Song des Tages (19).

Hey, where did we go
Days when the rains came ?
Down in the hollow
Playing a new game,
Laughing and a-running, hey, hey,
Skipping and a-jumping

Das Dackelfräulein lässt sich auf 1.300m die Frühlingsbergluft um die Nase wehen.

Standing in the sunlight laughing
Hide behind a rainbow’s wall,
Slipping and a-sliding
All along the waterfall

With you, my brown-eyed girl,
You, my brown-eyed girl.

Ein Prosit der Gemütlichkeit!

Beg (if it means anything to you).

Woran merkt man eigentlich, dass man älter wird?

Unter anderem daran, dass die Songs, an denen man hängt (und an denen Erinnerungen hängen), plötzlich in den Radiosendern gespielt werden, die man, als man noch jung war, als „unter aller Sau“ klassifiziert hatte und bei denen man keine Minute freiwillig hängengeblieben wäre.

Und daran, dass einem Erinnerungen plötzlich Tränen in die Augen treiben, obwohl das vom heutigen Standpunkt aus betrachtet ganz und gar überflüssig ist, was man freilich damals noch nicht ahnen konnte (dass der ganze Herzschmerz sich tatsächlich mal auflösen würde).

Überhaupt wird ja der persönliche Anrührungsquotient mit steigendem Lebensalter immer größer.

Was soll’s.
Sieht einen ja keiner, wenn man ein bisserl schniefend und mit leicht geröteten Wangen durch das schöne Alpenvorland heimwärts fährt, und falls doch, dann könnte man’s ja auch locker auf den ersten dezenten Sonnenbrand dieses Frühlings schieben.

Das hier ist was für Eingefleischte.
Oder für Neugierige oder Sentimentale oder Ältergewordene.

(Und ich möchte jetzt von niemandem, der dabei war, hören, dass der Sound sch**** war, damals an diesem Wahnsinnsabend in der Red Bull Arena. Das mag ja sein, aber in den vorderen zehn Reihen, da spielte das echt keine Rolle, und erst recht nicht bei diesem Prolog samt Kniefall – und allem, was danach kam.)

In my dream our love was lost, I lived by luck and fate
I carried you inside of me, prayed it wouldn’t be too late
Now I’m standin‘ on this empty road where nothin‘ moves but the wind
And honey I just wanna be back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again

Once I was your treasure and I saw your face in every star
But these promises we make at night, oh that’s all they are
Unless we fill them with faith and love they’re empty as the howlin‘ wind
And honey I just wanna be back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again

You came to me with love and kindness
But all my life I’ve been a prisoner of my own blindness
I met you with indifference and I don’t know why
Now I wake from my dream, I wake from my dream to this world
Where all is shadow and darkness and above me a dark sky unfurls
And all the love I’ve thrown away and lost I’m longin‘ for again
Now darlin‘ I just wanna be back in your arms

Leipzig, Sommer 2013, irgendwie noch deutlich jünger.

Song des Tages (18).

In schönster Frühlingssonne durch den Wald gesprintet (erstmals seit Monaten in leichtem Gewand), den uralten iPod wiederbelebt (kein Ersatz für den schönen Schlanken in pink, aber mei), die 380 Songs umfassende Liste auf Zufallswiedergabe gestellt (ausschließlich der Lebenssoundtrack, der in letzter Zeit viel zu kurz kam) und auf dem Trampelpfad mit Blick hinüber zu den Bergen (dort hinten am heimatlichen Horizont leuchtend und lockend) eine Dynamik und Freude verspürt wie schon lange nicht mehr.

Grab your ticket and your suitcase, thunder’s rolling down this track
Well, you don’t know where you’re going now, but you know you won’t be back
Well, darling, if you’re weary, lay your head upon my chest
We’ll take what we can carry, yeah, and we’ll leave the rest

Well, big wheels roll through the fields where sunlight streams
Meet me in a land of hope and dreams

I will provide for you and I’ll stand by your side
You’ll need a good companion now for this part of the ride
Yeah, leave behind your sorrows, let this day be the last
Well, tomorrow there’ll be sunshine and all this darkness past

Well, big wheels roll through fields where sunlight streams
Oh, meet me in a land of hope and dreams

Mit dem Song grüß‘ ich ganz besonders die S. aus dem schönen Wien (in großer Vorfreude auf unseren Konzerttrip nach Leipzig: das grab your ticket ja gerade noch mal gerettet, trotz der kleinen Panne…) sowie den S., der mich bei einem aktuellen Zukunftsprojekt so großartig unterstützt (worüber beizeiten noch zu berichten sein wird).

Einen Frühlingsschwung wünsch‘ ich der geschätzten Leserschaft sowie einen schönen, sonnigen Feiertag!

*****

@Wien: Kanntest du diese Version schon? (Veteranenvorspann überspringen & Einstieg bei 1:23!)

Ein zweiter Versuch über die Liebe: Zeugen.

*****

Es war wenige Tage vor meiner (Erst-)Hochzeit.
Nach einem langen Arbeitstag saß ich mit Kollegen an der Bar eines bedeutungslosen Hotels im ebenso bedeutungslosen Sankt Ingbert, das irgendwo östlich von Saarbrücken liegt, als mich eine Freundin anrief und sich nach meiner Verfassung erkundigte und fragte, ob alles in Ordnung sei, so kurz bevor ich den Bund fürs Leben schließen würde. Ihren Job als Trauzeugin schien sie ziemlich ernst zu nehmen.

