Bruchstücke einer Biographie.

Gerade im Treppenhaus gesichtet – und sofort eine recht präzise Vorstellung der dazugehörigen Biographie gehabt…

…und ab sofort die Lauscher aufstellend, ob hier im Haus bald irgendein windiger BWLer unter den Nachbarn sein Ränzlein schnürt und Frau und Kind (und überhaupt alles) hinter sich lässt. Und das vor Weihnachten!!!

(„Biographie“ gehört übrigens zur Liste meiner persönlichen Unworte des Jahres 2018, dazu aber demnächst in aller Ruhe, wenn wir uns den üblichen Rückblicken widmen.)

Suburbia (3): (…) den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Von To-go-furniture, Ghost-Living und Spongebob-Having.

Eine der Wohnungen in unserem Haus habe ich „die Pechwohnung“ getauft.
Nein, nicht unsere, die ist schön, auch wenn wir wegen des Drumherums hier nicht glücklich werden. Die Pechwohnung befindet sich im Erdgeschoss.

Bereits an unserem Umzugstag fragte mich die Belegschaft der Metzgerei gegenüber, bei der ich für die Möbelpacker zu Mittag ein gutes Dutzend Leberkässemmeln geordert hatte (weshalb man dort sogleich Hoffnung schöpfte, zukünftige Kundschaft zu gewinnen, was sich als Irrtum entpuppen würde bei einem Haushalt mit 1,5 Vegetariern, aber das behielt ich erstmal für mich), gründlich darüber aus, in welche der Wohnungen in dem Neubau wir denn einzögen.
Ins erste OG? Achso, naja, schade, dann blieben wohl im Erdgeschoss weiterhin die Jalousien unten, das sähe halt arg unbewohnt und verrammelt aus und das auch schon so lange. Man frage sich ja seit Monaten, wann denn überhaupt mal jemand in das Haus einziehen würde, es wirke so unbewohnt, selten ginge dort mal jemand ein oder aus, aber nun seien ja wir da – so kommentierten sie’s und schoben mir die in Alufolie gewickelten Kraftspender über den Tresen, damit ich sie in meinen Korb packen konnte. Zum Abschied noch der freundliche Hinweis, dass man jederzeit gern für das Dackelfräulein Fleischreste beiseite legen würde – für „ummasunsd“ (mia san jetzad ja Nachbarn).

Schon ein paar Wochen nach unserem Eintreffen sollte Schluss sein mit der dauerverrammelten Erdgeschosswohnung, zumindest dachten wir das, als der Möbelwagen vorfuhr.
Dr. B., ein pomadiger Finanzheini in den Spätdreißigern mit Schweizer Autokennzeichen, zog ein, entpuppte sich jedoch beim Erstkontakt als Exilschwabe, immerhin aber als Dackelfan, so dass man gewogen war, über Pomade, Beruf und Herkunft erstmal gnädig hinwegzusehen. Dr. B. zog an einem einzigen Tag ein und richtete sich auch an diesem einen Tag bereits fertig ein.
Das war nur insofern möglich, weil Dr. B. ausschließlich „furniture to go“ besaß: alles – Geräte, Möbel, Vorhänge – war neu, schick und schmerzfrei, alles war im Nu aufgestellt, installiert und betriebsbereit.
Wenn man keinerlei persönliche Gegenstände besitzt und Individualität lediglich aus dem persönlichen Freischaltungscode des Vodafone-Multimedia-Highspeed-Pakets besteht, ist so ein Umzug nämlich richtig schnell erledigt.

Dr. B. war also binnen 24 Stunden eingezogen und angekommen. Noch am Tag seines Eintreffens machte er seine Runde durchs Haus, um sich seinen neuen Nachbarn vorzustellen, höflich und freundlich, aber man merkte wohl, dass er das vor allem hinter sich haben wollte. In den Folgewochen wurden die wenigen noch fehlenden Utensilien per Amazon geliefert: Joggingschuhe, DVD-Player, Espressomaschine und notgedrungen auch ein kleiner Rasenmäher für den vermutlich eher ungewollten Garten, der bis dahin recht trostlos vor den verschlossenen Fenstern der Pechwohnung vor sich hin vegetieren musste.
Seinen dicken, dunklen VW Touareg tauschte er nach den ersten Erfahrungen mit der vom Architekten dieses Hauses sehr platzsparend konzipierten Garage notgedrungen gegen einen schlanken VW Polo ein.
Ansonsten hörte und sah man nicht viel von ihm. Im Wäschekeller wälzte der Miele-Trockner manchmal um Mitternacht stoisch die fünf Oberhemden um (five shades of boring business-blue), die Dr. B. durch seine business-week geleitet hatten.

Gleichwohl roch man morgens im Treppenhaus, wenn er gerade aufgebrochen war zu seinen Finanzkumpels im City-Office (five cl of Joop!), ab und an traf man ihn sogar mal leibhaftig, meist beim Aufbruch zum Morgengassi. Das Dackelfräulein durfte ihm sodann ungestüm unter das gebügelte Anzughosenbein rüsseln.
Dr. B. mochte Dackel, seine Mutter hatte nämlich mal einen, daher patschte er ihnen nicht ungelenk mit der flachen Hand auf dem Kopf herum (was ja viele Hunde, besonders die kleinen, hassen), sondern verstand es, sich korrekt mit einen tiefergelegten Kinnkraulen dem Hund zu nähern. Zwar konnte er sich in den wenigen Monaten seiner To-go-Existenz hier in unserem Haus nicht merken, dass Pippa kein „er“ ist und „Pippa“ heißt, aber das nahmen wir ihm nicht krumm.

Was sich durch Dr. B.s Ankunft allerdings nicht die Bohne verändert hatte, war die Jalousiensituation: die Dinger blieben unten. Hartnäckig. Und grundsätzlich. Tagsüber sollte wohl das nagelneue to-go-furniture vor neugierigen Blicken geschützt werden oder Dr. B. vergaß einfach frühmorgens – zwischen Coffee-to-go, dem Hantieren mit der Pomade und der „Börse vor 8“ – jene Taste zu betätigen, die die Rolladen geöffnet hätte (oder ärgerte sich darüber, dass es hierfür nicht auch eine Fernbedienung gab).
Abends, wenn er spät vom Job heimkam und vor dem Fernseher einen Absacker trank, lohnte es sich auch nicht mehr, die Rollos hochzufahren. Nur manchmal, an lauen Sommerabenden, war tatsächlich ein 20cm breiter Spalt offen, wahrscheinlich der Belüftung wegen. Man sah dann etwas Licht, vermutlich das Flimmern der Aktienkurse im TV, und ab und zu sogar die Füße von Dr. B., die stets in schwarzen Socken steckten oder barfuß auf einem Lederhocker ruhten.

An den Wochenenden war er grundsätzlich in der Schweiz und die Jalousien blieben natürlich dort, wo sie eh schon waren: unten.
Irgendwann blieben sie dann für immer geschlossen, denn Dr. B. war völlig unbemerkt wieder ausgezogen. Der Finanzjob hatte nicht den expectations entsprochen oder war keine adäquate challenge – wer weiß das schon so genau, Dr. B. war jedenfalls wieder weitergezogen.
Sein To-go-Mobiliar hatte er der Einfachheit halber dagelassen, wir vermuteten, dass er es entweder an arbeitslose Banker gespendet hat oder fachgerecht entsorgen ließ, bevor er die Pechwohnung an den Vermieter zurückgab.

Die zwei Räume plus Küche-Bad-Flur hatten also kein Glück gehabt, sie mussten weiterhin im Dunkeln ihr Dasein fristen und aufpassen, nicht trübsinnig zu werden bei diesem Kaspar-Hauser-Leben, das zu führen sie verdammt waren. Die bunte Welt da draußen kannten sie nur vom Hörensagen oder aus Fernsehbildern.

Und wieder blieben die Jalousien monatelang dicht.

Ein paar Wochen nach Dr. Bs Verschwinden tat ich der Metzgereibelegschaft den Gefallen, ein Schälchen Kartoffelsalat zu kaufen und dabei ungefragt die aktuelle Lage zu erläutern, weil ich ahnte, dass das verrammelte Erdgeschoss weiterhin kritisch beäugt und diskutiert wurde.

Einige Zeit später wurde bekannt, dass ein neuer Mieter für die Pechwohnung gefunden sei: Herr F., den wir – Google sei Dank – in Nullkommanix als BWL- und Versicherungsfuzzi entlarven konnten. Gewissermaßen also ein Klon von Dr. B., nur ohne Promotion, in benachbarter Brangsche tätig und etwas jünger, wahrscheinlich daher noch ohne Pomade und Bügelfalten, vielleicht nicht mal ein Dackelfreund.
Wir wissen es nicht genau bzw. überhaupt nicht, denn Herr F. zog nie in seine neue Bleibe ein. Einzig sein großes TV-Gerät (das basic jeder To-Go-Möblierung) traf eines Tages ein und wurde irgendwo hinter den heruntergelassenen Jalousien versteckt.
Herr F. hat vor noch Einzug wieder gekündigt. Tja, auch das ist München at its best: wer ko, der ko! – das muss man sich ja erstmal leisten können, hier 3-4 Monatsmieten in den Sand zu setzen und die Moneten nicht mal ansatzweise persönlich abzuwohnen…

So wurde eines Tages der TV unbemerkt wieder entfernt und die Pechwohnung stand erneut leer. Der Eigentümer nahm einen Maklerwechsel vor, vermutlich hatte er zum bisherigen, sehr schleimigen Wohnungsverschacher-Hai (ich hatte den Typen mehrfach mit diversen Dr.B.-Klonen bei Besichtigungsterminen gesehen – seltene Stunden, zu denen die Jalousien jeweils komplett hochgezogen wurden, obwohl das der Wohnung weder entsprach, noch bekam, ja womöglich ein schwerer Schock für sie gewesen sein muss, so wie wenn einem des Nachts in einer DAV-Hütte, wenn man grad endlich mal eingeschlafen ist bei all dem Geschnarche ringsum, plötzlich ein angeschwipst umherirrender Zimmerkumpan mit seiner Taschenlampe grell ins Gesicht leuchtet, weil er ausgerechnet dort seine Schlafstatt vermutet) nach den zwei Fehlschlägen einfach kein Vertrauen mehr.

