Tutto bene?! Der Tourbericht vom 13. Juli 2020.

Lesen Sie heute: „Der To(rt)ur zweiter Teil.“

Wo waren wir doch gleich stehen- bzw. liegengeblieben? Genau! Unter dem Sternenhimmel über der Benediktenwand und der zapfigen Nacht vom 12. auf den 13. Juli zu sechst im Hundezimmer.

Das neue Lebensjahr begann zwar zunächst beidseitig beheizt – links Dackel, rechts Doodle – aber dennoch todmüde. Ein Nachtschlaf von nur drei Stunden sind in meinem Alter das, was vor 20 Jahren drei durchfeierte Nächte am Stück waren. Um kurz vor 7 Uhr blinzelte der erste Sonnenstrahl durch das von Andrea frühmorgens wieder geöffnete Fenster herein, der Gatte schlief noch (oder stellte sich schlafend, um die obligatorische morgendliche Gesangseinlage noch ein wenig herauszuzögern), aber die Betten der Braunschweiger Seilschaft waren bereits verwaist – auch Bobby hatten sie mir schon entrissen, wie mir mein kühles rechtes Bein beim Aufwachen sofort verriet.

Ich stand auf, zog mir Jacke und Mütze über, stieg in die eiskalten Wanderstiefel, kramte das Dackelfräulein aus dem Schlafsack und trat hinaus in die frische Morgenluft und die sagenhaft schöne Stille der Bergwelt.
Sofort machte es „Klick!“ – und mein erster, zaghafter Schritt ins neue Lebensjahr war abgelichtet worden!

Ich ortete das Geräusch bzw. die dazugehörigen Knipser und ging ihnen mit dem Dackelfräulein entgegen. Andrea, Wolfgang und Bobby erwarteten uns vor der kleinen Bergkapelle am Hang hinter der Hütte…

…und gaben ein dreistimmiges Liedchen zum Besten, leise genug freilich, um die Steinböcke nicht bei iher Morgengymnastik zu stören oder noch schlafende Hüttengäste zu wecken.

Wieder zurück in der warmen Stube folgten Bescherung und Frühstück, Katzenwäsche und Hundefütterung, Zimmeraufräumen und eine hochkomplizierte Packlogistik (was lassen wir alles bei der Hütte, was muss mit hoch zum Gipfel).
Um Punkt 9 Uhr war Abmarsch, das hatten Jubilarin und Tourleitung (also ich) so errechnet, ausgehend davon, dass wir um 16:30 Uhr wieder im Tal sein wollten mussten, damit noch genug etwas Zeit bliebe, um zum Gasthof im Tölzer Land zu fahren, dort unsere Zimmer zu beziehen, den Schweiß von zwei Bergtagen gründlich abzuduschen und ab 18 Uhr frisch gekleidet die anderen Gäste Willkommen heißen zu können (eine extrem sportliche Idee übrigens, an diese Tour gleich noch eine abendliche Feier dranzuhängen, aber die geladene Runde freute sich halt schon, einander endlich mal kennenzulernen und auch ich freute mich auf einen schönen Biergartenabend mit einer Handvoll guter Freunde und sogar dem Papa dabei).

Im Frühtau zur Felswand wir zieh’n, fallera!

Für den Westanstieg von der Hütte bis zum Gipfel der Benewand hatte ich anderthalb Stunden kalkuliert (der Weg via Ostflanke schied für die Hunde wegen der Seilsicherungen aus und die beiden sollten natürlich mitgehen können), für den Rückweg ebenso lang, womit die vom DAV angegebene und meist großzügig bemessene Gehzeit um knapp 30 Minuten überschritten wurde, das halbe Bonus-Stündchen war mein Puffer für Pipi- und Trinkpausen (zeitraubende Gipfelbussis würden wegen Corona eh entfallen, so dass oben nur eine kurze Andacht mit Zuprosten stattfinden würde und in der prallen Sonne könnten wir mit den Hunden eh nicht allzu lange verweilen).

Ein Blick zurück: Das Plateau rund um die Tutzinger Hütte.

