This little light.

Schwimmen & Springsteen – und alles ist gut und leuchtet.


Well now, this little light of mine, yeah, I’m gonna let it shine!

Morgenimpressionen: Die gemeine Stinkmorchel.

Der Gatte soeben nach Frankfurt abgereist, der Allgäuer Handwerksfreund schon auf dem Weg nach München. Die vierte Werkelwoche in Folge steht bevor. Eigentlich die siebte, wenn man die Wochen unmittelbar um den Umzug rum mitrechnet.

Für knappe zwei Stunden genieße ich ein männerfreies Haus, setze mich nochmal an den Frühstückstisch, schenke mir den Zweitkaffee ein, gucke müde und immer noch sehr erschöpft vom Berghütten-Arbeitswochenende auf die weiße, noch bilderfreie Wohnzimmerwand.

Und da fällt mir beinahe das Haferl aus der Hand:

Malt die Morgensonne doch glatt eine Gemeine Stinkmorchel an die Wand!

Das hätt’s jetzt nicht gebraucht, ich mag nämlich keine Pilze.

Suburbia (3): (…) den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Von To-go-furniture, Ghost-Living und Spongebob-Having.

Eine der Wohnungen in unserem Haus habe ich „die Pechwohnung“ getauft.
Nein, nicht unsere, die ist schön, auch wenn wir wegen des Drumherums hier nicht glücklich werden. Die Pechwohnung befindet sich im Erdgeschoss.

Bereits an unserem Umzugstag fragte mich die Belegschaft der Metzgerei gegenüber, bei der ich für die Möbelpacker zu Mittag ein gutes Dutzend Leberkässemmeln geordert hatte (weshalb man dort sogleich Hoffnung schöpfte, zukünftige Kundschaft zu gewinnen, was sich als Irrtum entpuppen würde bei einem Haushalt mit 1,5 Vegetariern, aber das behielt ich erstmal für mich), gründlich darüber aus, in welche der Wohnungen in dem Neubau wir denn einzögen.
Ins erste OG? Achso, naja, schade, dann blieben wohl im Erdgeschoss weiterhin die Jalousien unten, das sähe halt arg unbewohnt und verrammelt aus und das auch schon so lange. Man frage sich ja seit Monaten, wann denn überhaupt mal jemand in das Haus einziehen würde, es wirke so unbewohnt, selten ginge dort mal jemand ein oder aus, aber nun seien ja wir da – so kommentierten sie’s und schoben mir die in Alufolie gewickelten Kraftspender über den Tresen, damit ich sie in meinen Korb packen konnte. Zum Abschied noch der freundliche Hinweis, dass man jederzeit gern für das Dackelfräulein Fleischreste beiseite legen würde – für „ummasunsd“ (mia san jetzad ja Nachbarn).

Schon ein paar Wochen nach unserem Eintreffen sollte Schluss sein mit der dauerverrammelten Erdgeschosswohnung, zumindest dachten wir das, als der Möbelwagen vorfuhr.
Dr. B., ein pomadiger Finanzheini in den Spätdreißigern mit Schweizer Autokennzeichen, zog ein, entpuppte sich jedoch beim Erstkontakt als Exilschwabe, immerhin aber als Dackelfan, so dass man gewogen war, über Pomade, Beruf und Herkunft erstmal gnädig hinwegzusehen. Dr. B. zog an einem einzigen Tag ein und richtete sich auch an diesem einen Tag bereits fertig ein.
Das war nur insofern möglich, weil Dr. B. ausschließlich „furniture to go“ besaß: alles – Geräte, Möbel, Vorhänge – war neu, schick und schmerzfrei, alles war im Nu aufgestellt, installiert und betriebsbereit.
Wenn man keinerlei persönliche Gegenstände besitzt und Individualität lediglich aus dem persönlichen Freischaltungscode des Vodafone-Multimedia-Highspeed-Pakets besteht, ist so ein Umzug nämlich richtig schnell erledigt.

Dr. B. war also binnen 24 Stunden eingezogen und angekommen. Noch am Tag seines Eintreffens machte er seine Runde durchs Haus, um sich seinen neuen Nachbarn vorzustellen, höflich und freundlich, aber man merkte wohl, dass er das vor allem hinter sich haben wollte. In den Folgewochen wurden die wenigen noch fehlenden Utensilien per Amazon geliefert: Joggingschuhe, DVD-Player, Espressomaschine und notgedrungen auch ein kleiner Rasenmäher für den vermutlich eher ungewollten Garten, der bis dahin recht trostlos vor den verschlossenen Fenstern der Pechwohnung vor sich hin vegetieren musste.
Seinen dicken, dunklen VW Touareg tauschte er nach den ersten Erfahrungen mit der vom Architekten dieses Hauses sehr platzsparend konzipierten Garage notgedrungen gegen einen schlanken VW Polo ein.
Ansonsten hörte und sah man nicht viel von ihm. Im Wäschekeller wälzte der Miele-Trockner manchmal um Mitternacht stoisch die fünf Oberhemden um (five shades of boring business-blue), die Dr. B. durch seine business-week geleitet hatten.

