Song des Tages (27).

Ist jemand da, wenn dein Flügel bricht
Der ihn für dich schient, der dich beschützt
Der für dich wacht, dich auf Wolken trägt
Für dich die Sterne zählt, wenn du schläfst

 

(Beim nächtlichen Abspülen Radio gehört. Meine Güte. „Dort und hier“. Grönemeyer. Dass der mich nach 15 Jahren nochmal kurz packt, hätt‘ ich nicht gedacht. War eine schöne, milde Sommernacht, damals auf den Main-Wiesen, mit Blick auf die beleuchtete Festung Marienberg, zu viert, in dieser absurden Konstellation, nachts dann Stau fast bis Bad Kissingen, offene Fenster und nochmal drei Stunden Musik. Lang her, gefühlt ein anderes Leben, und wohl doch meins.)

Viertelliebe.

Gelesen…

…getan.

Die Teesalonsaison ist eröffnet.

Jetzt haben wir ja das tolle Café Erika um die Ecke. Liegt praktischerweise auf dem Weg zur Schneiderei, in die ich heut‘ eh muss.

Dylan dudelt dezent durch den Raum, am Nebentisch schreibt ein dürrer Student an seiner Seminararbeit über Foucault, die skyrbedeckte Walnussbombe schmeckt super, das Dackelfräulein kaut ein Würschtl. Draußen regnet’s und stürmt’s.

(Zeit, sich ein wenig Winterspeck zuzulegen, damit’s einen weniger fröstelt. Dass ich mal so einen Satz schreiben würde, ts.)

Song des Tages (24).

Für meine liebe A. in Berlin –

die ihrer Lola nach 17 gemeinsamen Jahren noch einmal eine Nacht lang die Pfote hielt, damit diese kleine, treue Gefährtin ganz behütet ihren letzten, schwachen Atemzug tun konnte.

Lola war schön
Lola war klug
Sie war der Star
I’m Tombstone Saloon
Ich hab sie geliebt
Mehr als mein Pferd
Bye, Bye, Bye Lola Blue

(Ich hab es nicht geschafft, die „Lola“ von den Kinks zu nehmen, an der hab ich mich irgendwann mal gründlich überhört. Den Westernhagen mag ich zwar nur bedingt, was vor allem an seinen Augen liegt, die mich ungut an etwas erinnern, aber „Lola Blue“ gefiel mir als Titel und schien mir insgesamt passender, auch wenn A. ihre Lola keinesfalls mehr lieben konnte als ihr Pferd, weil sie nämlich keines besitzt, Lola war also ihre einzige Tierliebe.)

Is there somethin‘ else you’re searchin‘ for?

Liebe Leserinnen,

wussten Sie, dass gestern Weltmädchchentag war? Hoffentlich! Und hoffentlich haben Sie sich anlässlich dieses hohen Feiertages auch etwas Schönes gegönnt!

Ich kaufte mir für 99 Cent eine pinkfarbene Haarspange, vereinbarte einen Friseurtermin für Ende Oktober, besuchte nachmittags kurz eine Freundin – auf die etwas zähen Stunden am Schreibtisch wollen wir an dieser Stelle ebenso wenig eingehen wie auf den spontanen Tierarztbesuch, weil das Dackelfräulein sich am Auge verletzt hatte – und ging abends noch ins Kino um die Ecke, inklusive Popcorn, versteht sich.

„A star is born“ hieß der Film. Er stand auf meiner inneren Merkliste, seit ich im August zufällig im Internet über den Trailer gestolpert war und sofort wusste: Das muss ich sehen und hören!

Alles drin, was mich anspricht: berührende Musik, ein fescher Kerl, eine Frau mit Nasentrauma, Open Air Konzerte, wichtige Väter, große Liebe, lodernde Leidenschaft – und sogar ein netter Hund!

Und sollten Sie, liebe Leserinnen, sich gestern nichts gegönnt haben, weil Sie entweder nichts von diesem Feiertag wussten oder keine Zeit hatten, ihn zu würdigen, das aber nachholen wollen, so kann ich Ihnen diesen Film nur wärmstens empfehlen.

Lassen Sie Ihren Mann daheim, nehmen Sie stattdessen ein Päckchen Taschentücher mit und werfen Sie gleich beim Betreten des Kinosaals eventuelle Hemmungen über Bord. Die anderen heulen nämlich auch alle, manche heimlich, andere unheimlich. Und lassen Sie sich am Schluss ausreichend Zeit: alle bleiben hier bis weit nach dem Abspann sitzen, bis der letzte Ton des Soundtracks verhallt und die letzte Träne getrocknet ist.

Durch die unerwartet milde Herbstnacht schwankt man schließlich heimwärts und weiß mal wieder ganz genau, dass es letztlich doch ein Segen ist, diese Art von Ergriffenenheit empfinden zu können.

I’m off the deep end, watch as I dive in
I’ll never meet the ground
Crash through the surface, where they can’t hurt us
We’re far from the shallow now

Right here by my side.

Zurück zuhause.
Abbracci & Dolomiti wirken noch nach, aber es ist der übliche Effekt: Kaum ist man wieder daheim, umarmt einen auch der Alltag wieder (und der besteht wahrlich nicht nur aus panna fresca oder derlei Balsam).

