad, das wg. der üblichen Revision grad zu hat, aufsuchte, das aber glatt das Zeug hat, mein dauerhaftes Zweitbad zu werden

oder

b) der des Trailers, der mich via Whatsapp von M. aus Berlin erreichte und in dem ich sofort dieses Gefühl von Aufbruch und Verheißung und Zukunftsoffenheit, jenes übermütige, allen äußeren Widerständen trotzende „Alles ist möglich“-Empfinden wiedererkannte und wiederspürte, das sich am 18. Juni 1985 so tief und unauslöschlich in mich eingegraben hat:

oder

c) der des grünspargeligen Abendessens, wie es vorhin so duftend vom Ofen auf den Tisch hinüberwanderte und dann auch noch genau so geworden ist, wie’s gedacht war.

Ein zweiter Versuch über die Liebe: Zeugen.

*****

Es war wenige Tage vor meiner (Erst-)Hochzeit.
Nach einem langen Arbeitstag saß ich mit Kollegen an der Bar eines bedeutungslosen Hotels im ebenso bedeutungslosen Sankt Ingbert, das irgendwo östlich von Saarbrücken liegt, als mich eine Freundin anrief und sich nach meiner Verfassung erkundigte und fragte, ob alles in Ordnung sei, so kurz bevor ich den Bund fürs Leben schließen würde. Ihren Job als Trauzeugin schien sie ziemlich ernst zu nehmen.

Ich schnappte mir meinen Drink, verzog mich auf mein Hotelzimmer, da solche Nachfragen natürlich nicht vor Kollegenohren beantwortet werden konnten.
Recht unvermittelt stellte sie mir im weiteren Verlauf des Telefonats eine echte Gretchenfrage: Ob ich mir in meiner Liebe zu M. denn sicher sei, wollte sie wissen. Was sie damit genau meine, wollte ich zurückwissen. Naja, sagte sie, ob es eben so sei, wie in No surrender und wie wir uns die Liebe damals, als wir 16 waren, vorgestellt hatten, und diese Ahnung, einem Manifest gleich, mit weißer Tusche auf schwarzem Papier für die Ewigkeit festgehalten, eingerahmt und in unseren Jugendzimmern übers Bett gepinnt hatten.
„Ich glaube schon“, entgegnete ich, und spülte den seltsamen Nachgeschmack, den diese Antwort sogleich auf meiner Zunge hinterlassen hatte, schnell mit dem restlichen Cocktail hinunter. Die Freundin ließ natürlich nicht locker, so wie sich das gehört für wahre Freunde, und legte nach: „Wie, du GLAUBST es nur? Und du meinst, DAS wird reichen?“ – „Ja, ich denke, dass es reichen wird“, hörte ich mich sagen.

Nun ja, es hat nicht gereicht.
Und das Verflixte daran war, dass ich es ganz genau gewusst hatte, damals, auf dieser Hotelbettkante sitzend, mit dem viel zu süßen Mai Tai in der einen und dem Telefonhörer mit der Trauzeugin dran in der anderen Hand.

Eine zurechtgedachte Liebesmöglichkeit war es, die ich fühlen und festhalten wollte, damals, auf meiner verzweifelten Suche nach einem Ort, den ich mein Zuhause würde nennen können.

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Den Anfang vom Ende der Freundschaft mit C. besiegelte nach einem zweijährigen, mit großer Mühe und Qual verleugneten Auseinanderleben schließlich ein Satz, der bei einer abendfüllenden Diskussion im „Radha“, unserem Stamm-Inder, fiel.
Er war C.s Antwort auf meine Frage, ob und wenn ja, weshalb sie – glücklich verheiratet und Mutter einer fröhlichen Tochter im Grundschulalter – sich eigentlich noch ein weiteres Jahr mit dieser extrem nebenwirkungsreichen Hormonbehandlung schinden wolle, nur um irgendwie und mit aller Macht vielleicht doch noch die Voraussetzung für ein zweites Kind schaffen zu können, das dann via Eizellspende in einer spanischen Klinik gezeugt bzw. ins Leben gerufen werden sollte.
„Weißt du, ich habe einfach so viel Liebe zu geben“, antwortete sie mir damals.

