Die Liebe in den Zeiten der Coronakrise.

(Ganz neue) Szenen einer Ehe.
München, im März 2020, ein relativ gewöhnlicher Dienstagmorgen.
Der Gatte kehrt vom morgendlichen Ausritt mit dem kleinen Jagdhund zurück, dreht sich auf dem Absatz wieder um und ruft voller Tatkraft treppabwärts sprintend, er begäbe sich nun direkt ins nahegelegene Jagdrevier, um dort gleich in der Früh sein Glück zu versuchen (seit Wiedereinzug in unserer Wohnung fehlen uns ja ein paar essentielle Utensilien im Haushalt, wir berichteten hier).

Eine halbe Stunde später sperrt er die Wohnungstür wieder auf und ich höre den Erfolg seines Jagdausflugs schon vom Arbeitszimmer aus auf dem Parkett aufschlagen, springe hoch, laufe ihm durch den langen Flur entgegen, sehe die Beute auf dem Boden liegen – und falle ihm freudig um den Hals.

Der Held des Tages aus der Münchner Ludwigsvorstadt und sein Riss.

Auch die Liebe verändert ihr Antlitz in den Zeiten der Coronakrise:
Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen Mann küsse, weil er mir Klopapier nachhause bringt!
Und das erste Mal, dass in unserem Haushalt zwei Packungen von dem weißen Gold, wie es die Leute hier im Viertel bereits nennen, vorrätig sind.

Sollten Sie keinen so beherzten Gatten im Haus haben, der frühmorgens zur Jagd geht oder es bei Ihnen aus anderen Gründen zu einem Toilettenpapier-Engpass kommen – ich kann Ihnen nun gern mit einem Röllchen aushelfen!

Für H. zum 4. März 2020: Die überfällige Antwort.

 

 

Liebe H.,

vor genau sechs Monaten, ich kämpfte gerade mit der defekten Waschmaschinentür in meiner Stockholmer AirBnb-Wohnung, schicktest du mir eine Whatsapp, in der du fragtest, ob ich eigentlich sagen könne, welche meine Lieblingssongs vom Hohepriester unseres gemeinsamen Erstkommunionsfestes seien.
Damals war jedoch leider nicht die Zeit und Muße, um dir diese lebenwichtige Frage (als die du sie selbst tituliertest) zu beantworten, da ich wie gesagt in Stockholm war und mit einer Waschmaschinentür kämpfte (neben mir den Koffer mit der Schmutzwäsche von zwei Wochen Gotland, es war also wichtig, den Kampf zu gewinnen).

Heute Morgen kämpfe ich ausnahmsweise mal mit nichts (außer Müdigkeit), denn vor drei Tagen sind wir aus unserer Wohnung ausgezogen, gestern habe ich Lolek den Schlüssel in die Hand gedrückt – und nun komme, was wolle (bzw. hoffentlich: was solle, nämlich ein neues Badezimmer und diverse Verputzungen und Anstriche), ich werd‘ mir das Ganze erst in 9 Tagen ansehen und bis dahin lebe und arbeite ich hier im Tegernseer Asyl vor mich hin (es gibt wahrlich scheußlichere Orte für Geflüchtete).

Daher nutze ich nun während eines Frühstücks in völliger Ruhe, weil alle – der Papa, seine Lebensgefährtin und die Pippa – hier im Haus noch schlafen, die günstige Gelegenheit, dir zu deinem heutigen Jubeltage deine zwar nicht mehr ganz taufrische (im Unterschied zu dir 💕!), aber in ihrer Bedeutung natürlich unverändert lebenswichtige Frage endlich zu beantworten.

Hier also, in aufsteigender Reihenfolge (wie zu unseren Teenie-Tagen, als wir noch gemeinsam der von Thomas Brennicke, Gott hab ihn selig!, moderierten Hitparade lauschten), meine in schlappen sechs Monaten ausgebrütete, mehrfach überarbeitete und überprüfte und dennoch hier und heute nur unter Vorbehalt zu veröffentlichende Top Ten der Bruce-Songs, die ich, wenn ich mich je ernsthaft und für längere Zeit auf eine einsame Insel oder ins Exil (ha!) begeben müsste, mitnehmen würde, um mein musikalisches Überleben zu sichern.
Eine Top Twenty wäre mir leichter gefallen, aber ich übe mich ja zumindest gelegentlich in der Kunst der Beschränkung (wie es mir meine Deutsch-LK-Lehrerin schon 1990 empfahl).

Selbstverständlich bekommst du zu allen 10 Songs nicht nur Titel, sondern auch Ton (seinen) und Text (meinen).

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Platz 10: „Jole Blon“

Das war für mich 2012 im MetLife-Stadium DIE Neuentdeckung schlechthin.
Ein typisches Sommerliedchen, ein klassisches Sha-la-la-la-Bruce-Ding wie „Sherry darling“, wenngleich nicht originär von ihm, aber wurscht, das Lied war so herrlich leicht, luftig, locker, liebestoll, einfach ein Traum, damals, in dieser lauen Nacht in New Jersey, in der ich acht Songs zuvor meine Hand auf seine schweißnasse Schulter gelegt hatte und in der ich eines meiner besten Geschenke zu meinem 40. feierte – eben jenes Konzert.

Platz 9: „Bobby Jean“

Mit „Bobby Jean“ verbinde ich gleich mehrere Ereignisse (oder sogar Phasen) in meinem Leben und wahrscheinlich hat der Song vor allem deshalb einen Platz auf dieser Liste bekommen. Denn musikalisch ist das eigentlich eine Komposition, die mich nie absolut vom Hocker gehauen hat. Und trotzdem liebe ich „Bobby Jean“ seit dem ersten Hören. Das war mit dir, damals, am 18. Juni 1985. Es war der 25. Song der Setlist unseres (nennen wir’s mal so:) Initiationsabends.
Und du warst es auch, die diesem Song erstmals eine gewichtige Bedeutung verlieh, als du ein paar Jahre später für ein Schuljahr nach Kanada verschwunden bist und ich in München zurückblieb.
Vom 18. Juni ’85 gibt’s keine Aufnahme/Video, ich wollte aber unbedingt eine von damals erwischen, daher nimm bitte mit dieser hier vorlieb, die ist nur 11 Tage später entstanden, in Paris.

Platz 8: „Across the border“

Sommer 2014. 17 Jahre Maloche lagen hinter mir, die letzten 7 davon ziemlich grenzwertig. Ich quittierte den Dienst, kratzte mein letztes Geld zusammen, packte meine Siebensachen und mein Dackelmädchen ein, hörte auf den Rat meines Arztes und eröffnete mein erstes Konto bei WordPress – und fuhr los. Across the border: Über die Öresundbrücke, durch ganz Schweden, bis hinüber nach Gotland, was mir seit Kindheitstagen ein Eiland der Verheißung war (Pippi Langstrumpf!), und nun war ich endlich groß und frei genug, sie mir anzusehen.
Vor der Überquerung der Öresundbrücke lege ich seither bei jeder Fahrt nach Schweden genau diesen Song ein, drehe die Lautstärke voll auf und heule voll los.

