Kurt knurrt.

Sie erinnern sich bestimmt: Kurt Kister ist mein erklärter Favorit unter den hiesigen Journalisten, ich erfreue mich jede Woche mindestens an seiner Kolumne, meist noch an einem weiteren Artikel.

Hier und heute zwei Kisters für Sie, wie sie kistriger nicht sein könnten.
Ersterer ist schon von letzter Woche und wurde daher bereits vom sehr geschätzten Bonner Blognachbarn zitiert, ich erlaube mir, ihn hier in Gänze hineinzukopieren. Kister spricht mir darin absolut aus der Seele, was das Sterben und unseren sprachlichen Umgang damit angeht.
Ich möchte ganz unbedingt eines Tages auch gestorben sein dürfen und keinesfalls verstorben sein. Und erst recht nicht verschieden! Und geschieden natürlich auch nicht, das hatte ich schon mal und das war eher doof (das Procedere, nicht das Ergebnis).

Meine Lieblingspassage im Erstkister ist der einleitende Absatz, dicht gefolgt von dem Halbsatz über Günter Grass. Und dass Lucy Jordan erwähnt wird, ist auch super. Wir könnten vermutlich eh gut zusammen Musik hören, der Kurt und ich (sogar Springsteen).

Aber lesen Sie selbst:

16. Februar 2021
Sehr geehrte Frau Kraulquappe,
es war eine dieser Nachrichten, die man mit doppeltem Erschrecken hört: Chick Corea ist tot. „Unerwartet verstorben“, wie es so schön heißt, wobei man sich fragt, woher die unheimliche Karriere des Verbs „versterben“ rührt, das eigentlich nur „sterben“ heißen sollte, auch weil man die Vorsilbe „ver-“ nicht braucht, um tot zu sein.

Nein, dass so häufig verbalbürokratisch von „versterben“ gesprochen wird, hat nichts mit Corona zu tun, sondern eher damit, dass immer mehr Menschen, auch solche, die keine IT-Gebrauchsanweisungen schreiben, über einzelne Wörter und Sätze, die in der richtigen Art zusammengefügt, die Verständlichkeit und im allerbesten Falle die Schönheit unserer Sprache ausmachen, nicht mehr nachdenken. Gestorbene auch als Verstorbene zu bezeichnen, ist das eine. „Versterben“ aber ist, wie ich früher in der Volksschule gelernt habe, kein schönes Tu-Wort, auch wenn in Grimms Wörterbuch darauf verwiesen wird, dass schon Goethe die Zeilen schrieb: „Ein junger Mann, ich weiß nicht wie, verstarb an der Hypochondrie.“ Sie wissen ja, quod licet Jovi, non licet bovi.

Ludwig Anzengruber, ein hierzulande und heute nicht mehr sehr rezipierter österreichischer Schriftsteller und Stückerl-Schreiber, machte sich jedenfalls Gedanken darüber, welche Beziehung „versterben“ zu „sterben“ respektive „tot“ hat, indem er schrieb, „wenn einer verstorben (gestorben) ist, da ist er wohl ganz und gar verstorben (tot)“. „Verstorben“, heißt es in dem Wörterbuch der Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm, bezeichne „bisweilen den Augenblick des Abscheidens, manchmal aber auch die abgeschlossene Handlung“. Sterben ist da wohl die Handlung, also das Tun, „verstorben“ ist der Zustand, nachdem die Handlung vollendet wurde. Sterben, um verstorben zu sein – was für eine vielfältige Sprache, was für ein schönes Deutsch, das man nicht immer sprechen oder schreiben muss, aber mit dessen Kenntnis man auch keine 29-schrittigen Prozessanleitungen zur Neuanmeldung des Diensttelefons verschicken würde.

Ich blättere hin und wieder im sehr umfangreichen Grimm, dem Wörterbuch, von dem zwischen 1854 und 1961 sechzehn Bände erschienen sind. Zwar schreibe ich „blättern“, obwohl ich das fast ausschließlich online tue, auch wenn das Blättern online eigentlich ein Widerspruch in sich ist. Die Geschichte der Wörter ist eben auch die Geschichte der Menschen – oder vielleicht ist es auch umgekehrt. Der verstorbene Günter Grass, der 2015 starb und seitdem tot ist, brachte 2010 als eines seiner letzten Bücher „Grimms Wörter“ heraus. Grass sollten Wörterliebende nicht vergessen, obwohl er auch manches krude Zeug geschrieben hat. Nehmen Sie einfach sein „Grimms Wörter“ in den nächsten Urlaub mit, den es wieder geben wird, ganz bestimmt, trotz Mutationen und Mutanten. Den Grass gibt es als Taschenbuch für ein paar Mark fuffzich (ja, liebe Schlussredaktion, ich weiß, dass man jetzt in Euro zahlt).

Nun bin ich sehr von dem abgewichen, worüber ich eigentlich schreiben wollte, auch wenn eine Funktion dieser Kolumne darin besteht, grundsätzlich von dem abzuweichen, was man eigentlich schreiben will. Variety is the spice of life, sagte der englische Dichter William Cowper, was ungefähr heißt, dass Vielfalt, also auch Abweichung, das Leben interessant macht. Also: Eigentlich wollte ich schreiben, warum mich der Tod von Chick Corea doppelt erschreckt hat.

Chick Corea habe ich bewusst zum ersten Mal in den Siebzigerjahren wahrgenommen, als er 1976 seine Doppel-LP „My Spanish Heart“ herausbrachte. Zwar hörte ich damals eher das, was man bei Spotify heute ProgRock nennt, hatte aber keine Vorurteile gegenüber Jazz oder seinen Verwandten. Je älter ich wurde, desto mehr hörte ich auch Jazz. Corea war in seinen vielen verschiedenen Musikphasen immer einer meiner Begleiter; als ich mir es leisten konnte, besuchte ich auch das eine oder andere Konzert. Leider habe ich nie seine fantastische Band Return to Forever live gehört, aber ihn selber doch in diversen Formationen gehört und gesehen. Ich hatte und habe seine Musik auf Platten, auf Kassetten, auf CDs, auf diversen Pods, und seit geraumer Zeit fließt sie auch aus der Großen Wolke über das Telefon in den Verstärker. Chick Corea war immer da – so wie Thelonious Monk, Keith Jarrett oder, andere Baustelle, Leonard Cohen. Tja.

