Auf ein Isarkindl!

Spätnachmittags auf der Wiesn.

*****

Beim morgendlichen Weg zum Wochenend-Waldlauf bemerke ich, dass nach Langem mal wieder ein dunkler VW Touran vor mir herfährt. Dieses Modell mit den noch leicht eckigen Rücklichtern sieht man mittlerweile nur noch selten. Es war das letzte Auto, das N. fuhr (einer italienischen Prostituierten müsse es gehört haben, behauptete er stets, weil es innen auch noch zwei Jahre, nachdem er es gekauft hatte, penetrant nach billigem, süßem Parfüm roch) und das – genauso wie N. – nirgends mehr zu sehen sein wird, da sein Sohn es kurz nach Ns Tod gegen einen Zaun gesetzt hatte.

Manchmal gingen wir mittags nicht zum Italiener in dem Viertel, in dem unsere Firma lag, sondern fuhren an den Stadtrand zu einem anderen italienischen Lokal. Weil man dort garantiert keine Kollegen treffen würde.
N. sagte dann immer: „Dort können wir mal ganz in Ruhe über Persönliches reden!“. Wir stiegen jeder in sein Auto, um den durch einen gemeinsamen Aufbruch in einem Fahrzeug entstehenden Bürotratsch zu vermeiden (dazu muss man sagen: wir waren stets über 2 Stunden außer Haus, was alle Mittagspausengepflogenheiten sprengte und daher schon genug Fragen aufwarf) und trafen uns meist kurz nach Verlassen der Firmentiefgarage draußen auf der Straße. Er fuhr dann vor mir her, daher haben sich mir die Rücklichter seines Tourans so eingeprägt. Sie passten zu ihm. So unzeitgemäß und eckig (und dennoch so weich wirkend, durch die kleineren runden Lichtkreise in ihrer Mitte).

Saßen wir schließlich bei dem Stadtrand-Italiener und waren völlig ungestört, kam es entgegen Ns Ankündigungen niemals zu besonders persönlichen Gesprächen.
N. nahm sich nämlich selbst nicht so wichtig, und wenn er mal kurz (und womöglich sogar ungefragt) von sich sprach, dann auf eine bescheidene, zurückhaltende Weise, obwohl es durchaus Einiges gegeben hätte, worüber zu klagen oder gar zu verzweifeln gewesen wäre. Es war seine Sache nicht, in den immer lauter werdenden Ich-Ich-Ich-Kanon der Zeitgenossen drumherum einzustimmen, im Gegenteil. Seine Haltung war die, nicht aus jeder Seelenregung, Kränkung oder Belastung eine Nabelschau oder ein Drama zu machen, sondern auch mal von sich abzusehen und den Blick bewusst nach außen zu wenden. Ihn auf ein Tun zu richten oder auf andere Menschen (oder auch bloß auf das Fußballspiel am Feierabend oder auf die Natur, durch die er bei seinen Runden an der Isar streifte).

Wie sehr ich diesen Zug an ihm mochte!, denke ich, als der Touran vor mir abbiegt und auf Nimmerwiedersehen im Dunkel des Luki-Tunnels verschwindet.

*****

Neulich erzählt mir der Papa am Telefon, dass ein gemeinsamer Bekannter von uns (den wir jetzt einfach mal so nennen wollen, obwohl wir eigentlich keine „Bekannten“ zu haben pflegen, weder der Papa, noch ich, aber „Freund“ wäre wiederum übertrieben, und leider gibt’s für die Nähegrade dazwischen ja irgendwie keinen treffenden Begriff) an Krebs erkrankt sei.

Schlagartig wird mir klar, wieso ich so lange nichts von dem Bekannten gehört habe. Ich ringe einige Tage nach den passenden Worten und dem passenden Zeitpunkt (und da er bald Geburtstag hat, eilt es, denn der Geburtstag ist mit Sicherheit nicht der passende Zeitpunkt). Vor ein paar Tagen, in der Abendsonne an der Theresienwiese sitzend, finde ich dann Sätze, die mir einigermaßen angemessen erscheinen und ich schicke sie ihm aufs Handy, was sich ein kleines Bisserl absurd anfühlt, da er ja dort drüben auf der anderen Seite der Theresienwiese wohnt, sofern er da grad überhaupt wohnt und nicht in einer Klinik ist.

