Mit Löwenkräften.

Kommen 5 Löwen pünktlich um 8 Uhr in die Wohnung spaziert, werkeln 7 Stunden gut gelaunt vor sich hin („Ey, Seppi, was macht dein Asthma heute?“ – „He, Tarek, nicht heimlich an den Hundeknochen knabbern!“), trinken 5 Liter Cola, knuddeln abwechselnd das Dackelfräulein (immer wieder rührend: muskulöse Kerle, die säuselnd in die Knie gehen – wegen einem kleinen Hund!), futtern 10 belegte Semmeln + 8 Nussschnecken und verschwinden um 15 Uhr mit einem fröhlichen „Servus, bis morgen!“ wieder.

Alles ist eingepackt & verpackt & zerlegt oder anderweitig für den morgigen Transport vorbereitet.

Für den schwächelnden Normalo mit Epicondylitis schwer nachvollziehbar. Ehrlich gesagt geradezu unfassbar!

Muss man halt mal ein Stückerl klettern für die Abendlektüre im Lesesessel!

Für das Dackelfräulein wurden nette Labyrinthe und Durchschlupfe angelegt…

…und für die Zweibeiner immerhin der Durchschlupf auf den Balkon freigelassen…

…so dass dem Feierabenddrink nichts im Wege steht.

Und dass Sie nun nicht denken, wir hätten hier faul in der Sonne gesessen!

Weit gefehlt!

Der eine war auf dem KVR, um den Wohnsitzwechsel anzumelden, Kfz-Papiere anzupassen und eine Parklizenz zu beantragen, die andere fuhr mit vollbepacktem Kombi zum Wertstoffhof, kümmerte sich um die Löwenfütterung und die Koordination der Handwerksarbeiten für die nächsten 4 Wochen.

3x dürfen Sie raten, für wen der Tag am nettesten war.

Richtig! 😎🐕🌴

So viel steht fest: In meinem nächsten Leben werde ich Hund.

Suburbia (5): Dum dum dee dum (The moving dachshund’s theme).

Suburbia – 5. und letzter Akt (ganz unklassisch: ohne Katastrophe)!

Alle Schlüssel fürs neue Zuhause sind seit gestern übergeben, (fast) alle To-Do-Listen im alten Zuhause abgearbeitet (sind ja noch 18 Std. Zeit, bis die Jungs von der Umzugsfirma hier aufschlagen), alle anstehenden Bau- und Renovierungsarbeiten in Tabellen gegossen und zur Vorbereitung ins Allgäu geschickt, alle Hassbriefe an Vodafone versandt (den hierzu angekündigten Beitrag bekommen Sie erst zu Gesichte, wenn das Drama überstanden ist), alle Ellenbogen dank Spritzen für die kommenden Tage geölt, alle Bier- und Weinvorräte ausgetrunken, alle Alpträume des nachts geträumt (zuletzt: Umzugswagen hatte einen Unfall und unser gesamter Hausstand ging dabei kaputt)…

*****

Morgen um 8 Uhr kommen die Jungs von der Spedition und legen hier los.

Hoffentlich ist mal wieder auf das gute „nomen est omen“ Verlass und sie bringen nicht nur weitere 100 hübsche Löwen-Kartons, sondern auch die Kraft mehrerer Löwen mit, so dass wir unsere lädierten Pranken ein wenig schonen bzw. deren klägliche Restenergie fürs Auspacken aufsparen können.

Der Gatte, ein eingefleischter FC Bayern-Fan (wenngleich „eingefleischt“ für einen Vegetarier ein zweifelhaftes Attribut ist), hat ein bisserl gezuckt, dass ihm hier ausgerechnet Löwen in seine Arena einmarschieren, aber mei. Wir hatten die Spedition schon letztes Jahr in die engere Auswahl genommen, uns dann aber dummerweise für die preiswertere Scheißfirma entschieden, mit deren Versicherung wir uns im Anschluss schlappe 4 Monate rumgekloppt haben, bis endlich alle Schäden ersetzt waren.

Dabei waren wir damals wie auch heute sogleich vom Charme des Ober-Löwen eingenommen. Herr A. hat sich ein kleines, feines Familienunternehmen aufgebaut, ist selbst bei jedem Umzug mit dabei (stets frisch geduscht und deodoriert, bestens gelaunt und in Strahlemannoptik, das blitzsaubere Firmen-Shirt stramm über die Muskeln gespannt), alles läuft sehr individuell und persönlich ab (Herr A.: „So ein Umzug besteht zu 50% aus Psychologie!“ oder „Ihr Lieben, entspannt euch, alles wird gut!“).
Ein Profi, der sofort die neuralgischen Punkte seiner werten Kundschaft erspürt und so geschickt darauf eingeht, dass man sich beinahe auf den Umzug mit seiner Firma zu freuen beginnt (was seit heute Morgen auch meine Devise ist: mache man sich doch einfach mal einen Spaß draus, falls möglich…, ich werd‘ Fotos schießen und das Ganze als Artikel „Wohnungswechsel mit Waldi“ an irgendein Magazin verkaufen, Herr A. hat zudem bereits Interesse an Fotos vom Dackelfräulein als Kartonmodel bekundet).

Überhaupt wäre der nette Herr A. einen eigenen Beitrag wert.
Falls wir unerwarteterweise von Vodafone noch vor Weihnachten wieder ein funktionierendes Internet zur Verfügung gestellt bekommen, reiche ich die Story gerne nach.

*****

Es gibt übrigens keine Lebenslage, zu der der Boss nicht den passenden Song beisteuern könnte – man muss einfach nur alle Songs kennen!

Und wenn ich es schon sonst zu nicht allzu viel gebracht habe in meinem Leben, so doch immerhin dazu, ein wandelndes Springsteen-Songbook zu sein (sollte „Wetten, dass“ nochmal neu aufgelegt werden, könnte das glatt mal eine Einnahmequelle sein: anhand einer (!) beliebigen Textzeile den Song zu erkennen, alternativ könnte ich auch mit einer anderen, etwas bajuwarischeren Nummer auftreten und nach je einem (!) mit verbundenen Augen genossenen Schluck Weißbier aus insgesamt 27 Gläsern treffsicher die Schneider Weiße, TAP7, „Ein Bier wie daheim“, identifizieren, beides immerhin auch Wetten, bei denen man sicher nicht im Rollstuhl landet).

Eigentlich wär‘ dieser Beitrag auch was für die Rubrik „Song des Tages“ oder „Soundtrack meines Lebens“ gewesen. Aber dann fand ich, die Chefin des Hauses sollte nochmal ganz im Vordergrund stehen:

Ein Löwe zieht um!

The moving dachshund’s theme
(aka „Lion’s den“ by Bruce Springsteen)

You broke my heart, tore it apart
Thought it was cute, thought it was smart
But now I’m back and I’ve got the strength of ten
So I got a message for you my friend

I’m Pippa waiting in the lion’s den
Dum dum dee dum dum dee dee dum dum

That old lion’s mean and long in the tooth
And like you, baby, he’s out on the loose
Messing hearts up time and time again
Well it’s the time for that messing to end

I’m Pippa waiting in the lion’s den
Dum dum dee dum dum dee dee dum dum
Here we go!

At night I hear you out prowling around
Tearing guys up, scaring ‚em down
Now all that growling’s gonna come to an end
‚Cause I’m just biding my time, my little friend

*****

Ja, liebe Leserinnen und Leser, unsere Zeit in Suburbia neigt sich nun dem Ende entgegen.

Auf 371 Tage haben wir es hier am Stadtrand gebracht, 137 wären mir lieber gewesen, aber immerhin ist es überhaupt auf eine Kombination der Lieblingszahlen hinausgelaufen. Da bin ich abergläubisch – und zwar im positiven Sinne!
Und es hätte uns schließlich auch ärger erwischen können, wenn es 713 Tage geworden wären, wonach es ja zwischenzeitlich, als wir noch knöcheltief durch den Morast des Münchner Wohnungsmarktes wateten, fast aussah.

Nun aber flink weiter gewerkelt, damit wir nachher pünktlich zur Arrivederci-Pizza mit unserem Lieblingsnachbarn beim Suburbia-Italiener eintreffen.

Ein schönes Wochenende noch und drücken Sie uns und den Löwen die Daumen, liebe Leserinnen und Leser!

Bleiben Sie dran, bleiben Sie uns gewogen & bis bald – dann von gegenüber der Bavaria!

Magazin der Woche.

Hätte der Kiosk nicht wegen des Feiertages geschlossen – ich hätte sofort zugeschlagen, obwohl ich sonst nie den doofen Focus lese:

Eine – wie ich finde – äußerst gelungene, sinnvolle, zeitgemäße Kombination der Titelthemen: Raus aus der Einsamkeit & rein in die neue Bude.

Und das klappt bei den teuren Mieten hier in München einfach besser, wenn einem Freunde unter die Arme greifen. Und es ist doch geradezu spitze, wenn es da so viel zu tun gibt, dass der Einsamkeitsfaktor dadurch nicht nur für die klägliche Dauer von ein paar Hand- oder Ratschlägen, sondern gleich auf Wochen (!) gegen Null sinken wird.
Lebenslänglich stabile Arbeitsplatten und Speisekammer-Innenausbauten werden in lebensverlängernder Gemeinschaftsarbeit montiert werden, dazu noch eine gratis Leberkässemmel (vom Vinzenzmurr, versteht sich) in der Mittagspause und ein Freibier nach Feierabend (aber dann muass a Rua sei, man soll’s ja a ned übertreibn mit de Spezln).