Die Wunden der Urlaubstage heilen allmählich.
Tagsüber wärmt uns noch die heimische Herbstsonne, aber nachts, da müssen wir mittlerweile schon enger zusammenrücken, um nicht zu frieren. Fürs Winterbett ist’s dennoch zu früh, eindeutig.

*****

Heute, so belehrt einen jede Zeitung, jeder Radiosender und sogar die Biergartentischnachbarn, die dem Dackelfräulein unbedingt eine Pommes andrehen wollen, heute ist Welthundetag.
Darüber darf ich dann ausführlich mit den Biergartentischnachbarn sprechen, was mich eigentlich zunächst im stillen Genuss meines nachmittäglichen Getränks etwas stört, aber man will auch nicht unhöflich sein. Gestattet sogar, dass Madame Hund die Pommes verspeisen darf, die ihr angeboten wird. Was soll’s. Von der Figur her kann sie sich’s ja allemal erlauben.
So erfährt man schließlich, woran Basset Ernie seinerzeit tragisch verschied. Das Ehepaar in den späten Sechzigern verdrückt sich ein Tränchen. Ist ja schon über 10 Jahre her, dass Ernie von ihnen ging, man müsse da ja irgendwann mal drüber weg sein, zumal in ihrem Alter.

Nein, das muss man nicht, sage ich zu den beiden.
Über manches kommt man eben nicht hinweg.
Manche Lebewesen hinterlassen Spuren, die unauslöschbar sind – und es auch bleiben dürfen.

Aber noch hab ich leicht reden, ergänze ich, denn noch wuselt das Dackelfräulein ja hier putzmunter umher, gräbt ein Loch nach dem anderen ins biergartennahe Schilf, verbellt mit Inbrunst andere Hunde, die es wagen, auch nur einen Blick in ihr Schilfareal zu werfen oder einfach (ohne im Besitz eines Passierscheins zu sein) an der Grabungsstätte vorbeizugehen, und sie ist so gesund und munter wie man sich das nur wünschen kann.
Wir sind mittendrin, so fühlt es sich an, und es gibt keinen Grund, ans Ende zu denken, oder doch?

In Südtirol brach ich mal urplötzlich in Tränen aus, als mir – anlässlich der Schinkenspeck-Besorgungen für den nahenden 75. Geburtstag vom Papa – erstmals bewusst wurde, dass es, wenn alles normal liefe, womöglich sein könne, dass es den Papa und unsere Dackeldame eines Tages relativ zeitnah erwischen könnte.
Er hat, optimistisch geschätzt, noch ca. 10 Jahre, eher weniger. Und Pippa hat, realistisch geschätzt, auch noch ca. 10 Jahre, ebenfalls eher weniger. Da kann man sich dann schon mal einen Abend lang hineinsteigern in diese gruselige Vorstellung, dass zwei emotionale Großkatastrophen in einen ähnlichen Zeitraum fallen könnten.
Rüsten kann man sich dafür nicht, es gibt für jeden Schwachsinn Seminare, aber auf die großen Schicksalsschläge bereitet einen keine Sau vor. Da muss man drauf vertrauen, dass man, wenn’s soweit ist, in sich selbst Halt findet und bei ein paar nahen Menschen, die einen auffangen (und drauf hoffen, dass der Psychotherapeut des Vertrauens dann noch nicht in Rente gegangen ist, was durchaus knapp werden könnte).

Ich sitze also am See und unterhalte mich mit Fremden über den Welthundetag und die weltschlimmsten Hundetode. Die Tode, die schon gestorben wurden und die, die eines Tages noch zu sterben sind.
Irgendwann haben wir alle wässrige Augen. Und dann sagt der Mann zu mir, ob wir nicht auch noch ein Wort über die Anfänge verlieren wollen. Und fragt, ob ich mich denn an den Anfang erinnern würde und was meine erste, prägende Erinnerung sei.

Ein Foto, entgegne ich.
Darauf der kleine Hund, den wir schon ausgesucht hatten (um nicht die abgedroschene Formulierung „der sich uns ausgesucht hatte“ zu verwenden).
Sie wurde, noch bei der Züchterin lebend, an ihre (von uns mitgebrachte) Hundebox gewöhnt. War ein Tipp der Züchterin, um dem Welpen dann später die Eingewöhnung ins neue Zuhause zu erleichtern.

Herrje, und dann schickte uns die Züchterin DIESES Bild:

Sehen Sie das Auge?
Und diesen Blick, den dieses winzige Häufchen Hund – mit hochgezogener Braue und so vollkommen authentisch! – in die Welt wirft?
So scheu, so klein, so ausgeliefert, so fragend.
Das hat mich zutiefst ergriffen!

6 Jahre, 8 Monate und 2 Tage nach diesem Foto muss ich sagen: Die Scheu hat sie doch ziemlich abgelegt, ein gestandener Dachshund ist aus ihr geworden, ausgeliefert sind wir einander jeden Tag auf andere Art, die wesentlichen Fragen sind zwischen uns längst alle geklärt, wenngleich nicht immer zur beiderseitigen Zufriedenheit.

Aber ihr Blick, wenn sie denn auf eine dieser bestimmten Weisen dreinblickt, was sie regelmäßig tut und natürlich auch bewusst einzusetzen weiß, also wenn sie mich SO ansieht, dann schießt mir das noch immer mitten ins Herz und ergreift mich ganz und gar (falls Sie das näher interessiert, dann lesen Sie dazu doch mal den Artikel „Der Dackelblick. Phänomenologie einer besonderen Hund-Mensch-Vergemeinschaftung.“ – da haben der Gatte und ich das vor einiger Zeit mal zusammengefasst und illustriert).

