Grazer Grandezza in Wien.

Well, she drew out some money from the Southern Trust
And put her little backpack on a public bus
Leaving Munich with a pipe dream in her hand
And a cheap return ticket to an eastern land

(frei nach Bruce Springsteens „Johnny Bye-Bye“)

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Und plötzlich fiel mir Winckelmann ein.

Winckelmann! Hätte mir nie träumen lassen, dass mir der mal gegen 23 Uhr in einer verqualmten Bar einfallen würde.

Sie wissen schon, der, der einst das Begriffspaar von der „edlen Einfalt“ und der „stillen Größe“ prägte, das die Genossen der Weimarer Klassik später eifrig rezipierten.

Die musikalische Darbietung, die in diesem Moment vor meinen Augen (und vor allem in meinen Ohren) stattfand, strahlte exakt das aus: edle Einfalt und stille Größe. Und Erhabenheit.

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Hello again, Vienna!

Langsam findet der Tag sein Ende…

…und die Nacht beginnt!

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Wien, 1. Bezirk, am Samstag, den 12. Oktober.
Ein milder, sonniger Herbsttag legt sich schlafen. Die Nacht erwacht langsam zum Leben, blickt unternehmungslustig auf die dunkle Stadt hinab und überlegt, was sie anstellen und wen sie in ihren Bann ziehen könnte.

Ein verheißungsvolles Flüstern weht durch die Weihburggasse – show a little faith, there’s magic in the night! – und es weist uns den Weg zu einer gemütlichen Bar, und dort an einen Tisch in vorderster Front vor der kleinen Bühne, die gar keine richtige Bühne ist, sondern einfach ein „Künstler-Eckerl“: ein Barhocker, etwas technisches Equipment, ein paar Instrumente – that’s all.

Neben mir: Sori, überzeugte Wahl-Wienerin und meine Blogfreundin und Musikgefährtin.
Vor uns: zwei köstliche Schnaitl-Halbe und – was weit besser ist als jedes Bier – Matthias Forenbacher.

Falls Sie Winckelmann nicht kennen, dann ist das ja so grad noch verzeihlich, aber den aus Graz stammenden Forenbacher, den sollten Sie wirklich kennen. Tun Sie vielleicht auch, wenn Sie diesen Blog schon länger lesen oder Musik eine Ihrer Leidenschaften ist.

Auf ein oberösterreichisches Bier im Front-of-stage-Bereich…

…während der Musiker sich am Tresen seine Setlist zusammenbastelt.

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Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann mich zuletzt eine musikalische Neuentdeckung derart umgehauen hat.

Es war Anfang Mai dieses Jahres, es war ein Frühlingsabend, ich saß am PC, recherchierte etwas lustlos für einen zu schreibenden Artikel und durchstöberte zwischendrin die paar Blogs, die ich abonniert habe.

Auf Soris Blog war mal wieder ein Konzertbericht erschienen, sie ist bei einem Auftritt von einem Herrn Forenbacher gewesen und erzählte davon. Aha. Nie gehört. Viele der Künstler, über die sie berichtet, kenne ich nicht, also war ich wenig verwundert, dass mir auch dieser Name nichts sagte.

Neugierig las ich den Beitrag. Das klang ja grandios, was da stand, und für den restlichen Abend war ich nicht mehr damit beschäftigt, das Netz nach der Historie der Klöster und den besten Wanderwegen im Fünfseenland abzugrasen, sondern nach allen irgendwie auffindbaren Songs von diesem Matthias Forenbacher (der bedauerlicherweise erst seit Kurzem im Hauptberuf Musiker ist).
Postwendend kamen dann die ersten beiden CDs aus Wien (danke auch hierfür, Sori!), die dritte besorgte ich mir selbst, und für Wochen lief daheim und im Auto fast nichts anderes mehr.

Denn wenn mich mal was am Wickel hat – und zwar so richtig am Wickel! – dann ist das erstmal eine ziemlich ausschließliche Sache. Völlig wurscht, ob es sich dabei um Orte, Berge, Seen, Texte, Bilder, Gefühle, Atmosphären, Essen, Trinken oder eben um Musik handelt: ich werde vorübergehend zum Junkie, verliere beim Konsumieren des „Stoffs“ jedes Maß und manchmal beinahe den Blick für anderes.

Meist endet dieser suchtartige Zustand recht abrupt (bei Genussmitteln oder Gefühlen), manchmal hält er auch für Monate oder Jahre an. Und in seltenen Fällen ist es sogar, wie man so sagt: was fürs Leben. Wie mit dem Wettersteingebirge, mit Lenggries, mit dem Maisinger See, dem Lieblingsschwimmbad, der Gänsehaut auf dem Rücken, dem Pistazieneis und der Musik von Springsteen, Dylan und Waits.

Als ich zum ersten Mal „Walden Pond“ hörte, hatte ich sofort dieses Gefühl: das hier, das hat das Zeug dazu, in die letztgenannte Kategorie aufgenommen zu werden. Und als dann sukzessive mehr von dem „Stoff“ in meine Ohren drang („Why“, „Self-loading gun„, „Escape for a while“ – um nur ein paar weitere Songs zu nennen, die ich zum Niederknien schön finde), legte ich die in etwa zeitgleich zu meiner steirischen Neuentdeckung erschienene Springsteen-CD „Western Stars“ beiseite und auch die frisch erschienene „Reckless & Me“ vom Kiefer verschwand irgendwo im Regal.

Das alles war erstmal unerheblich geworden, die neuen Scheiben könnte man ja immer noch hören, wenn man demnächst die weite Strecke nach Gotland führe und dabei ja beim besten Willen nicht tagelang nur die drei Forenbacher-Alben in Endlosschleife hören könnte, zumal auf der Öresundbrücke Springsteens „Across the border“ Pflicht ist und manch anderes ja auch schon gewissermaßen Tradition hat bei diesen einsamen Fahrten quer durch Schweden („Mansion on the hill“, „Janey don’t you lose heart“, „Fade away“).

Zu „Western Stars“ kam’s allerdings während der gesamten Reisewochen kaum, und auch Mr. Sutherland fristete in Schweden eher ein Schattendasein.