Das ist der eine Grund für das Erschrecken:  Ein wichtiger, vielleicht genialer, großartiger Musiker ist tot.(SZ Plus) Der andere Grund: Er, oder zumindest seine Musik, hat jahrzehntelang zu meinem Leben gehört. Das ist jetzt zwar nicht vorbei, aber so wie für manche Klassikhörer mit dem Tod von Mariss Jansons oder Enoch zu Guttenberg etwas zerbrochen ist, höre ich jetzt Light as a feather über Scherben, die man nicht sieht, aber spürt. Und die Melancholie wegen Coreas Tod ist natürlich auch Melancholie über das, was man selbst alles verloren hat im Leben oder verloren zu haben glaubt, oder was zumindest unwiederbringlich vorbei ist.

Im Oktober 1993 zum Beispiel war ich bei einem Konzert von Chick Corea in Virginia vor den Toren Washingtons. Es war mir ziemlich egal, dass man sich damals in Deutschland gerade darüber aufregte, dass Corea Scientologe war, auch wenn ich nicht verstehen kann und konnte, wie sich halbwegs vernünftige oder gar halbwegs geniale Menschen einer so obskurantistischen Religion mit totalitären Zügen anschließen können. Andererseits sind die meisten Religionen … aber diese Abweichung hebe ich mir für eine andere Kolumne auf. Jedenfalls war es ein großartiger, warmer Herbstabend, und als ich nach dem Konzert nach Washington zurückfuhr, wollte ich nirgends anders sein als dort und nichts anderes erlebt haben als das, was ich gerade erlebt hatte. Dieses Gefühl stellt sich mit zunehmendem Alter seltener ein, und deswegen macht auch der Tod von Chick Corea doppelt traurig.

Es gibt diesen Song von Marianne Faithfull, den ich gerne zitiere, in dem es über die depressive Titelheldin Lucy Jordan heißt, sie habe mit 37 erkannt, dass sie niemals in einem Cabrio durch das sommerwarme Paris fahren würde. Was soll man sagen: Ich war damals 36, hatte ein Cabrio und fuhr nach Washington, das Pianospiel von Chick Corea im Ohr.

Und heute? Draußen hat es fünf Grad minus, es schneit leicht, und man sitzt am Computer, um melancholisches Zeug zu schreiben, weil Chick Corea gestorben ist. Man kann nirgends hingehen, es hat nichts offen, und das meiste, was real ist, ist auch irgendwie künstlich. Der Kerl auf dem Bildschirm, mit dem man dienstliche Absprachen treffen muss, sieht so aus, als befände er sich auf der „emotionalen Tonskala“ – der Begriff stammt aus dem Scientologen-Gedöns – ungefähr bei „covert hostility“, also versteckter Feindschaft. Selten war es so sehr Zeit, dass es endlich wieder Sommer wird.

Kurt Kister
Kolumne mit dem Titel: „Gestorben um tot zu sein“. Von Kurt Kister, 16.02.2020.

*****

Der zweite Artikel, in dem Kurt kräftig knurrt, erschien gestern Abend.
Der Gatte leitete ihn mir umgehend nach Veröffentlichung weiter (ich saß ja am Tegernsee, war tief in das Tauchbecken der Seniorenthemen gesprungen und hatte folglich keine Zeit und keinen Kopf für Zeitungslektüre) und dieser Text war wirklich eine erfreuliche Ergänzung zu den ungefähr 5-6 Messenger-Nachrichten von Freunden und Freundinnen (ich kann das mit dem * noch nicht), die mich gestern über den Tag verteilt auf den neu erschienenen Podcast von Bruce Springsteen & Barack Obama hinwiesen, mit dem die beiden Chiefs nun die Menschheit (oder auch nur sich selbst) beglücken wollen.

Verstehen Sie das bitte nicht falsch: ich möchte unbedingt auch weiterhin auf jeden Pups aufmerksam gemacht werden, der durch die Lüfte von Colts Neck, jenem Kaff im Monmouth County im US-Bundesstaat New Jersey, in dem der Boss seinen Ruhestand auf dieser kleinen Ranch verbringt, weht. Unbedingt!
Aber wie das eben mit Pupsen (Püpsen?- wie lautet der korrekte Plural dieser Winde?) so ist: nicht alle ziehen sie angenehm geruchs- oder geräuschlos vorüber, manchmal poltern oder stinken sie auch ganz erheblich. Und dieser hier, der mieft nach Selbstbeweihräucherung, nach einem saturierten Sermon zweier (weitgehend) Zufriedener, die sich zum nachmittäglichen Genuss eines edlen Eisteegesöffs aus zirbenkugelverschlossenen Karaffen auch noch ein Stück Rebellionsküchlein genehmigen wollen, das sie – jeder für sich und doch irgendwie gemeinsam – verzehren und zuvor entsprechend (age-appropriate) gründlich zerkauen. (Nebenbei: Obama hat übrigens fast den gleichen Thermostrinkbecher (travel mug) wie ich.)
Das einzig (nachhaltig) Erfreuliche daran: er (der Pups bzw. der Podcast) lieferte Kister die Munition für einen weiteren wunderbaren Kommentar, hier der Link zum Artikel.

Meine Lieblingsstellen: die mit der Harman-Kardon-Anlage im BMW und natürlich der Schlussteil mit Alois & Susi.

[Werde nachhher mal im Keller nach diesen Kassetten stöbern gehen. H. und ich nahmen in den 1980er-Jahren bergeweise solche Unterredungen auf, ich hab die selbstverständlich alle aufgehoben und archiviert, und da H. nächste Woche Geburtstag hat, bestünde noch eine reelle Chance, dass ich unsere Werke bis dahin digitalisiere und der Freundin als Podcast zukommen lasse.
Sollte mir das technisch nicht so fix gelingen, kann ich ja immer noch eine Glaskaraffe mit Zirbenkugel schenken
.]

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Song des Tages (65), für D.

12.02.2021: Lebensbaum im Wintertraum.

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Wir sprachen über Lebensträume und übers Loslassen.
Irgendwann legten wir die Löffel beiseite, auch die Pannacotta war nun restlos verzehrt. Der Freundin klebte noch ein kleiner Tupfen Himbeermark im Mundwinkel, ich trank den letzten Schluck von meinem Weißbier, dann räumten wir den Tisch ab.

Wir waren heiter, es war ein schöner Abend, das gemeinsame Essen und die Gespräche hatten uns gewärmt.
Plötzlich läutete mein Handy, die Tochter der Freundin rief an: ihr Opa sei völlig überraschend gestorben. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass damit ja der Vater der Freundin gemeint war.

