Matrjoschka (2).

Zusammen mit dem Advent kommt Jahr für Jahr auch die Erinnerung an das abgebrochene Blatt zurück.
Spätestens, wenn ich den ersten Adventskranz sehe, fällt es mir ein.

Matrjoschka Nr. 2 tritt aufs Podest, erhebt ihr dünnes Stimmchen und spricht: Über damals und über den Advent.

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Meist konnte die Mutter nicht allzu gut mit der Tochter umgehen. Sie gab sich dabei wie jemand, dem das Leben eine Rolle vor die Füße geworfen hatte, die ihn permanent überforderte, derer er sich aber leider nicht entledigen konnte.

Dieses kleine, lebendige, ganz eigene und zugleich völlig fremde Wesen zu erziehen – und zwar Erziehen im Sinne einer aufrichtigen Unterstützung beim Sich-Herausbilden-Lassen dessen, was da in diesem kleinen Menschen dringend zum Vorschein kommen will, wie ein Pflänzchen, das für sein Emporkommen aus dem Erdreich, sein erstes Blatt, seine erste Blüte nach einer verlässlichen und konstanten Menge Wasser verlangt, so dass der zuständige Gärtner nicht nur an gut gelaunten Tagen mal mit der Gießkanne vorbeischlendern und ein paar Tröpfchen verlieren darf – war eine Aufgabe, der sie nicht gewachsen war und deren möglicher Verlauf sie auch erschreckte.
Wer würde da heranwachsen?
Und wie würde sie eventuellem Wildwuchs beikommen können?

Notgedrungen eignete sie sich schließlich ein wenig Teilzeitgärtnereiwissen an, verlegte sich hierbei vor allem aufs Zurechtstutzen des Pflänzchens, zupfte beständig an ihm herum, riss ihm hier und da ein Blättchen aus, kürzte Verästelungen, die entstehen wollten und ihr nicht gefielen, steuerte die Blütephasen durch gezielte Düngung und topfte es nach Belieben um, wann immer sie der Meinung war, es sei mal wieder an der Zeit für einen Standortwechsel.
Das Pflänzchen wuchs über viele Jahre langsam, aber wunschgemäß in die Höhe und in die Breite, beides nicht zu üppig und nicht zu karg, ganz so wie die unfreiwillige Hobbygärtnerin es vorgesehen hatte.

Nur Wurzeln zu schlagen, das gelang ihm nicht, dafür wurde es zu oft versetzt in seinem noch jungen Leben. Es blieb ein wackliges Pflänzchen, das oft kränkelte. Und auch das mit dem Erblühen fiel ihm schwer: Denn kaum hatte es seine kleinen Knospen mühsam zu Blüten geöffnet, welkten diese rasch, fielen früh zu Boden, landeten neben dem Übertopf aus Terracotta, in den das Pflänzchen gestellt worden war, und harrten dort ihrem Schicksal, von der Gärtnerin oder einem Windstoß weggefegt zu werden.

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Was der Mutter weitaus mehr lag als Gärtnerei oder Kinderei, war Ton. Terracottafarbener, weicher, formbarer Ton. Sie kaufte ihn säckeweise, bearbeitete ihn mit einer Engelsgeduld, übte leidenschaftlich mit und an ihm, schenkte ihm viel Zeit und große Aufmerksamkeit.
Mit dem Ton verstand sie sich von Anfang an hervorragend, denn der Ton war stumm, stellte keine Fragen und wollte nichts von ihr, aber je intensiver sie sich mit ihm befasste, desto mehr tat er, was sie von ihm wollte und das wiederum bescherte ihr eine Zufriedenheit, die sie in ihrem Alltag niemals fand.
Der Ton ärgerte sie auch nicht mit Wildwuchs, er fügte sich geschmeidig in ihre Hände und nahm meist willig die Form an, die sie ihm geben wollte. Die Mutter und er wurden ein inniges, eingeschworenes Team, erschufen zusammen die tollsten Dinge und fuhren sogar gemeinsam in Urlaub.
Zwei Abende pro Woche verbrachte sie in einer benachbarten Keramikwerkstatt, der Papa und ich verbrachten diese Abende mit Lettra-Mix-Partien und Kniffel-Orgien, ab und zu brachte er auch mal den tragbaren Fernseher aus dem Büro mit und wir sahen zusammen einen Film an.
Töpferabende waren gute Abende, denn mit dem Papa allein zuhause zu sein, war in diesen Jahren durchweg entspannt.