Letzteres ist der Fall, wie ich heute erfuhr, als mir mein Handy seine Antwort überbrachte.
Die John-Lennon-Frisur fiel der wochenlangen Chemo zum Opfer, die anschließende OP habe er halbwegs gut überstanden, schreibt er. Und dass er sich freue, so unverhofft von mir zu hören und jetzt gern zur Motivation vor seiner Reha fest ausmachen würde, dass wir noch diesen Sommer (weil das sei dann mal eine konkrete Aussicht!) zusammen nach Lenggries fahren und aufs Seekar oder Demeljoch steigen. Oder sogar auf den Scharfreuter, wenn er es packen würde.

Aber natürlich machen wir das!, schreibe ich sofort zurück, und dabei fällt mir eine Passage aus einem Glattauer-Roman ein, bei der ich mich seinerzeit in den Untiefen und Alltagsabgründen meines Charakters so wunderbar verstanden fühlte und die mir auch auf diese Situation zu passen scheint, in der wir ja irgendwie einen Optionsschein auf die Zukunft auszustellen versuchen:

„In der Küche machte ich Wasser heiß und goss es in die dicke gelbe Tasse, in die ich vor dem Schlafengehen einen Beutel Schwarztee mit Pfirsichgeschmack hineingehängt hatte. So machte ich es immer. Immer die gleiche gelbe Tasse. Immer Schwarztee mit Pfirsichgeschmack. Und immer hatte ich den Beutel schon am Vorabend in die Tasse gehängt. Damit war schon etwas vom nächsten Tag verraten. Das nahm mir die Scheu davor.“

Dieser Absatz fand sich auf der ersten Seite des Romans und er war der Hauptgrund, weshalb ich das Buch damals auf einen Schlag zu Ende las. Obwohl ich aromatisierte Tees verabscheue, erst recht welche mit Pfirsicharoma.
Eine gelbe Tasse verwende ich allerdings ebenso, nur halt für Kaffee, der aber – wie ich gern umgehend klarstellen möchte, damit Sie mich nicht für deppert halten! – natürlich nicht am Vorabend irgendwo eingefüllt wird (das Aroma ginge ja über Nacht flöten!) – ich pflege das im Roman beschriebene Ritual für ein anderes Segment meiner Frühstücksgewohnheiten und nehme mir auf diese Weise die Scheu vor dem nächsten Tag.

*****

Apropos Lenggries & die dortige Bergwelt.

Seit meinem Hüttenwochenende erreichen mich auf diversen Kanälen Nachfragen, wie es denn nun war und wann es denn jetzt weiterginge, mit mir, dort oben, hinter dem Zapfhahn (und am Spülbecken). Manch ein Leser scheint sogar aufgrund des Beitrags vor zwei Wochen davon auszugehen, ich wäre seither dort oben – und das nun durchgehend und heidi-idyllisch bis zum Ende der Bergsaison.

Höchste Zeit, diese Illlusion gründlich zu zerstören und die Nachfragen konkret zu beantworten. Da mich der Ausgang der Sache immer noch etwas schmerzt, fasse ich mich eher kurz (außerdem geziemt es sich nicht, zu viele Interna von dort oben zu verraten).

Nachdem ich von den 52 Stunden dort oben schlappe 32 Stunden gearbeitet (besser: brutal malocht) hatte, zwar in einem netten Team, in schönster Umgebung und sogar mit einem täglichen Springsteen-Song, der trotz der Koch-/Spüldämpfe und -geräusche bis an meine Ohren drang, war klar: das machen weder ich, noch mein lädierter Ellbogen ein zweites Wochenende lang mit.

Das ist körperliche Akkordarbeit, täglich 12 bis 14 Stunden ohne nennenswerte Pausen, für die man gemacht sein muss. Und das ist man definitiv nur, wenn man zwei kerngesunde Arme und jahrelange Erfahrung in der Gastronomie hat.

