Amilienumkle oder: Nächtliche Notate zur Lage der Situation.

An sich bin ich kein Freund sprachverhunzender Kleinschreiberei, mir persönlich kommt dabei schnell jeder Lesefluss und -genuss abhanden.

Für amilienumkle möchte ich allerdings kurzfristig eine Ausnahme machen. Es ist ein ganz besonderes Wörtchen, zumindest für mich, denn es war die finale Wahrnehmung in meinem geliebten Schwimmbad, als ich vor über zwei Wochen zum letzten Mal in der Umkleide stand.

Da mir bereits schwante, dass es das für 2020 vermutlich gewesen sein dürfte mit meinem Lieblingssport, drehte ich mich vor Verlassen des Raumes noch ein letztes Mal um, so eine Art stummes rundumblickendes Abschiednehmen war das, und dabei fiel mein Blick auf jenes Schild, das mir noch nie zuvor aufgefallen war.
Dem dort aufgedruckten Wort fehlten ein paar Buchstaben, aber es gefiel mir sofort: amilienumkle.

Ich fotografierte es und noch auf dem Weg zum Parkplatz murmelte ich die neue Vokabel gleich ein paarmal vor mich hin: amilienumkle, amilienumkle, amilienumkle – und beschloss, dass sich das Wort eigentlich gut als Name für eine besonders seltene, sonnengelbe Seerosenart eignen würde (weshalb der Begriff ab sofort auch einen vernünftigen, großen Anfangsbuchstaben von mir erhalten wird), die ich mir als ein Symbol der Hoffnung (auf bessere Zeiten, konkret: auf ein möglichst nicht erst zu Ostern stattfindendes Wiedersehen mit dem Lieblingsbad) erschaffen und erhalten könnte.
Immer, wenn es mich künftig bedrücken würde (und mittlerweile tut es das recht oft), dass ich nirgends mehr ins Wasser springen und loskraulen kann (nein, Neoprenanzug im November ist nichts, wonach es mich verlangt!), könnte ich das dann flüstern und an eine seuchenfreie, sonnige Schwimmzukunft denken: Amilienumkle, Amilienumkle, Amilienumkle.

Fast wie ein kleines Gebet fühlt sich das an, und es würde mich nicht wundern, wenn ich in ein paar Wochen noch ein „Amen“ hinzufüge, obwohl ich mich nach wie vor zu den Atheisten zähle.
Man wird ja ein bisschen sonderlich und schrullig in diesen Zeiten.

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Apropos „in diesen Zeiten“.
Besser gesagt: Apropos Sprachbetrachtung im Allgemeinen und Besonderen.

Auf (oder in?) einem von mir sehr geschätzten Blog, der mir allwöchentlich am Montagmorgen den Einstieg in die beginnende Woche erleichtert bis kandiert, möchte ich Ihnen, sofern Sie sich für Sprache und deren Aberrationen interessieren, die vom Autor jenes Blogs mit großer Inbrunst (und kleinem Ingrimm) notierte und regelmäßig aktualisierte „Liste des Grauens“ ans Herz legen.
Sie werden staunen, welche Floskeln, Plattitüden und Worthülsen Sie unter den aktuell 452 Einträgen entdecken, die auch Ihren werten Lippen gelegentlich entschlüpfen!

Ein gutes Drittel der dort versammelten Phrasen erinnert mich zwar aufs Schlimmste an die in stundenlangen Meetings zu erduldende Verbaldiarrhoe meiner 17-jährigen Ära als IT-Consultant (zu Beginn der 17 Jahre noch schlichtschnöde Anwendungsberater genannt), dennoch liebe ich es, in dieser Sammlung zu stöbern.
Und das nicht zuletzt auch deshalb, weil ich in meinem Smartphone eine ganz ähnliche Liste führe: Sprachschrott, den man so hört oder liest und bei dem sich sofort die Nackenhaare aufstellen oder der nächste Herpes sich Bahn bricht.

Vor einigen Wochen glich ich meinen privaten Wortmülleimer erstmals mit dieser Sammlung ab, Anlass war die damals etwas zu oft gehörte Hassphrase „am Ende des Tages“ sowie das grassierende, pseudogeheimniskrämerische (nicht aber pseudoblöde) „aus Gründen“ und ein (hoffentlich nur) pandemiebedingter Zuwachs an „Calls“ allerorten.