Platz 7: „This hard land“

Einer der berühmtesten, meistgesungenen Psalmen der Bruce-Gemeinde: „(…) well, if you can’t make it, stay hard, stay hungry, stay alive – if you can and meet me in a dream of this hard land (…)“ – dieser Vers ist ohne jeden Zweifel lebenswichtig und lebensrettend bzw. entfaltet diese Wirkung, wenn ihn die ganze Gemeinde in die Dunkelheit hinausplärrt, aber er ist nicht der Hauptgrund, warum ich dieses Lied in die Top Ten aufnehmen musste.
Es sind die gesamten viereinhalb Strophen davor, die mich so umhauen und die ja nur in diesem letzten Aufschrei gipfeln (oder sich in ihm auflösen). Dieser verdammte Song hat mich dermaßen gefesselt, als ich ihn Ende der 1990er Jahre erstmals hörte, dass ich monatelang gar nicht in der Lage war, mir all den anderen verdammt guten Stoff auf „Tracks“ reinzuziehen (das Greatest-Hits-Album, auf dem er schon früher erschienen war, hatte ich damals noch nicht).
Dreimal gehört, und für immer auswendig gekonnt, du könntest mich nachts um 3 wecken und bitten, „This hard land“ zu rezitieren und es würde mindestens genauso flutschen wie Goethes „Willkommen und Abschied“ oder Schillers „Ring des Polykrates“ oder Hölderlins „Mitte des Lebens“, um jetzt mal ein bisschen bewandert zu tun (und das mal nicht nur im alpinistischen Sinne).
Hier für dich eine der Akustik-Versionen, in der ich ihn (nicht den Song, aber Bruce) besonders mag, du wirst wissen, wieso.
Und hör‘ dir unbedingt auch den Prolog genau an: „(…) the older you get, the more it means“. Genau so ist es, und zwar mit sehr vielem.

Platz 6: „Atlantic City“

Immer schon geliebt. Und schon vor 15 Jahren beschlossen, dass das der Song sein soll, der mal auf meiner Beerdigung gespielt wird:

Now our luck may have died and our love may be cold
But with you forever I’ll stay
We’re goin‘ out where the sands turnin‘ to gold now
Put on your stockin’s cause the nights gettin‘ cold and
Everything dies, baby, that’s a fact but maybe
Everything that dies someday comes back

Nicht, weil ich nochmal wiederkommen möchte. Sondern weil ich summa summarum gern hier war. Und weil ich immer Trost fand in diesem Lied, wenn es mir schlecht ging.

Platz 5: „The Ghost of Tom Joad“

Eine Wucht, der ganze, lange Song.
„Tom Joad“ war das erste Springsteen-Album seit 1973, das die Top Five verpasst hat, obwohl es einen Grammy für das beste zeitgenössische Folk-Album gewann. Sein Titelsong, „The Ghost of Tom Joad“, in einer später entstandenen Live-Version zusammen mit Tom Morello (von Rage Against the Machine), rüstete den ursprünglichen Folk-Song zu dem um, was er dann auf dem „High Hopes“-Album geworden ist: ein moderner Rocksong mit einer unglaublichen Intensität. Erst als Duett eroberte er schließlich die Herzen von noch mehr Fans, so auch das meine.
Ich finde, die beiden sollten mindestens noch „Youngstown“ und „Lost in the flood“ gemeinsam spielen (und aufnehmen). Immer wieder sind es auch diese düsteren Geschichten von Springsteen, die ich live wirklich zum Niederknien schön finde.

Platz 4: „Dream, baby, dream“

Man braucht nicht viele Akkorde, um einen Song zu komponieren, der den Fans eine Gänsehaut beschert. Man braucht auch nicht notwendigerweise viele Instrumente oder eine Band drumrum. Manchmal genügt es, wenn sich ein Mann allein ans Piano setzt und gefühlvoll in die Tasten greift und seine Stimme erhebt.
„Dream, baby, dream“ ist für mich wie Schwimmen: ich tauche ein, ich folge dem schwarzen Balken, hin und zurück, hin und zurück, alles wiederholt sich, Bahn für Bahn, immer dasselbe. Vordergründig könnte man nun geneigt sein, das für Monotonie, Ödnis oder gar Langeweile zu halten. Das wäre aber viel zu kurz gedacht bzw. empfunden.
Denn das Schwimmen (und anderen mag es mit anderen Ausdauersportarten ähnlich ergehen) und eben auch ein Song wie dieser können einem den Zugang eröffnen zu einer anderen Sphäre. Zu einem selbstvergessenen, dahinfließenden, dahinträumenden, dahingleitenden und dadurch beinahe meditativem Zustand.
Und exakt darum steht dieses Lied so weit oben auf meiner Liste.

Platz 3: „Backstreets“

Dieses kraftvolle Epos von einer bedeutsamen Freundschaft (oder Liebe?) und ihrem Verblassen (und über zerplatzte Ideale der Jugendzeit überhaupt) war einer meiner sehnlichsten Live-Wünsche, der leider erst sehr spät (2016 in Berlin) in Erfüllung ging. Der Song ist ein klassisches Drama in fünf Akten (wie es ein Dylan auch nicht besser hinbekäme!), er ist einer seiner wuchtigsten, umfassendsten und „vollständigsten“ Songs.
„Backstreets“ konkurrierte in meiner Fan-Seele seltsamerweise immer mit „Jungleland“, wofür es keinen rationalen Grund gibt. Mal bedeutet mir das eine mehr, mal das andere, manchmal höre ich ein ganzes Jahr lang fast nur den einen, dann wieder nur den anderen Song. Dieses Jahr ist bislang eher ein „Backstreets“-Jahr, deshalb hier und heute Platz 3.

Platz 2: „Tougher than the rest“

Das ultimative Liebeslied aus der Feder Springsteens.
Es gibt keines, das mich in letzten dreißig Jahren kontinuierlicher begleitet und häufiger zu Tränen gerührt hätte.
Es ist ehrlich, authentisch, romantisch – und zugleich so schonungslos und traurig, voller Sehnsucht und Herzschmerz.
Es spielte in allen Liebesbeziehungen, die in meinem Leben wichtig waren oder sind, eine Rolle.
Unbedingt im 1980er-Jahre-Stil anzugucken, dieser Zeit, in der für uns alles begann (auch diese Sache mit der Liebe).

