Mittenwald (5).

Heute war Männertag.

Das fing schon in der Nacht an: Im Traum saß ich in einer Pizzeria, irgendwo in südlichen Gefilden, zusammen mit Nicholas Ofczarek, der geträumt noch beleibter war als in echt. Und saumäßig sympathisch und charmant; wir sprachen ohne Mundschutz und Mindestabstand miteinander.

Die morgendliche Fortsetzung meiner Duschgeschichte lassen wir mal beiseite, das Telefonat mit dem Vermieter bzgl. der Psocoptera ebenso.

Am Vormittag durch den Ort spaziert, um noch ein paar Aufnahmen für den Urlaubsprospekt der lieben A. aus B. zu machen. Danach Verpflegung eingekauft.

Unterwegs zu dem für heute ausgesuchten Wandergebiet auf einer Infotafel die riesige Karte „Alpenwelt Karwendel“ angeguckt. Hier könnte man sich mühelos zwei Wochen dauervergnügen, vielleicht auch ein Leben lang.

Ein Mann, der Olli-Kahn-artig aus seiner Oberbekleidung zu platzen droht, stellt sich neben mich und studiert ebenfalls die Karte.
Er ist Franzose, denn er fragt mich nach den Öffnungszeiten der Ochland-Ütte, die eigentlich Hochland-Hütte heißt. Franzosen sehen in meiner Vorstellung völlig anders aus als dieser Schrank. Egal.
Er nimmt den linken Abzweig zur Ochland-Ütte, ich den rechten zur Dammkar-Hütte.

Eine Traumtour für diesen letzten Tag meiner Staubl_Auszeit, denn je schroffer der Fels, desto schöner die Szenerie.

Es ist das Raue und Karge, das mich so anspricht, der grauweiße Kalkstein und das so ganz und gar nicht Liebliche und Geschmeidige, das er ausstrahlt. Ruhe und Kraft, Reduktion und Konzentration – das bedeutet das Karwendelgebirge für mich.
Die Beine zwar etwas schwer von den letzten beiden Touren, aber doch noch beweglich genug für eine dritte und letzte.

Unterwegs überholt mich ein deutlich jüngerer und beweglicherer Kerl, der dann allerdings vor lauter Jugend- und Beweglichkeit zwei Serpentinen weiter übel ausrutscht und knapp vor meinen Füßen landet. Ich finde es an sich erfreulich, wenn mir ein junger Kärntner vor die Füße fällt, in meinem Alter passiert mir das nicht mehr allzu oft, aber der Bursche hat sich ordentlich das Schienbein aufgeschürft und blutet ein bisschen. Ich spendiere ihm Taschentücher und eine Verbandsrolle. Anschließend gehen wir ein kleines Stück gemeinsam, zu kurz, um den netten Dialekt auszukosten, zu lang, um nicht ziemlich außer Atem zu geraten, erst recht, als er erzählt, was er heute noch alles vorhat (den Biwaksack hat er dabei und „an Enzian und was zum Rauchen“, na dann…).

Auf der Dammkar-Hütte erlebe ich ein kleines Highlight in Sachen „Datenschutz zu Coronazeiten“. Wie der Hüttenwirt die bereits ausgefüllten Zeilen seiner selbstgebastelten Gästeliste provisorisch abgedeckt hat, ist einfach total putzig: zwei zusammengetackerte Servietten, die er mit Wäscheklammern an dem Papierbogen befestigt hat und mit jeder neuen Zeile ein Stück weiter nach unten auffaltet. Ich quittiere das mit einem Schmunzeln und ernte ein bajuwarisches Grunzen und ein „Mia ham hier koa Zeid für so an Schmarrn“.
(Könnte man glatt eine Serie draus machen: „Gästelisten & Datenschutz auf Berghütten“. Ganz wunderbar, was man da so sieht!)

Tisch 3 habe ich zunächst für mich allein, wenn man von der aufdringlichen Dohle absieht. Dann kommen zwei schwer bepackte Typen daher und fragen, ob sie sich dazusetzen dürfen. Sie dürfen wohl oder übel, denn es ist der sonnigste der sechs Tische, und der mit der besten Sicht. Man kommt ins Gespräch und ich erfahre: die beiden sind aus Braunschweig, wandern üblicherweise im Harz und sind etwas andere Höhenunterschiede gewohnt.