Das Jahr ging für die Erdgeschosswohnung verrammelt und in Dunkelheit zuende, so wie es auch begonnen hatte. Und 2018 begann zunächst ebenso düster.

Kurz nach dem Jahreswechsel kam uns zu Ohren, dass erneut ein Mieter für die Pechwohnung gefunden sei, der angeblich noch im Januar einziehen würde. Gespannt blickte man nun bei jedem Kommen und Gehen auf die hellgrauen Jalousienfronten im Erdgeschoss. War da vielleicht ein kleiner Ritz zu sehen? Tat sich da schon etwas? Oder standen die Lamellen noch so wie am Vortag?

Eines Tages, die Rolläden waren noch immer verschlossen, befanden sich im Waschkeller plötzlich zwei neue Geräte. Wenig später klebten zwei neue Namen an der Klingel zur Pechwohnung. Aha – ein Paar wollte hier sein Glück suchen und der Düsternis ein Ende bereiten! Und in den letzten Januartagen, ich fuhr gerade mit dem Aufzug in den Keller, war auf dem Weg Richtung Garage, um das Dackelfräulein zum See zu kutschieren, war es dann tatsächlich so weit: der männliche Part des Pechwohnungs-Paares stand plötzlich im Kellerflur vor mir.
Ein Gruß wurde ausgesprochen, mit schwäbischer Note (zieht die Pechwohnung etwa bevorzugt Schwaben an?!?), ansonsten fiel mir nur auf, dass der Neue dem Gebaren nach ganz bestimmt kein Finanz- oder Versicherungsfritze sein konnte (korrekt!, wie das Internet bestätigte) und dass er in seinem Leben offenbar noch nie einen Hund oder gar Dackel gesehen hatte.
Grad dass er nicht zur Seite sprang, als das Dackelfräulein ihn freundlich schwänzelnd begrüßen wollte, oder ihm ein angeekeltes „Iiih!“ entfuhr! Sekunden später kam seine Angetraute oder Lebensabschnittsgefährtin aus der Garage. Als sie Pippa sah, zuckte auch sie zusammen, und kaum wuselte ihr unser liebreizender Hund um die Füße, zog sie ein Gesicht als würde sich ein blutender Blobfisch über ihre Schuhe schieben.

Was soll ich sagen? Die Sache war gelaufen! Quasi binnen Sekunden waren die Würfel gefallen!
Bei der Zweit- und Drittbegegnung wurde dieses Verhalten keineswegs besser, lockerer oder entspannter.
Ja, besonders die Drittbegegnung war heikel, denn die Neue trug ein spongebobähnliches Riesenstofftier durchs Treppenhaus und für Pippa war sonnenklar, dass das nun endlich das ihr zugedachte Einstandspräsent sein müsse und sie schien daher sogar geneigt, der seltsamen Nachbarin ihr bisheriges Verhalten zu verzeihen. Aber nein, das kastige Monster wurde quietschend vor Angst oder Ekel in die Höhe gehoben und dem Dackelfräulein verweigert!

Zugegeben, diesmal kostete ich die Lage aus und rief Pippa nicht sofort zu mir, sondern ließ die Neue ein Weilchen zappeln, weil das gar so ulkig aussah: die kreischende Frau auf Zehenspitzen mit dem knallgrünen Monsterstofftier in den Armen. Herrlich!
Derweil erklärte ich ihr seelenruhig, dass mein Hund ihr Spongebob-Plagiat als Spielgefährten betrachtet und sich deshalb so exorbitant freut.
Ihr Mann kam ihr zu Hilfe, fuchtelte unbeholfen mit einem Arm herum und versuchte, die Situation mit einem „Desch is ja ’n aufg’weckta Kerl!“ zu entschärfen. Da er aber einen Geländewagen unter dem anderen Arm trug (so ein Teil in Bobbycar-Größe – man fragt sich ja schon, was Leute, die um die 50 sind und keine Kinder haben, für Krempel besitzen), fiel er bei Pippa natürlich in dieselbe Kategorie wie seine Gefährtin („Potentiell neuer Kamerad mit Spielgerät zur besänftigenden Überlassung inkl. Antragstellung auf gute Nachbarschaft beim 1. Haus- und Hofhund am Platze“).
Ich klemmte mir dann (quasi aus paritätischen Gründen) meinen Hund unter den Arm und machte mich aus dem Staub.

Staub. Gutes Stichwort!
Denn bei der vierten Begegnung sprach mich der Neue unfreundlich und grußlos an (es war der Umzugstag, er trug Baseballkappe und Sweatshirt und wirkte etwas gestresst ob der vier kein schwäbisches Wort verstehenden Inder, die sein Umzugsgut ganz offensichtlich nicht in der gewünschten Weise in die Pechwohnung trugen) und fragte mich unvermittelt, ob ich ihm meinen Staubsauger für den Reschd des Tages ausleihen könne, da die Inder bereits Löcher in die Wände bohren würden, und da wäre es ja schon praktisch, den Bohrstaub und das doch recht reichlich splitternde Mauerwerk gleich an Ort und Stelle mit einem Sauger aufzufangen. „Ungern“, entgegnete ich, da ich mir bei unserem Einzug unseren alten Staubsauger mit vergleichbaren Aktionen ruiniert hatte und den neuen nicht in Hände geben wollte, die ich noch nicht mal selbst in gutem Gefühl geschüttelt hatte.

Da war der Schwabe beleidigt, glaube ich. Entsprechend kurz angebunden verliefen die nachfolgenden Begegnungen. Auch Pippa ignoriert die beiden mittlerweile – wer es sich erst mal gründlich mit ihr verscherzt hat, ist logischerweise keines Dackelblickes oder Schwanzwedelns mehr würdig.

Aber häufig sieht man einander eh nicht, denn – Sie ahnen es sicher schon! – die Jalousien sind mal wieder unten.
Sogar tagsüber sehr konsequent, und das, obwohl der Neue daheim arbeitet. Vielleicht ist er Pornofilmproduzent oder Geldfälscher – oder die beiden haben zuvor im Souterrain oder Keller gewohnt und müssen sich erst langsam ans Tageslicht gewöhnen (man soll ja nicht immer gleich das Übelste annehmen).

Den neuen Nachbarn gebe ich dennoch deutlich länger als Dr. B. und dem nie erschienenen Herrn F., ich tippe tollkühn auf mehr als 3 Jahre.
Einfach deshalb, weil ich davon ausgehe, dass Menschen mit spongebobähnlichen Monsterstofftieren, albernen Kleinjeeps, schwäbischer Herkunft und einer doch erklecklichen Anzahl von vier Indern hineintransportierten Möbelstücken und Kisten nicht in drei Monaten wieder weg sind (einen haben sie ja bereits geschafft).

Möge uns das Schicksal gewogen sein und uns den näheren Fortgang sowie das Ende dieser Pechwohnungs-Episode nicht mehr live miterleben lassen, obwohl ich mikrosoziologischen Langzeitstudien dieser Art durchaus etwas abgewinnen kann.

Was für eine verrammelte, verschlossene Welt.
Ein bedrückendes Verstecken, Verbarrikadieren und Verschließen – so empfinde ich das zumindest.
Wenn ich hier in Suburbia nachts mit unserem Hund durch die Straßen spaziere, dann ist alles dicht, alle haben sich abgeschottet. Keine Menschenseele ist irgendwo zu sehen.
Leben die noch oder sterben die schon?, frage ich mich manchmal, wenn ich auf die vielen bodentiefen, blickdichten Lamellenfronten gucke.

Unweigerlich denke ich dann an diesen Spätsommer vor ein paar Jahren, den ich auf Gotland verbrachte.
Wie ich mit dem Dackelfräulein in der Dunkelheit über die Insel fuhr oder wanderte, und überall waren warme Lichter zu sehen, die Fenster so offen wie die Türen, hie und da mal ein zugezogener Schlafzimmervorhang, ansonsten aber sichtbares Leben in all seinen Schattierungen und Zuständen.
Die Menschen dort verstecken sich nicht bei Einbruch der Dunkelheit, sondern sie wagen es, sich in ihrer ganzen Banalität oder Besonderheit zu zeigen. In Gesprächen erfuhr ich, dass sie das nicht mal als ein Wagnis oder ein Sich-Zeigen betrachten, sondern es ist stinknormal, dass man abends weiterlebt und -wohnt als wäre es draußen noch hell.
Der Schwede geht einfach nicht davon aus, dass ihm jemand was wegglotzt und es juckt ihn auch nicht, wenn der Nachbar sieht, dass man mal kurz in der Nase bohrt (und aus Kindheitsurlauben in Holland erinnere ich mich noch gut daran, dass man es dort genauso hielt).

Man sieht sie alle in ihren Häusern herumlaufen, -liegen oder -sitzen, in ausgebeulter Jogginghose oder im eleganten Etuikleid oder irgendwas dazwischen, allein, zu zweit oder in Gesellschaft, mit Hund oder Katze, lesend, lernend, denkend, weinend, lachend, essend, trinkend, putzend, sich unterhaltend, sich berieseln lassend, schweigend, liebend, streitend, genießend, leidend – und vielleicht sogar sterbend.

Mich hat dieser Anblick, diese Offenheit, diese Sichtbarkeit des Lebens zutiefst beruhigt, ich war dort ganz alleine unterwegs und fürchtete mich nirgends, nicht mal nachts.

In den letzten Tagen meiner Zeit auf der Insel schloß auch ich die Tür meiner Hütte nicht mehr ab und zog die Vorhänge nicht mehr zu. Frühmorgens, wenn ich mit dem Dackelfräulein im Arm langsam die steile Holztreppe von der Schlafkammer hinunterstieg, guckte das Pferd des Nachbarn durch das Sprossenfenster neben der Verandatür direkt in mein verschlafenes Gesicht und entlockte dem Dackelchen ein erstes Brummeln.

Ein schöner Start in den Tag und ein perfektes Lebensgefühl war das.

