Is there somethin‘ else you’re searchin‘ for?

Liebe Leserinnen,

wussten Sie, dass gestern Weltmädchchentag war? Hoffentlich! Und hoffentlich haben Sie sich anlässlich dieses hohen Feiertages auch etwas Schönes gegönnt!

Ich kaufte mir für 99 Cent eine pinkfarbene Haarspange, vereinbarte einen Friseurtermin für Ende Oktober, besuchte nachmittags kurz eine Freundin – auf die etwas zähen Stunden am Schreibtisch wollen wir an dieser Stelle ebenso wenig eingehen wie auf den spontanen Tierarztbesuch, weil das Dackelfräulein sich am Auge verletzt hatte – und ging abends noch ins Kino um die Ecke, inklusive Popcorn, versteht sich.

„A star is born“ hieß der Film. Er stand auf meiner inneren Merkliste, seit ich im August zufällig im Internet über den Trailer gestolpert war und sofort wusste: Das muss ich sehen und hören!

Alles drin, was mich anspricht: berührende Musik, ein fescher Kerl, eine Frau mit Nasentrauma, Open Air Konzerte, wichtige Väter, große Liebe, lodernde Leidenschaft – und sogar ein netter Hund!

Und sollten Sie, liebe Leserinnen, sich gestern nichts gegönnt haben, weil Sie entweder nichts von diesem Feiertag wussten oder keine Zeit hatten, ihn zu würdigen, das aber nachholen wollen, so kann ich Ihnen diesen Film nur wärmstens empfehlen.

Lassen Sie Ihren Mann daheim, nehmen Sie stattdessen ein Päckchen Taschentücher mit und werfen Sie gleich beim Betreten des Kinosaals eventuelle Hemmungen über Bord. Die anderen heulen nämlich auch alle, manche heimlich, andere unheimlich. Und lassen Sie sich am Schluss ausreichend Zeit: alle bleiben hier bis weit nach dem Abspann sitzen, bis der letzte Ton des Soundtracks verhallt und die letzte Träne getrocknet ist.

Durch die unerwartet milde Herbstnacht schwankt man schließlich heimwärts und weiß mal wieder ganz genau, dass es letztlich doch ein Segen ist, diese Art von Ergriffenenheit empfinden zu können.

I’m off the deep end, watch as I dive in
I’ll never meet the ground
Crash through the surface, where they can’t hurt us
We’re far from the shallow now

Right here by my side.

Zurück zuhause.
Abbracci & Dolomiti wirken noch nach, aber es ist der übliche Effekt: Kaum ist man wieder daheim, umarmt einen auch der Alltag wieder (und der besteht wahrlich nicht nur aus panna fresca oder derlei Balsam).

Die Wunden der Urlaubstage heilen allmählich.
Tagsüber wärmt uns noch die heimische Herbstsonne, aber nachts, da müssen wir mittlerweile schon enger zusammenrücken, um nicht zu frieren. Fürs Winterbett ist’s dennoch zu früh, eindeutig.

*****

Heute, so belehrt einen jede Zeitung, jeder Radiosender und sogar die Biergartentischnachbarn, die dem Dackelfräulein unbedingt eine Pommes andrehen wollen, heute ist Welthundetag.
Darüber darf ich dann ausführlich mit den Biergartentischnachbarn sprechen, was mich eigentlich zunächst im stillen Genuss meines nachmittäglichen Getränks etwas stört, aber man will auch nicht unhöflich sein. Gestattet sogar, dass Madame Hund die Pommes verspeisen darf, die ihr angeboten wird. Was soll’s. Von der Figur her kann sie sich’s ja allemal erlauben.
So erfährt man schließlich, woran Basset Ernie seinerzeit tragisch verschied. Das Ehepaar in den späten Sechzigern verdrückt sich ein Tränchen. Ist ja schon über 10 Jahre her, dass Ernie von ihnen ging, man müsse da ja irgendwann mal drüber weg sein, zumal in ihrem Alter.

Nein, das muss man nicht, sage ich zu den beiden.
Über manches kommt man eben nicht hinweg.
Manche Lebewesen hinterlassen Spuren, die unauslöschbar sind – und es auch bleiben dürfen.

Aber noch hab ich leicht reden, ergänze ich, denn noch wuselt das Dackelfräulein ja hier putzmunter umher, gräbt ein Loch nach dem anderen ins biergartennahe Schilf, verbellt mit Inbrunst andere Hunde, die es wagen, auch nur einen Blick in ihr Schilfareal zu werfen oder einfach (ohne im Besitz eines Passierscheins zu sein) an der Grabungsstätte vorbeizugehen, und sie ist so gesund und munter wie man sich das nur wünschen kann.
Wir sind mittendrin, so fühlt es sich an, und es gibt keinen Grund, ans Ende zu denken, oder doch?

In Südtirol brach ich mal urplötzlich in Tränen aus, als mir – anlässlich der Schinkenspeck-Besorgungen für den nahenden 75. Geburtstag vom Papa – erstmals bewusst wurde, dass es, wenn alles normal liefe, womöglich sein könne, dass es den Papa und unsere Dackeldame eines Tages relativ zeitnah erwischen könnte.
Er hat, optimistisch geschätzt, noch ca. 10 Jahre, eher weniger. Und Pippa hat, realistisch geschätzt, auch noch ca. 10 Jahre, ebenfalls eher weniger. Da kann man sich dann schon mal einen Abend lang hineinsteigern in diese gruselige Vorstellung, dass zwei emotionale Großkatastrophen in einen ähnlichen Zeitraum fallen könnten.
Rüsten kann man sich dafür nicht, es gibt für jeden Schwachsinn Seminare, aber auf die großen Schicksalsschläge bereitet einen keine Sau vor. Da muss man drauf vertrauen, dass man, wenn’s soweit ist, in sich selbst Halt findet und bei ein paar nahen Menschen, die einen auffangen (und drauf hoffen, dass der Psychotherapeut des Vertrauens dann noch nicht in Rente gegangen ist, was durchaus knapp werden könnte).

Ich sitze also am See und unterhalte mich mit Fremden über den Welthundetag und die weltschlimmsten Hundetode. Die Tode, die schon gestorben wurden und die, die eines Tages noch zu sterben sind.
Irgendwann haben wir alle wässrige Augen. Und dann sagt der Mann zu mir, ob wir nicht auch noch ein Wort über die Anfänge verlieren wollen. Und fragt, ob ich mich denn an den Anfang erinnern würde und was meine erste, prägende Erinnerung sei.

Ein Foto, entgegne ich.
Darauf der kleine Hund, den wir schon ausgesucht hatten (um nicht die abgedroschene Formulierung „der sich uns ausgesucht hatte“ zu verwenden).
Sie wurde, noch bei der Züchterin lebend, an ihre (von uns mitgebrachte) Hundebox gewöhnt. War ein Tipp der Züchterin, um dem Welpen dann später die Eingewöhnung ins neue Zuhause zu erleichtern.

Herrje, und dann schickte uns die Züchterin DIESES Bild:

Sehen Sie das Auge?
Und diesen Blick, den dieses winzige Häufchen Hund – mit hochgezogener Braue und so vollkommen authentisch! – in die Welt wirft?
So scheu, so klein, so ausgeliefert, so fragend.
Das hat mich zutiefst ergriffen!