Sofort aktiviere ich mein rudimentäres Harz-Wissen, das ich A. aus B. zu verdanken habe und kann mit ein paar Ortsnamen protzen, die ich mir aus dem tollen Blog der besagten Freundin gemerkt habe. Der eine kramt sofort sein Stempelheft aus dem Rucksack hervor, klappt es auf und zeigt mir voller Stolz, dass er schon mehr als die Hälfte der für den „Harzer Wanderkaiser“ erforderlichen Stempel (222 an der Zahl!) gesammelt habe.
Woraufhin ich ihm auf meinem Smartphone ein Foto zeige von einem, der bereits Harzer Wanderkaiser ist und mit dem ich schon ein Bett geteilt habe. Da gucken sie aber, die zwei!

Wegen ihres Harzer Wandertempos bleiben sie nicht lange, denn die Gehzeit zur Nachbarhütte, auf der sie übernachten wollen, sitzt ihnen etwas im Nacken.

Ihren Platz übernimmt dann quasi nahtlos der französische Olli-Kahn-Verschnitt. Ich staune nicht schlecht, als ihn auf einmal da heroben erblicke, denn er wollte ja zur Ochland-Ütte und die liegt viel weiter nördlich.
Hatte sich aber verlaufen und berichtet mir nun aufgeregt und ausführlich von seinen Irrwegen. In Rekordzeit kippt er sich dabei zwei Halbe rein und kommt trotzdem nicht zur Ruhe. Befragt mich nervös zu dem Abstieg nach Mittenwald via Ochsenboden.
Da es drei Abstiegswege gibt, breite ich meine Karte auf dem Tisch aus und zeige ihm, wo er gehen muss. Er wirkt unaufmerksam und in Eile, zieht sich noch eine weitere Wurstpelle über den Leib und springt dann hektisch auf. Völlig unfranzösisch.

Beim Zusammenfalten der Karte erteile ich noch den pädagogisch wertvollen Rat, er solle sich bloß nicht wieder verlaufen, zumal das Gelände wirklich steil sei. Der Franzose nickt und sagt „Isch male dir ein Erz“. Isch verstehe nicht, was er meint und frage nach. Da malt er mit dem Finger ein Herz in die Luft und erklärt mir, er würde das als Beweis, dass er auf dem richtigen Weg ist, auf dem Ochsensteig irgendwo am Wegesrand hinterlassen. Aha.
Komischer Kerl. Er verabschiedet sich und ich bin froh, den Tisch nochmal ganz für mich zu haben.

Als ich eine Stunde später auch über den Ochsensteig ins Tal laufe, entdecke ich tatsächlich ein Erz.
Sogar mehrere. Das rührt mich dann doch.

Mit Sonne im Erzen erreiche ich schließlich Mittenwald und verprasse mein verbliebenes Budget für einen Eisbecher.
Ein Tartufo, wie es sein soll: mit gehackter Schokolade rund um den Eisball.
Und einer knusprigen Waffel, die oben in der Kugel steckt.

In Erzform, versteht sich.

Mittenwald (4).

Fake-Beer auf der Dammkarhütte. Aber sonst alles bestens.

Im Kar turnen die Gamsböcke herum, in der Felswand hinter der Hütte die Gebirgsjäger.

Eine Bergdohle versucht seit einer Viertelstunde, einen Krümel von meinem Kuchen zu stibitzen.

Je höher man hinaufkommt, desto einfacher wird alles.

Probieren Sie’s aus!

Mittenwald (3) & Himmel der Bayern (79): Sternweißblau.