Huch!?!
Entweder hätte ich dazu den Rest der Nacht weiterfragen müssen oder ich hielt für immer meinen Mund zu dem Thema. Ich entschied mich fürs Beibehalten der Sprachlosigkeit, in die mich dieser Satz schlagartig hatte verfallen lassen.
Es war das erste Mal in unserer langen Freundschaft, dass wir beide froh waren, als der Inder um uns herum die Stühle hochzustellen begann und damit unmissverständlich das Zeichen zum Aufbruch gab.

Bald darauf trennten wir uns einvernehmlich.
Als sie mir meinen Hausschlüssel in den Briefkasten warf, lag ein Zettel bei. „Mir ist die Liebe abhanden gekommen, um unsere Freundschaft fortzuführen.“, war darauf zu lesen.

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An einem schwülwarmen Sommernachmittag, ich saß schwitzend, barfuß, ermattet und lustlos in meinem Büro, klopfte es energisch an meine Tür, und ohne mein „Ja?“ oder „Herein!“ abzuwarten, betrat Frau G. den Raum. Nein, sie betrat ihn eigentlich nicht, sondern sie stolzierte herein, affektiert wie eine überdressierte Lippizanerstute. Schüttelte die Mähne, blähte die Nüstern und kam schließlich schnaubend nach einem Hufstampfen zum Stehen.

Frau G. war die neue Lebensgefährtin von A., mit dem ich viele Jahre zuvor eine kurze Affäre gehabt hatte, die aus diversen Gründen nicht das Zeug zu mehr hatte.
Einer davon war der, dass A. sich nach wenigen Wochen entschloss, als Demonstration seiner Liebe all jene CDs zu erwerben, die ich zuhause in meinem Musik-Regal stehen hatte. Bei einem der Wochenendbesuche bei ihm dudelte mir, als ich aus dem Auto stieg und durch das Gartentürchen Richtung Haus ging, von der Terrasse Drive all night entgegen (an einem Mittag im Hochsommer! ja, ist das denn die Möglichkeit? – nein, das geht gar nicht, das ist ein Song für Dunkelheit und schlaflose Nächte! aber woher sollte er das auch wissen?).
Drinnen sah ich dann die vielen Springsteen-, Waits-, Dylan-CDs – meine Musik! – neben seinem Wasserbett liegen, auf dem ich schon bald nicht mehr umherwuppern würde, wie mir in dem Moment schwante.
A. und ich hatten dann recht bald keinen Kontakt mehr, außer man lief einander zufällig in der Firma über den Weg, was so gut wie nie der Fall war.

Zurück zu dem Auftritt von Frau G. an jenem Sommernachmittag.
A. war zwischenzeitlich ein hohes Tier in der Firma geworden, und dank des Flurfunks hatte ich auch bereits erfahren, dass er was mit einer seiner Mitarbeiterinnen, nämlich Frau G., angefangen hatte.
Im Stillen fragte ich mich, welche CDs er wohl angeschafft haben würde und ob Frau G. überhaupt Zeit zum Musikhören hatte, bei all der Karriere, die sie so verbissen zu machen versuchte.
Frau G. war eine sehr energische Person auf sehr hohen Absätzen (die sehr energische Geräusche machten), mit sicht- und spürbarer Disziplin von der allgemeinen Fitness über die Figur bis zur Frisur (in jeder einzelnen getönten Strähne eine Spannung wie in den durchgestreckten Knien und dem kerzengeraden Rücken), einer durchdringenden, harten Stimme (die durch das rollende „r“ ihres osteuropäischen Akzents noch an Schrecken gewann), kettenrauchend und permanent im Kampfmodus.