6 Jahre, 8 Monate und 2 Tage nach diesem Foto muss ich sagen: Die Scheu hat sie doch ziemlich abgelegt, ein gestandener Dachshund ist aus ihr geworden, ausgeliefert sind wir einander jeden Tag auf andere Art, die wesentlichen Fragen sind zwischen uns längst alle geklärt, wenngleich nicht immer zur beiderseitigen Zufriedenheit.

Aber ihr Blick, wenn sie denn auf eine dieser bestimmten Weisen dreinblickt, was sie regelmäßig tut und natürlich auch bewusst einzusetzen weiß, also wenn sie mich SO ansieht, dann schießt mir das noch immer mitten ins Herz und ergreift mich ganz und gar (falls Sie das näher interessiert, dann lesen Sie dazu doch mal den Artikel „Der Dackelblick. Phänomenologie einer besonderen Hund-Mensch-Vergemeinschaftung.“ – da haben der Gatte und ich das vor einiger Zeit mal zusammengefasst und illustriert).

Wir wünschen allen Hunden und ihren Menschen einen schönen Welthundetag:
Freut euch aneinander und liebt euch, so lange ihr euch habt!

 

Stay with me
My love I hope you’ll always be
Right here by my side if ever I need you
(…)
I will follow you will you follow me
All the days and nights that we know will be
I will stay with you will you stay with me
Just one single tear in each passing year

Bassotto.

Das Dackelfräulein am Pragser Wildsee.

Kennen Sie das auch? Sie sind irgendwo im Ausland unterwegs und freundlich lächelnde Einheimische rufen Ihnen einen Gruß zu, den Sie auch mühelos als solchen identifizieren können, aber nach dem „Hej hej“ oder „Grüezi mitenand“ oder „Buon giorno“ folgen dann noch ein paar Worte, die Sie freundlich zurückgrüßend und -nickend absegnen, obwohl Sie nur Bahnhof verstanden haben und bei denen Sie einfach mal in ihrer glücksdusseligen Urlauberlaune davon ausgehen, dass man Ihnen sowas Nettes wie „Genießen Sie den sonnigen Tag!“ (und eben nichts Unflätiges) zugerufen hat. Hinter der nächsten Wegbiegung zücken Sie jedoch sofort Ihr Handy, weil Ihnen dieses „So tun als ob“ zuwider ist und Sie natürlich verstehen wollen, was man Ihnen da mit auf den Weg gab, und befragen Mr. Google Translator.

So erging es uns gestern am Pragser Wildsee, als eine entgegenkommende italienische Familie herzlich grüßend und verzückt lächelnd eine nie gehörte Vokabel prononcierend an uns vorbeimarschierte. „Bellissima“ hatten wir noch verstanden, aber „bassotto“ mussten wir nachgucken. Wobei wir selbstredend sofort einen Verdacht hegten – wegen „bellissima“, was wir, schwitzend und unfrisiert bergauf wandernd, spontan erstmal nicht auf uns bezogen und uns zudem nicht entgangen war, dass die Familie eigentlich eh nicht allzu sehr auf uns blickte, sondern vielmehr unsere vierbeinige Vorhut fokussierte.

„Bassotto“ ist das italienische Wort für „Dackel“.
Erstmal wusste ich nicht, ob mich das nun eher belustigen oder kränken sollte, da das ja wörtlich sowas Ähnliches heißt wie „tiefergelegte Acht“ („basso“=“niedrig, tief“ und „otto“=“acht“).

Haha. Sehr witzig. Einen gestandenen bayerischen Hund mit der Persönlichkeit eines Löwen als „tiefergelegte Acht“ zu titulieren, das ist wirklich sehr ungehobelt. Allerdings passt es gut dazu, dass ich die Italiener eh nicht so besonders mag (v.a. sind sie mir zu laut und zu raumgreifend, außerdem essen sie unangenehm spät zu Abend und frühstücken – wenn überhaupt – viel zu süß).

Dennoch, „bassotto“ spricht sich schön. Sehr schön sogar.
Sagen Sie es ein paar Mal, und ich möchte wetten, es geht Ihnen ähnlich: bassotto, bassotto, bassotto. Ist das nicht klangvoll?!? Aus dem Wort sprüht förmlich der Vorwitz, das Kecke, das gesamte Mutig-Schlawinerhafte hervor, das dem Dackel zueigen ist!
Hören Sie es auch? Na, mit Sicherheit!

Ich beschloss also, Milde walten zu lassen und der italienischen Sprache die (ihr von mir etymologisch unterstellte und wahrscheinlich sowieso verkehrte) „tiefergelegte Acht“ nicht weiter nachzutragen, denn dieser kleine Hund ist ja tatsächlich von etwas spezieller Statur und meinetwegen kann man die auch als „tiefergelegt“ bezeichnen, so lange ein so schönes Wort wie „bassotto“ dabei rauskommt (und die Acht gilt je nach Kultur oder spiritueller/religiöser Richtung als heilige, harmonische oder glücksbringende Zahl, ist also auch nicht so verkehrt).

Pippa, unterwegs in den Pragser Dolomiten.

Am Südufer des Pragser Wildsees.

Bassottto stanco (auf Ottomane gebettet).

Il bassotto più bello e sportivo del mondo.
La mia amata Pippa.

Sehen Sie mir die emotionalen Superlative bitte nach.
Diese permanente Bergsonne und die gute Höhenluft setzen die Endorphine einfach kübelweise frei.
(Nie für möglich gehalten, welch extrem große Liebe man für einen so kleinen Hund empfinden kann!)

Mit den herzlichsten Grüßen aus Südtirol
Ihre Kraulquappe & ihr bassotto.

 

PS: Und sonst so? Immer noch schön hier.

PPS: Zwei touristische Anmerkungen noch, damit nicht wieder irgendwer darüber lamentiert, dass es hier zu sehr hundelt.
1. Der Pragser Wildsee wird meiner Meinung nach ziemlich überschätzt. Er ist keinesfalls schöner gelegen als der Eibsee, gleichwohl die Dolomiten rundum ein klein wenig spektakulärer daherkommen als das Wettersteingebirge. Und farblich kann der Walchensee locker mithalten – oder auch der Sylvensteinsee. Sparen Sie sich dieses Ziel also in der Hauptsaison. Es war bereits wochentags bei 11 Grad in der Nebensaison gut besucht, ein sonniges Wochenende im Juli möchte man sich da gar nicht erst vorstellen. Mit etwas Glück erwischen Sie dort in der Nebensaison Momente, in denen Sie auf den Wanderwegen in den Seitentälern des Sees oder sogar auf dem Rundweg um den Pragser Wildsee kurz alleine sind.
2. Besuchen Sie lieber die nicht so hervorgehobenen und nicht über alles gepriesenen Destinationen im Hochpustertal. Eine verrate ich Ihnen: das Gsierser Tal. Ich liebe Sackgassen in der Natur, alpine Endstationen (wir berichteten hier). Orte, an denen es nicht weitergeht, verkehrstechnisch. Parken Sie in St. Magdalena beim Talschluss-Häusl. Und suchen Sie sich dann eine der vielen tollen Almen-Wanderungen aus. 700 Höhenmeter hat man da schnell beieinander, spaziert dann bei herrlichem Weitblick auf über 2.000m herum, trifft (selbst Anfang Oktober) auf eine bewirtschaftete Alm nach der anderen und kann so völlig japanerfrei und abgeschieden einen ganzen sonnigen Herbsttag verbringen. Trinken Sie lieber ein Achtel Roten als ein Weißbier (das in ganz Südtirol deutlich teurer ist als in ganz München), als Grundlage empfiehlt sich vorher vielleicht eine Portion Schlutzkrapfen oder ein Kaiserschmarrn. Danach noch einen Kaffee und einfach mal ungestört geradeaus gucken.