Was ich allerdings nicht bedacht hatte: Die Braunschweiger Freunde (die ja eigentlich gar keine originären Braunschweiger sind, sondern 1x Penzbergerin, 1x Salzburger und 1x Harzer Wanderkaiser, was ihnen schon qua Herkunft einen alpinen Anstrich verleiht) sind neben leidenschaftlichen Wanderern auch passionierte Hobby-Fotografen (was Sie, liebe Leser, längst an all den schönen Bildern hier gemerkt haben dürften).
Und sie sind Genuss-Geher.
Und versierte Verweiler.
(Womit ich nun nicht sagen will, dass bei mir Genießen und Rasten zu kurz kämen, aber ich bin nicht so der Zwischendrinpausierer und das Fräulein auch nicht, wodurch sich bei uns häufig eher ein Berghinaufwetzen ergibt als ein romantisches Wandern.)

So ließ mich unterwegs der Blick auf die Uhr alsbald ebenso ins Schwitzen geraten wie der steile Aufstieg selbst, und mit zunehmder Höhe kroch plötzlich das alte Trauma von vor 10 Jahren in mir hoch und ich geriet mehr und mehr in ein Dilemma: Sollte ich aus Zeitgründen die Umkehr empfehlen und damit das Gipfelerlebnis vereiteln? Oder mit fröhlich-forschen Feldwebelsprüchen ein bisserl aufs Tempo drücken? Beides wäre gleichermaßen riskant: das eine würde das von den Freunden ersehnte Wandbesteigungsvorhaben versauen, das andere womöglich die bis dahin äußerst harmonische Stimmung in unserer Gruppe.

Was tun? Ich entschied mich dafür, das Stimmungsrisiko einzugehen, trotz der damaligen Erfahrung mit der Kollegin, wo das Ende der Benewand-Tour zugleich das Ende einer Freundschaftsanbahnungsphase bedeutete.
Andrea und ich hatten schließlich schon stabile Freundschaftsjahre und -erlebnisse vorzuweisen, daher klopfte ich mit meinem Trekkingstock dreimal auf den Fels und eine innere Stimme sprach mir Zuversicht und Trost zu: Diese Seilschaft übersteht das schon, wir schaffen das!

Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön?!?

Auf dem weiteren Weg zur Wand knirschte dann nicht nur das Geröll unter unseren Sohlen, sondern auch das eine oder andere Kiefergelenk wegen ein klein wenig Unmut, und es war noch offen, wie groß der allgemeine Heiterkeitsausbruch bei Anblick des Gipfelkreuzes und des sensationellen Panoramas in 1.801 Meter Höhe sein würde. Ein richtig spannendes Bergabenteuer also!

Das Dackelfräulein und ich stiegen voran, und als sich hinter den letzten Latschenkiefern und Serpentinen das Holzkreuz erhob, und das auch noch fast exakt zur Geburtsminute vor 48 Jahren, zückte ich mein Handy für ein Foto und sah just in dem Augenblick den Anruf des Papas eingehen. Was für eine Fügung!

Mit Tränen in den Augen (vor Erleichterung, dass wir gleich oben sind – es war 10:40 Uhr und somit wäre die ursprüngliche Zeitkalkulation noch haltbar – und vor Rührung, dass ich trotz des lautlos gestellten Telefons genau diesen einen Anruf live mitbekam) traf ich oben ein, drehte mich um und sah hinter mir schon den Rest unserer Truppe nahen, und auf dem Gipfel angekommen schien tatsächlich niemand Ambitionen zu haben, die Tourleitung wegen Fehlplanung oder Antreiberei die Steilkante hinunterzuschubsen und den unbeabsichtigten Trainingslagercharakter dieser prinzipiell schönen Unternehmung zu zerstören (mein Tipp: Machen Sie solche Monstertouren selbst mit guten Freunden sicherheitshalber nur an Ihrem Geburtstag, das garantiert Ihnen etwas Gnade!).

Endlich! Ein Traum geht in Erfüllung & ein Trauma wird überwunden!

Aber damit der Torturen noch nicht genug!
Gut vier Stunden Abstieg ins Tal lagen noch vor uns und wenn wir auf der Hütte nochmal durchschnaufen, einen Liter Flüssiges plus Imbiss zu uns nehmen und nicht nur in Windeseile die Rucksäcke umräumen und schultern wollten, mussten wir uns nun schon wieder beeilen, was ich ganz vorsichtig den aussichtsgenießenden und knipsenden Freunden mitteilte.

