I’ll be watching you.

Aus der Rubrik: „Ecken, in denen man nicht sitzen mag.“

Every move you make | Every steak you take | I’ll be watching you!

Zwischen Urinstinkt und Enddarmkolik.

Aus der Serie: „Verlesen. Wie wochenlange Hitze die Sinne vernebelt.“

Neulich, mittags, am Isarhochufer bzw. bei 30 Grad und ziemlich dehydriert in der Trattoria.

Voralpenländische Hochsommerlyrik.

Somewhere out of Rosenheim.

Am Freitagabend schickte mich die Deutsche Bahn mit einer kleinen Überraschung ins heißeste Wochenende des Jahres.

Auf der Abfahrtstafel am Münchner Hauptbahnhof steht Gleis 11 für den Regionalzug Richtung Chiemgau angeschrieben. Auf Gleis 11 steht auch ein Regionalzug Richtung Chiemgau, sogar der mit Zielort Salzburg. Als Reisender, der bis kurz nach Rosenheim – genauer gesagt: nach Bad Endorf – zu fahren beabsichtigt und Reisetyp, der sowieso alles 3x kontrolliert, steigt man also vertrauensvoll ein (auch die App nennt Gleis 11) und merkt somit erst out of Rosenheim, dass einen die Bahn ganz hinterlistig in den passenden Zugtyp (Meridian) gelotst hat und sogar in die richtige Richtung, sich dann aber in Rosenheim die Meridiane trennen. Der eine fährt nach Salzburg, der andere nach Kufstein.
Leider sagt das in Rosenheim niemand durch, der letzte bayrische Raunzer lautet: „Wega a Gleisstörung vazögat si unsre Einfoart nach Rosenheim a bisserl“.

Dass wir also im falschen Zug sitzen, merken ich und die 20 anderen erst eine Station nach Rosenheim, weil die überraschenderweise nicht Bad Endorf heißt, sondern Raubling. Und ich merke es eigentlich nicht mal wegen Raubling (hätt‘ ja sein können, dass vor Endorf noch irgendein Kaff kommt), sondern weil mein großer Freund S., der mich am Bahnhof in Endorf abholen wollte und dort nicht fand, mir per Whatsapp ein „Der Zug ist da, aber wo bist du?“ schickte. Das ließ mich sofort stutzig werden.

Vor lauter Erstaunen und Empörung und allgemeiner Aufruhr im überfüllten, freitäglichen Regionalzug kommt in Raubling dann keiner mehr aus dem Waggon raus, das gelingt der Horde Verfahrener erst in Brannenburg. Netter Ort, hübsche Bergkulisse.
Aber kein Kiosk, nix. Der Dorfbrunnen plätschert, das Schildchen davor mahnt „Kein Trinkwasser!“. 20 Reisende bei 30 Grad am Verdursten.

Aber das ist gar nicht mal das Unangenehmste.

Das Unangenehmste ist das Phänomen „Spontane Gruppenbildung aufgrund temporären gemeinsamen Schicksals“. Ich hasse Gruppen. Schon immer. Und erst recht diese Zusammenschlüsse von Hinz und Kunz, wo einer nach Traunstein will und der andere nach Freilassing und beide nun in Brannenburg gestrandet sind und sich dort sofort solidarisieren und gemeinsam mit Gleichbeschicksalten auf die Deutsche Bahn schimpfen und über den fehlenden Kiosk, die Hitze, den Ferienbeginn, „so vui Leit“ im Zug und überhaupt…

Ich separiere mich sofort ein paar Meter und schimpfe lieber alleine. Ein bisschen auf die Deutsche Bahn, vor allem aber auf die Mitreisenden, mit denen ich 23 sengend heiße und unerträglich laute Minuten in Brannenburg am selben Bahnsteig ausharren muss, bis endlich der nächste Zug zurück nach Rosenheim fährt.