Himmel der Bayern (46): Vernunftbegabte und Irrationale on tour.

Der letzte Bergsommertag 2018.

Sonnenschein, 25 Grad, weiß-blauer Bayernhimmel, der gestandene Münchner, resp. Münchnerin, am Hackln oder am Dirndl-Aufbügeln – was man halt so macht an einem Freitag Ende September, wenn man in Lohn und Brot steht und/oder sich innerlich und äußerlich fürs morgige „Ozapft is“ präpariert.

Wir hingegen verbringen den Tag auf einer der unfreundlichsten Hütten in den Münchner Hausbergen: dem Hirschberghaus.

Einzig die Weißbiersorte reißt’s raus, aber abgesehen davon konzentriert man sich hier lieber komplett auf die herrliche Umgebung und den bewegten Part der Tour.

Man nehme den Aufstieg vom Kreuther Ortsteil Point…

…übers Rauheck (zumal mit Rauhaardackel)…

Rauhaardackel

Rauheckalmen

…erfreue sich beim Blick über die Schulter der schönen Sicht auf den Wallberg samt der dazugehörigen hölzernen Kapelle…

…gehe direttissima hinauf zum Hirschberggipfel…

…wähle unbedingt den Weg für Vernunftbegabte und nicht den für Vollidioten…

…wische sich am Gipfelkreuz den Schweiß von der Stirn, reiche der vierbeinigen Begleitung ein Schüsserl Wasser…

…schaue von dort wahlweise ins Lenggrieser Tal…

…(und winke dem Seekar zu, das dort oberhalb der geliebten Hütte liegt, auf der man nun doch demnächst nochmal mithelfen wird)…

…bestaune die milchigen Konturen der Zugspitze am Horizont, oder blicke hinab zum Lago di Bonzo…

…der bilderbuchartig umrahmt von bewaldeten Hügeln und hübschen Berglein da unten im Tale liegt.

Anschließend – innerlich imprägniert von diesen Impressionen – hinab zum unfreundlichen Hirschberghaus, dort eine leichte Weiße auf der herrlichen Sonnenterrasse…

Roter Pfeil => Gipfel des Hirschbergs

…und dem Hündchen eine Zwischenmahlzeit unter den Tisch gereicht.

Man selbst mümmle heimlich die mitgebrachte Brotzeit, und zwar am besten auch gleich unterm Tisch, aber der unfreundliche Wirt wird’s eh sehen und von drinnen mit dem Zeigefinger fuchtelnd mahnen. Und wenn er grad da herin so gar nix zum doa hod, kimmt er a no aussi und grantelt umanand.

Tipp: Sagen Sie dann, Sie wären mindestens Diabetiker, besser noch: Diabetiker mit Histaminintoleranz und/oder Laktose- und Gluten-Unverträglichkeit, dann hält der Wirt sei Goschn und Sie für einen dieser depperten Städter, die wo moana, dass sie nix Normales mehr fressn kenna, und begnügt sich damit, dass Sie da herobn nur eine 4,30€ (!) teure Weiße konsumiert haben und leider, leider wega da Gsundheit Abstand von den diversen (gruseligen) Gerichten aus seiner Hüttenküche nehmen mussten (!), weil Ihr Arzt das nunmal so angeordnet hat – und schon können Sie entspannt in Ihr Käsebrot beißen und die Cocktailtomaten aus der Box holen.

Steigen Sie danach via Bolzeck wieder nach Kreuth hinab…

…und lassen Sie den Tag nach Möglichkeit im Gasthaus zum Hirschberg oder beim Hagn-Wirt in Kreuth ausklingen, die Seele baumelt dort erfahrungsgemäß vortrefflich vor sich hin.

Das Dackelfräulein und ich fahren freilich weiter nach Rottach zum Papa, bei dem wir eine Dusche, ein Abendessen und eine Hopf-Weiße bekommen.

Dort strecken wir die Haxn aus, denen der heutige Marsch hoffentlich die leichte Schwere der anstrengenden Gratquerung von vor ein paar Tagen genommen hat.

Aber der wahre Grund der heutigen Tour ist sowieso der Papa und der etwas irrationale Drang, dass man einander vor der Abreise nach Südtirol nochmal sehen sollte, was totaler Schmarrn ist, da wir uns ja sonst auch oft wochenlang nicht sehen (und dass man dann statt der üblichen 70km die vierfache Strecke voneinander entfernt ist, ändert ja rational betrachtet rein gar nichts).

Heut in einem Monat wird er 75 und je höher die Zahl hinter der 7 wird, desto irrationaler wird’s bei mir.

Übrigens: der dritte Freitag in Folge, den wir am Tegernsee verbringen, was ich jetzt allerdings nicht mit der Reise nach Südtirol begründen möchte und auch nicht mit dem Papa oder seinem Alter oder Zustand, weil das glatt geflunkert wäre.

Es ist nämlich wirklich schön hier. Vor allem wochentags. Und erst recht, wenn’s der letzte Bergsommertag ist.

Knarzende Scharniere oder: I got my finger on the trigger.

Mit Süßkram hab ich’s nicht so sehr.
Würde sich der gezuckerte Teil der Welt auf Nutella, Pistazieneis und Streuselkuchen beschränken, würde mir nichts Wesentliches fehlen (wenn mir hingegen die Brezen genommen würden – dann gute Nacht!). Letzterer, also der Streuselkuchen, hat jetzt Hochsaison, das erntereife Obst, so wirkt’s, wenn man den Blick über die Kuchenvitrinen schweifen lässt, kann es kaum erwarten, sich dicht aneinander geschmiegt unter die buttrigknusprigen, goldbraunen Streusel zu legen und sein Fruchtfleisch genüsslich auf Hefe- oder Mürbteigböden auszustrecken.

Heute Morgen rief mich überraschend B. an. Ob er kurz vorbeikommen dürfe, er hätte zwei Bleche Streuselkuchen gebacken und das sei eigentlich als kleines kulinarisches Beiwerk für den geplanten Umtrunk im Büro zu viel des Guten. Die Kollegen wüssten das eh nicht zu schätzen. Da habe er an mich gedacht.
Eher Birne oder Zwetschge, habe er sich gefragt, sich dann aber erinnert, dass ich in derlei Gebäck lediglich die Matschigkeit von Äpfeln nicht allzu sehr goutiere. Ob der Gatte da sei, dann brächte er gern die doppelte Menge. Er könne ruhig die doppelte Menge bringen, obwohl der Gatte in Frankfurt sei, entgegnete ich. Bei Streuselkuchen darf man mir ruhig was zutrauen.
Und so fuhr er mittags zu mir, stellte mir vier große Stücke des duftenden Kuchens in die Küche, drückte mich kurz, sah mich an, machte eine Bemerkung zur Müdigkeit, die mir wohl ins Gesicht geschrieben stand sowie zur Herpesinvasion auf meiner Oberlippe, gab damit zu erkennen, dass er in etwa wusste, wie es mir geht, schnürte daraus noch einen anteilnehmenden Schlusssatz und musste leider gleich wieder los, zurück ins Büro.