Super Deal, für alle Beteiligten (erst recht, wenn a Schwob mit von der Partie is‘!), nicht wahr?
Sie werden das hier mitverfolgen dürfen, sofern Vodafone das mit dem Internetanschluss zustande bringt – in 2 Wochen geht’s los!

Wir aber spucken schon heute in die Hände und feilen noch ein wenig am Projektplan herum, passend zum Tag der Arbeit. Denn morgen rückt der Handwerker zur gründlichen Inspektion aller Wohnungen und Aufgaben sowie zum Verfassen der ersten Baumarkt-Einkaufsliste an (damit das dann auch zügig starten kann und man nicht unnütz Zeit verplempert mit Oho!- und Aha!-Sagen). Wir sind gespannt!

In diesem Sinne: einen schönen Feiertag allen Leserinnen und Lesern!

Soundtrack meines Lebens (1): Keep pushin‘ till it’s understood.

Es kommt so gut wie nie vor, dass ich an einem Tag gleich 3x mit dem Papa telefoniere. Heute hat es sich so ergeben.

Nach einer nervenaufreibenden morgendlichen Arbeitseinheit – Beratungstelefonat mit dem Mieterverein zwecks erster aufscheinender Probleme mit der im Juni anstehenden Übergabe der alten Wohnung (die damenbärtige Vermieterin mit Großgrundbesitzerattitüde meint, uns vorschreiben zu können, wer hier die Renovierung durchführt – und auch wie), zwei Telefonaten mit dem Kreisverwaltungsreferat (eine Parklizenz erhalten Sie in München nur, wenn Sie bereits umgemeldet sind, Ummelden können Sie sich aber erst ab Einzug, d.h. Sie müssen im neuen Viertel mindestens 3 Wochen lang Parkscheine kaufen und das geht dann durchaus ins Geld) sowie einer langen Auseinandersetzung mit der Spedition, die den neuen Kühlschrank nach vorheriger Absprache zu liefern versprach (was aber nicht der Fall war, so dass ich mich samstags von einem grantigen Südländer am Telefon beschimpfen lassen durfte, wieso ich nicht die Tür öffnen würde, er stünde da mit einem Kühlschrank) – nach dieser nervenaufreibenden Arbeitseinheit also, die in dieser oder ähnlicher Form momentan zu meinem täglichen Brot gehört (vor allem jetzt, wo es nur noch 4 Werktage bis zum Umzug sind), wollte ich mir eine kleine, erfreuliche Pause gönnen und rief den Papa an.

Der fliegt morgen nach Norwegen und reist per Hurtigruten an der Küste entlang, was er schon immer mal tun wollte und nicht mehr lange wird tun können, da der Parkinson ihm das Reisen mehr und mehr erschwert. Etwas geknickt meinte er heute, dass er bei etlichen Landgängen wohl kaum noch weiter käme als bis zur Eisdiele im Hafen, aber so sei das eben nun.
Ich wünschte ihm eine gute Reise, er mir einen guten Umzug – und wie immer versprach er, sich 1x von unterwegs zu melden (und ich bat um eine Postkarte aus Bodø oder Bergen oder Trondheim, wir haben so unsere Rituale).

Eine gute Stunde später, ich saß gerade über dem Online-Banking-Portal und überprüfte mit weit aufgerissenen Augen die aktuellen Abbuchungen – allein bei der Zeile mit der heute fälligen Kaution für das neue Zuhause stockt einem schier der Atem! – entdeckte ich zu meiner Überraschung zwischen all den Beträgen mit vorangestelltem Minus doch auch glatt einen einzigen (!) mit einem Plus davor. Verwendungszweck: „Zuschuss zum Umzug (hoffentlich der letzte für längere Zeit!)“.

Der Papa war das. Dieser Obolus kam unerwartet, schließlich hatte er sich vor genau einem Jahr bereits recht spendabel gezeigt in Sachen Umzugsunterstützung und erst neulich auch noch einen Großteil der Operation vom Dackelfräulein übernommen. Wir reden nie über Geld, der Papa und ich, oder dass ich was brauchen könnte oder würde, er überweist das einfach so, dabei ist er selbst alles andere als Krösus oder ein wohlhabender Rentner.

Ich wählte also ein zweites Mal seine Nummer. Mit einem brummelnden „Was gibt’s denn noch?“ hob er ab, schwer schnaufend vom Gang zum Telefon. „Ich packe doch gerade meine Koffer und muss immer die Treppe runterlaufen zum Telefon!“ beschwerte er sich. Ich bedankte mich für seinen Zuschuss, war in recht gerührter Stimmung, er aber eher nicht, was ich daran merkte, dass er meinen Dank mit einem nüchternen „Seit 2 Jahren bin ich ja den Unterhalt an deine Mutter los, da kann ich dir schon ab und an was geben. Aber das ist jetzt hoffentlich euer letzter Umzug, bevor ich ins Gras beiße.“ quittierte.

Das klingt makaber, aber er meint es nicht so. Gewissermaßen ist das ein Teil seiner rheinischen Frohnatur, die bislang gottseidank nur ansatzweise dem Parkinson zum Opfer fiel. Dennoch weiß man nicht so recht, was man auf einen solchen Satz entgegnen soll. Ich versuche es mit einem unbeholfenen munter-optimistischen „Na, so schnell wirst du ja nicht ins Gras beißen!“ (und beiße mir danach heimlich ein wenig auf den Lippen herum, denn: Weiß man’s?!? Oft ist mein diesbezügliches Gefühl ja gar kein so zuversichtliches!).

Anschließend geht das wackere Werkeln in die nächste Runde.
Diese Woche gibt es für jeden Tag eine Liste, was zu tun ist und was nicht vergessen werden darf. Anders haut das nicht hin, wenn man mehr oder weniger alleiniger „Umzugsmanager“ ist und als solcher zwei ehrgeizige Ziele verfolgt: 1. Auf dem letztjährigen Pokal eine zweite Zeile eingraviert zu bekommen (da ist nämlich noch Platz!) und 2. bis zum Geburtstag mit allem (außer Antworten auf Vorhangstoff-Fragen) fertig zu sein.

Sie wollen diese 2-Monats-Liste nicht sehen, glauben Sie mir (und ich veröffentliche sie auch nicht).
Die neue Wohnung ist prima, aber weist diverse Baufälligkeiten auf bzw. erfordert an einigen Ecken kleinere oder größere Anpassungen und Umbauten, damit man überhaupt erstmal Auspacken oder gar Wohnen kann. Ein prima Handwerker ist zwar schon gefunden, der sich in den nächsten Wochen all dieser Dinge annehmen wird, auch der Projektplan ist zeitlich und organisatorisch bereits fixiert, trotzdem wartet da eine ganze Menge Arbeit.

Als ich gegen Mittag aus unserer Tiefgarage fahren möchte, die wirklich ein sadistisches Schmankerl des hiesigen Architekten war, da sie einem zumindest bei vollbeparkter Garage ein diffiziles, minutenlanges Gekurbel um Säulen, Wände und andere Stoßfänger abverlangt, streikt der seit Monaten lädierte Ellenbogen endgültig. Heulen könnte ich vor Schmerzen!

Schon letzte Woche rief ich nach einer ähnlichen Situation verzweifelt beim behandelnden Orthopäden an, der in seiner Praxis ja immerhin ein Schild hängen hat, dass man in Notfällen anrufen und einen kurzfristigen Termin vereinbaren solle, aber nach Auskunft der unfreundlichen Tresentussi wäre das „frühestens Mitte Juni“ möglich gewesen, woraufhin ich pampig sagte, den Notfall wolle ich mal sehen, der in der Lage sei, sechs Wochen auf einen „kurzfristigen Termin“ zu warten, und dann verärgert das Gespräch beendete (und meine Ibuprofenkur um eine weitere Woche verlängerte, bis ich sie wegen Ganzkörperausschlags, die sog. „Ibu-Masern“, und Magenschmerzen dann doch abbrechen musste).

Den Tränen nahe googelte ich in der Tiefgarage nach der Nummer der orthopädischen Praxis. Ein Anrufbeantworter informierte mich, dass ich außerhalb der Öffnungszeiten anriefe, um 14 Uhr könne ich wieder jemanden erreichen. Es war 13:45 Uhr.
Kurzerhand beschloss ich, einfach hinzufahren und mich notfalls an den Empfangstresen zu ketten und so lange um eine Spritze zu winseln, bis sie mich wohl oder übel drannehmen würden. Gleichwohl war mir klar, dass das bei der bärbeißigen Tresentussi verdammt schwierig werden würde.