Platz 1: „Thunder Road“

Von all den vielen Perlen aus seinem riesigen Lebenswerk ist es diese, die ich über alles liebe.
So vieles ist schon gesagt und geschrieben worden über diese Straße des Donners: Für die einen hat der Song eher etwas Auswegloses und alles andere als ein Happy End, für andere birgt er hingegen eine Menge Hoffnung und mündet in einen positiven Aufbruch (ich zähle mich zu Letzteren).
„Thunder Road“ ist in meinen Augen ein Versprechen: für heute, für morgen, für die Zukunft. Egal, wie jung oder schön wir (noch) sind. Eine Ode an die Liebe, sogar an die Langzeitliebe, mit all ihren Versehrtheiten und Schrammen. Ein Tritt in den womöglich über die Jahre etwas träge gewordenen Hintern. Ein Appell, nicht alles auf morgen zu verschieben, sondern mit manchem lieber jetzt und heute loszulegen. Eine Ermahnung zu mehr Mut und Zuversicht, zu mehr Selbstvertrauen und Offenheit. Ein großes Versprechen an das Leben.
Auch an das gerade erst geborene, wie dieser Kommentar eines Fans (den ich unter einer der Donnerstraßenversionen auf YouTube entdeckte) verdeutlicht: „I insisted this song be the first music my newborn daughter heard on earth. That was 23 years ago. I’d make the same choice again today. It just doesn’t get any better than this.“
Und so sehe ich das auch: Besser geht es einfach nicht.
Das hier ist nicht die musikalische „Thunder Road“-Interpretation, die mich am tiefsten bewegt (das wäre eine der Acoustic– und keine der Fullband-Versionen), aber es ist eine von denen, in der mich sein Gesichtsausdruck am meisten berührt, möge es dir ähnlich gehen.

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Ein Update zu dieser Top Ten kommt dann ggf. zu deinem nächsten runden Geburtstag, der ja in nicht allzu ferner Zukunft ansteht, aber doch noch weit genug entfernt ist, damit ich nochmal in aller Ruhe weiterbrüten kann über deine wahrlich lebenswichtige Frage und meinen bescheidenen Antwortversuch.

Mit ein paar knapperigen Krümeln (danke nochmal!) zwischen den Zähnen stoße ich nun mit meinem letzten Schluck Morgenkaffee auf dich und dein Wohlergehen an, gratuliere dir ganz herzlich und wünsche dir einen besonders schönen, sonnigen Tag (du weißt noch, was der Chloroplast an einem solchen tun würde?!), vielleicht ja mit etwas Neuschnee, so wie hier am Tegernsee.

In alter, unverbrüchlicher Freundschaft grüßt dich –
Deine T.

PS: Deine ausführliche Stellungnahme zu dieser Liste lässt du mir bitte ebenfalls binnen 6 Monaten zukommen.

Songs des Tages (46).

Manche der Songs umweht glatt ein Hauch von „Nebraska“ oder „Darkness“, und mit Krähenvögeln und einer 13 im Bandnamen kann eh nix schiefgehen – das waren meine ersten spontanen Gedanken, als ich mich so durchhörte durch die diversen Playlists der „13 Crowes“.

Eine ordentliche Prise Brian Fallon hier, eine große Schippe Bruce Springsteen dort. Melodiöse Melancholie, betörende Balladen und herzergreifende Hymnen wechseln sich ab mit den rauen, herben Klängen eines rockigen, fetten Gitarrensounds.

Geschichten von Verlierern und Verlorenen, denen der Rauch aus Fabrikschloten den Blick auf ein sorgloseres, freieres, selbstbestimmteres Leben vernebelt, diese atmosphäreverpestenden und seelenzermalmenden Grauschleier hängen natürlich nicht nur über den Arbeiterstädten New Jerseys, sondern auch über denen Schottlands (und auch über so etlichen gläsernen Großraumbüros unserer modernen, digitalisierten, prozessoptimierten Arbeitswelt).

Storys über das Leben, über Liebe und Leiden(schaft) – und was Lady Luck sich halt sonst noch so alles auszudenken vermag, wenn sie nach dem Malochen müde im Pub abhängt und sich dort ihr hübsches Köpfchen mit ein paar Gläsern Single Malt zurechtrückt, um sich wieder aufs Wesentliche zu besinnen.

Ein bisschen Punkrock, ein bisschen Folk und Americana, alles in allem eine recht ausgewogene Mischung, die die vier vollbärtigen, schottischen Burschen von „13 Crowes“ da präsentieren.
Nur den gelegentlichen Bon-Jovi-Touch, den hätt’s nicht unbedingt gebraucht, aber Schwamm drüber, das kann sich ja noch abwetzen und justieren, sind schließlich noch jung, die Kerle (und, herrje: hat diese Generation denn echt geschlossen das Bedürfnis, sich die Konterfeis ihrer Familienmitglieder, Exfreundinnen und Haustiere sowie deren Sternzeichen, Spitznamen und Sportvereinlogos auf all ihre Extremitäten tätowieren zu lassen?)

Und – last but not least – eine Musik, die durchaus als ein ebenso erfreuliches wie rares Fundstück zu bezeichen ist, für all die, die wie ich auf der Suche sind nach denen, die in der Lage sein könnten, in die Fußstapfen jenes Mannes zu treten, der bislang den zentralen Soundtrack zum eigenen Leben komponiert hat, einem aber dummerweise 33 Lenze voraus ist, weshalb es leider absehbar sein dürfte, dass er diesen Soundtrack nicht beständig und bis zum Ende meiner Tage wird fortschreiben können, so dass ein rechtzeitiges Umsehen nach tragfähiger Zukunftsmusik keinesfalls als ein Akt der Blasphemie, sondern als vernünftig betriebene Altersvorsorge gewertet werden muss.

Die eine, ganz große Liebe bekommt dadurch nicht den geringsten Kratzer, sie schwankt auch nicht, weil sie nun etwas in die Jahre gekommen wäre oder sich allmählich ihrem letzten, gemeinsam lebbaren Abschnitt nähert – ja wo denken Sie denn hin!?, natürlich ist das eine Sache für die Ewigkeit, sonst wär’s ja nicht diese eine, ganz große Liebe!
Sie könnte nun lediglich ergänzt werden um ein paar Liebschaften drumherum, die sie nicht von ihrem Thron stoßen, sondern nur ein wenig entlasten würden, bei denen sich aber erst noch wird erweisen müssen, welche davon wirklich das Zeug zu „mehr“ haben.

„No guts, no glory“ heißt einer der Songs von den „13 Crowes“ und so wollen wir es halten: mutig, zuversichtlich und mit offenen Ohren nach neuen Akkorden Ausschau (besser: Aushorch) halten, auf denen einst das Fundament des eigenen musikalischen Spätsommers und Herbstes errichtet werden kann.

Ein Forenbacher fällt schließlich nicht alle Tage vom Himmel, und wir wollen das Firmament ja ruhig recht gut ausstaffieren mit ein paar funkelnden Sternen, die das bossianische „Dry lightning“ adäquat umrahmen, und die all sein Licht bis zu jenem Tag, an dem es zu verblassen droht, ganz in ihre Strahlkraft aufgesogen haben werden und dann sowohl durch sich als auch mit ihm weiterleuchten, bis ans Ende meiner Zeit.