*****

Als ich die Tür hinter ihm schloss, war mir nach Heulen zumute.
Weil B. – obwohl sehr sprachgewandt und sicher im Ausdruck – Gefühle kaum je mit schönen Worthülsen ummantelt, sondern überwiegend in Taten ausdrückt.
In den anderthalb Jahrzehnten, die wir uns kennen, hat er mit einer Kontinuität hinhören, sehen und wissen wollen, wie ich sie nur bei wenigen Menschen erlebt habe. Beständig stellte er Fragen, wenn er nicht verstand, und gab Antworten, wenn ich verstehen wollte. Mit Kritik hielt er ebensowenig hinterm Berg wie mit Zuspruch. Von allergrößter Einigkeit bis hin zu kaum überbrückbaren Differenzen haben wir alle Stadien an Mitteilungslust und -frust durchlaufen. Beide hassen wir Rumsitzen und Rumtrödeln, beide lieben wir es, wenn der andere Ideen hat und die Initiative ergreift, beide freuen wie uns, den anderen mitreißen zu können, beide sind wir bekennende Resonanzjunkies und ekelhafte Korinthenkacker, wenn es um Klippen und Klappen der Kommunikation geht.
Es gibt nicht viele Menschen, von denen ich behaupten würde, dass sie mich wirklich kennen oder erkannt haben (und umgekehrt), B. gehört jedenfalls zu ihnen.

Dieses Glück ist wie ein Scheck, den man überall und jederzeit einlösen kann, selbst wenn man einander zwischendurch, so wie B. und ich, zweimal zwei Jahre nicht gesehen hat, unterbrochen nur von einer Beerdigung und einem Krankenhausbesuch (absurd eigentlich, aber so ergab es sich).
Man steht sich gegenüber, nimmt den Faden wieder auf als hätte man ihn erst gestern fallen lassen oder sowieso nie aus der Hand gelegt, nichts ist verloren oder vergessen, aber alles verziehen und verwunden.
Ein Glück, dass wir seit ein paar Monaten wieder in Verbindung sind.

Ich legte mir eines der Kuchenstücke auf den Teller, nahm es mit an den Schreibtisch, begann genussvoll zu essen und riss mir bereits beim zweiten Bissen eines meiner Beulenpestbläschen an einer krustigen Streuselkante auf. Es war nicht das Bläschen, das ich mir morgens beim Abtrocknen mit dem Frotteehandtuch aufgehobelt hatte, sondern ein anderes. Etwas Blut tropfte hinunter und landete recht adrett exakt zwischen zwei Zwetschgenschnitzen.
Man wird also beim Zubeißen in den nächsten Tagen ebenso Acht geben müssen wie beim Lachen oder Schreien oder Zähneputzen.

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Manche Menschen überschütten einen mit Liebesschwüren, man fühlt sich wonnig überzogen von ihrem verbalen Zuckerguss, schleckt mal links, mal rechts an der süßen Schicht, überfrisst sich vielleicht sogar ein bisschen an der köstlichen Klebrigkeit. Und stellt wenig später erstaunt fest: praktisch und faktisch bleibt nicht viel mehr davon übrig außer einem klebrigen Gefühl auf der Zunge.

Den größten Worten folgen oft nicht mal die kleinsten Taten. Eine leise Kritik, ein falsches Wort, ein einziges mitgeteiltes eigenes Bedürfnis kann ausreichen und schon treten sie den Rückzug an, wenden sich gekränkt ab. Flugs verwandelt sich das gerade noch lodernde Feuer ihrer Zuneigung zum kläglich glimmenden Kohleklumpen, der noch ein Weilchen die Temperatur hält und wenig später in stummer Kälte erlischt.

Sie lieben sich in ihrem Liebestaumel und in der Vorstellung ihrer selbst als Liebende so sehr, sonnen sich in ihren Bekundungen, wälzen sich wohlig darin und vergessen darüber völlig, dass sie den anderen, die Zielscheibe ihrer Schwüre, entweder gar nicht oder nicht gut genug kennen, um ihn überhaupt und noch dazu mit diesem Überschwang lieben zu können.

Aber ums Kennen geht es ihnen ja auch nicht, schon gar nicht ums Erkennen, dazu sind sie viel zu verstrickt in sich selbst, verheddert in die ewige Nabelschau ihres von der Welt ach so missachteten oder beschädigten Ichs oder völlig aufgeweicht vom Bad in ihren zerquälten Seelentümpeln, in denen schon seit Jahren keine Rose mehr gedeihen möchte und alles Lebendige mangels Licht und Pflege längst veralgt oder verendet ist.

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Auch die Mutter war so gestrickt.
Sie gefiel sich so sehr in den wenigen Szenen unseres 17 Jahre währenden Theaterstücks, in denen sie als „die Liebende“ auftrat. Dankbarkeit und Applaus waren angesagt, wurden geradezu eingefordert: „Schau her, wie ich dich liebe und was ich dir alles opferte!“ lag in jedem ihrer Schritte, mit denen sie über die Bühne stolzierte, das Haar in den Nacken und mir ein Lächeln zuwerfend.

Dankbar sollte ich sein, wenn sie, die ewig Angeschlagene, trotz allem in der Lage war, mir dieses Lächeln zu schenken.
Einmal im Jahr gab es Streuselkuchen, mit matschigen Äpfeln darin, dankbar sollte ich sein für diese Anstrengung, die sie meinetwegen auf sich genommen hatte.
Hatte sie sich tagelang von allem zurückgezogen und kam für einen Moment wieder hervorgekrochen aus ihrem Elendssumpf, hätte ich besonders dankbar sein müssen, denn schließlich hatte sie diesen Kraftakt nur für mich vollbracht.

Für mich, die ich sie qua meiner Existenz in dieses Jammertal verbannt hatte, weil man als Frau mit Kind am Hals in den 70er Jahren nun mal nicht hätte davonlaufen können aus einer Ehe, die nichts weiter war als die Eintrittskarte in das Tal der Tränen.
Also schickte sie den Mann davon, diesen undankbaren Klotz, dem sie doch ihre besten Jahre geschenkt hatte, die ihr nun niemand mehr zurückgeben konnte. Blieb, wo sie war, behielt das Kind und den Hund, und war fortan noch überforderter.

Mit aufgeschlagenen Kinderknien konnte sie noch umgehen, auch mit Erkältungen, aber als die Wunden und Infekte des Heranwachsens größer und schwieriger wurden, begann ein Wettstreit, bei dem der Sieger bereits feststand. Egal, was ich auch hatte: ihr Leid war größer, wichtiger, langwieriger.
Die wenigen Male, die ich es wagte, trotz ihres schwereren Leidens um Aufmerksamkeit, Zuwendung oder Trost für mich zu bitten, wies sie mich schroff und zutiefst erschüttert von sich.
Ob ich denn nicht sähe, wie schlecht es ihr ginge und dass es ihr nicht möglich sei, sich jetzt auch noch mit mir zu befassen. Es ginge um ihr Überleben, ob ich das denn nicht begreifen würde. Noch ein Mucks und sie verstummte mit einer Dramatik, die einem Angst und Bange werden ließ (von den Strafen soll hier und heute nicht die Rede sein).
Schon Jahre vor dem ersten Krebs gab es dieses gefühlte „Es“, dieses unheimliche Etwas, das größer war als sie und das über sie kam wie eine Heimsuchung, der sich alles zu beugen hatte. Ich beugte mich. So tief ich konnte, aber nur bis zu einem Punkt, von dem aus es immer noch möglich war, hinaufzuschielen zu der Mater dolorosa, um die ich mich zu kümmern hatte und nach deren Befinden alles ausgerichtet werden musste.