Umso häufiger griff ich auf der langen Reise zu Forenbachers Songs: man muss das ja unbedingt mal ausprobieren, wie sich diese neue Musik beim Unterwegssein anfühlt, man kennt einander ja erst so kurz und war noch nie zusammen auf Reisen! Man muss das testen, ob und wie sich diese Songs in einem entfalten, wenn man währenddessen an der rauen Küste entlangfährt oder durch wilde Raukarlandschaften oder abends beim Feierabendbier über die Zinnen von Visby guckt.

Der „Cradle Song“ war zum Beispiel der perfekte Begleiter zum morgendlichen Lauf am Meer („…inside is heaven and outside there is joy“), wohingegen „Totally blind“ eher was fürs Dahingrooven auf den Serpentinensträßchen im Süden Gotlands war („and in the streets of a little village with wind and rain and fainting lights…“ – rein aus Platzgründen kann leider nicht die ganze Strophe zitiert werden, obwohl sie’s verdient hätte), „Walden Pond“ geradezu ideal zur Abendstimmung in meiner kleinen, dunklen Holzhütte an der Stadtmauer von Visby passte („you’d like to speak, it’s strange but you just can’t„) und das wunderbar seelenvolle Cover von „I’m a believer“ den einen oder anderen Erinnerungs- und Gedenkmoment an was oder wen auch immer absolut adäquat zu untermalen verstand („what’s the use in tryin‘? all you get is just pain! when I needed sunshine I got rain…“).

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Auf diese Art und Weise gestalten sich bei mir üblicherweise nur jene Anfänge, denen das Potenzial zu mehr innewohnt, und da sich diese neue Story bislang Monat um Monat und Kapitel um Kapitel in ungebrochener Begeisterung fortschreibt, wage ich die Prognose, dass sie sich bald auf Augenhöhe befinden könnte mit der Aussicht, die man auf der Meilerhütte hat.

Sie erinnern sich? Dieser vor Pathos und Ergriffenheit nur so triefende Bericht von meiner Hochsommertour? Als ich mich vor lauter Erhabenheitsgefühl dort oben kaum noch einkriegen konnte?

Womit wir quasi wieder bei Winckelmann wären. Und bei der „edlen Einfalt“ und der „stillen Größe“.

Erstere zeigt sich für mich in der puristischen Ästhetik dieser Songs, in den schörkellosen Skizzen, die sie zeichnen, plus der Prise dylanscher Poesie, die sie umweht.

Die feindosierte, melancholische Intensität Springsteenscher darkness sowie die fragile, ansatzweise monotone, aber stets eindringliche Energie, wie man sie aus etlichen Waits-Songs kennt, macht hingegen ihre „stille Größe“ aus.

Neben all den Vergleichen (Dylan-Springsteen-Waits), denen, so schmeichelhaft und zutreffend sie auch sein mögen, ja immer etwas Schablonenhaftes anhaftet (keiner möchte Imitat oder Nachfolger sein, sondern Individuum und Original), muss man sagen: was wir hier hören, ist auch nicht die Kunst von einem, der angetreten ist, um dem Boss auf einer Stone-Pony-Kopie hinterherzugaloppieren oder den wortreichen Balladen eines Literaturnobelpreisträgers nachzueifern.

Matthias Forenbachers Musik ist ein ganz eigenes und gekonntes (weil so behutsames und unaufdringliches) Changieren zwischen den Welten – der realen wie der fiktiven: mal berichtet ein Reisender, mal ein Verlorener, mal ein Rastloser, ein Staunender, ein Verzweifelter, ein Beobachtender, ein Hoffender, Liebender oder Fragender (und ab und an spricht das Instrumentale auch einfach nur für bzw. zu sich selbst), aber nie erzählt hier ein Angekommener, Saturierter oder Selbstzufriedener seinen Zuhörern fertige, abgeschlossene Stories.

Die Lyrics lassen per se (mindestens aber zwischen den Zeilen) genug Platz für ein individuelles Weiterspinnen und Kolorieren der Klang- und Wortbilder, das ganz der persönlichen Imagination folgen kann. Zugleich sind Forenbachers Kompositionen mehr als nur Gerüst oder Geländer für eigene Fantasien und innere Dialoge: Manche der Fragen, die sich beim Zuhören auftut, verdampft in der Präsenz und Atmosphäre dieser Geschichten, die einem durchs bloße Hinhören und Draufeinlassen lesbar werden, auch ins Nichtausgeführte hinein.

Umso schöner, wenn sich all diese Wahrnehmungen dann mit dem ersten Live-Eindruck decken. Wenn sich kein Riss auftut zwischen Studio-Alben hier und Person/Performance dort.

You got this guitar and you learned how to make it talk (and taught her to tell your stories in such a haunting voice).

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Ein rundum authentischer, persönlicher, nahbarer Auftritt und Abend war das, der noch lange in mir nachhallen wird und für den es sich absolut gelohnt hat, 900 km Zugfahrt binnen 23 Stunden und etwas Schnaitlschädelweh auf mich zu nehmen.

Möge auch diese Geschichte, die ich hier nun zu erzählen begonnen habe, unbedingt unfertig bleiben, und mögen sich noch oft Gelegenheit, Zeit und Raum finden, um ihr weitere Kapitel in Form von Songs, Konzerten und Gesprächen hinzuzufügen.

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Danke an den Gatten, dass er – kaum von seiner Dienstreise heimgekehrt – gestern den Mantrailing-Schnupperkurs übernommen hat, anschließend abends daheim nicht nur ein, sondern gleich zwei Dackelfräuleins gehütet hat, weil’s dem Nachbarn schon so zugesagt war, und mir dadurch diesen fünfzehnstündigen Spontanbesuch in Wien ermöglicht hat.

Danke, Wien, für die laue Herbstnacht.
Danke, Sori, für den herrlichen gemeinsamen Abend.

Und danke, Matthias, für deine wunderschöne Musik und Stimme.

Shirley Jean hat kein Halsweh oder: Die Turbo-Woche.