Auf der Fahrt zur Praxis musste ich an einen Satz denken, den mir der Papa mit auf den (Lebens-)Weg gegeben hatte und an den er mich bis zum Erwachsenwerden (wann auch immer dieser Zustand „erreicht“ war oder sein würde) stetig erinnerte: „Wenn du etwas willst, das dir wichtig ist, dann musst du das auch ausstrahlen, und dafür musst du dir die passende innere Haltung zulegen, damit man die auch deutlich spüren kann.“

Vier Kilometer Autofahrt sind nicht viel, um sich, wenn man Schmerzen hat und auch sonst eher gestresst ist, diese Haltung zuzulegen, selbst wenn man extrem dringend seine Pein loswerden will. Glücklicherweise bekam ich vom Schicksal noch 5 zusätzliche Minuten auf den Stufen vor der Praxistür für diese innere Präparierung geschenkt, da die Tresentussi erst Punkt 14 Uhr um die Ecke bog und grantig die Tür aufschloss.
Alles an mir, sogar der kaum noch bewegliche rechte Arm, strahlte beim Betreten der Praxis aus, dass ich jetzt sofort eine Spritze will. Ich gab mir einen Ruck und begann den Dialog so charmant ich konnte. Trug ausgesucht höflich und zugleich bestimmt mein Anliegen vor, wurde aber sofort unterbrochen und mit „Haben Sie einen Termin?“ angebellt.
Nein, den habe ich nicht, aber es ist ein Notfall, die Diagnose ist seit Monaten dieselbe, und in 1 Woche ziehe ich um und das werde ich definitiv nur packen, wenn ich jetzt eine Spritze in den Ellenbogen bekomme.

Erwartungsgemäß rührte das den Praxis-Cerberus überhaupt nicht und ich wurde erneut in muffigem Tonfall belehrt, dass es die nächsten freien Termine erst ab Mitte Juni gäbe. Nun entspann sich eine heftige Diskussion, in der ich an dem einen oder anderen Punkt zu gern mal mit der Faust auf den Tresen gehauen hätte, wenn mein Arm das nur zugelassen hätte. Es blieb aussichtslos, der Tresen-Terminator stellte sich stur.

Ich betete mir innerlich nochmal den Satz des Papas vor, holte ein letztes Mal tief Luft und sagte „Hören Sie mir jetzt mal gut zu: Ich verlasse diese Praxis erst nach einer Spritze, im Wartezimmer sitzt gerade noch niemand, die Spritze dauert keine 2 Minuten und Sie fragen nun bitte Ihren Chef, ob er bereit ist, mir diese zu verpassen.“ Und das Ganze vorgetragen mit Oberterminator-Miene und einer Stimme so fest wie der Würgegriff einer Python!

Die Tresentussi ließ mich augenblicklich im Wartezimmer Platz nehmen. 3 Minuten später holte mich dort mein Orthopäde ab, war sehr freundlich und zugewandt, wie immer, ich mag diesen Arzt (der erste Orthopäde, von dem ich das behaupten kann). Er tastete meinen Ellenbogen ab, ich schrie mehrfach auf, wir besprachen noch kurz die Dosierung und die Ingredienzien der Spritze – und, zack!, setzte er auch schon die Nadel an meinen Arm. Ich biss die Zähne zusammen – zeitlebens war ich Spritzenphobiker! – dachte fest an den Umzug und an die Wirkung, die in spätestens 48 Stunden einsetzen würde.
Der Arzt begleitete mich anschließend noch hinaus und bevor wir uns verabschiedeten, drehte er sich um und rief dem Tresenterminator zu, dass Frau Kraulquappe in Notfällen zu ihm vorzulassen sei, da sie Stammpatientin ist.

30 Minuten nach Ankunft in der Praxis verließ ich diese wieder.
Gespritzt und zugenäht – was für ein Akt, was für ein Kampf! Im Auto heulte ich erstmal (vor Erleichterung und wegen überstandener Spritze) und fuhr dann weiter zum Einkaufen. Auf dem Supermarktparkplatz angekommen, blieb ich noch im Auto sitzen, nahm spontan das Handy und rief zum dritten Mal den Papa an.

Um ihm zu sagen, wie dankbar ich ihm bin für diesen Satz aus seinem väterlichen Survival-Baukasten und wie gut es war, dass er mir den so früh und so nachhaltig eingeimpft hat, und wie traurig es zugleich ist, dass ich schon so oft ich von dieser Empfehlung Gebrauch machen musste.

Danach hörte ich mir noch Springsteens Badlands an, ein Song aus dem musikalischen Fundus, den ich den Soundtrack meines Lebens zu nennen pflege.
Und als ich die für heute entscheidende Strophe mitgesungen hatte, in der es heißt: „keep pushin‘ till it’s understood and these badlands start treating us good“, da hatte ich mich wieder einigermaßen gefangen und konnte den Wagen verlassen, mich nochmal schütteln und frisch gespritzt den Supermarkt betreten.

*****

Freuen Sie sich schon heute auf den demnächst in der Rubrik „Keep pushin‘ till it’s unterstood“ erscheinenden Beitrag „Kafka on the phone“, den Sie sich gerne als Anleitung für die Beauftragung des Umzugs Ihres Telefon-, Internet- und TV-Anschlusses ausdrucken dürfen, falls Sie zu den armen Schweinen gehören, die einen Vertrag mit Vodafone abgeschlossen haben, an den Sie (mit Ihrem versehrten oder unversehrten Ellenbogen, das macht hier kaum einen Unterschied!) für 24 bittere Monate gefesselt sind.

Bis dahin grüßt Sie herzlich –
Die Kraulquappe.

Patrona Bavariae oder: Ein Abendtermin in Singapur.

Die Pforte zum künftigen Zuhause: Ein gelungener Mix aus Sackkarrenverbot und Kakadueleganz.

Beim abendlichen Vermessungstermin in der neuen Wohnung öffnet uns Louis, der derzeitige Untermieter der Vormieter, die das Feld bereits physisch geräumt haben (Trennung – keiner will dann mehr dort sein), freundlich die Tür und bittet uns hinein.
Ein Pimpf im Superman-Schlafanzug (einer der drei Kleinen von Louis) springt uns die nächste halbe Stunde permanent zwischen Zollstock und Maßband herum und quietscht jedesmal vor Begeisterung, wenn der Gatte die Rückholtaste des 4m-Maßbandes betätigt und das Metallband zurück in sein Gehäuse schnalzt. In der Küche werkeln die beiden (?) Frauen von Louis, es riecht nach asiatischem Klebreis und intensiven Gewürzen, eine der Frauen steht im Micky-Maus-Jumpsuit am Herd, die andere hilft den Kindern bei der Nahrungsaufnahme.

Wir befinden uns mitten im Abendtrubel einer singapurischen Familie und müssen bei all dem Krach und dem Versuch, uns aufs exakte Vermessen der Räume zu konzentrieren, auch noch Englisch sprechen. Müssen mit Vokabeln hantieren, die man auf Reisen und Tagungen nicht braucht, uns also komplett fremd sind (Maßstab, Nische, Kammer, Einbauschrank, Winkel, Mietdauer, Auszug, Malerarbeiten, Dübellöcher, Fußbodenleisten etc.).

Auf dem Fußboden zwischen klebrigen Reiskörnen kniend und mit dem Meterstab in die Ecken robbend lernen wir: In Singapur muss man nichts ausmessen, wenn man umzieht. Ja sowas.
Die Jumpsuit-Frau erklärt uns in einem an indische IT-Callcenter erinnernden Englisch (und einem Affentempo), dass in Singapur alle Wohnungen möbliert vermietet werden, niemand müsse da mit einer Spedition umziehen, sondern man nähme einfach seine paar persönlichen Dinge und zöge um („hm & aha“, denke ich, meinen Blick über die Küchenmöbel schweifen lassend, „so sieht das hier auch aus“, eben nach furniture-to-go & -not-to-use-with-care und justament verspüre ich noch mehr Schmerzen in meinem kaputten Ellenbogengelenk: denn das Küchenmobiliar übernehmen wir ja, vermutlich inkl. Klebreis auf dem Boden und Sesamöl an den Schubladengriffen).

Sie kichert ein bisschen dazu (eigentlich kenne ich fast nur kichernde Asiatinnen, stelle ich mal wieder fest, und bis heute weiß ich nicht, ob das was Genetisches ist oder ein kulturtypisches Verlegenheits- oder Beschwichtigungskichern). Und sie kichert noch mehr, als sie uns, die zwei in ihren Augen mit Sicherheit äußerst seltsamen Deutschen, mit dem Zollstock sogar im Einbauschrank und in der Speisekammer verschwinden sieht. Wenn der Deutsche was misst, dann halt auch gründlich (Grundriss in doppelter Ausfertigung zur Hand, falls man sich verschreibt).

Zum Abschied muss uns Minisuperman die Hand drücken und „Goodbye“ piepsen, Louis wünscht uns „all the best“ und erwähnt höflich, er würde die Wohnung Ende April besenrein an unsere Vormieter zurückgeben. Ich mache mir innerlich sogleich eine Notiz, in der ich schon heute schon gelobe, mich dann sehr zu bemühen, die singapurische Definition von „besenrein“ unter „Kulturstudien/Südostasien“ zu verbuchen.

Der Name „Singapur“ entstammt übrigens dem Sanskrit und bedeutet so viel wie „Löwenstadt“. Was recht gut zur Umgebung rund um die neue Wohnung passt, wie ich finde.