Gleichwohl roch man morgens im Treppenhaus, wenn er gerade aufgebrochen war zu seinen Finanzkumpels im City-Office (five cl of Joop!), ab und an traf man ihn sogar mal leibhaftig, meist beim Aufbruch zum Morgengassi. Das Dackelfräulein durfte ihm sodann ungestüm unter das gebügelte Anzughosenbein rüsseln.
Dr. B. mochte Dackel, seine Mutter hatte nämlich mal einen, daher patschte er ihnen nicht ungelenk mit der flachen Hand auf dem Kopf herum (was ja viele Hunde, besonders die kleinen, hassen), sondern verstand es, sich korrekt mit einen tiefergelegten Kinnkraulen dem Hund zu nähern. Zwar konnte er sich in den wenigen Monaten seiner To-go-Existenz hier in unserem Haus nicht merken, dass Pippa kein „er“ ist und „Pippa“ heißt, aber das nahmen wir ihm nicht krumm.

Was sich durch Dr. B.s Ankunft allerdings nicht die Bohne verändert hatte, war die Jalousiensituation: die Dinger blieben unten. Hartnäckig. Und grundsätzlich. Tagsüber sollte wohl das nagelneue to-go-furniture vor neugierigen Blicken geschützt werden oder Dr. B. vergaß einfach frühmorgens – zwischen Coffee-to-go, dem Hantieren mit der Pomade und der „Börse vor 8“ – jene Taste zu betätigen, die die Rolladen geöffnet hätte (oder ärgerte sich darüber, dass es hierfür nicht auch eine Fernbedienung gab).
Abends, wenn er spät vom Job heimkam und vor dem Fernseher einen Absacker trank, lohnte es sich auch nicht mehr, die Rollos hochzufahren. Nur manchmal, an lauen Sommerabenden, war tatsächlich ein 20cm breiter Spalt offen, wahrscheinlich der Belüftung wegen. Man sah dann etwas Licht, vermutlich das Flimmern der Aktienkurse im TV, und ab und zu sogar die Füße von Dr. B., die stets in schwarzen Socken steckten oder barfuß auf einem Lederhocker ruhten.

An den Wochenenden war er grundsätzlich in der Schweiz und die Jalousien blieben natürlich dort, wo sie eh schon waren: unten.
Irgendwann blieben sie dann für immer geschlossen, denn Dr. B. war völlig unbemerkt wieder ausgezogen. Der Finanzjob hatte nicht den expectations entsprochen oder war keine adäquate challenge – wer weiß das schon so genau, Dr. B. war jedenfalls wieder weitergezogen.
Sein To-go-Mobiliar hatte er der Einfachheit halber dagelassen, wir vermuteten, dass er es entweder an arbeitslose Banker gespendet hat oder fachgerecht entsorgen ließ, bevor er die Pechwohnung an den Vermieter zurückgab.

Die zwei Räume plus Küche-Bad-Flur hatten also kein Glück gehabt, sie mussten weiterhin im Dunkeln ihr Dasein fristen und aufpassen, nicht trübsinnig zu werden bei diesem Kaspar-Hauser-Leben, das zu führen sie verdammt waren. Die bunte Welt da draußen kannten sie nur vom Hörensagen oder aus Fernsehbildern.

Und wieder blieben die Jalousien monatelang dicht.

Ein paar Wochen nach Dr. Bs Verschwinden tat ich der Metzgereibelegschaft den Gefallen, ein Schälchen Kartoffelsalat zu kaufen und dabei ungefragt die aktuelle Lage zu erläutern, weil ich ahnte, dass das verrammelte Erdgeschoss weiterhin kritisch beäugt und diskutiert wurde.