Ich verschwand ganz und gar hinter dieser Aufgabe, wurde unsichtbar und zugleich an der Oberfläche zur perfekten Marionette und zur allzeit aufmerksamen Besorgerin, wie die Haushaltshilfen in Österreich so schnöde tituliert werden. Und wetzte des nachts in meinen Träumen die Messer, mit denen ich eines Tages diese Schnüre alle durchtrennen würde.

Ab und an ließ ich eine der noch unfertigen Klingen aufblitzen, wenn ich in Diskussionen merkte, dass meine Argumente die besseren waren und ich sie damit mühelos in die Enge hätte treiben können, was ich freilich niemals gewagt hätte (die drohende Strafe, nicht auszudenken!), ritzte meine Worte damit heimlich unter die Tischplatte, wo ich sie später, in den vielen so hilflosen Momenten, zumindest noch mit den Fingerspitzen ertasten konnte wie ein Blinder die Brailleschrift.
Zur Selbstvergewisserung und zur Ablenkung von dem Unsäglichen, das sich oberhalb der Tischplatte zutrug.

Als der erste Krebs kam, und er kam leider recht früh, hatte sie zeitgleich mit der Diagnose auch ihr ultimatives Totschlagargument erhalten. Sie nutzte es reichlich.
Selbst in den Runden, in denen sie das schlechtere Blatt hatte, zog sie dieses düstere Ass aus ihrem Ärmel und warf es mit versteinerter Miene auf den Tisch. Game over.
Da lag es, glotzte uns mit seinen fahlen Augen drohend an und verdammte uns für die noch folgenden Jahrzehnte ihres Überlebens zum Schweigen.

*****

I got my finger on the trigger
But I don’t know who to trust
When I look into your eyes
There’s just devils and dust
We’re a long, long way from home
Home’s a long, long way from us
I feel a dirty wind blowing
Devils and dust

Well I dreamed of you last night
In a field of mud and bone
Your blood began to dry
And the smell began to rise

And I’m just trying to survive
What if what you do to survive
Kills the things you love
Fear’s a dangerous thing
It can turn your heart black you can trust
It’ll take your God filled soul
Fill it with devils and dust

*****

Hier stehe ich nun. Das ist meine Geschichte.
Nun kann ich sie erzählen, die Zeit ist reif dafür.

30 Jahre sind vergangen seit „damals“.
30 Monate, seit sich ein Deckel für immer geschlossen hat. Ihrer.
Und ein anderer sich öffnen konnte. Meiner.

Ich drücke ihn nach oben, stemme mich gegen den Widerstand seiner knarzenden Scharniere, hebe ihn schließlich ganz hoch, bis er einrastet und ohne mein Zutun geöffnet bleibt, recke meinen Kopf empor und sehe den Himmel.

So rein die Luft – und so weit der Raum.

*****

Song des Tages (23).

Starry, starry night, portraits hung in empty halls
Frameless heads on nameless walls with eyes that watch the world and can’t forget
Like the stranger that you’ve met, the ragged man in ragged clothes
The silver thorn of bloody rose, lie crushed and broken on the virgin snow

Lang nicht mehr gehört, diesen Song, der im Sommer meiner Geburt durch die Top Ten’s wanderte.
Den H. und ich zusammen in unseren Teenie-Jahren zelebrierten, auf Hs cremeweißen IKEA-Sofa sitzend, die geblümten Vorhänge ihres Jugendzimmers wehten sanft im Sommerwind (der durch die gekippten Fenster die ersten zarten Verheißungen kommender Verliebtheiten hineintrug in unseren musikerfüllten Raum).
An Melancholie und Wehmut nur noch zu toppen durch „Seasons in the sun“.

Danke übrigens für die zahlreichen Nachfragen auf allen Kanälen.
Mir geht’s gut. Ehrlich.
Der innere Katalysator läuft halt manchmal auf Hochtouren, aber das putzt das System ja meist wohltuend durch.

Genießen Sie den Sommerabend, schon morgen steht wieder ein Temperatursturz bevor!

Raumnot oder: Von Überlebensmechanismen.

In ihren sonnigen und heiteren Momenten erwärmte sie alles um sich herum mit ihrer Strahlkraft und ihrem Charme. Menschen lagen ihr ebenso zu Füßen wie Tiere und als ihre Tochter sah ich diesem Spektakel einerseits staunend zu, andererseits betrachtete ich diese Augenblicke stets mit innerem Bangen, weil ich wusste, sie würden nur von kurzer Dauer sein und immer dann abrupt enden, wenn man am wenigsten damit rechnete.

Dennoch ließ ich mir in ihren guten Stunden zu gern die Sonne ihrer überschwänglichen Liebe ins Gesicht scheinen, nahm jeden Sonnenbrand in Kauf und zog mir anschließend die Haut in Fetzen ab, wenn sie den Schalter wieder umlegte und alles Helle, Freundliche, Lichte erlosch. Im Dunkeln hatte ich Zeit, mich ungestört zu häuten und darauf zu warten, bis unter dem Schorf wieder neue, weiche, unversehrte Haut zum Vorschein kam. Während sie in einer ihrer Eiszeiten versank und keinen Funken Liebe mehr für irgendwen hatte, begann ich schockgefrostet eine weitere Einheit meines Überlebenstrainings. Manchmal kam sie kurz raus aus ihrer Kühlkammer, trampelte durch meine Zelle, störte mich in meinem Tun, drehte ein paar Pirouetten, damit ich ihr Elend auch ja von allen Seiten betrachten musste und wenn ich mich anschickte wegzusehen, prophezeite sie mir, ich würde genauso kalt und herzlos werden wie mein Vater (wenn ich es nicht eh schon wäre, an ihr läge das nicht, denn ich dürfe ihr glauben, sie hätte ihr Bestes gegeben, um aus mir einen anständigen Menschen zu machen).

*****

Im Grunde ging es ihr überwiegend schlecht.
Eine Krankheit jagte die nächste und das war nicht etwa Zufall, nein, dafür gab es Schuldige. Den Mann, die Tochter, das Verheiratetsein, das Muttersein, die Gegenwart, die Vergangenheit, die Kindheit, das Elternhaus, die Arbeitswelt, die Vorgesetzten – den ganzen biographischen Ballast und Morast eben, der sich über die Jahrzehnte angesammelt und festgebacken und sie zum Opfer geformt hatte. Fast alles war schwer und düster, der Zeitpunkt für passende Weichenstellungen lag immer in der Vergangenheit und war genauso dramatisch verpasst worden wie der Zug, der Richtung Zukunft fuhr. Eine große Verhinderte war sie, eine Königin des Konjunktivs: was hätte nicht alles aus ihr werden können, wenn alle anderen und überhaupt das ganze Leben nur anders gewesen wäre!

Das Leben der Mutter war ein fortwährender Ausnahmezustand. Und ebendieser Zustand war das Einzige, worauf wirklich Verlass war: jederzeit konnte alles kippen, schneller als ein Wetterumschwung in den Bergen, mit oder ohne erkennbaren Grund, bloß momenthaft oder für die Dauer vieler Tage oder Wochen.
So wurde das Stimmungsbarometer der Mutter zum Maß aller Dinge. Zum Takt, nach dem gelebt wurde (sofern Leben überhaupt erlaubt war). Zur Tonart, in der erst das Familien- und später unser Zusammenleben zu zweit komponiert wurde (mehr Moll als Dur, und als ich schließlich flüchtete: längst ein Requiem).

