Song des Tages (55).

Es müsste eigentlich „Song von gestern“ heißen, aber wie klänge das denn?!

Zumal die Musik von gestern ja auch heute wieder mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem CD-Player ertönen wird, wenigstens für zehn Minuten oder wie lange es halt dauert, zum Wertstoffhof zu fahren, den man nun wieder kennzeichenunabhängig an allen Wochentagen aufsuchen darf, falls es mir zuvor gelingt, trotz des kleinen Muskelkaters und einer gewissen Ganzkörpermüdigkeit vom gestrigen Ausfliegen ins sonnige Oberland die paar auszusortierenden Trümmer aus dem Keller hochzuschleppen und in den Kombi zu verfrachten, was eine gute und auch überfällige Sache wäre, die ich nun zweieinhalb Monate lang vermieden habe, weil ja ständig in der Tagespresse zu lesen war, dass gerade coronabedingt ganz München seine Keller ausmistet, was zu regelrechten Staus vor den Entsorgungsstätten führte (absurde Geschichten: manch ein Münchner fuhr schon um 8 Uhr vors Tor und wartete dort schlappe 2 Stunden, um zur Öffnung um 10 Uhr der Erste zu sein, der dann staufrei seinen Sperrmüll abliefert – fast schon bewundernswert, dieser Langmut und diese Disziplin), aller Voraussicht nach dürften die Keller nun leer und die Schlangen wieder kürzer sein, auch unabhängig von dieser Entsorgungsfahrt heute großer Schreibtisch- und Werkeltag in der Wohnung, ideal, denn draußen eher grau, kühl und regnerisch.

Gestern milde Temperaturen, Sonne satt und kein Wölkchen am Bayernhimmel, allein die Fahrt hinaus schon ein solcher Genuss, potenziert noch durch eine der CDs, die ein Freund dieser Tage im weltschönsten, weil dackelsilhouettenselbstbemalten Kuvert geschickt hatte, beim Anhören wieder nah am Wasser gewesen (dem körpereigenen Salzwasser), dann mit Dauergänsehaut über die Autobahn (die A95 ist ja ab Seeshaupt wie das Blättern in einem Hochglanz-Bayern-Bildband, erst recht an so einem Bilderbuchtag), dazu diese unerwartet glasklare Springsteen-Stimme von 1990 (als sein Organ eigentlich noch nicht die Tiefe und Reife hatte, die es in späteren Jahren zunehmend erreichte) und so schöne Versionen mancher Lieblingslieder (allein die Betonung einzelner Worte oder plötzliche Pausen an Stellen, an denen er sonst nie innehält oder einfach mal Klavier spielt statt Gitarre), dass das in Summe fast schwer zu ertragen war und mich bereits in emotional recht aufgeweichter Verfassung den Kochelsee erreichen ließ.

Am Zielort wartete schon der hübsch Bewimperte mit seiner federleichten Gefährtin, allmählich nervt das Umarmungsverbot wirklich kolossal, vor allem wenn man dann noch zugucken darf, wie die beiden Hundefräuleins sich total distanzlos und liebevoll aufeinander stürzen und später, auf einem Vorgipfel aus einem Napf trinken und sich dann erschöpft nebeneinander ins halbschattige Gras kuscheln und ein kleines Nickerchen machen.

Nicht dass ich mit dem hübsch Bewimperten kuscheln müsste, aber ein bisschen mehr Tuchfühlung wäre manchmal schon stimmiger als immer diese zwei Meter breiten Abstände – so viel Platz ist auf manchen Gipfelwiesen ja gar nicht.

Umso näher dafür die Gespräche, die wir führen, und auch schweigend baden wir in Glück an diesem Tag, weil wir uns so freuen, dass wir am Berg ähnliche Steige bevorzugen und dasselbe Tempo haben, und beim Gipfelbier, das der hübsch Bewimperte für uns aus seinem Rucksack holt, erzählt er mir von einem Hundehotel in Tirol und den dortigen Wiedereröffnungsangeboten und fragt, ob wir da nicht mal zusammen hinreisen wollen mit unseren beiden Hundemädels, und ich freu mich über diesen Vorschlag und willige ganz spontan ein, obwohl ich ja sonst übervorsichtig bin, was das Verreisen mit anderen Menschen betrifft, weil ich a) nicht allzu unkompliziert und b) auch nicht allzu kompromissbereit bin beim reisenden Unterwegssein, weshalb das für mich nur mit manchen entspannt machbar ist, denn es soll sich ja niemand meinetwegen verbiegen müssen (und ich bin eh nur schwer verbiegbar, genau das ist ja das Problem).

Die heißgelaufenen Füße anschließend in den See getunkt, zu kalt noch, um drin zu schwimmen, die Bergluft und die Sonne ausgekostet, bis letztere im See versank, anschließend wieder mit einer der „Springsteen, L.A., Shrine Auditorium, 1990“-CDs im Ohr gemütlich heimwärts gefahren, ein so reicher Tag, innen wie außen.

Tiefe Dankbarkeit, große Zufriedenheit, schwere Beine, wohligwarme Badewanne und schließlich Seit‘ an Seit‘ mit dem Dackelfräulein, das sich in ganz ähnlichem Zustand zu befinden schien, ins Reich der Träume verabschiedet.

Als ich die Augen schließe kurz der Gedanke: Wozu eigentlich in Urlaub fahren, wenn ab und an so ein Tag drin ist?

Song des Tages (54).

Eine neue, andere Etappe der Selbstquarantäne hat begonnen.
Neben dem obligatorischen MNS möchte man da draußen nun manchmal auch Ohrstöpsel und ein Klappvisier tragen.

Schon nach einer Woche kann ich das Krakeelen an lauen Abenden hier auf der großen Freifläche vor der Haustür nicht mehr hören: „F*** Corona!“ plärren sie – und dazu ein lautstarkes, scherbenklirrendes Prosit der Ungemütlichkeit, weil man ja leider in Scharen und dicht gedrängt auf den Steintreppen zu Füßen der Bavaria herumlungern und sich dort zulöten muss, weil die F***-Politiker die Kneipen nicht aufsperren wollen.
Ja, manches ist durchaus unlogisch in dem sogenannten Lockerungsfahrplan (die Abfahrtszeiten wirken oft ungünstig und wenig abgestimmt, auch die Gleiswechsel und Umstiege holpern ziemlich), manches auch unsinnig, aber beileibe nicht alles.
Und die Demokratie ist genauso wenig abgeschafft worden wie die Grundrechte und auch Bill Gates befindet sich nicht auf der Zielgeraden, um übermorgen die Weltherrschaft zu übernehmen.

Ich wünschte mir Hygieneregeln für die mediale Überschriftengestaltung, denn wenn ich noch einmal irgendwo lesen muss „War’s das mit dem Sommerurlaub 2020?“ oder „10 Überlebensstrategien zwischen Homeoffice und Homeschooling“ oder „Widerstand ist Pflicht!“, dann… – tja, was dann?
Raus zur Gegen-Demo oder doch besser Flucht nach vorn bzw. nach oben, hinauf auf den Berg, wo das ganze Gebrodel und Geschwurbel zu Tale nicht mehr zu hören und zu sehen ist?

Vermutlich Letzteres, und beim Gehen ein bisschen drüber nachdenken, wie das alles wohl weitergeht und wie man sich besser abschotten könnte, wenn man spätabends Gassi geht, und parallel dazu das arme, der häuslichen „Kriegsgefangenschaft“ für ein paar Stunden entfleuchte Volk wahrnimmt, das voller Wut oder Ignoranz oder zu viel Bier auf der Wiesn abhängt und seinen Widerstandswohlstandspartymüll in die ohnehin schon überfüllten Mülleimer schmeißt (oder gleich daneben, so dass die Krähen die Burger- und Pizzakartons nicht erst mühsam zwischen den Pfandflaschen herauspicken müssen aus den Metallkübeln, sondern gleich bequem in der Wiese sitzend die Verpackungen zerhacken können, damit der Niedriglöhner am Tag drauf noch ein paar Stunden mehr niedergebückt niedriglöhnen kann, bis er alles aufgeklaubt hat aus den nassen, erdigen Grünstreifen).
Besser noch, man denkt beim Gehen gar nicht allzu viel über sowas nach, nicht dass es einen zu sehr beschwert, weshalb ich auch a priori ein Freund des Hinaufgehens bin, und zwar des beschwerlichen, schweißtreibenden Emporsteigens, weil das, wie es so schön heißt, den Kopf frei macht, denn auf manch steilem Pfad lässt man besser den Gedanken fallen als dass man sich selbst zu Fall brächte.