Wir wünschen allen Hunden und ihren Menschen einen schönen Welthundetag:
Freut euch aneinander und liebt euch, so lange ihr euch habt!

 

Stay with me
My love I hope you’ll always be
Right here by my side if ever I need you
(…)
I will follow you will you follow me
All the days and nights that we know will be
I will stay with you will you stay with me
Just one single tear in each passing year

Bassotto.

Das Dackelfräulein am Pragser Wildsee.

Kennen Sie das auch? Sie sind irgendwo im Ausland unterwegs und freundlich lächelnde Einheimische rufen Ihnen einen Gruß zu, den Sie auch mühelos als solchen identifizieren können, aber nach dem „Hej hej“ oder „Grüezi mitenand“ oder „Buon giorno“ folgen dann noch ein paar Worte, die Sie freundlich zurückgrüßend und -nickend absegnen, obwohl Sie nur Bahnhof verstanden haben und bei denen Sie einfach mal in ihrer glücksdusseligen Urlauberlaune davon ausgehen, dass man Ihnen sowas Nettes wie „Genießen Sie den sonnigen Tag!“ (und eben nichts Unflätiges) zugerufen hat. Hinter der nächsten Wegbiegung zücken Sie jedoch sofort Ihr Handy, weil Ihnen dieses „So tun als ob“ zuwider ist und Sie natürlich verstehen wollen, was man Ihnen da mit auf den Weg gab, und befragen Mr. Google Translator.

So erging es uns gestern am Pragser Wildsee, als eine entgegenkommende italienische Familie herzlich grüßend und verzückt lächelnd eine nie gehörte Vokabel prononcierend an uns vorbeimarschierte. „Bellissima“ hatten wir noch verstanden, aber „bassotto“ mussten wir nachgucken. Wobei wir selbstredend sofort einen Verdacht hegten – wegen „bellissima“, was wir, schwitzend und unfrisiert bergauf wandernd, spontan erstmal nicht auf uns bezogen und uns zudem nicht entgangen war, dass die Familie eigentlich eh nicht allzu sehr auf uns blickte, sondern vielmehr unsere vierbeinige Vorhut fokussierte.

„Bassotto“ ist das italienische Wort für „Dackel“.
Erstmal wusste ich nicht, ob mich das nun eher belustigen oder kränken sollte, da das ja wörtlich sowas Ähnliches heißt wie „tiefergelegte Acht“ („basso“=“niedrig, tief“ und „otto“=“acht“).

Haha. Sehr witzig. Einen gestandenen bayerischen Hund mit der Persönlichkeit eines Löwen als „tiefergelegte Acht“ zu titulieren, das ist wirklich sehr ungehobelt. Allerdings passt es gut dazu, dass ich die Italiener eh nicht so besonders mag (v.a. sind sie mir zu laut und zu raumgreifend, außerdem essen sie unangenehm spät zu Abend und frühstücken – wenn überhaupt – viel zu süß).

Dennoch, „bassotto“ spricht sich schön. Sehr schön sogar.
Sagen Sie es ein paar Mal, und ich möchte wetten, es geht Ihnen ähnlich: bassotto, bassotto, bassotto. Ist das nicht klangvoll?!? Aus dem Wort sprüht förmlich der Vorwitz, das Kecke, das gesamte Mutig-Schlawinerhafte hervor, das dem Dackel zueigen ist!
Hören Sie es auch? Na, mit Sicherheit!

Ich beschloss also, Milde walten zu lassen und der italienischen Sprache die (ihr von mir etymologisch unterstellte und wahrscheinlich sowieso verkehrte) „tiefergelegte Acht“ nicht weiter nachzutragen, denn dieser kleine Hund ist ja tatsächlich von etwas spezieller Statur und meinetwegen kann man die auch als „tiefergelegt“ bezeichnen, so lange ein so schönes Wort wie „bassotto“ dabei rauskommt (und die Acht gilt je nach Kultur oder spiritueller/religiöser Richtung als heilige, harmonische oder glücksbringende Zahl, ist also auch nicht so verkehrt).

Pippa, unterwegs in den Pragser Dolomiten.

Am Südufer des Pragser Wildsees.

Bassottto stanco (auf Ottomane gebettet).

Il bassotto più bello e sportivo del mondo.
La mia amata Pippa.

Sehen Sie mir die emotionalen Superlative bitte nach.
Diese permanente Bergsonne und die gute Höhenluft setzen die Endorphine einfach kübelweise frei.
(Nie für möglich gehalten, welch extrem große Liebe man für einen so kleinen Hund empfinden kann!)

Mit den herzlichsten Grüßen aus Südtirol
Ihre Kraulquappe & ihr bassotto.

 

PS: Und sonst so? Immer noch schön hier.