7 Uhr. Vorsichtiges, erstes Räkeln im Pensionsbett. Das Sprunggelenk schmerzt.
7:30 Uhr. Es gibt diese beneidenswerten Menschen, die ohne Frühstück schon munter und bewegungsfähig sind. Ich gehöre nicht dazu. Breze mit Butter, eine halbe Semmel mit Käse, dazu ein Ei, zwei Haferl Kaffee.
8 Uhr. Die Dusche funktioniert immer noch nicht vernünftig. Überraschende Temperaturwechsel verbrühen einem entweder die Kopfhaut oder lassen einen vor Kälte kreischen. Beschwere mich zum dritten Mal.
9 Uhr. Mit sonnencremeverklebten Fingern hänge ich das Handy nochmal ans Ladegerät und mache mir Notizen zum 30-minütigen Beratungsgespräch mit dem Juristen vom Mieterverein, das gerade hinter mir liegt. Noch zwei weitere Jahre als Mieter mit Münchner Mieteralltag, und ich kann den netten Herrn in seinem Job beerben. Danach informiere ich den Gatten über die neuesten Erkenntnisse zur Sachlage, erkundige mich nach seinem Befinden und natürlich nach dem des Dackelfräuleins. Alle sind wohlauf. Auch die Psocoptera.
10 Uhr. Rucksack gepackt. Leichteres Schuhwerk als gestern gewählt, auch kürzere Socken. Dick Kühlgel auf das Sprunggelenk geschmiert. Abmarsch. Von Mittenwald zum Lautersee, weiter zum Ferchensee, dann hinauf auf den Franzosensteig.

11 Uhr. Nächste Weggabelung erreicht. Beherzten Bergsteigern mit intakten Sprunggelenken sei hier der kleine, reizvolle, nur ca. 7-stündige Abstecher zur Oberen Wettersteinspitze empfohlen. Ich bleibe schweren Herzens auf dem Franzosensteig und steuere den Grünkopf an. 700 Höhenmeter und eine 17 km-Rundtour mit vier Stunden Gehzeit reichen mir heute ausnahmsweise.

12 Uhr. Der Franzosensteig trägt seinen Namen übrigens völlig zu recht. In weiten Teilen des Bergwalds umgestürzte Bäume, die wie ein Mikado aus Monsterbaguettes anmuten. Das erschwert den Aufstieg hie und da ziemlich. Und auf Buchenlaubschichten, so lockerluftig wie eine Mousse au chocolat, rutscht man die steilen, circonflexeartigen Kehren auch gern mal wieder hinab. Zudem säumen riesige Ameisenhaufen, die es locker mit dem Montmartre aufnehmen können, den gesamten Steig und laden definitiv nicht zum Verweilen ein. Aber wer weiß: der Franzose ist womöglich erfreut über dieses Gekrabbel, weil er das Getier gern frittiert. Ich kenn mich mit der französischen Küche nicht so aus, hab da aber noch irgendwas von bretonischer Kaldaunen im Hinterkopf. Brrrrr!

12:45 Uhr. Erstmals seit Corona unseren Planeten heimgesucht hat, bin ich wieder im Ausland: Servus Österreich, griaß di Tirol!

13 Uhr. Auf dem Gipfel des Grünkopfes ist niemand. Auch keine Schwaben. Das ist rein akustisch schon mal sehr angenehm. Die Fliegenschwärme dort oben sind lästig, aber im Vergleich zu Schwaben natürlich vollkommen harmlos. Phänomenale Aussicht: Ganz rechts das Karwendelgebirge, daneben die Soierngruppe, in der Ferne sogar der Rücken der Benediktenwand samt der Achselköpfe gut erkennbar, weiter links das Estergebirge. Wundervoll. Ich esse 4 französische Aprikosen und 4 Stückchen Schweizer Schokolade. Auch wundervoll. Ein nettes Paar aus Köln keucht kurz nach mir zum Gipfelkreuz hinauf. Das ist ein Dialekt, den ich gern höre.