Ich beschränke also weiterhin meinen Ausgang auf das Notwendige, ergänze das gelegentlich um das Wohltuende und halte bei all dem Abstand, völlig freiwillig und ein Stück weit auch als emotionale und mentale Hygienemaßnahme.
Verzicht ist blöd, schon klar, jeder vermisst gerade etwas oder jemanden (ich könnte drei Seiten dazu verfassen, was mir momentan fehlt und „was das mit mir macht“, aber wozu soll das gut sein?) und hat mit Entbehrungen (mehr oder weniger) zu kämpfen, aber ist es wirklich ein Problem, wenn jetzt einmal (!) der Sommer- oder gar der Jahresurlaub ausfällt bzw. im eigenen Land verbracht werden muss (!), zumal wir von zwei Meeren über etliche Heidelandschaften, Seenplatten, Mittelgebirge bis hin zu prächtigen Bergen so ziemlich das ganze Spektrum an landschaftlicher Schönheit zur Verfügung haben?
Vertreibt einem das nur die Instagram-Follower, wenn man bloß lauter öde Fotos mit Untertiteln wie „Sonnenuntergang am Sylvensteinsee“ oder „Picknick am Pilsumer Leuchtturm“ oder „Wastl auf dem Watzmann“ posten kann oder macht das ernsthaft unglücklich?
Könnte man nicht einfach mal die Kirche im Dorf lassen – und sich diese vielleicht sogar einmal genauer ansehen, anstatt immer nur das, was weit weg ist, interessiert betrachten zu wollen?

Der winzige Ort Bichl zum Beispiel, der soll eine sehr sehenswerte kleine Dorfkirche haben, St. Georg heißt sie, wie mir der Papa neulich berichtete, als er seine erste kurze Ausfahrt seit drei Monaten wagte, um eben jenes kunsthistorische Kleinod zu besichtigen.
Leider hab ich’s nicht so mit Kirchen, zumindest nicht übers Architektonische und die Orgelmusik hinaus, er ja eigentlich auch nicht, aber da er nunmal nicht mehr gut zu Fuß ist, weil ihn Mr. Parkinson gnadenlos seiner Bewegungsfreiheit beraubt hat, schaut er halt, was noch geht und wofür er nicht zu viel gehen muss, um noch ein bisschen was von der Welt zu sehen, und richtet sein Interesse, was dem Wortstamme nach auch „dabei sein“ bedeutet, eben auf die Dinge, zu denen er noch gut hingelangt – und das sind ja auch gar nicht so wenige.

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Apropos Papa. Ein Besuch am Tegernsee steht nun an, und mir kommt es so vor, als stünde der sogar recht dringend an. Weil am Telefon ging es in letzter Zeit auffallend oft um – wie soll ich’s ausdrücken? – final anmutende Tätigkeiten, mit denen sich der Papa über die Coronawochen hinweg zunehmend zu befassen schien.
Listen hat er sich angelegt, in denen aufgeführt ist, wo er welche Versicherung oder Mitgliedschaft abgeschlossen hat, mit welcher Nummer und wer der Ansprechpartner ist.
Alle seine Ordner hat er ausgemistet und neu beschriftet, „(…) damit du weißt, wo du was findest“.
Aber ich suche doch gar nichts, Papa!
Und da ist sie wieder, seine Formulierung: „Ist ja nur für den Fall der Fälle.“
Auf die Nachfrage hin, von welchem Fall wir denn nun genau reden, meint er schnörkellos: „Ja wenn mich dieses Virus erwischt und vielleicht außer Gefecht setzt oder ganz hinwegrafft, dann hab ich sicher nicht mehr die Zeit, das alles zu ordnen.“ – wo er recht hat, hat er recht, der Herr Vater.

Trotzdem weiß ich nicht, was ich davon halten soll, dass er mir zwei Umzugskartons „mit Sachen“ angekündigt hat, die er ebenfalls aussortiert hat und mir nun gerne zur weiteren Verwendung oder Verräumung übergeben möchte: die Familienfotos, alle Fotos aus seinen 40 Berufsjahren, etliche sogenannte „persönliche Gegenstände“, ein paar Bildbände, Schallplatten und andere Habseligkeiten (was für ein schönes Wort, denke ich gerade, wenn ich das so tippe: Hab_selig_keiten – war der Papa selig, weil er sie hatte?).
„Du musst doch jetzt nicht dein ganzes Leben auflösen wegen eines Konjunktivs bzw. diesem Fall der Fälle“, sage ich zu ihm und weiß schon beim Aussprechen dieser Bemerkung, dass ich darauf keine Antwort erhalten werde, weil… (und diese Antwort, die versage ich mir nun selbst, zumindest heute).

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Ob die Gesellschaft sich nun (noch mehr) spalten wird, und wenn ja, wie und warum und in welche „Lager“, gehört ebenfalls zu den momentan intensiv und kontrovers diskutierten Themen.

Ins Politische möchte ich jetzt nicht abdriften, allein wenn ich die letzten zwei Monate hier in meinem kleinen Orbit so Revue passieren lasse, dann stelle ich fest, dass ich (teils recht erstaunt) feststellen durfte, mit wem ich diese Wochen wirklich geteilt habe und mit wem ich sie nicht teilen konnte oder wollte (oder der/die das mit mir nicht konnte oder wollte).
Zwei Freundschaften, von denen die eine noch im Entstehen und die andere längst schon abgestanden war, fielen Corona zum Opfer. Gar nicht mal so wenig, für nur zwei Monate!
Was natürlich totaler Humbug ist (überall liest man das ja derzeit: was alles „Corona zum Opfer fiel“ und damit sind zumeist nicht die Erkrankten oder Toten gemeint), denn nicht etwa das C-Virus hat diese mitmenschlichen Bande zerfressen, sondern die Infektionen schwelten da jeweils schon länger und sind nun einfach eskaliert-explodiert-erodiert, „dank“ dieses Brennglaseffekts. Eine Verdichtung, ein Aufplatzen von Eiterherden, eine Sezierung, das ist es, was diese C-Krise mit sich bringt.

Es gibt einige Tage, die fühlen sich ein bisschen so an wie sonst die paar Stunden, die ich jährlich am 31.12. mit gewissen „Bilanzen“ und „Überträgen“ zubringe: ich mache eine Bestandsaufnahme dessen, was so war (Berge, Bäder, Begeisterungen, Befreiungen, Begegnungen, Beschlüsse und ihr Scheitern u.v.m.) und ein Fortschreiben dessen, was auch weiterhin sein kann-darf-soll (welche Adressen nehme ich mit ins neue Jahr – und meist steckt ja hinter einer Adresse auch ein Adressat -, welche Vorhaben notiere ich neu oder erneut, was schreibe ich ab, weil es nicht mehr passt oder noch nie gepasst hat…, um nur ein paar Beispiele zu nennen).
Dabei haben wir erst Mitte Mai und normalerweise ist das die Jahreszeit, in der ich mich eher auf meine Wunschliste für den Geburtstag fokussiere, was natürlich arg übertrieben, aber offen gestanden auch nicht völlig untertrieben ist.
Die fällt nun dieses Jahr erstaunlich kurz aus, einzeilig gar, das gab es eigentlich noch nie, aber der Gatte freut sich, weil es die Angelegenheit schließlich sehr vereinfacht und ich sonst ja schon kompliziert genug bin (was jetzt ebenfalls ein klein wenig übertrieben ist).