Allseits war man der Ansicht, runter käme man ja immer und das ginge sicher viel leichter und fixer als der Aufstieg (erneut regte sich die traumatische Erinnerung in mir: genau das waren seinerzeit auch die Worte der Kollegin, kurz vor dem Abstieg und dem Schweigen für immer, das diesem Talmarsch folgte), mein spröder Kommentar, dass wir die vier Stunden keinesfalls nennenswert unterschreiten würden, verhallte in der herrlichen Weite, die uns da heroben umgab.

Der Gatte zeigt dem großen Braunen das Karwendelgebirge: Bobby hatte nämlich noch einige Urlaubstage in Mittenwald vor sich.

So ging es mit flotter (und gottseidank an allen Schuhen haftender) Sohle zur Hütte hinab, wie betäubt saß man ein urgemütliches Stündchen auf der Terrasse, die beiden Vierbeiner komatös im Gras dösend und der Dinge harrend, die da noch kommen würden.
Eine kleine Diskussion übers Hier und Jetzt sowie die typisch bayrische Gemütlichkeit fand zwischen Obatztem und Hollerschorle auch noch Platz, bevor wir uns dem elenden Gepäckumschichten und -einschichten zuwandten und um Punkt halb zwei der Hütte den Rücken kehrten.

Diesmal über Almwiesen und urwaldähnliche Bergbachtäler abwärts, ach hätte man nur ein Quäntchen mehr Zeit gehabt, um die geschundenen Füße öfter zu kühlen (oder auch das Mütchen), aber Hut ab, es wurde allen von Stunde zu Stunde klarer, dass ich mit Strecken und Zeiten nicht beschissen hatte.

Um 16:30 Uhr waren wir sonnenverbrannt, schweißverkrustet und auch sonst ein wenig derangiert von unserem Spaziergang tatsächlich bei den Autos angekommen.

Und stellen Sie sich vor: Das Trauma wiederholte sich nicht. Alle sprachen noch mit mir! Auch beim Abendessen waren wir vollzählig und – soweit ich das in meiner Erschöpfung beurteilen konnte – guter Dinge. Ebenso am nächsten Morgen beim Frühstück. Vor allem der Humor war den Braunschweigern noch nicht abhanden gekommen: sie lachten schallend, als ich am Frühstückstisch die Wanderkarte vom Karwendelgebirge aufklappte und erste Tourentipps für die nachfolgenden Tage, die sie in Mittenwald verbringen würden, geben wollte. Ich wertete das als gutes Zeichen. Und auch sonst sah eigentlich alles danach aus, als würden sich unsere Wege nicht hier im Tölzer Land für immer trennen – puh!

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Endgültig traute ich dem Braten aber erst 24 Stunden später, als die zwischenzeitlich in ihrem Mittenwalder Quartier eingetroffenen Freunde mich anriefen und einluden, sie dort nochmal zu besuchen.
Vor Ort überzeugte ich mich von der Gemütslage und körperlichen Verfassung (beides gut), verbrachte eine innige Nacht mit Bobby in einem viel zu schmalen Bett (ging trotzdem) und am Tag drauf ließen wir unsere gemeinsame Zeit mit einem harmlosen, feuchtfröhlichen Regenspaziergang in aller Harmonie ausklingen.

So im Nachhinein muss man ja sagen: Es war großes Glück, dass wir überhaupt noch auf die Wand hinaufsteigen konnten, denn nur vier Tage später wurde der Westaufstieg wegen eines drohenden Felssturzes bis auf Weiteres gesperrt.

Wer weiß, wann der Alpenverein den Weg wieder freigibt – jemand der im August Geburtstag hat, muss sich also glatt einen anderen Jubiläumsausflug überlegen.

Außerdem schweißen einen gerade solche Erlebnisse ja manchmal für alle Zeiten zusammen. Was in Erinnerung bleibt, sind nie die Blasen an den Fersen, die zu langen Gehzeiten, die zu kurzen Pausen oder der fehlende Schlaf, sondern die tollen Momente, die wunderbaren Aussichten und das nicht nur in den Wadln spürbare Erfahren des kleinen, aber feinen Unterschiedes zwischen „Freunde im Leben“ und „Freunde fürs Leben“.

Für mich war es jedenfalls ein unvergesslicher Geburtstagsausflug.