Größtenteils fand ich den Inhalt meiner Truismus-Tonne 1:1 im Archiv des Bonner Bloggers wieder, lediglich „Blablablubb“ (gern verwendet, wenn das, was ein anderer abgesondert hat, für zu viel oder zu unwichtig gehalten wird), Tschautschau“ oder „Ciao ciao“ (oder ist das am Ende – nicht des Tages, aber meines Sprachverständnisses – gar ein spezieller Kynologengruß und heißt eigentlich „Chow-Chow„?) und aus mir unerklärlichen Gründen auch das gruselige „aus Gründen“ sind bislang noch nicht mit von der Partie.

Sonst aber wirklich alles.
Chapeau! ( 😉 – siehe „Liste des Grauens“, Nr. 262)

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Facebook empfiehlt mir jüngst diesen Artikel aus der „Welt“:

Lektürezeit, die man sich getrost sparen kann – das Foto genügt ja wohl zur Erklärung, wieso man das nicht tun soll.

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Wohingegen mir das nachfolgende Foto nicht erklärend genug war – hier hätte ich doch zu gern auch noch gesehen, was mit den beiden abgebildeten Wanderern geschah, als die „Skulptur“ zu Phall Fall kam.

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Ansonsten leben wir lockdownlight-konform vor uns hin.

Der Gatte (vor Erhalt seines Coronatestergebnisses), bei einem Ausflug an den See.

Ich (nach Erhalt meines Coronatestergebnisses), bei einem Ausflug an den See.

Ich spaziere überwiegend allein oder mit den Angehörigen meines kleinen Hausstandes oder maximal denen eines anderen kleinen Hausstandes durch die Gegend.
Und bin wie so oft sehr dankbar dafür, wie schön wir es hier haben. Nicht auszudenken, wie sich so ein Lockdown in Ennepetal anfühlen mag oder in dem Kaff nahe Jena, in dem ich mal während einer Dienstreise einquartiert wurde, weil ganz Jena wegen einer Messe ausgebucht war.

Auch der hübsch Bewimperte und ich sind mittlerweile perfekt eingespielt, was Tour- und Törtchenplanung sowie vorausschauende Recherche der jeweils tournah geöffneten To-Go-Kioske (ein Begriff, den ich sofort auf meine „Liste des Grauens“ setzen werde) für das frisch gebrühte Tässchen Kaffee…

 

…und überhaupt freut man sich am besten intensiv an den kleinen Dingen.
Dazu passt ganz hervorragend, dass in den Bäckereien die Plätzchensaison begonnen hat.

Nebenher bastle ich an meinem Buchvorhaben (fragen Sie bitte nicht nach, ich möchte noch nicht darüber sprechen, schon gar nicht hier!), übe auf dem Akkordeon (Nackensteife links im Wechsel mit Nackensteife rechts, dazwischen ein paar Töne) und halte mich viel in der Küche auf. Vielleicht sogar zu viel, wie nachfolgende Maismehl-Grafik zeigt, in die sich aus purer Überlastung ein fataler Fehler eingeschlichen hat.

Das mit dem Akkordeon lässt sich gut an und ist eine feine Sache, bedeutet aber nicht nur Musik, sondern auch Sport, wie ich feststellen musste, denn die 8 Kilo (Instrument plus Koffer) müssen ja auch zum Unterricht hin (und zurück) transportiert werden.

Wenigstens bringt einen vor Ort nicht auch noch der Lehrer ins Schwitzen, weil der sieht exakt so aus wie er heißt (und ich behaupte einfach mal, daran würde sich im Wesentlichen auch nichts ändern, wenn er den Mund-Nasen-Schutz abnähme).
Eine Beschreibung, die Sie jetzt leider nicht verstehen können, da ich hier natürlich nicht seinen echten Namen verkünden kann, damit Sie den dann gleich googeln oder so. Sowas macht man nicht.