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Beim Laufen im Park (an dieser Stelle und bei dem Thema muss ich mir mein Gejammere über das nach wie vor geschlossene Schwimmbad übrigens am meisten verkneifen, weil ich es beim Laufen seltsamerweise am meisten spüre, wie sehr mir das Schwimmen fehlt) treffe ich mittlerweile nicht mehr gelegentlich J. (der wird längst wieder durch die Berge laufen, wo uns der Zufall eher nicht regelmäßig zusammenführen wird), dafür jedesmal den alten, einäugigen Hund.

Manchmal sitzt er vor einem Baum und guckt mit mildem Interesse den Eichhörnchen zu. Völlig entspannt ist er dabei, weil er weiß, dass es sich mit der Jagd für ihn erledigt hat und er schon froh sein kann, dass sie ihm nach dem üblen Unfall nur ein Lid zugenäht haben und er deshalb neben seiner guten Nase noch ein winziges Restaugenlicht hat, um sich zu orientieren in seinem kleinen Ausschnitt der Welt, in dem er zuhause ist und wo er gelernt hat, mit dem zufrieden zu sein, was er hat: Seinem Menschen, seinem Auslauf, seiner Wiese und ein paar munter umherflitzenden, unerreichbaren Eichhörnchen hoch droben in den Wipfeln der schönen, grünen Kastanien. Ein Stoiker ist er, und ein Epikureist.

Bewundernswert, wie er das macht.
Und wie er einfach unerschütterlich ist.

*****

Nothing unusual, nothing strange
Close to nothing at all
The same old scenario, the same old rain
And there’s no explosions here

Then something unusual, something strange
Comes from nothing at all
I saw a spaceship fly by your window
Did you see it disappear?

Amie come sit on my wall
And read me the story of O

And tell it like you still believe
That the end of the century
Brings a change for you and me

*****

Song des Tages (53).

Nach einigen Lebenswochen mit den Ausgangsbeschränkungen bzw. der veränderten neuen Normalität, die sich immer noch ziemlich unnormal anfühlt, stellt sich allmählich eine seltsame Gleichförmigkeit des Alltags ein, die einhergeht mit einem zunehmenden Verlust des subjektiven Zeitempfindens und einer vormals konstant vorhandenen Zukunftsorientierung.

Vorausplanung findet kaum noch oder nur noch für Unabdingbares statt, Retrospektiven haben sich in Wohlgefallen aufgelöst, was zählt, ist vor allem das Hier und Heute.
Der tägliche Fragen-Kanon: Wann gehe ich zum Einkaufen (dauert ja alles länger), was koche ich in den nächsten zwei, drei Tagen (das zu häufige Hinausgehen wegen der Einkäufe soll ja reduziert werden), wann erledige ich den Haushalt (fällt ja schon deutlich mehr an, wenn immer alle daheim sind), wie lege ich meine Arbeitsstunden (auf morgens/mittags/abends? oder gleich auf morgen?), welche Telefonate/Mails sind zu führen/schreiben (Freunde, Papa, Handwerker, Kundenservices, Versicherungen?), wann kommt Lolek wieder (bzw. wie trocken ist das Loch in der Wand?), wo findet die nächste Sporteinheit statt (Park? Wald? Isar? See? Berge?), wohin fliege ich heute mit dem Dackelfräulein aus (Park? Wald? Isar? See? Berge?), welche Runde wählen wir für den allwöchentlich stattfindenden, nun offiziell erlaubten Ausflug mit D. (Park? Wald? Isar? See? Berge?).

Viel mehr ist da derzeit nicht. Und doch ist das völlig genug, sind die Tage ausgefüllt und ein ganz neuer Trott ist entstanden und entsteht noch. Oder besser: sowas wie ein Rhythmus schleicht sich ein, es ist der Rhythmus dieses so speziellen Frühsommers, dessen Pulsschlag wir mittlerweile wohl verinnerlicht haben, mehr und und mehr stülpt er unserem Leben, wie es jetzt nun mal ist oder sich gerade neu formiert, seinen Takt über.

Das ist keine frühlingsleichte Sonatine, an deren Live-Aufführung wir gerade teilhaben, so viel ist längst klar, eher wird das eine wuchtige Symphonie. In welchem Satz befinden wir uns gerade? – frage ich mich manchmal, hoffe insgeheim, wir näherten uns bereits dem Scherzo, spüre aber, dass wir grad mal im Adagio angelangt sind, höchstens. Da folgt also noch Einiges, niemand überblickt es genau, und weil das jetzt so ist, ist der Radius unseres üblichen Blickes (vor, zurück, rechts, links, oben, unten) nun auch ein anderer. Fokussierter. Weniger unstet. Vielleicht auch geduldiger.

Sind wir etwa allmählich im Hier und Jetzt angekommen?
Also dort, wo z.B. das Dackelfräulein schon immer lebte?

Gääääähn! Gibt’s hier im Blog auch mal wieder was Neues? Nö?!? Können wir dann nicht auch mal wieder ohne Fotosessions zum Wandern gehen?

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Wenn es nach meiner vierbeinigen Gefährtin ginge, dürfte diese Pandemie ruhig noch fortdauern: das Rudel ist täglich vollständig, der „Papi“ hat das Pendeln eingestellt und nun viel mehr Zeit zum Spielen, die Stadtspaziergänge haben sich auf ein Minimum reduziert, man hund wird nicht mehr wegen des Besuchs kultureller Veranstaltungen oder wegen zweistündiger Ausflüge ins Schwimmbad alleingelassen und dank des täglichen Gewerkels in der Küche fällt auch viel mehr zwischendurch ab – so könnte es gut und gerne bleiben!

(Sonntag. Weit südlich der Stadtgrenze. Im Sauseschritt zur Isar. Sonne, Sandboden, Wind im Fell, den Geruch des Wildflusses in der Nase. Was für ein Hundeleben!)

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Die Münchner üben nun Masketragen. Man zurrt das Ding ums Kinn, gern auch ums Doppelkinn (Nase und Mund liegen frei), spaziert herum und schaut grimmig. Ab morgen gilt’s – und man darf gespannt sein, ob und wie das hinhaut.

Ansonsten befindet sich die gesamte Stadt im Sportwahn. Überall wird gehechelt, geschwitzt, geackert. Aktuell (ich sitze gerade beim Weißbiersport auf meiner Parkbank) 8 Surfer auf der Theresienwiese, 5 Federball-Teams, mindestens 20 Skateboarder und ebensoviele Inlineskater. Walker, Jogger und Radler sind „durchlaufende Posten“, die zähl ich nicht.

Die Parkbänke am Rande der Wiesn: alle belegt. Mit je 2 Personen, dazwischen Abstand, der mit Büchern, Getränken, Smartphones und Zigarettenschachteln gefüllt wird. Eine Bank weiter erspähe ich aus dem Augenwinkel Nachbar M., der sich in den letzten Wochen als Verschwörungstheoretiker entpuppte. Wann immer man sich nun über den Weg läuft, versucht er einen ins Gespräch zu verwickeln und darzulegen, wieso Bill Gates und die Pharmaindustrie an allem schuld und wir nur naive Idioten sind, die der großangelegten Manipulation auf den Leim gehen. Der Gatte hat sich die Tage schon mit ihm angelegt, mir steht das noch bevor, fürchte ich. Nur gut, dass es mit anderen Nachbarn grad umso netter und angenehmer ist.

Mit manchen Freunden (oder Bekannten?) zur Zeit völlige Sendepause, ein paar dabei, von denen ich das nicht gedacht hätte. Mit anderen dafür engerer Kontakt als zuvor. An manchen Tagen beinahe eine Standleitung nach Köln, man prostet einander virtuell zu und erzählt sich alles, wozu sonst nie so richtig Zeit war. Homeoffice offeriert auch Freiheiten, sofern keine Kleinkinder in der Wohnung herumspringen und bespaßt werden wollen oder der Arbeitgeber ständig zu Zoom-Konferenzen einlädt.

Nebenbei bin ich tatsächlich Fan von Live-Streams geworden. Diese Woche mit Glen Hansard auf seinen 50. angestoßen. Und mir in der Wanne liegend und meinen Rücken schrubbend von Cammy Black ein gecovertes „Born to run“ gewünscht, um den Bergtag würdig zu beschließen. Spielt er dann auch und sendet Grüße aus Schottland nach Bayern. Feine Sache. Möge bitte das Handtuch am Wannenrand, auf dem das Smartphone platziert ist, niemals auf die Idee kommen, zu verrutschen.