Suburbia (1): Vom Leben im Transitbereich.

Logo zu meiner neuen Serie über das Leben am Münchner Stadtrand.

Meist ist es ratsam, mit schwerwiegenderen Gedanken oder Gefühlen ein wenig schwanger zu gehen, bis aus ihnen ein gebärfähiger Beschluss wird.

Wir befinden uns nun im neunten (!) Monat unseres Wohnens & Lebens am südlichen Stadtrand, eine relevante Zeitspanne also, um die Niederkunft einer Entscheidung bekanntzugeben. Und ich wünschte, es gäbe diesbezüglich nichts zu verkünden, weil wir uns hier annähernd auf cloud nine befänden oder auch bloß angekommen wären, uns gut eingelebt hätten und wohlfühlen würden.
Leider hat sich fast alles anders entwickelt als erhofft.

Fairerweise will ich zunächst die zweieinhalb positiven Aspekte erwähnen.
Die neue Wohnung ist und bleibt ein Quantensprung im Vergleich zum vorigen Zuhause – ständiges Frieren und modriger Muff in den Wintermonaten sind ebenso passé wie diverse andere Baufälligkeiten, die uns jahrelang genervt haben. Stattdessen haben wir nun läppische Luxusprobleme wie das Experimentieren mit der adäquten Regulierung der Fußbodenheizung oder Vorkehrungen zu treffen gegen das Ausrutschen auf der aalglatten Versiegelung des Fischgrätparketts (für das Dackelfräulein durchaus unkommod). Kann man wirklich mit leben, ist letztlich zu verbuchen unter Anpassung, denn die Bau- und Binnenqualität der Wohnung betreffend sind wir nun mal von einem Extrem ins andere gefallen.

Der neue Nachbar vis-à-vis hat sich zwischenzeitlich nicht nur als netter Hausgenosse und Kompagnon für Fußball-Abende bewährt, sondern auch zu einem geschätzten Gesprächspartner, Grillmeister, Gleichgesinnten in Sachen Humor & häuslichen Angelegenheiten, perfekten Dogsitter sowie einer Anlaufstelle für Chipsgelüste (sogar nach 23 Uhr) entwickelt. Besser hätte man’s nicht erwischen können, so auf derselben Etage (denn von der Erbsenzählerin und der Korinthenkackerin eine Etage drüber soll an dieser Stelle lieber nicht die Rede sein).

Auch die neue Vermieterin ist im Vergleich zur vorigen eine Verbesserung, allerdings nur eine geringe: Hier haben wir, wie wir zwischenzeitlich feststellen mussten, lediglich das Modell „verhaltensgestörte, kleinkarierte Geizkrägin mit abgewetzter Pudelmütze“ gegen das Modell „übervorsichtige, oberlehrerhafte Damenbartträgerin mit Großgrundbesitzerattitüde“ eingetauscht. Schwer zu sagen, was im Umgang nervtötender war bzw. ist. Die eine bekam einen Anfall, wenn man wiederholt wagte, sich schimmelfreie Fensterbänke neben dem Esstisch zu wünschen, die andere echauffiert sich nun, wenn man sich erdreistet, 2x in 9 Monaten einen tropfenden Schirm kurz im Treppenhaus abgestellt zu haben (und hält uns an, ich zitiere: „eine Auffangschale im Gäste-WC zu platzieren“, in der der Schirm zu trocknen habe).

Worin wir uns allerdings völlig getäuscht haben, ist die Sache mit der Stadtrandlage. Erhofft hatten wir uns mehr Ruhe, weniger Verkehr, keine Parkplatzprobleme und insgesamt eine beschaulichere Atmosphäre durch die wald- und naturnahe Lage (und trotzdem per U-Bahn eine super Anbindung in die Stadt).

Als ich vor 27 Jahren für eine Weile mit meiner Mutter hier lebte, war das alles noch gegeben, und im Frühjahr 2017, an den beiden Samstagen der Wohnungsbesichtigung und der Mietvertragsunterzeichnung, wirkte es, als habe sich diesbezüglich nichts geändert.
Der Fehler dabei war: es handelte sich um Samstage.
Tage, an denen man gar nicht bemerken kann, dass werktags das gesamte Viertel (im Folgenden nur noch „Gegend“ genannt, da jeglicher Stadtviertelcharakter fehlt) morgens zwischen 6:30 und 9 Uhr wie eine Heuschreckenplage von den Pendlern des südlichen Umlands  heimgesucht und restlos zugeparkt wird (zwischen 16:30 und 20 Uhr dann alles wieder retour).
Tagsüber reiht sich hier Starnberger Porsche Cayenne an Weilheimer Volvo V70, dazwischen die Vorortchaisen von Stockdorf über Krailing bis Germering.
Nach dem Parken holt man sich im Bioladen noch fix einen Sojadrink nebst Dinkelgebäck (Kennzeichen STA) oder beim Billigbäcker 3 Quarktaschen zum Preis von 2 plus Coffee to go (Kennzeichen FFB) – und weiter geht’s per U-Bahn in die City, ins Office, zum Shoppen, zum Arzt, zum Amt oder zum Nobel-Friseur nach Schwabing.
Das gesamte Pendelvolk des südwestlichen Umlands rauscht hier also täglich 1x rein und 1x wieder raus, wie Reisende durch einen Transitbereich, man guckt nicht links und rechts, haut seinen Kaffeebecher oder die Edelstoffflasche auf die Straße, ist ja nicht das eigene Viertel, äh, Gegend, was soll’s.

Tagsüber und spätabends ist hier alles leergefegt, verwaist und ausgestorben. Hat man misanthropische Tendenzen, kann das durchaus von Vorteil sein. Nahezu begegnungsfrei lässt es sich bis zum Wald spazieren, dort trifft man auch nur ein paar Wildschweine und Rehe, sonst keine Gesellschaft, keine Sau, nirgendwo. Gute Sache an manchen Tagen, in manchen Verfasstheiten.
Zugleich hat diese Ausgestorbenheit etwas Gespenstisches. Bei der nächtlichen Runde mit Pippa treffe ich ebenfalls keine Menschenseele, höchstens mal Gestalten ohne selbige. Jene Verlorenen und Vergessenen, die ganz hinten im Viertel, in den Hochhäusern, hausen. Sie kippen gegen 23 Uhr angetrunken oder sonstwie stoned aus der U-Bahn, haben den Bus versäumt und schwanken zu Fuß heimwärts. Manchmal werde ich angepöbelt, manchmal wird das Dackelfräulein unflätig angeraunzt. Da ich grundsätzlich recht angstfrei unterwegs bin, komme ich damit schon zurecht, im alten Stadtviertel gab’s das auch mal, aber was mich hier beklemmt, sind die nachts vollkommen menschenleeren Straßen. Für den Fall, dass es doch mal brisanter würde, wäre niemand da, der einen hört oder sieht – da hilft nur noch Rennen, was wir gottseidank erst einmal tun mussten.
[Endlich mal kapiert, was die Pet Shop Boys seinerzeit meinten: „you can’t hide, run with the dogs tonight, in Suburbia“]

Die Menschen, die hier leben, passen weder zusammen, noch haben sie sich aneinander gewöhnt, noch stehen die Chancen allzu gut, dass das mit der Zeit gelingen könne. Alteingesessene (denen das Viertel, als es noch ein echtes Viertel war, quasi „gehörte“), Asylbewerber und Arme (die die Stadt in den in 40 Jahren heruntergekommenen Hochhäusern zusammenpfercht), Alte (nach deren Ableben die Erben die Grundstücke lukrativ an Bauträger verhökern) sowie ein paar junge bis mittelalte Familien und Leute wie wir (die mit ihrer Stadtrandlagen-Illusion oder vom Innenstadtmietzins vertrieben in den neu gebauten Wohnungen oder Häusern dieser Gegend landen).

Suburbia-Bebauung im Münchner Süden (Beispielhaus).

Bis Letztere ihren „Wohntraum im Münchner Süden“ zu Ende geträumt haben oder vorzeitig daraus erwachen, kann schon mal ein Jährchen ins Land gehen. Womöglich auch zwei oder drei. Man sieht hier nicht so klar und deutlich, denn alle machen abends die Schotten dicht, manche sogar tagsüber. Man möchte einander keinen Einblick gewähren und auch selbst nichts von „da draußen“ wahrnehmen, sondern seine Ruhe haben.
Die einen vegetieren so in der Enge ihrer trostlosen Wohnsilos dahin, die anderen verstauben oder verenden in ihren dunkelholzigen (innen wie außen), in die Jahre gekommenen Einfamilienhäusern, die nächsten polieren jedes Wochenende ihre beigen Autos auf den beigegefliesten Einfahrten ihrer beigen Häuser, hinter deren beigen Gardinen Frauen in beigen Strickjacken Apfelkuchen mit Rosinen drin backen (der letztlich auch recht beige aussehen wird) und wieder andere veröden in ihren schicken, sterilen Neubauten, in denen sie sich von Google Home oder Amazon Alexa das neueste Tablet, den Bergwetterbericht oder die glutenfreien Fertiggerichte liefern lassen.

Das Charakteristische an diesen Neubauten ist, dass sie völlig charakterlos sind, wenngleich die Bauträger versuchen, mit Firmennamen wie „Creativhaus“ über dieses architektonische Elend hinwegzutäuschen. Wie geklont sehen sie aus in ihrem ewigen Weiß und Grau, mit Milchglaselementen an den Balkonen und bodentiefen Fenstern allüberall, die den dahinter wohnenden Menschen ja geradezu animieren müssen, sich zu verrammeln, um das Prästentiertellergefühl so lange zu eliminieren, bis die blickdichten Vorhänge geliefert werden oder die immergleichen Sträucherarrangements diesen unkreativen, uncharmanten Niedrigenergiehütten einen natürlichen Sichtschutz verschaffen.

