Amilienumkle oder: Nächtliche Notate zur Lage der Situation.

An sich bin ich kein Freund sprachverhunzender Kleinschreiberei, mir persönlich kommt dabei schnell jeder Lesefluss und -genuss abhanden.

Für amilienumkle möchte ich allerdings kurzfristig eine Ausnahme machen. Es ist ein ganz besonderes Wörtchen, zumindest für mich, denn es war die finale Wahrnehmung in meinem geliebten Schwimmbad, als ich vor über zwei Wochen zum letzten Mal in der Umkleide stand.

Da mir bereits schwante, dass es das für 2020 vermutlich gewesen sein dürfte mit meinem Lieblingssport, drehte ich mich vor Verlassen des Raumes noch ein letztes Mal um, so eine Art stummes rundumblickendes Abschiednehmen war das, und dabei fiel mein Blick auf jenes Schild, das mir noch nie zuvor aufgefallen war.
Dem dort aufgedruckten Wort fehlten ein paar Buchstaben, aber es gefiel mir sofort: amilienumkle.

Ich fotografierte es und noch auf dem Weg zum Parkplatz murmelte ich die neue Vokabel gleich ein paarmal vor mich hin: amilienumkle, amilienumkle, amilienumkle – und beschloss, dass sich das Wort eigentlich gut als Name für eine besonders seltene, sonnengelbe Seerosenart eignen würde (weshalb der Begriff ab sofort auch einen vernünftigen, großen Anfangsbuchstaben von mir erhalten wird), die ich mir als ein Symbol der Hoffnung (auf bessere Zeiten, konkret: auf ein möglichst nicht erst zu Ostern stattfindendes Wiedersehen mit dem Lieblingsbad) erschaffen und erhalten könnte.
Immer, wenn es mich künftig bedrücken würde (und mittlerweile tut es das recht oft), dass ich nirgends mehr ins Wasser springen und loskraulen kann (nein, Neoprenanzug im November ist nichts, wonach es mich verlangt!), könnte ich das dann flüstern und an eine seuchenfreie, sonnige Schwimmzukunft denken: Amilienumkle, Amilienumkle, Amilienumkle.

Fast wie ein kleines Gebet fühlt sich das an, und es würde mich nicht wundern, wenn ich in ein paar Wochen noch ein „Amen“ hinzufüge, obwohl ich mich nach wie vor zu den Atheisten zähle.
Man wird ja ein bisschen sonderlich und schrullig in diesen Zeiten.

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Apropos „in diesen Zeiten“.
Besser gesagt: Apropos Sprachbetrachtung im Allgemeinen und Besonderen.

Auf (oder in?) einem von mir sehr geschätzten Blog, der mir allwöchentlich am Montagmorgen den Einstieg in die beginnende Woche erleichtert bis kandiert, möchte ich Ihnen, sofern Sie sich für Sprache und deren Aberrationen interessieren, die vom Autor jenes Blogs mit großer Inbrunst (und kleinem Ingrimm) notierte und regelmäßig aktualisierte „Liste des Grauens“ ans Herz legen.
Sie werden staunen, welche Floskeln, Plattitüden und Worthülsen Sie unter den aktuell 452 Einträgen entdecken, die auch Ihren werten Lippen gelegentlich entschlüpfen!

Ein gutes Drittel der dort versammelten Phrasen erinnert mich zwar aufs Schlimmste an die in stundenlangen Meetings zu erduldende Verbaldiarrhoe meiner 17-jährigen Ära als IT-Consultant (zu Beginn der 17 Jahre noch schlichtschnöde Anwendungsberater genannt), dennoch liebe ich es, in dieser Sammlung zu stöbern.
Und das nicht zuletzt auch deshalb, weil ich in meinem Smartphone eine ganz ähnliche Liste führe: Sprachschrott, den man so hört oder liest und bei dem sich sofort die Nackenhaare aufstellen oder der nächste Herpes sich Bahn bricht.