Amen.

I threw my robe on in the morning
Watched the ring on the stove turn to red
Stared hypnotized into a cup of coffee
Pulled on my boots and made the bed

Screen door hangin‘ off its hinges
Kept bangin‘ me awake all night
As I look out the window
The only thing in sight

Is dry lightning on the horizon line
Just dry lightning and you on my mind

PS:
Falls es unter der geneigten Leserschaft jemanden gibt, der am nächsten Dienstag nicht im Skiurlaub ist, sich nicht ins Faschingstreiben stürzen will und auch nicht das Champions-League-Spiel gucken muss, der möge sich bitte gern melden – ich hab noch ein Ticket übrig für das Konzert der „13 Crowes“ hier in München, das ich zum rabattierten Stammleserpreis von 13€ rausrücken täte (wahlweise auch für einen Zehner und eine Weiße).

Melden Sie sich einfach per Kommentar hier im Blog oder via Mail unter kraulquappe@web.de, und keine Sorge: Sie müssen weder Springsteen-Fan sein noch an dem Abend 20 Songs lang neben mir stehen, ich komme mit solcher Live-Musik auch wunderbar alleine klar, und Ihnen würde das ggf. auch die Peinlichkeit ersparen, offenkundig die Begleitung von derjenigen zu sein, die sich womöglich auf ein „Tougher than the rest“-Duett zu Cammy Black auf die Bühne hinaufwagt, obwohl sie wirklich tausendmal besser Schwimmen als Singen kann 😉

PPS:
Wen’s interessiert, hier noch zwei Links:
1x das reife, rauchige Destillat und 1x der neue, nachwachsende Gerstenhalm.
(Wir wollen das jetzt nicht ernsthaft vergleichen, aber ein Potenzial ist da, und ansonsten gilt auch hier: No guts, no glory!)

Love is a four-legged word. Zum 20.02.2020.

Die einen feiern heut Weiberfastnacht, die anderen den „Liebe-dein-Haustier-Tag“.

Tierisch liebgehabt. Und auch tierisch viel erlebt auf dem 12km langen Uferweg.

Vom toten Fisch über eine hölzerne Katze bis zum gassigehenden Ziegenbock war alles dabei. Auch Artgenossen. Und auch sonst alles genossen.

Unterwegs hat das Dackelfräulein die Badesaison eröffnet und sich während einer langweiligen Biergartenpause für morgen mit ihrer Freundin Shiva zu einer Bergtour verabredet.

Der hübsch Bewimperte und ich werden die beiden Damen begleiten, mit etwas Glück springt für uns ein Stück Kuchen mit Blick auf die noch verbliebenen Reste der oberbayerischen Winterwelt raus.

Nach den letzten, gelinde gesagt etwas zähen und grauen Tagen, sind das nun gute Aussichten. Genau wie die, dass heute in einer Woche die Corroventen abgebaut werden.

Matrjoschka (4).

Halbzeit: Die Figur in der Mitte ist heute dran, Matrjoschka Nr. 4. Sie stottert ein bisschen und ihre Finger sind etwas klamm und ihre Bäckchen leuchten so rot.

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Heute vor vier Jahren, die Tochter saß gerade in ihrem neuen Büro, von wo aus sie als administrative Leitung den ihr anvertrauten kleinen Verband zu leiten versuchte, was eine ziemliche Herausforderung war, weil die Chefin des ganzen Unternehmens zwar sehr nett, aber ein kreativer Chaot war, womit die Tochter zwar menschlich, aber nicht beruflich zurechtkam, außerdem noch ganz unter dem Schock der Beerdigung des viel zu jung und unerwartet gestorbenen Freundes stand, dessen Urne vor drei Tagen recht sang- und klanglos in die Erde eines Waldfriedhofs südlich von München versenkt worden war, klingelte ihr Telefon. Nicht das Bürotelefon, sondern das Handy.
Es war kurz vor 10 Uhr. Eine unbekannte Münchner Nummer stand im Display. Die Tochter nahm den Anruf entgegen („nahm ab“ kann man ja in Zeiten, in denen eine Gesprächsannahme via Smartphone ein seltsamer Wischvorgang ist, der dem einfingrigen Wegwischen eines verendeten Mini-Insekts auf dem Gartentisch ähnelt, nicht mehr guten Gewissens sagen).

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„Ihre Mutter ist heute Nacht verstorben, Ihre Telefonnummer hat uns die Betreuerin gegeben“, meldet sich mit Dialektunterdrückung eine bayrische Frauenstimme und fügte sogleich pflichtschuldigst ein „Mein herzliches Beileid zu diesem Verlust“ an.
Nach kurzem anfänglichen Holpern und Stottern und zwei, drei Rückfragen meinerseits, klärte man mich darüber auf, dass die Betreuerin der Mutter ab sofort nicht mehr zuständig sei (eine Sozialpädagogin, mit der ich nicht konnte: bei jedem Kommunikationsversuch verhedderten wir uns ungut, weil sie keine Gelegenheit ausließ, mir ihr Unverständnis darüber um die Ohren zu hauen, dass ich mich nicht selbst um die kranke Mutter kümmerte und regelrecht entsetzt war, als ich eine ihrer ungebührlichsten moralischen Nebenbemerkungen mit einem „Möchten Sie ernsthaft mal die Geschichte hören? Die ganze Geschichte von meiner Mutter und mir? Nein? Na dann verkneifen Sie sich bitte künftig Ihr unqualifiziertes Geunke!“).
Die Sozialpädagogin hätte „den Vorgang“ bereits abgeschlossen, hieß es seitens des Pflegeheims, sie stünde aber telefonisch noch für Rückfragen zur Verfügung.

Desweiteren erfuhr ich, dass der Leichnam der Mutter innerhalb von 24h aus dem Pflegeheim abgeholt werden müsse. Hui, dachte ich da, wie soll das denn so rasend schnell gehen?
Vorbereitet war ich auf diesen Moment oder Tag nicht, denn die Mutter starb schon seit über anderthalb Jahren mit kurzen Unterbrechungen vor sich hin, der Hirntumor wuchs viel langsamer als gedacht und die Mutter war viel zäher als angenommen.
Da hatte man es sich nach den ersten paar Alarmen wieder abgewöhnt, jedes Mal gleich völlig aus dem Häuschen zu sein, den Stift fallen zu lassen und in wilden Aktionismus zu verfallen, wohl wissend, dass es, also die Todesnachricht, einen dann eines Tages wie aus heiterem Himmel treffen würde.