Wir weinten zusammen und eine Viertelstunde später standen wir unten auf der winterlichen Allee. Ein eisiger Wind blies uns ins Gesicht, dann wurde die Freundin von der Tochter abgeholt und ich sah dem davonfahrenden Auto hinterher, bis es ganz in der Dunkelheit verschwunden war.

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Heute vor einer Woche, als ich über den Isarwinkel blickte, kam mir dieser Song nach Langem mal wieder in den Sinn. Weil in ihm ein Kalvarienberg vorkommt. Weil er die Toten auferstehen lässt. Weil sein Text so ehrlich ist, und so lebensfroh.
Es ist keines meiner Lieblingslieder, mir gefallen nur sein Anfang und sein Ende, mit dem Mittelteil habe ich immer gehadert.

Dafür enthält er einen meiner Lieblingsverse, eine der schönsten Zeilen, die Springsteen je über die Vergänglichkeit und das Sterben geschrieben hat: „It’s only our bodies that betray us in the end„.

Let your mind rest easy, sleep well my friend
It’s only our bodies that betray us in the end


I awoke last night in a dark and dreamy deep
From my head to my feet, my body gone stone cold


There were worms crawling all around me
Fingers scratching at an earth black and six foot low


And alone in the blackness of my grave
Alone I’d been left to die


Then I heard voices calling all around me
The earth rose above me, my eyes filled with sky


We are alive
And though our bodies lie alone here in the dark
Our souls and spirits rise
To carry the fire and light the spark


To stand shoulder to shoulder and heart to heart

12. Februar 2021: Kleiner Jagdhund vor großem Jochberg.

Wie ein Mops den Klops suchte und dabei das Ei des Kolumbus fand. A kitchen story about the loop of life & love.

Ein Hund kam in die Küche
und stahl dem Koch ein Ei.
Da nahm der Koch den Löffel
und schlug den Hund entzwei.

Da kamen viele Hunde
und gruben ihm sein Grab
und setzten drauf ’nen Grabstein,
darauf geschrieben stand:

Ein Hund kam in die Küche
und stahl dem Koch ein Ei.
Da nahm der Koch den Löffel
und schlug den Hund entzwei.

*****

Das Lied:
Jeder kennt es, ein Endlos-Song, eine Dauerschleife, ein zumindest vordergründig heiteres Liedchen.
Für mich eine Erinnerung an Kindheitstage, in denen ich morgens im Bad mit dem Papa zu singen pflegte, allerdings hieß das Lied bei uns „Ein Mops kam in die Küche“, was aber nichts zur Sache tut, denn Hund ist Hund, und ob nun ein Mops oder ein Dackel in die Küche kommt, das mag im Auge des Betrachters oder Besitzers zwar einen erheblichen Unterschied machen, verhaltensbiologisch aber läuft’s aufs Selbe hinaus: der allzeit verfressene Vierbeiner klaut etwas aus der Küche – schon allein der Titel des Liedes verweist ja quasi auf die Quintessenz des Haushund-Seins.
Bis hierhin ist die Geschichte gut nachvollziehbar, dann aber nimmt sie eine absurde Wendung, die ich schon damals nicht verstehen konnte und die bis heute zwei zentrale Fragen unbeantwortet ließ:
Wieso handelt es sich bei dem Diebesgut nur um ein schnödes Ei?
Und weshalb bringt der Koch den Hund für diese harmlose Tat gleich um?
Um uns nicht in Nebenpfade oder Sackgassen zu verirren und dabei den Faden zu verlieren, wollen wir uns hiermit trösten: der so unfair und brutal Erschlagene bekam von einer Schar Artgenossen umgehend eine ordentliche Beisetzung organisiert und durch eine das grausame Widerfahrnis gnadenlos enthüllende Grabinschrift wurde ihm nicht nur ein ehrendes, sondern ein immerwährendes Andenken bewahrt. Dazu die posthume Genugtuung, dass seine Nachfahren ihn rächen würden, indem auch sie wieder in räuberischer Absicht in die Küche tapsen… (wodurch das Drama leider von vorn beginnt, das Schicksal aller Beteiligten sich wiederholt und eben zur Endlosschleife wird).
Eines ist jedenfalls sicher: Hätte ein Mops einen Klops gestohlen oder der Hund nur einen Klaps bekommen, hätte es dieser Song womöglich niemals in den Kanon des deutschen Liedguts geschafft.

Das Hundeleben:
Eine endlose Polonaise zwischen Küche und Körbchen, zwischen Napfleeren und Nickerchen. Eine ewige Wiederholung von Widersprüchlichem: ja/nein, komm/bleib, hinaus/hinein, lecker/pfui, Mäuschen/Mistvieh.
Beobachtung in der Wortewelt: Ein Kleinkind sagt meist nicht Hund, sondern Wauwau. Bemerkenswert, dass der allerersten Bezeichnung dieses wunderbaren Wesens, die uns über die Lippen kommt, bereits die Wiederholung innewohnt.
Das repetitive Moment als Mittel zur Annäherung ans Wesenhafte oder gar zur Reduktion aufs Wesentliche.
Was aber ist das Wesentliche?
Was treibt einen Hund an, nicht nur unentwegt in die Küche, sondern auch in sein Revier und zu seinem Menschen wiederzukehren, ist es bloßer Instinkt oder ist da noch mehr im Spiel? Was bestimmt den besonderen Rhythmus dieser auf zig Regeln und Ritualen basierenden Lebensgemeinschaft von Mensch und Hund? Was ist nicht des Pudels, sondern des Rudels Kern?
Wenn man nicht gerade ein kaltherziger Koch mit Mordgelüsten ist, lautet die Antwort: Es ist die Liebe, the loop of love, sie gleicht einer Nadel, die auf einer Schallplatte hängengeblieben ist und fortwährend dieselbe Rille herunterleiert, forever and ever, egal, was uns das Tier alles raubt (und wir ihm).