Vor einigen Wochen glich ich meinen privaten Wortmülleimer erstmals mit dieser Sammlung ab, Anlass war die damals etwas zu oft gehörte Hassphrase „am Ende des Tages“ sowie das grassierende, pseudogeheimniskrämerische (nicht aber pseudoblöde) „aus Gründen“ und ein (hoffentlich nur) pandemiebedingter Zuwachs an „Calls“ allerorten.

Größtenteils fand ich den Inhalt meiner Truismus-Tonne 1:1 im Archiv des Bonner Bloggers wieder, lediglich „Blablablubb“ (gern verwendet, wenn das, was ein anderer abgesondert hat, für zu viel oder zu unwichtig gehalten wird), Tschautschau“ oder „Ciao ciao“ (oder ist das am Ende – nicht des Tages, aber meines Sprachverständnisses – gar ein spezieller Kynologengruß und heißt eigentlich „Chow-Chow„?) und aus mir unerklärlichen Gründen auch das gruselige „aus Gründen“ sind bislang noch nicht mit von der Partie.

Sonst aber wirklich alles.
Chapeau! ( 😉 – siehe „Liste des Grauens“, Nr. 262)

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Facebook empfiehlt mir jüngst diesen Artikel aus der „Welt“:

Lektürezeit, die man sich getrost sparen kann – das Foto genügt ja wohl zur Erklärung, wieso man das nicht tun soll.

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Wohingegen mir das nachfolgende Foto nicht erklärend genug war – hier hätte ich doch zu gern auch noch gesehen, was mit den beiden abgebildeten Wanderern geschah, als die „Skulptur“ zu Phall Fall kam.

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Ansonsten leben wir lockdownlight-konform vor uns hin.

Der Gatte (vor Erhalt seines Coronatestergebnisses), bei einem Ausflug an den See.

Ich (nach Erhalt meines Coronatestergebnisses), bei einem Ausflug an den See.

Ich spaziere überwiegend allein oder mit den Angehörigen meines kleinen Hausstandes oder maximal denen eines anderen kleinen Hausstandes durch die Gegend.
Und bin wie so oft sehr dankbar dafür, wie schön wir es hier haben. Nicht auszudenken, wie sich so ein Lockdown in Ennepetal anfühlen mag oder in dem Kaff nahe Jena, in dem ich mal während einer Dienstreise einquartiert wurde, weil ganz Jena wegen einer Messe ausgebucht war.

Auch der hübsch Bewimperte und ich sind mittlerweile perfekt eingespielt, was Tour- und Törtchenplanung sowie vorausschauende Recherche der jeweils tournah geöffneten To-Go-Kioske (ein Begriff, den ich sofort auf meine „Liste des Grauens“ setzen werde) für das frisch gebrühte Tässchen Kaffee…

 

…und überhaupt freut man sich am besten intensiv an den kleinen Dingen.
Dazu passt ganz hervorragend, dass in den Bäckereien die Plätzchensaison begonnen hat.

Nebenher bastle ich an meinem Buchvorhaben (fragen Sie bitte nicht nach, ich möchte noch nicht darüber sprechen, schon gar nicht hier!), übe auf dem Akkordeon (Nackensteife links im Wechsel mit Nackensteife rechts, dazwischen ein paar Töne) und halte mich viel in der Küche auf. Vielleicht sogar zu viel, wie nachfolgende Maismehl-Grafik zeigt, in die sich aus purer Überlastung ein fataler Fehler eingeschlichen hat.

Das mit dem Akkordeon lässt sich gut an und ist eine feine Sache, bedeutet aber nicht nur Musik, sondern auch Sport, wie ich feststellen musste, denn die 8 Kilo (Instrument plus Koffer) müssen ja auch zum Unterricht hin (und zurück) transportiert werden.