*****

Überhaupt auf einmal wieder mehr Zeit für Musik. Oder ein größeres Bedürfnis danach.

Der Shuffle-Modus der SD-Card im Auto gräbt momentan vermehrt die seltenen Titel aus. Beispielsweise die „Tracks“, an denen ich mich vor langer Zeit wundgehört hatte. Fast vergessene Perlen sind dabei, heute diese hier, ein Song, den ich jahrelang nicht mehr gehört habe, aber sofort wieder so schön fand, und auch so wohnzimmerkonzertgeeignet:

It’s one for the money and one for the show
I got one kiss for you honey so come on let’s go
I didn’t see it coming but girl now I know
It takes one for the running but two for the road

One thousand dreams whispered in the dark
But a dream’s just a dream in one empty heart
It takes more than one to rev it up and go
So let’s get it running, we’re two for the road

Two one-way tickets and a diamond ring
Hell it don’t matter what the rain might bring
Whoa, when this world treats you hard and cold
I’ll stand beside you, we’re two for the road

When you’re alone my love’ll shine the light
Through the dark and starless night
I’ll hold you close and never let you go
C’mon now girl ‚cause we’re two for the road
Well it’s two to get ready, babe, c’mon let’s go
Me and you, girl, we’re two for the road

*****

Das Dackelfräulein und ich verabschieden uns hiermit für ein Weilchen – eine Woche oder auch zwei?, es wird sich zeigen! – und wünschen der Leserschaft derweil gutes Durchatmen (trotz der morgen beginnenden Maskenpflicht), guten Durchblick (trotz der teils strapaziösen Nachrichtenlage) und natürlich weiterhin gute Gesundheit (trotz…, na, Sie wissen schon!).

Herzliche Grüße & bis bald wieder!
Ihre Kraulquappe.

Guten Morgen!

Mich hat man(n) damit geweckt, und Sie?

Song des Tages (52).

Mittwochmorgen, 7:35 Uhr in München, Ludwigsvorstadt. Links: Die bergpfadstaubigen Flossen von Frau Kraulquappe. Rechts: Die baustellenstaubigen Treter von Herrn Lolek. Er deutet auf unsere Schuhpaare, sagt augenzwinkernd „Wir passe gut zusamme!“ und betritt voller Tatendrang die Wohnung.

Sie brauchen also nicht denken, wir würden hier nur noch durchs sonnige, erblühende Voralpenland hüpfen und uns auf versteckten, einsamen Nebenpfaden einen Lenz machen.

Bereits frühmorgens ging es heute meinem Osterhäschen an den Kragen.
Kaum mit anzusehen, dieses Massaker!

Der Osterhase dankt ab – und macht Platz für den Heiligen Geist!

Es verging keine Stunde und Lolek hatte ihm das Fell über die Ohren gezogen, aber so richtig!

Erst ein brutaler Kopfschuss…

…und kurz drauf liegen sie frei, die Eingeweide 😦

Wir tragen das Unsrige zum Gelingen bei:
Ich verklebe Malervlies im Flur und assistiere Lolek beim Testlauf der Waschmaschine.
Das Dackelfräulein steckt seine Nase sachkundig in jedes neue Loch und hilft beim Aufspüren des Lecks.
Und dem Gatten gelingt es, trotz längst beendeter Faschingssaison, immer noch in irgendeiner Bäckerei einen Krapfen für Lolek aufzutreiben.

Eine Stunde später: Haarriss im Rohr gefunden. Fehler behoben. Alles dicht. Hoffentlich.

Natürlich war’s das jetzt noch nicht.
Das Mauerwerk muss nun trocknen, eine gute Woche lang. Morgen bringt Lolek einen Heizlüfter vorbei. Nächste Woche kommt er insgesamt 3x vorbei: zum Verputzen, zum Streichen und den dritten Anlass hab ich vergessen.
Ich erwäge, ihm einen Hausschlüssel nachmachen zu lassen und zum Du überzugehen, schließlich habe ich mittlerweile in 2020 mehr Zeit mit Lolek als mit irgendwem sonst verbracht.

Als ich dem morgendlichen Spektakel so beiwohne, drängt sich mir der Song des Tages geradezu auf, denn beim Blick auf die häsischen Innereien singt es in mir:

Well, lights out today
Trouble in the bathland
Got a hare on collision
Smashin‘ in his guts, man
I’m caught in a Polish fire
That I don’t understand

(….)

Talk about a drain
Try to make it sane
You wake up in the night
With a fear so tight
You might spend your life waiting
For a moment that just don’t come
Well, don’t waste your time waiting

Bathlands, you gotta bear it everyday
Let the broken walls stand
As the price you’ve gotta pay
Keep pluggin‘ ‚til it’s understood
And these bathlands start treating us good!

In dem Song ist aber gottseidank auch noch von einem Leben jenseits der Badsanierungen und Wasserschäden die Rede, zumindest für diejenigen, die tief in sich drin eine Ahnung davon vernehmen können:

For the ones who had a notion, a notion deep inside
That it ain’t no sin to be glad you’re alive

Fahren wir also morgen am besten gleich wieder hinaus ins Oberland, wo wir uns so glad und so alive fühlen und die zersmashten guts und all den Schutt der Bad-lands nicht mehr sehen müssen.

Ihnen auch noch eine schöne Woche!

Die Renaissance der Parkbank.

Beim gestrigen Spaziergang im Wald ein frisch gezapftes Coronacorazón entdeckt…

…und zwischen Wald, Wiese und Feld der neuen Freizeit-Serie „Ein Leben auf Parkbänken“ gemeinsam mit D. ein weiteres Kapitel hinzugefügt:

Einerseits getrieben von der Streuselkuchensehnsucht, andererseits von dem Bedürfnis, die angeschlagene Gastronomie auf dem Land zu unterstützen.
Und auch als kleine, heimliche Vorübung für nächste Woche, wenn man in Bayern nach vier Wochen mal wieder eine Kontaktperson aus einem anderen Haushalt treffen darf, natürlich nur im Freien.
Parkbänke sind jetzt die neuen Kaffeehaustische, die Biergartenalternative des Sommers, der Kneipentresen der nahen Zukunft!

Merke: Je mehr Kuchenteller und Getränke Sie zwischen sich und Ihren Parkbanknachbarn stellen, desto leichter erreichen Sie mühelos einen Abstand von anderthalb Metern.

Aber es geht auch noch einfacher, wie ein Aufruf der Regierung des US-Bundesstaates New Jersey zeigt:

Vielleicht hätte sich der Söder auch so eine leicht vermittelbare Analogie für den hierzulande geforderten Abstand von 1,5 Metern einfallen lassen sollen: 15 Maßkrüge zum Beispiel (nebeneinandergestellt – oder 8 liegende, je nach Zustand des Maßkrughalters). Oder eine Zwölfer-Weißwurstkette. Oder 10 Brezen.
Oder 1 Doppeldackel (Normalschlag, genussvoll ausgestreckt).

Locker aus dem Körbchen gerutscht: 78cm.

Sollten Sie gerade (gewollt oder ungewollt) allein auf einer Parkbank sitzen und sich daher nicht mit Abständen befassen müssen, aber auch keinen Kuchen, kein Bier und kein Buch zur Hand haben, empfehle ich Ihnen, einen Blick auf/in das Projekt des Grazer Literaturhauses zu werfen – und lassen Sie sich bloß nicht davon abschrecken, dass die Aktion mit „Corona-Tagebücher“ betitelt wurde (die ja derzeit verspottet werden als gäbe es nichts Wichtigeres, auf das man seinen Zorn und seine Energie richten könnte).

Oder lieber etwas Musik? Dann hören Sie nachher doch mal rein in den Live-Stream der zwei feschen Kanadierinnen von Madison Violet.
Ich hoffe ja nach wie vor, dass das Angebot solcher Live-Stream-Wohnzimmerkonzerte mit Spenden-Button noch weiter zunimmt, schließlich wollen wir doch alle auch unsere noch nicht weltbekannten und steinreichen Lieblingskünstler im Herbst gern wiedersehen.