Denn der Dackel, der ja bekanntermaßen in seiner Persönlichkeitsstruktur weder zu Bescheidenheit noch zu Wankelmut neigt und sich daher zu recht dem König der Tierwelt mindestens ebenbürtig fühlt, wie nachfolgendes Video eindrücklich dokumentiert…

… jener Dackel wird hier (in personam des weltschönsten Dackelfräuleins) nämlich künftig seine Freude haben an der neuen Umgebung mit ihren ultrabreiten Grünstreifen (gespickt mit den Boulevardnachrichten der Artgenossen aus dem Quartier, auch hier: deutlich mehr Vielfalt als in Suburbia, da alles geboten wird von der anspruchsvollen Wochenzeitung für den urbanen Hund von Welt bis zur Tagespostille für die Promenadenmischung schlichteren Gemüts), die wir künftig bei der Abendrunde entlangschlendern werden, Richtung Bavaria- und Löwen-Monumentalstatue.

Oder wir überqueren die riesige Freifläche und gehen dem Münchner Wahrzeichen direkt entgegen.

Der ortskundige Leser mag an dieser Stelle stutzen, sich an den Kopf fassen und gleichermaßen verwirrt wie bang fragen: „Ja, sind die deppert? Welcher normale Mensch zieht denn in die Nähe der Theresienwiese? Müssen die jetzt wirklich von einem Extrem ins andere fallen?“

„Wissen Sie“, würde ich entgegnen, „suchen Sie erstmal ein halbes Jahr in dieser Stadt nach einer schönen und bezahlbaren Wohnung, in der auch Ihr Hund ohne Auflagen willkommen ist, Ihnen auf lange Sicht kein Eigenbedarf droht, Grünstreifen vor dem Haus sind und Sie rundum eine Top-Infrastruktur haben. Dann können wir gern weiterreden.“.

Wir gehen da jetzt positiv ran!
So eine riesige Freiflache unweit der eigenen Haustür hat schon was, so mitten in der Stadt. Ein seltenes Raumerleben, Platz fürs Auge, wohltuende Weite.
Die Lichter des Winter-Tollwoods werden wir mögen und das Oldtimer-Treffen wird uns auch nicht stören. Einmal im Jahr noch ein Flohmarkt und die Handwerksmesse, ja mei.
Unsere Urlaubszeiten sind nun dank des Wohnungswechsels für die kommenden Jahre fest geregelt und werden künftig stets den Zeitraum von Mitte September bis Anfang Oktober umfassen (passt eh super, da sind immer Semesterferien) und die Urlaube werden grundsätzlich mit dem Auto stattfinden.
Gewohnheiten und Regelmäßigkeiten entlasten ja das vom großstädtischen Alltag impulsgestättigte Gehirn (und zudem möchte man sich ja weder auf die Kühlerhaube kotzen lassen noch morgens vor dem Haus in ein Meer aus Scherben und gebrannten Mandeln treten, vom nächtlichen Lärm der Saufbrüder und dem Gedröhne der Fahrgeschäfte mal ganz zu schweigen).
Alles hat seine Vor- und Nachteile.
Irgendeine Kröte muss man hier in München immer schlucken, wenn man nicht Krösus ist. Und an ca. 350 Tagen im Jahr wird sich die Kröte ja auch weitgehend fernhalten.

Fotos werden wir schießen, viele Fotos, in allen Belichtungen und Stimmungen, zu allen Jahreszeiten, an die bronzene Patronin gelehnt, mit einem oder beiden bayrischen Löwen drauf, dorische Säulen umarmend oder zu den Büsten der Herren Brecht, Fraunhofer und Pschorr aufblickend, die für uns auf die eine oder andere Art bedeutsam waren oder sind (der Haifisch, die Firma, der Himmel der Bayern!).

Und mein Aufatmen wird man deutlich hören können, von dort bis hinüber zur Paulskirche, sofern das Dackelfräulein nicht gerade eine Taube oder einen Skater verbellt.
An Sommerabenden werden wir uns nach unserem Rundgang noch eine Kugel Eis holen, beim Kustermann ums Eck. Stracciatella, Kokos oder Pistazie, im Hochsommer auch mal Zitrone oder Heidelbeer.
In der Waffel versteht sich, denn es ist seit jeher nicht nur Sitte, sondern Gesetz, dass die kleine Hundemadame das Endstück der Waffel zu erhalten hat.

Liebe geht schließlich nicht nur miteinander durch dick und dünn oder täglich Spazieren, sondern Liebe geht immer auch durch den Magen.

Suburbia (4): Ein Traktat über Flüssigseife und Freundlichkeit.

Damals, im Frühherbst 2017, als man sich hier in Suburbia zähneknirschend eingestehen musste, dass man am neuen Wohnort im Süden der Stadt weder Fuß fassen, noch Wurzeln schlagen würde und erst recht nicht alt werden wollte, und daher nach nur einem halben Jahr Pause in Sachen Wohnungssuche (eine „Pause“, die man mit viel Stress rund um einen großen Umzug und seine Nachwehen verbrachte) erneut einen beherzten Sprung in das Haifischbecken „Mietmarkt München“ machte bzw. machen musste, weil Selbstbetrug nun mal mittelfristig nicht als tragfähiges Lebens- und Wohnkonzept taugt, damals also versuchte ich, mir irgendeinen imaginären Strohhalm zu konstruieren, nach dem ich greifen könnte, wenn die Wohnungssuche uns wieder so zermürben würde wie beim ersten Mal, das uns noch spürbar in den Knochen steckte (vor allem in den ramponierten Ellenbogen).

„Weißt du was?“, sagte ich daher eines trüben Tages in einem Anfall von Pseudo-Optimismus zum Gatten, der hinter der Süddeutschen verschanzt auf dem Sofa lümmelte während ich das Abendmahl zubereitete und mir nach dem Zwiebelschneiden die Hände überm Spülbecken wusch, „Noch bevor diese Flüssigseife hier alle ist, werden wir eine neue Wohnung gefunden haben und wieder in der Stadt leben!“.

Der Gatte quittierte meine waghalsige Prognose mit einem kurzen, eher tonlosen „Hm, na hoffentlich“ und las weiter. Trotzig beschloss ich, auch ohne seinen aktiven Zuspruch an meinem soeben zum rettenden Strohhalm auserkorenen Seifenspender-Konstrukt festzuhalten: Wir hatten den zum Einzug gekauft und bis er leer wäre, würden wir hier wieder ausgezogen sein, jawohl!

An irgendwas muss man sich ja klammern, wenn die Hoffnung von Wohnungsbesichtigung zu Wohnungsbesichtigung schwindet, weil einem in etlichen Monaten zähen Suchens auf professionellstem und zeitintensivstem Niveau noch keine einzige Bude untergekommen war, die ihren horrenden Mietzins auch nur annähernd wert gewesen wäre, geschweige denn uns gefallen hätte oder nicht mit irgendwelchen baulichen oder vertraglichen Zumutungen oder Absurditäten behaftet gewesen wäre.

Und ob Sie’s nun glauben oder nicht: Meine Rechnung ist aufgegangen! Sogar quasi tropfengenau!

Der Seifenspender gab seit etwa einer Woche ein knorzendes Röcheln von sich, wenn die kleine Pumpvorrichtung in seinem Inneren versuchen musste, noch ausreichend Seife nach oben zu befördern. Ich nahm das Geräusch des Behälters zwar zur Kenntnis und dachte natürlich auch an meinen diesbezüglich mit dem Schicksal abgeschlossenen Deal, war aber ehrlich gesagt frustriert vom Nahen des Augenblicks, in dem ich mir würde eingestehen müssen, dass der Deal geplatzt war und auf dem Friedhof meiner Imaginationen beigesetzt werden musste. Denn die letzten paar Wohnungsbesichtigungen waren allesamt dermaßen deprimierend gewesen, so dass ich mir allmählich kaum noch vorstellen konnte, mir jemals in irgendeiner Küche irgendeiner neuen Wohnung mit irgendeiner Flüssigseife meine Hände zu waschen. Mir schwante, dass ich den leeren Flüssigseifebehälter bald stumm in den Mülleimer werfen und ihn desillusioniert durch einen neuen ersetzen würde.

Doch dann zog das Schicksal alle Register.
Völlig überraschend erhielten wir letzten Montag eine Reaktion auf eine Wohnungsbewerbungsmail, die wir längst abgehakt hatten, weil mal wieder tagelang jegliche Antwort ausblieb. Wir erfuhren, dass der Vermieter sich durch Dutzende solcher Mails hatte kämpfen müssen (was eben seine Zeit dauerte) und schließlich 12 Kandidaten ausgewählt hatte, die er nun ins Heiligste vorlassen wollte. Wir schnappten uns den ersten der 12 Termine und standen noch am selben Abend gebügelt und gestriegelt vor dem Haus in der Ludwigsvorstadt, in dem sich die Wohnung befand.