Wochen gibt’s, in denen gefühlt ein Monats- oder gar Quartalspensum an Ereignissen, Emotionen, Terminen und Arbeiten abgefackelt wird, ohne dass man das zuvor hat kommen sehen.

Eigentlich wollte ich die verregneten letzten Wiesntage nutzen, um mich hier mit der Steuererklärung 2018 einzuigeln und danach mit dem Sortieren der 3.000 Schwedenfotos und den Vorarbeiten für die Reportage zu beginnen sowie mit dem Abarbeiten meiner „Herbstliste“ loszulegen, die ich klugerweise noch im Gemütszustand sommerlicher Leichtigkeit und Beschwingtheit angefertigt hatte (um nach den Reisewochen weder in ein Loch zu fallen, noch lang nachdenken zu müssen, was denn nun anstünde: man ist ja schon irgendwie komplett aus dem Takt und der Zeit gefallen nach solchen Unternehmungen, die einen so voll und ganz absorbieren).

Steuererklärung, das heißt: Drei Tage Suchen, Tippen, Abheften, Rechnen, Recherchieren in juristischen Datenbanken, Fluchen, Studieren diverser Steuerratgeber, Herumärgern mit Zertifikaten und anderem Technikmüll- dann war die Quälerei überstanden und wie jedes Jahr nach dieser zermürbenden Arbeit befielen mich immense Erleichterung und absurde Heiterkeit.
Nicht etwa, weil in Folge dieser Arbeit ein Geldsegen ins Haus stünde, nein, einfach nur, weil „es“ vollbracht ist. Es ist eine Art Arbeit, die ich Jahr um Jahr als zermürbender und nervtötender empfinde und um die ich mich herumdrücke, so lange es nur irgendwie geht – und es geht oft sogar länger als gut für mich ist (Stichwort: Fristverlängerung).

Die neue Woche beginnt also steuer- und wiesnbefreit, es kehrt wieder Ruhe ein im Viertel, die Aufräumarbeiten auf dem Festgelände gehen schneller vonstatten als man gucken kann, draußen darf wieder geparkt werden und beim Abendgassi leuchtet wieder die Bavaria herüber, das Lichtermeer der Fahrgeschäfte ist erloschen.

Die Linden werfen ihre Blätter munter ab, die Grünstreifen atmen auf, weil das Getrampel der Besucherscharen ein Ende hat und es sich als Grashalm nun wieder lohnt, sich mal aufzurichten.
Man trifft beim Gassigehen wieder die vertrauten Menschen und Hunde, die sich alle ein wenig verschanzt hatten während des Oktoberfesttrubels vor ihren Türen oder – wie wir ja auch – auf weniger frequentierte Gassirouten ausgewichen sind.

Der Arzttermin, vor dem es einem schon seit Wochen graut, rückt immer näher, aber bevor man nachts ins Grübeln kommen könnte, hat der Hund Magen-Darm und erbricht sich so oft, dass man vor lauter Hinterherputzen und Hundtrösten und Karottenkochen gar nicht zum Schlafen und erfreulicherweise auch nicht zum Grübeln kommt. Parallel dazu geht die Badewannenarmatur kaputt, so dass man sich mit Hausmeister, Vermieter und Installateur rumschlagen darf, um möglichst bald wieder störungsfrei Duschen zu können, zwischendrin bringt man den Wagen in die Werkstatt, wo sich das Geräusch, das außer mir im August niemand wahrnehmen wollte, auch in der Werkstatt nicht, nun doch (mittlerweile auch für jeden unüberhörbar) als kaputtes Radlager entpuppt, woraufhin ich den Serviceheini der Werkstatt runder mache als es das Rad und sein Lager je waren und einen ordentlichen Nachlass nebst Leihwagen rausschlage für die Missachtung meines Hörvermögens und meiner Vorahnungen (metaphorisch natürlich, das „schlagen“), damit das Fräulein und ich bei diesem Mistwetter trocken zum Rentnertreffen ans andere Ende der Stadt reisen können.

Ja, Sie lesen richtig: ich gehe bereits zu Rentnertreffen!
Die ehemalige Sekretärin des Papas organisiert das zweimal jährlich für ein gutes Dutzend der jahrzehntelangen, beruflichen Weggefährten des Papas, die in den 1970er Jahren alle in etwa gleichalt waren und in ihren Job ein- und somit in etwa auch zeitgleich aus diesem ausstiegen. Das ist ja noch die Generation, in der die Menschen ihr Berufsleben lang ein und dieselbe Anstellung hatten, das kennt man heute in dieser globalisierten, schnelllebigen, veränderungsanfälligen, effizienzterrorisierenden und mega-verdichteten Arbeitswelt ja gar nicht mehr.
Zweimal im Jahr trifft sich diese Truppe also zum Essen, Trinken und Ratschen. Jedesmal fehlen ein paar, ab und an fehlt nun sogar schon einer für immer.
Mich laden sie ein, weil ich meine gesamte Kindheit, Jugend und Studentenzeit viel mit von der Partie war: töchternd, feiernd und jobbend.
Gelegentlich gehe ich hin, zu diesen Treffen, weil ich die Menschen mag und lange kenne, und mich vom einen oder anderen dort auch gekannt fühle.

Übrigens ein Phänomen, dieses Sich-gekannt-Fühlen, über das ich in den letzten Monaten oft nachgedacht habe: Wer sind oder waren eigentlich die Menschen, mit denen ich mich in etwa so fühle, wie ich mich selbst empfinde? Es gab Freundschaften, da fühlte ich mich permanent wie die Ältere oder die Anführerin, und selten umgekehrt mal mitgezogen, aufgefangen oder gar getragen (warum hat man das jahrelang mitgemacht? was sollte das?), und es gab Beziehungen zu Menschen, in denen ich mich bei nahezu jeder Begegnung irgendwie falsch, klein, unfähig oder fehl am Platz fühlte (warum ist man dennoch ein Stück des Weges gemeinsam gegangen? was sollte das?), manche dieser Verbindungen existieren immer noch.
Und ein paar ganz wenige, bei denen ich mich redend, schweigend, lachend, weinend, und überhaupt in so gut wie allen Seinszuständen identisch mit mir und harmonisch mit der anderen Person fühl(t)e.
Anderes Thema und zudem ein weites Feld, demnächst vielleicht mal mehr dazu. Im Herbst packt mich jedenfalls immer so ein Ausmistbedürfnis auf mehreren Ebenen. Damit der erste Schnee nichts zudeckt, das man vorher noch hätte wegfegen können? Ich weiß es nicht genau.