Der hat dann 5 Minuten Verspätung, so dass in Rosenheim der Anschlusszug nach Bad Endorf nur unter meniskusbrisanten Umständen erreicht werden kann. Das sogenannte Meridian-Hopping, das einem das Bayernticket (das einen schönen Tag lang für alle schönen Züge im schönen Freistaat gilt) ermöglicht, ist nicht jedermanns Sache. Ein paar der unsportlicheren oder älteren Gruppenmitglieder bleiben daher in Rosenheim auf der Strecke (an sich kein Schaden).
Der Rest springt in letzter Sekunde in den Anschlusszug. In dem herrscht Überfüllung und miese Stimmung (um nicht zu sagen: dicke Luft): Klimaanlage defekt, Toilette ebenfalls. Die schwäbische Reisegruppe mampft Döner und schwätzt munter weiter, die asiatische Reisegruppe fächelt sich mit Salzburg-Stadtplänen Luft in die blassen Gesichter, die paar Pendler benutzen ihre Tablets oder Aktentaschen als Schutzschilder gegen die Unbilden des Ferienanfangs und der dialektalen Diarrhö rundherum.

Zehn Minuten später komme ich ziemlich verschwitzt und durstig in Endorf an, das eigens für diesen Ausflug gebügelte Sommerkleidchen ebenso derangiert wie die Frisur. Der Freund steht winkend mit einer Wasserflasche am Bahnhof und dank des klimatisierten Autos kühle ich bis zur Ankunft im „Lokal mit Aussicht“ wieder auf sozialkompatible Betriebstemperatur herunter. Wir laben uns mit einer Stunde Verspätung an Kaltgetränken, Sommergerichten und exzellenter Sicht auf die Chiemgauer Bergwelt.

Das Restaurant liegt auf einer Anhöhe, hatte aber nicht die Bohne mit Blutmond-Tourismus gerechnet, obwohl das Bayerische Fernsehen bereits nachmittags vor der Lokaltür sein Equipment aufgebaut hatte und jeder zweite Gast mit Stativ unterm Arm die Terrasse betrat. Das Personal heillos überfordert mit dem Ansturm an Menschen und Bestellungen: Blattsalate wurden geschickt mit Füllmaterial unterpolstert, der „Burger-Abend“ war schon um 19 Uhr ausverkauft und selbst der Hugo wurde mit Minzezweigen derart zugestopft, dass nicht mehr viel Flüssigkeit ins Glas passte. Auf den Espresso warten wir schließlich 45 Minuten, aber dank der Themen, in die wir vertieft waren, fiel das nicht weiter ins Gewicht.

Der Freund und ich kennen uns schon lange. Sehr lange. Und sehr gut. Da redet man nicht mehr drumrum, sondern durchpflügt ohne Umschweife schonungslos die diversen Verfinsterungen des Lebens. Hinsichtlich Düsternis können die es auch locker mit einer Mondfinsternis aufnehmen, nur das Blutrote fehlt ihnen, gottseidank. Wir müssen beide weinen an diesem Abend. Über Ähnliches in Tränen oder Gelächter ausbrechen zu können – das ist ein so wichtiges Band, denke ich mir wieder einmal.

Schließlich steigt er vollends hinter den Berggipfeln empor: der Mond. Umweht von milchigem Abenddunst, der die Berge für die Nacht zudecken möchte – und deshalb viel weniger blutrot als gedacht.
Wir unterbrechen unsere Unterredung, klettern zusammen auf das Mäuerchen neben unserem Tisch, und tun das, was alle tun.
Schweigen, Schauen, Staunen und smartphoneverwackelte Fotos schießen.

Erst am 9. Juni 2123 wird es wieder eine Mondfinsternis geben, die ähnlich lange andauert wie die diesjährige.

Da sind wir dann wohl schon weg.

Danke, lieber S., für diesen besonderen & einmaligen Abend!

Im Kielwasser der Materialermüdung.

Und nun zu den…

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Was für ein Tag!