20 Minuten später verließen wir das Haus wieder, sahen uns kurz an, nickten uns zu und sagten: „Das wär‘ die Wohnung, nach der wir gesucht haben!“. Der Konjunktiv hier weniger als Ausdruck einer Möglichkeit, sondern vielmehr im Übergang zum Irrealis begriffen, sich bereits darauf einstimmend, dass man schon in ein paar Tagen wohl sagen würde „Das wäre unsere Wohnung gewesen“, weil der Vermieter unter den 12 Ja-Sagern halt einen anderen erwählt hatte (die dackelfreien Kandidaten oder die dynamischen Doppelverdiener oder das solide Beamtenpaar). Der Gatte schickte dem Vermieter gleich am nächsten Morgen, im flackernden Schein seiner Geburtstagskerze, eine Interesse-Bekräftigungs-Mail hinterher, anschließend wandten wir uns der geburtstäglichen Tagesordnung zu.

Abends wartete ich als Shuttleservice vor dem Schwimmbad, in dem sich der Geburtstägler einen Saunabesuch gegönnt hatte. Recht aufgeräumt und erholt stieg er ins Auto und ließ sich zum Lokal chauffieren. Vor dem Anstoßen hielt er inne und meinte zu mir, er wolle zu Beginn seines neuen Lebensjahres einen Beschluss verkünden und sich durchs sofortige Mitteilen desselben auf verbindlichere Weise zu dessen Umsetzung bekennen. Man kennt das ja: hat man’s erstmal rausposaunt, verwirft sich’s die Sache nicht mehr so leicht als hätte man’s nur im stillen Kämmerlein beschlossen.
Gespannt wartete ich also, was da nun käme. Er raucht nicht, er trinkt nicht, er hat kein Übergewicht und auch sonst keine erkennbaren Baustellen, Laster oder Leiden vorzuweisen, die einer dringenden Änderung oder Abschaffung bedurften.
„Ich möchte ab sofort ein freundlicherer Mensch sein!“, meinte er nach einer kleinen Kunstpause und mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht, von dem ich nicht wusste, ob es seinem Beschluss galt oder der von mir zu erwartenden Reaktion auf diesen Beschluss. Ich musste jedenfalls lauthals lachen, denn mit einem Vorhaben aus der Rubrik „Charakterglättung“ hätte ich defintiv nicht gerechnet. Zumal – und das muss an dieser Stelle wirklich klipp und klar gesagt werden! – ich dem Gatten niemals Unfreundlichkeit attestiert hätte, weder Menschen, noch Tieren gegenüber, ja vor allem keinesfalls Letzteren gegenüber. Am ehesten noch Gegenständen oder „der Technik“ gegenüber – allen voran zum Beispiel dem Drucker, diesem heimtückischen Arschloch („Drecksglump, verreckts!“) – aber hier würde das Vornehmen von mehr Freundlichkeit ja am allerwenigsten zu einer Beziehungsverbesserung führen, da es sich um leblose Materie handelt, die sich weder über Freundlichlichkeit freuen, noch gegen Jähzorn wehren kann.
Im weiteren Gesprächsverlauf erhellte sich mir alsbald, wie er es meinte. Die Details spare ich hier aus Diskretionsgründen natürlich aus, grob gesagt bezog es sich vor allem auf das berufliche Schlachtfeld Terrain, das ja leider nicht frei von Gemenschel ist und wo man je nach Druck und Arbeitsbelastung mal mehr oder weniger beherrscht/geschickt/sozialverträglich reagiert und somit ja immer irgendwie Luft nach oben ist, was die Geschmeidigkeit des eigenen Verhaltens angeht.

Nur 13 Stunden nach diesem Beschluss (auch diese Anzahl an Stunden mit Sicherheit kein Zufall, denn die 13 ist meine GlücksZahl) – es war Mittwochvormittag, ich saß gerade unmotiviert an einer Schreibarbeit und guckte hinaus in das Suburbia-Grau – klingelte mein Handy und der Vermieter war dran und sagte etwas hemdsärmelig: „Wir haben uns für euch entschieden, also falls ihr halt nach wie vor noch Interesse an der Wohnung hättet.“.
Mich hätt’s fast vom Stuhl geschmissen als der Satz vom Ohr bis ins Hirn gekrochen war und dort seine Wirkung entfaltete.
Do legst di nieda!!! Nach einem halben Jahr des intensiven Suchens und bei der ersten wirklich brauchbaren Wohnung sollte es nun geklappt haben (wo ist der Haken? wer verarscht einen da jetzt schon wieder?, schießt’s einem durch den Kopf).
Man kann das einfach nicht glauben. Selbst wenn der Mietvertrag einen Tag später schon im Postkasten liegt – man glaubt’s immer noch nicht. Erst wenn man mit dem besten Juristenfreund von allen stundenlang am Telefon die einzelnen Paragraphen und Formulierungen durchfieselt, da dämmert’s einem so langsam, dass da jetzt echt ein Mietvertrag für eine Wohnung in München vor einem liegt. Nicht der perfekte Vertrag, selbstredend mehr zu Gunsten des Vermieters als des Mieters („Es ist nun mal ein Angebotsmarkt, Natascha!“, sagte mir der Juristenfreund wiederholt, um mir den Sehnsucht-nach-Fairness-Zahn ein für allemal zu ziehen), aber summa summarum für hiesige Verhältnisse doch einer, den man unterschreiben kann, ohne damit den ersten Spatenstich zum Ausheben des eigenen Grabes gesetzt zu haben oder sich die Telefonnummer des Mietervereins schon wieder einprägen zu müssen, um vermieterseitige Pflichtverweigerungen oder Schikanen entsprechend parieren zu können.

Sollte sich die Sache nun auch weiterhin nicht als Neuauflage der Truman Show oder ausgebuffte Verschwörung von Münchner Miethaien entpuppen, werden Sie hier demnächst also wieder von allerhand gruseligen Umzugsvorbereitungen und -erlebnissen lesen, gratis die besten Tipps und Tricks im Umgang mit dem nicht minder gruseligen Kundendienst von Vodafone abstauben können oder auf den neuesten Stand bzgl. orthopädischer Therapeutika für Umzugskrüppel (Rücken, Schulter, Ellenbogen, Handgelenk) gebracht werden.

Darüberhinaus dürfen Sie beizeiten mit neuen Stadtviertelstories rechnen, wir werden uns auf jeden Fall ausführlich über Freud‘ und Leid des dann wieder urbanen Lebens verbreiten und mit Sicherheit auch wieder was zum Granteln finden – spontan fallen mir da schon mal die zu erwartenden Parkplatznöte, vollgekackte Grünstreifen und zu lange Schlangen am Sonntagnachmittag bei Café Kustermann ein – aber das mit größtmöglicher Demut, ich versprech’s Ihnen, denn wir sind wirklich außerordentlich froh, dass wir dem Puls der Stadt wieder ein Stückerl näher kommen.

Und das schon in wenigen Wochen, mitten im Sommersemester vom Gatten, was zeitlich und organisatorisch alles andere als ein Spaß werden wird, aber auch hier verneigen wir uns demütig vor dem Schicksal und sind einfach nur dankbar, uns vom täglichen Mietmarkt-App-Checken ebenso verabschieden zu dürfen wie von all den haarsträubenden Entblößungen im Bewerbungsprozess um ein Stück Wohnraum und den vielen stimmungsversauenden Abend- und Wochenendterminen auf den geschüsselten Parkettböden unserer schönen, geliebten und überteuerten Isarmetropole.

In diesem Sinne: Stay tuned – wie ein geschätzter Bloggerfreund von mir an solchen Punkten des Geschehens zu sagen pflegt!

Überschwängliche Gratulationen, Hopfengetränke zum Anstoßen auf das Neue oder für die bessere Bewältigung des Bevorstehenden sowie Hilfsangebote aller Art (und nicht zu vergessen: kleine und große Spenden für die doppelte Mietbelastung und einen ellenbogenschonenden Umzug) nehmen wir jederzeit dankend entgegen.

Was lernen wir jetzt aus dem Ganzen?

1.) Nie mehr an den Stadtrand ziehen. Das ist nix Halbes und nix Ganzes. Alle Vorteile der Stadt sind weg oder nur noch durch eingepferchtes Ausharren in Staus bzw. U-Bahnen zu erreichen, was du dir angesichts der aufzuwendenden Zeit stets zweimal überlegst und dann (zu) oft bleiben lässt, wodurch du dann aber bald Gefahr läufst, provinzielle Patina anzusetzen. Die Vorteile, die das Landleben bieten könnte, findest du am Stadtrand nicht, denn dort bist du ja eben nicht auf dem Land, sondern in einer Grauzone dazwischen, die tagsüber von Pendlern zugeparkt wird, abends an einen Friedhof erinnert und nicht mal eine vernünftige Kneipe bietet, die du als Zufluchtsort aufsuchen könntest (von netten Cafés, in denen du dich mit Kuchenstücken trösten könntest, ganz zu schweigen).

2.) Falls du 1.) jemals wieder versemmeln solltest, wähle wenigstens eine deutlich geschicktere Verknüpfung zwischen gewünschtem Ziel (=Auszug) und dem für den Zeithorizont zur Zielerreichung maßgeblichen Bezugsrahmen als einen Pott Flüssigseife neben dem Küchenspülbecken, der dann, wenn nur eine Person in deinem Haushalt kocht und sich dort die Hände wäscht, vergleichsweise verbrauchsträge und langlebig ist. Clever wäre z.B. ein Schälchen Quark gewesen, das hat üblicherweise ein MHD von 7-14 Tagen, oder meinetwegen auch ein Glas Nutella, das ja gerade in Phasen seelischer Belastung zu extremer Kurzlebigkeit tendiert. Oder, wenn es denn unbedingt wieder Seife sein müsste, nimm ein kleines, aus irgendeinem Hotel mitgenommenes Handseifenstück, das schnell aufgebraucht ist.