So, der Parklauf ruft – und anschließend, sofern es nicht regnet, die Parkbank.
Haben Sie ein schönes Wochende und verzagen Sie nicht!

Song des Tages (51).

Gesehen: Beim Laufen treffe ich schon wieder J., den ich diesmal nur noch an seiner Stimme und der John-Lennon-Brille erkenne. Er läuft nun völlig vermummt, damit ihn die Polizei beim Herumkurven durch den Park nicht mehr als „alt“ identifiziert und womöglich heimschickt. Langärmeliges Laufshirt von seinem Sohn (mit aufgedruckter Marathon-Werbung), dazu lange Hose und Sturmhaube, bei 20 Grad kein Vergnügen, aber J. ist ja hart im Nehmen.

Gestaunt: In meiner Armbeuge erstmals kein Bluterguss nach der Blutabnahme, das grenzt an ein Wunder. Auch, dass es direkt beim ersten Einstich ein „Ozapft is“ wurde – Reschpekt!
Dafür hat die Delegation vom Tropenmedizinischen Institut der LMU uns mit ihrem Desinfektionsmittel (mit dem sie herumpritschen als würden sie mit einem Gartenschlauch riesige Beete wässern) den Esstisch versaut, trotz Auffangwanne, die sie dabeihatten, damit nichts danebengeht. Kein Thema, ich bin ja beschwerde-erprobt (mit hoher Erfolgsquote) und aktuell gut in Übung (grad erst vom Hersteller der Duschtrennwand eine Entschädigung für all den Ärger ermailt), geht auch von Mal zu Mal schneller. Ein neuer Esstisch wäre eigentlich eh mal nett, diesmal dann aber einen aus Wenge (ich bedauere es bis heute, vor elf Jahren ein anderes Holz gewählt zu haben, nur weil Wenge so teuer war). Wird man ja wohl erwarten können, für unseren tapferen und blutigen Beitrag zur Forschung, jedenfalls ist es mit einem Werbe-Foto für „KoCo19“ in der heutigen FAZ als Wiedergutmachung für den verfleckten Tisch noch nicht getan. Der Zeitungsbeitrag wird uns nämlich nicht berühmt machen, da auf dem Foto leider das Dackelfräulein fehlt (vom Knie des Gatten verdeckt), dafür aber meine Sorge vor dem Anzapfen der Vene umso besser eingefangen wurde (so verspannt hocke ich sonst NIE am Tisch).

Geplant: 1. Impftermin fürs Dackelfräulein inkl. Zahnkontrolle und Haut-Check. Vermutlich sind es zwar altersbedingte Pigmentierungen, aber anschauen sollen sie sich’s lieber. 2. Inspektion und TÜV für den Kombi (inkl. Winterdreckbeseitigung und Reifenwechsel). 3. Loleks nächsten Besuch (ich vermeide den Plural bewusst, obwohl ich fürchte, dass das Aufstemmen der Wand, die Lecksuche, die Behebung der Misere sowie das Verputzen und Streichen der Wand länger dauern könnten als nur einen Tag).
Ansonsten plane ich nichts. Keine Urlaube, keine Besuche, keine Unternehmungen in einer Zukunft >2 Tage.

Gelesen: „Die kleinsten, stillsten Dinge“ von Sara Baume und „Walden“ von Henry David Thoreau. Ersteres ist an manchen Tagen kaum zu ertragen (irgendwo in Irland finden ein einäugiger Hund und ein einsamer Mann zueinander und brennen dann gemeinsam durch), der Thoreau hingegen erscheint mir hingegen wie die perfekte Prosa für Coronazeiten („Finde heraus, wo deine stärksten Wurzeln liegen, und verlange nicht nach anderen Welten.“ / „Hüte dich vor allen Unternehmen, die neue Kleidung erfordern.„).

Gegessen/getrunken: Spargel. Gugelhupf. Haferdrink. Schneider Weisse.
Von Spargel, vor allem dem grünen, krieg ich den Hals nicht voll. Habe mich sogar vor zwei Wochen als Erntehelfer registrieren lassen, sicherheitshalber, damit an der Front nichts schiefgeht, aber bislang verlangt niemand nach meiner Hilfe.
Zu dem Gugelhupf verleitete ein Zufallsreingucken in eine Gugelhupfreportage im Bayrischen Fernsehen. Ungeachtet all der Fett- und Zuckermassen musste ich sofort am Tag drauf einen backen und das hat trotz unpassender Backform hervorragend geklappt.
Haferdrink, weil: wir wollen schon länger weg von der Kuhmilch (bzw. von dem, was mit ihr verbunden ist), wo immer das halt möglich bzw. ersetzbar und geschmacklich vertretbar ist. Reismilch ist eine Zumutung für den Gaumen, auf Sojamilch bin ich allergisch, Mandelmilch hab ich noch nicht probiert. Hafermilch (besser: -drink) ist ideal fürs Müsli, im Morgenkaffee aber gar nicht. Also dranbleiben, weitersuchen und -probieren. Und an dieser Stelle ein Dankeschön an B. für den hilfreichen Input zur Thematik!
Zur Schneider Weissen dürfte in diesem Blog schon alles gesagt sein, vermutlich sogar schon mehrfach. Neu ist nur: der Gatte kauft mir seit Beginn der Pandemie komplette Kisten von dem köstlichen, bernsteinfarbenen Gesöff. Diese Bevorratung ist ebenso ungewollt wie ungewohnt, aber momentan wirklich praktisch und sinnvoll. Und da er derzeit nicht nach Frankfurt pendeln muss, hat er neben seinem Uni-Job und seinen zwei Nebentätigkeiten als Serien- und Pressespiegel-Beauftragter natürlich endlich auch mal Zeit für regelmäßige Fahrten zum Getränkemarkt.

Gefreut: Freundin A. schickt uns Mundschutzmasken. Zwei für jeden, blaue für den Gatten, rote für mich, wie sich das eben gehört. Sie und ihr Gatte tragen die gleichen Modelle. Alle vier sind wir der Ansicht, dass das Dekor des Stoffes perfekt zu uns passt, Uneinigkeit herrscht lediglich darüber, ob das Motiv einen Labradoodle oder einen Rauhaardackel darstellt. Im Juli, wenn wir uns wiedersehen, inklusive beider Hunde, tragen wir die Dinger hoffentlich längst als Sonnenhütchen und können das mit dem Motiv im Biergarten ausdiskutieren.
Der Papa legt ein ordentliches Osterei in mein Konto und ich gönne mir sofort ein neues T-Shirt, für dann, wenn mal Sommer ist und man wieder so richtig rausdarf und es sich lohnen wird, schöne Kleidungsstücke auszuführen. Die Ausgangsbeschränkungen ziehen ja eine gewisse Verlotterung nach sich, außer der Gatte hat berufliche Skype-Sitzungen oder es steht ein Treffen mit dem gepflegten Männerpaar aus unserem Hause zum Osterspaziergang an.

Gehört:
Neben dem Ostbahn Kurti grad vor allem Lou Reed und die neue Frauenpower-CD. Sonst den üblichen Mix, ich werd mich da nicht mehr groß weiterentwickeln, fürchte ich.
Gestern hat der Shuffle-Modus des Walkman mal wieder einen Corona-Song parat. Lang nicht mehr gehört, nie einer meiner Favoriten gewesen, weil ein bisserl seicht, zu poppig und arg wenig e-streetig, aber gestern fand ich den Text und vor allem den Takt zum Auslaufen nach der Joggingrunde richtig gut.

You might need somethin‘ to hold on to
When all the answers they don’t amount to much
Somebody that you can just talk to
And a little of that human touch

Kommen Sie gut durch die Woche und genießen Sie zumindest die Sonne!

Himmel der Bayern (74): From a distance.