Ich schnappte mir meinen Drink, verzog mich auf mein Hotelzimmer, da solche Nachfragen natürlich nicht vor Kollegenohren beantwortet werden konnten.
Recht unvermittelt stellte sie mir im weiteren Verlauf des Telefonats eine echte Gretchenfrage: Ob ich mir in meiner Liebe zu M. denn sicher sei, wollte sie wissen. Was sie damit genau meine, wollte ich zurückwissen. Naja, sagte sie, ob es eben so sei, wie in No surrender und wie wir uns die Liebe damals, als wir 16 waren, vorgestellt hatten, und diese Ahnung, einem Manifest gleich, mit weißer Tusche auf schwarzem Papier für die Ewigkeit festgehalten, eingerahmt und in unseren Jugendzimmern übers Bett gepinnt hatten.
„Ich glaube schon“, entgegnete ich, und spülte den seltsamen Nachgeschmack, den diese Antwort sogleich auf meiner Zunge hinterlassen hatte, schnell mit dem restlichen Cocktail hinunter. Die Freundin ließ natürlich nicht locker, so wie sich das gehört für wahre Freunde, und legte nach: „Wie, du GLAUBST es nur? Und du meinst, DAS wird reichen?“ – „Ja, ich denke, dass es reichen wird“, hörte ich mich sagen.

Nun ja, es hat nicht gereicht.
Und das Verflixte daran war, dass ich es ganz genau gewusst hatte, damals, auf dieser Hotelbettkante sitzend, mit dem viel zu süßen Mai Tai in der einen und dem Telefonhörer mit der Trauzeugin dran in der anderen Hand.

Eine zurechtgedachte Liebesmöglichkeit war es, die ich fühlen und festhalten wollte, damals, auf meiner verzweifelten Suche nach einem Ort, den ich mein Zuhause würde nennen können.

*****

Den Anfang vom Ende der Freundschaft mit C. besiegelte nach einem zweijährigen, mit großer Mühe und Qual verleugneten Auseinanderleben schließlich ein Satz, der bei einer abendfüllenden Diskussion im „Radha“, unserem Stamm-Inder, fiel.
Er war C.s Antwort auf meine Frage, ob und wenn ja, weshalb sie – glücklich verheiratet und Mutter einer fröhlichen Tochter im Grundschulalter – sich eigentlich noch ein weiteres Jahr mit dieser extrem nebenwirkungsreichen Hormonbehandlung schinden wolle, nur um irgendwie und mit aller Macht vielleicht doch noch die Voraussetzung für ein zweites Kind schaffen zu können, das dann via Eizellspende in einer spanischen Klinik gezeugt bzw. ins Leben gerufen werden sollte.
„Weißt du, ich habe einfach so viel Liebe zu geben“, antwortete sie mir damals.

Huch!?!
Entweder hätte ich dazu den Rest der Nacht weiterfragen müssen oder ich hielt für immer meinen Mund zu dem Thema. Ich entschied mich fürs Beibehalten der Sprachlosigkeit, in die mich dieser Satz schlagartig hatte verfallen lassen.
Es war das erste Mal in unserer langen Freundschaft, dass wir beide froh waren, als der Inder um uns herum die Stühle hochzustellen begann und damit unmissverständlich das Zeichen zum Aufbruch gab.

Bald darauf trennten wir uns einvernehmlich.
Als sie mir meinen Hausschlüssel in den Briefkasten warf, lag ein Zettel bei. „Mir ist die Liebe abhanden gekommen, um unsere Freundschaft fortzuführen.“, war darauf zu lesen.

*****

*****

An einem schwülwarmen Sommernachmittag, ich saß schwitzend, barfuß, ermattet und lustlos in meinem Büro, klopfte es energisch an meine Tür, und ohne mein „Ja?“ oder „Herein!“ abzuwarten, betrat Frau G. den Raum. Nein, sie betrat ihn eigentlich nicht, sondern sie stolzierte herein, affektiert wie eine überdressierte Lippizanerstute. Schüttelte die Mähne, blähte die Nüstern und kam schließlich schnaubend nach einem Hufstampfen zum Stehen.

Frau G. war die neue Lebensgefährtin von A., mit dem ich viele Jahre zuvor eine kurze Affäre gehabt hatte, die aus diversen Gründen nicht das Zeug zu mehr hatte.
Einer davon war der, dass A. sich nach wenigen Wochen entschloss, als Demonstration seiner Liebe all jene CDs zu erwerben, die ich zuhause in meinem Musik-Regal stehen hatte. Bei einem der Wochenendbesuche bei ihm dudelte mir, als ich aus dem Auto stieg und durch das Gartentürchen Richtung Haus ging, von der Terrasse Drive all night entgegen (an einem Mittag im Hochsommer! ja, ist das denn die Möglichkeit? – nein, das geht gar nicht, das ist ein Song für Dunkelheit und schlaflose Nächte! aber woher sollte er das auch wissen?).
Drinnen sah ich dann die vielen Springsteen-, Waits-, Dylan-CDs – meine Musik! – neben seinem Wasserbett liegen, auf dem ich schon bald nicht mehr umherwuppern würde, wie mir in dem Moment schwante.
A. und ich hatten dann recht bald keinen Kontakt mehr, außer man lief einander zufällig in der Firma über den Weg, was so gut wie nie der Fall war.