Wo war ich stehengeblieben?!
Ach ja, beim Rentnertreffen. Der Papa heut in schlechter Verfassung und nach zwei Stunden so müde, dass er geht (früher war er immer der Letzte bei solchen Runden). Seine erste Sekretärin (84) weint, als sie sich von ihm verabschiedet, weil sie am Wochenende in ein Seniorenwohnheim einziehen wird und der Ansicht ist, dass sie dann nicht mehr zu diesen Treffen wird kommen können, ihn also nie wiedersieht. Die andere Sekretärin (68) ist gottseidank noch fröhlich wie eh und je (wie selten ist es geworden, denke ich mir so, als ich mit ihr spreche, mal jemandem zu begegnen, auch außerhalb solcher Rentnerkreise, der einem putzmunter erzählt, es ginge ihm „echt richtig gut“), auch der Rest der Runde hält sich mehr oder weniger wacker.
Der ehemalige Bilanzbuchhalter hat nun auch Parkinson, der Papa berät ihn ein wenig zum Umgang mit der Krankheit und fast blitzt dabei etwas von seiner früheren Chefmentalität durch („Jetzt machen Sie das erstmal so und so, und dann geht das schon wieder, alles klar?“).
Auch J. ist heute da, leider mit Rezidiv und zaundürr, aber er ist da und wir wollen dran glauben, dass er weiterhin der zähe Knochen ist, der er immer war und es auch bleiben wird.

Nach drei Stunden löst sich die Runde auf und ich fahre nachdenklich, müde und etwas bedrückt durch den Regen nachhause.
Das Automatikgetriebe des Leihwagens ist dermaßen ungewohnt und weil ich deshalb das linke Bein vorsorglich komplett weggepackt habe, um nicht womöglich doch vor lauter Müdikgeit mit dem Kupplungsfuß reflexartig auf der Bremse zu landen, komme ich mit einem Krampf in der Wade zuhause an.

Dabei schmerzt das Gestell eh noch von gestern Abend.
Kiefer Sutherland was in town und nach drei Stunden Stehen, Rumhopsen und Klatschen spüre ich ebenso wie bei manch anderer Aktivität, dass ich auf die 50 zugehe und noch weniger belastbar werde als ich es eh schon immer war. Immerhin lag man gestern mal genau im Altersdurchschnitt des Konzertpublikums und so gab’s auch drumrum etliche andere, die mal in die Hocke gingen oder sich dezent an Rückenentlastungsübungen versuchten.

Vor wenigen Tagen bespielte Kiefer Sutherland das Wiener Publikum, gestern war München dran. Und 24 Stunden später muss ich sagen: ja, es war schon ganz gut, dieses Konzert, aber die ersten zwanzig Minuten haben das Gesamterlebnis doch etwas eingetrübt.
Stimmlich arg dünn, die Eröffnungssongs, das geliebte „Shirley Jean“ fiel dummerweise genau in diese Phase (ein Jammer, wenn die Studioversion um Welten besser ist als die Live-Version!), die Aussprache verwaschen, die Augen verquollen, die Bewegungen fahrig, und ich wollte dieses so ungewohnt flache, volumenlose Gekrächze schon auf eine Halsentzündung schieben und mitleiden mit dem guten Kiefer, da bekam er auf einmal doch noch die Kurve, bemerkenswerterweise nach einigen Gläsern karamellfarbener Flüssigkeit.

Man soll nichts unterstellen, was man nicht wirklich weiß oder wissen kann, dennoch meine ich in Mimik und Gestik Züge eines Trinkers zu entdecken, mindestens aber die Spuren von zu viel Alkohol, und vielleicht ist die Performance nur dann eine gute, wenn der passende Pegel erreicht ist?
Oder war er einfach nur müde oder sein Hund, den er im Tourbus dabei hat, hatte in der Nacht vorher Magen-Darm oder hatte er Streit mit seiner Freundin oder ist ihm sein Steak misslungen und war schon medium well statt English und hat ihm den Abend verdorben? Wer weiß das schon!

So wichtig ist das alles aber auch nicht, denn zwei Drittel des Auftritts hat der ehemalige Mr. Jack Bauer ja ordentlich hinbekommen, ich wünschte halt nur, er sähe auch noch ein bisschen mehr aus wie jener, und der hübsche Bursche aus „Flatliners“ würde nicht nur in den wenigen Momenten durchschimmern, wenn die Bühne in blaudunstiges Licht getaucht ist und er den Kopf tief zur Gitarre hinabsenkt (man muss das mal sagen: Springsteen sieht in egal welcher Beleuchtung/Pose mit 70 weit weniger verlebt aus und das ist nicht nur guten Genen oder guten Fotografen oder guten Therapeuten geschuldet).

Womöglicht war auch ich beim gestrigen Konzertabend noch zu benebelt von einer morgendlichen Aufregung und deren Folgen: denn eine viel mehr ans Herz gehende Musik lädt völlig überraschend dazu ein, tatsächlich live gehört zu werden – und das sogar noch in dieser Woche!

Zuvor geht’s wohl oder übel zum Arzt und hinaus zu einem weiteren Regenspaziergang und die radlagererneuerte Karre abholen – und noch allerhand anderes ist zu tun bis zu diesem so unverhofften Klang-Ereignis, auf das ich ja insgeheim warte und hoffe, seit diese Musik in mein Leben trat, was zwar erst ein paar Monate her ist, aber ich war halt noch nie besonders gut im Warten, erst recht nicht, wenn es um was Wichtiges und Emotionales geht – und dass das mit dieser Musik für mich was Großes ist, das war sehr schnell klar.