Stellen Sie sich einfach ersatzweise einen Mann in den Fünfzigern vor, von kugeliger, untersetzter Statur, mit krass bayerischem Dialekt und einem Namen wie Rudi Humpertinger – die Vorstellung, die Sie dann haben, die trifft es in etwa.

Ideale Lernbedingungen also.

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Auf dem Land ist Santa Claus schon im Anmarsch…

Die spinnen, die Bayern.

…während es mir hier in der Stadt noch recht unvorweihnachtlich vorkommt.

Deko vor dem Supermarkt.

Soweit für heute.

Kommen Sie gut durch die Woche und halten Sie vorsichtshalber schon mal Ausschau nach einem passenden Corona-Freund, falls am 25. November festgelegt werden sollte, dass jeder Haushalt sich künftig nur noch mit einem anderen, festzulegenden Haushalt (und aus diesem auch nur mit einer Person) treffen darf.

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Intradomalfauna oder: Mit IPM gegen die Psocoptera.

Liebe Leserinnen und Leser,

na, verstehen Sie etwa nur Bahnhof, wenn Sie die Beitragsüberschrift so lesen?
Wenn ja, dann möchte ich Sie ganz herzlich einladen: Tauchen Sie mit mir nicht nur virtuell in die wiedereröffneten Schwimmbecken ein, sondern auch in ganz neue Sphären!

In diesem Blog ist ja – wie Sie natürlich längst bemerkt haben – doch eine gewisse thematische Vielfalt geboten: von den Abenteuern des schönsten Münchner Dackelfräuleins, über Touren durch die schönste bayrische Bergwelt, Langzeitstudien zu bernsteinfarbenen Biersorten, wortreiche Berichte über Wasserfreuden aller Art (indoor & outdoor), Baustellen aller Größenordnungen (inside & outside), Beziehungen zu menschlichen und tierischen Gefährten, Szenen einer Ehe mit einem Wissenschaftler, Entstehung von polnisch-deutschen Freundschaften, Episoden düster-russischer Matrjoschkaerinnerungen und parkinsongeplagter Papaerlebnisse bis hin zu zahlreichen Ausflugstipps zwischen Garmisch und Gotland – die bunten Alltagsbeobachtungen und abwechslungsreichen Exkursionen in die Tiefen der Brucologie nicht zu vergessen.

Trotz der diversen Herausforderungen in Zeiten von Corona und des Lebens an sich wollen wir nicht nachlassen und Sie auch weiterhin mit einem breiten Spektrum an Themen versorgen.

Heute: Die Intradomalfauna.

Ich habe das Wort heute Morgen zum ersten Mal gelesen und dank leidlich vorhandener Lateinkenntnisse und seiner Verortung auf einer Internetseite, die sich mit Schädlingsbefall befasst, auch augenblicklich verstanden.
Mit Intradomalfauna sind all jene häuslichen Mitbewohner gemeint, zu denen man in keinerlei verwandtschaftlichem Verhältnis steht, mit denen man die Wohnung ungern sowie unfreiwillig teilt und deren Vorhandensein mittelfristig inakzeptabel ist, erst recht, wenn man seinen Wohnraum nicht für ’n Appel und ’n Ei oder für umme überlassen bekommt, sondern für ein allmonatliches kleines Vermögen.

Weil sich Intradomalfauna gleich viel weniger ekelhaft anhört als Schabe, Silberfisch, Speckkäfer oder Staublaus, habe ich diesen neu entdeckten Begriff sofort in meinen aktiven Wortschatz integriert.
Wie Sie ja wissen (und wenn nicht: wir berichteten hier), hatte sich im Nachgang der Wasserschadensanierungs- und Badrenovierungs-Ära unsere Intradomalfauna ein klein wenig verändert.

Mitte Mai nämlich zog die Staublaus bei uns ein und lebt mittlerweile (Stichwort: Familiennachzug) in einer Mehrgenerationen-Population in unserem neuen Badezimmer (ausschließlich an einer Wand) und im angrenzenden WC (auch dort vorwiegend auf der dem Bad zugewandten Seite).