Zurück zu dem Auftritt von Frau G. an jenem Sommernachmittag.
A. war zwischenzeitlich ein hohes Tier in der Firma geworden, und dank des Flurfunks hatte ich auch bereits erfahren, dass er was mit einer seiner Mitarbeiterinnen, nämlich Frau G., angefangen hatte.
Im Stillen fragte ich mich, welche CDs er wohl angeschafft haben würde und ob Frau G. überhaupt Zeit zum Musikhören hatte, bei all der Karriere, die sie so verbissen zu machen versuchte.
Frau G. war eine sehr energische Person auf sehr hohen Absätzen (die sehr energische Geräusche machten), mit sicht- und spürbarer Disziplin von der allgemeinen Fitness über die Figur bis zur Frisur (in jeder einzelnen getönten Strähne eine Spannung wie in den durchgestreckten Knien und dem kerzengeraden Rücken), einer durchdringenden, harten Stimme (die durch das rollende „r“ ihres osteuropäischen Akzents noch an Schrecken gewann), kettenrauchend und permanent im Kampfmodus.

In meinem Büro stehend holte sie entschlossen Luft und zischte mir zu: „A. hat mirrr alläs von Ihnän errrzählt, ich habe Ihrrrä Brrriefä von frrrüherrr geläsen und ich möchte Sie warrrnän: Wagän Sie äs ja nicht, meinen A. noch jämals zu kontaktierrrän. Denn wirrr sind fäst zusammän und wirrr liebän uns – und zwarrr für immärrr! Das wirrrd Ihnen A. auch gerrrnä bäzeugän!“
Was für eine Ansage, ich war sehr beeindruckt und zugleich sehr verwundert, was wohl den Anlass gegeben haben könnte, dass Frau G. plötzlich meinte, mir das mitteilen zu müssen.
Lehnte mich in meinem Bürostuhl zurück und versicherte ihr, ich habe schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zu A. und sei sicher, dass er das ebenso bezeugen könne wie das feste Zusammensein mit ihr.
Sie schnaubte noch ein paarmal, scharrte mit den Hufen und verließ mit wehender Mähne mein Büro.

„Für immärrr“ hat dann übrigens keine zwei Jahrrrä gedauert (Frau G. flog anschließend auf den Schwingen ihrer Karriere auf und davon).

*****

Heute Mittag zum Spaziergang an den See gefahren.
Auf halber Strecke wie immer Einkehr auf ein wärmendes Getränk. Ein Paar um die 60 sitzt am Nebentisch und plaudert im Säuselton über das eigene, noch so frische und unbesudelte Zusammensein und grenzt sich zur Zementierung der Exklusivitätssehnsucht verbal heftigst von allen anderen ab, allen voran von „de junga Leit, die wo des Kuscheln verlernt ham“. Dabei sei das doch das A&O einer Liebe, wenn es halt eine echte Liebe sei, so wie die ihre, und nicht nur um schnellen Sex ginge, so wie bei de junga Leit heidzudog.
Man vergewissert sich durch permanentes Getätschel dieser Echtheit oder seiner selbst oder des Feuers, das zwischen ihnen lodern möge. Erst vor zwei Wochen hatte man einander bei Feierlichkeiten gemeinsamer Bekannter am Eibsee kennengelernt. Und man hat noch so viel vor – aber hallo!

Er schwafelt sie voll mit der x-ten Wiederholung der gemeinsamen Kennlernstory, die gerade mal 14 Tage alt ist und bei der sie ja wohlgemerkt ebenfalls zugegen war, aber seinen Worten lauscht, als höre sie das alles zum allerersten Mal.
Sie hängt an seinen Lippen, schiebt ihr Dekolletee mit jedem seiner Sätze weiter über die Tortenstücke, und schließlich entfährt ihr ein kleines Stöhnen, während er die Details jenes Abends für sie ausschmückt als verfasse er gerade ein Drehbuch für eine opulente Seifenoper: „Als ich dich zum Buffet gehen sah, mit deinen wippenden Brüsten und deinem weiblichen Hüftschwung, da war es sofort um mich geschehen, da wusste ich: Die Frau musst du haben, der musst du die Sterne vom Himmel holen. Und zwar alle!“. Weil die Lautstärke bei seinem heißblütigen Monolog etwas aus dem Ruder gelaufen war, hebt sie den Finger vor die Lippen und deutet ihm an, leiser zu sprechen. „Das darf jeder hören, meine Liebe!“ – schmettert er lautstark ihren Fingerzeig ab.

Als unfreiwilliger Zeuge solch herausposaunter Leidenschaft bereits ein wenig errötet – Knistern und Funkenflug sind längst im gesamten Lokal spürbar! – versinke ich tiefer und tiefer in die Polster meiner Sitzbank und wage es kaum, meine heiße Schokolade mit dem metallenen Löffel umzurühren. Man möchte ja weder auffallen, noch stören!
In der hintersten Ecke des Seelokals stochert ein anderes älteres Paar derweil stumm in dem gemeinsamen Viktoriabarsch herum, der mit glasigen Augen und in traurigtoter Seitenlage den Spätherbst der Ehe seiner Verzehrer kaum perfekter symbolisieren könnte.

Im Mittelpunkt des Restaurants hat das glühende Bekenntnis eine kleine Atempause eingelegt. Die beiden Frischverliebten führen vor Erregung bebend synchron ihre Kaffeetassen zum Mund, nippen daran und blicken einander unendlich lange und tief in die Augen.
„Du bist ja so ein Kuschelbär!“ haucht sie ihm dann zu, erhitzt lächelnd und mit nervösen Fingern das kleine Kreuz der Halskette in ihrer Busenfalte neu ausrichtend, danach den Ober heranwinkend, um sich ein weiteres Tässchen zu bestellen.
„Ich kann keinen zweiten Kaffee trinken, meine liebe Inge“, sagt er, „sonst steh‘ ich heut Nacht senkrecht im Bett, wegen dem zweiten Haferl – und wegen dir ja sowieso.“. (Der alte Kuschelbär – höhö!)