3.) Falls 2.) auch zu nix führt (oder du dich kein zweites Mal an so einen abstrusen Pakt ranwagen möchtest), beschließe einfach, ein freundlicherer Mensch zu werden. Bei Paaren genügt es auch, wenn einer von beiden das tut. Und beschließe das besser heute als morgen. Denn wenn es dich erstmal an den Stadtrand verschlagen hat, wo es weder so idyllisch noch so ruhig noch so wohnlich noch so preiswert und auch nicht so verkehrsarm ist wie du’s dir erhofft hast in deinen naiven Träumen, und dich nicht mal ein Deal mit Flüssigseifenspendern aus den Klauen der Suburbia befreit, dann geht’s ans Eingemachte und du musst selbst ran. An dir arbeiten, dich ändern, dich anpassen, dich fordern, dich quälen, dich optimieren. Halt all das, womit sie dich in diesen durchgestylten Persönlichkeitsentwicklungsseminaren bombardieren, damit das Miteinander flutscht und du deinen Beitrag zum Human Capital leistest. Als Mensch, als Mitarbeiter oder eben auch als Mieter in München.

Charmant (= sth. between Folsom Prison and Mercedes Benz).

„Wir haben heute Mittag einen Besichtigungstermin“, sagt der Gatte und hält mir das Exposé der Sonnigen, charmanten, ruhigen und gepflegten Dachgeschosswohnung unter die Nase.
„Aha“, sage ich, lese mir die Eckdaten durch, werfe mein Laptop an und guglmäpse die Lage. Leider ist vorab keine Zeit mehr für die sonst übliche Kurzvisite zur genaueren Vorab-Überprüfung. Dachgeschosswohnungen sind eigentlich nicht unser Favorit, abgesehen davon, dass einem dort niemand auf dem Kopf herumtanzt (außer Vermieter und Hausverwaltung).
Aber man muss flexibler werden, wenn man bereits in Monat 6 der Wohnungssuche angelangt ist und die Chancen ein klein wenig erhöhen möchte, dieses Projekt vielleicht doch noch bis zum Jahresende abzuschließen.

Die Wohnung liegt in einem netten Viertel und hat einen Grundriss, mit dem man was anfangen kann und der einem nicht abverlangt, die Hälfte aller Möbel auszutauschen. Der nächste Grünstreifen ist 80 Meter entfernt, die Infrastruktur passt und der Mietpreis bewegt sich noch unterhalb der Wuchergrenze.
Sonnig, charmant, ruhig und gepflegt – prima, denke ich, das sind ja genau jene Attribute, die einen bei einer Partnerbörsenannonce auch sofort aufmerken ließen. Klingt nach was Langfristigem, Attraktivem und Solidem.

„Alles klar“, rufe ich also nach meinen schnellen Recherchen dem Gatten zu, „dann lass uns da mal hinfahren!“.
Pelle mich in mein Wohnungsbesichtigungsoutfit, kämme mir nochmal fix durchs Haar, poliere kurz über die Lederstiefel und stelle meinen Schwimmbadrucksack in die Diele.
Denn es hat sich sehr bewährt, direkt nach solchen Terminen ein Stündchen rekreative Reinwaschung und befreiende Bewegung anzuschließen. Quasi das beschwerte Besichtigungsgemüt durch die Schwerelosigkeit im Wasser etwas ausbalancieren. Kann ich nur empfehlen!

Mieter in München: Ein einziges Witzleben.

Vor dem Haus Nummer 9 schleicht schon ein anderes Paar herum. Dass es sich um Mitbewerber handelt, ist unschwer am Outfit sowie am nach oben – zum Dachgeschoss – gerichteten Blick zu erkennen (kurzer Check: jünger, schwangerer, duldsamer, also ist ein gelassenes „Hallo“ angesagt).

Im Treppenhaus stinkt es nach erkaltetem Zigarettenrauch, ein uncharmanter Aufzug befördert uns ins 4.OG, wo uns Frau Huber durch den leukoplastfarbenenen Hausflur bereits mit zur Begrüßung ausgestrecktem Arm entgegeneilt.
Frau Huber ist die Maklerin: Erkältet, ahnungslos, aufgebklebte Billigfingernägel, emsig plappernd. Als sie bzgl. der vom Vermieter angestrebten Mietdauer den Satz „Der Eigentümer wünscht sich daher nachhaltige Mieter“ raushaut, frage ich charmant nach, wo denn die Komposttonnen stünden. „Im sonnigen Innenhof“, entgegnet Frau Huber und verweist darauf, dass wir den nachher natürlich auch noch besichtigen würden.

Der Gatte möchte wissen, wer denn der Eigentümer sei und wie es in puncto Eigenbedarf aussähe. Erst letzte Woche kam eine Wohnung u.a. deshalb nicht in Frage, weil der Wohnungsbesitzer drei studierende Töchter hatte, die vielleicht demnächst aus dem Ausland zurückkehren und dann sicher gern in Daddys Schwabinger Wohnung einziehen möchten, so dass Daddy dann leider sofort seine Mieter vor die Tür setzen müsste (immerhin wurde dieser kleine Haken offen angesprochen).
Heute ist in dieser Hinsicht wohl nichts zu befürchten, Frau Huber beschreibt den Eigentümer als „steinreich“ und im Süden von München in einem großen Haus wohnend. Außerdem hätte er mehrere Wohnungen in München zur Kapitalanlage, da könnten wir uns also entspannen, der würde nie Eigenbedarf anmelden.

Die Dachgeschosswohnung verfügt über etliche „Schreinereinbauten“ in diversen Nischen und Ecken. Sideboards, Besenschrank, Regale, ein Kleiderschrank. Dafür möchte der Vermieter eine stolze Ablöse haben sowie „einen Mieter, der die schönen Einbauten zu schätzen weiß“. Das Glump ist 20 Jahre alt. Ebenso das Parkett. Und die Einbauküche. Und die Plastiktürklinken.
Hieß es in der Annonce nicht „gepflegt“?!?

Da der Holzboden in allen Räumen gleichermaßen ramponiert ist, wage ich die Nachfrage, ob die Böden denn noch renoviert würden. „Oh nein“, meint Frau Huber, „dafür ist leider keine Zeit mehr, denn die Wohnung muss zum 1. April vermietet sein.“
Völlig klar, wo kämen wir denn da hin, wenn ein steinreicher Typ so einen Mietausfall hinnähme, nur um seinen nachhaltigen Mietern für eine ordentliche Miete auch einen ordentlichen Boden zu bieten?

An der Tür zur Duschkabine fehlt der Griff, die angeschimmelten Silikonfugen lenken aber perfekt von derlei Kleinkram ab, außerdem brummt die Lüftung im Bad sowieso so laut, dass man hier nicht länger als unbedingt nötig verweilen möchte.

Neue Serie in der Münchner tz: „Vom Aussterben bedrohte Arten“.

Während Frau Huber drinnen weiterquakt und das schwangere Paar andächtig lauscht, treten wir hinaus auf das „Highlight“ der sonnigen, charmanten, ruhigen und gepflegten Dachgeschosswohnung: die Dachterrasse.
„Südseitige Dachterrasse zum ruhigen, idyllischen Innnhof gelegen“, hieß es in der Anzeige. Wir lehnen uns an das rostige Geländer und spähen nach unten. Der idyllische Innhof ist eine betonierte Ödnis mit vergitterten Durchgängen zu den umgebenden Häuserblocks in klosteinmint und ausgekotztapricot (im farblichen Wechsel).

Durch die Gitterstäbe würden vermutlich auch der Straßenlärm und das Rattern der Züge in die Ruhe des Innenhofs dringen. Nicht so heute, denn an dem einzigen Stück Erdreich im Hof macht sich geräuschvoll ein kleiner Bagger zu schaffen. Wahrscheinlich der Beginn der Aushubarbeiten für den überfälligen Mieter-Komposter im Herzen der Idylle. Als Soundtrack zu all diesen Eindrücken fällt mir spontan der „Folsom Prison Blues“ ein.

I hear the train a comin‘
It’s rollin‘ ‚round the bend
And I ain’t seen the sunshine
Since, I don’t know when
I’m stuck in Folsom Prison

Ich richte meinen Blick wieder nach oben. Lasse ihn über die Hausdächer schweifen und denke über den steinreichen Vermieter dieses charmanten Gesamtpakets nach. Hinter den Ziegeldächern des diagonal gegenüberliegenden Hauses guckt die Spitze des Mercedes-Benz-Turms hervor, der Stern des Kapitalismus‘ sich unaufhörlich auf dessen Dach drehend, Runde um Runde, 24h lang, nachts sogar beleuchtet.

Auf dem Weg zum Schwimmbad suche ich in der Musiksammlung nach diesem vor Ironie triefenden Prolog „I’d like to do a song of great social and political importance. It goes like this!“ und trällere anschließend in einer Stimmung, die irgendwo zwischen apathisch-abgestumpft und aggressiv-aufgedreht liegt, ein bisschen mit:

I’m counting on you lord, please don’t let me down.
Prove that you love me and buy the next round.
Oh lord won’t you buy me a flat in the town.