In meinem Büro stehend holte sie entschlossen Luft und zischte mir zu: „A. hat mirrr alläs von Ihnän errrzählt, ich habe Ihrrrä Brrriefä von frrrüherrr geläsen und ich möchte Sie warrrnän: Wagän Sie äs ja nicht, meinen A. noch jämals zu kontaktierrrän. Denn wirrr sind fäst zusammän und wirrr liebän uns – und zwarrr für immärrr! Das wirrrd Ihnen A. auch gerrrnä bäzeugän!“
Was für eine Ansage, ich war sehr beeindruckt und zugleich sehr verwundert, was wohl den Anlass gegeben haben könnte, dass Frau G. plötzlich meinte, mir das mitteilen zu müssen.
Lehnte mich in meinem Bürostuhl zurück und versicherte ihr, ich habe schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zu A. und sei sicher, dass er das ebenso bezeugen könne wie das feste Zusammensein mit ihr.
Sie schnaubte noch ein paarmal, scharrte mit den Hufen und verließ mit wehender Mähne mein Büro.

„Für immärrr“ hat dann übrigens keine zwei Jahrrrä gedauert (Frau G. flog anschließend auf den Schwingen ihrer Karriere auf und davon).

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Heute Mittag zum Spaziergang an den See gefahren.
Auf halber Strecke wie immer Einkehr auf ein wärmendes Getränk. Ein Paar um die 60 sitzt am Nebentisch und plaudert im Säuselton über das eigene, noch so frische und unbesudelte Zusammensein und grenzt sich zur Zementierung der Exklusivitätssehnsucht verbal heftigst von allen anderen ab, allen voran von „de junga Leit, die wo des Kuscheln verlernt ham“. Dabei sei das doch das A&O einer Liebe, wenn es halt eine echte Liebe sei, so wie die ihre, und nicht nur um schnellen Sex ginge, so wie bei de junga Leit heidzudog.
Man vergewissert sich durch permanentes Getätschel dieser Echtheit oder seiner selbst oder des Feuers, das zwischen ihnen lodern möge. Erst vor zwei Wochen hatte man einander bei Feierlichkeiten gemeinsamer Bekannter am Eibsee kennengelernt. Und man hat noch so viel vor – aber hallo!

Er schwafelt sie voll mit der x-ten Wiederholung der gemeinsamen Kennlernstory, die gerade mal 14 Tage alt ist und bei der sie ja wohlgemerkt ebenfalls zugegen war, aber seinen Worten lauscht, als höre sie das alles zum allerersten Mal.
Sie hängt an seinen Lippen, schiebt ihr Dekolletee mit jedem seiner Sätze weiter über die Tortenstücke, und schließlich entfährt ihr ein kleines Stöhnen, während er die Details jenes Abends für sie ausschmückt als verfasse er gerade ein Drehbuch für eine opulente Seifenoper: „Als ich dich zum Buffet gehen sah, mit deinen wippenden Brüsten und deinem weiblichen Hüftschwung, da war es sofort um mich geschehen, da wusste ich: Die Frau musst du haben, der musst du die Sterne vom Himmel holen. Und zwar alle!“. Weil die Lautstärke bei seinem heißblütigen Monolog etwas aus dem Ruder gelaufen war, hebt sie den Finger vor die Lippen und deutet ihm an, leiser zu sprechen. „Das darf jeder hören, meine Liebe!“ – schmettert er lautstark ihren Fingerzeig ab.

Als unfreiwilliger Zeuge solch herausposaunter Leidenschaft bereits ein wenig errötet – Knistern und Funkenflug sind längst im gesamten Lokal spürbar! – versinke ich tiefer und tiefer in die Polster meiner Sitzbank und wage es kaum, meine heiße Schokolade mit dem metallenen Löffel umzurühren. Man möchte ja weder auffallen, noch stören!
In der hintersten Ecke des Seelokals stochert ein anderes älteres Paar derweil stumm in dem gemeinsamen Viktoriabarsch herum, der mit glasigen Augen und in traurigtoter Seitenlage den Spätherbst der Ehe seiner Verzehrer kaum perfekter symbolisieren könnte.