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Manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich die Mutter zwar zeitlich überlebt, aber als steckten außer ihren Genen noch immer Rußpartikel ihres atmosphärischen Terrorismus‘ in mir, den ich noch immer nicht überlebt habe. Nach fast 30 Jahren klebt da noch immer etwas in den Verästelungen meiner Lungen, das ich abhuste, sobald ein auslösender Reiz daherkommt. Wenn mir jemand meinen Raum nimmt. Wenn mir mal wieder einer dieser Menschen begegnet, der mit seiner Fragilität den gesamten Raum für sich beansprucht und mit seiner Labilität alles plattwalzt. Wenn ich spüre, dass ich nach Luft ringe oder kurz vor dem Ersticken bin, weil ich mich zu nah an einem solchen Oxygeniumverschlinger aufhalte, der mir zu verstehen gibt, dass sein Überlebenskampf nun mal der härtere ist und er daher leider den gesamten Sauerstoff für sich braucht. Wenn ich anfange, zu beschwichtigen oder zu reparieren oder auszubalancieren, damit der andere nur ja die Kurve kriegt.

Dann ist es plötzlich wieder so, als säße sie noch immer nebenan und als müsse ich noch immer auf Zehenspitzen durch den Flur schleichen, heimlich durch den Türspalt in ihr Zimmer spähen, um das Ausmaß ihres aktuellen Befindlichkeitsdramas ermessen zu können. Immer auf der Hut, immer gewappnet. Immer abcheckend, wie es um ihren aktuellen oder nahenden oder gerade abklingenden Ausnahmezustand bestellt war.
Um sofort reagieren zu können. Um entweder umgehend das Prophylaxe-Programm anzuschmeißen, um das Schlimmste vielleicht noch abzuwenden oder aber augenblicklich den Beschwichtigungsmodus zu wählen, wenn das Schlimmste bereits da war. Oder – wenn es schon zu spät war – um mich wegzuducken, bevor ihr seelischer Murenabgang alles restlos unter sich begraben würde.

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Ja, es gibt Momente, in denen sie da ist, obwohl sie tot ist.
Momente, in denen ich mich wieder wie das Kind fühle, das sich nichts sehnlicher wünscht als einen eigenen Raum. Sogar mehr als das: eine große Ruhezone mit „Betreten verboten“-Schild an der Tür und einem Schlüssel, der nur mir gehört.
Um das Drama eines anderen auszusperren und Platz zu haben für mein eigenes.
Aber auch, um mir meinen Frohsinn nicht zertrampeln zu lassen.

Denn zu meinem eigenen Erstaunen bin ich trotzdem ein fröhlicher Mensch geworden.

4th of July oder: Umdrehen.

Heute vor 24 Jahren saßen P. und ich auf einer rebenberankten Steinmauer in Unterdürrbach.
Über die Weinberge hinweg konnten wir bis nach Würzburg blicken, das unter einer staubig-sommerlichen Dunstglocke lag. Es war ein affenheißer Tag, im Hintergrund klapperte unser gemeinsamer Freund J. mit dem Frühstücksgeschirr auf der Terrasse seiner kleinen Studentenwohnung herum.
Das Sommersemester lag in den letzten Zügen, genau wie unsere Beziehung, die ich an jenem Independence Day beendete (meine Erwartungen an die Liebe damals so hoch und um keinen Milimeter kürzbar). Kein Feuerwerk weit und breit, stattdessen heulten wir beide.

P. prophezeite mir damals, dass ich seinen Nachfolger heiraten würde (womit er sogar richtig lag); alle Freundinnen, die er gehabt hätte, täten das nämlich und er frage sich, wie es ihm je gelingen könne, eines Tages mal sein eigener Nachfolger zu sein.
Einer dieser Sätze von P., die ich nie vergessen habe (so wie wir auch einander nie vergessen haben und fast ein Vierteljahrhundert nach diesem Vormittag auf der Steinmauer immer noch befreundet sind).

Etliche Jahre später, als die Ehe mit dem Nachfolger auseinander ging, war es P., der mir ohne mit der Wimper zu zucken und ohne jede Formalität eine große Summe lieh, damit ich die neue Wohnung, in die ich zog, ausstatten konnte. Im Gegenzug durfte er sich jahrelang nach seinen Transalp-Touren, auf deren Rückweg er (von oben bis unten verdreckt von der mehrtägigen Männerunternehmung) in München Station machte, in meiner Badewanne vor der Weiterreise nach Berlin säubern.

In den zweieinhalb Jahrzehnten haben wir uns viele Beziehunganfänge und -enden erzählt (oder sie gemeinsam ertränkt), viele Jobanfänge und -enden ebenso. P. besuchte mich mehrfach am Arsch der Welt (oder auch, wenn ich völlig im A…. war) und er gehört zu den wenigen Menschen, von denen man noch handschriftliche Briefe erhält, lange Briefe sogar (so lang, dass ich P. sogar die schnöde Spreewaldgurke nachsehen konnte, die er mir mitsamt einem seiner Briefe zum 40. schickte).

Und P. gehört auch zu den wenigen Menschen, die sich grundsätzlich nochmal umdrehen, obwohl man sich bereits verabschiedet hat.

So wie sich die Menschheit ganz klar in Frager und Nicht-Frager, in Katzen- und Hundeliebhaber, in Stadt- und Landmenschen, in Breze-mit-viel-Salz- oder Breze-mit-wenig-Salz-Esser unterteilt, so verhält es sich auch mit den Umdrehern und Nicht-Umdrehern: man ist entweder das eine oder das andere, niemals aber beides, und ich stelle fest, dass ich mich langfristiger an die Umdreher binde als an die, die nach einem Tschüss und einer Umarmung einfach ihres Weges gehen und sofort wieder vollkommen in sich gehüllt sind.

Alle meine Herzensmenschen sind Umdreher und Hinterherwinker, manche sogar An-Zugfenster-Klopfer oder Luftküsse-Nachwerfer.

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Gestern Nacht, als ich das Haus vom Papa verließ und in die Dunkelheit hinaustrat, ging ich mit Rucksack in der einen und Hundeleine in der anderen Hand über den gepflasterten Weg zu den Parkplätzen. Vor der letzten Biegung, nach der man das Haus nicht mehr würde sehen können, hielt ich kurz inne und blickte nochmal zurück. Ganz hinten sah ich den Papa vor seiner beleuchteten Haustür stehen, ziemlich gebückt von Krankheit und Alter.

Er stand da, und er winkte uns nach. Mir fiel auf, dass er das nun mit dem linken Arm tut, weil der rechte es nicht mehr schafft. Es rührt mich, dass er dennoch an dieser Tradition zwischen uns festhält (als Kind stand ich oft am Küchenfenster, wenn er morgens die Wohnung verließ und unten auf der Straße, bevor er ins Auto einstieg, guckte er stets nochmal zu mir hoch und hob fröhlich die Hand).

Ich biss mir auf die Unterlippe als mir der Gedanke durch den Kopf schoss, dass eine Zeit kommen wird, in der ich mich an das väterliche Winken, das mich mein Leben lang begleitet hat, werde erinnern müssen, weil er keinen seiner Arme mehr heben kann.

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Zum 4. Juli zwei Herzenslieder: das eine für den Papa am Tegernsee, das andere für P. in Berlin.