Und in der Tat: der Himmel war heiter an diesem 1. Februar 2016. Die Sonne schien unaufhörlich, der Himmel war blau, der See, von dem mein Büro keine 250 Meter entfernt war, funkelte im Morgenlicht der gerade beginnenden Woche.
Als das Telefonat beendet war und ich zugesagt hatte, dass man alle Rechnungen an meine Adresse senden dürfe und entschieden hatte, dass ich die tote Mutter nicht mehr sehen wolle, was dem Pflegeheim sehr recht war, da man sie sonst noch länger in ihrem Zimmer hätte belassen müssen, so aber konnte sie gleich in den Keller verlegt werden (in dem es keine Kühlung gäbe, wie man mir mitteilte, deswegen ja die Eile mit der Abholung). Auch ihre paar persönlichen Dinge wollte ich weder sehen noch an mich nehmen, ich wusste, was da neben ihrem Bett stand, und es erinnerte mich nur an Zeiten und Geschehnisse, an die ich nicht mehr erinnert werden wollte.

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Ich starrte aus dem Bürofenster in den großen Garten hinaus. In der Eisschicht auf dem Fischteich war ein Sprung zu erkennen, es taute wohl. Die Katze der Chefin saß im Schilf und linste neugierig ins Wasser rein. Was machen so Teichfische eigentlich im Winter? – schoss es mir durch den Kopf.
Drumherum, auf der geschlossenen Schneedecke im Garten, waren diverse Hüpfspuren des Dackelfräuleins zu sehen. Pippa begleitete mich an den meisten Arbeitstagen nach Starnberg, mittags gingen wir immer am See spazieren, manchmal über eine Stunde lang, denn die Arbeitszeit war frei einteilbar, die kreative Chaotin hatte selbst keinen festen Rhythmus und gestand Selbiges auch ihren paar Angestellten zu.

Nachdem ich ausreichend lange aus dem Fenster gestarrt hatte, sagte ich halblaut zu mir selbst: Nun gut, jetzt bist du nochmal dran, du musst das jetzt auf die Reihe kriegen!
Ich rief die Sozialpädagogin an, die mir kondolierte und danach meinte, sie hätte jetzt leider keine Zeit, den Kontostand der Mutter nachzusehen, der läge in irgendeinem Ordner und sie müsse die Sachen eh in den nächsten Tagen in die Hand nehmen, um alle Unterlagen zum Betreuungsgericht zu schicken, aber leider, leider könne sie das jetzt nicht vorziehen.

Meine Befürchtung war die, dass die Mutter Schulden hinterlassen haben könnte oder aber nur so wenig Guthaben auf ihrem Konto vorhanden wäre, dass die Kosten für die Beerdigung davon nicht getragen werden könnten.
Auf meinem Konto sah es zu der Zeit ohnehin nicht rosig aus: es war die fünfte Woche im neuen Job, das erste Gehalt war noch nicht eingegangen und in den Monaten davor gab es sowieso keine Geldeingänge zu verzeichnen, und den Gatten wollte ich aus der Sache raushalten, wenn es denn irgendwie ging, er hatte die Mutter schließlich nie kennengelernt.
Aber keine Chance, aus der Betreuerin eine Zahl (und ihr Vorzeichen) herauszubekommen. Dann musste es eben ein Blindflug werden.

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Bis der Leichnam der Mutter das Pflegeheim zu verlassen hatte, waren es jetzt nur noch 22 Stunden. Ich musste heulen, weil ich überfordert war. Kniete mich neben den Hundekorb und drückte das Dackelmädchen an mich (nebenbei bemerkt: Heulen ist mit diesem Hund absolut unmöglich, weil die Trostbemühungen so extrem und so zudringlich sind, dass man meist lieber ganz schnell aufhört mit dem Tränenvergießen, nur damit der Hund sich endlich wieder beruhigt).

Dann rief ich den Gatten an. Keine Erinnerung mehr an das, worüber wir gesprochen haben oder auch nicht, ich habe vermutlich wieder geheult.
Irgendwann betrat die Chefin mein Büro, sah mich am Schreibtisch sitzen, kein einziges Fenster einer Anwendung auf dem Monitor zu sehen, nur Springsteen als Bildschirmschoner (ich erinnere noch: als sie den zum ersten Mal sah, fragte sie allen Ernstes „Ist das Ihr Mann?“, und ich sagte „Dann säße ich jetzt nicht hier, sondern auf einer Ranch in New Jersey und würde edle Pferde striegeln!“, naja, die Gute war 72, da konnte man ihr so einen Faux pas schon nachsehen) und daher guckte sie mich verdutzt an und als sie fragen wollte, was denn los sei, sah sie gerade noch rechtzeitig mein rotfleckiges, verquollenes Gesicht und fragte nichts mehr, sondern sagte sehr anteilnehmend: „Oh je, Sie Arme, das ist wegen dem verstorbenen Freund, nehme ich mal an!?“.

„Nein, meine Mutter ist heute gestorben.“, antwortete ich.
Das muss man sich ja auch mal vorstellen: Da stellt man jemanden neu ein, betraut ihn mit einer Leitungsfunktion und in den ersten fünf Wochen hat der/die Neue gleich zwei Todesfälle an der Backe und kommt aus dem Heulen nicht mehr raus (Randnotiz: bevor es aber im Herbst 2016 den nächsten Toten zu beweinen gegeben hätte, hatte ich schon über ein halbes Jahr den Dienst quittiert, Ende März kündigte ich, löschte den schönen Bildschirmschoner, packte das Hundekörbchen und meine Siebensachen wieder ein, und nun weinten die Chefin und ich zur Abwechslung mal beide, weil wir zwar wussten, dass es von den Arbeitsweisen her nicht zusammenpasste, aber uns eben wirklich mochten, so dass es neben aller Notwendigkeit, auch ein trauriger Abschied war, es war wirklich ein nervenaufreibendes erstes Quartal, damals in 2016).

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Der restliche 1. Februar des Jahres 2016 verging damit, dass ich nachhause fuhr, eine Breze aß, die der Gatte für mich geholt hatte, weil er weiß, dass mich frische Brezen immer aufbauen und zu den konstant guten und lebensfroh stimmenden Dingen in meinem Leben gehören, mich zwei Stunden an den Schreibtisch setzte und eine sogenannte Discount-Beerdigung organisierte. Nie zuvor gehört, diesen Begriff – Sie etwa?
Ein Euphemismus zudem, denn trotz Discount geht sowas nicht unter 1.800€, wie ich dann bald bemerkte.
Fragen über Fragen waren zu beantworten und zig Entscheidungen zu treffen: Leichenhemd ja/nein?, Holzart des Sarges? (- Hä, wieso Holz, die Mutter soll doch verbrannt werden und ihre Asche in einer Urne beigesetzt werden? – Ja schon, aber sie wird vor der Einäscherung in einen Sarg gelegt und samt Sarg verbrannt. – Achso, wusste ich nicht.) Sammelgrab oder Einzelgrab? Anonymes Grab oder mit Schild? Traueranzeige ja/nein, Benachrichtigung von Verwandten gewünscht?