Dieses Jahr auffallend viele Ostergrüße. Per Post, Email, WhatsApp, Telefon. Und eine klasse CD, voll mit Frauenpower, zusammengestellt von einem Mann, ist auch mit dabei: überfällige Erinnerungen an Cyndi, Cher und v.a. an die einst sehr von mir verehrte Bette Midler, die ja nicht nur dieses zeitlos-großartige Stück über die Nervensägen gesungen hat, sondern auch einen Song für Coronazeiten:

From a distance we are instruments
Marching in a common band
Playing songs of hope
Playing songs of peace
They are the songs of every man

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Der hübsch Bewimperte und ich stellen einander Osternester ins Treppenhaus bzw. vor die Tür. Mit den Nachbarn, mit denen man sich etwas verbundener fühlt, tauscht man Häschen oder Eier aus. Der Papa freut sich über den Karton mit Cresta-Schokoeiern und ruft jeden zweiten Tag an, allmählich fällt ihm die Decke auf den Kopf.

Lolek schicke ich als Ostergruß ein Foto von dem täglich dicker werdenden Kaninchen, das in der Toilettenwand wohnt, und schreibe ihm, dass ich mich auf unser baldiges Wiedersehen freue.

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Dem Wanderführer mit dem Arbeitstitel „Panoramaschleichwege durch die Pandemie“, an dem ich zu schreiben begonnen habe, seit ich den täglichen Spießrutenlauf mit Hund durch die überfüllten städtischen Grünanlagen leid bin, füge ich heute das Kapitel „Mit dem Vierbeiner über verlassene Golfplätze“ hinzu. Eine der Premiumtouren in dem künftigen Büchlein! Früher, als die Winter noch regelmäßig Schnee auf das Münchner Umland fallen ließen, war das mal meine Langlauf-Hausstrecke, zu allen anderen Jahreszeiten kann man sich dort eigentlich nur als Clubmitglied frei bewegen, heißt: ich kenne das Gelände nur auf Skiern.

Daher hat dieses kurze Golfplatzgassi was von einem heimlichen Hikingabenteuer, wie ja so vieles zur Zeit. Wir kicken ein bisschen herum, spazieren achtsam durchs gepflegte Hügelland, machen ein Imbisspäuschen in einem Strandkorb für Golfer – und das Schönste: hier müssen wir niemandem ausweichen, weil wir niemanden treffen.

Danach weiter zu den Weihern und den Wäldern, eine Gegend, in der man Thoreau lesen und „Walden Pond“ hören sollte.

Stattdessen umrunden wir auf schmalen Trampelpfaden die vielen kleinen Weiher (einzige Chance, den Radfahrern zu entgehen), rasten auf einem einsamen Steg und lassen uns ungestört die Sonne auf die Nase scheinen.

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Gestern vor 50 Jahren haben meine Eltern geheiratet. Und unser Freund Bobby aus dem fernen B. feierte sein sechstes WiegenWurfkistenfest.

Heute hat einer der wenigen Geburtstag, die je tollkühn genug waren, mir einen Heiratsantrag zu machen und als Erstehemann wäre er vielleicht eine bessere Wahl gewesen als der Gymnasiallehrer, aber was soll’s.

Morgen ist Ostern und ein bisschen Auferstehung täte langsam wirklich not, das werden sich wohl grad fast alle wünschen.

Bis es soweit ist, wünsche ich Ihnen und Ihren ones and onlys sonniges Herumeiern und frohe Feiertage!

Every day is like survival oder: Karma, das verflixte Chameleon.

Der Gabenzaun ist gnadenlos gescheitert. Zu viel Verhau, zu viel Unrat, zu wenig gut verpackt, zu wenig (oder gar nicht) mitgedacht. Die Stadt hat jetzt andere Örtlichkeiten für diese Art von Spenden organisiert.
Das Finale des Gabenzauns bestand schlussendlich aus einer bemerkenswerten Synthese der hochbrisanten Klopapierthematik mit einem altgedienten spirituellen Konzept.

Urban Fenceart vom Feinsten.

Ich muss unweigerlich an Boy George und Schulpartys denken. Anfang der 1980er Jahre war das, als man noch nichts hinter sich, aber alles noch vor sich hatte und das für ein Füllhorn an Verheißungen hielt. Der Song war grad aktuell als ich mich in den dunkeläugigen Pseudo-Adligen aus der Nachbarklasse verknallt habe, der dann 20 Jahre später für L’Oréal modelte und mittlerweile Beautykrempel vertickt. Ewig nicht mehr gehört:

Der Frühling ist zurück. Der Wind ist noch frisch, aber die Sonne scheint. Konstant trudeln nun Autos auf der gegenüberliegenden Seite der Theresienwiese beim Drive-in ein, von 8 bis 18 Uhr. Die Ordnungshüter drehen ihre Runden hier mittlerweile ohne brüllendlaute Megafondurchsagen. In den Supermärkten die üblichen Erlebnisse, man gewöhnt sich dran und ich habe beschlossen, mich über manches nicht mehr zu echauffieren. Darüber hinaus erlebt man draußen ja nicht mehr viel bzw. manches möchte man mittlerweile lieber nicht mehr öffentlich mitteilen (womit ich in dem Fall gar nicht das Negative meine). Nur so viel: das Dackelfräulein hat sich gefreut, die Pfötchen mal wieder in Seewasser zu einzutunken.

Wir beballern uns mittlerweile nur noch einmal am Tag mit Nachrichten (der TV hat seine Wackelkontaktfrequenz netterweise nochmals reduziert), das genüg völlig, verstört-verwundert-verärgert einen nicht dauernd, und vertiefen uns ansonsten in die Alltagsdinge und -erledigungen, die berufliche Arbeit und das Praktizieren der neuen Strukturen.

Der Gatte ist glücklich darüber, nicht nach Frankfurt pendeln zu müssen und dass fast alle lästigen Meetings entfallen, weil die Uni geschlossen hat und die Kollegen im Homeoffice weniger besprechungswütig sind. Mit meiner Arbeit geht es zäh voran, es macht mir keinen Spaß, jetzt Reportagen übers Reisen zu schreiben. Aber zugesagt ist zugesagt – nur gut, dass der Verlag den Erscheinungstermin coronabedingt verschoben hat.

Nächste Woche erfolgt der hoffentlich letzte handwerkliche Handschlag in Sachen „neues Bad“. Falls die Duschtrennwand tatsächlich geliefert wird und diesmal auch in den korrekten Maßen. Und falls Lolek noch arbeitet und Hausbesuche macht. Nach meiner Zeitplanung, die ich in Woche 1 nach dem Wasserschaden machte, hatte ich mal „Karfreitag“ drinstehen, als Endtermin sowohl für meine Reportagen als auch für die häuslichen Baustellen. Ab Ostern war Neues und Anderes geplant, das nun alles in den Sternen steht.

Der Papa hat die Freude am Kochen wiedergefunden, das schlägt sich ungut aufs eh schon zu üppige Körpervolumen nieder, konstatiert er. Seit gestern trägt er daher nach eigener Aussage eine „Fressbremse“ (wie er die Atemschutzmaske nennt, die der Sohn der Lebensgefährtin dieser Tage per Post an den Tegernsee geschickt hat). Offenbar hat er auch seinen Humor wiedergefunden.
Mit größter Mühe gelingt es ihm nach 20-minütiger telefonischer Instruktion, mir per Whatsapp das Foto von sich im maskiertem Diät-Outfit zu schicken, das die Lebensgefährtin am Vortag von ihm geschossen hat.

Soweit für heute.
Ich grüße Sie herzlich und hoffe, dass bei Ihnen auch alles so einigermaßen seinen (neuen) Gang geht!

Song des Tages (50).

Gestern. Sonntagabend, nach 22 Uhr.
Wir liegen nicht nur erschlagen auf der Couch, sondern auch in den letzten Zügen der ersten Staffel einer neuen Serie.
Das Festnetztelefon klingelt. Wir schrecken sofort hoch, denn a) klingelt das abends üblicherweise sehr selten und b) schon gar nicht sonntags und nach 22 Uhr. Der Gatte springt vom Sofa hoch und rennt ins Nebenzimmer. Zu spät, das Klingeln verstummt in dem Moment, als er das Telefon aus der Basisstation reißt. Gerade noch rechtzeitig konnte er aber auf dem Display die zwei Worte „Papi zuhause“ erkennen. „Das war dein Papa!“, ruft er mir zu, und ich bekomme sofort Herzrasen, denn der Papa ruft nie zu so einer Uhrzeit an. Nie! Außer im Notfall.