Well Papa go to bed now it’s getting late
Nothing we can say is gonna change anything now

Sandy – the fireworks are hailin‘
Over Little Eden tonight
Forcin‘ a light into all those stony faces
Left stranded on this warm July

You better run you little wild heart.

Für Andrea & Pippa.

Vor ein paar Tagen las ich morgens, noch gemütlich mit dem schnarchenden Dackelfräulein im Bett kuschelnd, den neuesten Blogbeitrag meiner Freundin Andrea aus Braunschweig.

Dass Andrea neulich mit Mann und Labradoodle Bobby in Berchtesgaden eine Woche „Hundeurlaub“ gemacht hatte – genauer gesagt: an einem „Antijagdtraining“-Kurs teilgenommen hatte – war mir natürlich nicht mehr neu, denn wir hatten die drei direkt nach Kursende dort besucht und anderthalb schöne Tage miteinander verbracht. Bei einer gemeinsamen Wanderung hatte Andrea mir auch bereits ausgiebig von der Trainingswoche berichtet und wir konnten live zusehen, wie sie die Kursinhalte fleißig unterwegs übten.

Nun reichte sie noch ein Interview zu der Thematik nach, das sie im Anschluss an den Kurs mit der Hundetrainerin geführt hatte.
Beim Lesen blieb mir an einigen Stellen die Spucke weg und die gerade noch so gemütliche Morgenstimmung wandelte sich zu einem Gefühlsmix aus Beschämung und schlechtem Gewissen.

Etwas benommen stand ich auf und wurschtelte mich so durch den Tag, immer wieder mit einem mulmigen Gefühl an diesen Beitrag denkend.

Warum?

Nachdem ich das Ganze ein Weilchen habe sacken lassen, ist es mir klar geworden: Weil mir manche Antworten der Hundetrainerin die Augen für die momentanen Defizite in der Beziehung zu meinem Hund ebenso geöffnet hatten wie für ein paar lang gehegte Fehlinterpretationen (wie z.B. dass Buddeln auch zum jagdlichen Verhaltensrepertoire gehört), für Gedankenlosigkeiten (im Umgang mit dem Hund) und für den üblichen, leider immer wieder mal einreißenden Alltagsschlendrian in unserem Zusammenleben (kein Miteinander, sondern ein Nebeneinander).

Seit drei Monaten dreht sich hier fast alles nur noch um die neue Wohnung, die Renovierung derselben, etliche berufliche Dinge und das Abhaken von diversen Erledigungslisten. Der Gatte ertrinkt ebenfalls in Arbeit und schleppt sich tapfer und ziemlich überarbeitet durch sein Sommersemester.

Nun bin ich zwar gut im Organisieren und auch ein passabler Stressphasen- und Umzugs-Manager, bekomme daneben sogar noch ein gewisses Maß an Sozialleben und Freundschaftspflege auf die Reihe, dasselbe gilt fürs Schwimmen und etwas Bewegung überhaupt.
Aber vor lauter Gewurschtel und Geplane ist Pippa im Laufe der Wochen ganz unmerklich zu einem Pflichtprogramm geworden, das ich zwar diszipliniert in den Tag einbaue wie alles andere Notwendige oder zu Erledigende auch, nur ließ die Freude an der Zeit miteinander, ein echtes Aufeinander-Bezogensein, die Intensität unserer Bindung mehr und mehr nach.

Bei Spaziergängen warf ich ein paarmal pflichtschuldig den Ball, ließ sie buddeln oder das Ufergebüsch durchstöbern, weil ich dann nicht weiter gefordert war, sie zu beschäftigen. Stand unbeteiligt daneben. War froh, einfach mal eine Weile irgendwo rumzustehen und irgendeinen Punkt zu fixieren: das Loch, das sie grub, die Stelle auf der Wiese, in der sie sich wälzte, ihr wackelndes Hinterteil, wenn sie vor mir her lief. Viel mehr ist zwischen uns in den letzten Wochen nicht passiert. Ich war einfach zu erschöpft – von den Wohnungsdingen, von manch zwischenmenschlichen Strapazen, von viel Arbeit mit einem kaputten Ellenbogen.

Es reicht, merkte ich plötzlich. Und zwar reicht’s mit Einigem (wovon heute nicht die Rede sein soll und vielleicht auch überhaupt nicht hier).
Manchmal braucht’s ja diesen Schubs von außen, damit man kapiert: Zeit wird’s, wieder in ein anderes Fahrwasser zu kommen. Höchste Zeit! Und genau diesen Impuls gab mir Andreas Beitrag.

Noch bevor nächste Woche das Bad renoviert wird und man wieder vor lauter Sägespänedunst, der den Handwerksfreund und mich hier Woche für Woche umgibt, kaum noch erkennen kann, welcher Wochentag eigentlich ist, habe ich beschlossen, ab sofort mein Dackelmädchen nicht mehr wie einen Programmpunkt zu behandeln und draußen überwiegend ermüdende Pflichtrunden abzuspulen, sondern schleunigst wieder zu der Beziehung zurückzukehren, die wir den Großteil unserer sechseinhalb gemeinsamen Jahre über hatten und die mich immer so froh gemacht hat (beinahe hätte ich gesagt: auf die ich immer so stolz war, aber mit Stolz und so Sachen hab‘ ich’s nicht so).
Zwei, die nacheinander gucken, die aufeinander achten, die miteinander durch die Welt und durchs Leben gehen – und sich dabei aneinander freuen.

Es gibt so viele Gelegenheiten dazu, man muss sie nur ergreifen und zulassen – und genau damit habe ich heute wieder begonnen.

Die Tour:
Traubling – Golfplatz Tutzing – Deixlfurter Weiher – Ilkahöhe – Forsthaus – und über Obertraubling und Monatshausen zurück. 12 Kilometer. Passables Wetter. Nicht überlaufen, kaum störende Mountainbiker, keine Wildschweine oder Rehe.
Schöne Einkehr mit Weitblick aufs Alpenvorland und auf der Terrasse sogar herrlich Ruhe gehabt, weil das lärmende Sonntags-Familienvolk von einer dichten Hecke abgeschirmt nebenan im Biergarten tobt. Kostet nicht mal 2€ mehr, den Imbiss im Bedienbereich einzunehmen, das war’s wert.

Unterwegs kein stumpfsinniges Bällchenschießen, kein gedankenloses Buddelnlassen, stattdessen gemeinsam durchs mannshohe Schilf gekämpft, unwegsamste Wege ausprobiert, zweimal verlaufen, Schlangen bestaunt, auf wackligen Stegen herumgeturnt, Seerosen beschnuppert, im Moorsee gebadet, auf urwaldähnlichen Sumpfpfaden im Morast versunken (der Dackelpopo danach wie in Tonerde eingebacken, im nächsten Weiher gleich abgewaschen), über Bachläufe gesprungen, einen toten Fuchs gefunden, auf umgefallenen Riesenbäumen herumgeklettert, von Golfspielern angepöbelt worden und zusammen zurückgemotzt – und nach vielen Stunden müde und zufrieden wieder am Auto angekommen.

Auf der Heimfahrt wählt die Shuffle-Funktion des CD-Players aus der Musiksammlung das hier aus:

You make up your mind, you choose the chance you take
You ride to where the highway ends and the desert breaks
Out on to an open road you ride until the day
You learn to sleep at night with the price you pay
(…)
Now they’d come so far and they’d waited so long
Just to end up caught in a dream where everything goes wrong
Where the dark of night holds back the light of the day
And you’ve gotta stand and fight for the price you pay
(…)

Als Springsteen bei der Zeile „So let the games start, you better run you little wild heart“ angekommen ist, halte ich gerade an einer Ampel in Starnberg. Nutze die Gelegenheit, drehe mich um und gucke zu Pippa, die friedlich auf der Rückbank schläft. Ihre Pfötchen zucken ein bisschen, vermutlich träumt sie.