Wo kämen wir nur hin ohne eine Portion Größenwahn in Liebesdingen?, denke ich. Wir blieben alle armselige Gefangene in unseren Gehäusen und Flüchtlinge vor dem Leben.

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Das Dackelfräulein und ich spazieren am Seeufer entlang zurück zum Parkplatz.
Mir sind die Taschentücher ausgegangen. Die Haselpollen nehmen darauf keine Rücksicht und fliegen weiter munter umher. Ich schniefe so vor mich hin, ziehe die Nase hoch, behelfe mir mit dem letzten, völlig durchnässten Fetzchen und dem eh schon vom Ballspielen versauten Handschuh. Das Gerotze nervt ziemlich. Irgendwann fluche ich.

Pippa dreht sich sofort um, wirft mir einen besorgten Blick zu, und weil ich just in dem Moment erneut und offenbar dramatisch schniefe, kommt sie zu mir und stupst mit ihrer Nase an mein Bein.
Es ist dieses spezielle Stupsen, das so viel bedeuten soll wie „Na, mein Mensch, ist alles gut mit dir? Ich bin doch da!“, und das mich jedesmal zutiefst rührt.
Also beruhige ich sie, sage ihr, dass alles gut ist, gebe das Kommando zum Weiterlaufen, dem sie auch folgt. Da ich aber nach wenigen Schritten schon wieder seltsame Nasengeräusche von mir gebe, wiederholt sich das Ganze: Umdrehen, Gucken, Kommen, Stupsen. Diesmal belasse ich es nicht bei „Alles gut“ und „Geh schön weiter“, sondern beuge mich zu ihr hinunter, streichle sie und ernte dafür noch einen Stupser.

Und dann passiert es, ich kann es nicht zurückhalten,und sage diesen Satz, den ich eigentlich nur zuhause hinter verschlossenen Türen ausspreche, weil sie ihn ja sowieso nicht versteht und weil man sich und anderen daher diese Peinlichkeit in der Öffentlichkeit ersparen sollte: „Ich liebe dich über alles!“
In dem Moment höre ich Schritte hinter mir. Das Viktoriabarsch-Paar hat uns eingeholt und muss den Satz gehört haben. In seinem starren, blassen Gesicht hat der Schimmer eines Schmunzelns Einzug gehalten und in ihrem vormals so trostlosen Blick ist ein fernes Funkeln zu erkennen.
Ganz kurz lächeln wir einander wortlos an und einige Zeit später, als man sich am Parkplatz erneut begegnet, sagt er zu ihr „Schau, der nette Dackel!“ und sie zu ihm „So einen hätte ich auch gern!“.

Zum Abschied nicken wir uns freundlich zu, ich steige ins Auto und denke: Liebe kann sich auch anfühlen wie eine Leerstelle, die die Wirklichkeit mit nichts zu füllen vermag.
Und bin für einen Augenblick versucht, die Autotür nochmal zu öffnen und den beiden zuzurufen, dass es nun Frühling wird und sie sich doch dieses Hundeliebesglück einfach gönnen sollen.

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Alle Fotos aus der Ausstellung „Du bist Faust“ (Kunsthalle München)

Worrying about your little world falling apart.

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Dieser vorwiegend verjammerte Monat neigt sich nun erfreulicherweise seinem Ende zu. Der Inhalt des Jammertopfes ebenfalls.
Alles ist gesagt, gefühlt, beweint, beschrieben und beklagt worden.
Bei einem der Loopings während der emotionalen Achterbahnfahrten, die der Februar mir gratis und so reichlich zugedacht hatte, hat’s mich aus der Kurve gehauen.
Der Aufprall war unsanft, das System wurde ziemlich durchgerüttelt. Überall schepperte, wackelte oder flatterte es.
Nach all dem Aufruhr macht sich nun eine beinahe wohltuende Leere breit und bietet Gelegenheit, die Wunden zu lecken und zu verpflastern.

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Das für gestern Vormittag geplante Schwimmen verschob sich dann doch auf den späten Abend. Was sich gelohnt hat.
Zum einen, weil man rückschwimmend durch den Dampf direkt zum (Voll?)Mond im schwarzen Winternachthimmel hinaufschauen konnte, zum anderen, weil nach dem Bahnenziehen erstmals in meiner über 20-jährigen Schwimmkarriere die Badelatschen am Beckenrand festgefroren waren. Das gab’s noch nie.
Der Lieblingsbademeister eilte mit dem Heißwasserschlauch herbei, eiste meine gelben Crocs los und spendierte mir zur Entschädigung für die 15 Sekunden Extra-Frieren eine Gutschrift für den nächsten Besuch.
Ich liebe dieses Bad.

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Man kann nicht alles wegschwimmen, was einem im Nacken sitzt oder im Magen liegt.
Aber manches kann man leichterschwimmen oder schwimmend ins Wasser hineindenken und dann zugucken, wie es allmählich auf den Beckenboden (den gekachelten!) sinkt.
Kleine Verletzungen, große Enttäuschungen, nagende Zweifel, wiederkehrende Zukunftssorgen, fehlende Antworten, schwelende Ängste, spontane Lebensmüdigkeiten, kraftraubende Viren, zerplatzte Hoffnungen – bei jedem dritten Armzug vollständig Ausatmen, und ab damit Richtung schwarzer Balken auf türkisem Boden.
Man muss außerdem sehr viele Bahnen schwimmen, um seinen Ballast loszuwerden. Keine Ahnung, wie viele.
Jeder hat so seine Ventile. Das Schwimmen ist meines.
Ein weiteres ist die Musik.