Hat des Abends doch mal einer vergessen, die Jalousien rechtzeitig per Knopfdruck herunterschnurren zu lassen, sieht man überall dieselben offenen Wohn-Ess-Bereiche, dieselben Couchgarnituren, dieselben Lampen, dieselben Obstschalen, dieselben Filzschlappen – mal Hygge-Style, mal Höffner-Stil, je nach Geschmack und Geldbörse  – und es wird bisweilen schwer vorstellbar, dass wenigstens noch die Bewohner dieser dreifachisolierverglasten Wohntempel verschieden sein sollen. Am Wochenende, wenn man einander mal im Vorort des Vororts zu Gesichte bekommt, wo alle mit ihren Kombis oder SUVs vor Rewe, DM, Fressnapf, OBI und Lidl parken, um sich die Kofferräume mit demselben Krempel vollzupacken, sind jedenfalls keine großen Unterschiede auszumachen. Individualität entfaltet sich vermutlich nur hinter den runtergelassenen Rolläden (oder ist eh nur eine ähnliche Illusion wie die Vorstellung vom ruhigen Wohnen am Stadtrand).

Alles geschlossen – oft auch am hellichten Tag (Beispielhaus).

Aber nichts ist so schlecht, dass es nicht auch positive Aspekte hätte. Trotz der höheren Miete leben wir kein bisschen teurer als vorher, was schlicht dem Umstand zu verdanken ist, dass es hier keinerlei Cafés, Kneipen, Lokale, Läden, Buchhandlungen, Kinos oder kulturelle Einrichtungen gibt, die man aufsuchen möchte. Das spart eine Menge Geld, so aufs Jahr gerechnet!

Der allergrößte Vorteil unseres neuen Standorts aber ist ganz klar der, dass man hier schnell weg ist. Nur ein Katzensprung ist es zur Autobahn Richtung Berge, das bedeutet nie mehr auf dem Mittleren Ring im Stau stehen und auf dem Heimweg dasselbe – es ist einfach großartig. Selten einen so guten und intensiven Bergsommer verlebt und so viele schöne Ausflüge gemacht! Und der riesige Wald ist natürlich auch noch da, so wie vor 27 Jahren – 1001 Spaziermöglichkeit, keine überlaufenen Joggingstrecken und im Sommer ist man in einer guten halben Stunde mit dem Rad hindurchgeflitzt zum Starnberger See.

Schnell weg – nur 30 Minuten ins Zugspitzland!

Die Frage ist nur: Möchten wir langfristig an einem Ort leben, an dem das Beste die Tatsache ist, dass man möglichst schnell von ihm wegkommt? Nein!
Also – und nun komme ich endlich mal auf den einleitenden Satz dieses Beitrags zurück – haben wir nach reiflicher Überlegung beschlossen, dass wir hier keinesfalls alt werden wollen und deshalb sind wir wieder unter die Suchenden gegangen. Hätte irgendjemand gewagt, uns das im Frühjahr zu prognostizieren, hätten wir ihm mindestens einen Vogel gezeigt, zermürbt wie wir damals waren (von den Widrigkeiten des Münchner Wohnungsmarkts und der anstrengenden Umzugsphase).
Immerhin haben wir diesmal keine Eile, denn wir müssen nicht mehr vor undichten Fenstern und Schimmel flüchten, brauchen uns also nicht hetzen und können das Projekt „Zurück in die Stadt“ ohne großen Leidensdruck angehen.

Ein weiterer Vorteil ist, dass wir natürlich aus den Fehlern der letzten Suche gelernt haben und uns zu einem top funktionierenden, perfekt eingespielten Wohnungssuch-Team gemausert haben.
Wir haben mittlerweile Anschreiben für alle in Frage kommenden Wohnungsgrößen, Ausstattungen, Stadtviertel und Vermieter- oder Maklertypen parat und können so bereits 1 Minute nach Erscheinen des Inserats eine makellose „Bewerbung“ rausschicken. Je nach Anzeigentext inkl./exkl. Sonderbewerbungsmappe zum Dackelfräulein (mit den 100 liebreizendsten Fotos des Jahres), lückenlosen Gehaltsnachweisen und Steuerbescheiden seit der Studienzeit (um unsere atemberaubenden Karrieren zu dokumentieren), beglaubigten Kopien aller akademischen Urkunden (und normalen Kopien aller Zeugnisse seit der Grundschule) sowie von diversen Vorgesetzten, Psychiatern und uns selbst verfassten Empfehlungsschreiben. Darüberhinaus haben wir eine allgemeine Checkliste mit allen relevanten Punkten erstellt, denn in keiner Wohnungsanzeige steht alles drin, was zur angebotenen Wohnung gehört bzw. nicht gehört, stattdessen finden sich stets zahlreiche Formulierungen, die gleich zu Beginn dechiffriert werden wollen, um sich ressourcenschonend und illusionsbereinigt dem weiteren Procedere widmen zu können.

Diese Professionalisierung beschert uns nun deutlich mehr Einladungen zu Besichtigungsterminen als beim letzten Mal, was wiederum dazu geführt hat, dass wir uns auch hier besser aufstellen mussten, um zielgerichteter und zeitsparender agieren zu können. Einfach mal Hingehen & Gucken ist was für Anfänger & Naivlinge.

Bei einer Einladung zur Besichtigung ist zunächst auf ein Vereinbaren der passenden Uhrzeit zu achten: Niemals samstags (um ggf. Pendel- und Parkplatzsituation realistisch zu erleben), möglichst nicht nach Feierabend (zu viele Mitbewerber träten einem auf die Füße), keinesfalls im Dunkeln (was der mit allen Wassern gewaschene Makler „netter, kleiner Balkon“ oder „Aussicht in den begrünten Innhof“ nennt, kann sich bei Tageslicht betrachtet schnell mal als bescheidene Freiluft-Bierkastenabstellfläche oder Blick auf den Komposthaufen des Nachbarhauses entpuppen).

Anschließend teilen wir uns in zwei Taskforces für die weitere Vorbereitung auf: Der eine übernimmt eine erste Fahrt zur potentiell neuen Wohnung bereits einige Tage vor dem vereinbarten Besichtigungstermin, verbringt mindestens zwei Stunden in dem Viertel, um sich einen nicht vom womöglich guten Eindruck, den die Wohnung später machen könnte, beeinflussten, neutralen Überblick zu verschaffen (merke: ist die Wohnung toll, lügt man sich gern mal eine stark befahrene Straße oder die tatsächliche Entfernung zur nächsten U-Bahn-Station schön). Er schickt dem anderen – live und vor Ort – um die 30 Fotos (Haus, Straße, Einfahrt, Klingelschilder, Wege, Geschäfte, Passanten, Bäume, Parkplätze etc.) aufs Handy, die man mit etwas Abstand einen Tag später nochmal gemeinsam und möglichst nüchtern analysiert und mit der allgemeinen Checkliste abgleicht (merke: verwende für jedes Objekt diese allgemeine Checkliste, denn du kannst nicht alle Aspekte auf einmal im Kopf haben, sondern brauchst eine vernünftige Matrix, um kein Kriterium zu vergessen).
Der andere knöpft sich die Adresse in Google Maps vor, latscht mit Streetview mehrfach die Straße rauf und runter, zoomt in der 3D-Ansicht Fassaden oder Hinterhöfe heran, checkt Verkehrswege und andere Infrastruktur und – das Allerwichtigste – nimmt die Grünstreifensituation gründlichst unter die Lupe (merke: wenn du einen Hund hast, der nur auf Wiese pinkelt, ist ein begrastes Fleckerl, besser noch: ein Grünstreifen, in <50 Meter ab Haustür unerlässlich, denke hierbei auch an potentielle Morgenübelkeit und nächtliche Durchfälle des Vierbeiners).
Passt soweit alles, nehmen wir den Besichtigungstermin bestens vorbereitet wahr, gibt es vorab zu viel Diskussionsbedarf oder Problempotenzial, sagen wir ihn ab, weil das meist schon ein schlechtes Zeichen ist.

Bislang hätte es 2x auch nach dem Besichtigungstermin noch beinahe gepasst, aber eben nur beinahe. Einmal schlich sich dann doch noch eine Indexmiete durch die Hintertür herein, das andere Mal war’s der Balkon, über dessen Fehlen wir einfach nicht hinwegkamen. Irgendwas wird immer sein, man muss so ein Projekt in einer Stadt wie München natürlich auch als groß angelegte Kompromissfähigkeitsstudie betrachten.

Bloß nicht schwarz sehen – die „Blick ins Glück-Hütte“ (natürlich außerhalb Münchens).

Eines Tages werden wir Glück haben.
Das bete ich mir jedenfalls an all jenen Tagen vor, an denen es besonders hoffnungslos scheint, hier jemals eine bezahlbare Wohnung in einem netten Viertel, mit angenehmen Vermietern und einem Mietvertrag ohne fiese Fußnoten zu finden, in der auch das Dackelfräulein willkommen ist.
[Neulich, der Gatte erhielt den Rückruf einer Maklerin, die beim Eigentümer zwecks Hundehaltung nachfragen wollte: Nein, Hunde wünsche der Vermieter nicht, und nach dem Grund befragt hieß es, dass die Kinder in der Wohnanlage unseren Hund sehen und daraufhin ihre Eltern vollnölen könnten, dass sie auch einen Hund haben möchten (bei unserem Hund natürlich eine völlig berechtige Annahme!), und wenn dann die Eltern dem Wunsch der Brut nachgäben, ja dann lebten womöglich bald mehrere Hunde im Haus und die würden sich vielleicht untereinander nicht verstehen, sich gar anbellen, was ja nur zu Problemen führen könne in so einem Mietshaus. Was für ein Kojunktivreigen, uff. Herzlichen Dank auch, wir suchen gerne weiter.]

Bis es mal so weit ist – und das kann sich hinziehen – lassen wir uns nicht unterkriegen
oder lassen auch mal die Jalousien runter und gucken unsere Serien
oder verkrümeln uns zu Stadtspaziergängen in andere Viertel
oder hauen ab ins schöne Umland, parken den pendelnden Starnbergern ihr Seeufer zu
oder verlagern unsere Kaffeepausen weiterhin auf die Berghütten im Voralpenland.

Ob es da heroben auf der Hüttenterrasse wohl glatt ist?