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Der Grazer Musiker und Komponist Matthias Forenbacher hat sich für sein jüngst veröffentlichtes Werk ebenso kühn wie kreativ in den Kosmos der Kaniden hineinbegeben.
Schnappt sich den altbekannten Klassiker „Ein Hund kam in die Küche“, betätigt sich gleichermaßen als Chef de cuisine und Chef de chien und variiert das vertraute Volkslied.
Verfremdet, verfeinert, verquirlt und verwandelt es, verleiht ihm unerwartete Stimmungsfarben und verpflanzt es in unerhörte Sphären.
Fünfzehnmal würzt er es dezent und sparsam, werkelt mit nur wenigen Zutaten, lässt sich Zeit und Raum, um jeweils etwas Eigenes und Neues daraus zu zaubern, filetiert und flambiert es, und schlussendlich fügen sich all die Einzelteile zu einem schmackhaften, stimmigen Menü, was mir offen gestanden erst auffiel, als ich mir das zwanzigminütige Album neulich mal im Repeat-Modus anhörte, während ich am Herd stand und eine Dreiviertelstunde lang das Risotto rührte (eine in ihrer Zubereitungweise übrigens angenehm repetetive kulinarische Komposition).

Es war Anfang Januar, als eines sonnigen Mittags Forenbachers neue CD mit dem Titel „dogs“ dem Dackelfräulein direkt vor die Nase fiel.
Die Postbotin warf sie durch den Briefkastenschlitz in unseren Flur und wurde für diese rüde Störung des Schönheitsschlafs postwendend verbellt. Nebenan in der Küche warf ich gerade die Kärntner Kasnudeln in den Topf und einen Schimpfer in Richtung Hund, als ich dessen Gebell vernahm: Jeden Tag derselbe Radau, ja, lernt sie es denn nie!?
Aber was für eine Freude, als ich das Kuvert dann der Hundeschnauze entwand, es öffnete und ein handsigniertes Exemplar der „dogs“ zum Vorschein kam!

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Vergangenen Freitag hat Matthias Forenbacher seine Hunde nun offiziell von der Leine gelassen. Einen Hundeführerschein, wie er sonst ja leider vielerorts in Österreich verpflichtend ist, benötigen Sie nicht, um mit ihnen Gassi zu gehen – obwohl die 15 Vierbeiner in Temperament und Charakter doch ziemlich unterschiedlich und daher nicht so leicht im Zaum zu halten sind.

Geben Sie also gut Acht, spitzen die Ohren und genießen Sie diesen nicht alltäglichen Spaziergang, der Sie in die Welt der Soundschleifen und des Storytellings entführen wird. Und planen Sie dafür ruhig mehr als zwanzig Minuten Zeit ein, denn wenn Sie die erste Erkundungsrunde gedreht haben, werden Sie vielleicht gleich wieder loswollen. Da capo, so steht es schließlich unter der Namensliste der Dogs, auf der Albumrückseite.
Al fine ist in dieser Looposphäre (oder Luposphäre) freilich nicht vorgesehen, aber ein al dente dürfen Sie sich durchaus gönnen, falls Sie gerade am Herd stehen und – wie ich es gleich tun werde – Ihre Nudeln ins sprudelnde Wasser werfen, woraufhin – wenn alles so ist wie es immer ist – il cane folgen wird, weil Ihr Hund – wie könnte es anders sein? – in die Küche geflitzt kommt, für den Fall, dass es dort eine Nudel zu mopsen gäbe.
Da capo – und so beginnt die Geschichte wieder von vorn, the loop of life, es geht weiter und immer weiter, sofern Ihnen nicht die Nudeln ausgehen oder Ihrem Dieb die Luft oder Ihrem CD-Player der Saft.

Da capo!, eine Anweisung, die momentan wie ein Innuendo anmutet. Ein Zufall? Oder hat der Künstler uns seine Loops vielleicht ganz bewusst genau jetzt gesandt, damit der monotone Murmeltiermodus unseres Lockdownlebens endlich den adäquaten Soundtrack verpasst bekommt?
Ein Soundtrack, der zugleich als Erinnerung an den unverwüstlichen Kreislauf des Lebens aufgefasst werden darf sowie als Ermutigung zum Durchhalten und Weitermachen.
Und natürlich nicht zuletzt auch als Hommage an den Hund, diesen treuen Gefährten, der so gelassen und geduldig mit uns zu Hause hockt, Tag für Tag, Nacht für Nacht, Woche für Woche, Monat für Monat, sein ganzes Leben lang, völlig gleich, ob da draußen eine hartnäckige Seuche wütet oder ein laues Lüftchen eine Papiertüte übers Trottoir trudeln lässt.

Mit dieser Gedankenschleife wollen wir die kleine Rezension nun beschließen, damit sie sich nicht noch bis ins Unendliche fortspinnt, schicken herzliche Grüße hinüber ins frisch gelockerte Österreich, wünschen Matthias & seinen Hunden einen guten Lauf und freuen uns auf ein Wiedersehen und -hören, hier oder dort.

*****

Die 15 Streuner, Schoßhunde und Schlawiner aus der Steiermark können Sie hier einzeln oder im Rudel streamen & feeden:
https://songwhip.com/matthias-forenbacher
https://matthiasforenbacher.bandcamp.com/album/dogs

Playing Disco (pandemic-style).

This one’s for you, Freddie 💙 – with greetings from Loud Mary (the Cleaning Queen).

Für alle anderen: Bin seit einiger Zeit auf der Suche nach dem perfekten Waschstraßen-Song. Der hier kommt ganz gut, finde ich. Vor allem zum Schluss hin, wenn die Baströckchen so fesch im Rhythmus wedeln.

Song des Tages (64).

We rolled across the high plains
Deep into the mountains
Felt so good to me
Finally feelin‘ free…

Es gibt sie noch, diese wunderbaren Wintertage, an denen die Autobahn ebenso leer ist wie Parkplätze und Wanderwege.

An denen die Sonne vom bayerischen Himmel herunterlacht und man glatt mitlachen würde, wenn es einem nicht schon zu Tale bei minus 7 Grad den Kiefer eingefroren hätte.

Und Sie möchten nicht wissen, wie kalt es dann knapp 600 Meter höher war, oder in der schattigen Bergwaldpassage, die beim Abstieg zu durchqueren war.

Die Heldin des Tages ist das Dackelfräulein, und das keineswegs nur, weil sie die mehr als dreistündige Gehzeit, in der aus Temperaturgründen leider bloß eine ganz kurze Rast – einen Schluck trinken & weiter – drin war, hervorragend gemeistert hat, sondern auch, weil sie ungeachtet der Eiseskälte sofort zur Stelle war, um sich fürsorglichst meiner beim Anlegen der Grödeln nun zum x-ten Mal aufreißenden Wunde am Zeigefingerknöchel (einer Handwerksblessur, die ich mir dieser Tage beim semiprofessionellen Verfugen der Badewanne des hübsch Bewimperten zuzog) anzunehmen.
Wenigstens konnte ich mich später, auf dem dick verschneiten Steig, dafür revanchieren und der kleinen Madame die Eisklumpen zwischen den Zehen wegschmelzen, damit sie ungestört weitersausen konnte. Dummerweise blutete der Finger nach der Schmelzarbeit wieder – und so kümmert sich wechselweise die eine um die andere, so ist der Pakt und daran halten wir uns für immer und ewig.