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Die Mutter bestückte und dekorierte nach und nach den gesamten Haushalt mit ihren tönernen Objekten, eines schöner und kunstvoller als das andere, viele davon sogar auch noch nützlich.
Und eines Tages schleppte sie den Adventskranz nachhause. Einen riesigen, rötlich glänzenden Kranz aus Ton, rundum verziert mit hell lasierten, aufgesetzten Blüten, die der Papa und ich, wir ollen Banausen, natürlich nicht sofort als Christrosen identifizierten. Die Halterungen für die vier Adventskerzen waren exakt symmetrisch auf dem Kranz angeordnet, jede war mit einem Dorn in der Mitte versehen, der die Wachslichter fixieren sollte.
Es war ihr Meisterstück, ihr Werk für die Ewigkeit.

Der Papa und ich bewunderten es ausgiebig, würdigten jedes winzige, perfekt modellierte Blütenblättchen, damit die Mutter strahlte.
Als der erste Advent nahte, wurde das Kunstwerk prominent in Tischmitte platziert, ein eigens auf die Maße des neuen Tonobjekts zugeschnittener, dunkelgrüner Filzuntersetzer wurde daruntergeschoben, um das Holz des Esstisches vor Kratzern zu bewahren.
Der Kranz war so ausladend, dass man Acht geben musste, bei den Mahlzeiten ja nicht mit dem Speiseteller an ihn zu stoßen, und überhaupt ist es in meiner Erinnerung ein einziger großer Eiertanz gewesen, der um diesen Kranz zu machen war und das vier quälende Wochen lang.

Denke ich an die Advente meiner Kindheit zurück, so muss ich feststellen, dass viele Erinnerungen an diese vorweihnachtliche Zeit von jenem Tonkranz geprägt sind. Er war weit mehr als bloß eine gelungene Keramik oder ein besonders individueller Adventskranz. Er war die tongewordene Mutter, ihr Ebenbild, das dort prachtvoll glänzend inmitten des Wohnzimmers thronte und ob seiner filigranen Form ständig zur Vorsicht mahnte.
Wie ein übergroßer, roter fragile-Aufkleber prangte dieser Kranz auf unserem Tisch und er symbolisierte das, was man sowieso das ganze Jahr über zu praktizieren hatte: Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht!

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Auch die Tochter hatte Freude am Ton, war voller Neugier und Tatendrang, durfte sogar einen Töpferkurs für Kinder besuchen.
Und brachte eines Tages eine kleine Schildkröte aus terracottafarbenem Ton mit nachhause. Die Schildkröte bestand aus zwei Teilen: einem Unterteil in Form einer Schale mit einem Kopf und vier Füßen dran sowie einem Panzer, mit dem man die Schale abdecken konnte. Beim Brennen hatte es den Panzer ein wenig verzogen, so dass er nicht passgenau auf dem unteren Teil aufsaß, sondern leicht wackelte, und einer der Schildkrötenfüße hatte eine Delle bekommen.
Die Tochter war trotzdem voller Stolz, als sie mit der etwas windschiefen Schildkrötenschatulle heimkam und präsentierte sie der Mutter. Die bemerkte sofort den wackelnden Panzer und kommentierte ihn mit den Worten: „Da hast du aber nicht gut aufgepasst, der rutscht ja runter!“

In einem Akt von tollkühner Selbstbehauptung stellte ich meine Schildkröte auf den Esstisch, neben den Adventskranz der Mutter. Das zog sogleich einen Aufschrei nach sich, weil der eingedellte Fuß der Schildkröte, der der Mutter ebenfalls nicht entgangen war, den Tisch hätte beschädigen können. Daraufhin setzte ich meine Schildkröte kurzerhand in das große, leere (und wie ich fand: sehr einladende) Rund des Adventskranzes hinein, denn zum einen war dort genug Platz für die Schildkröte und zum anderen stand sie nun auch kratzsicher zusammen mit dem Kranz auf dem grünen Filzboden.
Ein wirklich gutes Gefühl hatte ich bei dieser Aktion nicht, vermutlich schwante mir bereits, dass mein reptiler Erstling dort nicht willkommen sein würde.