Wenigstens bringt einen vor Ort nicht auch noch der Lehrer ins Schwitzen, weil der sieht exakt so aus wie er heißt (und ich behaupte einfach mal, daran würde sich im Wesentlichen auch nichts ändern, wenn er den Mund-Nasen-Schutz abnähme).
Eine Beschreibung, die Sie jetzt leider nicht verstehen können, da ich hier natürlich nicht seinen echten Namen verkünden kann, damit Sie den dann gleich googeln oder so. Sowas macht man nicht.

Stellen Sie sich einfach ersatzweise einen Mann in den Fünfzigern vor, von kugeliger, untersetzter Statur, mit krass bayerischem Dialekt und einem Namen wie Rudi Humpertinger – die Vorstellung, die Sie dann haben, die trifft es in etwa.

Ideale Lernbedingungen also.

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Auf dem Land ist Santa Claus schon im Anmarsch…

Die spinnen, die Bayern.

…während es mir hier in der Stadt noch recht unvorweihnachtlich vorkommt.

Deko vor dem Supermarkt.

Soweit für heute.

Kommen Sie gut durch die Woche und halten Sie vorsichtshalber schon mal Ausschau nach einem passenden Corona-Freund, falls am 25. November festgelegt werden sollte, dass jeder Haushalt sich künftig nur noch mit einem anderen, festzulegenden Haushalt (und aus diesem auch nur mit einer Person) treffen darf.

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Für H. zum 4. März 2020: Die überfällige Antwort.

 

 

Liebe H.,

vor genau sechs Monaten, ich kämpfte gerade mit der defekten Waschmaschinentür in meiner Stockholmer AirBnb-Wohnung, schicktest du mir eine Whatsapp, in der du fragtest, ob ich eigentlich sagen könne, welche meine Lieblingssongs vom Hohepriester unseres gemeinsamen Erstkommunionsfestes seien.
Damals war jedoch leider nicht die Zeit und Muße, um dir diese lebenwichtige Frage (als die du sie selbst tituliertest) zu beantworten, da ich wie gesagt in Stockholm war und mit einer Waschmaschinentür kämpfte (neben mir den Koffer mit der Schmutzwäsche von zwei Wochen Gotland, es war also wichtig, den Kampf zu gewinnen).

Heute Morgen kämpfe ich ausnahmsweise mal mit nichts (außer Müdigkeit), denn vor drei Tagen sind wir aus unserer Wohnung ausgezogen, gestern habe ich Lolek den Schlüssel in die Hand gedrückt – und nun komme, was wolle (bzw. hoffentlich: was solle, nämlich ein neues Badezimmer und diverse Verputzungen und Anstriche), ich werd‘ mir das Ganze erst in 9 Tagen ansehen und bis dahin lebe und arbeite ich hier im Tegernseer Asyl vor mich hin (es gibt wahrlich scheußlichere Orte für Geflüchtete).

Daher nutze ich nun während eines Frühstücks in völliger Ruhe, weil alle – der Papa, seine Lebensgefährtin und die Pippa – hier im Haus noch schlafen, die günstige Gelegenheit, dir zu deinem heutigen Jubeltage deine zwar nicht mehr ganz taufrische (im Unterschied zu dir 💕!), aber in ihrer Bedeutung natürlich unverändert lebenswichtige Frage endlich zu beantworten.

Hier also, in aufsteigender Reihenfolge (wie zu unseren Teenie-Tagen, als wir noch gemeinsam der von Thomas Brennicke, Gott hab ihn selig!, moderierten Hitparade lauschten), meine in schlappen sechs Monaten ausgebrütete, mehrfach überarbeitete und überprüfte und dennoch hier und heute nur unter Vorbehalt zu veröffentlichende Top Ten der Bruce-Songs, die ich, wenn ich mich je ernsthaft und für längere Zeit auf eine einsame Insel oder ins Exil (ha!) begeben müsste, mitnehmen würde, um mein musikalisches Überleben zu sichern.
Eine Top Twenty wäre mir leichter gefallen, aber ich übe mich ja zumindest gelegentlich in der Kunst der Beschränkung (wie es mir meine Deutsch-LK-Lehrerin schon 1990 empfahl).