Am Samstag vor 2 Wochen wankte ich nach 14 Stunden Schuften (in allen Bereichen der Berghütte) in meine Kammer und selbst dort war an Erholung nicht zu denken, weil Andreas Gabalier noch gefühlte 90 Minuten auf meiner Bettkante saß und plärrte (der Junggesellenabschied, der Mountainbiker-Stammtisch? – beide nebenan im Gastraum und nur durch eine dünne Holzwand getrennt!).

Eine tiefgreifende Erfahrung war’s allemal, auf vielen Ebenen, aber nach dem vergeblichen Versuch, dort oben anzuregen, dass man so einen 14-Std-Tag ja vielleicht auf 2 Personen aufteilen könne, die dann jeweils nach 7 Stunden Reinklotzen noch ohne zu stammeln ihren Namen sagen und aufrecht in ihren Feierabend gehen könnten, hab ich das Projekt für mich ganz schnell als beendet erklärt.

Seit ein paar Jahren bin ich gut drin geworden, Dinge, die mich über Gebühr strapaziert haben (oder es noch tun würden), ganz schnell ad acta zu legen. Bringt nix.
Mit Mitte 40 weiß man langsam, was man stemmen kann (oder will) – und was nicht.

*****

Durch das gekippte Fenster wummert das Getrommel der Afrika-Tage ins Zimmer hiein. Wie ein wilder Herzschlag des Sommers, direkt vor unserer Tür, pulsierende Lebensfreude, mitten in der Stadt (man hört ja gerne das, was man hören will oder was man eh schon fühlt).

Es ist so unglaublich schön hier. Das muss einfach mal gesagt werden.

Die Aussicht aus dem Fenster, hinunter in die breite Allee voller Linden (die einem täglich aufs Neue das Auto dermaßen zukleistern mit ihrem Saft), das Gassigehen mit Blick auf die Weiten der Wiesn, hinüber zur Bavaria (geht ein Lüftchen, und das ist häufig der Fall, muss man beinahe den Atem anhalten, weil die Kamille so wuchert und blüht), die Menschen, die hier flanieren, pausieren, mit ihren Hunden oder Kindern spielen, auf Bänken sitzen, sinnieren, musizieren und auf der riesigen Freifläche alle möglichen Sportarten praktizieren (an die noch ausstehende Disziplin „Kampftrinken“ mit ihren begleitenden gymnastischen Verrenkungen wollen wir jetzt lieber noch nicht denken) – all das hat mir binnen der fünf Wochen, die wir jetzt hier leben, eine Energie und Freude geschenkt, die das gesamte Lebensgefühl doch ziemlich schnell und nachhaltig verändert hat.

Ein Geschenk, für das ich mich gern bedanken würde, wenn ich denn wüsste, bei wem.

*****

Ich strahle die Spätnachmittagssonne an und sie strahlt zurück (oder umgekehrt? – egal!), sitze auf der Parkbank (mehr und mehr bin ich geneigt, sie „meine Bank“ zu nennen, denn ich verweile recht oft hier, schaue, denke und schreibe hier vor mich hin) und genieße mein tägliches Feierabendbier (das eine, das ich mir am Tag gestatte).

Endlich wieder ein Zuhause.
Eine Heimat nicht nur draußen, sondern auch drinnen.

Irgendwer hat ja mal gesagt, Heimat sei kein Ort, sondern ein Gefühl.
Auf mich passt der Satz überhaupt nicht. Ich kann „Heimat“ nur an speziellen Orten empfinden und es wird kein Zufall sein, dass diese Orte alle regional recht nah beisammenliegen.
„Beheimatet“ fühle ich mich an und zwischen all diesen Heimatorten aber nur dann, wenn der Kern des Ganzen passt (bzw. es überhaupt einen gibt).

Gern heimzukommen und zu spüren, dass man genau dort am richtigen Fleck ist.
Auch das ein Geschenk.

*****

Ein schönes Wochenende wünsch‘ ich Ihnen und dass Sie sich wohlfühlen, dort, wo Sie sind!

St. Paul schlägt 7 oder: Landung in der Ludwigsvorstadt.

Die Stadt hat uns wieder!

Seit 5 Tagen wurschteln wir zwischen 130 Kartons, neuen Straßennamen/Geschäften/Nachbarn, zig Erledigungen/Terminen und allerlei Unerwartetem hin und her.
Aber das Viertel ist super!