14 Uhr. Abstieg zur Ederkanzel. Aus Verlegenheit lande ich schon wieder bei Schinkennudeln mit Salat, genau wie gestern auf der Brunnsteinhütte. Ich ersuche um wenig oder keinen Schinken, staune, genau wie gestern, über das Ergebnis meiner Bitte und erspare Ihnen das Bild dazu. Der Berggasthof Ederkanzel liegt zur einen Hälfte in Bayern, zur anderen in Tirol. Wegen des kosmopolitischen Feelings setze ich mich in den österreichischen Teil, allerdings unter einen bayerischen Sonnenschirm. Das wahre Highlight hier oben ist nämlich das echte Himmel-der-Bayern-Weißbier: auf eine Sternweiße von Hacker Pschorr trifft man in freier Wildbahn äußerst selten. Sie rangiert bei mir auf Platz 2 bis 3 meiner persönlichen Weißbier-Top-Five, und teilt sich diesen uneindeutigen Rang mit der Unertl-Weißen. Die Sternweiße ist bernsteinfarben und schmeckt sensationell. So wie fast alles nach gut drei Stunden Marschieren und Schwitzen echt toll schmeckt.
Einen Tisch weiter sitzen – wie könnte es anders sein? – Schwaben, zwei sogenannte rüstige Rentner. Solche, die mit E-Bikes hier raufgekommen sind. Schwaben, so denke ich, während ich ihnen zwangsweise zuhören muss, sind eigentlich genauso wie der Gatte gern die Italiener beschreibt: laut und ohne Unterlass am Labern. E-Bikes haben ja nach meinem Dafürhalten auf dem Berg nichts verloren, es ist eh schon genug los, und schauen Sie sich einfach mal an, wer auf diesen Vehikeln hockt: die, die so unsportlich sind, dass sie per pedes oder mit einem Mountainbike gar nicht mehr hinaufkämen. Das Problem: die meisten können weder lenken noch bremsen und sind auf Schotterstrecken schnell aufgeschmissen. Je nach Wegstück und Frequentierung desselben ist das brandgefährlich. Sollen sie Seilbahn fahren oder Sessellift oder – wenn es denn unbedingt sein muss – einen Kurs besuchen, wie so ein Pedelec zu bedienen ist.

15 Uhr. Es war doch noch etwas früh für ein Hopfengetränk, wie ich beim Aufstehen und Rucksackaufsetzen merke.

Sternweiße vor Brunnsteinspitze.

15:45 Uhr. Erreiche meine Unterkunft. Vor der Tür parkt immer noch der VW Caddy mit der Aufschrift „Toni Auer – Sanitär & Installationen“. Das verheißt nichts Gutes, denn der stand um 10 Uhr auch schon dort. Korrekt, die Dusche kann nach wie vor nur heiß oder kalt. Die Chefin kommt meiner vierten Beschwerde zuvor und bietet mir zur Beschwichtigung einen Gutschein für eine Bootsfahrt an. Nun gut, ich wollte eh noch an den See.

16:15 Uhr. Ich komme am Lautersee an und bin entzückt von dem Bootsverleih. Sie wissen ja, Bootsverleiher wäre einer meiner Traumjobs gewesen, wenn ich nur rechtzeitig und konsequent genug so etwas wie eine berufliche Laufbahn eingeschlagen hätte, um so richtig Karriere zu machen. Heute ist irgendwie ein gelber Tag, weshalb ich mich für Manu entscheide. Ein gelbes Tretboot, leider ohne Rutsche und Leiter, aber sonst recht flott.

 

16:23 Uhr. In Seemitte ziehe ich Badeanzug und Flossen an und lasse mich ins Wasser gleiten. Huijuijui! Sagen wir’s mal so: knapp 18 Grad sind nicht ganz meine bevorzugte Schwimmtemperatur. Schöner Bergsee hin oder her. Tapfer kraule ich ein Stück von Manu weg, drehe aber bald wieder um. Ich verschone Sie mit der Schilderung des graziösen Erklimmens des Tretboots nach dem Schwumm und bin schon gespannt auf die blauen Flecken. Blöde Bindegewebsschwäche und blöde Ungelenkigkeit. Gottseidank sieht einen keiner, so in Seemitte.
17:15 Uhr. Im Seebiergarten gönne ich mir noch ein Eis und eine Hollerschorle. Dann ist mein Tagesbudget aufgebraucht und die Wirksamkeit der LSF-30-Creme ebenfalls.
19:07 Uhr. Ich trete den Rückweg nach Mittenwald an. Der Installateurs-Caddy ist weg. Die Dusche funktioniert immer noch nicht. Das bringt mir nun mindestens einen weiteren Bootsgutschein ein, vielleicht schlage ich auch noch eine Kutschfahrt zum Schachenhaus raus. Da oben haben sie so guten Kaiserschmarrn.