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Liebe Andrea, lieber Wolfgang, lieber Bobby,

kommt gut nachhause & bald wieder für eine Urlaubswoche nach Bayern, das Team von Wanderdackel-Tours ist auch beim nächsten Mal gern wieder bei der Organisation eures Traumurlaubs behilflich und bietet neben dem nun schon vertrauten Modul „Trau dich: Torten & Torturen“ demnächst auch den von euch vermissten Baustein „Bilde dich: Botanik & Brauereien“ an.

Der Bewertungsbogen geht euch in den nächsten Tagen auf dem Postwege zu, wir hoffen trotz der kleinen Unschärfen unterwegs auf postives Feedback, werfen aber auch eventuelle Kritikpunkte nicht den nächstbesten Steilhang hinunter und wünschen einstweilen gute Erholung für die geschundenen Haxn!

Mit herzlichen Grüßen aus der bayerischen Landeshauptstadt –
Eure Reiseleitung samt Anhang.

Live-Ergebnis von Bierprobe Nr. 2: 8,5 bis 9 Punkte. Ich liebe Österreich!

Am Limit.

Montagmorgen in der Notfallambulanz.

Ein Erlebnis im wahrsten Sinne des Wortes ambulare. Mehrere Wartezonen und Zuständigkeitsbereiche durchwandert, auf den Klinikfluren auf und ab gegangen, so gut das halt noch ging. Wegen der Sintflut da draußen konnte man ja leider nicht an die frische Luft, in diesen tollen, ginkgobepflanzten Innenhof, der einer der schönsten Innenhöfe Münchens ist, und dort ambulieren. Überhaupt wirkte die ganze Maistraße eher wie Novemberstraße.

Viel Zeit gehabt, über den Begriff Notfall nachzudenken: wie ich den definieren würde und wie die Uniklinik den auffasst.

Der Torwart an der Klinikpforte schickt einen zu Raum Nr. 21a, in dem man sich ein Kärtchen zu holen hat, das einen als Notfall ausweist. An der besagten Tür klebt ein Riesenschild, das zu lesen einem schon ganz schön was abverlangt, wenn man sich kaum aufrecht halten kann. Das Fazit des ellenlangen Textes: Wehe, Sie kommen herein – klopfen Sie nur 1x kurz und warten Sie dann draußen!

Als sich fünf Minuten nach meinem Klopfen rein gar nichts getan hat, wage ich es, die Klinke herunterzudrücken und vorsichtig in den Raum hineinzugucken – nicht, dass da gar niemand drin ist… Doch, da ist jemand. Eine grimmige Verwaltungstante. Sie hockt hinter ihrem Tisch und raunzt mich an, ich solle draußen warten, sie würde einen schon holen.

Eine zweite Frau gesellt sich zu mir, klopft an die Tür und will nach fünf Warteminuten auch zur Klinke greifen. Ich kläre sie auf, rate ihr ab. Wir kauern nun nebeneinander in der Hocke auf dem Flur, Sitzgelegenheiten gibt es vor Raum 21a nämlich keine. Ist ja der Notfallraum, da kann man sich zur Not auch in den Raum fallen lassen und liegend warten (drei Räume weiter, quasi übergangslos: die Liegendanlieferung, passt also eh).

Kommt eine dritte Frau hinzu, schmerzgekrümmt schleppt sie sich vor die Tür, liest das Schild, stöhnt auf, klopft, wartet drei Sekunden und drückt die Klinke runter. Der Verwaltungsdrache telefoniert nun und mampft einen Schokoriegel und winkt die Patientin sofort wirsch aus dem Zimmer.

Nach weiteren 20 Minuten geht Frau Nr. 2 und mir die Geduld aus und wir treten ungebeten nochmal ein. Der Drache will sich empören, aber wir kommen ihr zuvor. Genervt drückt sie uns schließlich die laminierten Kärtchen in die Hand. Nun sind wir „Notfall“ und dürfen uns in Zimmer 14 bevorzugt anmelden.