Staubläuse (lat.: Psocoptera) gehören zoologisch gesehen zur Ordnung der hemimetabolen Insekten mit weltweit über 4.000 Arten [Anm. d. Red.: krass, oder?]. Ihr 1–7 mm großer, verschieden gefärbter, weichhäutiger Körper gliedert sich in einen großen, halbkugeligen Kopf, einen Brustabschnitt und einen sackförmigen Hinterleib. Der Kopf trägt seitlich liegende, bei vielen Arten nur schwach entwickelte Komplexaugen [Anm. d. Red.: auch ein schöner, neuer Begriff – „Komplexaugen“] sowie fadenförmige, aus bis zu 50 Gliedern bestehende Fühler [Anm. d. Red.: Pfui Deifi & gut, dass die eigene Sehkraft schon etwas nachgelassen hat]. Der Brustabschnitt trägt außer den 3 Paar Beinen 4 einfach geäderte, verschieden gefärbte Flügel, die während des Flugs zur funktionellen Zweiflügeligkeit verhakt [Anm. d. Red.: „zur funktionellen Zweiflügeligkeit verhakt“ – lassen Sie sich diese wunderbare Formulierung auf der Zunge zergehen und assoziieren Sie nach Herzenslust, einfach so, als Phantasiereise!] und in der Ruhe dachförmig über den Hinterleib gelegt werden können [Anm. d. Red.: in meinen Augen ist das pure Poesie].
Häufig (besonders bei Weibchen) sind die Flügel reduziert; auch voll geflügelte Arten bewegen sich hauptsächlich laufend fort [Anm. d. Red.: und zwar ziemlich flott, beinahe flotter als Sie mit dem Lappen hinterherkommen]. An der Unterseite des 9. (Männchen) bzw. 8. (Weibchen) Hinterleibsegments liegen die Geschlechtsöffnungen. Der Kopulation geht eine Art Balz voraus [Anm. d. Red.: hier sind offenbar nahezu alle Lebenwesen ähnlich gepolt]. Die Weibchen kitten die 20–100 Eier auf die Unterlage [Anm. d. Red.: also unseren neuen Waschtisch]; das Gelege wird oft noch mit einem Gespinst versehen [Anm. d. Red.: Gespenster haben wir noch keine gesehen]. Die sich hemimetabol entwickelnden Larven ähneln in Aussehen und Lebensweise den Imagines [Anm. d. Red.: alles klar!].
Die Staubläuse ernähren sich vor allem von Algen, Pilzen und Flechten; sie bevorzugen daher feuchte Lebensräume [Anm. d. Red.: Zefixnochamal, Scheißwasserschaden und überhaupt reicht’s jetzt langsam mit dem ganzen Gschiss da herin!].

Im Sinne der konsequenten Umsetzung unserer bloginternen Sprachhygienemaßnahmen wird hier ab sofort nur noch von Psocoptera die Rede sein, wenn ich konkreter über unsere Intradomalfauna berichte. Gewöhnen Sie sich also bitte gleich auch an diesen Begriff (und sollten Sie es je selbst damit zu tun bekommen, was ich Ihnen keinesfalls wünsche, könnten Sie mit dem Vokabular immerhin sofort Eindruck schinden bei Ihrem Hausverwalter/Vermieter, da kommen Sie nämlich gleich viel kompetenter rüber als wenn Sie nur ein angewidertes „Wir haben seit der Sanierung Staubläuse in der Bude!“ vom Stapel lassen).

Im Laufe der letzten Wochen habe ich nicht nur unseren Vermieter über den Zuzug der Psocoptera informiert, wie man das ja als braver Mieter bei jeglicher Art von Untervermietung der Mietsache zu tun hat, sondern auch eine neue Tätigkeit in meinen Alltag integriert: ich rücke den Psocoptera nun täglich 2-3x zu Leibe, damit sich auf der Waschtischplatte und den beiden betroffenen Wänden keine größeren Versammlungen bilden können, sondern nur ein paar Kumpels mit ihren Kumpels beisammen sitzen oder gemeinsam herumkrabbeln.

Zum ersten Kaffeehaferl bereitete ich mich heute Früh auf den Termin mit dem Mitarbeiter der Firma Schaden365 vor und las mich ein wenig in die Genealogie der Psocoptera ein. Man muss ja entsprechend stotterfrei und im Fachjargon argumentieren können, sonst nehmen einen diese Professionisten ja nicht ernst.