Einige Zeit später wurde bekannt, dass ein neuer Mieter für die Pechwohnung gefunden sei: Herr F., den wir – Google sei Dank – in Nullkommanix als BWL- und Versicherungsfuzzi entlarven konnten. Gewissermaßen also ein Klon von Dr. B., nur ohne Promotion, in benachbarter Brangsche tätig und etwas jünger, wahrscheinlich daher noch ohne Pomade und Bügelfalten, vielleicht nicht mal ein Dackelfreund.
Wir wissen es nicht genau bzw. überhaupt nicht, denn Herr F. zog nie in seine neue Bleibe ein. Einzig sein großes TV-Gerät (das basic jeder To-Go-Möblierung) traf eines Tages ein und wurde irgendwo hinter den heruntergelassenen Jalousien versteckt.
Herr F. hat vor noch Einzug wieder gekündigt. Tja, auch das ist München at its best: wer ko, der ko! – das muss man sich ja erstmal leisten können, hier 3-4 Monatsmieten in den Sand zu setzen und die Moneten nicht mal ansatzweise persönlich abzuwohnen…

So wurde eines Tages der TV unbemerkt wieder entfernt und die Pechwohnung stand erneut leer. Der Eigentümer nahm einen Maklerwechsel vor, vermutlich hatte er zum bisherigen, sehr schleimigen Wohnungsverschacher-Hai (ich hatte den Typen mehrfach mit diversen Dr.B.-Klonen bei Besichtigungsterminen gesehen – seltene Stunden, zu denen die Jalousien jeweils komplett hochgezogen wurden, obwohl das der Wohnung weder entsprach, noch bekam, ja womöglich ein schwerer Schock für sie gewesen sein muss, so wie wenn einem des Nachts in einer DAV-Hütte, wenn man grad endlich mal eingeschlafen ist bei all dem Geschnarche ringsum, plötzlich ein angeschwipst umherirrender Zimmerkumpan mit seiner Taschenlampe grell ins Gesicht leuchtet, weil er ausgerechnet dort seine Schlafstatt vermutet) nach den zwei Fehlschlägen einfach kein Vertrauen mehr.

Das Jahr ging für die Erdgeschosswohnung verrammelt und in Dunkelheit zuende, so wie es auch begonnen hatte. Und 2018 begann zunächst ebenso düster.

Kurz nach dem Jahreswechsel kam uns zu Ohren, dass erneut ein Mieter für die Pechwohnung gefunden sei, der angeblich noch im Januar einziehen würde. Gespannt blickte man nun bei jedem Kommen und Gehen auf die hellgrauen Jalousienfronten im Erdgeschoss. War da vielleicht ein kleiner Ritz zu sehen? Tat sich da schon etwas? Oder standen die Lamellen noch so wie am Vortag?

Eines Tages, die Rolläden waren noch immer verschlossen, befanden sich im Waschkeller plötzlich zwei neue Geräte. Wenig später klebten zwei neue Namen an der Klingel zur Pechwohnung. Aha – ein Paar wollte hier sein Glück suchen und der Düsternis ein Ende bereiten! Und in den letzten Januartagen, ich fuhr gerade mit dem Aufzug in den Keller, war auf dem Weg Richtung Garage, um das Dackelfräulein zum See zu kutschieren, war es dann tatsächlich so weit: der männliche Part des Pechwohnungs-Paares stand plötzlich im Kellerflur vor mir.
Ein Gruß wurde ausgesprochen, mit schwäbischer Note (zieht die Pechwohnung etwa bevorzugt Schwaben an?!?), ansonsten fiel mir nur auf, dass der Neue dem Gebaren nach ganz bestimmt kein Finanz- oder Versicherungsfritze sein konnte (korrekt!, wie das Internet bestätigte) und dass er in seinem Leben offenbar noch nie einen Hund oder gar Dackel gesehen hatte.
Grad dass er nicht zur Seite sprang, als das Dackelfräulein ihn freundlich schwänzelnd begrüßen wollte, oder ihm ein angeekeltes „Iiih!“ entfuhr! Sekunden später kam seine Angetraute oder Lebensabschnittsgefährtin aus der Garage. Als sie Pippa sah, zuckte auch sie zusammen, und kaum wuselte ihr unser liebreizender Hund um die Füße, zog sie ein Gesicht als würde sich ein blutender Blobfisch über ihre Schuhe schieben.

Was soll ich sagen? Die Sache war gelaufen! Quasi binnen Sekunden waren die Würfel gefallen!
Bei der Zweit- und Drittbegegnung wurde dieses Verhalten keineswegs besser, lockerer oder entspannter.
Ja, besonders die Drittbegegnung war heikel, denn die Neue trug ein spongebobähnliches Riesenstofftier durchs Treppenhaus und für Pippa war sonnenklar, dass das nun endlich das ihr zugedachte Einstandspräsent sein müsse und sie schien daher sogar geneigt, der seltsamen Nachbarin ihr bisheriges Verhalten zu verzeihen. Aber nein, das kastige Monster wurde quietschend vor Angst oder Ekel in die Höhe gehoben und dem Dackelfräulein verweigert!