An der Tür mit der Nr. 14 hängt eine noch umfangreichere Hinweistafel als an der 21a.
In Kurzform: Wehe, Sie kommen herein – ziehen Sie eine Nummer und warten Sie!
Eine halbe Stunde nach Eintreffen in der Klinik ziehe ich aus dem Automaten die Nummer 51. Auf dem Display über Raum 14 blinkt eine 45. Da ich das Anmeldebüro bereits kenne, weiß ich, dass sich dort drinnen drei Tische mit je einem Verwaltungsdrachen dahinter befinden. Spätestens als sich die Tür zum dritten Mal öffnet und eine Patientin herauskommt, müsste man meinen, dass das Display so langsam von 45 zu 46-47-48 weiterspringen würde. Tut es aber nicht. Es verharrt drei Tassen Kaffee und sechs Donuts lang (mal so gemutmaßt) bei 45. Hat man viel Zeit, über die Sache mit der bevorzugten Anmeldung nachzudenken und sich zu fragen, warum man nicht gleich hier eine Nummer gezogen hat.

Immerhin gibt es hier Sitzgelegenheiten. Harte Holzbänke mit unbequemen Rückenlehnen. Genau das Richtige für eine Frauenklinik, denn wir Frauen hassen Weiches und Warmes, ganz besonders, wenn’s uns mies geht.
Weil irgendwo weit oben im Flur ein paar Fenster gekippt sind, ist es gottseidank auch herrlich kalt in dem Wartebereich. Man hört den Starkregen so auch besser. Wie er idyllisch und beruhigend auf die metallenen Fenstersimse hämmert.

Nach weiteren 40 Minuten blinkt Nummer 51 auf. Ich traue meinen Augen kaum. Mit klammen Händen und Füßen schwanke ich zur Tür von Zimmer 14.
Drinnen ruft Frau S. mich zu ihrem Schreibtisch, auf dem eine hässliche Sukkulente und ein gerahmtes Katzenfoto verstauben. Zu den Nachbarschreibtischen gibt es weder optisch noch akustisch irgendeine Art von Trennung.
Man hört alle Details zu Beschwerden, Krankheitsverläufen, Medikamenten, Adressen, Telefonnummern, Namen von ggf. zu verständigenden Angehörigen sowie deren Telefonnummern. Und unterschreibt parallel dazu die vierseitige Datenschutzerklärung, die einem Frau S. vor die Nase legt. Danach unterschreibt man noch das Anmeldeformular und mit einem Haufen Papier in den Händen darf man nun nach nebenan gehen.
In Zimmer 13. Endlich angekommen, im eigentlichen Wartezimmer, hurra. Gesteckt voll mit überwiegend elend dreinblickenden Frauen. Und bestückt mit richtigen Stühlen, sogar mit plastikgepolsterter Lehne. Und einem Getränkeautomaten, dessen Abluft und Kühlaggregatsdauerbrummen einen in den nächsten zwei Stunden in den Wahnsinn treiben wird.

Erfreulicherweise sind diese zwei Wartestunden von zwei Aktionen unterbrochen: 1.) Dem Erscheinen einer Krankenschwester, die die Tür aufreißt und Is no jemand Nei’s dazuakemma? plärrt und einem den Papierstapel und das Notfallkärtchen abnimmt. 2.) Einer Blutabnahme, die in meinem Fall etwas länger dauert, da die Rollvenen dreimal davonrollen und die Schwester dann eine Stationsschwester dazuholen muss, die wo Übung mit de Broblemfälle hod.
Schöne Atmosphäre, auch bei dieser Prozedur: ein charmantes Durchgangszimmer, dauernd latscht jemand an einem vorbei, ruft was, holt was, will was, wie im Taubenschlag geht’s zu, keine Pritsche zum Hinlegen, als mir der Kreislauf nach dem dritten Zustechen ein wenig zu entgleisen droht, es muss im Sitzen auf dem Klappstuhl klappen (darum heißt der auch so).

Vom Wartezimmer aus hat man Blick auf Maistraße, auf die Flamingo Bar und die kleine Bäckerei an der Ecke, wo ich mir zu gern eine Breze holen täte, da das Frühstück daheim aufgrund der Gesamtlage recht schmal ausfiel (und auch wieder aus mir rausfiel), aber die Schwester gebietet, ich solle mal lieber nüchtern bleiben, falls sie einen dabehalten müssten. Was einem die Wartezeit nicht grad erleichtert, weder der nagende Hunger, noch der innere Aufruhr, den so ein Appell beschert.