PPS: Zwei touristische Anmerkungen noch, damit nicht wieder irgendwer darüber lamentiert, dass es hier zu sehr hundelt.
1. Der Pragser Wildsee wird meiner Meinung nach ziemlich überschätzt. Er ist keinesfalls schöner gelegen als der Eibsee, gleichwohl die Dolomiten rundum ein klein wenig spektakulärer daherkommen als das Wettersteingebirge. Und farblich kann der Walchensee locker mithalten – oder auch der Sylvensteinsee. Sparen Sie sich dieses Ziel also in der Hauptsaison. Es war bereits wochentags bei 11 Grad in der Nebensaison gut besucht, ein sonniges Wochenende im Juli möchte man sich da gar nicht erst vorstellen. Mit etwas Glück erwischen Sie dort in der Nebensaison Momente, in denen Sie auf den Wanderwegen in den Seitentälern des Sees oder sogar auf dem Rundweg um den Pragser Wildsee kurz alleine sind.
2. Besuchen Sie lieber die nicht so hervorgehobenen und nicht über alles gepriesenen Destinationen im Hochpustertal. Eine verrate ich Ihnen: das Gsierser Tal. Ich liebe Sackgassen in der Natur, alpine Endstationen (wir berichteten hier). Orte, an denen es nicht weitergeht, verkehrstechnisch. Parken Sie in St. Magdalena beim Talschluss-Häusl. Und suchen Sie sich dann eine der vielen tollen Almen-Wanderungen aus. 700 Höhenmeter hat man da schnell beieinander, spaziert dann bei herrlichem Weitblick auf über 2.000m herum, trifft (selbst Anfang Oktober) auf eine bewirtschaftete Alm nach der anderen und kann so völlig japanerfrei und abgeschieden einen ganzen sonnigen Herbsttag verbringen. Trinken Sie lieber ein Achtel Roten als ein Weißbier (das in ganz Südtirol deutlich teurer ist als in ganz München), als Grundlage empfiehlt sich vorher vielleicht eine Portion Schlutzkrapfen oder ein Kaiserschmarrn. Danach noch einen Kaffee und einfach mal ungestört geradeaus gucken.

Himmel der Bayern (46): Vernunftbegabte und Irrationale on tour.

Der letzte Bergsommertag 2018.

Sonnenschein, 25 Grad, weiß-blauer Bayernhimmel, der gestandene Münchner, resp. Münchnerin, am Hackln oder am Dirndl-Aufbügeln – was man halt so macht an einem Freitag Ende September, wenn man in Lohn und Brot steht und/oder sich innerlich und äußerlich fürs morgige „Ozapft is“ präpariert.

Wir hingegen verbringen den Tag auf einer der unfreundlichsten Hütten in den Münchner Hausbergen: dem Hirschberghaus.

Einzig die Weißbiersorte reißt’s raus, aber abgesehen davon konzentriert man sich hier lieber komplett auf die herrliche Umgebung und den bewegten Part der Tour.

Man nehme den Aufstieg vom Kreuther Ortsteil Point…

…übers Rauheck (zumal mit Rauhaardackel)…

Rauhaardackel

Rauheckalmen

…erfreue sich beim Blick über die Schulter der schönen Sicht auf den Wallberg samt der dazugehörigen hölzernen Kapelle…

…gehe direttissima hinauf zum Hirschberggipfel…

…wähle unbedingt den Weg für Vernunftbegabte und nicht den für Vollidioten…

…wische sich am Gipfelkreuz den Schweiß von der Stirn, reiche der vierbeinigen Begleitung ein Schüsserl Wasser…

…schaue von dort wahlweise ins Lenggrieser Tal…

…(und winke dem Seekar zu, das dort oberhalb der geliebten Hütte liegt, auf der man nun doch demnächst nochmal mithelfen wird)…

…bestaune die milchigen Konturen der Zugspitze am Horizont, oder blicke hinab zum Lago di Bonzo…

…der bilderbuchartig umrahmt von bewaldeten Hügeln und hübschen Berglein da unten im Tale liegt.

Anschließend – innerlich imprägniert von diesen Impressionen – hinab zum unfreundlichen Hirschberghaus, dort eine leichte Weiße auf der herrlichen Sonnenterrasse…

Roter Pfeil => Gipfel des Hirschbergs

…und dem Hündchen eine Zwischenmahlzeit unter den Tisch gereicht.

Man selbst mümmle heimlich die mitgebrachte Brotzeit, und zwar am besten auch gleich unterm Tisch, aber der unfreundliche Wirt wird’s eh sehen und von drinnen mit dem Zeigefinger fuchtelnd mahnen. Und wenn er grad da herin so gar nix zum doa hod, kimmt er a no aussi und grantelt umanand.

Tipp: Sagen Sie dann, Sie wären mindestens Diabetiker, besser noch: Diabetiker mit Histaminintoleranz und/oder Laktose- und Gluten-Unverträglichkeit, dann hält der Wirt sei Goschn und Sie für einen dieser depperten Städter, die wo moana, dass sie nix Normales mehr fressn kenna, und begnügt sich damit, dass Sie da herobn nur eine 4,30€ (!) teure Weiße konsumiert haben und leider, leider wega da Gsundheit Abstand von den diversen (gruseligen) Gerichten aus seiner Hüttenküche nehmen mussten (!), weil Ihr Arzt das nunmal so angeordnet hat – und schon können Sie entspannt in Ihr Käsebrot beißen und die Cocktailtomaten aus der Box holen.

Steigen Sie danach via Bolzeck wieder nach Kreuth hinab…

…und lassen Sie den Tag nach Möglichkeit im Gasthaus zum Hirschberg oder beim Hagn-Wirt in Kreuth ausklingen, die Seele baumelt dort erfahrungsgemäß vortrefflich vor sich hin.