Der „Vorstadtdom“ Sankt Paul.

Am Freitag nach 3 Stunden Hotlinek(r)ampf mit Vodafone in einem Mix aus Heulkrampf und Wutanfall aus der Wohnung geflohen.

Abendimbiss auf einer Parkbank in der Abendsonne an der Theresienwiese.
Zum kühlen TAP7 läutet die Paulskirche 7 Mal. Beides wirkt beruhigend. So beruhigend, dass ich einschlief.

Parkbank-Pause.

Von 130 Kartons sind nun 98 ausgepackt und 85 schon wieder per Quoka verkauft.
Vom Erlös 2x ein Abendessen bestellt.

Keine Schleichwerbung, sondern eine klare Empfehlung!

Deliveroo hat uns nämlich wieder und liefert zuverlässig Nervenkost für Umzugswracks.

Die ersten Provisorien im neuen Zuhause sind installiert („Bastel dir ein buntes Badregal aus Klappkisten“ oder „5 Handtücher gekonnt an nur 2 Halterungen aufhängen“).

Manche sind alles andere als beglückend, aber zumindest funktional.
Nächste Woche kommt ja dann handwerkliche Verstärkung – gottseidank, denn ohne etwas Struktur und Ordnung lösen sich meine wenigen inneren Anker leider schnell und der klapprige Lebenskahn kommt ins Schlingern.

Des Dackelfräuleins Gemütslage geriet durch den Umzug ebenfalls ins Schlingern.

„Where have all my puppies gone…?“

Seit Tagen tapert sie orientierungslos durch die neue Wohnung, aber die Suche nach dem fiktiven Nachwuchs bleibt täglich aufs Neue erfolglos.
Geborgenheit bietet nur die zufällig auf der Couch geparkte Bettdecke.

Natürlich kam der Hormon-Lkw mit der Scheinmutterschaft an Bord doch noch vor dem Umzugs-Lkw um die Ecke gebogen.

Teil des Löwenteams – eine super Truppe!

Tja, der Umzugs-Lkw. Und die 6 Löwen. Erst 5 Tage ist das her, unfassbar!
12 Stunden haben sie durchgeschuftet, die Jungs.
War teils nicht so lustig, denn der Aufzug konnte nicht rechtzeitig repariert werden und das ganze Glump musste in den 2. Stock hochgetragen werden.

Kein Männer-Gesprächskreis, sondern eine Löwen-Mittagspause.

Die riesige Pizzalieferung konnte das ein bisserl rausreißen. Und Unmengen an klebrigen Getränken (von denen ich etliche nicht kannte), aber auf Wunsch literweise angeschleppt habe. Pfirsich-Eistee, so habe ich gelernt, ist DER Garant für nicht nachlassende gute Laune, Muskelkraft und Konzentration bis zum Einsetzen des letzten Regalbretts.

Und überhaupt: alles kein Vergleich zum Vorjahresumzug.

Bis auf die vielen Kisten und das Gefühl im Rücken. Letzteres ist vor allem den umfangreichen Putzarbeiten im neuen Zuhause geschuldet, die uns die Vormieter zum Einstand geschenkt haben. An manchen Stellen möchte man nicht mal seine Straßenschuhe parken, geschweige denn sein Kaffeegeschirr.

Das ehemalige Wohnzimmer: Einmal in meinem Leben möchte ich mein eigener Nachmieter sein.

So. Bevor Sankt Paul erneut 7 schlägt, muss die Küche noch eingeräumt werden. Damit man dem befreundeten Handwerker übermorgen exakt sagen kann, wie viele Einlegböden die Speisekammer denn nun bekommen soll.

Wir wünschen allseits noch einen schönen Sonntag und bedanken uns für die herzliche Anteilnahme an unserem Übersiedelungsprozess.

Eure/Ihre Kraulquappe & Co.

Suburbia (5): Dum dum dee dum (The moving dachshund’s theme).

Suburbia – 5. und letzter Akt (ganz unklassisch: ohne Katastrophe)!