Ja um Himmels Willen! Das Herz pocht mir sofort bis in die Schläfen, in mir denkt es in Sekundenschnelle: Ist er selbst der Anrufer gewesen, dann liegt die Lebensgefährtin im Krankenhaus, und wenn es aber nicht er war, der den Hörer dort am fernen Tegernsee in der Hand hält, sondern die G., dann ist der Papa im Krankenhaus. Den Drittgedanken behalte ich lieber für mich, der hat hier nichts verloren.
Panik steigt in mir hoch. Hektisch wühle ich zwischen den Sofakissen nach meinem Smartphone (der Papa wählt beim Zweitversuch immer die Mobilnummer), finde es, klappe die Schutzhülle auf und sehe justament den eingehenden Anruf (ich höre Anrufe in den seltensten Fällen, weil ich das Handy zu 98% seiner eingeschalteten Zeit pro Tag auf lautlos geschaltet habe).
„Papi zuhause“, lautet die Botschaft auch in diesem Display. Eilig wische ich das winzige Telefonhörer-Symbol zur Seite, das der Anrufannahme dient, und keuche fast in den Hörer: „Hallo Papi, was ist los?“

Am anderen Ende ertönt die krächzige, aber alles in allem muntere Sonntagabendstimme meines Herrn Vaters, ein verlegenes Lächeln schwingt in ihr mit, als er sagt: „Mir fiel grad siedend heiß ein, dass ja vorgestern der Geburtstag meines Schwiegersohnes war – vor lauter Coronadegöns hab ich das doch tatsächlich verschwitzt.“
Ich kreische ein „Na gottseidank!!!“ in den Hörer und füge an, wie froh ich sei, dass es „nur das“ sei und reiche den Hörer mit immer noch bebendem Arm und klopfendem Herzen an den bereits in ein erleichtertes Glucksen ausbrechenden Gatten neben mir weiter.

Mannomann. O tempora, o menses!

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Nachts geträumt, dass ich ein Tablett mit Frühstücksutensilien von der Küche durch den langen Flur ins Wohnzimmer trage und mir beim Gehen so denke: „Huch, der Boden hat ja eine Neigung, ist irgendwie leicht abschüssig, das ist ja seltsam!“.
Kurz vor dem Wohnzimmer entdecke ich dann einen Riss, etwa einen Meter breit, der quer durchs Parkett geht und den südlichen Teil der Wohnung vom nördlichen trennt (was jetzt nach nobler Villa oder Mega-Altbauwohnung klingt, es aber nicht im Geringsten ist) und eine Schlucht freigibt.
Der Graben durchteilt also die Wohnung, ein Blick in den Abgrund offenbart morsches Gebälk, das modrig riecht (vielleicht schon wieder ein Wasserschaden, irgendwo?) und alles sieht entsetzlich marode aus (ich kneife die Augen zusammen und meine, weit unten sogar ein Loch zu erkennen, durch das ich in den Flur der Nachbarsfamilie unter uns spähen kann).

Immerhin erklärt sich nun schlagartig die zuvor empfundene Neigung beim Gehen durch den langen Flur, und weiterträumend ist mir völlig klar, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein wird, bis auch der Flurboden Risse bekommt und einbricht.
Es folgt die glasklare Gewissheit, dass nun alles im Eimer ist. Danach die Überlegung, wie wir vielleicht ein paar Möbelstücke retten könnten, abrupt unterbrochen von dem Gedanken, dass wenigstens die Frage nach der Mietminderung diesmal eine eindeutige Antwort erfahren wird und ja eigentlich auch die Hausratsversicherung einspringen müsste.
Als nächstes schreie ich nach dem Gatten, schreie laut und fast hysterisch seinen Namen und dass er bitte schnell herkommen soll und dass etwas Furchtbares passiert und unser Zuhause für immer ruiniert sei. Bevor er an dem Abgrund, vor dem ich stehe, eintrifft, wache ich auf.

Schöne Nächte sind das zur Zeit. Kaum Schlaf. Daher auch kaum Ausflüge in irgendwelche Traumwelten, aber wenn, dann gleich richtig dolle Abenteuertrips, so wie der von heute Nacht: Grand Canyon in der eigenen Bude. Wow! Das war noch nicht alles, da geht noch mehr, das spüre ich.

Beim Aufwachen und dem bald folgenden Griff zum Handy (kurzer Check, ob die Welt noch steht bzw. die Tageszeitung imstande war, das noch zu vermelden) dann die Erleichterung, dass der Arzt des Vertrauens auf meine Mail geantwortet hat und mir ein Rezept ausstellt, das künftig beim abendlichen Steckerziehen helfen wird. Hab sowas noch nie genommen, möchte aber das leidige Experiment „Leben mit Schlafmangel in Wasserschaden- und Coronazeiten“ nach nunmehr 7 Wochen (und seiner Intensivierungsphase in den letzten drei Wochen) jetzt gern mal unterbrechen oder am liebsten komplett beenden, selbst wenn man derzeit niemanden mehr trifft, der einen auf die Augenringe ansprechen könnte. Die zwanzig Kilometer, die ich nun jogge, um das Wasservermissen und den Schwimmentzug aus dem Körpergedächtnis zu vertreiben, sind sonst bald auch keine sinnvolle Ertüchtigung mehr, in dem müden Zustand droht vieles eine bleierne Schwere zu bekommen, was dann ja kontraproduktiv wäre, weil es ja der Rekreation und Kräftigung dienen soll.

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Aufgestanden, die Jalousien hochgezogen und gestutzt: schon wieder alles weiß. Aha. Naja, auch schon egal. Wieder hingelegt und mit dem Fräulein gekuschelt, das ist immer wie Frühling und Sommer und alles Glück der Welt konzentriert auf einem dackeldonutgroßen Stück der Matratze.

Der Gatte macht Frühstück und trägt das Tablett ins Wohnzimmer und kommt auch unbeschadet dort an, weil vor dem Wohnzimmer nur der übliche verschrammelte Parkettboden liegt, sich aber kein meterbreiter und -tiefer Graben auftut. Beruhigend. Ist also doch noch nicht alles im Eimer. Ich stehe auf.

Routinen tragen einen sanft in einen neuen Tag hinein, manche formieren sich derzeit auch neu, aber wie immer ist es wichtig, dass man sie überhaupt hat, diese Routinen, sie sind stützend und sie erinnern einen daran, dass es trotz allem ja immer noch sehr verlässlich sowas wie einen Alltag gibt und man sich nicht täglich alles neu zusammenklauben muss, damit man durch den Tag kommt.

Kleine Konstanten wie das dampfende Kaffeehaferl auf dem Frühstückstisch, daneben die Ausbeute des Pressespiegels vom Wochenende, vom Gatten mit den vertrauten Textmarker-Kreuzchen versehen, damit ich auf jeder der sorgsam herausgetrennten und zusammengefalteten Seiten gleich erkenne, welcher Artikel der zu lesende ist.
Der kleine Hund, der sich nochmal mit dem üblichen wohligen Grunzer ins Körbchen neben dem Esstisch plumpsen lässt, sich dort einkringelt und geduldig ausharrt, bis die Zeit fürs Morgengassi gekommen ist.

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Morgengassi dann bei klirrend kalten minus 1 Grad durch die weiß bepuderte Allee.
Der Gabenzaun hat sich über Nacht exakt gemäß meiner Befürchtung entwickelt. Wenn ich ehrlich bin, sogar noch etwas krasser.
Nasse Klamotten, heruntergefallene Klamotten, eingeschneite Klamotten, aufgerissene Tüten, verteilter Tüteninhalt, hier ein paar Milchpackungen, dort ein paar Damenbinden, extra-saugfähig, daher dekorativ aufgequollen.
Irgendeine besonders helle Leuchte hat am Fuße des Zaunes einen Karton mit Semmeln abgestellt. Ohne Abdeckung. Sehr clever. Sogar die Krähen gucken irritiert und fragen sich, was sie mit einer vereisten Semmel vom Vortag anfangen sollen, versuchen dann aber ihr Glück und zerhacken in trautem Teamwork einen der Tiefkühlwecken.