Das Dackelfräulein und ich fahren freilich weiter nach Rottach zum Papa, bei dem wir eine Dusche, ein Abendessen und eine Hopf-Weiße bekommen.

Dort strecken wir die Haxn aus, denen der heutige Marsch hoffentlich die leichte Schwere der anstrengenden Gratquerung von vor ein paar Tagen genommen hat.

Aber der wahre Grund der heutigen Tour ist sowieso der Papa und der etwas irrationale Drang, dass man einander vor der Abreise nach Südtirol nochmal sehen sollte, was totaler Schmarrn ist, da wir uns ja sonst auch oft wochenlang nicht sehen (und dass man dann statt der üblichen 70km die vierfache Strecke voneinander entfernt ist, ändert ja rational betrachtet rein gar nichts).

Heut in einem Monat wird er 75 und je höher die Zahl hinter der 7 wird, desto irrationaler wird’s bei mir.

Übrigens: der dritte Freitag in Folge, den wir am Tegernsee verbringen, was ich jetzt allerdings nicht mit der Reise nach Südtirol begründen möchte und auch nicht mit dem Papa oder seinem Alter oder Zustand, weil das glatt geflunkert wäre.

Es ist nämlich wirklich schön hier. Vor allem wochentags. Und erst recht, wenn’s der letzte Bergsommertag ist.

Knarzende Scharniere oder: I got my finger on the trigger.

Mit Süßkram hab ich’s nicht so sehr.
Würde sich der gezuckerte Teil der Welt auf Nutella, Pistazieneis und Streuselkuchen beschränken, würde mir nichts Wesentliches fehlen (wenn mir hingegen die Brezen genommen würden – dann gute Nacht!). Letzterer, also der Streuselkuchen, hat jetzt Hochsaison, das erntereife Obst, so wirkt’s, wenn man den Blick über die Kuchenvitrinen schweifen lässt, kann es kaum erwarten, sich dicht aneinander geschmiegt unter die buttrigknusprigen, goldbraunen Streusel zu legen und sein Fruchtfleisch genüsslich auf Hefe- oder Mürbteigböden auszustrecken.

Heute Morgen rief mich überraschend B. an. Ob er kurz vorbeikommen dürfe, er hätte zwei Bleche Streuselkuchen gebacken und das sei eigentlich als kleines kulinarisches Beiwerk für den geplanten Umtrunk im Büro zu viel des Guten. Die Kollegen wüssten das eh nicht zu schätzen. Da habe er an mich gedacht.
Eher Birne oder Zwetschge, habe er sich gefragt, sich dann aber erinnert, dass ich in derlei Gebäck lediglich die Matschigkeit von Äpfeln nicht allzu sehr goutiere. Ob der Gatte da sei, dann brächte er gern die doppelte Menge. Er könne ruhig die doppelte Menge bringen, obwohl der Gatte in Frankfurt sei, entgegnete ich. Bei Streuselkuchen darf man mir ruhig was zutrauen.
Und so fuhr er mittags zu mir, stellte mir vier große Stücke des duftenden Kuchens in die Küche, drückte mich kurz, sah mich an, machte eine Bemerkung zur Müdigkeit, die mir wohl ins Gesicht geschrieben stand sowie zur Herpesinvasion auf meiner Oberlippe, gab damit zu erkennen, dass er in etwa wusste, wie es mir geht, schnürte daraus noch einen anteilnehmenden Schlusssatz und musste leider gleich wieder los, zurück ins Büro.

*****

Als ich die Tür hinter ihm schloss, war mir nach Heulen zumute.
Weil B. – obwohl sehr sprachgewandt und sicher im Ausdruck – Gefühle kaum je mit schönen Worthülsen ummantelt, sondern überwiegend in Taten ausdrückt.
In den anderthalb Jahrzehnten, die wir uns kennen, hat er mit einer Kontinuität hinhören, sehen und wissen wollen, wie ich sie nur bei wenigen Menschen erlebt habe. Beständig stellte er Fragen, wenn er nicht verstand, und gab Antworten, wenn ich verstehen wollte. Mit Kritik hielt er ebensowenig hinterm Berg wie mit Zuspruch. Von allergrößter Einigkeit bis hin zu kaum überbrückbaren Differenzen haben wir alle Stadien an Mitteilungslust und -frust durchlaufen. Beide hassen wir Rumsitzen und Rumtrödeln, beide lieben wir es, wenn der andere Ideen hat und die Initiative ergreift, beide freuen wie uns, den anderen mitreißen zu können, beide sind wir bekennende Resonanzjunkies und ekelhafte Korinthenkacker, wenn es um Klippen und Klappen der Kommunikation geht.
Es gibt nicht viele Menschen, von denen ich behaupten würde, dass sie mich wirklich kennen oder erkannt haben (und umgekehrt), B. gehört jedenfalls zu ihnen.

Dieses Glück ist wie ein Scheck, den man überall und jederzeit einlösen kann, selbst wenn man einander zwischendurch, so wie B. und ich, zweimal zwei Jahre nicht gesehen hat, unterbrochen nur von einer Beerdigung und einem Krankenhausbesuch (absurd eigentlich, aber so ergab es sich).
Man steht sich gegenüber, nimmt den Faden wieder auf als hätte man ihn erst gestern fallen lassen oder sowieso nie aus der Hand gelegt, nichts ist verloren oder vergessen, aber alles verziehen und verwunden.
Ein Glück, dass wir seit ein paar Monaten wieder in Verbindung sind.