Frühstück serviert bekommen, dann bei leicht bewölktem Himmel und milden 12 Grad das Haus verlassen…

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… den Hund leinenlos im Park toben lassen und dabei die Aussicht auf die Förde genossen, für die selbst der Kieler nicht die passenden Worte findet:

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Gemütlich durch Parkanlagen bis in die die Altstadt spaziert …

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… einen richtigen Stadtbummel gemacht inkl. Kaffeehausbesuch (und inkl. Hund) und anschließend mit der Shopping-Beute wieder heimwärts begeben, um sich dem Ausweiden derselben zu widmen …

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… wenn nur nicht immer der beste Leseplatz schon belegt wäre!

Nach etwas Lektüre dann durchs Universitätsviertel gelaufen, das nicht nur architektonisch, sondern auch hinsichtlich der Beschilderung alle Register zieht …

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… und nach 20 Minuten das nachmittägliche Highlight erreicht: den Sportcampus der Uni mit der Olympia(!)-Schwimmhalle …

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… die wirklich hält, was sie verspricht, nämlich ein astreines 50m-Becken für nur 3€ Eintritt …

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… und sogar beinahe der richtige Spind ist frei!

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So weit, so gut.

Kommen wir zu dem Haken an der Sache. Die Uni-Schwimmhalle heißt nicht zufällig so. Sondern dort schwimmen Studenten (ich glaube, die heißen mittlerweile „Studierende“, aber egal). Und zwar überwiegend Sportstudenten.
Der nicht studierenden Öffentlichkeit sind kleine Zeitfenster gesetzt – freitags z.B. nur von 16 bis 17:45 Uhr -, in denen sie dort ihre Bahnen ziehen darf. Was aber nicht heißt, dass zu dieser Zeit keine Studenten dort anzutreffen wären. Im Gegenteil.

Um 16:21 Uhr befinde ich mich zwar glücklich am Rand eines 50m-Beckens, aber in Gesellschaft von zig zu Semesterbeginn hochmotivierten und leider auch top-trainierten Studenten. Das bedeutet: zack-zack die Bahn entlang, zügig wenden, und wieder flott zurückschwimmen usw. usf.. Prinzipiell ist mir das zwar auf alle Fälle lieber als der Rechteck-Zirkus in Bromölla, aber heute hätt‘ ich’s einfach gern nicht ganz so sportlich gehabt.

Ich klinke mich in das Geschwimme ein, so gut es geht, aber es geht nicht so gut, wie es schon mal ging oder gehen sollte, und zudem spüre ich meine müden Beine vom vielen Laufen und fühle mich insgesamt in einer kleinen Formkrise, die vielleicht und hoffentlich der zwei Stunden zuvor verzehrten Stachelbeer-Baiser-Torte geschuldet ist.

Zufall oder Segen, nach knapp 1.300 Metern reißt das Gummiband der Schwimmbrille. Peng!
Ich werte das als klares Zeichen allumfassender Materialermüdung sowie als Schlussknall zum wassersportlichen Part dieser Reise.
Die fitten Studenten durften sodann ohne Hindernis weiterschwimmen. Und ich durfte das Becken verlassen.

Kiel gefällt mir auch mit gerissenem Schwimmbrillengummiband ausnehmend gut.
Eine grüne Stadt, beeindruckende Villen, maritimes Flair, riesiger Hafen, schöne Promenade an der Förde, nette Geschäfte und Lokale.

Womit ich gar nicht gerechnet hatte: Hügel, ja, fast Berge – und das mitten in der Stadt!
Ebenso wenig mit der offenkundigen Notwendigkeit solcher Hinweise:

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Ja Himmel nochmal!
Da haben wir dann mal lieber nicht den Weg durch den spärlich beleuchteten Park zum Lokal gewählt, sondern sind an der Hauptstraße geblieben.
Schließlich möchte ich die teuer erstandene Autobiografie unbedingt noch zu Ende lesen.

Ein schönes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.