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Auf der nächtlichen Heimfahrt ist die alphabetische Tracklist der 16GB-Musiksammlung bei „M“ angelangt. Macdonald, Amy.
Sie singt darüber, was Glück für sie bedeutet. Netter Song, 4:49 lang. Dann Stille, das Gerät springt nicht automatisch weiter zum nächsten Titel, und ich denke sofort: „Verdammt, geht DAS jetzt auch noch kaputt in diesem versemmelten Monat.“
Weil die Straße glatt ist, kann ich nicht an der Anlage rumfummeln. Als ich an der nächsten Ampel stehe und mit dem Finger aufs Display zusteuere, singt die Amy plötzlich weiter, nach über 70 Sekunden Pause.
Siehe da, es sind ja noch 3 Minuten Restzeit für „What happiness means to me“ angezeigt, das Glück hat also einen Epilog, den ich bislang nie bemerkt habe (da könnte sich das Leben mal eine Scheibe von abschneiden).
Unverzeihlich, denn es folgt eine Acoustic-Zugabe in schottischem Akzent von „Dancing in the dark“. Ein Song, den ich zwar seit 33 Jahren in & auswendig kenne, aber früher mal so oft gehört habe, dass ich schon lange nicht mehr wirklich zuhörte (sofern er mir überhaupt ab und zu mal unterkam).
Manches hat man ja als Teenager ganz anders aufgefasst (oder noch gar nicht erfasst) – und gestern Nacht trafen diese Worte zum ersten Mal einen völlig neuen Punkt meines Bewusstseins (oder auch bloß einen der Nerven, die sich im Februar entzündet hatten).

*****

You sit around getting older
there’s a joke here somewhere and it’s on me
I’ll shake this world off my shoulders
come on baby this laugh’s on me

Stay on the streets of this town
and they’ll be carving you up alright
They say you gotta stay hungry
hey baby I’m just about starving tonight
I’m dying for some action
I’m sick of sitting ‚round here trying to write this book
I need a love reaction
come on now baby gimme just one look

You can’t start a fire sitting ‚round crying over a broken heart
This gun’s for hire
Even if we’re just dancing in the dark
You can’t start a fire worrying about your little world falling apart
This gun’s for hire
Even if we’re just dancing in the dark

*****

(This one’s for you, S.)

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Bright spots.

Schöne Aussichten tun sich auf und verschwinden ebenso plötzlich.
Gefrieren in weißgrauer Kälte über Nacht zur Erinnerung.
Oder nehmen – gerade noch im Fluss und voller Dynamik – während ihres langsamen Zerrinnens die Gestalt eines Eiszapfens an.

So warten wir aufs Frühjahr, wenn es wieder zu tauen und zu fließen beginnt, wenn Temperatur und Licht den Widerfahrnissen einen anderen Anstrich geben.

Ein jahreszeitlich passendes Zitat aus dem ZEIT-Magazin fällt mir da ein:

*****

Immerhin doch drei gute Gefühle/Zustände in dieser Woche:
1. die Heimfahrt mit Musik
2. ins Wasser eintauchen und schwimmen
3. die warme Mahlzeit samt kühlem Hopfengetränk

[Höre plötzlich die längst verblichene Mutter, wie sie zu sagen pflegte: „Hopfen ist gut für die Nerven, heiße Milch mit Honig ist gut für den Schlaf, Lindenblütentee ist gut gegen Erkältung“ – nur Ersteres konnte ich ohne Würgereiz an- und übernehmen.]

*****

Heimat, das ist dort, wo sich der Anblick eines am Straßenrand vorbeihuschenden Landkreis-Schildes (durch Witterung und abblätternde Farbes so verblichen wirkend) anfühlt wie ein warmes, beruhigendes Streicheln über deine müden, geröteten Wangen.

Du passierst diese unsichtbare Grenze, durchbrichst die äußerste Schicht deiner Zwiebel, spürst sofort den Trost im Schoße dieser Landschaft, die schon immer dein Zuhause war und es immer sein wird, denn mein Radius ist überschaubar – nicht jeder ist dafür gemacht, „in der Welt zuhause zu sein“.

Tränen schießen dir in die Augen und verschleiern deinen Blick auf die winterliche Straße (mehr als es deine abgewetzten Wischerblätter erlauben).

Was für ein guter Moment – trotz allem anderen, was gerade ist oder nicht ist oder viel zu vage ist.

Noch 30km bis nachhause, du wechselst die CD, hörst zum vielleicht 100. Mal in den letzten Wochen diesen Song, von dem du die Finger ebenso wenig lassen kannst wie von warmem Toast mit Nutella als Seelenpflaster in trüben Phasen, weil sich die Lyrics so schön mitsprechen lassen, ein bisschen monoton, einem kindlichen Auszählreim gleich (und noch verstärkt durch den simplen Takt): „you were the only one I ever had, the only bright spot in a life that went bad“.
Vor allem fühlt sich das so weich an, auf der Zunge und den Lippen (sprechen Sie’s mal nach, am besten mehrfach), eben wie samtweiches Nutella am Gaumen (das oder die Nutella? Wurscht.).

Und ein paar Strophen später dann „when they flip the switch I hope all I can see“ und wie sich’s zu dem schlichten, anrührenden Jahrmarktmusikgeplätscher auflöst in „is you in my arms dancing with me“
So weich, das alles, obwohl hier ein Todgeweihter seine letzten Verse von sich gibt.