Ich legte mir eines der Kuchenstücke auf den Teller, nahm es mit an den Schreibtisch, begann genussvoll zu essen und riss mir bereits beim zweiten Bissen eines meiner Beulenpestbläschen an einer krustigen Streuselkante auf. Es war nicht das Bläschen, das ich mir morgens beim Abtrocknen mit dem Frotteehandtuch aufgehobelt hatte, sondern ein anderes. Etwas Blut tropfte hinunter und landete recht adrett exakt zwischen zwei Zwetschgenschnitzen.
Man wird also beim Zubeißen in den nächsten Tagen ebenso Acht geben müssen wie beim Lachen oder Schreien oder Zähneputzen.

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Manche Menschen überschütten einen mit Liebesschwüren, man fühlt sich wonnig überzogen von ihrem verbalen Zuckerguss, schleckt mal links, mal rechts an der süßen Schicht, überfrisst sich vielleicht sogar ein bisschen an der köstlichen Klebrigkeit. Und stellt wenig später erstaunt fest: praktisch und faktisch bleibt nicht viel mehr davon übrig außer einem klebrigen Gefühl auf der Zunge.

Den größten Worten folgen oft nicht mal die kleinsten Taten. Eine leise Kritik, ein falsches Wort, ein einziges mitgeteiltes eigenes Bedürfnis kann ausreichen und schon treten sie den Rückzug an, wenden sich gekränkt ab. Flugs verwandelt sich das gerade noch lodernde Feuer ihrer Zuneigung zum kläglich glimmenden Kohleklumpen, der noch ein Weilchen die Temperatur hält und wenig später in stummer Kälte erlischt.

Sie lieben sich in ihrem Liebestaumel und in der Vorstellung ihrer selbst als Liebende so sehr, sonnen sich in ihren Bekundungen, wälzen sich wohlig darin und vergessen darüber völlig, dass sie den anderen, die Zielscheibe ihrer Schwüre, entweder gar nicht oder nicht gut genug kennen, um ihn überhaupt und noch dazu mit diesem Überschwang lieben zu können.

Aber ums Kennen geht es ihnen ja auch nicht, schon gar nicht ums Erkennen, dazu sind sie viel zu verstrickt in sich selbst, verheddert in die ewige Nabelschau ihres von der Welt ach so missachteten oder beschädigten Ichs oder völlig aufgeweicht vom Bad in ihren zerquälten Seelentümpeln, in denen schon seit Jahren keine Rose mehr gedeihen möchte und alles Lebendige mangels Licht und Pflege längst veralgt oder verendet ist.

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Auch die Mutter war so gestrickt.
Sie gefiel sich so sehr in den wenigen Szenen unseres 17 Jahre währenden Theaterstücks, in denen sie als „die Liebende“ auftrat. Dankbarkeit und Applaus waren angesagt, wurden geradezu eingefordert: „Schau her, wie ich dich liebe und was ich dir alles opferte!“ lag in jedem ihrer Schritte, mit denen sie über die Bühne stolzierte, das Haar in den Nacken und mir ein Lächeln zuwerfend.

Dankbar sollte ich sein, wenn sie, die ewig Angeschlagene, trotz allem in der Lage war, mir dieses Lächeln zu schenken.
Einmal im Jahr gab es Streuselkuchen, mit matschigen Äpfeln darin, dankbar sollte ich sein für diese Anstrengung, die sie meinetwegen auf sich genommen hatte.
Hatte sie sich tagelang von allem zurückgezogen und kam für einen Moment wieder hervorgekrochen aus ihrem Elendssumpf, hätte ich besonders dankbar sein müssen, denn schließlich hatte sie diesen Kraftakt nur für mich vollbracht.

Für mich, die ich sie qua meiner Existenz in dieses Jammertal verbannt hatte, weil man als Frau mit Kind am Hals in den 70er Jahren nun mal nicht hätte davonlaufen können aus einer Ehe, die nichts weiter war als die Eintrittskarte in das Tal der Tränen.
Also schickte sie den Mann davon, diesen undankbaren Klotz, dem sie doch ihre besten Jahre geschenkt hatte, die ihr nun niemand mehr zurückgeben konnte. Blieb, wo sie war, behielt das Kind und den Hund, und war fortan noch überforderter.

Mit aufgeschlagenen Kinderknien konnte sie noch umgehen, auch mit Erkältungen, aber als die Wunden und Infekte des Heranwachsens größer und schwieriger wurden, begann ein Wettstreit, bei dem der Sieger bereits feststand. Egal, was ich auch hatte: ihr Leid war größer, wichtiger, langwieriger.
Die wenigen Male, die ich es wagte, trotz ihres schwereren Leidens um Aufmerksamkeit, Zuwendung oder Trost für mich zu bitten, wies sie mich schroff und zutiefst erschüttert von sich.
Ob ich denn nicht sähe, wie schlecht es ihr ginge und dass es ihr nicht möglich sei, sich jetzt auch noch mit mir zu befassen. Es ginge um ihr Überleben, ob ich das denn nicht begreifen würde. Noch ein Mucks und sie verstummte mit einer Dramatik, die einem Angst und Bange werden ließ (von den Strafen soll hier und heute nicht die Rede sein).
Schon Jahre vor dem ersten Krebs gab es dieses gefühlte „Es“, dieses unheimliche Etwas, das größer war als sie und das über sie kam wie eine Heimsuchung, der sich alles zu beugen hatte. Ich beugte mich. So tief ich konnte, aber nur bis zu einem Punkt, von dem aus es immer noch möglich war, hinaufzuschielen zu der Mater dolorosa, um die ich mich zu kümmern hatte und nach deren Befinden alles ausgerichtet werden musste.