Und so war es auch. Als die Mutter die Schildkröte im Herzen ihres Adventskranzes entdeckte, war sie fassungslos und zitierte mich sofort zu sich. Was ich mir denn dabei gedacht hätte, ihren schönen Kranz mit sowas zu verschandeln. Dass diese Schildkröte doch auch überhaupt nicht zu Weihnachten passe. Wie das denn jetzt aussähe auf dem Tisch und dass ihr Kranz dort alleine wirken müsse und in seiner Mitte allenfalls Tannenzweige oder -zapfen liegen dürften.
Sie griff nach der Schildkröte, hob sie aber in ihrem Zorn etwas zu hastig hoch, wollte sie möglichst schnell der Umarmung ihres Meisterwerkes entreißen. Dabei verrutschte der wacklige Panzer und fiel hinunter.
Er fiel – Sie ahnen es schon – auf den Adventskranz. Genauer gesagt auf eine seiner besonders empfindlichen Blüten und brach dem Christröslein eines seiner Blätter ab.
Die Mutter war außer sich und führte sich auf, als hätte ihr meine kleine Schildkröte die Kehle durchgebissen.

Den Fort- und Ausgang dieser Vorweihnachtsidylle erspare ich Ihnen – und mir.
Nur so viel: Die Schildkröte ist damals bald eingegangen, sie verkümmerte einfach, so wie manche der Pflänzchen um sie herum es ja auch taten, mangels Licht, Wasser oder Raum.

Adventskränze und Christrosen zieren seither eher selten meinen Tisch und nach diesem Vorfall wagte ich es auch nie mehr, ein Stück Ton anzurühren, obwohl ich es damals geliebt habe, den nassen Ton anzufassen und nie vergessen habe, wie gut sich das anfühlte.

Nur Schildkröten, die mag ich immer noch.
Vor allem die mit einem krummen Panzer und einer Delle am Füßchen.

Matrjoschka (1).

Matrjoschka Nr. 1: Die Kleinste von allen hat als Erste das Wort.

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Die Mutter war Russin, weshalb ihre Tochter eine Natascha Irina sein musste.

Hätte sie einen Sohn geboren, säße hier nun mein männliches Pendant auf dem Sofa. Ein Boris Alexander, mit seinem Laptop auf dem Schoß, er hätte vielleicht kein weißes, sondern ein silbernes oder schwarzes.
Vielleicht würde er Wodka trinken statt Weißbier und bestimmt hätte er zur Winterzeit im Unterschied zu mir stets warme Füße. Und vielleicht läge anstelle einer Rauhaardackeldame ein Sibirischer Huskyrüde unter seiner Wolldecke.

Aber wie dem auch sei: Er hätte dieselbe Mutter gehabt, und er hätte sich ebenso als ihr einziges Kind unter ihrem Regiment behaupten müssen.

Was hätte er für eine Überlebensstrategie entwickelt?
Wäre er stärker gewesen als ich? Oder schwächer?
Ob auch er eines Tages davongelaufen wäre? Oder geblieben wäre?
Hätte er sie wohl länger lieben können als ich? Oder gar noch kürzer?
Und wäre es ihm möglich gewesen, an ihrem Sterbebett zu sitzen? Oder ebenso wenig?

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Ein russisches Original: Birkenholz, handbemalt und aus sieben Teilen bestehend.

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Der Papa brachte sie mir neulich aus Russland mit.

Er hätte eine ganze Weile suchen müssen, sagte er, bis er eine gefunden hatte, die der, die zu meinen Kindheitstagen im großen Bücherregal der Mutter stand und von dort, aus einer Lücke zwischen dem grün ummantelten Pschyrembel und den blau eingebundenen technischen Wörterbüchern, völlig reglos, aber mit wachem Augenaufschlag auf unser Familienleben hinunterblickte und das, was sie sah, sich verpuppen ließ, um es dann gut in ihrem Inneren zu verbergen, zum Verwechseln ähnlich sah und die aus genauso vielen Figuren bestand: nämlich aus sieben Puppen.