Ich werde Sie über die Projektfortschritte auf dem Laufenden halten und wünsche derweil einen guten Endspurt bis zum Weihnachtsfest – wo auch immer Sie hausen und sich hoffentlich wohlfühlen!

Endlich aufgedeckt: Die Cave-canem-Lüge.

In dulci jubilo.

Liebe tz,

wie Du ja weißt, hadere ich immer wieder mit deinen Schlagzeilen und Artikeln, ebenso mit dem von Dir verwendeten Bildmaterial.

Klar, Hunde dürfen keine Schokolade essen, weil das darin enthaltene Theobromin schon in kleinen Mengen zu einer Vergiftung führen kann.
Aber: Welcher Hundehalter ist denn so deppert, seinem Vierbeiner diesen hässlichen Schoko-Nikolaus minderer Qualität auch noch samt Alufolie hinzuhalten? Und musste das canide Fotomodell unbedingt ein an endokriner Orbitopathie leidender Dalmatiner sein? Naja, Hauptsache, Frauchens Fingernägel sind tiptop.

Natürlich lässt man keinen Süßkram in Hundereichweite daheim herumliegen. Gut, vielleicht sind die Hundehalter in deiner Leserschaft so doof, dass sie das tatsächlich nicht wissen und Du es Ihnen sagen musst.

Ich möchte Dir jetzt mal zeigen, wie man das Problem „Schoko-Nikoläuse & verfressene Hunde“ auch elegant lösen kann.
So, dass weder Herr, noch Hund leer ausgehen, kulinarisch gut bedient werden und Waldi weder zu Nikolaus noch an Weihnachten irgendeine Lebensgefahr droht.

Was Du hier siehst, ist ein Münchner Zamperl, das am Nikolausabend zufrieden von einer alpinen Exkursion heimkehrt und zu seiner großen Freude und Überraschung vor der Wohnungstür auf Sankt Nikolaus trifft.

Zum einen ist der von einer Schweizer Schokoladenfirma und damit auch genießbar, zum anderen hat er – wie sich das gehört – ein Sackerl geschultert…

…in dem sich ein paar kleine Leckereien für das Dackelfräulein befinden, das den Braten natürlich sofort riecht und sich nicht mehr die Bohne um den ollen Schoko-Nikolaus schert.
Hier hat ein Nicht-tz-Leser – in dem Fall unser netter Nachbar Dr. T. – einfach seinen gesunden Menschenverstand eingeschaltet und dann das Richtige getan.

So simpel ist das, liebe tz!
Kurz Nachdenken und: Kein Futterneid, kein Schokoladenklau, keine Gefahr für niemanden!
Gern kann ich Dir die Fotos fürs nächste Mal zur Verfügung stellen. Speziell hier in München ist so ein Dackel eh der bessere Hingucker als ein Dalmatiner.

[An dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön an den Nachbarn, der das Dackelherz zwar längst erobert hatte, aber es kann definitiv nicht schaden, sich fortwährend dessen zu versichern.]

Womit Du allerdings recht hast, liebe tz: Weihnachten selbst ist verdammt gefährlich.
Aus dem Ruder laufende Zuckeraufnahme, grauenhafte Völlerei und tagelang anhaltendes Überfressenheitsgefühl drohen all jenen, deren Teller und Näpfe sowieso schon immer gut gefüllt sind. Um dem zu entkommen, verbringen wir die Feiertage überwiegend mit Homeland und anderen Serien sowie mit Winterwanderungen fernab jeglichen Familien- und Fress-Terrors. Die Vorbereitungen dazu beginnen bereits in der Adventszeit. Der Gatte weilt aktuell in der Hauptstadt und präpariert sich dort fürs anstehende xmas-binge-watching mittels Teilnahme am Symposium „Die Hungerkunst.“ Meinerseits verbringe ich den eiskalten Samstag recht spartanisch mit Suppekochen, Gassigehen, Kellerausmisten und am späteren Abend frische ich die letzte Homeland-Staffel nochmal auf.

Wir kochen keinen Braten, backen keine Stollen, schreiben keine Weihnachtspost, besuchen keine Weihnachtsmärkte, schmücken keine Christbäume und verpacken keine 25 Präsente. Eine recht reduzierte Veranstaltung, das Ganze. Die DVDs der neuen Staffel liegen seit heute bereit, die neue Schneejacke auch (beides reduziert, versteht sich). Die Feiertage können kommen.

Aber für Dich, liebe tz, habe ich ungeachtet meiner persönlichen Weihnachtsabstinenz einen ganz besonderen Geschenktipp zum Christfest…

… der Deinen Redakteuren, die das ganze Jahr über diese meist unsäglichen, unkundigen Hundeartikel schreiben, an langen Winterabenden vielleicht die eine oder andere Erleuchtung bescheren möge.

Beste Grüße,
Deine Kraulquappe.

PS: Ach ja, fast hätt‘ ich’s vergessen. Das Pfützchen vor dem Zeitungskasten ist nicht von Pippa, so kläglich würde sie ihre Meinung nie kundtun.

Smell the same deep green of summer. Zum 1. Juni 2017.

Lieber T.,

bei unserer ersten Begegnung hatte ich zittrige Knie, schweißnasse Hände und brachte vor lauter Nervosität kaum noch einen Ton heraus.

Da stand ich mit meinem abgesoffenen Kombi auf der Auffahrt der neuen Tiefgarage und hatte keinen Schimmer, wie ich diesen Fleck jemals wieder verlassen würde.

Steil, steiler, unsere Garage.

Die neue Tiefgarage ist ein kleiner Alptraum: eng, steil, im unteren Drittel mit einer unmöglichen Kurve versehen (inklusive Schräge mitten in der Kurve) und damals auch noch mit dem Streusplitt einer ganzen Wintersaison übersät, so dass die Hinterachse des Autos bei nur minimal zu viel Gas ausbrach und der sonst so tolle „Berg-Anfahr-Assistent“ versagte – ich würgte die Kiste ab, zog die Handbremse, wusste nicht, wie vor oder gar zurück, das Licht in der Garage erlosch, das Tor schloss sich und da saß ich nun. Just in diesem Moment – dem beschämendsten meiner gesamten eigentlich eher störungsfreien Autofahrerkarriere – traf ich dich. Das Garagentor ging auf und oben erschien ein Mann mit Fahrrad: Du. Damals firmiertest du noch unter „der neue Nachbar“ oder „Herr T.“, denn wir hatten uns noch nie gesehen. Dank deiner Unterstützung habe ich mich aus dieser schrecklichen Schräglage befreien können und es noch rechtzeitig zum Abendessen nachhause geschafft (wo doch ausgerechnet an jenem Abend das Quartals-Kochen des Gatten stattfand).

Die Wochen bis zu unserem Einzug hast du mit geduldigem Annehmen von zig Lieferungen für uns verbracht. Gut zwei Monate nach der Tiefgaragenbegegnung betrinken wir uns bereits mit alkoholfreiem Radler und Weißbier auf deinem Balkon, während Pippa drinnen selig auf der Couch schnarcht. Du zeigst mir deine Briefmarkensammlung Stadtchronik von N., zwischen deren vergilbten Seiten sich eine der bewegendsten Stories deiner Jugend verbirgt (die ich nie vergessen werde – danke für diesen ersten Akt des Vertrauens!).

Abends auf Balkonien bei T.

An Samstagen fläzt neuerdings der Gatte bei dir rum, 90 Minuten geteiltes Männerleben unter dem Fürstenrieder Sky, wenngleich meist mit heruntergelassenen Jalousien, so dass man selbigen kaum sehen kann. Vom Balkon unserer Wohnung höre ich euch jubeln oder fluchen und freue mich, dass ich kein „Heute im Stadion“ mehr hören muss und die Debatte über ein Sky-Abo diesmal so elegant wie noch nie losgeworden bin.

Du besorgst Leckerli für das Dackelfräulein (Regel Nr.1 fürs making-friends mit Hunden, well done!), wir revanchieren uns mit Kuchen. Du bietest Asyl, wenn ich vom Joggen heimgehechelt komme, mich ausgesperrt habe und Gatte&Hund erst in 2 Stunden zurückkehren werden. Im Gegenzug darfst du meine bewährten Beschwerdebrief-Textbausteine und unseren Drucker nutzen.

Man tauscht bei jeder Begegnung ein paar Worte, Sätze oder Geschichten aus, schließlich auch die Hausschlüssel, denn transpirierende, schusselige Nachbarinnen will man nicht allzu oft bei sich rumsitzen haben, logisch. Das erste Dogsitting hast du auch bereits mit Bravour gemeistert und sogar beide Ohren behalten, das erste Abendessen zu dritt konnte ebenfalls unter „gelungenes Sozial-Event“ verbucht werden.

Eine rasante Entwicklung, vor allem für drei, die von sich behaupten würden, dass lockere Geselligkeit und rasche Annäherung nicht ihr hervorstechendstes Talent sind.

Gute Nachbarschaft und beginnende Freundschaft sind gleichwohl fragile Angelegenheiten, weshalb wir einvernehmlich eine Probezeit vereinbart haben, damit man ggf. nochmal rauskommt aus der Nummer. Neben aller anfänglichen Freude nimmt man einander in den ersten Wochen und Monaten schließlich auch kritisch unter die Lupe: Was liest der andere, was isst er, wann steht er auf, wann geht er schlafen, hat er viel Publikumsverkehr oder lebt er eher zurückgezogen, welches Waschmittel benutzt er, welche Rituale sind sonst noch zu beobachten, hat er seinem WLAN einen kreativen Namen verpasst, welche Musik schallt vom Nachbarbalkon hinüber und welche Leichen hat er im Keller oder in der Garage versteckt.