Ich verrenke mir den Arm, greife nach hinten und streiche über ihren kleinen Kopf.
My little wild heart, sage ich zu ihr – let the games start again!

(Dies, liebe Andrea, als Antwort auf deine Frage aus der Mail von heute Mittag.)

Leipzig (2): You sit and wonder just who’s gonna stop the rain.

Die heutige Blogstatistik spricht eine klare Sprache: die Leserschaft kann es entweder kaum erwarten, Teil 2 des Leipzig-Berichts zu lesen oder aber der Ministrantenimbiss-Post schlug ein wie eine Bombe (leider ist die Statistik ja nicht allzu detailliert).

Wurscht.
So oder so war ich noch nicht fertig mit dem Erzählen und schwelge noch im Gefühl vom vergangenen Wochenende.

Als der Kiefer vorgestern in Leipzig zu heftig an die Himmelspforte klopfte (voilà: hier kommt es, mein erstes WordPress-Video!)…

…bewahrheitete sich die Prognose der blöden Wetter-App leider doch noch…

…und das ausgerechnet am einzigen Konzertabend meiner fast 34-jährigen Konzertbesucherkarriere, an dem ich nicht in geschlossenem Schuhwerk, sondern in Sandalen unterwegs war…

…zum Glück aber in Hundebesitzer-Trampel-Sandalen und nicht in solchen mit feinen Lederriemchen oder Straßsteinchen im Geflecht, so dass das Wasser im Gummifußbett sommerwarm die Zehen umspielte und dem Schuh nichts weiter anhaben konnte.
Naja, und vom Rest des phänomenalen Abends haben Sie ja schon gestern gelesen.

Worüber noch kein Wort fiel, ist der Sonntag.

Das lag unter anderem auch daran, dass der mit einem Frühstück begann, das mich sprachlos machte. Zum einen, weil die Wartezeit für eine Tasse Kaffee ungefähr 10 Minuten betrug. Es gab sage und schreibe nur einen Kaffee-Automaten für alle Teilnehmer des Parteitages der Linken, alle Bach-Fest-Besucher, alle Kiefer-Sutherland-Fans und die paar Dödel, die sich am Vorabend zu Dieter Thomas Kuhn verirrt hatten.

Immerhin hatte das Hotelpersonal es nicht versäumt, das Display dieses einzigen Automaten auf den Sonntags-Modus zu stellen:

Zusätzlich zum „Wasser im Pott“ (für alle aus dem Ruhrgebiet Angereisten?) durften die Gläubigen es nach Herzenslust dem Herrn gleichtun und Teewasser zapfen, nach dessen Genuss sie mindestens zum Gehen über die Pfützen im Kopfsteinpflaster vor dem Gewandhaus befähigt wären.

Den anderen Moment der Sprachlosigkeit bescherte mir Sori. Als ich nach einem dieser längeren Kaffeeholausflüge zu ihr an den Tisch zurückkehrte, hatte sie die Zeit meiner Abwesenheit genutzt, um mir einen Brief zu schreiben. Wir Frauen sind so. Wenn wir nicht live miteinander reden können, schreiben wir uns sofort und mit großer Freude Briefe, Emails, Whatsapps.
Vor meinem Frühstücksteller lag ein Kuvert, drauf stand mein Name. Ich fragte, ob ich den Brief gleich lesen solle oder erst später im Zug. Wie ich es lieber wolle, sagte Sori.

Neugierig öffnete ich sofort das Kuvert (Geduld gehörte noch nie zu meinen Tugenden) und drin war kein Brief, sondern ein Stapel Schwarz-weiß-Fotografien, die etwas historisch anmuteten. Ich nahm sie aus dem Umschlag und erkannte den Bruce meiner Jugend (am Gesichtsausdruck, an der Frisur und am shirtsprengenden Bizeps)!
Beim näheren Betrachten begriff ich dann: das waren Original-Fotografien aus den 1980er-Jahren, also genau aus der Ära, in der meine lebenslange Liebe begann.

Und als Sori mich fragte, ob ich denn nicht das Stadion erkennen würde, da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Na sicher, das Münchner Olympiastadion, ganz klar an der Zeltdachkonstruktion zu erkennen…, ja meine Güte, das konnte dann ja eigentlich nur… – und genauso war es auch: Es handelte sich um Fotos von meinem ersten Konzert am 18. Juni 1985!

Das können wahrscheinlich nur Fans verstehen, was einem so ein Geschenk bedeutet!
[@Sori: nochmals 1000 Dank dafür!!! @Herrn Speed: schleifen Sie bitte schon mal das Sägeblatt, ich brauch‘ einen Spezialrahmen Altar für diese Rarität!]

Und weil wir dann eh schon mittendrin waren im Lieblingsthema des Tages, verlegten wir kurzerhand unseren Marsch durch Leipzig erstmal in den Nordwesten der Stadt.

So wie die einen halt sonntags zur Kirche gehen…

…pilgern andere zu ihren musikalischen Gedenkstätten…

…und beschließen die sonntägliche Messe mit Gebeten wie „Gib mir 1x im Leben Lost in the flood live!“ oder „Hol mich 1x zu dir auf die Bühne, zu Jole Blon oder zu Jersey girl!“.

Nach dieser netten Kurz-Wallfahrt spazierten wir dann doch noch in die Altstadt, aber kaum wollte ich Marktplatz und Thomaskirche näher betrachten…

…erspähte die Sori ein E-Street-Band-Fan-Shirt, das an einem Mittfuffziger prangte, der mit seiner Gefährtin unvorsichtigerweise in der ersten Reihe eines Straßencafés beim Brunch saß.

Und schon war man wieder im Gespräch „unter Tramps“ – natürlich waren die zwei am Abend zuvor auch beim Kiefer, denn das ist ja quasi alles irgendwie ein und derselben musikalischen Ursuppe entsprungen. Die Gefährtin noch zu neu, um allzu viel mitzureden („ich war mal bei Rebekka Bakken“ – „Hm, ja, schön!“) und sich insgeheim wahrscheinlich fragend, was ihr da noch alles bevorstünde (zeitlich, emotional und finanziell), wie um alles in der Welt man sich nur an einzelne Songs von x Konzerten erinnern könne („Weißt du noch: Racing damals in Mannheim, 2003, oder Point blank 2009 in Frankfurt?) und ob sie mit dem Kerl wirklich eine gute Wahl getroffen hätte (na klar hatte sie das).
Nach einem ausgiebigen Plausch herzliche Verabschiedung, wie von alten Freunden.

Also eben gar keine Kultur mehr, was soll’s.
Ab zum Bahnhof und wieder nachhause.

Schön war’s!
Thanks to Kiefer & danke, liebe Sori – für den tollen gemeinsamen Trip, die Heiligenbildchen und die halbfeuchten Gauloises, und dann bis spätestens im Herbst hier in München!

You sit and wonder just who’s gonna stop the rain
Who’ll ease the sadness, who’s gonna quiet the pain
It’s a long dark highway and a thin white line
Connecting, baby, your heart to mine!

Nachtrag, 13. Juni: Link zum lesenswerten Leipzig-Bericht auf Soris Blog!