Alle Schlüssel fürs neue Zuhause sind seit gestern übergeben, (fast) alle To-Do-Listen im alten Zuhause abgearbeitet (sind ja noch 18 Std. Zeit, bis die Jungs von der Umzugsfirma hier aufschlagen), alle anstehenden Bau- und Renovierungsarbeiten in Tabellen gegossen und zur Vorbereitung ins Allgäu geschickt, alle Hassbriefe an Vodafone versandt (den hierzu angekündigten Beitrag bekommen Sie erst zu Gesichte, wenn das Drama überstanden ist), alle Ellenbogen dank Spritzen für die kommenden Tage geölt, alle Bier- und Weinvorräte ausgetrunken, alle Alpträume des nachts geträumt (zuletzt: Umzugswagen hatte einen Unfall und unser gesamter Hausstand ging dabei kaputt)…

*****

Morgen um 8 Uhr kommen die Jungs von der Spedition und legen hier los.

Hoffentlich ist mal wieder auf das gute „nomen est omen“ Verlass und sie bringen nicht nur weitere 100 hübsche Löwen-Kartons, sondern auch die Kraft mehrerer Löwen mit, so dass wir unsere lädierten Pranken ein wenig schonen bzw. deren klägliche Restenergie fürs Auspacken aufsparen können.

Der Gatte, ein eingefleischter FC Bayern-Fan (wenngleich „eingefleischt“ für einen Vegetarier ein zweifelhaftes Attribut ist), hat ein bisserl gezuckt, dass ihm hier ausgerechnet Löwen in seine Arena einmarschieren, aber mei. Wir hatten die Spedition schon letztes Jahr in die engere Auswahl genommen, uns dann aber dummerweise für die preiswertere Scheißfirma entschieden, mit deren Versicherung wir uns im Anschluss schlappe 4 Monate rumgekloppt haben, bis endlich alle Schäden ersetzt waren.

Dabei waren wir damals wie auch heute sogleich vom Charme des Ober-Löwen eingenommen. Herr A. hat sich ein kleines, feines Familienunternehmen aufgebaut, ist selbst bei jedem Umzug mit dabei (stets frisch geduscht und deodoriert, bestens gelaunt und in Strahlemannoptik, das blitzsaubere Firmen-Shirt stramm über die Muskeln gespannt), alles läuft sehr individuell und persönlich ab (Herr A.: „So ein Umzug besteht zu 50% aus Psychologie!“ oder „Ihr Lieben, entspannt euch, alles wird gut!“).
Ein Profi, der sofort die neuralgischen Punkte seiner werten Kundschaft erspürt und so geschickt darauf eingeht, dass man sich beinahe auf den Umzug mit seiner Firma zu freuen beginnt (was seit heute Morgen auch meine Devise ist: mache man sich doch einfach mal einen Spaß draus, falls möglich…, ich werd‘ Fotos schießen und das Ganze als Artikel „Wohnungswechsel mit Waldi“ an irgendein Magazin verkaufen, Herr A. hat zudem bereits Interesse an Fotos vom Dackelfräulein als Kartonmodel bekundet).

Überhaupt wäre der nette Herr A. einen eigenen Beitrag wert.
Falls wir unerwarteterweise von Vodafone noch vor Weihnachten wieder ein funktionierendes Internet zur Verfügung gestellt bekommen, reiche ich die Story gerne nach.

*****

Es gibt übrigens keine Lebenslage, zu der der Boss nicht den passenden Song beisteuern könnte – man muss einfach nur alle Songs kennen!

Und wenn ich es schon sonst zu nicht allzu viel gebracht habe in meinem Leben, so doch immerhin dazu, ein wandelndes Springsteen-Songbook zu sein (sollte „Wetten, dass“ nochmal neu aufgelegt werden, könnte das glatt mal eine Einnahmequelle sein: anhand einer (!) beliebigen Textzeile den Song zu erkennen, alternativ könnte ich auch mit einer anderen, etwas bajuwarischeren Nummer auftreten und nach je einem (!) mit verbundenen Augen genossenen Schluck Weißbier aus insgesamt 27 Gläsern treffsicher die Schneider Weiße, TAP7, „Ein Bier wie daheim“, identifizieren, beides immerhin auch Wetten, bei denen man sicher nicht im Rollstuhl landet).