Ich verschwand ganz und gar hinter dieser Aufgabe, wurde unsichtbar und zugleich an der Oberfläche zur perfekten Marionette und zur allzeit aufmerksamen Besorgerin, wie die Haushaltshilfen in Österreich so schnöde tituliert werden. Und wetzte des nachts in meinen Träumen die Messer, mit denen ich eines Tages diese Schnüre alle durchtrennen würde.

Ab und an ließ ich eine der noch unfertigen Klingen aufblitzen, wenn ich in Diskussionen merkte, dass meine Argumente die besseren waren und ich sie damit mühelos in die Enge hätte treiben können, was ich freilich niemals gewagt hätte (die drohende Strafe, nicht auszudenken!), ritzte meine Worte damit heimlich unter die Tischplatte, wo ich sie später, in den vielen so hilflosen Momenten, zumindest noch mit den Fingerspitzen ertasten konnte wie ein Blinder die Brailleschrift.
Zur Selbstvergewisserung und zur Ablenkung von dem Unsäglichen, das sich oberhalb der Tischplatte zutrug.

Als der erste Krebs kam, und er kam leider recht früh, hatte sie zeitgleich mit der Diagnose auch ihr ultimatives Totschlagargument erhalten. Sie nutzte es reichlich.
Selbst in den Runden, in denen sie das schlechtere Blatt hatte, zog sie dieses düstere Ass aus ihrem Ärmel und warf es mit versteinerter Miene auf den Tisch. Game over.
Da lag es, glotzte uns mit seinen fahlen Augen drohend an und verdammte uns für die noch folgenden Jahrzehnte ihres Überlebens zum Schweigen.

*****

I got my finger on the trigger
But I don’t know who to trust
When I look into your eyes
There’s just devils and dust
We’re a long, long way from home
Home’s a long, long way from us
I feel a dirty wind blowing
Devils and dust

Well I dreamed of you last night
In a field of mud and bone
Your blood began to dry
And the smell began to rise

And I’m just trying to survive
What if what you do to survive
Kills the things you love
Fear’s a dangerous thing
It can turn your heart black you can trust
It’ll take your God filled soul
Fill it with devils and dust

*****

Hier stehe ich nun. Das ist meine Geschichte.
Nun kann ich sie erzählen, die Zeit ist reif dafür.

30 Jahre sind vergangen seit „damals“.
30 Monate, seit sich ein Deckel für immer geschlossen hat. Ihrer.
Und ein anderer sich öffnen konnte. Meiner.

Ich drücke ihn nach oben, stemme mich gegen den Widerstand seiner knarzenden Scharniere, hebe ihn schließlich ganz hoch, bis er einrastet und ohne mein Zutun geöffnet bleibt, recke meinen Kopf empor und sehe den Himmel.

So rein die Luft – und so weit der Raum.

*****

Song des Tages (23).

Starry, starry night, portraits hung in empty halls
Frameless heads on nameless walls with eyes that watch the world and can’t forget
Like the stranger that you’ve met, the ragged man in ragged clothes
The silver thorn of bloody rose, lie crushed and broken on the virgin snow

Lang nicht mehr gehört, diesen Song, der im Sommer meiner Geburt durch die Top Ten’s wanderte.
Den H. und ich zusammen in unseren Teenie-Jahren zelebrierten, auf Hs cremeweißen IKEA-Sofa sitzend, die geblümten Vorhänge ihres Jugendzimmers wehten sanft im Sommerwind (der durch die gekippten Fenster die ersten zarten Verheißungen kommender Verliebtheiten hineintrug in unseren musikerfüllten Raum).
An Melancholie und Wehmut nur noch zu toppen durch „Seasons in the sun“.

Danke übrigens für die zahlreichen Nachfragen auf allen Kanälen.
Mir geht’s gut. Ehrlich.
Der innere Katalysator läuft halt manchmal auf Hochtouren, aber das putzt das System ja meist wohltuend durch.

Genießen Sie den Sommerabend, schon morgen steht wieder ein Temperatursturz bevor!

Raumnot oder: Von Überlebensmechanismen.

In ihren sonnigen und heiteren Momenten erwärmte sie alles um sich herum mit ihrer Strahlkraft und ihrem Charme. Menschen lagen ihr ebenso zu Füßen wie Tiere und als ihre Tochter sah ich diesem Spektakel einerseits staunend zu, andererseits betrachtete ich diese Augenblicke stets mit innerem Bangen, weil ich wusste, sie würden nur von kurzer Dauer sein und immer dann abrupt enden, wenn man am wenigsten damit rechnete.