Werde das vielleicht noch 100x mitsprechen müssen, bis ich mit dem Lied und dem Gefühl, das es erzeugt oder an dem es sich abarbeitet (denn wer weiß das schon, was zuerst da war), fertig bin und es zum normalen Repertoire der SD-Speicherkarte „Automusik“ gehören wird.

Vielleicht komme ich auch nie über diese Zeilen hinweg, so dass „baby, tie your hair back in a long white bow, meet me in the fields out behind the dynamo“, „I got this guitar and I learned how to nake it talk“, „and if you say hide, we’ll hide“ und „with charcoal eyes and Monroe hips she went and took that California trip“ (und an was man halt sonst noch so hängengeblieben ist nach fast 4 Jahrzehnten Hinhören & Rückenschauern) weitere Gesellschaft bekommen.

Ach, diese Zeilen aus Songtexten, die wegen ihrer Betonung oder ihres Rhythmus ein Leben lang so zuverlässig eine Gänsehaut bescheren, wie es früher, in den Studienjahren, stets der Anblick des Olympiaturms vor der föhnigen Alpenkulisse vermochte – an dieser einen Stelle auf der A9, von Würzburg nach München heimfahrend, um das Wochenende oder die Semesterferien beim Papa oder in dem kleinen Haus am Moorsee zu verbringen (wo manche der geliebten Tiere unter Begleitung der passenden Musik zu ihrer letzten Ruhe gebettet wurden).

*****

War nicht so meine Woche.
Insgesamt auch nicht mein Monat.
Aber zur Prognose oder Gesamtsumme sollte man’s jetzt auch nicht aufbauschen (erst recht nicht zur Bilanz), das lehrt die Lebenserfahrung.
Und der Gatte bekräftigt es auch, dass dem so sei.

Darauf vertrauend also weiter.
Vielleicht wirklich mal wieder einen Sprung ins kalte Wasser wagen?
Denn Schwimmen, das kann ich doch?!

Einen möglichst warmen Start ins wohl kälteste Wochenende des Jahres wünscht –
Die Kraulquappe.

Auf und Ab.

Vor vielen Jahren war ich an einem Punkt in meinem Leben angelangt, an dem ich mir nichts sehnlicher wünschte als umkehren zu können, was aber unmöglich war, da der Weg zurück genauso furchteinflößend war wie jeder weitere Schritt nach vorn.

Ich stand damals bei Nebel und Nieselregen vor der Friesenbergscharte, dem höchsten (und bei gutem Wetter wohl auch aussichtsreichsten) Punkt meiner Alpenüberquerung.
Ganz allein auf 2.904m Höhe, mit einem viel zu schweren Tourenrucksack, keinerlei Sicht und zittrigen Knien.

Es gab kein Zurück, der Aufstieg vom Spannnagelhaus bis hierher war rutschig und schwierig gewesen, und bis zur Olpererhütte, dem Ziel dieser Tagesetappe, war es nochmal genauso weit. In welche Richtung ich gehen würde, war also völlig egal.
Ich setzte meinen Rucksack ab, stopfte die Lekis hinein, wuchtete mir das schwere Trumm wieder auf die Schultern und schielte bang nach unten. Der Weg hinab war drahtseilgesichert und mit Trittstiften versehen, und im Nachhinein betrachtet musste ich dem Nebel fast dankbar sein, dass nicht auszumachen war, wie weit ich unter diesen Bedingungen würde absteigen müssen.

Zum allerersten Mal auf meinem Weg hatte ich Angst.

Dachte an den Papa, der in spätestens zwei Tagen auf ein Lebenszeichen warten würde, das dann nicht käme, und wie unlogisch und unverzeihbar es wäre, wenn ich vor ihm abtreten würde. Er käme zu spät, um mich aus der „Gletscherspalte“ (die zwar nur eine Scharte war, aber für das existentielle Gefühl dort oben war das unerheblich) abzuholen, ich hinge dort mit eingeklemmtem Bein oder Brustkorb und wäre über Nacht längst erfroren.

Dachte an die Sportuhr, die ein Freund mir Tage zuvor beim Aufbruch am Münchner Hauptbahnhof gegeben hatte und die sich längst wie ein Talisman anfühlte, der sich um mein Handgelenk schmiegte, und nun verloren wäre; dachte an B., den hübschen Abiturienten, mit dem ich am ersten Tourabend in Mittenwald meine letzte Zigarette geraucht hatte und der danach unbedingt mit auf mein Zimmer wollte, was ich aus purer Vernunft abgebogen hatte, wieso eigentlich?

Ich dachte an all das, woran ich an all den Tagen auf dieser Tour noch gar nicht gedacht hatte, obwohl ich mit dem festen Vorsatz aufgebrochen war, genau über all das nachzudenken, um zu großen Erkenntnissen und gewichtigen Schlüssen zu gelangen, und fand es ziemlich schade, dass mir diese ersehnte, umfassende Katharsis nicht mehr widerfahren würde (was ich hier noch nicht ahnte: dass ich am Ende des Trips feststellen würde, dass ich über nichts von all dem nachgedacht hatte und sich dennoch fast alles geklärt hatte – und der Rest unwichtig geworden war).

Alles Mögliche ging mir in diesen paar Minuten durch den Kopf, die ich verkrampft und verängstigt dort stand und diese blöde Idee mit der Alpenüberquerung ebenso verfluchte wie meine Liebe zu den Bergen.