Selbstverständlich bekommst du zu allen 10 Songs nicht nur Titel, sondern auch Ton (seinen) und Text (meinen).

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Platz 10: „Jole Blon“

Das war für mich 2012 im MetLife-Stadium DIE Neuentdeckung schlechthin.
Ein typisches Sommerliedchen, ein klassisches Sha-la-la-la-Bruce-Ding wie „Sherry darling“, wenngleich nicht originär von ihm, aber wurscht, das Lied war so herrlich leicht, luftig, locker, liebestoll, einfach ein Traum, damals, in dieser lauen Nacht in New Jersey, in der ich acht Songs zuvor meine Hand auf seine schweißnasse Schulter gelegt hatte und in der ich eines meiner besten Geschenke zu meinem 40. feierte – eben jenes Konzert.

Platz 9: „Bobby Jean“

Mit „Bobby Jean“ verbinde ich gleich mehrere Ereignisse (oder sogar Phasen) in meinem Leben und wahrscheinlich hat der Song vor allem deshalb einen Platz auf dieser Liste bekommen. Denn musikalisch ist das eigentlich eine Komposition, die mich nie absolut vom Hocker gehauen hat. Und trotzdem liebe ich „Bobby Jean“ seit dem ersten Hören. Das war mit dir, damals, am 18. Juni 1985. Es war der 25. Song der Setlist unseres (nennen wir’s mal so:) Initiationsabends.
Und du warst es auch, die diesem Song erstmals eine gewichtige Bedeutung verlieh, als du ein paar Jahre später für ein Schuljahr nach Kanada verschwunden bist und ich in München zurückblieb.
Vom 18. Juni ’85 gibt’s keine Aufnahme/Video, ich wollte aber unbedingt eine von damals erwischen, daher nimm bitte mit dieser hier vorlieb, die ist nur 11 Tage später entstanden, in Paris.

Platz 8: „Across the border“

Sommer 2014. 17 Jahre Maloche lagen hinter mir, die letzten 7 davon ziemlich grenzwertig. Ich quittierte den Dienst, kratzte mein letztes Geld zusammen, packte meine Siebensachen und mein Dackelmädchen ein, hörte auf den Rat meines Arztes und eröffnete mein erstes Konto bei WordPress – und fuhr los. Across the border: Über die Öresundbrücke, durch ganz Schweden, bis hinüber nach Gotland, was mir seit Kindheitstagen ein Eiland der Verheißung war (Pippi Langstrumpf!), und nun war ich endlich groß und frei genug, sie mir anzusehen.
Vor der Überquerung der Öresundbrücke lege ich seither bei jeder Fahrt nach Schweden genau diesen Song ein, drehe die Lautstärke voll auf und heule voll los.

Platz 7: „This hard land“

Einer der berühmtesten, meistgesungenen Psalmen der Bruce-Gemeinde: „(…) well, if you can’t make it, stay hard, stay hungry, stay alive – if you can and meet me in a dream of this hard land (…)“ – dieser Vers ist ohne jeden Zweifel lebenswichtig und lebensrettend bzw. entfaltet diese Wirkung, wenn ihn die ganze Gemeinde in die Dunkelheit hinausplärrt, aber er ist nicht der Hauptgrund, warum ich dieses Lied in die Top Ten aufnehmen musste.
Es sind die gesamten viereinhalb Strophen davor, die mich so umhauen und die ja nur in diesem letzten Aufschrei gipfeln (oder sich in ihm auflösen). Dieser verdammte Song hat mich dermaßen gefesselt, als ich ihn Ende der 1990er Jahre erstmals hörte, dass ich monatelang gar nicht in der Lage war, mir all den anderen verdammt guten Stoff auf „Tracks“ reinzuziehen (das Greatest-Hits-Album, auf dem er schon früher erschienen war, hatte ich damals noch nicht).
Dreimal gehört, und für immer auswendig gekonnt, du könntest mich nachts um 3 wecken und bitten, „This hard land“ zu rezitieren und es würde mindestens genauso flutschen wie Goethes „Willkommen und Abschied“ oder Schillers „Ring des Polykrates“ oder Hölderlins „Mitte des Lebens“, um jetzt mal ein bisschen bewandert zu tun (und das mal nicht nur im alpinistischen Sinne).
Hier für dich eine der Akustik-Versionen, in der ich ihn (nicht den Song, aber Bruce) besonders mag, du wirst wissen, wieso.
Und hör‘ dir unbedingt auch den Prolog genau an: „(…) the older you get, the more it means“. Genau so ist es, und zwar mit sehr vielem.