Mercedes Benz München an der Donnersberger Brücke.

Einen Glauben müsste man haben, dann wäre das mit der Hoffnung vielleicht auch manchmal leichter.

Mrs. Joplin fuhr übrigens keinen Benz, sondern einen Porsche, der aber weder für nachhaltiges Glück, noch ein langes Leben sorgen konnte.

Frohes Wohnen und ein schönes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.

Gut stehen, gut gehen.

Gestern:

Aus der Serie „Münchner Häuser, in die wir nicht einziehen können“…

…obwohl der Hausmeister ein gerüttelt Maß Humor zu haben scheint.

Heute:

Aus der Serie „Wege, die man nicht oft genug gehen kann“…

… obwohl einem das Fräulein für bange Minuten entwischt ist (irgendwohin, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, aber man als Mensch nicht hinterherkommt, ohne sich den Bommel von der Mütze abzureißen)

Geschüsselt, nicht geniert.

Gestern im Moloch „Mietwohnungsmarkt“ einen neuen Tiefpunkt erreicht.

Mittäglicher Besichtigungstermin in einem der bevorzugten Viertel, eigentlich den Fotos nach die Traumwohnung. Vom Balkon hätte man fast ins geliebte Schwimmbecken gucken können. Hundehaltung erlaubt (!), rund um die Wohnanlage Grünstreifen en masse fürs Dackelfräulein, sogar ein Stellplatz fürs Gefährt, zunächst netter Kontakt zu den Vermietern per Mail.

Dezenter Hinweis einen Tag vor Besichtigung, dass aus unerfindlichen Gründen das Parkett etwas geschüsselt habe („geschüsselt“?, nie gehört! – wir googeln das erstmal, aha: „geschüsselt“ kann man also ganz wörtlich nehmen!), vielleicht die Kälte oder so, oder das viele Lüften während der Badrenovierung, man müsse da nun nach einer „gemeinsamen Lösung“ suchen.

Die sah dann vor Ort, als sich beim Anblick des durchgehend geschüsselten Holzbodens unsere Zehennägel vor Schreck beinahe ebenfalls zu schüsseln begannen, so aus, dass der kleinkarierte, näselnde Schwabe allen Ernstes vorschlug, der Mieter dürfe sich ein Parkett ganz nach eigenem Geschmack aussuchen und das dann in Eigenregie verlegen lassen. Natürlich auf eigene Kosten („desch koschd au ned mehr als 6.000€!“). Und vorher müsse halt der geschüsselte Boden entfernt werden, sind ja nur schlappe 80m². Natürlich auch auf eigene Kosten.

Mietbeginn müsse dennoch zum 1. März (gestern war der 25. Februar!) sein, man könne sich jetzt unmöglich noch weitere Monate Leerstand leisten (gerade sei der Umzug ins eigene Haus erfolgt). In 4 Tagen sicher eine etwas sportliche Leistung, aber wenn man gleich morgen loslegte, ja durchaus zu schaffen (er habe da einen Bekannten an der Hand…, wenn man wolle, stelle er den Kontakt her…).
Dafür sei die Kaltmiete ja auch absolut fair (einen Kotau dafür: sie lag nur 250€ über dem nach gültigem Mietspiegel ermittelten Preis für diese Lage und Ausstattung, anderswo liegt sie schon mal 400€ drüber).

Worin das „Gemeinsame“ dieser Lösung bestand, wurde nicht verraten. Dafür verriet man uns beim Streifzug durch die Wohnung an der einen oder anderen Stelle noch die bis dahin nirgends erwähnten Ablösesummen für uralte Schränke oder Regale in potthässlichem 80er-Jahre-Design („desch is Massivholz, desch häld no a Ewigkoit!“).
Wir kamen recht gut an bei dem Vermieterpaar, hatten beste Chancen, den Zuschlag für die Wohnung zu bekommen.

Nach dem Termin schlich ich deprimiert um die Ecke zum Schwimmbad, sprang bei minus 8 Grad Außentemperatur ins geliebte Becken, schwamm mir den Frust aus den Knochen, ließ mir den eisigen Wind um Nase und Schultern wehen, und schrieb danach eine vernichtende Email an den kleinkarierten, näselnden Schwaben. Dass wir natürlich wüssten, dass es Gang und Gäbe sei, aus der Wohnungsknappheit ungeniert Kapital zu schlagen, und dass das mit Sicherheit leider auch in seinem geschüsselten Fall von Erfolg gekrönt sein würde, er sich aber andere Deppen als uns suchen müsse, denen er zum 1. März seine renovierungsbedürftige Bude zum schwäbischen Schnäppchenpreis andrehen könne.

Manchmal überkommen mich Mordgelüste und Amokphantasien (das schrieb ich ihm nicht, ich hab mich schließlich im Griff).
Das Schlimmste sind die Ohnmachtsgefühle und diese immer wieder entstehende und wenig später sich zerschlagende Hoffnung.

Am Abend liegen wir wie erschlagen auf der Couch, stöbern in den diversen Wohnungsportalen, schütteln die Köpfe und schütten uns die Gläser voll.
Zwei brauchbare Angebote finden wir noch, von denen eines bei näherer Betrachtung sofort unter den Couchtisch fällt, da Absätze wie diese an Tagen wie diesen nichts als ein inneres Messerwetzen auslösen:

Zum Besichtigungstermin bringen Sie bitte Folgendes mit:
– gültiger Personalausweis / Reisepass
– Bonitätsauskunft der Schufa
– Gehaltsnachweise der letzten drei Monate
(alternativ Steuererklärung bzw. Bestätigung durch Wirtschaftsprüfer / Steuerberater bei selbständiger Tätigkeit)

– Schriftlicher Nachweis der Mietschuldenfreiheit vom letzten Vermieter
– Mieterzeugnisse vom Vorvermieter bzw. bisheriger Mietvertrag und Kontaktdaten vom Vorvermieter.

[Habt ihr jetzt vollends den A…. offen: „Mieterzeugnis“?!? Und wo bleibt das Gegenstück, das „Vermieterzeugnis“? Wo kann man endlich Noten vergeben für die Kategorien „Ausbeutung & Abzocke“, „Schamlosigkeit & Schurkerei“, „Gier & Geiz“?]

Irgendwann schlägt der Gatte, müde am Rotwein nippend, vor, doch mal „völlig verrückt“ über das ganze Thema nachzudenken:
Auswandern nach Bodø (er hatte da doch mal einen universitären Kontakt)?
Raus aufs Land (neulich sah ich ein Inserat eines herrlichen Hauses am Schliersee, zum Preis einer Zweizimmerwohnung in München)?
Drastisch verkleinern (Möbel verkaufen, das Wohnzimmer abschaffen, Abende mit Gästen kriegt man auch am Küchentisch rum)?

Wir surfen weiter suchend durchs Netz, vom Nordkap bis zum Alpennordkamm, vom Haus am See übers Appartment in der Au und Schwabinger Hochhäuser bis hin zur Hütte in den Bergen.

Meinen Sonntag beende ich mit diesem Bild:

48m² Wohnfläche, 1.600m² Dackelfläche, 800€ warm.

Kann man dann auch entspannt Teilzeit arbeiten, ist ja nix mehr groß zu finanzieren.
Urlaube und Ausflüge überflüssig, den Berg vor der Nase habend und das Karwendel einen Katzensprung entfernt.
Ich von dort aus direkt hoch zur Hütte für den Saisonjob, der Gatte 1x wöchentlich zur BOB für den Einsatz in Frankfurt.
Klamotten braucht man eh nicht mehr viele, ist auch kein Platz da, um die aufzuhängen (außer draußen).
Stattdessen: Gartenhausbau erwägen. Oder gleich ein Austragshäusl für die Teckelzucht.
Wohnzimmerfrage kann man ebenso abhaken wie den ganzen Schwachsinn mit offenen Küchen und modernen Belüftungssystemen.
Kino etc. haben wir sowieso reduziert seit wir den Hund haben und ein DVD-Player nimmt nicht viel Platz weg.
Die Süddeutsche kann man auch online lesen. Der Paketbote hat endlich Platz zum Parken und stört niemanden sonst.
Grünstreifensuche entfällt ebenfalls, eher sucht man nach der Teerstraße für die Fahrt ins Dorf, zum Einkaufen.
Aber das ginge auch mit dem Bollerwagen.
Zeit hat man dann ja ebenfalls, und der Dackel würde sich gut machen vorn drin im Wagerl, so als bayerische Galionsfigur.

Um 21 Uhr verkrümle ich mich ins Bett, absolviere so mühelos wie selten einen zehnstündigen Erholungsschlaf.
Träume von planen Ahornholzböden in überteuerten Wohnungen, wackligen Baumhäusern in dichten Wäldern und windigen Tipis am tosenden Wildbach.

Neue Woche, neues Glück.

Selbiges wünscht Euch
Die Kraulquappe.

(…) verweile doch, du bist so schön!

Momentan habe ich eine ganz gute Phase, was unsere Wohnungssuche angeht.