Alles in allem ein Traumtag.
Den Muskelkater vom Yoga gehend wieder losgeworden (nach dem Silikonieren der Wannenfuge erteilte mir der Freund eine nächtliche Privatstunde zur Lockerung des verspannten Gestells).
Die Gedanken mal wieder weiter schweifen lassen als bis zur nächsten Hauswand (wir verbringen die Lockdown-Wochenenden ja strikt in der Stadt und überlassen die Schneehänge im Alpenvorland den Unbelehrbaren).
Das Fräulein so munter und tapfer – und überhaupt: wir beide momentan relativ erlöst von ein paar gravierenden Ängsten (demnächst mehr dazu).
Die zehn Kilometer überreich gepflastert mit grandiosen Ausblicken (ein derart beglückendes Gefühl, so ganz allein mitten im Paradies zu stehen, das sogar die klirrende Kälte erträglich ist), nur eine Handvoll Menschen getroffen, und einen weißen Riesen.

Möglicherweise eine erste Spur gefunden, in diesem neuen Jahr?

Nur über meine Leiche zieh‘ ich jemals aus dieser Gegend weg.

Das Leben, ein Tanz & wir pfeifen dazu. Zum 28. Dezember 2020.

Meiner kleinen, treuen, klugen und tapferen Begleiterin zum 9. Geburtstag:
Mögest Du noch lange mit mir durchs Leben tanzen, und ich mit Dir!

Aus der Steiermark kommt das Geburtstagslied…

…und aus der Münchner Küche der Videoclip dazu.

Manchmal ist das Leben ein Eiertanz und das einzig vernehmbare Pfeifen jenes, das aus dem letzten Loch ertönt, so dachte ich in den vergangenen Wochen des Öfteren.
Wir wollen diese Gedanken nun so gut es geht abschütteln und mit Zuversicht und Mut das neue (Lebens-)Jahr beginnen.

So that was Christmas (I).

Immer wieder ein Genuss, diese Fahrt ins Tegernseer Tal. Selbst an Weihnachten.

Der restliche Nachmittag und Abend auch soweit in Ordnung.
Dafür, dass wir das nur alle 12 Jahre mal machen, haben wir uns wohl ganz gut geschlagen, alle miteinander.

Nach sechs Stunden dennoch Kopfweh von der altergemäß arg überheizten Stube, all dem Essen und Trinken, dem abendfüllenden Trubel, den diversen musikalischen Einlagen und der Gesprächigkeit der Lebensgefährtin des Papas.

Wenigstens hat das Dackelfräulein nun endlich mal einen Weihnachtsbaum gesehen, das gehört schließlich zum Bildungskanon eines modernen Hundes von Welt.

Song des Tages (63).

Stabiler Stimmungseinbruch mit zeitweisen Zwischenhochs.
So in etwa ließen sich die anderthalb Wochen seit dem letzten längeren Eintrag hier zusammenfassen.

Die Pandemie hat nach neunmonatiger Tragzeit nicht nur einen zweiten Lockdown geboren, sondern auch zu etlichen Zerwürfnissen geführt. Menschen, die einem nahe waren, sind plötzlich fern (und umgekehrt), die einen glauben dies, die anderen das, manche nehmen die Maßnahmen ernst, andere handhaben es eher locker, allzu genau kann man es oft schon gar nicht mehr einschätzen, weil man sich ja seltener oder gar nicht mehr sieht (und Telefonate oder Emails sind auf Dauer nicht dasselbe wie echte Begegnungen).

Ein Teil dieser Differenzen lässt sich nicht mehr mit diesem Mix aus Milde und Leichtigkeit ignorieren, den ich mir als Studentin in den Neunzigern gestattete, als mein damaliger bester Freund sich um ein Stipendium bei der Adenauer-Stiftung beworben und sich politisch entsprechend positioniert hatte, ansonsten aber noch ganz der war, als den ich ihn kennengelernt hatte. Da stichelte man manchmal herum, diskutierte sich die Ohren heiß oder umschiffte elegant ein paar heiklere Themen (oder rettete sich auf das Terrain des Humors), wandte sich aber überwiegend dem zu, was miteinander gut ging und schön war: Konzerte, Theater, Literatur, Kneipenbesuche, Spaziergänge, Weinfeste, Spieleabende mit Freunden.

Und nun?

Nun praktizieren wir Kontaktreduzierung, und das noch dazu in kulturreduzierter Form, d.h. ohne einen Großteil der gewohnten Lokalitäten und Inspirationsquellen. In diesem reduzierten (Er-)Lebensraum (unter dem der eine mehr, der andere weniger leidet) scheiden sich nun die Geister an Corona, und sie tun es heftig, und ich fürchte, es wird noch heftiger werden.
Die Frau eines langjährigen Freundes versinkt immer tiefer im Verschwörungskosmos (und der Freund verzweifelt allmählich), ein anderer Freund teilt polternd mit, er halte von diesem Drosten rein gar nichts (und hüllt sich auf meine Frage nach dem Warum nachhaltig in Schweigen), ein dritter lässt durchblicken, dass er das Buch von Bhakdi quer(! 🙂 !)gelesen habe und da durchaus was dran sein könne (man müsse halt offen sein und nicht immer nur Mainstreammedien… usw. – na, Sie wissen schon).

Im Supermarkt kriegen sich die Leute in die Haare (Gänge zu schmal, Eile zu groß), im Mietshaus verschärft sich das Müllproblem (Tonne zu klein, Amazonkartonmenge zu groß), in der Blognachbarschaft geht das Gekeife los, sobald ein Blogbeitrag klar Position bezieht (Hirn zu klein, Goschn zu groß – was man halt wechselseitig so voneinander behauptet, wenn man intensiver über Corona zu sprechen versucht und die Meinungen diametral auseinander liegen).

Mehr und mehr mache ich die Schotten dicht.
Bin des Diskutierens müde, bin überhaupt ständig müde. Pflege meine beiden Jenseits-des-eigenen-Haushalts-Kontakte, überwiegend im Freien, wenn es denn nicht zu bitterkalt ist da draußen.
Igel mich ein mit dem Gatten und dem Dackelfräulein und meinem neuen Gefährten, dem Akkordeon.