Mir zitterten die Hände, als ich den Bestattungsvertrag inklusive Vollmacht für die Abwicklung von nahezu allem unterzeichnete, einscannte und nach Leipzig schickte, wo sich der Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens emsig um mich kümmerte. Er hieß Thomas Mann, irgendwie hatte das was, und es passte prima zu der Absurdität all dieser im Hauruckverfahren zu erledigenden Dinge.

Thomas Mann und ich telefonierten etliche Male in diesen Stunden. Dazwischen musste ich den Papa, den ich natürlich auch schon über das plötzliche und endgültige Sterben der Mutter informiert hatte, darum bitten, eine Leiter aus seinem Keller zu holen, um trotz seines Parkinsons, der ihm solche Klettereien eigentlich nicht mehr erlaubte, im obersten Regal seines Arbeitszimmers den Scheidungsordner hervorzukramen, da Thomas Mann für das Ausstellen der Sterbeurkunde für die Mutter eine beglaubigte Abschrift des Scheidungsurteils (aus dem Jahre 1989!) benötigte. Formalitäten und Anforderungen, die man ja kaum glauben mag, aber so waren die amtlichen Vorschriften. Ordentlich wie der Papa ist, hatte er das Dokument nach fünf Minuten zur Hand, steckte es in ein Kuvert und schickte es direkt per Einschreiben nach Leipzig, vertraulich und zu Händen von Herrn Thomas Mann.

Um 15 Uhr informierte ich das Pflegeheim, dass die Mutter heute noch abgeholt werden würde. Man war zufrieden. Und ich war fertig mit der Welt für diesen Montag und überhaupt. Vor lauter Formalkrempel alles Emotionale ebenso stumm und tot wie die Mutter.
Der Gatte bot jedwede Unterstützung an, ich wusste aber nicht, wobei ich nun akut hätte unterstützt werden müssen. Ich wusste eigentlich gar nichts mehr. Alle Blätter waren unterschrieben, alles ging seinen Gang. Auf Thomas Mann, so sagte mir mein Gefühl, wäre Verlass. Der klang kompetent und professionell und so, als hätte er die Sache im Griff.
Was also sollte ich nun tun, was wollte ich tun, was konnte ich tun, an einem solchen Tag?

Gegen 16 Uhr sprang ich in das golden glitzernde Wasser des Winterfreibades und schwamm um mein Leben und als ich wieder aus dem Becken kletterte, ging die Sonne bereits langsam unter und tauchte das Schwimmbadgelände in ein wunderschönes, tiefrotes Licht.

Rot wie die Liebe, die wir vor langer Zeit schon beigesetzt hatten.
Rot wie jenes vom Neurochirurgen bei der OP zugeschaltete Licht die Tumorzellen im Kopf der Mutter fluoreszieren ließ.
Rot wie das lodernde Feuer, in dem die Mutter, von schlichtem Birkenholz und einem Leinenhemd umgeben, in einem sächsischen Ofen verbrennen würde.

Rot wie das Blut, das in unseren Adern fließt, und das die Herrschaft hat über Leben und Tod.

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Ein Gesicht wie eine topografische Karte vom Steinernen Meer…

Foto: Stefan Kümmritz

…und eine Stimme, knarzig und verschrammelt wie ein alter Bauernschrank, eher: wie eine alte Bauernkommode, denn das richtig Tiefe und das ganz große Volumen, das hatte er ja stimmlich nie.

Wurscht. Toller Typ, klasse Konzert!
Ein unverwüstlicher Haudegen, dieser Söllner, phantastische Präsenz, wunderbarer Dialekt (oana, der wo goa ned anders ko, selbst wenn er woin dad!), nach wie vor gradraus in Sachen Meinungsäußerung, so abgründig und charmant im Humor – möge es seiner Kandidatur zum OB von Bad Reichenhall zuträglich sein.

Schaut auch immer noch fesch aus, seit er seine Dreads für 800 Öcken bei eBay verscherbelt hat, eigentlich noch viel fescher als früher, finde ich, oder ist’s etwa wieder mal dieser weibliche Blick, irgendwo zwischen Verklärung und Verblendung oszillierend, mit dem man früher, als man bzw. frau noch keine Ahnung hatte von der Realität längeren Zusammenlebens und der wahren Bedeutung des Wortes Alltag, sich solche Burschen nicht nur betrachtet, sondern sich manchmal auch so einen gewünscht hat: gelernter Koch und Kfz-Mechaniker (fehlt ja nur noch die Drittausbildung zum Physio) und zugleich Musiker, eine saftige Prise Wilderer und Rebell obendrauf, bodenständig, heimatverbunden, clever, engagiert, gewitzt, furchtlos, lange Haare, kerniger Bart, halt ein Kerl, der am Ufer vom Thumsee, die Fluppe lässig im Mundwinkel hängend und mit hochgekrempelten Ärmeln, beim Holzhacken, der Bootsreparatur oder dem Gitarrenspiel anzutreffen ist, bevor er sich dann die Arbeiterhände kurz an der abgewetzten Jeans abklopft und einen die paar Stufen auf die Veranda der kleinen Hütte am See hinaufträgt und dort in eine jamaikafarbene Hängematte hineingleiten lässt, die bei jeder Schaukelbewegung leicht gegen den großen Terracottatopf dotzt, Sie wissen schon, den mit dem Marihuana-Bäumchen drin, im Hintergrund leuchtet die Abendsonne oder die Bergkulisse oder beides – und fertig war das Traumbild von einem Leben, wie man dachte, dass es doch unbedingt sein sollte oder könnte: einfach, authentisch, unkompliziert, pur, geerdet, wild, romantisch, naturnah.
Vieles davon rosarote Jungmädchenträume und naiver Schmarrn aus Teenietagen, nicht alles, schon klar, aber halt doch das Meiste, zumindest wenn man – so wie ich – im Laufe der Jahrzehnte erkennen musste, dass man doch eher der Typ Frau geworden ist, der eine regelmäßig staubbefreite Wohnung, einen Toaster mit integrierter Krümelschublade und ein Auto mit Sitzheizung zu schätzen weiß – alles nicht wirklich Inbegriffe der Simplizität, Naturnähe oder Wildheit.

Äh, wo waren wir gleich nochmal stehengeblieben? Richtig. Beim heutigen Abend. In Bad Tölz. Im Kurhaus. Etwas ungewohnte Location zwar, aber altersmäßig kein Schaden (was für den Künstler und den Großteil der Besucher gleichermaßen galt), so ein Sitzabend im Kursaal des hübschen Isarstädtchens (ich sag’s ungern, aber mir steckt der Abstieg von letzter Woche immer noch ein wenig in den Knochen, auch 1x Schwimmen und 1x Genusswandern konnten das nicht ganz wegzaubern).