Zugegeben, diesmal kostete ich die Lage aus und rief Pippa nicht sofort zu mir, sondern ließ die Neue ein Weilchen zappeln, weil das gar so ulkig aussah: die kreischende Frau auf Zehenspitzen mit dem knallgrünen Monsterstofftier in den Armen. Herrlich!
Derweil erklärte ich ihr seelenruhig, dass mein Hund ihr Spongebob-Plagiat als Spielgefährten betrachtet und sich deshalb so exorbitant freut.
Ihr Mann kam ihr zu Hilfe, fuchtelte unbeholfen mit einem Arm herum und versuchte, die Situation mit einem „Desch is ja ’n aufg’weckta Kerl!“ zu entschärfen. Da er aber einen Geländewagen unter dem anderen Arm trug (so ein Teil in Bobbycar-Größe – man fragt sich ja schon, was Leute, die um die 50 sind und keine Kinder haben, für Krempel besitzen), fiel er bei Pippa natürlich in dieselbe Kategorie wie seine Gefährtin („Potentiell neuer Kamerad mit Spielgerät zur besänftigenden Überlassung inkl. Antragstellung auf gute Nachbarschaft beim 1. Haus- und Hofhund am Platze“).
Ich klemmte mir dann (quasi aus paritätischen Gründen) meinen Hund unter den Arm und machte mich aus dem Staub.

Staub. Gutes Stichwort!
Denn bei der vierten Begegnung sprach mich der Neue unfreundlich und grußlos an (es war der Umzugstag, er trug Baseballkappe und Sweatshirt und wirkte etwas gestresst ob der vier kein schwäbisches Wort verstehenden Inder, die sein Umzugsgut ganz offensichtlich nicht in der gewünschten Weise in die Pechwohnung trugen) und fragte mich unvermittelt, ob ich ihm meinen Staubsauger für den Reschd des Tages ausleihen könne, da die Inder bereits Löcher in die Wände bohren würden, und da wäre es ja schon praktisch, den Bohrstaub und das doch recht reichlich splitternde Mauerwerk gleich an Ort und Stelle mit einem Sauger aufzufangen. „Ungern“, entgegnete ich, da ich mir bei unserem Einzug unseren alten Staubsauger mit vergleichbaren Aktionen ruiniert hatte und den neuen nicht in Hände geben wollte, die ich noch nicht mal selbst in gutem Gefühl geschüttelt hatte.

Da war der Schwabe beleidigt, glaube ich. Entsprechend kurz angebunden verliefen die nachfolgenden Begegnungen. Auch Pippa ignoriert die beiden mittlerweile – wer es sich erst mal gründlich mit ihr verscherzt hat, ist logischerweise keines Dackelblickes oder Schwanzwedelns mehr würdig.

Aber häufig sieht man einander eh nicht, denn – Sie ahnen es sicher schon! – die Jalousien sind mal wieder unten.
Sogar tagsüber sehr konsequent, und das, obwohl der Neue daheim arbeitet. Vielleicht ist er Pornofilmproduzent oder Geldfälscher – oder die beiden haben zuvor im Souterrain oder Keller gewohnt und müssen sich erst langsam ans Tageslicht gewöhnen (man soll ja nicht immer gleich das Übelste annehmen).

Den neuen Nachbarn gebe ich dennoch deutlich länger als Dr. B. und dem nie erschienenen Herrn F., ich tippe tollkühn auf mehr als 3 Jahre.
Einfach deshalb, weil ich davon ausgehe, dass Menschen mit spongebobähnlichen Monsterstofftieren, albernen Kleinjeeps, schwäbischer Herkunft und einer doch erklecklichen Anzahl von vier Indern hineintransportierten Möbelstücken und Kisten nicht in drei Monaten wieder weg sind (einen haben sie ja bereits geschafft).

Möge uns das Schicksal gewogen sein und uns den näheren Fortgang sowie das Ende dieser Pechwohnungs-Episode nicht mehr live miterleben lassen, obwohl ich mikrosoziologischen Langzeitstudien dieser Art durchaus etwas abgewinnen kann.

Was für eine verrammelte, verschlossene Welt.
Ein bedrückendes Verstecken, Verbarrikadieren und Verschließen – so empfinde ich das zumindest.
Wenn ich hier in Suburbia nachts mit unserem Hund durch die Straßen spaziere, dann ist alles dicht, alle haben sich abgeschottet. Keine Menschenseele ist irgendwo zu sehen.
Leben die noch oder sterben die schon?, frage ich mich manchmal, wenn ich auf die vielen bodentiefen, blickdichten Lamellenfronten gucke.