Woran ich noch gar nicht gedacht hatte, ist, dass diese Müllmeile ja neben all den Klamotten auch bergeweise „Biomüll“ enthalten würde, und dass ich ja mit einem Interessenten für Biomüll jeder möglichen und unmöglichen Herkunft und Beschaffenheit dort entlangspazieren müsste.

Das Dackelfräulein ist nämlich ein sogenannter „Staubsaugerhund“, was, selbst wenn man, so wie ich, ein passionierter Zusammenleber mit diesem sauberkeitsherstellenden Hausgenossen ist, ein ziemlicher Graus ist.
Hundebesitzer, die ebenfalls einen Staubsaugerhund haben, wissen, was ich meine. Darum geht unsereins auch lieber außerhalb der vielbegangenen Routen spazieren, weil sich dann die Objekte der kaniden Begierde wenigstens auf Hasenköttel, Pferdeäpfel, Marderkot, Fischgräten, Jauche, Kadaver und Gebeine reduzieren.

Es bleibt zu hoffen, dass die städtische Müllentsorgung bald zur Tat schreitet, damit das Morgengassi jetzt nicht täglich ein zehnminütiger Spießrutenlauf wird, wonach es aber nicht aussieht, wenn ich mir die Mülleimer und Wertstoffcontainer so ansehe.

Wieder zuhause angekommen warten gottseidank noch eine zweite Tasse Kaffee und ein Toast mit Quittengelee auf mich.
Immer her mit den Routinen (und an dieser Stelle nochmal ein großes Dankeschön an die liebe B. aus O., die dafür sorgte, dass es keine Geleeengpässe gibt, speziell jetzt wäre das wirklich nur schwer verkraftbar gewesen)!

*****

Die derzeitige „Lage der Nation“ verdichtet, wie ich hier eh schon mehrfach sagte (oder dachte?), gerade nahezu alles, was schon vor der Verbreitung dieses Virus‘ zu dicht, zu brisant, zu fragil oder sonstwie zu schwer zu ertragen war.
Auf all das kommt jetzt unter Umständen nochmal eine Schippe obendrauf, wenn es dumm läuft. Und teilweise treten diese Umstände nun auch ein und es läuft dann auch dumm, so wie vorgestern.

Da beschließe ich am späten Nachmittag, nochmal kurz mein Hirn durchzulüften, schnappe mir mein Feierabendbierfläschchen, gieße 0,25 l davon in mein Störtebeker-Säbelglas und begebe mich nach draußen.
Möchte mich einfach mal für 15 Minuten auf die vertraute Parkbank am Rande des Coronatest-Drive-In-Geländes (formerly known as „Wiesn“) setzen und der Bavaria gegenüber zuprosten und ein paar Surfern zusehen, wie sie ihre Runden auf der großen Freifläche vor den Testzelten drehen und sich vom Wind mal hierhin, mal dorthin treiben lassen.
Auch so ein Ritual, so eine kleine Konstante und Angewohnheit, die Struktur gibt und einfach wohltut, selbst wenn die Szenerie vor meiner Nase nicht mehr so ganz dieselbe ist.

Auf dem Bürgersteig angekommen, der sehr breit ist und eher einer gediegenen Allee gleicht als einem normalen Trottoir, will ich zur Überquerung ansetzen, sehe dann aber von rechts jemanden im Stechschritt heranmarschieren, ein komplettvermummter, vermutlich eher junger Mann (wegen Atemmaske und zusätzlicher Gesichtsverhüllung ist das schwer zu erkennen), in kurzer Hose (eigentlich zu kühl für den Tag) und ansonsten mit Turnschuhen, Kapuzenshirt und Baseballmütze bekleidet.
Ich bleibe mit meinem Weißbierglaserl in der Hand am Rand des breiten Weges stehen, um abzuwarten, bis er vorbeigegangen ist und dadurch sogar einen Abstand von mehr als zwei Metern wahren zu können.
Anstatt einfach weiter seines Weges zu gehen, macht der Kerl aber, auf meiner Höhe angelangt, auf einmal einen großen Sprung in meine Richtung, fuchtelt mit den Armen in der Luft herum, stampft mit dem Fuß auf und brüllt mir ein „Huh!“ entgegen. Und dann nochmal: „Huh!“

Ich bezweifle, dass er Isländer oder ein engagierter Botschafter für Fußballgesänge ist, vielmehr lag in diesem „Huh!“ eine Aggression, die mich recht unangenehm anwehte und mir den kurzen Aufenthalt auf meiner Parkbank schon eintrübte, bevor ich diese überhaupt erreicht hatte.

Im Treppenhaus höre ich eine Viertelstunde später dann zufällig mit, wie ein Nachbar einen anderen mit seinen kruden Verschwörungstheorien bequatscht: „Alles Fake, alles inszeniert.“ und „Mir macht das Virus keine Angst, nur unsere Regierung.“
Momente, in denen ich fast geneigt bin, zu verstehen, warum manch einer sich gern in Sphären der Transzendenz flüchtet oder Trost in der Religion sucht (oder sogar findet).
Momente aber auch, in denen ich sehr froh darüber bin, gleich die Tür hinter mir zuzumachen und in der Wohnung bleiben zu dürfen.

*****

Eigentlich hatte ich als Song des Tages für heute den freitags so überraschend veröffentlichten Song des Großmeisters aus Duluth, MN, vorgesehen, diesen apokalyptisch anmutenden Abgesang auf die USA – God’s own country, über das nun der Zorn des Herrn gekommen ist (wie irgendein Amerikaner aus dem dortigen Politbetrieb kürzlich mutmaßte) -, der einen, nur dreimal in Folge und mit Bedacht angehört (das Stück ist 17 Minuten lang!), mal für ein ganzes Stündchen total wegbeamt von all den viralen Plagen, mit denen wir uns arrangieren müssen und auch die soziologischen Feldstudien, deren Teilnehmer wir so unfreiwillig geworden sind, mal für ein Weilchen vergessen lässt.
Und die restlichen Minütchen, um diese Stunde vollzumachen, sollte man unbedingt der Lektüre der Willi-Winkler-Rezension zu diesem Requiem widmen. Vielleicht noch die andere Hälfte des Weißbierflascherls dazu, so zur Abrundung des Genusses auf allen Ebenen.
Gut verbrachte Zeit, das versichere ich Ihnen (natürlich nur, sofern Sie irgendwas mit Dylan am Hut haben, klar).

Spontan erschien mir nun, beim Niederschreiben dieser Zeilen und meinem dabei immer wieder aus dem Fenster und auf die Allee hinuntergleitenden Blick, aber ein anderer Song die passendere musikalische Allegorie meiner Verfassung an diesem Montagnachmittag zu sein:

Well, everyone has said that I might go
‚Cause my red suitcase and my Ray Bans weren’t quite so
I’d bear the heavy wind and rain that falls
I’ll never come back again
‚Cause you know how I laugh when winter shows her hand

With that picture framed, there is a saddest thing you’ll see
But it bought me time and a place that love could be
And since I’m goin‘ now, please rearrange
‚Cause I’d like to think that things have changed
I don’t believe you’ll be open anymore

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

Well, everyone was hopin‘ you would stay awhile
Tell us ‚bout that great land in the South
Then you’ll see that man
Now ain’t he under offer?
Well, I tell you child, you go wash out your mouth

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

Now what can you say?
I’m hidin‘ in the belfry
How can you say I want to catch time?
How can you say you know anythin‘ about me?
Because I knew about you but I won’t care about you

Now, everyone has come to see
But some things have to die
Flowers out for this graphic haunt
But they all pass me by

But the age is not
A funny game
It don’t give such a buzz
And when I winced with ignorance
I had to kiss this dust

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh, and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

*****

Grau ist es heute da draußen. Bleigrau. Und kalt. Eiskalt.
Aber es kommen auch wieder hellere und wärmere Tage.
Tage, an denen man wieder ein feelin‘ of redemption wird spüren können.