Ein so wunderbares Instrument! Und es liegt genau dort auf, wo ich wohne, am Solarplexus, der einzigen Körperstelle, an der ich das, was man gemeinhin das „Ich“ nennt, am deutlichsten ehesten spüre (andere Ichs wohnen wohl eher im Kopf oder im Bauch, wie man so hört) und ich bin sicher, dass das mit ein Grund war, der mich genau zu diesem Instrument greifen ließ.
Mein erstes Etappenziel – bis Weihnachten das Mietshaus mit „Jingle Bells“ zu beschallen (Süßer die Rächer nie klingen!)- ist bereits in greifbare Nähe gerückt und überhaupt empfinde ich oft reinste, kindliche Freude beim Üben dieser schlichten Lieder, die man rauf und runter spielen muss, um etwas Übung zu bekommen (nur manchmal nörgelt eine innere Stimme herum, schimpft mich einen kläglichen, unsäglichen Anfänger und lästert über meine langsamen Fortschritte).

Arme und Schulterpartie haben sich zwischenzeitlich einigermaßen an das Gewicht der Quetschn gewöhnt.
Dafür seit Neuestem seltsame Nierenschmerzen (so neu, dass es aktuell gut gelingt, noch nicht danach zu googeln, sondern auf plötzliches Verschwinden zu hoffen), übles nächtliches Ziehen in den Gelenken (ein Phänomen, das ich, neben anderem kleinen Körperkram, der Prämenopause zuordne, ein Begriff, der in meiner Wortwelt die unterste Sprosse einer Vokabelleiter markiert, deren letzte Sprossen dann mit Oberlippenfalten oder gar Oberlippenbart beschriftet sein werden), ein zunehmend verspannter Nacken (in Woche 5 ohne den geliebten Schwimmsport kein Wunder, und zu alternativen HWS-Lockerungsmaßnahmen hab ich mich noch nicht aufraffen können bzw. erhoffe hierzu Anleitung durch den hübsch Bewimperten) sowie eine Lippenherpesserie vom Feinsten (die kommt eindeutig vom regelmäßigen, längeren Maske-Tragen, eine Sache, deren Ausgang ich noch nicht weiter zu durchdenken wage, nachdem bislang bereits festzustellen ist: je mehr Maske, desto mehr Herpes, und je mehr Herpes, desto mehr Maske – ziemlich absurd, denn das pustelproduzierende und daher eigentlich negativ konnotierte Objekt erlangt schließlich eine positive Umdeutung insofern, als es das, was es lästigerweise hervorruft zugleich praktischerweise zu verbergen hilft -, bestimmt gibt’s auch schon ein kluges Fremdwort für dieses Paradoxon, leider kenn‘ ich es nicht, sollten Sie es kennen, lassen Sie’s mich unbedingt wissen!).

Im Internet hat der Aerosolrechner längst den Gehaltsrechner abgelöst, an den Rückspiegeln der Autos, in denen früher eklige Duftbäumchen baumelten, flattern nun speckige Mund-Nasen-Schutzmasken im Sichtfeld des Fahrers herum, es gibt keine Nachrichtensendung mehr, in der nicht irgendwann im Hintergrund der überdimensionierte, rot-gelb-orange-pink-violett (je nach Sender) gefärbte 3D-Kugelfisch seine Runden durchs Seuchengeschehen zieht.
Die eigene Tagesplanung orientiert sich an dem, was noch geht und daran, wie es derzeit zu gehen hat und wie es am besten (= am begegnungsfreiesten und sichersten) geht, plus all dem, was gehen muss, egal wie.

Die Fixierung der Corona-Politik auf die Weihnachtsfeiertage geht mir total auf den Senkel (vortrefflich zusammengefasst wurde mein Genervtsein in diesem Essay von Boris Herrmann).
Das mag ein Stück weit an meiner generellen Haltung zu Weihnachten liegen, aber wirklich nur ein Stück weit.
Vor allem habe ich wenig Lust, im Januar dafür zu büßen, dass andere die Festtage damit zugebracht haben, sich im täglichen Wechsel mit bis zu zehn anderen Haushalten zu umgeben (was freilich drinnen und ohne Abstände und Masken stattfinden wird, und dauerndes Lüften ist auch nicht, weil dem Christbaume sonst die Lichter ausgehen, sofern es nicht schnöde Elektrokerzen sind, die ihn zieren). An die zuvor empfohlene, mehrtägige Selbstquarantäne wird sich ohnehin kaum einer halten (können oder wollen, das sei mal dahingestellt), und vorgezogene Ferien befördern diese familiäre Klausur nach meinem Dafürhalten auch eher nicht.

So wird es wohl mit Sicherheit ein langer, unangenehmer Winter werden, an dessen Ende man froh sein kann, wenn ihn unbeschadet überstanden hat.

Um mich der Omnipräsenz des Virus zu entziehen, flüchte ich mich in die Natur, in die Bewegung, in Sprach-, Film- und Musikwelten, in die räumliche, akustische oder gedankliche Nähe zu vertrauten Menschen, in die Weihnachtsgeschenkbasteleien – und unter die Bettdecke.

Dort drücke ich den kleinen, warmen, ruhig atmenden Hund an mich und weine ein bisschen vor mich hin.
Vorgestern haben wir der Dackeldame mal wieder das allseits verhasste Körperpflegeprogramm angedeihen lassen: Augen, Ohren, Zähne, Haut, Fell und, weil sich’s anbietet, das bei der Gelegenheit gleich mit zu erledigen, auch ein kurzes Abtasten des Bauchraums.
Nicht, dass ich en detail wüsste, was ich da abtaste, was ich jedoch haargenau weiß, ist, was ich dort noch nicht ertastet habe, weil ja stets der Vergleich zur vorigen Untersuchung in den Fingerspitzen gespeichert ist (so ein Teckeltorso ist ja überschaubar).
Ein erbsengroßer, harter Knoten an der Milchleiste war da bisher jedenfalls noch nie. Der ist neu und auch der Gatte hat ihn sofort ertasten können (da deutlich größer als eine Staublaus, d.h. auch für ihn ohne Neonlicht, Lupe und viel gutes Zureden mühelos auffindbar).

In mancher Hinsicht bin ich ja durchaus ein zäher Knochen und auch psychisch halbwegs robust, was mir aber sofort den Boden unter den Füßen wegzieht, ist jedwede ernsthaftere Sorge um Pippa.