Was Letzteres angeht, so hast du mir erstmal ein großes Rätsel aufgegeben.
Fast täglich bot sich meinem aufmerksamen Blick in der Garage eines der folgenden Stilleben, wenn ich zu deinem Stellplatz guckte:

Mal eine Bierflasche, mal mehrere, Sorten wechselnd, ab und an auch eine Dose Red Bull dazwischen. Das Arrangement wechselte stets abends. Hm, fragten wir uns, ist das die tägliche Feierabend-Wegzehrung unseres neuen Nachbarn? Aber der hat doch nur 10 Minuten zur Arbeit zu radeln, wie kippt man denn in der Zeit einhändig ein Bier rein (oder gar drei)? Oder fährt er gar nicht Rad, sondern fliegt – Red Bull sei Dank? Und wieso hat der Typ keine Lieblingssorte, sondern springt von Hacker zu Augustiner zu Tegernseer…? Seltsam auch, dass er immer so nüchtern wirkt, wenn man ihn trifft! Was stimmt da bloß nicht?!?

Nachfragen verbot sich zunächst, so nahe war man einander noch nicht. Manchmal zahlt sich Geduld wirklich aus. Bei unserem ersten Abend an deiner Hausbar (mit Schorle, Pizza und Gummibärchen) hast du sie mir einfach von selbst serviert, die Story zum Bild.
Du bist ein Held des Umweltschutzes (vom „Blauen Engel“ wollen wir in dem Zusammenhang lieber nicht sprechen), das ist des Rätsels Lösung!

Auf dem Weg zur Arbeit, den du radelnd zurücklegst, passierst du eine Unterführung, in der nahezu jeden Tag leere Flaschen herumkullern. Du hälst an, sammelst sie ein, nimmst sie mit, parkst sie abends neben deinem Rad und nimmst sie bei der nächsten Einkaufsfahrt zur Leergutrückgabe mit.
Nebenbei – ich hab’s mal hochgerechnet – fließen auf diesem Weg jährlich ca. 188€ in dein Geldbörsel (flaschenlose Urlaubstage und Werktage mit nur einer Flasche sind in die Rechnung einbezogen). So kommen in deinem restlichen Berufsleben noch ca. 4.700 Öcken zusammen. Nicht schlecht!

Es sei dir vergönnt, dieser beharrliche Einsatz für eine saubere Umwelt muss natürlich belohnt werden. Ich jedenfalls bin nur erleichtert, dass sich deine „Leichen“ in der Garage als so harmlos erwiesen haben (oder du dir spontan eine klasse Story ausgedacht hast).

Da du ja meinen Blog rückwärts gelesen hast, bist du schon vorgewarnt, was diese Geburtstagsbeiträge schlussendlich krönt…
Zu deinem heutigen Ehrentag hier also dein Song von Bruce, den ich in Text und Ton wunderbar passend finde:

I could smell the same deep green of summer
‚bove me the same night sky was glowin‘
In the distance I could see the town where I was born

It’s gonna be a long walk home

Everybody has a neighbor
Everybody has a friend
Everybody has a reason to begin again

 

Everybody has a reason to begin again.
Da sprachen wir ja drüber, dass Neuanfänge gelegentlich gut tun. Altes hinter sich lassen, mit Phasen, Konstellationen, Beziehungen und Orten abschließen, Ausmisten, Aufräumen, Umräumen und sich einfach mal wieder an einen anderen Ort und in einen neuen Kontext stellen.

It’s gonna be a long walk home.
Das dachte ich mir neulich, als ich mit Pippa durch die dunkle Straße auf unser Haus zulief und bei dir Licht brennen sah. Es war nicht irgendein Licht im Haus, von irgendeinem Nachbarn, den man nicht kennt oder mit dem man sich nicht mehr als „Hallo“ zu sagen hat. Sondern das Licht in deiner Küche, in der du vielleicht gerade standest und Pfandflaschen sortiert oder die Tiefkühlpizza in den Ofen geschoben hast.

Es ist schön, wenn nebenan jemand ist, der auf seinem Balkon the same deep green of summer wahrnimmt und sich über denselben Doppel-Regenbogen freut.

Zu deinem Geburstag wünsche ich dir alles Liebe und Gute – und danke dir dafür, dass du mir und uns das Ankommen hier so erleichtert hast!
Die Kraulquappe von nebenan.

Meine eher nüchterene Version.

 

Deine, durch den Gummibaum (der da sonst nie steht!) aufgepeppte Version.

Cessante causa cessat effectus.

So simpel ist das: Wenn die Ursache (z.B. vergebliches, stundenlanges Warten auf DHL oder spontan verschobene Handwerkertermine oder unter krassem Unterzucker beinahe verursachter Unfall) wegfällt, entfällt auch die Wirkung (z.B. Wutanfälle, Frust, Kniezittern).

Distanz ist schon was Wohltuendes. Noch dazu bei Sonnenschein.

Gestern war schrecklich. Bis auf den Balkontisch hat nix so geklappt wie es sollte. Nix! Und im Grunde war ja selbst die Sache mit dem Balkontisch eine Abweichung vom Geplanten.

Zur Krönung am Abend: Die mörderisch steile Auffahrt aus der neuen Garage war so sandig, dass die Reifen durchdrehten (und ich mit ihnen). Steht man da, mitten auf der Schräge, mit angezogener Handbremse, weil zuvor fast an die Wand gedotzt, und von oben kommt Nachbar Herr T. mit dem Radl und staunt nicht schlecht als er mich da so kreidebleich hängen sieht. 

Nach 20 Minuten hatten wir’s dann zu zweit geschafft, den Kombi rauszufahren. In solchen Situationen lernt man sich ja gleich richtig gut kennen. Nett ist er, und geduldig. Auto hat er keins, beinahe hätte ich ihm das Geständnis entlockt, dass er’s kurz vor seinem Einzug verhökert hat.

Wenn ich das alles mal hinter mir habe, schreibe ich vielleicht einen Umzugsratgeber inkl. der Kapitel „Bestellungen und Lieferungen ohne Amoklauf meistern“, „Der erfolgreiche Beschwerdebrief als Ventil und Ersatz für die Boxbirne“ sowie „Making friends: In 15 Minuten auf Du und Du mit den neuen Nachbarn“.

Heute bewusst nach drei Stunden am Schreibtisch einen Schnitt gemacht, ab ins Schwimmbad und danach raus zum See. Das Endziel „Bootsverleiher“ muss im Blick behalten werden.

Erholsame Ostertage wünscht 

Die Kraulquappe.

PS: Wegen des lateinischen Zitats und bevor da wieder eine Frage kommt: Nein, das ist kein Klugscheißerblog. Ich mag Latein einfach. Es gehörte zu den wenigen Schulfächern, an denen ich Freude hatte. 

Fiesta Dackeliana oder: Abschiede.

Es gibt ja Menschen, die schütteln sich einmal kurz, stehen auf und gehen, drehen sich bestenfalls nochmal fix um und winken lässig zurück, und widmen sich dann voller Elan dem Neuen und Unbekannten. Ich hingegen hadere mit jeder größeren Veränderung und hasse Abschiede. Niemand hat mir je beigebracht, wie das geht, und ich selbst habe es in über 40 Jahren auch noch nicht richtig gelernt.

Wobei mich die Lebenserfahrung immerhin gelehrt hat, dass es bei Abschieden zwei Kategorien gibt, die sich unterschiedlich anfühlen, indem sie jeweils die Enden meiner Hass-Skala markieren: Die guten und die schlechten Abschiede.

Letztere zeichnen sich dadurch aus, dass man nur noch weg will, nichts und niemandem hinterhertrauert (und womöglich auch auch umgekehrt niemand da ist, der einem nachweint), froh ist, wenn man die Situation, die Beziehung(en), die Tätigkeit, den Ort, das Gefühl oder alles zusammen hinter sich lassen und den Neubeginn so bald wie möglich anpacken kann. Man kommt auch mit dieser Art von Abschieden irgendwie klar, nur „gut“ sind sie langfristig nicht. Weil das, was weg sein wird, irgendwie schon lange vorher weg war oder man selbst sich bereits so weit davon entfernt hatte, dass es zu abstrakt geworden war, um noch etwas sein zu können, das man vermisst. Und das ist letztlich schade, vor allem, wenn es um eine längeren Abschnitt des eigenen Lebens ging.

Gute Abschiede sind jene, die spürbar machen, dass man auch etwas zurücklässt, das einem wertvoll und wichtig war oder ist, dass da Bindungen waren oder sind, die sich nun lockern oder auflösen werden, dass man dort, wo man war, auch wirklich gewesen ist – und gelebt hat (mit allem, was so dazugehört).

Gute Abschiede bringen mit sich, dass sie ziepen oder wehtun, womöglich bricht man ihretwegen sogar in Tränen und Wehmut aus.

Der Auszug aus meiner Würzburger Studentenwohnung war ein solcher Abschied (wenngleich ich mich zunächst freute, wieder nach München zu kommen, dort meinen ersten Job anzufangen und in dem Viertel zu wohnen, das mir als Teenager so erstrebenswert erschien): Alle heulten am Umzugstag, manche vielleicht auch nur, weil ich so heulte, ich wollte den Nachbarn und die Freunde nicht zurücklassen, wusste plötzlich gar nicht mehr, was ich in München sollte und wollte, und es kam mir idiotisch und grausam vor, all die Menschen, die Orte, die Gewohnheiten und mein ganzes schönes Leben in dem kleinen Städtchen, das ich plötzlich mit völliger Verklärung betrachtete, zurückzulassen.

Ich bin schon immer ein elender Bewahrer gewesen, ein schlechter Loslasser, ein übles Gewohnheitstier. Egal, ob es um Freundschaften, Beziehungen, Situationen, Gewohnheiten, Jobs, Orte oder Wohnungen ging: Ich verändere etwas erst dann (oder verabschiede mich), wenn es nicht mehr anders geht (ob aus Einsicht oder Zwang sei mal dahingestellt).

So sehr ich mich nun auf die herrliche neue Wohnung, dichte Fenster, eine funktionierende Heizung, den großen Balkon, nette Vermieter und eine Gegend mit viel mehr Grün freue, so beginnt es jetzt doch manchmal bei Kleinigkeiten zu ziepen. Als ich dieses Ziepen heute erstmals in aller Deutlichkeit wahrnahm, war ich froh, weil ich in dem Moment wusste: Der bevorstehende Abschied von dieser Wohnung wird wohl einer der guten Abschiede werden.