Und dann holte ich tief Luft – und ging weiter.

Die Schuhsohlen fanden auf den feuchten Stiften schwer Halt, mit klammen Fingern krallte ich mich an das eiskalte, glitschige Drahtseil und tat einen ersten, wackligen Schritt. Und einen zweiten, und einen dritten…
Ich guckte nicht nach oben und nicht nach unten, sondern klebte ganz eng am Fels und hangelte mich vorsichtig stufenweise abwärts, bis ich wieder festen Boden unter den Füßen spürte.

Letztlich war die gefährliche Passage recht kurz, aber für mich war es einer der wichtigsten Momente in meinem Leben.

*****

Gestern Abend, am Ende eines zehrenden Tages und einer abgebrochenen Reise, den Film „Wild“ nochmal angeschaut (seinerzeit im Kino die Augen ausgeheult).
Man greift ja in manchen Stimmungen ganz bewusst zu bestimmten Filmen, Büchern oder Musikstücken.

Vieles fließt hier ineinander, was gerade in mir ist – an Schmerz, an Sehnsucht, an Hoffnung, an Aufbruchsstimmung, an zu dichter Abfolge von Euphorie und Enttäuschung.
Nach 33,5 Filmminuten dann der Moment, der die Schleusen öffnet.

Zwar keine Gletscherspalte oder Friesenbergscharte, nur eine kleine, schwierige Felspassage – erst plumpst der Rucksack hinab, dann der Mensch -, aber das Entscheidende wird sichtbar: Es ist ein ganz anderes, befreiteres Weitergehen danach, ein Zuwachs an Mut und Selbstvertrauen. Es folgt eine Brückenquerung (sowieso schon immer mein Ding: Brücken), dazu diese Musik, die ersten Töne noch kaum hörbar, dann wie ein anschwellender Herzschlag und schließlich eins werdend mit dem Blut, das rhythmisch durch die Adern pulsiert, wie man’s beim Bergsteigen ja nicht nur durch und durch spüren, sondern auch hören kann.

The road is dark
And it’s a thin thin line
But I want you to know
I’ll walk it for you any time

*****

Nochmal so eine Tour, denke ich gestern Abend, das wär’s.

Darauf vertrauen, dass man nicht abstürzt, sondern mit klarem Kopf heimkehrt.
Und das Herz wieder so weit, und so frei.

St. Rway.

There’s a sign on the wall, but she wants to be sure
Cause you know sometimes words have two meanings
In a tree by the brook, there’s a songbird who sings
Sometimes all of our thoughts are misgiven

Bauruine im Loisachfilz bei Penzberg.

Aus der Serie „Innen & Außen im Einklang“.

Haifischzähne und Healing Tootsies.

Wir danken recht herzlich für all die Genesungswünsche!

Das Dackelfräulein ist längst wieder fit (was natürlich die Hauptsache ist), ich hingegen musste mich heute nach kurzer Morgeneuphorie und verfrühtem Kaffeegenuss doch wieder in die Koje hauen. Dabei war ich gedanklich schon auf dem Weg ins Schwimmbad, zumal nach peinlicher, 3-wöchiger Übergangszeit im ausgeleierten, zerfransten und leicht durchsichtigem Schwimmanzug dieser Tage endlich ein passender neuer eingetroffen war.

[Ein Graus, dieser Kauf: Badeanzüge, selbst die namhafter Hersteller, halten mittlerweile keine 100 Schwimmbadbesuche mehr durch, dann beginnt das Material sich bereits an den chlordurchflussstärksten Zonen aufzulösen. Einen neuen Schwimmdress erwirbt sich’s leider keinesfalls en passant, weil a) sich alle Hersteller massiv in Größen und Schnitten unterscheiden (was einen beim Anprobieren bisweilen an der eigenen Figur verzweifeln lässt), b) die Ausgestaltung von „normaler/mittlerer/hoher Beinausschnitt“ eine Wissenschaft für sich ist (nur 1cm Stoff zwischen Taille und Beckenknochen ist schon eher arg wenig statt normal) und c) aufgrund der Farben und Muster sowieso 85% aller Schwimmanzüge ausscheiden (und die Auswahl ist ja ohnehin begrenzt, da es viel mehr plantschorientierte Bademode als schwimmtaugliche gibt). Künftig werde ich mir diese jährliche Qual ersparen und bei einem gut sitzenden Badeanzug gleich doppelt zuschlagen.]

Müssen wir wohl beide noch eine Weile herumhängen bis zur Einweihung.

Schonung ist also angesagt, nicht Ungeduld, denn morgen muss man hier wieder fit sein, wenn der Ernährer&Versorger frühmorgens für ein paar Tage zum Dienstort entschwindet.

Gucke YouTube-Videos über die Åland-Inseln (so viele Brücken, so viel Stein, so viel Wasser!), die Gemeinden tragen so schöne Namen wie Lumparland, Jomala und – nomen est omen – Hammarland. Sich ein paar Monate in so eine Hütte am Wasser verkriechen, mit eigenem Steg und Boot, dort ein Buch oder auch nur eine Reisereportage schreiben – das wär’s. Hin über Stockholm, zurück über Turku.
Im Hintergrund läuft der näherliegendere Traum in Endlosschleife: das 360-Grad-Panorama von der Skisprungschanze in Garmisch, wo es Neuschnee hat, die Sonne die Gipfel leuchten lässt und aus der Partnachklamm die letzten Nebelschwaden aufsteigen. Ich hasse Krankdaheimrumliegen und sehne mich nach frischer See- oder Bergluft.