Drücken Sie uns daher gerne in stummer Anteilnahme die Daumen für Freitag, wenn wir den Knoten in der Tierklinik „abklären“ lassen, wie ich es mal ganz abgeklärt ausdrücken möchte, um mich schon ein wenig für diesen Termin zu präparieren, bei dem es sich nicht geziemt, tränenüberströmt ins Behandlungszimmer zu taumeln, weil ja schließlich ein Arztgespräch zu führen und das Dackelchen während der Untersuchung festzuhalten ist (und das Ergebnis auch nicht zwangsläufig existenzbedrohlich sein muss).

You’re a big girl now, ermahnt mich Sir Bob, während ich im Dunkeln durch den ersten Schnee in unserer Stadt nachhause fahre und mich so verwundbar fühle, und so klein.

With a pain that stops and starts
L
ike a corkscrew to my heart.

Bird on the horizon sitting on the fence
He’s singing his song for me at his own expense
And I’m just like that bird oh oh
Singing just for you
I hope that you can hear
Hear me singing through these tears.

Time is a jet plane it moves so fast
Oh but what a shame if all we’ve shared can’t last
I can change I swear oh oh
See what you can do
I can make it through
You can make it too.

Amilienumkle oder: Nächtliche Notate zur Lage der Situation.

An sich bin ich kein Freund sprachverhunzender Kleinschreiberei, mir persönlich kommt dabei schnell jeder Lesefluss und -genuss abhanden.

Für amilienumkle möchte ich allerdings kurzfristig eine Ausnahme machen. Es ist ein ganz besonderes Wörtchen, zumindest für mich, denn es war die finale Wahrnehmung in meinem geliebten Schwimmbad, als ich vor über zwei Wochen zum letzten Mal in der Umkleide stand.

Da mir bereits schwante, dass es das für 2020 vermutlich gewesen sein dürfte mit meinem Lieblingssport, drehte ich mich vor Verlassen des Raumes noch ein letztes Mal um, so eine Art stummes rundumblickendes Abschiednehmen war das, und dabei fiel mein Blick auf jenes Schild, das mir noch nie zuvor aufgefallen war.
Dem dort aufgedruckten Wort fehlten ein paar Buchstaben, aber es gefiel mir sofort: amilienumkle.

Ich fotografierte es und noch auf dem Weg zum Parkplatz murmelte ich die neue Vokabel gleich ein paarmal vor mich hin: amilienumkle, amilienumkle, amilienumkle – und beschloss, dass sich das Wort eigentlich gut als Name für eine besonders seltene, sonnengelbe Seerosenart eignen würde (weshalb der Begriff ab sofort auch einen vernünftigen, großen Anfangsbuchstaben von mir erhalten wird), die ich mir als ein Symbol der Hoffnung (auf bessere Zeiten, konkret: auf ein möglichst nicht erst zu Ostern stattfindendes Wiedersehen mit dem Lieblingsbad) erschaffen und erhalten könnte.
Immer, wenn es mich künftig bedrücken würde (und mittlerweile tut es das recht oft), dass ich nirgends mehr ins Wasser springen und loskraulen kann (nein, Neoprenanzug im November ist nichts, wonach es mich verlangt!), könnte ich das dann flüstern und an eine seuchenfreie, sonnige Schwimmzukunft denken: Amilienumkle, Amilienumkle, Amilienumkle.

Fast wie ein kleines Gebet fühlt sich das an, und es würde mich nicht wundern, wenn ich in ein paar Wochen noch ein „Amen“ hinzufüge, obwohl ich mich nach wie vor zu den Atheisten zähle.
Man wird ja ein bisschen sonderlich und schrullig in diesen Zeiten.

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Apropos „in diesen Zeiten“.
Besser gesagt: Apropos Sprachbetrachtung im Allgemeinen und Besonderen.

Auf (oder in?) einem von mir sehr geschätzten Blog, der mir allwöchentlich am Montagmorgen den Einstieg in die beginnende Woche erleichtert bis kandiert, möchte ich Ihnen, sofern Sie sich für Sprache und deren Aberrationen interessieren, die vom Autor jenes Blogs mit großer Inbrunst (und kleinem Ingrimm) notierte und regelmäßig aktualisierte „Liste des Grauens“ ans Herz legen.
Sie werden staunen, welche Floskeln, Plattitüden und Worthülsen Sie unter den aktuell 452 Einträgen entdecken, die auch Ihren werten Lippen gelegentlich entschlüpfen!

Ein gutes Drittel der dort versammelten Phrasen erinnert mich zwar aufs Schlimmste an die in stundenlangen Meetings zu erduldende Verbaldiarrhoe meiner 17-jährigen Ära als IT-Consultant (zu Beginn der 17 Jahre noch schlichtschnöde Anwendungsberater genannt), dennoch liebe ich es, in dieser Sammlung zu stöbern.
Und das nicht zuletzt auch deshalb, weil ich in meinem Smartphone eine ganz ähnliche Liste führe: Sprachschrott, den man so hört oder liest und bei dem sich sofort die Nackenhaare aufstellen oder der nächste Herpes sich Bahn bricht.

Vor einigen Wochen glich ich meinen privaten Wortmülleimer erstmals mit dieser Sammlung ab, Anlass war die damals etwas zu oft gehörte Hassphrase „am Ende des Tages“ sowie das grassierende, pseudogeheimniskrämerische (nicht aber pseudoblöde) „aus Gründen“ und ein (hoffentlich nur) pandemiebedingter Zuwachs an „Calls“ allerorten.

Größtenteils fand ich den Inhalt meiner Truismus-Tonne 1:1 im Archiv des Bonner Bloggers wieder, lediglich „Blablablubb“ (gern verwendet, wenn das, was ein anderer abgesondert hat, für zu viel oder zu unwichtig gehalten wird), Tschautschau“ oder „Ciao ciao“ (oder ist das am Ende – nicht des Tages, aber meines Sprachverständnisses – gar ein spezieller Kynologengruß und heißt eigentlich „Chow-Chow„?) und aus mir unerklärlichen Gründen auch das gruselige „aus Gründen“ sind bislang noch nicht mit von der Partie.

Sonst aber wirklich alles.
Chapeau! ( 😉 – siehe „Liste des Grauens“, Nr. 262)

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Facebook empfiehlt mir jüngst diesen Artikel aus der „Welt“:

Lektürezeit, die man sich getrost sparen kann – das Foto genügt ja wohl zur Erklärung, wieso man das nicht tun soll.