Im Mittelpunkt des Restaurants hat das glühende Bekenntnis eine kleine Atempause eingelegt. Die beiden Frischverliebten führen vor Erregung bebend synchron ihre Kaffeetassen zum Mund, nippen daran und blicken einander unendlich lange und tief in die Augen.
„Du bist ja so ein Kuschelbär!“ haucht sie ihm dann zu, erhitzt lächelnd und mit nervösen Fingern das kleine Kreuz der Halskette in ihrer Busenfalte neu ausrichtend, danach den Ober heranwinkend, um sich ein weiteres Tässchen zu bestellen.
„Ich kann keinen zweiten Kaffee trinken, meine liebe Inge“, sagt er, „sonst steh‘ ich heut Nacht senkrecht im Bett, wegen dem zweiten Haferl – und wegen dir ja sowieso.“. (Der alte Kuschelbär – höhö!)

Wo kämen wir nur hin ohne eine Portion Größenwahn in Liebesdingen?, denke ich. Wir blieben alle armselige Gefangene in unseren Gehäusen und Flüchtlinge vor dem Leben.

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Das Dackelfräulein und ich spazieren am Seeufer entlang zurück zum Parkplatz.
Mir sind die Taschentücher ausgegangen. Die Haselpollen nehmen darauf keine Rücksicht und fliegen weiter munter umher. Ich schniefe so vor mich hin, ziehe die Nase hoch, behelfe mir mit dem letzten, völlig durchnässten Fetzchen und dem eh schon vom Ballspielen versauten Handschuh. Das Gerotze nervt ziemlich. Irgendwann fluche ich.

Pippa dreht sich sofort um, wirft mir einen besorgten Blick zu, und weil ich just in dem Moment erneut und offenbar dramatisch schniefe, kommt sie zu mir und stupst mit ihrer Nase an mein Bein.
Es ist dieses spezielle Stupsen, das so viel bedeuten soll wie „Na, mein Mensch, ist alles gut mit dir? Ich bin doch da!“, und das mich jedesmal zutiefst rührt.
Also beruhige ich sie, sage ihr, dass alles gut ist, gebe das Kommando zum Weiterlaufen, dem sie auch folgt. Da ich aber nach wenigen Schritten schon wieder seltsame Nasengeräusche von mir gebe, wiederholt sich das Ganze: Umdrehen, Gucken, Kommen, Stupsen. Diesmal belasse ich es nicht bei „Alles gut“ und „Geh schön weiter“, sondern beuge mich zu ihr hinunter, streichle sie und ernte dafür noch einen Stupser.

Und dann passiert es, ich kann es nicht zurückhalten,und sage diesen Satz, den ich eigentlich nur zuhause hinter verschlossenen Türen ausspreche, weil sie ihn ja sowieso nicht versteht und weil man sich und anderen daher diese Peinlichkeit in der Öffentlichkeit ersparen sollte: „Ich liebe dich über alles!“
In dem Moment höre ich Schritte hinter mir. Das Viktoriabarsch-Paar hat uns eingeholt und muss den Satz gehört haben. In seinem starren, blassen Gesicht hat der Schimmer eines Schmunzelns Einzug gehalten und in ihrem vormals so trostlosen Blick ist ein fernes Funkeln zu erkennen.
Ganz kurz lächeln wir einander wortlos an und einige Zeit später, als man sich am Parkplatz erneut begegnet, sagt er zu ihr „Schau, der nette Dackel!“ und sie zu ihm „So einen hätte ich auch gern!“.

Zum Abschied nicken wir uns freundlich zu, ich steige ins Auto und denke: Liebe kann sich auch anfühlen wie eine Leerstelle, die die Wirklichkeit mit nichts zu füllen vermag.
Und bin für einen Augenblick versucht, die Autotür nochmal zu öffnen und den beiden zuzurufen, dass es nun Frühling wird und sie sich doch dieses Hundeliebesglück einfach gönnen sollen.

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Alle Fotos aus der Ausstellung „Du bist Faust“ (Kunsthalle München)