Nun aber eins nach dem anderen.
Bleiben Sie dran – wir berichten, wenn’s soweit ist!

„That was it, I was in at the deep end where I still swim to this day.“

(Wir sind immer noch dort drüben unterwegs, aber dieser Beitrag muss unbedingt auch hier erscheinen, weil sonst was Wichtiges fehlen würden.)

Who’s the Boss?!?

23. September 2019.

Bereits Springsteens letzten runden Geburtstag verbrachte ich in Niedersachsen, damals auf der A7, unterwegs Richtung Heimat, nach einem Rügen-Urlaub, der NDR dudelte die großen Hits rauf und runter, es war eine herrliche Heimreise.
Zehn Jahre später verbringe ich ihn nun im Weltvogelpark Walsrode.

Deshalb bleibt am heutigen Morgen auch keine Zeit für lange Retrospektiven zu meiner lifelong relationship mit Bruce.
Mittags auch nicht, denn nach drei Stunden im Vogelpark steht das große Gassi mit dem Fräulein auf dem Programm, und danach geht’s nochmal in den Vogelpark. Abends werde ich nach all dem Gezwitscher wohl zu platt sein. Vielleicht werde ich im Hotelbett liegend noch den einen oder anderen Artikel lesen, der heute anlässlich dieses 70. Geburtstags erscheinen wird, und mit Sicherheit werden einige erscheinen.

„(…) now there’s wrinkles around my baby’s eyes“ (Quelle des Fotos leider unbekannt, ich erhielt es von einem anderen Fan per Mail.)

Mal sehen, ob es dann am Abend noch irgendeinem dieser Artikel gelingen wird, mich ähnlich zu berühren wie dieser hier, den ich bereits vor drei Tagen an der Nordsee las.

Mir ging es nahezu genauso wie dem Verfasser dieser kleinen, sehr privaten Laudatio, als ich am 10. Mai 2003 im Ludwigshafener Südweststadion zum ersten Mal „Racing in the street“ live hörte.
Und obgleich ich damals bereits über 17 Fan-Jahre hinter mir hatte, war ich wie vom Donner gerührt, als dieses 10-minütige Monument ertönte (dabei habe ich keinerlei Faible für Autos und Straßen und so Kram) und ich stand da neben M. und seinem Sohn und wir wagten es kaum, einander anzusehen, weil jeder von uns in diesen zehn Minuten mit den Tränen zu kämpfen hatte (den Song finden Sie ebenfalls in dem verlinkten Artikel).

Es war eines dieser musikalischen Erlebnisse, die sich einem für immer und ewig einbrennen und in dem ich fühlte, was der Autor des Artikels in einen einzigen Satz gegossen hat: „That was it, I was in at the deep end where I still swim to this day.“

Amen.
Mehr kann und muss ich dazu heute nicht sagen.

(Wobei es mir schon gut gefallen hätte, genau zum heutigen Tag Freundin H. ihre Frage zu beantworten, die sie mir vor anderthalb Wochen nachts recht unvermittelt per Whatsapp nach Stockholm schickte, und aus der – nach all den Jahrzehten, die man Bruce und einander nun kennt – fast eine gewisse Dringlichkeit sprach: „Welche sind eigentlich deine Lieblingslieder, falls es die gibt bzw. sich das nach der langen Zeit überhaupt so einfach sagen lässt…?“ – Ja, liebe H., das lässt sich sagen, nur nicht heute, denn der Schuhschnabel ruft!)

Happy birthday, Bruce.
Thank you for giving my life such a soundtrack & see you next summer!

You can’t start a fire without a spark oder: Ein Stück Lebensverfilmung.

Gestern Abend, 20:15 Uhr, München-Schwabing.
Endlich mal das neu umgebaute ARRI-Kino besucht. Eine fantastische Lounge, eine ansprechende, schummrige Bar und ein kleiner, extravaganter Kinosaal mit Wohnzimmerfeeling.
Umgeben von einer deckenhohen Bibliothek sitzt man dort, die Buchreihen werden von geschmackvollen Lämpchen beleuchtet, nix Halogen oder LED, sondern auch hier unaufdringliches Licht, schließlich ist es Abend und der Mensch möchte nicht von irgendeinem Drumrum erleuchtet oder bestrahlt werden, sondern sich dem Inneren zuwenden und den Feierabend vom Außen einläuten.

Die plüschigweichen, samtroten Fauteuils sind nicht nur herrlich groß und bequem, sondern können auch leicht nach hinten geneigt werden, für jene Fimmomente, in denen es einen innerlich umnietet, es die Seele sozusagen in die Kissen drückt (und dann ist es schon sehr schön, wenn sie so weich fällt wie hier).
Der Fußraum ermöglicht auch 2-Meter-Menschen komplette Beinfreiheit und könnte mühelos noch ein Dackelkörbchen beherbergen (ein lang gehegter Traum: den Hund ins Kino mitnehmen können, damit man nicht immer so hetzen muss, vor und nach dem Film).
Neben jedem Sessel breite Armlehnen, mit integrierten Abstellflächen und einem Flaschenkühler davor, ein Kellner im Frack schleicht mit einem Tablett dezent durch die Reihen und serviert Drinks, nicht zu fassen (die Getränkekarte liegt ebenfalls in der Armlehne und hätte man von diesem Luxus vorher gewusst, hätte man glatt die Penunzen für einen Mai Tai mitnehmen müssen, dank der Buy-online-and-print-at-home-Tickets hat man aber nix dabei).
Nicht unbedingt ein Kinosaal für Händchenhalten und Tauschen von Küssen, trotz der dunkelrot-heimeligen Atmosphäre, denn der Sitznachbar ist schon arg gut verschanzt hinter dem ausladenden Lehnstuhl.