Der Anlass des Ziepens war eine Begegnung mit Frau G., einer älteren Dame aus unserem Haus. Frau G. ist die Witwe eines bekannten Schlagersängers, dessen Leben ebenso ominös wie tragisch endete, Attribute, die wie wohl auch – wenn man der Boulevardpresse Glauben schenken möchte – ihre Ehe treffend beschreiben würden (was ich vor vielen Jahren mal kurz ergoogelt habe, als ich kapiert hatte, wer Frau G. überhaupt ist).

Jahrelang hatte ich mit Frau G. nichts weiter zu tun außer einem freundlichen „Grüß Gott“ (und meinem kurzen Luftanhalten ob ihres Parfüms, wenn ich mich nach oder mit ihr im Aufzug oder Treppenhaus aufhielt). Man munkelte so Einiges über das Leben von Frau G. (noch mehr über das ihres verstorbenen Gatten) und als Hausmeistern Frau S. noch hier lebte, erfuhr man dieses Gemunkel auch ungefragt. Umso zurückgezogener lebte Frau G. und schien froh um jeden, der sie in Ruhe ließ.

Seit Pippa hier eingezogen ist, haben sich unsere Beliebtheitswerte im Haus ja rasant verändert. Wo man früher mit einem knappen Gruß davonkam, musste man plötzlich Gespräche führen und es gar erdulden, dass sich Nachbarn vor uns auf den Boden werfen und dort herumwälzen. All das hat nichts damit zu tun, wer wir sind oder wie wir sind, sondern der Zirkus gilt ausschließlich dem Dackelfräulein. Und die krasseste Kandidatin für derlei Vorstellungen ist Frau G..

Mit ihren schätzungsweise knapp 80 Jahren und trotz Einschränkungen aufgrund mäßig erfolgreicher Knie- und Hüft-Operationen flippt Frau G. jedes Mal aus, wenn sie Pippa sieht. Als Erstes lässt sie ihre Tasche zu Boden fallen, um beide Arme ausbreiten zu können, damit sie den Hund auch ja komplett an ihren Busen drücken kann. Pippa darf ihr sogleich die ordentlich toupierte Frisur ebenso zerstören wie das sorgfältig aufgetragene Make-Up. Sie darf ihr Ohren, Gesicht und Hals abschlecken, während Frau G. juchzend und unter Ausrufen wie „Mein Schatzilein, ja, guten Morgen, du kleine Prinzessin!“ auf den Treppenabsatz sinkt, um noch besser und bequemer für Pippa erreichbar zu sein.

Unser Hund nutzt die Situation schamlos aus, stürzt sich erst mit Inbrust auf Frau G., bis diese gut eingespeichelt und selig japsend am Boden liegt, danach stürzt sie sich in die Tasche von Frau G., in der immer (!) ein Hundewürstchen zu finden ist, da Frau G. ihre Wohnung nur bestens präpariert für etwaige Pippa-Begegnungen verlässt.

Anfangs habe ich noch versucht, diesen Zirkus zu unterbinden, habe den Hund gemaßregelt und angeleint, Frau G. wieder auf die Beine geholfen und versucht, die Situation so abzukürzen, dass sie nicht völlig ins Würdelose abglitte. Zwecklos. Vollkommen zwecklos. Denn Frau G. will es gar nicht anders, sondern das Theater macht sie so glücklich, dass ich es einfach geschehen und die Erziehung mal kurz Erziehung sein lasse. Mittlerweile bete ich in solchen Momenten nur noch, dass kein weiterer Nachbar vorbeikommen und Zeuge dieses peinlichen Szenarios werden möge.

Gestern Abend haben wir am schwarzen Brett einen Aushang gemacht: „Garagen-Nachmieter zum 1. Mai gesucht“ (inkl. der Mitteilung, dass wir nach 17 Jahren hier ausziehen). Die blöde Hausverwaltung beharrt nämlich auf einer absurden Quartals-Kündigungsfrist für den Tiefgaragenstellplatz, obwohl es hier im Haus eine Warteliste für die wenigen und daher heiß begehrten Garagenplätze gibt und obwohl der Mietvertrag für unsere Wohnung bereits einen Monat eher endet (da können sie plötzlich eine Gründlichkeit und Aufmerksamkeit für Fristen an den Tag legen, dass man nur so staunt).

Heute Mittag klingelte es an der Tür. Draußen stand Frau G.. Ich öffnete und sie wedelte aufgeregt mit unserem Aushang herum und stammelte, sie wisse gar nicht, was sie sagen solle. Natürlich nahm ich an, es ginge um unseren bzw. um Pippas Auszug (und wunderte mich dennoch, dass sie den Aushang gleich von schwarzen Brett entfernt hatte).

Das aber war nur einer der Gründe für ihre Aufgescheuchtheit. Der andere war der, dass ihr vorgestern ihre ein paar Straßen weiter angemietete Garage gekündigt worden war, zum 30. April. (Nebenbei: mich traf fast der Schlag bei der Vorstellung, dass Frau G. noch selbst Auto fährt, nie und nimmer hätte ich das vermutet!) Und weiter: was für ein Glücksfall es doch sei, dass wir jemanden suchen, aber zugleich sei es ja so ein Drama, dass ausgerechnet wir es seien, denn dass das Schatzilein dann nicht mehr hier wohnt, das wäre ja schrecklich… (ein Glück, dass der Gatte gerade mit dem Dackelfräulein draußen war, sonst kullerten die beiden jetzt noch auf dem Sisalteppich herum).

Ich versprach Frau G., die keinen PC hat, sofort eine Mail an die Hausverwaltung zu schreiben, mich um alles zu kümmern und anschließend nochmal bei ihr zu klingeln. Eine halbe Stunde später stand ich vor ihrer Tür, drückte ihr die ausgedruckte Mail in die Hand und meinte, sie müsse jetzt nur noch bei der Hausverwaltung anrufen und bestätigen, dass das alles seine Richtigkeit hätte und dann sollte die Sache wohl klappen (eine Seltenheit zwar, dass mit dieser Hausverwaltung etwas klappt, aber da sie es nicht selbst angeleiert hatten, schien es möglich). Sie fiel mir um den Hals. Das hatte es noch nie zwischen uns gegeben.

Eine weitere halbe Stunde später klingelte Frau G. erneut bei mir. Diesmal fiel sie mir bereits im Türrahmen um den Hals. Denn alles hatte geklappt! Sie übernimmt unsere Garage nun nahtlos zu unserem Wunschtermin, der Mietvertrag trifft in den nächsten Tagen ein und sie ist überglücklich, dass sie ihren 3er BMW nun auf einem der hauseigenen Stellplätze parken kann. Schatzilein und ich wurden zu einem Abschiedskaffee eingeladen, besser gesagt: dazu verdonnert, und, tja, dann sah ich ihre feuchten Augen und wir waren auf einmal beide gerührt – und zum Abschied fiel schließlich ich ihr um den Hals, obwohl ich eigentlich gar nicht so der Um-den-Hals-Faller bin und wir ja weder befreundet, noch sonst näher in Kontakt waren.

Als ich vorhin den Müll runtertragen wollte, stolperte ich vor der Wohnungstür fast über eine Tüte, die dort stand. Eine sehr bayrische Tüte. Drinnen: Eine Flasche Schampus, oben auf dem Karton klebte ein Begleitkärtchen, unterzeichnet von Frau G..

Ein paar berührende Zeilen in zittriger Schrift, der man die Betagtheit ihrer Inhaberin ansehen kann. Ich musste schlucken. Und es ziepte.

Wie gesagt: Es wird einer dieser guten Abschiede.

So nicht. Oder: Das Nobelsofa.

Ein paar Tage zwischen Mängelbeseitigungsaufforderung, fruchtloser Korrespondenz mit der Hausverwaltung, Rechtsberatung beim Mieterverein, Vorsorgevollmachtstermin (den Papa betreffend), neuen Arbeitsaufträgen und sogar normalem Alltagskram hin und her geeiert, während Lkws in Weihnachtsmärkte rasen, der Tag naht, an dem mein im Januar gestorbener Freund nicht mehr 55 werden wird und mir vorhin die Nachbarin so ganz nebenbei im Treppenhaus berichtet, dass ihre beiden Kater am Wochenende aufs Nobelsofa von Ligne Roset gepinkelt haben („Das hat 5.000€ gekostet!“) und gestern auf die Marmorplatte der Kommode („Die sind vielleicht verhaltensgestört!“), weshalb sie nun eine Anzeige aufgegeben hat („So kann es unmöglich weitergehen!“), um die Kater abzugeben („Natürlich nur in gute Hände!“).

Die beiden sind 12 und die Nachbarin hat sie von klein auf. Da bleibt einem doch echt die Spucke weg.

Fast bin ich geneigt, ihr zu wünschen, dass man sie auch eines Tages abgibt, falls sie aus psychischen oder altersbedingten Gründen ins Bett pinkeln sollte. Aber vielleicht haben es die beiden, nachdem sie 12 Jahre stinklangweiliges Katzenleben allein in der Wohnung verbringen mussten, nie raus durften und während der zahlreichen dreiwöchigen Urlaube ihres Frauchens 1x am Tag von einem Katzensitter ihr Futter in die Schüssel geworfen bekamen, anderswo eh besser. Hoffentlich.

Und hoffentlich bringt sich die Nachbarin dann nicht ein neues Tier von einem dieser Urlaube mit, die sie gern mal in Länder wie Rumänien, den Irak oder die Türkei unternimmt („Da ist alles so schön, weil noch so ursprünglich!“), an dem sie dann ihre mehrfach lautstark kundgetane große Tierliebe („Ich hätte ja sooo gern ganz viele Tiere!“) ausleben könnte („Diese Straßenhunde sind ja so süß und so arm!“). Sie ist bewegungsfaul und fett korpulent, die Nachbarin, möge sie also bloß die Welpen verschonen.

Na gut, ich gebe es zu: Meine ohnehin schon angeknacksten Filter sind jetzt definitiv zu durchlässig geworden. Da brennt die Sicherung dann schneller durch als üblich.
Daher schließe ich mich nun doch den zahlreichen Bloggerkollegen an, die über Weihnachten die Schotten dicht machen.