Eigentlich wär‘ dieser Beitrag auch was für die Rubrik „Song des Tages“ oder „Soundtrack meines Lebens“ gewesen. Aber dann fand ich, die Chefin des Hauses sollte nochmal ganz im Vordergrund stehen:

Ein Löwe zieht um!

The moving dachshund’s theme
(aka „Lion’s den“ by Bruce Springsteen)

You broke my heart, tore it apart
Thought it was cute, thought it was smart
But now I’m back and I’ve got the strength of ten
So I got a message for you my friend

I’m Pippa waiting in the lion’s den
Dum dum dee dum dum dee dee dum dum

That old lion’s mean and long in the tooth
And like you, baby, he’s out on the loose
Messing hearts up time and time again
Well it’s the time for that messing to end

I’m Pippa waiting in the lion’s den
Dum dum dee dum dum dee dee dum dum
Here we go!

At night I hear you out prowling around
Tearing guys up, scaring ‚em down
Now all that growling’s gonna come to an end
‚Cause I’m just biding my time, my little friend

*****

Ja, liebe Leserinnen und Leser, unsere Zeit in Suburbia neigt sich nun dem Ende entgegen.

Auf 371 Tage haben wir es hier am Stadtrand gebracht, 137 wären mir lieber gewesen, aber immerhin ist es überhaupt auf eine Kombination der Lieblingszahlen hinausgelaufen. Da bin ich abergläubisch – und zwar im positiven Sinne!
Und es hätte uns schließlich auch ärger erwischen können, wenn es 713 Tage geworden wären, wonach es ja zwischenzeitlich, als wir noch knöcheltief durch den Morast des Münchner Wohnungsmarktes wateten, fast aussah.

Nun aber flink weiter gewerkelt, damit wir nachher pünktlich zur Arrivederci-Pizza mit unserem Lieblingsnachbarn beim Suburbia-Italiener eintreffen.

Ein schönes Wochenende noch und drücken Sie uns und den Löwen die Daumen, liebe Leserinnen und Leser!

Bleiben Sie dran, bleiben Sie uns gewogen & bis bald – dann von gegenüber der Bavaria!

Himmel der Bayern (38): West of Wiesn.

München, Samstagmittag. 22 Grad, blauer Himmel und Sonne satt.

Alles fährt raus aus der Stadt, wir fahren rein (merke: immer antizyklisch unterwegs sein, das erspart einem sehr viel Nervensalat!).

Und gucken uns mal ein bisschen um im künftigen Westflügel der neuen Heimat.

Über die menschenleere Theresienwiese geht es hinauf zur Münchner Freiheitsstatue…

…danach hinter der Ruhmeshalle vorbei…

…in den Bavariapark hinein…

…in dem nicht nur schöne Männer zu finden sind…

…sondern – fast ebenso wichtig – auch schöne Biergärten.

Und im angrenzenden Viertel – noch wichtiger – sogar eine schöne Eisdiele, in wir uns das erste Zitroneneis des Jahres holen…

…und das Waffel-Endstück zehn Minuten später seiner einzig wahren Bestimmung zuführen.

Vom Westend dann in großem nördlichen Bogen von der Theresienhöhe wieder hinab auf die Wiesn, wo man sich über die unbewusst sehr geschickte Wahl des Umzugstermins freut (knapp nach Ende des Frühlingsfestes)…

…und nebenbei auf seltene, in der Bergwelt leider noch nie angetroffene Almen stößt.

Nebenan kraxeln ein paar Möchtegern-Alpinisten unbeholfen herum.

Wieder an der Ostkante der „Wiese“ angekommen, schnappt das Dackelfräulein zwei bärtigen Kerlen geschickt den Tischtennisball weg…

…und saust davon, stolz wie Oskar, und als ich sie wieder einfange, sieht der Ball aus wie ein zerdeppertes Frühstücksei.

Aber das Tolle an so einem Dackelfräulein ist, dass ihm quasi nie jemand etwas übel nimmt: die Jungs lachen und nehmen gelassen ihren Zweitball.

Ich glaube, das wird gut werden, dort und überhaupt.

Patrona Bavariae oder: Ein Abendtermin in Singapur.