Um 20:15 Uhr schiebt sich der Vorhang lautlos beiseite und die Vorführung beginnt.
Und ich muss sagen: Die britische Regisseurin Gurinder Chadha hat einen Film gedreht, der ohnehin kein Händchenhalten und Geknutsche nebenher zuließe. Weil dieses Movie im wahrsten Sinne des Wortes ein Movie ist: Es bewegt einen.
Erst recht, wenn die eigene Frühadoleszenz in dieselbe Zeitspanne fiel wie die des Protagonisten, wenngleich sie glücklicherweise nicht umgeben war von denselben Rassenunruhen und Trostlosigkeiten eines grauen Industriekaffs (dafür von den Scheidungsunruhen daheim).
Vor allem bewegt „Blinded by the light“ wegen seines Soundtracks. Obwohl dieser Satz, aus der Tastatur eines seit 35 Jahren eingefleischten Fans stammend, als tendenziös gewertet werden könnte – ist er dennoch objektiv und zutiefst wahr (lesen Sie die Rezensionen, sogar die taz hat etliche gute Haare an dem Streifen gelassen).

„Blinded by the light“ ist ein großer kleiner Film.
Kein cineastisches Meisterwerk, keine bahnbrechende Filmkunst, aber ein ehrlicher Film über Familie und Freundschaft, über Heranwachsen und Identitätssuche, über Zwänge und Befreiung, über Politik und Kultur, über – und das ist das Herzstück des Films, sein Pulsschlag! – Musik und Liebe (und über die Liebe zur Musik und die erste Liebe mit der richtigen Musik im Herzen und Hintergrund).
Und es braucht wahrlich keine Kinosesselküsse mehr, wenn auf der Leinwand so ein erster Kuss geküsst wird (das sympathische junge Paar abgeschirmt von der Welt, weil beschirmt von den Kopfhörern eines SONY-Walkmans, den man selbst in den 80ern hatte, bloß in einer anderen Farbe) und diese Initiation auch noch zu dieser breathtaking-earthquaking Hammerstrophe aus „Prove it all night“ stattfindet… (was gäbe ich drum, wenn ich meinen ersten Kuss zu diesen Zeilen erlebt hätte, aber das kommt halt davon, wenn man sich vier Wochen vor dem ersten Springsteen-Konzert zum ersten Mal küssen lässt).

Naja, genug geteenelt & geträumt.
Schauen und hören Sie sich das an, wenn Sie bislang Bruce Springsteen nur mit dem totgedudelten „Born in the USA“-Gestampfe assoziieren oder wenn Sie damals in den 80ern jung waren und ebenfalls nicht viel mit Wham, a-ha und all dem Pop-Geplänkel anfangen konnten.
Und erst recht, wenn Sie womöglich einen ähnlichen Moment der Erweckung erlebt haben wie Javed, als er zum allerersten Mal eine Musik hört, die ihn durch und durch berührt, ergreift und aufrüttelt, die ihm einen Teil seiner Perspektivlosigkeit nimmt, von der er sich nicht nur verstanden, sondern behutsam in den Arm genommen fühlt und die ihn fortan ebenso zuversichtspendend wie zukunftweisend dabei begleitet, der zu werden, der er ist, sein möchte oder noch werden kann.

Springsteen selbst sah den Film weit vor Fertigstellung und Veröffentlichung, weil es der Regisseurin wichtig war, vorab zu erfahren, ob er mit der Story einverstanden wäre und gegebenfalls noch was am Plot ändern zu können.
Nach der Vorführung sagte er zunächst kein einziges Wort, dann stand er auf, umarmte Gurinder Chadha, küsste sie auf die Wange und meinte: „Danke, dass du dich so um meine Musik gekümmert hast. Es ist wunderschön. Ich liebe es. Bitte ändere kein einziges Detail.“

Heute in einem Monat wird Bruce Springsteen unglaubliche 70. Die Jahre rasen nur so dahin.
2016 stand ich im Berliner Olympiastadion, hörte mein erstes „Backstreets“ live und hatte das Gefühl, das könne es jetzt womöglich gewesen sein, das könne nun das letzte meiner vielen Springsteen-Konzerte gewesen sein. Weil er nie wieder durch Europa tourt, weil es niemals eine Farewell-Thunderroad-Tour geben wird, sondern es einfach eines Tages vorbei sein würde, ohne Ankündigung, ohne große Inszenierungen.

Seit ich mich gestern Abend aus dem gemütlichsten aller Kinosessel erhob, hinaus ins nächtliche Schwabing trat und mir auf dem Weg zu meinem Fahrrad ein paar Tränchen aus den Augenwinkeln tupfte, hoffe ich inständig, dass es das doch noch nicht gewesen ist.

Sondern dass er doch nochmal kommt und wir alle uns nochmal gemeinsam um diese Musik kümmern können – und diese Musik sich um uns.
Denn es ist wunderschön. Ich liebe es. Und bitte ändere kein einziges Detail, Bruce.

You sit around gettin‘ older
There’s a joke here somewhere and it’s on me
I’ll shake this world off my shoulders
Come on, baby, this laugh’s on me

Ganz besondere Grüße sende ich mit diesem Beitrag an meine lang- oder kurzjährigen Bruce-Weggefährten: Helen, Marko, Peter, Robert, Thorsten, Sori und Lukas. Keep on rockin‘, Tramps!

A certain kind of magic took place.

[Zitat aus dem Trailer „Western Stars“.]

Meine Güte, was für ein Kino-Jahr!

So you walk on, through the dark.
Because that’s where the next morning is.
[Zitat aus dem Trailer „Western Stars“.]

Das hört ja gar nicht mehr auf mit den Musikfilmen…, der Soundtrack meines Lebens (meiner Jugend!) nun endlich auf der großen Leinwand. Diese Stimme, dieser Blick, diese Musik!

Jetzt aber erstmal „Blinded by the light“, Kinostart am 22. August.

Ein bisschen Javed steckte 1985 auch in mir und mit den ersten Songs von Springsteen ging für mich tatsächlich ein Vorhang auf – zu einer neuen Ära, zu etwas nie zuvor Dagewesenem, zu etwas existenziell Wichtigem – empfundenermaßen war’s ein bisschen dieses I found the key to the universe, zwar nicht im Motor einer alten Karre, aber eben dort im Stadion, auf der Bühne.
Das war wie eine Offenbarung, eine Erweckung, und, hey, ich war noch keine 13!