Jetzt aber mal fix des Noagerl austrinken und los hier. Gemütlich (und mit eingeschalteter Sitzheizung!) über die nächtlichen Hügel und Dörfer des nebligen Oberlands heimwärts fahren, bzw. zum Papa an den Tegernsee, wo das Dackelfräulein heute Abend be- und gehütet wurde, was mittlerweile so ausschaut, dass die beiden einfach vier Stunden gemeinsam im Sessel fläzen und fernsehen und zwischendurch allenfalls mal in die Küche schlurfen.

Dort, beim Papa, schon vor der Fahrt zum Söllner-Konzert einen recht schönen Nachmittag und Abend verbracht.

Als das Fräulein und ich von der verschneiten Schwarztennalm runterkamen, war seine Lebensgefährtin bereits zum Tennis und dann zur Canastarunde ausgeflogen, also herrliche Ruhe im Salon, und nicht, wie beim letzten Mal, solch haarsträubende Dispute, wieso man keine Eier aus Bodenhaltung kaufen sollte und was industrielle Milchproduktion für die Kuh bedeutet (und was das wiederum für den Verbraucher bedeuten sollte, wenn er denn nicht wegschauen möchte).
Diese Stunden zu zweit mit ihm, die sind ebenso selten wie kostbar geworden.

Mit einem Liebeslied, das heut Abend Teil des Programms war, verabschiede ich mich aus dem zapfigen Tölzer Land von Euch…

…wünsche allseits eine gute Nacht und, denkt’s dran: liebt euch!

Und wenn’s grad nix von Liebe hören wollt’s, dann pfeift’s euch doch diesen Klassiker hier rein, noch im ursprünglichen Look dargeboten:

Uijuijui oder: Servus 2019!

Der letzte Tag des alten Jahres beginnt denkbar gut: Ausgeschlafen, mit Schokohagel auf dem Toast und Sonnenschein zum Morgengassi. Kurz drauf Post vom Finanzamt: Auf den letzten Metern des alten Jahres dem sachbearbeitenden Frollein M. eine Änderung des Steuerbescheids 2018 rausgeleiert und noch eine Erstattung kassiert.

Sehr erfreulich, das Ganze, wenn auch nicht ganz so ein krasser Jubelanlass wie vor zwei Wochen das Einschreiben von der alten Vermieterin: im November schickte sie die Nebenkostenabrechnung zur (längst in der Erinnerung ausgelöschten) Wohnung am Stadtrand, in 2018 hatten wir da noch für 6 Monate Heizung, Wasser, Hausmeister etc. aufzukommen. Absurd hoch erschien mir der nachzuzahlende Betrag, 368€ für nur noch 4 Monate Anwesenheit, danach waren wir ja schon weg, also ging ich der Sache erst allein, dann mit Hilfe des Mietervereins auf den Grund und verweigerte in einem saftigen Antwortschreiben die Nachzahlung, erbat Belegeinsicht und stellte allerhand Nachfragen zu den Einzelposten.
Die Vermieterin ließ meine Einwände ebenfalls juristisch prüfen und sandte uns schließlich eine überarbeitete Abrechnung zu, die schlussendlich – da alle Einwände berechtigt waren – eine reduzierte Nachzahlung von nur noch 8€ ergab, die sie uns, natürlich ohne Entschuldigung für ihre 360€ zuvor verkehrt berechneten Posten, in altbekannter Gnade und Großgrundbesitzerattitüde erließ.

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, auf wie vielen Ebenen mir dieser Brief Anlass zur Freude war – besser hätte diese elende Sache nicht zu einem Ende kommen können als genau so.

(Und hätte ich in meiner Jugend nicht so viel Schule geschwänzt und diese Zeit walkmanhörend am See, in die Sonne blinzelnd auf Bootsstegen oder plantschend im Wasser verbracht, wäre das Abitur vielleicht die Eintrittskarte in eine glänzende berufliche Zukunft als Juristin gewesen, sofern sich die angeborene Lust am Müßiggang und der Mangel an Eifer und Fleiß während des Studiums noch gelegt hätten, damit dann auch ein vernünftiges Staatsexamen dabei rausgekommen wäre.)

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Nach dieser Morgenfreude das Schwimmbad zum 86. Mal in diesem Jahr aufgesucht. Zusammen mit 60 Läufen, 22 Bergtouren und fast 2.100 per pedes zurückgelegten Gassi-Kilometern eine zufriedenstellende Bewegungsbilanz für so ein Jahr.

Aus dem immer noch spürbaren Sixpack hat sich allerdings ein dezenter Sevenpack entwickelt, irgendeine neuartige Ebene (nennen wir sie mal Streuselschicht oder Weißbierwattierung) hat sich nun dazugesellt.
Das Alter halt, es zieht überall seine Furchen hinein, hinterlässt Ablagerungen oder Verfärbungen und das passt ja auch prima zu den diversen orthopädischen Hakligkeiten und anderen Malaisen körperlicher Natur. Wäscht man sich 86x im Jahr in einer Schwimmbaddusche, hat man allerdings ein so breites Vergleichsspektrum, dass man weiß: der Sevenpack muss einen wirklich noch nicht ängstigen, da gibt’s ganz anderes.

Ein sehr schöner Jahresabschluss-Schwumm, obwohl bereits ein paar Weihnachtsklöße und etliche gute Vorsätze die Bahnen verstopfen, zu Jahresbeginn wird das aber erfahrungsgemäß für etwa 6 Wochen noch übler werden.
Die Sonne flutet das Freibad, scheint einem rückenschwimmend direkt ins Gesicht, die Flossen tragen einen kraulend flink durchs Wasser – es geht nichts über dieses sanfte, stille Dahingleiten im Wasser.

Hier und da fließt auch ein Gedanke, ein Gefühl, eine Erinnerung durch mich hindurch, schwimmend gelingt es mir immer, dass nichts zu lang an mir haftet oder mich zu Boden zieht, sondern alles an mir abgleitet. Im Wasser sein, das heißt Freisein. Der schwarze Balken am Boden wie eine Leitlinie, seine Botschaft: „Atmen, Bewegen – vorwärts!“, trotz Bursitis, trotz Strömung, trotz Gegenwind.

Falls Sie mit der Schwimmerei nichts am Hut haben, illustriert vielleicht dieses kurze Video, was ich meine:

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Während ich meinen ersten selbstgekochten Vanillepudding seit Jahrzehnten löffle und draußen auf der Theresienwiese ein paar Unverbesserliche trotz Böllerverbot rumballern, schreibe ich Ihnen noch ein bisschen.

Einen Jahresrückblick gibt’s nicht, denn wie das Jahr so war, das muss ich nicht wiederkäuen, Sie haben das ja in Auszügen hier mitverfolgt.
Wofür ich Ihnen danken möchte: es ist doch recht wohltuend, sowohl bei diversen Höhenflügen als auch bei Wasserschäden und anderen Unbilden des Daseins verbal anteilnehmende, konkret mitfühlende oder gar real unterstützende Weggefährten um sich zu haben.