Mittenwald (2).

…und nach der Rast weiter: hoch zur Brunnsteinspitze, mit Blick auf die Tiroler Alpen.

Alpin-Lyrik? Kann ich auch!

Beim Sprinten über nasse Wurzeln
Kommt selbst ein Gämslein mal ins Sturzeln
Muss hinken dann mit dicken Knöcheln
Ertragen plumper Wand’rer Röcheln

Bis endlich erreicht ist die Brunnsteinhütt’n
Um Weißbier auf den Schmerz zu schütt’n
Das ruckzuck seine Dienste tut
Worauf des Gämsleins Übermut

Es drängt, zur fernen Brunnsteinspitz’n
Erneut zu flott hinaufzuflitzen
So dass recht knapp vor der Zweitausend
Das Hirn befiehlt hinab zu sausen(d)

Der Order folgt das Gämslein brav
Wohl zur Belohnung trifft’s ein Schaf
(Mit allerliebstem Unterbiss
Vor Lachen s’Gämslein fast zerriss!)

Und kurz drauf folgt auch noch ein Esel
Mit Vornamen exakt wie der Fesl
Der Tag, so scheint’s, birgt mehr als Wunden
Zwei neue Freund‘ hat’s Gämslein g’funden!

Läuft glücklich ins Tale, zur Brauerei
Doch dort, da erlebt’s a Sauerei
Die Werdenfelser Weiße, die is a Fake-Beer
A Hopfeng’söff that has not been brewed here

Im Mittenwalder Krügerl verkauft
Damit’s da depperte Touri sauft!
Und die Moral von dera G’schicht?
Trau keinem hübschen Glaserl nicht.

Aber nach einundzwanzig Kilometern
Ist’s Gämslein z’miad, um weiter zu zetern
Humpelt jetzt heim in sein Quartier
Um hochzulegen alle Vier

Ins Flachland schick‘ ma liebe Grüße
Wer mag, der nehme sich auch Küsse!

Und morg’n, wann d’Sunn uns wieda lacht
Da fabulier’n ma aufs Neue, bis dass es kracht.

(Tipp der Redaktion: Halten Sie die Maus auf die Fotos, sonst entgehen Ihnen die unglaublich geistreichen Bildunterschriften!)

Mittenwald (1).

Blick aus dem Fenster: Abendliches Alpenglühen.

Nach nur 15 Stunden legt sich bereits ein Friede ums Herz, den ich nur im Wasser oder in den Bergen finde.

Badesee nur 15 Minuten entfernt!

Auf den Wörnerkopf oder durchs Dammkar oder zur Brunnsteinspitze, das frage ich mich, während mir zum Frühstück eine Breze serviert wird, die auch nach Breze schmeckt und nicht nach aufgebackenem Teigling.

Die schwäbelnden Gäste am Nebentisch sind coronabedingt angenehm weit entfernt, freuen sich aber ebenfalls über die Brääätzel und die Morgensonne, die die letzten Nebelschwaden und Wölkchen von der Westlichen Karwendelspitze verscheucht.

Blick aus dem Fenster: Guten Morgen, Karwendel!

Mit diesem und den kommenden Beiträgen grüßen wir ganz besonders die liebe A. aus B., für die und deren Begleiter auf zwei und vier Beinen wir hier schon mal Tipps für gelungene Urlaubstage sammeln werden – Prospekt folgt!

Himmel der Bayern (42): Unterm Wörner.

Nach ein paar anstrengenden Tagen drinnen heut‘ zur Abwechslung mal etwas Anstrengung draußen.

Zwecks der Balance.

Affenheiß, ziemlich steil, herrlich ruhig, grandiose Natur, tolle Sicht, feines Bier, lecker Kuchen, schwere Beine.

Hier oben zwischen dem Wörner und den Karwendelköpfen sitzt man wirklich gut (Gatte & Hund schlafen sogar gut).