Nach weit über drei Stunden komme ich tatsächlich dran. Der sehr junge Gynäkologe (mit zartem Bartflaum im Gesicht) ist nett, spricht fließend Lateinisch und sogar ein paar Brocken Deutsch und hat auch schon psychologische Fortbildungen besucht.
Als wir uns an seinem Schreibtisch zur Anamnese gegenübersitzen, bemerkt er nämlich trotz eifrigen Tippens meinen ängstlichen Blick auf den Laborbericht, der neben seiner Tastatur liegt. Da steht in Fettdruck und Schriftgröße 24 Lebensgefahr / Notfall drüber, und drunter mein Name. Das kann man mühelos lesen, auch wenn der Text auf dem Kopf steht und der Blutzucker im Keller ist. Schnappt der Arzt also meinen Angstblick auf, erklärt mir sogleich freundlich und zugewandt, dass die Überschrift nur aus organisatorischen Gründen da draufsteht: damit das Labor die beiligende Blutprobe vorrangig untersucht. Guckt kurz auf den Zettel und beglückwünscht mich zu meinem recht positiven Hämoglobinwert, dem Geschilderten nach sei das ja nicht zu erwarten gewesen.

Irgendwo zwischen Franz Kafka und Karl Valentin, das Ganze.
Und dazu ein paar Szenen aus der Rubrik „Als Statist unterwegs im eigenen Leben“.

Zumindest bis hierher.
Die Untersuchung ein kleiner Alptraum, nur leider sehr real und so nah am persönlichen Limit, dass mir die Tränen runterlaufen und ich beinahe schreie, dass sie bitte sofort damit aufhören mögen. Stattdessen wird mir schwarz vor Augen. Der sehr junge Arzt und die noch jüngere Assistentin sind sehr verunsichert, holen dann doch lieber den Chefarzt dazu. Der ist Vollprofi und hat schon so viel Blut und Tränen gesehen und Schreie gehört, dass er wegen sowas längst keinen Ultraschall mehr verzittert oder die Fassung oder seinen onkeligen Tonfall verliert.
Ergebnis: Nichts Unerwartetes entdeckt, Rezept bekommen, weitere Maßnahmen erläutert, Wiedervorstellung in Kürze.

Wie ein Zombie nach vier Stunden die Notfallambulanz verlassen, an den ganzen Menschen auf den Fluren und in den Zimmern vorbei, Richtung Klinikausgang.
Aus dem grauen Schleier des Dauerregens treten triefend der Gatte und das Dackelfräulein hervor. Halluziniere ich noch oder lebe ich schon wieder?
Einzig denkbare Bedürfnisabfolge nun: Breze, Kaffee, Kuchen, Hinlegen.

Fragen Sie bitte nichts nach, und wünschen Sie auch nichts. Ich hab dazu eh keine Antworten.
Es wird schon wieder. Andere haben sowas auch überstanden.

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24 Stunden später. Dienstagmittag.

Die Isarauen versinken zunehmend im Wasser. Ein Wildfluss am Limit. Das Dackelfräulein wundert sich, dass dort, wo sie üblicherweise ihrem Bällchen nachrennt, heute Enten baden und dass dort, wo die Enten sonst baden, ganze Baumstämme in den Fluten treiben.

Die Stadt sperrt erste Wege und Stege. Der Regen läuft einem in den Kragen und in die Schuhe. Schirm bringt nichts wegen krassem Wind.
Trotz aller Garstigkeit hat die Runde aber ein bisschen was Vitalisierendes.

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Am Abend dann eine Ladung Puder ins blasse Gesicht und los zur Praterinsel. Die kleine Mariannenbrücke fast schon auf einer Ebene mit der Wasseroberfläche.

Der DAV feiert 150. Geburtstag, der Gatte trägt dort vor, da hat man versprochen, mit dabei zu sein. Nicht nur so in der Funktion als Spielerfrau, sondern eher in der vertrauten Rolle als Gelegenheitsgroupie. Und aus allgemeinem alpinen Interesse.

Ich hatte mir den ja irgendwie deutlich größer vorgestellt.

Aber holla, ich sag’s Ihnen: an Drahtigkeit ist der schwer zu überbieten. Sehr ausdefiniert, alles (oder wie sagt man da?). Und so ein nettes Bayrisch! Berchtesgadener Land eben. Und überhaupt ein total angenehmer Typ, so im Gespräch und beim gemeinsamen Bier.

Das war’s dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Limit ist halt für jeden was anderes & woanders.

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