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Wohingegen mir das nachfolgende Foto nicht erklärend genug war – hier hätte ich doch zu gern auch noch gesehen, was mit den beiden abgebildeten Wanderern geschah, als die „Skulptur“ zu Phall Fall kam.

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Ansonsten leben wir lockdownlight-konform vor uns hin.

Der Gatte (vor Erhalt seines Coronatestergebnisses), bei einem Ausflug an den See.

Ich (nach Erhalt meines Coronatestergebnisses), bei einem Ausflug an den See.

Ich spaziere überwiegend allein oder mit den Angehörigen meines kleinen Hausstandes oder maximal denen eines anderen kleinen Hausstandes durch die Gegend.
Und bin wie so oft sehr dankbar dafür, wie schön wir es hier haben. Nicht auszudenken, wie sich so ein Lockdown in Ennepetal anfühlen mag oder in dem Kaff nahe Jena, in dem ich mal während einer Dienstreise einquartiert wurde, weil ganz Jena wegen einer Messe ausgebucht war.

Auch der hübsch Bewimperte und ich sind mittlerweile perfekt eingespielt, was Tour- und Törtchenplanung sowie vorausschauende Recherche der jeweils tournah geöffneten To-Go-Kioske (ein Begriff, den ich sofort auf meine „Liste des Grauens“ setzen werde) für das frisch gebrühte Tässchen Kaffee…

 

…und überhaupt freut man sich am besten intensiv an den kleinen Dingen.
Dazu passt ganz hervorragend, dass in den Bäckereien die Plätzchensaison begonnen hat.

Nebenher bastle ich an meinem Buchvorhaben (fragen Sie bitte nicht nach, ich möchte noch nicht darüber sprechen, schon gar nicht hier!), übe auf dem Akkordeon (Nackensteife links im Wechsel mit Nackensteife rechts, dazwischen ein paar Töne) und halte mich viel in der Küche auf. Vielleicht sogar zu viel, wie nachfolgende Maismehl-Grafik zeigt, in die sich aus purer Überlastung ein fataler Fehler eingeschlichen hat.

Das mit dem Akkordeon lässt sich gut an und ist eine feine Sache, bedeutet aber nicht nur Musik, sondern auch Sport, wie ich feststellen musste, denn die 8 Kilo (Instrument plus Koffer) müssen ja auch zum Unterricht hin (und zurück) transportiert werden.

Wenigstens bringt einen vor Ort nicht auch noch der Lehrer ins Schwitzen, weil der sieht exakt so aus wie er heißt (und ich behaupte einfach mal, daran würde sich im Wesentlichen auch nichts ändern, wenn er den Mund-Nasen-Schutz abnähme).
Eine Beschreibung, die Sie jetzt leider nicht verstehen können, da ich hier natürlich nicht seinen echten Namen verkünden kann, damit Sie den dann gleich googeln oder so. Sowas macht man nicht.

Stellen Sie sich einfach ersatzweise einen Mann in den Fünfzigern vor, von kugeliger, untersetzter Statur, mit krass bayerischem Dialekt und einem Namen wie Rudi Humpertinger – die Vorstellung, die Sie dann haben, die trifft es in etwa.

Ideale Lernbedingungen also.

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Auf dem Land ist Santa Claus schon im Anmarsch…

Die spinnen, die Bayern.

…während es mir hier in der Stadt noch recht unvorweihnachtlich vorkommt.

Deko vor dem Supermarkt.

Soweit für heute.

Kommen Sie gut durch die Woche und halten Sie vorsichtshalber schon mal Ausschau nach einem passenden Corona-Freund, falls am 25. November festgelegt werden sollte, dass jeder Haushalt sich künftig nur noch mit einem anderen, festzulegenden Haushalt (und aus diesem auch nur mit einer Person) treffen darf.

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Closing time.

Sonntag, 1. November 2020. München, Theresienwiese.
Vor der Haustür heute zur Abwechslung mal ein „Gottesdienst“. So haben sie ihre für heute Nachmittag geplante Demo, die erst vom KVR und dann auch vom VGH (mit völlig nachvollziehbarer Begründung) untersagt wurde, in aller Eile umbenannt, diese Querdenker.
Damit sie sich nach Belieben auch distanz- und maskenlos und vor allem in gewünschter Truppenstärke dort versammeln und ihre plumpen Phrasen dreschen predigen können. In Bayern unterliegen Gottesdienste unter freiem Himmel nämlich keiner Beschränkung der Teilnehmerzahl. So macht man das, nimmt man halt einfach mal die Religion zu Hilfe.

Nicht zu fassen. Eigentlich müsste doch allen, die denken, egal ob quer oder geradeaus, auffallen, wie dummdreist oder blasphemisch das ist. Und wie schade, dass ausgerechnet in dieser Hinsicht die nächsten vier Wochen keine Ruhe zu erwarten ist.

Ansonsten: It’s closing time.

Mit ein paar anderen Wasserjunkies pflüge ich ein letztes Mal zu jener Abendstunde, in der das Schwimmbad grundsätzlich am leersten ist, durch das riesige Becken.
Jede einzelne Bahn mit Bedacht und fast feierlich geschwommen, das hatte auch ein bisschen was von einer Messe, die jeder still und konzentriert für sich allein zelebriert (und doch sind wir alle im selben Wasser).

Erstmals in meinem Leben schwimme ich 2.800 Meter am Stück. 100 für jeden Tag der bevorstehenden Schließung (sofern es bei den vier Wochen bleibt). Obwohl es sich mit dem Schwimmen ja leider genauso verhält wie mit dem Schlafen: man kann es nicht auf Vorrat betreiben und wochenlang davon zehren (was man aktuell bunkern könnte, wäre lediglich Klopapier und so Kram).

Egal, es tut mir trotzdem gut, das mal auszuprobieren, bis kurz vor Beckenschluss (wie der Zapfenstreich im Schwimmbad genannt wird) zu schwimmen.

Ist viel, aber ging schon – die schweren Beine können sich ja nun lang genug von dem Einsatz erholen.

Die nette Kassiererin verabschiedet sich geknickt in die nächste Kurzarbeit, der Lieblinsgsbademeister ruft einem zum Abschied ein optimistisches „Servus und bis bald!“ hinterher.

Genau wie im Frühjahr werden wir unser Freibad und unseren Sport sehr vermissen in den kommenden Wochen (und die Psychohygiene, die damit verbunden ist, ebenso), aber so ist das nun.

Ab morgen wird wieder Gugelhupf gebacken, das hat sich schon mal bewährt.