Der Krottenkopf liegt völlig frei (sh. roter Pfeil, mit einem Gruß an S.!). Auf der Großen Arnspitze glitzern noch ein paar letzte Schneefelder. Und ganz langsam verzieht sich sogar das eine Wölkchen, das die Zugspitze verhüllt.

Was will man mehr?!

Feiern mit Frederico.

Mit dem Kirchweihfest verhält es sich in Bayern ja so, dass das nur deshalb am dritten Sonntag im Oktober stattfindet, weil es der Obrigkeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts irgendwann mal zu blöd und zu viel war, dass die Landbevölkerung sich ständig anlässlich einer der zahlreich stattfindenden Kirtas zugelötet hat – jede Dorfkirche hatte schließlich einen anderen Jahrestag ihrer Konsekration, also gab’s dauernd irgendwo was zu feiern – und dann zu nix mehr zu gebrauchen war.
Mit der Einführung eines zentralen Festtages für alle hoffte man, der Sauferei und Feierei drastisch Einhalt zu gebieten, indem man sie auf einen Tag begrenzte. Da den Leuten das zu wenig war, etablierte sich über die Jahrhunderte dann die Verlängerung des Kirchweihfestes: der Montag wurde als Feiertag drangehängt, um nochmal durch die Gasthäuser zu strawanzen, zu karteln, zu schlemmen und zu trinken – wo man doch grad schon so gut drin war im Feiern…

Heutzutage ist das Kirchweihfest in vielen Gegenden Oberbayerns, in denen sich bäuerliche Strukturen weitgehend aufgelöst haben, zu einem allgemeinen Herbst-Event verkommen. Und die Kirchweihmontagstradition ist sowieso völlig in Vergessenheit geraten. Der Montag ist längst schon kein Feiertag mehr, in den dörflichen Betrieben wird gearbeitet, der eine oder andere geht halt lediglich etwas verkatert auf Maloche.

Aber das gilt nicht für ganz Oberbayern. Nein! Ein von unbeugsamen Geigenbauern und Gebirgsjägern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Niedergang der Tradition Widerstand zu leisten. Die Rede ist von Mittenwald.

Oberhalb von Mittenwald liegt die Brunnsteinhütte. Als einzige Berghütte in der Alpenregion Karwendel hat sie ihre Pforten nicht spätestens am Kirchweihsonntag geschlossen, sondern die Saison erst mit dem gestrigen Montag ausklingen lassen.

Brunnsteinhütte im Westlichen Karwendel (1.560m).

Die Sonne brannte vom Himmel, das Bier floss in Strömen, die Aussicht wurde von Glas zu Glas grandioser, die Küche war auf den Ansturm ebenfalls bestens vorbereitet, Musik gab’s auch – und Hüttenesel Frederico verabschiedete jeden Gast persönlich.

Frederico, der Hüttenesel (und das Dackelfräulein, dem der Esel nicht geheuer war).

Und als uns beim Abstieg ganz unerwartet noch ein Alphorn den zum Marsch blies, hielten wir voller Andacht inne, blickten hinauf zu den steinigen, schroffen Gipfeln, lauschten dem kräftigen Klang (für einen Moment hat nicht viel gefehlt zum Gläubigwerden!) und waren dankbar und glücklich, einen Tag wie diesen erleben zu dürfen.

Danke, liebe D., für den schönen gemeinsamen Bergtag!

Kurz nach dem Aufbruch in Mittenwald.

 

D. beim Betrachten der Arnspitzen.

 

Das Highlight des Leitersteigs: die wacklige Hängebrücke über die Sulzleklamm.

 

Wegen des Bodengitters der Brücke muss das Dackelfräulein getragen werden …

 

… und ich gebe zu: ein bisserl unheimlich war’s schon, wenn man keine Hand mehr zum Festhalten frei hat …

 

… dafür wurde man kurz drauf mit bestem Wettersteinblick belohnt …

 

… Rotwandl- und Brunnsteinspitze weisen den Weg hinauf …

 

… und mit Erreichen der Hütte ist sowieso jede Strapaze vergessen!