Etliche Feuchtigkeitsmessungen – denn die Psocoptera siedeln sich ja ausschließlich in feuchten Materialien und Baustoffen an – wurden durchgeführt, nicht nur an den „befallenen“ Stellen, sondern auch an benachbarten Wänden und angrenzenden Decken.
Das Ergebnis? Der Fachmann war ratlos. Alles ist trocken!
Wo also kommen sie her, die Viecherl, und wovon ernähren sie sich?

Er fertigte sodann mehrere Beweisfotos von den umhereilenden Psocoptera an, bestaunte ausgiebig meine neueste Versuchsanordnung (luftdicht abgeklebte Dreifachsteckdose an neu verfliester Wand über dem Waschtisch, weil ich genau hier die Keimzelle des Grauens vermute, und siehe da: hinter der Folie lungern mittlerweile Dutzende erstickte Psocoptera herum) und war ganz aus dem Häuschen als er die kleinen grauen Leichen mit Taschenlampe und Lupe genauer in Augenschein nahm.

Mit dem Versprechen, seinen Bericht noch heute dem Vermieter zukommen zu lassen, verabschiedete er sich schließlich.

Weil ich keinem Handwerker außer Lolek traue, schrieb ich unserem Vermieter nach dem Termin auch selbst noch einen Bericht. Ein paar Stunden später traf erfreulicherweise bereits eine Reaktion ein: Unser Einverständnis vorausgesetzt würde er umgehend die Firma Biebl & Söhne beauftragen, sich der Angelegenheit anzunehmen.

Der Firmenname suggeriert zwar ein gewisses Gottvertrauen, dennoch googelte ich den Betrieb. Und schon wieder betrat ich eine neue Welt: die der Schädlingsbekämpfung (hieß das nicht früher mal Kammerjäger?).

Leckomio, uns steht also in Kürze der Besuch eines IPM-Beauftragten bevor!
Und Integrated Pest Management – das klingt irgendwie gar nicht mehr nach Kindergeburtstag oder Begutachtung der Psocoptera im Scheine einer kleinen Halogen-Stabtaschenlampe. Aber immerhin bewegt sich das Tun der Bieblsöhne offenbar noch im Rahmen der gültigen Gesetze und der GHP, was auch immer dieses Akronym bedeutet.

Neue Lieblingsbegriffe nach Lektüre der Startseite von Biebl & Söhne: Verbergungsräume und Monitoringstation.

Ich stelle mir das in etwa so vor: Unser Bad und WC wird recht bald nach dem Erstbesuch des IPM-Beauftragten mit zig Überwachungskameras ausgestattet, zuvor hat man natürlich, um die winzigen Sichtgeräte überhaupt einbringen zu können, die Silikon- und Epoxidzementfugen an mehreren Stellen aufgebohrt, um hinter die Kulissen gucken zu können, quasi in den Brutkasten und die Geheimgänge der Psocoptera, im Fachjargon Verbergungsräume genannt. Der Biebl & Söhne-Mitarbeiter installiert uns auf einem Leih-Tablet ein System, mit dem wir uns jederzeit in eine beliebige der knapp 100 Kameras einwählen können, um das Geschehen live zu beobachten, zusätzlich stehen uns diverse Statistik- und Analyse-Tools zur Verfügung, mit denen wir die Lebensgewohnheiten unserer Psocoptera en detail kennenlernen können: Wann stehen sie auf, wann putzen sie sich die Zähne, wann beginnen sie ihr Tagwerk, wann machen sie Mittagspause und Feierabend, welches Familienmitglied ist fürs Müllruntertragen zuständig und welches für die Umsatzsteuervoranmeldung, machen sie auch Urlaub, schlafen sie getrennt oder im Rudel, welchen Hobbys gehen sie in ihrer Freizeit nach, gibt es religiöse Praktiken, glauben sie an die Demokratie oder daran, das Bill Gates demnächst ihren schönen, freien Psocoptera-Staat auflösen und sie alle zu Impfungen verpflichten wird, die ihre zarten Körper verseuchen werden?