Wofür ich dem vergangenen Jahr danken möchte:
Für alles Schöne und Gute, Bereichernde und Aussichtsreiche, Stärkende und Verheißungsvolle.
Für ein beheizbares Dach über dem Kopf sowie ausreichend Essen, Kleidung, Kultur, Mobiliät und Teilhabe am Leben da draußen.
Dafür, dass ich eine kleine Familie habe und ein paar echte Freunde, so dass mein Leben von Liebe und Freundschaft begleitet wird.
Dafür, dass ich immer noch gesund genug bin, um mich fast überall hin bewegen zu können, wohin es mich zieht: ins Wasser, in die Berge, in Konzerte, in die Eisdiele um die Ecke – und sogar bis nach Gotland.
Dafür, dass ich in einem Jahr gleich zwei Stars kennenlernen durfte, einen Bayern und einen Österreicher, deren Werke und Taten mich zutiefst begeistern.

Dafür, dass ich neue, wohltuende Menschen in mein Leben lassen konnte und mich von anderen, die mir gar nicht gut taten, trennen konnte.
Dafür, dass das Dackelfräulein eine erste, richtige Freundin gefunden hat (bislang gab es „nur“ Männer in ihrem Leben).

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An der Hundefront zum Jahresende noch zwei Erkenntnisse:

  1. So ein Anti-Schling-Napf ist eine feine Erfindung. Er verlängert die Nahrungsaufnahme von 20 Sekunden auf 10 Minuten und verhindert tatsächlich Magenprobleme und Aufstoßen.
    Finden wir, nicht Pippa, die hätte lieber ihren alten Pott zurück, der ungebremstes Reinschaufeln ermöglichte.
  2. Im siebten (!) gemeinsamen Winter haben wir endlich kapiert, was dem Dackelfräulein auf Autofahrten an sehr kalten Tagen schon immer gefehlt hat: eine vom Menschen vorgewärmte Jacke in und über ihrem Transportkorb auf der Rückbank. Kein Zittern mehr bis das Auto warm ist, kein Ungeduldswinseln mehr nach ein oder zwei Stunden – Madame verschwindet in ihrer Höhle und ward nicht mehr gehört oder gesehen.
    Schöner Nebeneffekt: die Jacke riecht anschließend wunderbar nach Dackelschlaf. Manchmal auch nach Hasenkötteln oder Jauche.

 

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Bevor das Getöse nun bald losgeht, verabschieden wir uns von Ihnen und dem zu Ende gehenden Jahr, und freuen uns, Sie im nächsten Jahr (also schon morgen!) wieder bei uns begrüßen zu dürfen…

… kommen Sie gut rüber & lassen Sie es sich heut Abend ganz nach Ihrer Fasson gut gehen!

Lassen Sie die freudvollen, kreativen, mutmachenden, hoffnungsfrohen und wegweisenden Dinge, die Sie in 2019 erlebt haben, Revue passieren, schauen Sie ansonsten mehr nach vorn als zurück, verballern Sie weder Ihr Geld noch Ihre Gehirnzellen, verfallen Sie nicht in düstere und unnütze Grübeleien darüber, wieso Sie wieder nicht zu rauschenden Festen mit zig Freunden eingeladen wurden (wir hocken hier auch zu zweit mit Hund und grämen uns nicht) oder beim Bleigießen auch dieses Jahr nichts als Sargnägel oder Pilze produzieren (so ging es mir jedenfalls immer, als ich noch mit Freunden feierte und gegen 1 Uhr nachts kochende Bleiklumpen in Wasserschüsseln schmiss) und nehmen Sie sich bitte, bitte nicht ausgerechnet heute wieder irgendwelche Dinge vor, die schon ab morgen eh nicht oder nur mit größter Anstrenung und gräßlichster Selbstgeißelung klappen und mit denen Sie sich in exakt einem Jahr, wenn Sie dann die nächste Bilanz ziehen (falls Sie zu sowas neigen sollten), nur selbst runterziehen.

Und wenn Sie heute Abend noch 9 Minuten und 15 Sekunden rumbringen müssen übrig haben und wissen möchten, wieso dieser Beitrag mit „Uijuijui“ betitelt ist, dann gucken Sie das hier:

Sollte Ihnen gerade nicht nach polterndem Lachen zumute sein, empfehle ich Ihnen diesen beschaulichen Naturfilm, der von sympathischen Laiendarstellern an der schwedischen Westküste gedreht wurde (bei einem Wind, der ebenfalls unter Uijuijui verbucht werden kann):

Ich hau‘ mich jetzt mit einem Kaltgetränk und meiner neuen Bibel auf die Couch…

Weihnachtspräsente 2019.

…sage Servus & Baba und wünsche Ihnen & Euch einen angenehmen Jahresausklang!

Die Chefredaktion.

Songs des Tages (41+42) – und ein Text zur Nacht.

Für meine kleine, treue Gefährtin zum 8. Geburtstag: Eine Trilogie.

(1)

Well, people turn their heads around
When I walk with you, baby, straight through town
You’re mine, baby, baby, you’re mine
You’re my little baby, I’m proud, baby, that you’re mine

Ja, genau: Stolz bin ich, wie am ersten Tag, dass du mein Hund bist.
Und glücklich!

 

(2)

We said we’d walk together baby come what may
That come the twilight should we lose our way
If as we’re walking a hand should slip free
I’ll wait for you
And should I fall behind
Wait for me

We swore we’d travel darlin‘ side by side
We’d help each other stay in stride
But each lover’s steps fall so differently
But I’ll wait for you
And if I should fall behind
Wait for me

…so wollen wir’s auch auf unserer zweiten Weghälfte halten.

 

(3)

Und nun lass uns hinausgehen in die Rauhnacht,
in der Du zur Welt gekommen bist,
lass uns rennen, spielen und den Mond anheulen,
so wie es schon Deine Ahnen taten!

Nachträglich…

…alles Gute zum gestrigen Welthundetag, meine geliebte Pippa, und ich hoffe, es ist mir gelungen, die gestern buchstäblich ins Wasser gefallene Würdigung dieses wichtigen Feiertages wie versprochen heute angemessen nachgeholt zu haben.

Endlich wieder Sonnenschein, dazu eine kleine Bergtour ganz nach deinem Geschmack, also ohne Forststraßen und mit vielen schmalen Steigen sowie Pfotenkühlen im Schwarzenbach. Auf der Tegernseer Hütte dann eine Extraportion Futter für dich und anschließend noch ein ausgiebiger Besuch bei deinem Opi.

Zwei Täler weiter ist heute dein großer Freund Bobby angereist, damit du ihn endlich wiedersehen kannst. Und morgen darfst du zum Mantrailing-Schnupperkurs.

Zufrieden? Es sah zumindest ganz danach aus!

High (with a little help from my friends).

Dankedankedanke.

Für den schönen Tag, die tollen Überraschungen und all eure Gedanken, Worte, Taten, Freundschaft und Liebe!

(Einzelwürdigung folgt natürlich, aber nicht hier.)