Dennoch ließ ich mir in ihren guten Stunden zu gern die Sonne ihrer überschwänglichen Liebe ins Gesicht scheinen, nahm jeden Sonnenbrand in Kauf und zog mir anschließend die Haut in Fetzen ab, wenn sie den Schalter wieder umlegte und alles Helle, Freundliche, Lichte erlosch. Im Dunkeln hatte ich Zeit, mich ungestört zu häuten und darauf zu warten, bis unter dem Schorf wieder neue, weiche, unversehrte Haut zum Vorschein kam. Während sie in einer ihrer Eiszeiten versank und keinen Funken Liebe mehr für irgendwen hatte, begann ich schockgefrostet eine weitere Einheit meines Überlebenstrainings. Manchmal kam sie kurz raus aus ihrer Kühlkammer, trampelte durch meine Zelle, störte mich in meinem Tun, drehte ein paar Pirouetten, damit ich ihr Elend auch ja von allen Seiten betrachten musste und wenn ich mich anschickte wegzusehen, prophezeite sie mir, ich würde genauso kalt und herzlos werden wie mein Vater (wenn ich es nicht eh schon wäre, an ihr läge das nicht, denn ich dürfe ihr glauben, sie hätte ihr Bestes gegeben, um aus mir einen anständigen Menschen zu machen).

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Im Grunde ging es ihr überwiegend schlecht.
Eine Krankheit jagte die nächste und das war nicht etwa Zufall, nein, dafür gab es Schuldige. Den Mann, die Tochter, das Verheiratetsein, das Muttersein, die Gegenwart, die Vergangenheit, die Kindheit, das Elternhaus, die Arbeitswelt, die Vorgesetzten – den ganzen biographischen Ballast und Morast eben, der sich über die Jahrzehnte angesammelt und festgebacken und sie zum Opfer geformt hatte. Fast alles war schwer und düster, der Zeitpunkt für passende Weichenstellungen lag immer in der Vergangenheit und war genauso dramatisch verpasst worden wie der Zug, der Richtung Zukunft fuhr. Eine große Verhinderte war sie, eine Königin des Konjunktivs: was hätte nicht alles aus ihr werden können, wenn alle anderen und überhaupt das ganze Leben nur anders gewesen wäre!

Das Leben der Mutter war ein fortwährender Ausnahmezustand. Und ebendieser Zustand war das Einzige, worauf wirklich Verlass war: jederzeit konnte alles kippen, schneller als ein Wetterumschwung in den Bergen, mit oder ohne erkennbaren Grund, bloß momenthaft oder für die Dauer vieler Tage oder Wochen.
So wurde das Stimmungsbarometer der Mutter zum Maß aller Dinge. Zum Takt, nach dem gelebt wurde (sofern Leben überhaupt erlaubt war). Zur Tonart, in der erst das Familien- und später unser Zusammenleben zu zweit komponiert wurde (mehr Moll als Dur, und als ich schließlich flüchtete: längst ein Requiem).

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Manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich die Mutter zwar zeitlich überlebt, aber als steckten außer ihren Genen noch immer Rußpartikel ihres atmosphärischen Terrorismus‘ in mir, den ich noch immer nicht überlebt habe. Nach fast 30 Jahren klebt da noch immer etwas in den Verästelungen meiner Lungen, das ich abhuste, sobald ein auslösender Reiz daherkommt. Wenn mir jemand meinen Raum nimmt. Wenn mir mal wieder einer dieser Menschen begegnet, der mit seiner Fragilität den gesamten Raum für sich beansprucht und mit seiner Labilität alles plattwalzt. Wenn ich spüre, dass ich nach Luft ringe oder kurz vor dem Ersticken bin, weil ich mich zu nah an einem solchen Oxygeniumverschlinger aufhalte, der mir zu verstehen gibt, dass sein Überlebenskampf nun mal der härtere ist und er daher leider den gesamten Sauerstoff für sich braucht. Wenn ich anfange, zu beschwichtigen oder zu reparieren oder auszubalancieren, damit der andere nur ja die Kurve kriegt.

Dann ist es plötzlich wieder so, als säße sie noch immer nebenan und als müsse ich noch immer auf Zehenspitzen durch den Flur schleichen, heimlich durch den Türspalt in ihr Zimmer spähen, um das Ausmaß ihres aktuellen Befindlichkeitsdramas ermessen zu können. Immer auf der Hut, immer gewappnet. Immer abcheckend, wie es um ihren aktuellen oder nahenden oder gerade abklingenden Ausnahmezustand bestellt war.
Um sofort reagieren zu können. Um entweder umgehend das Prophylaxe-Programm anzuschmeißen, um das Schlimmste vielleicht noch abzuwenden oder aber augenblicklich den Beschwichtigungsmodus zu wählen, wenn das Schlimmste bereits da war. Oder – wenn es schon zu spät war – um mich wegzuducken, bevor ihr seelischer Murenabgang alles restlos unter sich begraben würde.

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Ja, es gibt Momente, in denen sie da ist, obwohl sie tot ist.
Momente, in denen ich mich wieder wie das Kind fühle, das sich nichts sehnlicher wünscht als einen eigenen Raum. Sogar mehr als das: eine große Ruhezone mit „Betreten verboten“-Schild an der Tür und einem Schlüssel, der nur mir gehört.
Um das Drama eines anderen auszusperren und Platz zu haben für mein eigenes.
Aber auch, um mir meinen Frohsinn nicht zertrampeln zu lassen.

Denn zu meinem eigenen Erstaunen bin ich trotzdem ein fröhlicher Mensch geworden.