Platz 6: „Atlantic City“

Immer schon geliebt. Und schon vor 15 Jahren beschlossen, dass das der Song sein soll, der mal auf meiner Beerdigung gespielt wird:

Now our luck may have died and our love may be cold
But with you forever I’ll stay
We’re goin‘ out where the sands turnin‘ to gold now
Put on your stockin’s cause the nights gettin‘ cold and
Everything dies, baby, that’s a fact but maybe
Everything that dies someday comes back

Nicht, weil ich nochmal wiederkommen möchte. Sondern weil ich summa summarum gern hier war. Und weil ich immer Trost fand in diesem Lied, wenn es mir schlecht ging.

Platz 5: „The Ghost of Tom Joad“

Eine Wucht, der ganze, lange Song.
„Tom Joad“ war das erste Springsteen-Album seit 1973, das die Top Five verpasst hat, obwohl es einen Grammy für das beste zeitgenössische Folk-Album gewann. Sein Titelsong, „The Ghost of Tom Joad“, in einer später entstandenen Live-Version zusammen mit Tom Morello (von Rage Against the Machine), rüstete den ursprünglichen Folk-Song zu dem um, was er dann auf dem „High Hopes“-Album geworden ist: ein moderner Rocksong mit einer unglaublichen Intensität. Erst als Duett eroberte er schließlich die Herzen von noch mehr Fans, so auch das meine.
Ich finde, die beiden sollten mindestens noch „Youngstown“ und „Lost in the flood“ gemeinsam spielen (und aufnehmen). Immer wieder sind es auch diese düsteren Geschichten von Springsteen, die ich live wirklich zum Niederknien schön finde.

Platz 4: „Dream, baby, dream“

Man braucht nicht viele Akkorde, um einen Song zu komponieren, der den Fans eine Gänsehaut beschert. Man braucht auch nicht notwendigerweise viele Instrumente oder eine Band drumrum. Manchmal genügt es, wenn sich ein Mann allein ans Piano setzt und gefühlvoll in die Tasten greift und seine Stimme erhebt.
„Dream, baby, dream“ ist für mich wie Schwimmen: ich tauche ein, ich folge dem schwarzen Balken, hin und zurück, hin und zurück, alles wiederholt sich, Bahn für Bahn, immer dasselbe. Vordergründig könnte man nun geneigt sein, das für Monotonie, Ödnis oder gar Langeweile zu halten. Das wäre aber viel zu kurz gedacht bzw. empfunden.
Denn das Schwimmen (und anderen mag es mit anderen Ausdauersportarten ähnlich ergehen) und eben auch ein Song wie dieser können einem den Zugang eröffnen zu einer anderen Sphäre. Zu einem selbstvergessenen, dahinfließenden, dahinträumenden, dahingleitenden und dadurch beinahe meditativem Zustand.
Und exakt darum steht dieses Lied so weit oben auf meiner Liste.

Platz 3: „Backstreets“

Dieses kraftvolle Epos von einer bedeutsamen Freundschaft (oder Liebe?) und ihrem Verblassen (und über zerplatzte Ideale der Jugendzeit überhaupt) war einer meiner sehnlichsten Live-Wünsche, der leider erst sehr spät (2016 in Berlin) in Erfüllung ging. Der Song ist ein klassisches Drama in fünf Akten (wie es ein Dylan auch nicht besser hinbekäme!), er ist einer seiner wuchtigsten, umfassendsten und „vollständigsten“ Songs.
„Backstreets“ konkurrierte in meiner Fan-Seele seltsamerweise immer mit „Jungleland“, wofür es keinen rationalen Grund gibt. Mal bedeutet mir das eine mehr, mal das andere, manchmal höre ich ein ganzes Jahr lang fast nur den einen, dann wieder nur den anderen Song. Dieses Jahr ist bislang eher ein „Backstreets“-Jahr, deshalb hier und heute Platz 3.