Unweigerlich denke ich dann an diesen Spätsommer vor ein paar Jahren, den ich auf Gotland verbrachte.
Wie ich mit dem Dackelfräulein in der Dunkelheit über die Insel fuhr oder wanderte, und überall waren warme Lichter zu sehen, die Fenster so offen wie die Türen, hie und da mal ein zugezogener Schlafzimmervorhang, ansonsten aber sichtbares Leben in all seinen Schattierungen und Zuständen.
Die Menschen dort verstecken sich nicht bei Einbruch der Dunkelheit, sondern sie wagen es, sich in ihrer ganzen Banalität oder Besonderheit zu zeigen. In Gesprächen erfuhr ich, dass sie das nicht mal als ein Wagnis oder ein Sich-Zeigen betrachten, sondern es ist stinknormal, dass man abends weiterlebt und -wohnt als wäre es draußen noch hell.
Der Schwede geht einfach nicht davon aus, dass ihm jemand was wegglotzt und es juckt ihn auch nicht, wenn der Nachbar sieht, dass man mal kurz in der Nase bohrt (und aus Kindheitsurlauben in Holland erinnere ich mich noch gut daran, dass man es dort genauso hielt).

Man sieht sie alle in ihren Häusern herumlaufen, -liegen oder -sitzen, in ausgebeulter Jogginghose oder im eleganten Etuikleid oder irgendwas dazwischen, allein, zu zweit oder in Gesellschaft, mit Hund oder Katze, lesend, lernend, denkend, weinend, lachend, essend, trinkend, putzend, sich unterhaltend, sich berieseln lassend, schweigend, liebend, streitend, genießend, leidend – und vielleicht sogar sterbend.

Mich hat dieser Anblick, diese Offenheit, diese Sichtbarkeit des Lebens zutiefst beruhigt, ich war dort ganz alleine unterwegs und fürchtete mich nirgends, nicht mal nachts.

In den letzten Tagen meiner Zeit auf der Insel schloß auch ich die Tür meiner Hütte nicht mehr ab und zog die Vorhänge nicht mehr zu. Frühmorgens, wenn ich mit dem Dackelfräulein im Arm langsam die steile Holztreppe von der Schlafkammer hinunterstieg, guckte das Pferd des Nachbarn durch das Sprossenfenster neben der Verandatür direkt in mein verschlafenes Gesicht und entlockte dem Dackelchen ein erstes Brummeln.

Ein schöner Start in den Tag und ein perfektes Lebensgefühl war das.

Blau in der Au.

Mit dem neuen Monat hat gewissermaßen eine neue Ära hat begonnen.

Am Friedensdenkmal (München-Bogenhausen).

Bei ein paar sehr persönlichen Themen haben sich die Knoten, die seit Wochen/Monaten festgezurrt waren, gelöst. Leider nicht überall in der Weise, wie ich es mir gewünscht hätte, aber dennoch: die gefühlte Enge ist verschwunden, die störende Blockade ist weg, die Energie fließt wieder.

Im Fluss (Luitpoldbrücke, München).

Zeit wurde es, denn seit August stand ich innerlich auf der Bremse oder wurde von außen gebremst (was beides anstrengend war und mich erschöpft hat).

An der Grantkugel vorbei (München, Maximiliansanlagen).

Der November ist von jeher der Monat, den ich am wenigsten mag, umso wohltuender ist es, dass er auf diese Weise beginnt: Gelöst.

Ich beschließe, statt der wöchentlichen Bergausflüge nun einmal pro Woche einen Stadtausflug zu machen.
Um durch Viertel zu wandern, in denen ich zu selten bin, um neue Wege zu erkunden und Neues zu entdecken.
Das wirkt auf Mensch & Hund gleichermaßen beflügelnd.

Auf dem Steg zwischen Isar und Auer Mühlbach.

Heute sind das Dackelfräulein und ich von der Münchner Freiheit durch den Englischen Garten über die Maximiliansanlagen bis zum Mariahilfplatz spaziert, mit kleiner Kaffeepause in Münchens einzigem isländischen Café.
Das war ehrlich gesagt auch der Grund für die Wahl der Route. Wegen des isländischen Skyr-Kuchens.

Das Café Blá in der Au.

 

Ödes, bleiches Outfit, aber ein Fest für den „Skyrgámur“ (isl. für Skyr-Gierschlund).

Ein guter Einstieg in die graue und kalte Jahreszeit, so dürfte es gern weitergehen.

Ich wünsche allseits mehr Licht als Dunkel sowie mehr Süßes als Saures & schicke ein Dankeschön nach Paderborn für die wertvollen Impulse.
Die Kraulquappe.

Ins Licht.

Nach fünf zähen, ziemlich anstrengenden und überwiegend verregneten, grauen, trüben und von diversen Ängsten, Ärgernissen und Beinahe-Amokläufen (Vodafone!) geprägten Tagen, kommt langsam das Licht zurück.