Bleiben Sie also dran & freuen Sie sich schon heute auf die nächste Folge von „Psocoptera privatissime“, denn dann geht es richtig zur Sache!
Um die Wartezeit sinnvoll zu überbrücken, empfehle ich Ihnen das Bilderbuch auf der Homepage von Biebl & Söhne – ein ganz entzückendes Album, das dem interessierten Kunden dort völlig unentgeltlich präsentiert wird.

Einen erfreulichen Dienstagabend und eine ebensolche weitere Woche wünscht Ihnen –
Ihre Kraulquappe.

Theorie und Praxis: Verschlusssachen.

Gestern Abend eine längere theoretische Unterweisung zur Vorbereitung auf den beruflichen Part der Skandinavienfahrt im Spätsommer.

Der Physiker hat seine Systemkamera in die Kneipe mitgebracht und hält mir eine 3 Getränke und 1 große Mahlzeit überdauernde Vorlesung zu Brennweiten, Verschlusszeiten, Schärfentiefen, Bildsensoren sowie Grenzen und Möglichkeiten eines Reisezooms, das er mir – etwas verblendet von seinen drei Gläsern Riesling – schlussendlich sogar zum Geburtstag spendieren möchte, sofern mir zuvor der Papa den entsprechenden Body gesponsert haben würde (denn ohne Gehäuse braucht man auch kein Objektiv, so viel habe ich am Ende des Abends bereits gelernt ;-)).

So schön Beschenktwerden ist – man sollte mit dem Geschenk ja idealerweise auch was anfangen können, und als mein Blick beim konzentrierten Zuhören auf das Bordbuch fiel, das der Physiker während seiner Ausführungen neben sich und seiner SONY liegen hatte, wurde mir etwas schwummrig, denn der für meine Profession zwar sicher überfällige und sinnvolle, aber doch enorme und nahezu quantensprungartige Wechsel von einer alten, ausgeleierten Kompaktkamera zu so einem Schwergewicht von Systemkamera samt Zubehör, erschien mir doch nicht ganz so simpel in Übergang und Handhabung wie es der Physiker ebenso begeistert wie mutmachend darzustellen versuchte.
(Schenke man mir bitte ein Fass voll Geduld, dazu ein nett illustriertes Kinderbuch à la „Conny lernt knipsen“ und später ein begleitendes Manual in Comic-Form!)

Heute dann ohne fremde Hilfe die erste praktische Reisevorbereitung getroffen: das wichtigste Kraulquappen-Utensil für den privaten Part des Aufenthalts in Schweden ist besorgt worden!

In skandinavischen Schwimmbädern gibt es nämlich nirgends Spinde mit Münzeinwurf, Schlüsselbändchen, Chip-Armbändern oder sonstigen hierzulande möglichen oder unmöglichen Verschluss-Varianten, sondern jeder muss sein Schloss selbst mitbringen. (Der Plural von „Spind“ hört sich ungewohnt bis gruselig an, stimmt aber.)

Auf der letzten Schwedentour hatte ich ein ausrangiertes, kleines Kellertürschloss dabei, das neben seiner Schwergängigkeit (klemmte wie blöd) und Hässlichkeit (Leukoplastbraun mit Platzwunden) vor allem zwei gravierende Nachteile hatte: entweder war der Bügel zu eng und das Umkleideschränkchen ließ sich damit gar nicht absperren oder der notdürftig an einem Gummiband befestigte Schlüssel kratzte mich während des gesamten Schwimmens am Hand- oder Fußgelenk.

Nun für 12€ die Profi-Version erstanden: Größeres U des Bügels und damit hoffentlich alle Schranktürschlossmodelle Schwedens mühelos umgreifend sowie kein doofer, pieksender und verlustanfälliger Schlüssel, sondern eine frei wählbare Zahlenkombination, die man – mit Bedacht gewählt – niemals verlieren wird, weil man sie schon ein Leben lang mit sich herumträgt.

Noch dazu diese positive Farbgebung: je nach Lichteinfall sonnengelb strahlend bis gülden funklend, jedoch mit leicht herber, dezent warnender Senfnote im Abgang (wie ein unterschwelliges und hoffentlich wirksames „Finger weg von diesem Schrank!“).