Die Pforte zum künftigen Zuhause: Ein gelungener Mix aus Sackkarrenverbot und Kakadueleganz.

Beim abendlichen Vermessungstermin in der neuen Wohnung öffnet uns Louis, der derzeitige Untermieter der Vormieter, die das Feld bereits physisch geräumt haben (Trennung – keiner will dann mehr dort sein), freundlich die Tür und bittet uns hinein.
Ein Pimpf im Superman-Schlafanzug (einer der drei Kleinen von Louis) springt uns die nächste halbe Stunde permanent zwischen Zollstock und Maßband herum und quietscht jedesmal vor Begeisterung, wenn der Gatte die Rückholtaste des 4m-Maßbandes betätigt und das Metallband zurück in sein Gehäuse schnalzt. In der Küche werkeln die beiden (?) Frauen von Louis, es riecht nach asiatischem Klebreis und intensiven Gewürzen, eine der Frauen steht im Micky-Maus-Jumpsuit am Herd, die andere hilft den Kindern bei der Nahrungsaufnahme.

Wir befinden uns mitten im Abendtrubel einer singapurischen Familie und müssen bei all dem Krach und dem Versuch, uns aufs exakte Vermessen der Räume zu konzentrieren, auch noch Englisch sprechen. Müssen mit Vokabeln hantieren, die man auf Reisen und Tagungen nicht braucht, uns also komplett fremd sind (Maßstab, Nische, Kammer, Einbauschrank, Winkel, Mietdauer, Auszug, Malerarbeiten, Dübellöcher, Fußbodenleisten etc.).

Auf dem Fußboden zwischen klebrigen Reiskörnen kniend und mit dem Meterstab in die Ecken robbend lernen wir: In Singapur muss man nichts ausmessen, wenn man umzieht. Ja sowas.
Die Jumpsuit-Frau erklärt uns in einem an indische IT-Callcenter erinnernden Englisch (und einem Affentempo), dass in Singapur alle Wohnungen möbliert vermietet werden, niemand müsse da mit einer Spedition umziehen, sondern man nähme einfach seine paar persönlichen Dinge und zöge um („hm & aha“, denke ich, meinen Blick über die Küchenmöbel schweifen lassend, „so sieht das hier auch aus“, eben nach furniture-to-go & -not-to-use-with-care und justament verspüre ich noch mehr Schmerzen in meinem kaputten Ellenbogengelenk: denn das Küchenmobiliar übernehmen wir ja, vermutlich inkl. Klebreis auf dem Boden und Sesamöl an den Schubladengriffen).

Sie kichert ein bisschen dazu (eigentlich kenne ich fast nur kichernde Asiatinnen, stelle ich mal wieder fest, und bis heute weiß ich nicht, ob das was Genetisches ist oder ein kulturtypisches Verlegenheits- oder Beschwichtigungskichern). Und sie kichert noch mehr, als sie uns, die zwei in ihren Augen mit Sicherheit äußerst seltsamen Deutschen, mit dem Zollstock sogar im Einbauschrank und in der Speisekammer verschwinden sieht. Wenn der Deutsche was misst, dann halt auch gründlich (Grundriss in doppelter Ausfertigung zur Hand, falls man sich verschreibt).

Zum Abschied muss uns Minisuperman die Hand drücken und „Goodbye“ piepsen, Louis wünscht uns „all the best“ und erwähnt höflich, er würde die Wohnung Ende April besenrein an unsere Vormieter zurückgeben. Ich mache mir innerlich sogleich eine Notiz, in der ich schon heute schon gelobe, mich dann sehr zu bemühen, die singapurische Definition von „besenrein“ unter „Kulturstudien/Südostasien“ zu verbuchen.

Der Name „Singapur“ entstammt übrigens dem Sanskrit und bedeutet so viel wie „Löwenstadt“. Was recht gut zur Umgebung rund um die neue Wohnung passt, wie ich finde.