Das Internet funktioniert nach tagelangen Kämpfen mit der Hotline nun endlich, als Entschädigung für den ganzen Ärger fällt die Grundgebühr für die ersten drei Monate des Anschlusses weg und die Fritzbox bleibt ab sofort vertragslang gebührenfrei. Dafür habe ich ein paar Falten und graue Haare mehr. Hauptsache, online. 

Jetzt muss nur noch die Versicherung der Umzugsfirma die hinterlassenen Schäden regulieren, der Obertürschließer der Wohnungstür fachmännisch ausgehängt werden, das Rausfahren aus der viel zu steilen Tiefgaragenausfahrt und die Bedienung des Trockners geübt und wieder sowas wie ein normaler Alltag jenseits von Handwerker- und Lieferterminen in Betrieb genommen werden.

Ach ja, und Licht in der Wohnung, so ab 20 Uhr und in der Form von Lampen, die über einen Lichtschalter bedient werden können, das wäre auch noch eine feine Sache.

Müde in der Sonne sitzend grüßt 

Die Kraulquappe.

Himmel der Bayern (13): Skandinavisches Brauchtum, zerlegt.

Einer der bereichernden Aspekte von Freundschaft ist ja die en passant stattfindende, wechselseitige Horizonterweiterung. Heute sogar im wahrsten Sinne des Wortes im Vorübergehen und noch dazu als kleines „Tauschgeschäft“: Luciafest gegen Votivkapelle.

Es war das letzte Treffen für 2016 mit D., die auch gern spazierengeht und sich daher mal wieder unserem großen Mittagsgassi anschloss. Ihre Gesellschaft tat heute ganz besonders gut, da die gestrige Stimmung zwischen der Dackelmadame und mir gelinde gesagt etwas zerknirscht war. Normalerweise ereilt uns diese Krise in den Alleinerziehendenphasen immer an Tag 4, diesmal haben wir es bis Tag 7 geschafft – und zumindest ich hatte nicht mehr damit gerechnet, dass wir auch verspätet noch mit dem Tag-4-Syndrom konfrontiert werden könnten. Umso härter traf es uns gestern!

Daher waren wir heute froh um etwas Ausgleich durch die Anwesenheit einer Dritten, in der Konstellation ist man einfach nicht mehr so aufeinander fixiert und findet leichter aus der Krise heraus und in ein gutes Miteinander hinein. Außerdem wirft dann auch mal jemand Anderes das Bällchen, was ebenfalls entlastend und belebend wirkt (vor allem, liebe D., wenn es so geworfen wird, wie du es heute hinbekommen hast 😉 – aber das ist eine andere Geschichte…).

Am Ufer des Starnberger Sees erzählte mir D., ob ich wisse, dass heute der Lucia-Tag sei. Äh, nein, wusste ich nicht.

Das Fest zu Ehren der Heiligen Lucia kommt ursprünglich aus Schweden und wird in weiten Teilen Skandinaviens bis heute gefeiert. Der 13. Dezember ist der Tag der Wintersonnenwende und da die Skandinavier ja wie wild Mittsommer feiern, wird 6 Monate später eben der kürzeste Tag des Jahres auch entsprechend zelebriert. Hierzulande gibt es nur vereinzelte Gemeinden, die diesen Brauch aufgegriffen haben und in abgewandelter Form pflegen.

Während in Schweden weißgewandete Mädchen mit Kerzenkranz auf dem Kopf singend Lichter vor sich her tragen und sich die Bäuche mit Lussekatter (Safrangbäck) vollschlagen, derweil sich die ältere Generation mit Glögg (selbsterklärend) zulaufen lässt, sieht die (etwas spartanische) deutsche Variante so aus, dass kleine Holzboote mit Kerzen darauf ins Wasser gesetzt werden.

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D. war bestens präpariert, hatte Kerzen und Zündhölzer dabei, so dass wir uns nur noch um die Barke bemühen mussten, in der unsere Lichter übers Wasser schippern sollten. So fiel auch dem Dackel eine verantwortungsvolle Aufgabe zu und schon nach Kurzem ward ein schiffchenähnliches Holzstück gefunden, das nur noch mit etwas Geschick den Fängen des Hundes entwunden werden musste, bevor wir uns minutenlang dem bei Wind etwas schwierigem Unterfangen widmen konnten, Wachs auf den Holzscheit zu träufeln, um die Kerzen darauf zu befestigen (langer Satz, aber ich glaub‘, er stimmt).

Das Ende unseres kleinen Lichterfests ist schnell erzählt. Kaum ins Wasser gesetzt, erloschen die Kerzen, aber immerhin – unser Boot hielt sich tapfer über Wasser (denn über die Doppelsymbolik „Licht ausgegangen“ und „Boot gekentert“ möchte man an diesem die wintergraue Psyche stabilisierenden Sonnentag keinen Gedanken verschwendet haben).