Platz 2: „Tougher than the rest“

Das ultimative Liebeslied aus der Feder Springsteens.
Es gibt keines, das mich in letzten dreißig Jahren kontinuierlicher begleitet und häufiger zu Tränen gerührt hätte.
Es ist ehrlich, authentisch, romantisch – und zugleich so schonungslos und traurig, voller Sehnsucht und Herzschmerz.
Es spielte in allen Liebesbeziehungen, die in meinem Leben wichtig waren oder sind, eine Rolle.
Unbedingt im 1980er-Jahre-Stil anzugucken, dieser Zeit, in der für uns alles begann (auch diese Sache mit der Liebe).

Platz 1: „Thunder Road“

Von all den vielen Perlen aus seinem riesigen Lebenswerk ist es diese, die ich über alles liebe.
So vieles ist schon gesagt und geschrieben worden über diese Straße des Donners: Für die einen hat der Song eher etwas Auswegloses und alles andere als ein Happy End, für andere birgt er hingegen eine Menge Hoffnung und mündet in einen positiven Aufbruch (ich zähle mich zu Letzteren).
„Thunder Road“ ist in meinen Augen ein Versprechen: für heute, für morgen, für die Zukunft. Egal, wie jung oder schön wir (noch) sind. Eine Ode an die Liebe, sogar an die Langzeitliebe, mit all ihren Versehrtheiten und Schrammen. Ein Tritt in den womöglich über die Jahre etwas träge gewordenen Hintern. Ein Appell, nicht alles auf morgen zu verschieben, sondern mit manchem lieber jetzt und heute loszulegen. Eine Ermahnung zu mehr Mut und Zuversicht, zu mehr Selbstvertrauen und Offenheit. Ein großes Versprechen an das Leben.
Auch an das gerade erst geborene, wie dieser Kommentar eines Fans (den ich unter einer der Donnerstraßenversionen auf YouTube entdeckte) verdeutlicht: „I insisted this song be the first music my newborn daughter heard on earth. That was 23 years ago. I’d make the same choice again today. It just doesn’t get any better than this.“
Und so sehe ich das auch: Besser geht es einfach nicht.
Das hier ist nicht die musikalische „Thunder Road“-Interpretation, die mich am tiefsten bewegt (das wäre eine der Acoustic– und keine der Fullband-Versionen), aber es ist eine von denen, in der mich sein Gesichtsausdruck am meisten berührt, möge es dir ähnlich gehen.

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Ein Update zu dieser Top Ten kommt dann ggf. zu deinem nächsten runden Geburtstag, der ja in nicht allzu ferner Zukunft ansteht, aber doch noch weit genug entfernt ist, damit ich nochmal in aller Ruhe weiterbrüten kann über deine wahrlich lebenswichtige Frage und meinen bescheidenen Antwortversuch.

Mit ein paar knapperigen Krümeln (danke nochmal!) zwischen den Zähnen stoße ich nun mit meinem letzten Schluck Morgenkaffee auf dich und dein Wohlergehen an, gratuliere dir ganz herzlich und wünsche dir einen besonders schönen, sonnigen Tag (du weißt noch, was der Chloroplast an einem solchen tun würde?!), vielleicht ja mit etwas Neuschnee, so wie hier am Tegernsee.

In alter, unverbrüchlicher Freundschaft grüßt dich –
Deine T.

PS: Deine ausführliche Stellungnahme zu dieser Liste lässt du mir bitte ebenfalls binnen 6 Monaten zukommen.