Zu Wochenbeginn diesmal keinen Pressespiegel vom Gatten erhalten, sondern das großformatige Ungetüm selbst gelesen und so auch mal wieder amüsante Annoncen mitbekommen. Wäre ich ungebunden und zu Experimenten aufgelegt, tät‘ ich mich glatt melden auf eine Bekanntschaftsanzeige mit der Überschrift „Der Haifisch, der hat Zähne und die trägt er im Gesicht!“, ein Spitzen-Intro, wie ich finde, und das nicht nur im Vergleich zu „Gutsituierter Akademiker in den besten Jahren…“ oder „Einsamer Bengel sucht hübschen Engel“ oder dem brechreizerzeugenden „Nur mit dem Herzen sieht man gut“ (und offenbarte der Kandidat tatsächlich Haifischzähne oder ein Pferdegebiss, könnte man ja immer noch das versteckte Messer zücken und die Sache abkürzen).

Staubtrockener Zwieback rutscht besser with a little coke and sympathy & some music und das viele Liegen wird einem doch erheblich versüßt von einer kleinen Beiliegerin, die einem die reizenden Hasenfüßchen fast ins Gesicht streckt.

Well, we all need someone we can lean on
And if you want it, you can lean on me

She said „My breasts, they will always be open
Baby, you can rest your weary head right on me
And there will always be a space in my parking lot
When you need a little coke and sympathy“

We all need someone we can feed on
And if you want it, well you can feed on me
Take my arm, take my leg, oh baby, don’t you take my head.

[Das Video muss leider wegen der grimassierenden Fratze von Mr. Jagger, die meiner Übelkeit heute gar nicht zuträglich wäre, entfallen.]

Speedball (dreaming of).

Bis nach 3 Uhr wachgelegen, dafür in den wenigen Stunden Schlaf danach ein wahrer Reigen an Highlights.

Am Geburtstagsmorgen von Rumpeln im Wohnzimmer erwacht: Mit kindlicher Neugier auf leisen Sohlen in den Flur geschlichen und durch den Türspalt gelinst. Ein Kicker! Der Gatte, nicht so der Passionierteste unter den Handwerkern, mit Bohrmaschine in der Hand, das schwere Fußballgerät im Boden befestigend, damit es beim Spielen auch was aushält, den einen oder anderen trotzigen Tritt ebenso wie triumphierendes Trommeln. Wohlgemerkt: im nagelneuen Parkettboden der Mietswohnung verankert. Einfach so reingebohrt. Stuff it!
Ich bin entzückt. Ein Kicker, für mich!

Nächstes Traumbild: Am Kicker stehend, schon nicht mehr im Nachtgewand. In irgendeiner Art Saloon. Ein paar Gestalten am Tresen, ein paar am Billardtisch, Grüppchen um die beiden Kickertische. Dunkel, hölzern, verraucht, fast schon verrucht.
Neben mir U., der mittlerweile krebskranke Ex-Freund, mit dem ich es zu gemeinsamen Firmenzeiten mal recht weit gebracht hatte, nicht in Sachen Beziehung etwa, dafür aber als Team „Argentinien“, damals im großen Turnier gegen den Rest der Firmenfußballwelt.
Gegenüber der Gatte und der verstorbene Freund wie alte, verschworene Kameraden, alle sind wir in Rage und sowas von bei der Sache, die gegnerische Mannschaft führt knapp.

Und plötzlich höre ich es, was schon die ganze Zeit über aus den Lautsprechern dröhnt: „(…) he could throw that speedball by you, make you look like a fool“, der uralte Song aus Schulzeiten, von H. und mir, die wir „holidays“ statt „glory days“ hörten – und, zack!, semmelt U. den anderen einen geschickt angekurbelten Ball dermaßen speedy ins Tor rein, dass es nur so scheppert. Wir haben gewonnen!
Der Song ist mittlerweile ein paar Strophen weiter, ich singe lauthals mit, obwohl ich den Song heutzutage wenig leiden kann, wie so Einiges aus der Ära der Knackarsch-auf-USA-Flagge-Platte.

Yeah, just sitting back
Trying to recapture
A little of the glory of
Well, the time slips away
Leaves you with nothing, mister
But boring stories of
Glory days
They’ll pass you by
Glory days

Am Tresen schließt man sich meinem Jubel an, jemand ruft mit rauer Stimme durch den Raum: „Next round’s on me, guys!“, ich drehe mich um, um zu sehen, wer der edle Spender ist, und da steht Bruce Springsteen himself, im Holzfällerhemd mit hochgekrempelten Ärmeln, schön unrasiert und mit Out-of-bed-Frisur, so wie sich das gehört für einen anständigen Frauentraum.

So dann vor lauter Freude aufgewacht, das hab‘ ich auch nicht alle Tage, what a glory day.
Wenn das grundsätzlich der Preis wäre, fürs späte Einschlafen, dann wäre ich jederzeit gern bereit, ihn zu bezahlen.

Einen erfreulichen Mittwoch wünscht
Die Kraulquappe.

***

Nachtrag 45 Min nach Veröffentlichung des Beitrags:
Freundin H., jene, mit der ich „Glory days“ zuerst sang, whatsappte nach der Traumlektüre sogleich ein Foto aus der schönen Schweiz.

Hätte sie das mal eher geschickt! Wenn ich gewusst hätte, was der Zürichsee auch zur kalten Jahreszeit zu bieten hat, hätte ich das mit dem Besuch dort nicht schon 2x verschoben. Im Frühjahr dann aber! Und wehe, der graue Teppich rutscht.