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Nur hatten wir die Rechnung ohne den Wirt Waldi gemacht!

Kaum war die Beute wieder in Reichweite, sprang der Hund ins kalte Wasser, schnappte nach dem Holzstück, ließ sich am sonnigen Ufer nieder und zernagte – bar jeden Respekts vor Traditionen – das bayrische Überbleibsel skandinavischen Brauchtums.

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Eine Stunde später durfte sie in der Votivkapelle für ihren Jagd- und Kautrieb Buße tun…

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… während wir den Streifzug durch das für D. noch unbekannte Gelände genossen und dabei errechneten, dass König Ludwig auf den Tag genau vor 130,5 Jahren an hier zu jenem Spaziergang aufgebrochen war, von dem er nicht mehr zurückkehrte …

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… wodurch sich sein Ausspruch „Ein ewig Rätsel bleiben will ich mir und anderen“ posthum bewahrheiten sollte.

Nach einer ausgieben Pause im Schlosscafé Berg begaben wir uns auf den Rückweg, auf dem Lucia ihrem Feiertag nochmal alle Ehre erwies.

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Nach so viel lichten Momenten hängt der Haussegen nun wieder schön gerade und ein zufriedener Hund schnarcht zu meinen Füßen, auf dem Sofa, unter der Wolldecke, die wir wieder einträchtig teilen.

Einen gemütlichen Abend und eine gute Nacht wünscht
Die Kraulquappe.

Der Bunkeflo und der Glücksvogel.

Sonntagmorgen, Sonne, 21 Grad. Letzter Tag in Malmö.

Nach dem üblichen Frühstücksritual…

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Perfekter Start in den Tag mit Boss, Bodum und Blåbärmüsli.

…sitze ich nun im Hinterhofgarten des Hauses, in dem ich wohne, …

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Ruheoase in der Almbacksgatan. Guter Ort zum Bloggen.

…das Laptop auf dem Schoß (ganz seiner Bestimmung entsprechend), das Kofferpacken und Aufräumen schon weitgehend hinter mir…

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Drei Dinge, die ich niemals teile: meinen gelben Koffer, Hansipolster und Zahnbürste.

…die letzte Runde durch den Schlosspark zum Strand noch vor mir.

Gestern war’s zunächst bedeckt (willkommene Erholung für meinen Sonnenbrand aus Kopenhagen), so dass ich den Vormittag getrost im Stadtteil Hyllie verplempern konnte.

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Zwei Tage nach Landung endlich identifiziertes Flugobjekt in Hyllie.

Beim Aussteigen aus dem Bus wunderte ich mich, dass das UFO von vorgestern immer noch da stand (habe es umrundet und kapiert, dass es ein Wasserturm ist).

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Wer ins Hylliebadet möchte: Aus dem Bus Nr. 6 Richtung „Bunkeflostranden“ bitte exakt hier aussteigen.

Im Hylliebadet war deutlich mehr los als am Donnerstagnachmittag, so dass das schwedische Organisationsallheilmittel zum Einsatz kam:

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Der/die/das „Nummerlapp“. Überall in Schweden anzutreffen, bevorzugt in Gebäuden.

Nach dem Schwimmen in die Stadt zurückgefahren und eine Stärkung besorgt.

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Keine Köttbullar! Das sind Falafel – DIE Spezialität in Malmö.

Anschließend ein bisschen durch die Stadt gebummelt und nach Mitbringseln geschaut.

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Keine Sorge, lieber Gatte – ich hab’s nicht gekauft. Mir gefiel nicht, dass der Herr irgendwem ein Auge geklaut hat.

 

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Keine Sorge, liebe Pippa – dieses profane Zeug musst du NICHT fressen! Und sei froh, dass du keine Katze bist…

Für mich schwankte ich kurz zwischen skandinavischer Keramik…

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Keine Sorge, grimmiges Snorkfräulein – dich stell ich mir nicht auf den Tisch! Meine Zornesfalte ist schon ausgeprägt genug.

…und einer neuen Jeans – hier ist nämlich überall REA (bei uns SALE genannt und in Finnland ALE).

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Keine Sorge, Schweden – die Regale werden leerer, sobald ihr den Namen des Labels ändert! Ehrenwort!

Ohne eine Krone verschwendet zu haben, machte ich mich auf zu einem Spaziergang durch den Schlosspark…

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Slottsparken in Malmö: Wo die Alltagsmühlen stillstehen.