Gut ist sie nicht etwa, weil es irgendwie voranginge oder sich ein Licht am Ende des Tunnels abzeichnen würde, sondern nur insofern, da ich mir einen gewissen Sarkasmus als Grundhaltung zugelegt habe, der mich nun viel heiterer mit Maklern und Eigentümern kommunizieren und auch Besichtigungstermine mit einer bisher nie gekannten heiteren Gelassenheit (oder ist’s Galgenhumor?) und eloquenten Freundlichkeit absolvieren lässt.

Außerdem haben wir dank des Titels des Gatten, den wir in unseren Anschreiben nun stets an prominenter Stelle platzieren, mittlerweile eine recht gute Quote: In den wenigen Fällen, in denen wir durch unsere gründlichen Vorrecherchen zu dem Schluss kommen, dass wir die angebotene Wohnung tatsächlich besichtigen sollten, werden wir in 4 von 5 Fällen eingeladen und in die heiligen Hallen vorgelassen.
Natürlich nicht alleine, wo denken Sie hin!
Man schiebt sich da mit 4-5 anderen Paaren durch die Wohnung und muss schon auch mal hie und da ein bisserl schubsen, um sich in vorderster Reihe (mit Maklerblick) zu behaupten.

Zum Wochenausklang möchte ich Sie, werte Leserinnen und Leser, gern an meinen drei Highlights der Woche in puncto Wohnungssuche in unserer schönen Stadt teilhaben lassen.

Das Erste belegt Platz 1 in der Kategorie „Perlen der Offertenprosa“, das Zweite hat mühelos die Bestplatzierung in der Rubrik „Du Brunzkachl, du ogsoachte, du g’hörst ja mit der Scheißbürscht’n nausghaut!“ geschafft und das dritte Highlight fällt in die in diesem Haifischbecken Terrain vom Aussterben bedrohte Sparte „Ehrlich währt am längsten“ und landete dort sogleich auf dem obersten Siegertreppchen.

*****

[Inserat in Immoscout]

Wohntraum in Schwabing – komplett sanierte 3-Zimmer-Wohnung!

Lage: Schwabing-West
Baujahr: 1955
Wohnungstyp: Etagenwohnung
Etage: 4 von 5
Wohnfläche: 84m²
Zimmer: 3
Badezimmer: 1
Bezugsfrei ab: 15.02.2018
Personenaufzug: nein
Keller: ja
Einbauküche: ja
Stellplatz/Garage: ja

Kaltmiete (zzgl. NK): 1.780 €
Nebenkosten: 150 €
Heizkosten: 120 €
Gesamtmiete: 2.050 €
zzgl. Stellplatz/Garage: 120 €

Das Objekt liegt in Bestlage im Herzen Schwabings, welches bekannt ist für sein pulsierendes, urbanes Flair.
Fußläufig erreichen Sie die Geschäfte des täglichen Bedarfs und gute Restaurants, in denen man gerne verweilt. Der nahegelegene Englische Garten lädt zum Erholen ein.
Zugleich ist man durch die zentrale Lage hervorragend angebunden (4 Min U-Bahn Hohenzollernplatz).

Ein historisches Treppenhaus ohne Lift führt hinauf in das 4.OG, in dem sich Ihr neues Zuhause befindet.
Die Wohnung ist lichtdurchflutet mit modernem Grundriss und wurde mit Liebe zum Detail kernsaniert.
Durch den Flur betritt man in die Wohnräume, Küche, Bad und WC erreicht man ebenfalls durch den Flur.
Vom großzügigen Wohnzimmer aus gelangen Sie auf den schönen Südbalkon, der zum Verweilen einlädt.

Alle Wohnräume sind mit Eichenparkett in Fischgräten verlegt.
Küche, Flur und Badezimmer verfügen über graues Feinsteinzeug.
Das neuwertige Badezimmer (6m²) ist modern gefließt mit Regenschauerdusche und Fenster.
Die Wohnküche (10m²) ist mit einer hochwertigen Einbauküche ausgestattet, die vom Vormieter übernommen werden muss (Ablöse: 7.500€) und keine Wünsche offenlässt.

Zur Wohnung gehört noch ein Dublexstellplatz, der mit angemietet werden muss (120€).

Die Wohnung wird nicht an WG’s vermietet und ist vermieterseits nicht erwünscht.
Der Eigentümer bevorzugt ein solides Paar ohne Kinder. Keine Haustiere, Juristen und Musiker.

Bitte Anfragen nur per Email mit ausführlicher Selbstauskunft, Schufa, den letzten 3 Gehaltsnachweißen und Steuerbescheid.

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[Inserat in der Süddeutschen Zeitung]

4-Zi.-Whg, Mü-Neuhausen, sehr zentr., 96m², Blk., ab 01.03., 1.600€ zzgl. 350€ NK, von priv.

Sehr geehrte Frau Kraulquappe,

besten Dank für Ihre Email und Ihr Interesse betreffend die Anmietung der 4-Zimmer Wohnung in München-Neuhausen zum 01.03.2018.

Die Wohnung befindet sich in der xxx-straße 6 im 3. Stock. Der Balkon geht nach Süden, zur xxx-straße. Nächste Woche werden noch einige Arbeiten in der Wohnung durchgeführt (neue Armaturen im Bad, Erneuerung Stromkasten mit FI-Schalter, Rauchmelder), so dass die Besichtigung der Wohnung frühestens am 17. Februar 2018 möglich ist.

Vom Mieter müssten ein paar Renovierungsarbeiten bzw. Schönheitsreparaturen selbst durchgeführt werden, es handelt es sich im Wesentlichen darum:

  • Tapeten entfernen, Wände und Decken streichen; evtl. Zargen und Fensterrahmen streichen
  • Parkett im Wohnzimmer und in der Diele abschleifen und neu versiegeln
  • in einem Zimmer (12,92 qm) den Bodenbelag (Laminat) und den alten Küchenboden (PVC) zu erneuern
  • Die Wohnung wird ohne Einbauküche vermietet.

Der Vorteil für den Mieter besteht darin: Es sind bei Auszug keine Schönheitsreparaturen zu leisten und die Wohnung kann bei Einzug nach Ihrem eigenem Geschmack gestaltet werden. Ich bin an einem langfristigen Mietverhältnis interessiert. Da ich alleinstehend bin bzw. meine 87jährige, pflegebedürftige Mutter bei mir wohnt, haben Sie keine Kündigung wegen Eigenbedarf von mir zu befürchten.

Vorab sende ich Ihnen einen Plan der Wohnung sowie eine ausführliche Mieterselbstauskunft.

Bitte kontaktieren Sie mich, wenn Sie am Samstag, den 17.02.2018 die Wohnung besichtigen möchten, so dass wir eine Uhrzeit vereinbaren können.
Mit freundlichen Grüßen
xxx

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[Inserat in Immowelt]

Lage: Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt
Baujahr: 1882
Wohnungstyp: Etagenwohnung
Etage: 3 von 4
Wohnfläche: 80m²
Zimmer: 3
Badezimmer: 1
Bezugsfrei ab: sofort
Garage: nein

Kaltmiete (zzgl. NK): 1.650 €
Nebenkosten: 150 €
Heizkosten: nicht in NK enthalten €
Gesamtmiete: 1.700 € zzgl. Heizkosten

Da das Haus 1882 erbaut wurde, unterliegt es den Bestimmungen des Denkmalschutzes. Daher ist es auch noch mit originalen Holzfenstern ausgestattet, was den Nachteil hat, dass diese teilweise recht luftdurchlässig sind.
Es befindet sich nur noch teilweise Stuck an der Außenfassade, da diese leider größtenteils im Krieg zerstört wurde.

Ausstattung:
abgeschliffene, breite, helle Holzdielen
im Bad rechteckige, große, sandfarbene Fliesen, Badewanne vorhanden,Waschmaschinenanschluss
große, helle Fenster, getäfelte Türen mit Messinggriffen
Durchgangszimmer Küche mit Balkon/ Blick auf den begrünten Innenhof, Ausrichtung Süd/West, dort großer, sehr alter Kastanienbaum im Garten, mit Baumschaukel
überdachter Fahrradunterstand, Korbsitzecke, Tischtennisplatte, Grill

Sonstiges:
Da im Haus größtenteils Mieter jüngeren bis mittleren Alters wohnen, die gerne mal feiern, u. a. im Sommer im Garten und sich unten auch eine Galerie befindet, in der regelmäßig Parties, Vernissagen etc. veranstaltet werden, kann es durchaus des Öfteren lauter werden. Zumal das Haus auch schlecht isoliert ist. Deshalb ist die Wohnung eher ungeeignet für Familien mit Kindern oder Personen, die gerne ihre Ruhe haben möchten!!!
Außerdem ist das Viertel aufgrund der zahlreichen Bars stark frequentiert!
Nicht geeignet für lärmempfindliche Menschen!!!
Gerne Homosexuelle, die sich hier wieder mehr etablieren möchten!
Keine Maklerprovision! Auch keine Makler erwünscht!!!!
Wohnung von Privat.
Bei Interesse bitte keine E Mails, sondern unter der angegebenen Telefonnummer anrufen.

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Impressionen aus einer Unterführung in München. Bei dem Künstler handelt es sich vermutlich um einen Langzeit-Wohnungssuchenden.