(Das müssen Sie jetzt nicht verstehen, das kann man nur so oder so ähnlich fühlen und erlebt haben – oder auch nicht.)

Einen fulminanten Start in die neue Woche wünscht –
Die Kraulquappe.

Song des Tages (37).

Like a bird on the wire
Like a drunk in a midnight choir
I have tried in my way to be free

Für D.
Danke für den gemeinsamen Tag.

Song des Tages (34).

Schon der zweite Traum von B. innerhalb weniger Tage.
Und eine völlig neue Traumkategorie erlebt: den Traum im Traum, sozusagen.

*****

In dem zu Pfingsten geträumten war ich mal wieder (eine schon vertraute Traumsequenz) im selben Hotel gelandet wie B., und nicht die Einzige, die sich über das zufällige Entdecken dieser Prominenz freute. Nett, wie er in meinen Träumen immer ist, lässt er sich ganz spontan an der Bar zu einem kleinen Signier- und Plauderstündchen nieder.

Die anderen interessierten Hotelgäste rücken mit seiner Autobiographie unterm Arm an und wünschen sich ein Autogramm auf der vordersten Vakatseite, vielleicht noch mit ihrem Namen davor.
Mir ist das zu schnöde. Ich sause auf mein Hotelzimmer und hole ein Album im DIN A3-Format aus meinem Koffer. Seitliche Spiralbindung, schwarzer Karton mit breiten Rillen außen, die schwarzen Seiten im Inneren mit weißer Tusche beschriftet, alle Eintrittskarten, Zeitungsausschnitte etc. seit 1985 sorgsam eingeklebt (nein, ein solches Album gibt es in echt nicht bzw. nicht mehr). Zufällig habe ich dieses Riesending dabei, wie das halt in Träumen so ist.

Bis ich wieder in der Bar ankomme, ist von der kleinen Schlange vor dem Tresen nur noch eine Person übrig, B. signiert fix das Buch, die beiden tauschen noch zwei Sätze aus, dann bin ich dran. Ich lege das unhandliche Album auf den Tresen, er guckt verdutzt, ich schlage es auf, reiche ihm einen Silberlackstift und bitte ihn, er solle sich ein freies Fleckerl aussuchen. Er blättert es durch und bleibt auf der seltsamsten aller Seiten in diesem Buch hängen: eine schwarze Doppelseite, auf der lediglich links oben ein Aufkleber pappt: ein knallroter Kussmund mit herausgestreckter Zunge. Ja genau, der von den Stones. Was auch immer der in dieser Devotionaliensammlung verloren hat. Egal.

B. bleibt bei dieser Seite, zieht die Kappe vom Silberlackstift ab und guckt mich erwartungsvoll an. Siedend heiß fällt mir ein, dass ich mir ja noch gar nicht überlegt habe, was ich da gern für eine Widmung drinstehen hätte. Am liebsten freie Prosa, aber so läuft das ja nicht, wenn man sich nicht kennt.
Sonst ein wandelndes Songbook und überhaupt ja mit einer gewissen textlichen Spontaneität ausgestattet, ist mein Hirn in dem Augenblick wie leergefegt.

B. lacht mich an und kratzt sich mit der Hinterseite des Lackstifts im Nacken. Der erste Textfetzen, der mir wieder zu Bewusstsein kommt, ist eine eine Zeile aus Badlands. Zufällig auch der Untertitel des Blogs einer Freundin. Den stammle ich dann: It ain’t no sin to be glad you’re alive.
Er schmunzelt, fragt nach meinem Namen, schüttelt den Stift nochmal, das Kügelchen im Inneren des Stifts scheppert wie wild, und dann schreibt er – in dem Augenblick ganz ernst und konzentriert dreinblickend – diesen Satz quer über die schwarze Doppelseite. It ain’t no sin to be glad you’re alive.
Drunter noch eine persönliche Widmung, die ich nicht erinnere, weil ich ja wie gelähmt bin von dem Moment selbst, der Atmosphäre, der fehlenden Distanz, der Intimität dieses Augenblicks.

Wir unterhalten uns noch kurz – er spricht sogar ein paar Brocken Deutsch – und danach ziehe ich mit meinem monströsen Album, das ich wie einen Pokal in beiden Händen halte, selig von dannen.

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Heute Nacht dann eine andere Szenerie.
My Hometown. Das Fräulein und ich abends auf dem Flauchersteg, große Abendgassirunde am Ende eines heißen Sommertages.
Dort steht ein Mann mit Stadtplan am Geländer und guckt abwechselnd in den aufgefalteten Plan oder gen Süden. In einer eher seltenen Aufwallung von sommerlicher Lockerheit und menschlicher Zugewandtheit gehe ich hin und frage, ob ich helfen könne. Kann ich bestimmt, sagt er, und als er sich zu mir dreht, erkenne ich B. Und er mich.
Wir hätten uns doch erst neulich im Hotel getroffen, meint er. Ich bin perplex, weil mir im Traum bewusst ist, dass diese Hotelbegegnung doch eine geträumte war, aber wie er das so sagt, bin mir dann nicht mehr sicher und nicke zustimmend.

Er suche einen Biergarten, sagt er, in dem er vor über 30 Jahren mal war, den Bruckenfischer. Himmel, der ist in Schäftlarn, antworte ich, da sei er hier aber reichlich falsch. Empfehle ihm den nahegelegenen Flaucherbiergarten. Aber er will unbedingt zum Bruckenfischer. Ob ich ihm den Weg erklären könne. Immer der Isar entgegen, sage ich, und zeige nach Süden. Es wären aber locker 18km, gebe ich zu bedenken.

B. schaut mich von der Seite an, die Abendsonne leuchtet auf seinen Hals und sein Gesicht, ich nehme wahr, wie alt er geworden ist, wie müde er aussieht, dann räuspert er sich und fragt mich, ob ich nicht Lust hätte, mitzukommen. 18km, das sind, wenn wir nicht rennen, knapp vier Stunden, denke ich. Aber vor allem denke ich: das ist eine dieser Chancen, die man nur einmal im Leben bekommt und die man ergreifen muss.
Also sage ich: Ja, sehr gerne. Und wir gehen gemeinsam auf dem schönen Flauchersteg weiter, durch die Isarauen, immer weiter, down to river.