…suchte ein in Rassos Malmö-Bibel gepriesenes Café und fand es auch – trotz des kurzen Missverständnisses zwischen Rasso und mir, wie „einen Steinwurf von der Brücke entfernt“ nun genau zu interpretieren sei (Rasso hat keine Ahnung, wie miserabel ich werfe – bei ihm hingegen fliegen Steine absurd weit).

Die Bedienung klappte gerade die Stühle zusammen. Stängt! (Geschlossen!)

Ich setzte mich hin und ließ betrübt den Kopf hängen. Da vernahm ich aus dem Gebüsch vor mir ein Blubbern. Mit zusammengekniffenen Augen spähte ich hinüber – und sah ihn.

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Ornithologen unter den Lesern: Wisst ihr, wer das ist?

Wer immer er auch war, was immer er mir auch zurief – er brachte mir Glück. Fettes, süßes Glück.

Während ich nämlich versuchte, meinen neuen Bekannten in meiner Muttersprache sowie allen drei Fremdsprachen anzusprechen, die ich leidlich beherrsche (Bayrisch, Latein und Englisch), kam die Bedienung erneut aus dem Café nach draußen, sah mich da sitzen und sprach mich an. Natürlich in einer der vielen Sprachen, die ich gar nicht beherrsche: „Det finns fortfarande kanelbullar kvar. Vill du ha en?“

Das einzige – aber entscheidende! – Wort, das ich deutlich verstanden habe, war: KANELBULLAR. „Vil du ha en?“ löste intuitiv auch positive Assoziationen aus.
Also sagte ich beherzt „ja!“, denn neben „kvarg“ und „hund“ gehört auch diese Vokabel fest zu meinem schwedischen Basiswortschatz.

Und so ergab es sich, dass keine 30 Sekunden später das kleine Kalorienmonster neben mir auf dem Geländer thronte!

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Typisch schwedisch: die Zimt-Kardamom-Schnecke. Fett, süß, köstlich.

Ich sagte dem Glücksvogel auf Wiedersehen, trug die Kanelbulle behutsam wie einen Schatz nachhause, brühte mir einen Kaffee dazu auf – und fertig war die „fika“.

Das ist einer der Gründe, weshalb ich jetzt nochmal durch den Schlosspark gehen werde (das Café hat nun wieder geöffnet), der andere ist der, dass direkt dahinter der Strand liegt, an dem auch ich nochmal liegen möchte.

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Meine Lieblingsbadelatschen und ich am Pier vom Ribersborgstrand.

Um 18 Uhr werde ich dann die letzten Krümel von der Anrichte wischen…

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Küche, von mir geputzt.

…den Müll rausbringen…

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Kleiner Scherz. Auf mein Konto geht dieses Gedöse nicht! Die Dinger stehen überall auf dem Malmö-Festival rum.

…und ein letztes Mal diese abgefahrene Licht-App bedienen…

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„Hue“ von Philips. Müsste eigentlich „Hui“ heißen (oder „Hui Buh“).

…mit deren Farbspielen und Szenarien ich mich hier in den vergangenen fünf Tagen vergnügt habe.

Nun freue ich mich auch mal wieder auf ganz normales, warmweißes Licht, wie wir es daheim haben.
Und am allermeisten freu‘ ich mich auf die Ankunft am Münchner Flughafen.

Nichts, aber auch gar nichts auf der Welt geht über eine Hundebegrüßung nach einer mehrtägigen Abwesenheit!
(Nein, den Satz nimmt der Gatte nicht übel, denn es geht ihm genauso. Vielleicht pendelt er deswegen nach Frankfurt: um ganz oft hundebegrüßt zu werden. Durchaus möglich.)

Hälsningar från Sverige & einen schönen Sonntag für euch!
Die Kraulquappe.

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Epilog. In einem Anflug von genereller Zuversicht hinzugefügt.

Welcome to the home of a light-geek.

Gestern: Erhellende Ankunft in meinem Quartier in Malmö. 

Bis spät abends versucht, mich mit den fünf Fernbedienungen für all die Lichter und Leuchten vertraut zu machen.

Dann doch die App benutzt, die mir mein Vermieter empfohlen hat. 

Philips Hue. Nie zuvor gehört. Wunder der Technik: Steuere deine persönliche Lichtumgebung via Smartphone. In allen Farben, Helligkeitsstufen, Szenenmodi (Sunset, Konzentration, Party, Safari). Schon mal mit Junglefeeling Zähne geputzt? Da fühlt man sich ganz schön hip.

Und noch hipper, wenn man die Funktion „Alles aus“ dann auch endlich entdeckt hat – und rausgehen kann. 

Wo die Sonne scheint. Echt und analog. 

Auf dem Weg zum Ribersborgs Kallbadhus (oder simpler: zum Schwimmen) grüßt

Die Kraulquappe.