Ich bin jedenfalls sehr zufrieden mit dieser Wahl.
Kann ich sagen: „Ich hab mir dieses Jahr zum Geburtstag ein Schloss gegönnt!“ (muss ich gleich an den chinesischen Studenten denken, der mal auf einen Gefallen hin, den der Gatte ihm erwiesen hatte, in seiner Dankes-Email schrieb: „Sie haben ein Gut bei mir.“, ein Schlitzohr, dieser Student, denn es blieb bei den großen Worten).
Ein Schloss! Das klingt doch nach was!

Lediglich die auf dem Schloss eingestanzte 145/30 irritiert mich ein bisschen: Was will mir dieser Code sagen, in einer so denkwürdigen Woche und Lebensphase?

Nun aber weiter mit der Arbeit, damit damit da noch im alten Lebensjahr was abgeschlossen wird!

Leben.

„Leben, leben muss man, meine ich, leben und sonst nichts. So einfach klingt das, und keiner kann’s!“ (Oskar Maria Graf)

Der bayrische Schriftsteller OMG, der Generation „lol & rofl“ vermutlich nur noch unter dem Akronym für die ziemlich überflüssige Exklamation „Oh my God!“ bekannt (und auch nicht zu verwechseln mit der 80er-Jahre-Kombo OMD), wuchs in Berg am Starnberger See auf, von wo aus das Dackelfräulein und ich momentan gern zu ausgedehnten Märschen aufbrechen, um a) möglichst wenigen Rüden zu begegnen und b) unseren Gassihorizont und die Ortskenntnis mal wieder etwas zu erweitern.

Hier kommt man nirgends an Oskar Maria Graf vorbei: Grafstraße, Grafweg, Graf-Geburtshaus, das Bankerl, auf dem er seine erste Zigarette drehte usw.

Mein persönlicher OMG-Tipp ist das OMG-Stüberl, selbst wenn man dafür nach einem bereits zweistündigen Spaziergang am See nochmal tief Luft holen muss, um das steile Strässchen zum oberen Ortsteil von Berg zu erklimmen (erst hier oben erschließt sich dem Wanderer der Ortsname!). 

Aber die Tour zuvor ist unvermeidbar, denn merke: Geh nie mit einem nicht ausgepowerten Dackel ins Lokal, pfeif lieber selbst aus dem letzten Loch und erhol dich dann im Lokal (selbstverständlich erst, nachdem du dem Dackel sein Würstchen gegeben hast, das bei jedem längeren Gassi als Proviant mitzuführen ist).

Das Erholen geht im OMG-Stüberl ausgesprochen gut. Und sogar zu eher landkreisuntypischen Preisen, vor allem für die hier gebotene Qualität.
Einmal pro Woche gönne ich mir irgendwo eine Einkehr: Tee oder Kaffee, im Winter eine heiße Schokolade, im Sommer ein Weißbier, manchmal sogar noch „an Zusatzkalorien“, so wie heute.

Man sollte gut sein zu sich. Leben üben. Leben lernen. Leben genießen. Nicht alles auf irgendwann später verschieben. Nicht dass man plötzlich tot ist und vorher keinen Topfenknödel mehr gegessen und dazu in Ruhe einen guten Gedanken gedacht hat.

So geht’s eben jedem mit seinem dreckigen Leben. Zuletzt, wenn man nicht mehr arbeiten kann oder mag, will man nachdenken, und da kommt raus, daß unser ganzes Leben eine hohle Nuß gewesen ist. Und das, verstehst du, das ist ärgerlich. Das können die wenigsten vertragen. Und auf was verfallen sie dann? Auf den Herrgott und die verschiedenen Heiligkeiten. Anders halten sie es nicht mehr aus! (OMG)

Dafür braucht man eher Zeit als Geld. Ich bin meinem Hund dankbar, dass ich mir täglich Zeit nehmen „muss“ und froh, dass meine Lebensumstände das zulassen. Arbeite ich halt wieder bis spät abends.

Die Dichte an heimatlosen Tennisbällen ist in Deutschlands reichstem Landkreis übrigens sensationell hoch. 

Aus Berg grüßen herzlich oder für die jüngeren Leser: cu & rok!

Die Kraulquappe und der Balljunkie.