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That night we went down to river, denke ich träumend und wache leider zu früh auf.

Huidiei jodleiridldüeiouri. Zum 30. Mai 2019, für Papa.

Heast as nit
wia die Zeit vergeht
Huidiei jodleiri Huidiridi

Gestern nu‘
ham d’Leut ganz anders g’redt
Huidiei jodleiridldüeiouri

Die Jungen san alt wordn
und die Altn san g’storbn
Duliei, Jodleiridldudieiouri

Hab ich lang überlegen müssen, ob ich den Peter Cornelius nehme, die Jungs von S.T.S., den Harry Belafonte, den Paul Simon oder eben ihn hier – den Hubert von Goisern.

Hauptsache einen, den wir zusammen live gesehen haben. Und das waren ja einige, damals, als wir noch gemeinsam auf Konzerte gingen.

Für den Cornelius sprach, dass ich an das Schulhof-Lied so eine wunderbare Erinnerung mit dir habe. Wie wir das gesungen haben, in Hausschuhen durch den Flur tanzend, der Wellensittich ganz aufgeregt mitzwitschernd. Ich mochte den Text und ich mochte, wenn du dann ein bisschen was von Carla erzählt hast, deiner Mitschülerin in Kleve.

Für S.T.S. sprach, dass deren Hochphase sich exakt mit unseren wenigen gemeinsamen Wiesn-Jahren deckte, du und ich, im Zelt auf Bierbänken stehend, dein ganzes Büro mit dabei, diese lustige Bagage. Den Insel-Song liebten wir gleichermaßen, und auch den anderen, dort allerdings liebtest du die schwoarzn Lipp’n grüne Hoar-Stelle und ich die mit dem Rennbahnexpress-Titelblatt.

Für den anderen Insel-Barden sprach, dass das eigentlich das Lied ist, an das ich immer als Allererstes denke, wenn ich an dich und Singen oder dich und Musik denke. Nichts habe ich dich öfter singen hören als Island in the sun. Wenn du es beim Autofahren gesungen hast, trommelte stets dein linker Fuß mit, wenn du es beim Rasieren gesungen hast, wurden manche Zeilen durch Hmhmhmhm-Geräusche ersetzt, damit du die Rasur nicht unterbrechen musstest.

Für den Paul Simon sprach, dass das unser absurdestes Konzerterlebnis war. Alles, was du kanntest und dir gefiel, war mir unbekannt oder gefiel mir überhaupt nicht. Und umgekehrt. Unsere Schnittmenge an dem Abend war genau ein Lied: Graceland. Ich habe danach tagelang nichts anderes mehr gehört, nur wegen dieser einen Zeile (der mit dem Fenster im Herzen), und du konntest das Lied dann sehr bald nicht mehr hören. Und bei mir war’s genau umgekehrt.

Für den Hubert hab ich mich entschieden, weil da musstest du mich seinerzeit richtiggehend überreden und dann war das aber total klasse, dieser Abend im Circus Krone. Es war sein allererstes Konzert in München, ich hatte noch nie von Hubert von Goisern gehört. Fand das peinlich, dass wir zu einem Volksmusik-Abend gehen, aber du sagtest, das sei viel mehr als Volksmusik, das sei Alpen-Rock. Also bin ich mitgegangen. Und hab es nicht bereut, im Gegenteil.

Ja, die Jahre, die Jahrzehnte – sie sind so schnell vergangen, Papa.

Wenn ich heute so das obige Foto von dir angucke – du mit diesem Cowboyhut, den sie dir 1980 in Kanada verpasst haben, und den du dann von deiner Reise mit nachhause brachtest, und der mich so fasziniert hat, weil da mühelos mein gesamter Kopf reinpasste (diese so präzise Erinnerung: wie groß du mir vorkamst und wie klein ich mich fühlte, in deinem Hut) – dann wird mir klar:

Und gestern is‘ heit word’n
und heit is‘ bald morg’n
Huidiei jodleiri huidiridi

Heast as nit
Heast as nit
Huideridiri
Hollareiridiridldoueio hallouri

Alles Gute zum Vatertag, den du auf einer ionischen Insel verbringst (ein Kompromiss, diese Reise: denn die Lebensgefährtin wollte nicht ins Burgenland und du nicht nach Katalonien, und weil du seit ein paar Jahren ja tatsächlich Kompromisse schließt, bist du jetzt eben in Griechenland 😉 ) – bis bald in alter Frische am Tegernsee!

In einer kurzen Regenpause oder: Hey, where did we go?

Dieser kleine Hund…
Was für eine Lebensfreude! Was für eine Lust zu spielen und sich zu bewegen!

Da kann man sich echt eine Scheibe von abschneiden.

(Gleich danach im Freibad gewesen, bei 11°C, im Wasser also deutlich wärmer als draußen. Regen prasselt auf den Rücken, leer isses im Becken. So lässt sich’s entspannt Kraulen, ohne Aufschauenmüssen, zwei Kilometer völlig ungestört, wirklich schön. Und trotzdem sehnt man sich nach dem Sommer.)

Hey, where did we go
Days when the rains came ?
Down in the hollow
Playing a new game,
Laughing and a-running, hey, hey,
Skipping and a-jumping
In the misty morning fog with
Our, our hearts a-thumping
And you, my brown-eyed girl,
You, my brown-eyed girl!

Sometime I’m overcome thinking about
Making love in the green grass
Behind the stadium
With you, my brown-eyed girl,
You, my brown-eyed girl.

Song des Tages (33).

„There’s a heart pounding wild and so strong.“
(Matthias Forenbacher, „Walden Pond“)

*****

Not Walden Pond but a lake beginning with W.

“Heaven is under our feet as well as over our heads.”
(Henry David Thoreau, „Walden“)

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Thank you for the music, S.
Greetings to Vienna & I’ll keep my fingers crossed.