Denn der Dackel, der ja bekanntermaßen in seiner Persönlichkeitsstruktur weder zu Bescheidenheit noch zu Wankelmut neigt und sich daher zu recht dem König der Tierwelt mindestens ebenbürtig fühlt, wie nachfolgendes Video eindrücklich dokumentiert…

… jener Dackel wird hier (in personam des weltschönsten Dackelfräuleins) nämlich künftig seine Freude haben an der neuen Umgebung mit ihren ultrabreiten Grünstreifen (gespickt mit den Boulevardnachrichten der Artgenossen aus dem Quartier, auch hier: deutlich mehr Vielfalt als in Suburbia, da alles geboten wird von der anspruchsvollen Wochenzeitung für den urbanen Hund von Welt bis zur Tagespostille für die Promenadenmischung schlichteren Gemüts), die wir künftig bei der Abendrunde entlangschlendern werden, Richtung Bavaria- und Löwen-Monumentalstatue.

Oder wir überqueren die riesige Freifläche und gehen dem Münchner Wahrzeichen direkt entgegen.

Der ortskundige Leser mag an dieser Stelle stutzen, sich an den Kopf fassen und gleichermaßen verwirrt wie bang fragen: „Ja, sind die deppert? Welcher normale Mensch zieht denn in die Nähe der Theresienwiese? Müssen die jetzt wirklich von einem Extrem ins andere fallen?“

„Wissen Sie“, würde ich entgegnen, „suchen Sie erstmal ein halbes Jahr in dieser Stadt nach einer schönen und bezahlbaren Wohnung, in der auch Ihr Hund ohne Auflagen willkommen ist, Ihnen auf lange Sicht kein Eigenbedarf droht, Grünstreifen vor dem Haus sind und Sie rundum eine Top-Infrastruktur haben. Dann können wir gern weiterreden.“.

Wir gehen da jetzt positiv ran!
So eine riesige Freiflache unweit der eigenen Haustür hat schon was, so mitten in der Stadt. Ein seltenes Raumerleben, Platz fürs Auge, wohltuende Weite.
Die Lichter des Winter-Tollwoods werden wir mögen und das Oldtimer-Treffen wird uns auch nicht stören. Einmal im Jahr noch ein Flohmarkt und die Handwerksmesse, ja mei.
Unsere Urlaubszeiten sind nun dank des Wohnungswechsels für die kommenden Jahre fest geregelt und werden künftig stets den Zeitraum von Mitte September bis Anfang Oktober umfassen (passt eh super, da sind immer Semesterferien) und die Urlaube werden grundsätzlich mit dem Auto stattfinden.
Gewohnheiten und Regelmäßigkeiten entlasten ja das vom großstädtischen Alltag impulsgestättigte Gehirn (und zudem möchte man sich ja weder auf die Kühlerhaube kotzen lassen noch morgens vor dem Haus in ein Meer aus Scherben und gebrannten Mandeln treten, vom nächtlichen Lärm der Saufbrüder und dem Gedröhne der Fahrgeschäfte mal ganz zu schweigen).
Alles hat seine Vor- und Nachteile.
Irgendeine Kröte muss man hier in München immer schlucken, wenn man nicht Krösus ist. Und an ca. 350 Tagen im Jahr wird sich die Kröte ja auch weitgehend fernhalten.

Fotos werden wir schießen, viele Fotos, in allen Belichtungen und Stimmungen, zu allen Jahreszeiten, an die bronzene Patronin gelehnt, mit einem oder beiden bayrischen Löwen drauf, dorische Säulen umarmend oder zu den Büsten der Herren Brecht, Fraunhofer und Pschorr aufblickend, die für uns auf die eine oder andere Art bedeutsam waren oder sind (der Haifisch, die Firma, der Himmel der Bayern!).

Und mein Aufatmen wird man deutlich hören können, von dort bis hinüber zur Paulskirche, sofern das Dackelfräulein nicht gerade eine Taube oder einen Skater verbellt.
An Sommerabenden werden wir uns nach unserem Rundgang noch eine Kugel Eis holen, beim Kustermann ums Eck. Stracciatella, Kokos oder Pistazie, im Hochsommer auch mal Zitrone oder Heidelbeer.
In der Waffel versteht sich, denn es ist seit jeher nicht nur Sitte, sondern Gesetz, dass die kleine Hundemadame das Endstück der Waffel zu erhalten hat.

Liebe geht schließlich nicht nur miteinander durch dick und dünn oder täglich Spazieren, sondern Liebe geht immer auch durch den Magen.