Schließlich hatte er sie gefunden.

Nach 35 Jahren habe ich nun wieder eine Matrjoschka. Eine echt russische!
So wie die, die ich als Kind immer wieder auseinandernahm und zusammensetzte, um sie dann erneut zu zerlegen und wieder zusammenzubauen – und immer so fort.
Es war die Hauptaufgabe, die ich in dieser Familie hatte: all diese Figuren irgendwie zusammenzuhalten oder sie zu separieren, je nach Temperatur, die das familiäre Thermometer gerade anzeigte, und mit viel Fingerspitzengefühl, damit das feine Birkenholz, aus dem sie gedrechselt waren, ja nicht zerbrach.
Mal stellte ich sie als Ganzes zurück ins Bücherregal der Mutter, mal platzierte ich alle sieben Puppen einzeln dort, was der Mutter missfiel.
Sie geriet dann in Sorge, eine der kleineren Matrjoschkas könne zu Boden fallen und dabei kaputtgehen.

Rückblickend denke ich, dass ich schon früh die Verwandtschaft zwischen der Matrjoschka und unserer Familie wahrgenommen hatte und sie mich deshalb so faszinierte.
Denn unsere Dreiheit war genau wie diese Matrjoschka: ein zurechtgedrechseltes Kunstprodukt, ein ineinander verschachteltes Etwas, nach außen hin zwar bunt und lächelnd, tief drinnen aber mit einem harten, hölzernen Kern, der umgeben war von vielen Hüllen, jede davon schmerzerprobt, weil potentiell jederzeit in ihrer Mitte durchtrennbar und zu oft allein dastehend (und dann diesen unheimlichen Hohlraum in sich spürend).

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Nun, da ich der Mutter nichts mehr übelnehme – und das nicht etwa, weil ich ihr alles verziehen hätte, was ich ihr einst übelnahm, sondern: seit der irdische Part unserer Geschichte ein Ende fand, fühlt sich die Vergangenheit von Jahr zu Jahr friedlicher an, wohl weil ihr jede Zukunft genommen wurde und sich das als heilsam erweist – kann ich über sie schreiben.
Kann sie be_schreiben, die Mutter und die 17 Jahre, die ich mit ihr verbrachte.

Freuen Sie sich also auf „Matrjoschka“, die neue Winterserie hier im Kraulquappen-Blog.
Oder besser gesagt: Seien Sie zumindest gespannt auf etwas dunkle Lektüre in der dunklen Jahreszeit, die gut zu einem Pott schwarzem Tee mit zu viel Rum drin passen könnte, aber richten Sie Ihre Freude vielleicht doch lieber auf Bekömmlicheres wie z.B. Weihnachtsplätzchen oder die Schokoladenstückchen aus Ihrem Adventskalender, die demnächst ja Einzug halten werden.

Diese Serie wird sieben Teile umfassen, so wie auch die Matrjoschka, mit der ich als Kind unter dem großen Schreibtisch der Mutter hockte und spielte, aus sieben Figuren bestand. In jeder Folge wird eine der Puppen ihre Geschichte erzählen.
Obwohl es noch exakt sieben Wochen bis Weihnachten sind, werden wir bis dahin nicht fertig sein, sondern erst dann, wenn der Schnee, der jetzt noch gar nicht gefallen ist, langsam wieder zu schmelzen beginnt.

Ich versichere Ihnen, mir Mühe zu geben, die Memoiren der sieben Holzpüppchen jeweils so zu lektorieren, dass Ihnen die veröffentlichten Beiträge nicht ähnliche Frostbeulen bescheren wie sie sie in der damaligen Kinderseele der Tochter hinterließen – es ist draußen ja schon zapfig genug.

Und falls Sie sich fragen, wieso Sie diesen Siebenteiler nicht während der dauerheißen Sommermonate kredenzt bekommen, wo ein bisschen Frösteln ja durchaus wohltäte, so kann ich das schlicht und schnell damit beantworten, dass manche Geschichten emotional und auch sonst Wintergeschichten sind und daher in keiner anderen Jahreszeit erzählt werden können.

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Die sieben Mütterchen aus Russland packen aus.

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