Euch allen schöne und friedliche Feiertage, mit oder ohne Weihnachtsfest, mit oder ohne Familientrubel, mit oder ohne Geschenke.

Manchmal ist weniger ja mehr und Hauptsache, der Stress bleibt mal für eine Weile draußen vor der Tür (wie die Eiseskälte ja auch), so dass ihr es drinnen gemütlich und kuschelig warm habt, allein, mit euren Lieben und Haustieren. Das ist doch dann schon was.
Sogar verdammt viel, finde ich.

Gute Zeit für euch – wir hören und lesen uns wieder in alter oder neuer Frische ab dem 27.12.!
Eure Kraulquappe.

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(© Dorthe Landschulz)

Die Raumforderung. (Ein Vorruf.)

Wie ihr gemerkt habt: Es herrschte einige Tage lang Blubberpause im Hause Kraulquappe. Heute kann ich erzählen, wieso. Allerdings muss ich dazu ziemlich weit ausholen.

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Geburtstagstisch von Herrn M. (August 2015)

Seit 16 Jahren lebe ich in der zweiten Etage eines 20-Parteien-Mietshauses gegenüber von Herrn M.. Als ich hier einzog, wohnte Herr M. schon ca. zwei Jahre in dem Haus. Mit Beginn seiner Pensionierung hatte er Berlin verlassen und war nach München übersiedelt. Anfangs ging unser Kontakt kaum über ein höfliches Grüß Gott hinaus, gelegentlich vielleicht noch garniert mit einer alltäglichen, meteorologischen oder saisonalen Floskel. Mehr hatten wir nicht miteinander zu tun, dieses Wenige aber in friedlichem Einklang.

Ich erinnere nicht mehr, wann und wie ich erfuhr, dass Herr M. sein Moabiter Berufsleben als Oberstudienrat für Latein und Französisch verbracht hatte. Vermutlich tratschte mir das die damalige Hausmeisterin Frau S. irgendwann im Gemeinschafts-Wäschekeller zu, wo sie besonders gern diejenigen Mieter abpasste, die sich sonst bei Treppenhaus-Begegnungen erdreisteten, ihrem Redefluss mit einer schnellen Ausrede zu entkommen – mitten im Wäscheaufhängen ließ es sich schlecht flüchten. So manche Information über die Nachbarn verdanke ich daher meiner Aversion gegen Wäscheständer in der Wohnung und der Gabe von Frau S., genau zu erlauschen, wann einer der Gesprächsverweigerer auf dem Weg in den Wäschekeller war.

Ansonsten fiel mir an Herrn M. nur auf, dass er nachts Opern hörte (etwas arg laut), sich um eines der Blumenbeete vor dem Haus kümmerte (mit großem Eifer) und relativ viel Zeit mit Herrn H. aus dem Parterre (ein ehemaliger Schauspieler) verbrachte. Da ich in puncto Homosexualität schon immer Tomaten auf den Augen hatte, sofern sich nicht gerade alle Klischees auffälligst in einer Person ballten, habe ich erst nach vielen Jahren – vermutlich ebenfalls von Frau S. und im Wäschekeller – gesteckt bekommen, dass Herr M. nach Beendigung seines Berufslebens wegen Herrn H. nach München gezogen war und es sich damals glücklich fügte, dass zwei Etagen über Herrn H. eine Zweizimmerwohnung für Herrn M. frei wurde, so dass man einander nach 40 Jahren vertrauter Distanzbeziehung nicht zu nah auf der Pelle säße.

Nach zwei eher wortkargen Anfangsjahren als Nachbarin von Herrn M. überkam mich für die Dauer von drei Wintern die bislang einzige Backphase meines Lebens. Ich habe einige Wochenenden mit der Herstellung der aufwändigsten Plätzchensorten verbracht und bergeweise Gebäck produziert, verziert, verpackt und verschenkt (und selbst gegessen, ja sicher!). Nach derlei Küchenorgien stellte ich Herrn M. stets am Morgen danach einen Teller mit Plätzchen vor die Tür. Genauer gesagt: auf seine Süddeutsche Zeitung, die dort lag (auf dem Fußabstreifer haben Plätzchenteller ja nichts verloren). Wenige Tage später klingelte dann Herr M., um den gespülten Teller zurückzubringen und sich zu bedanken – er hatte für jede Sorte eine kurze, liebevolle Rezension parat, die er mir, klein und kugelig in meinem Türrahmen lehnend, vortrug.

So kamen wir allmählich näher in Kontakt. Bald wurde ich Fan seiner gewählten, altertümlichen und dadurch teilweise verschroben anmutenden Formulierungen. Fast noch besser als sein gesprochenes Wort waren seine Zettelchen. Wenn er mich zum Zwecke der Tellerrückgabe nicht antraf, fand ich den Teller mit einem Zettel darunter auf meiner Fußmatte vor (leere Plätzchenteller dürfen da schon stehen).

In etwa zu der Zeit begann sein Ex-Schauspieler-Lebensgefährte sehr zu kränkeln, so dass Herr M. mehr und mehr die Rolle des Versorgers übernahm, obwohl er selbst auch schon nicht mehr der Mobilste war.

Daher ergab es sich, dass ich gelegentlich vor Großeinkäufen (die ich an sich hasse, weil ich Großmärkte schrecklich finde, aber damals, mit Vollzeitjob, waren diese Art Einkäufe aus Zeitgründen noch unvermeidbar) bei Herrn M. nachfragte, ob ich für ihn und Herrn H. ein paar Dinge mitbesorgen könne. Auch aus dieser Aktion resultierten etliche Zettelchen, denn meine Nachfrage zog immer eine Liste nach sich, die Herr M. mir dann am Vorabend des geplanten Großeinkaufs vor die Tür legte, meist im Kuvert mit Geldschein anbei. Mit der Zeit wurden diese Listen immer unterhaltsamer, da ausführlicher oder mit kleinen Scherzen versehen, so dass ich anfing, sie aufzuheben.

Huius, 20 Uhr.
Für den morgigen Einkauf erbitte ich freundlichst:
– 3 Gläser Spreewaldgurken (die ganz dicken)
– 3 Flaschen Campari (wider die Vernunft)
– 2 Rotköhler
– 4 Amphoren Aioli
– 2 Gläser Dijonsenf (den teuersten)
usw. usw.
50 Linsen anbei.
Besten Dank, M.

Bei der Übergabe der Einkäufe wurde ich in die Wohnung gebeten, um die Tüten gleich in der Küche zu platzieren, so dass wir erstmals nicht mehr im öffentlichen Raum kommunizierten. Der eine oder andere Plausch ergab sich, wir lernten einander besser kennen und aus einem höflich-losen Nebeneinander wurde ein recht freundlicher Nachbarschaftskontakt.

Umso schändlicher, dass ausgerechnet parallel zu dieser Entwicklung das dunkle Kapitel unserer Nachbarschaftsbeziehung aufgeschlagen wurde. Und zwar von mir. Natürlich von mir. Denn Herr M. ist ein völlig lauterer, tadelloser Charakter. In mir hingegen tun sich gelegentlich Abgründe auf, aus denen ich mich zwar meist wieder emporarbeite, was aber leider der Tatsache keinen Abbruch tut, dass es sich um Abgründe handelt.
Als ich damals von der Selbständigkeit in ein Angestelltenverhältnis wechselte, veränderte sich meine Einkommenssituation drastisch. Nicht zu meinen Gunsten, versteht sich. Ich musste an vielen Ecken den Rotstift ansetzen, wenn ich weiterhin alleine hier wohnen bleiben wollte (die große Wohnung war eigentlich für eine Person mit Durschnittseinkommen viel zu teuer). Als eine von vielen Maßnahmen bestellte ich damals meine Tageszeitung ab und leistete mir bloß noch das Wochenend-Abo.
Herr M. las die gleiche Tageszeitung, stand aber deutlich später auf als ich. Meine Missetat begann damit, dass ich gelegentlich vor dem Frühstück im Nachthemd über den Flur huschte, mir seine Süddeutsche schnappte, sie für 15 Minuten „auslieh“ und sie dann nach dem Frühstück sorgsamst gefaltet und ohne Fettflecken und Knicke wieder ordentlich zurück auf seine Fußmatte legte. Selbst ein kleines Eselsohr wäre wohl unentedeckt geblieben, da Herr M. damals schon sehr schlecht sah und eine unglaublich dicke Brille trug (weswegen ich ihn, wenn ich in meinem Umfeld von ihm sprach, meist „Marmeladenglas“ nannte – auch dessen schäme ich mich heute ein wenig, selbst wenn es nicht so despektierlich gemeint war, wie es klingen mag).

Die Steigerung meiner kleinen Zeitungsgaunerei vollzog sich etliche Monate später, als Herr M. mittlerweile fast täglich mit der Pflege von Herrn H. beschäftigt war und nur noch für wenige Besorgungen das Haus verließ. Er erzählte mir damals, dass er nichts Kulturelles mehr unternehmen könne, weil seine Kräfte stark nachgelassen hätten und zeitlich würde er es eben auch gar nicht mehr schaffen, wegen der Versorung des Herrn H..
Und was schnitzte ich Gelegenheitscharakterschwein mir aus dieser Aussage zurecht?! Ich mopste ab und zu aus der Donnerstagsausgabe seiner Zeitung das Münchner Wochenkulturprogramm (eine extra Beilage) – und legte es nicht zurück. Mea culpa!
Mopsen sagen übrigens die Menschen, die auch lieber Schwindeln sagen als Lügen, weil sie ihre eigenen Vergehen in selbstgezimmerte Schweregrade einteilen und aus diesen gern mal die mildere Variante für die Etikettierung ihres Tuns wählen, um moralisch besser wegzukommen – das nur am Rande.
Das mit der gemopsten Beilage ging vielleicht ein Vierteljahr so dahin, dann endete diese Phase jäh, da plötzlich auch ich dank des Stresspegels meiner damaligen Beziehung mit U. nichts Kulturelles mehr unternahm.

Ich werde Herrn M. das mit der Mopserei eines Tages noch beichten. Vermutlich sogar bald. Es ist zwar schon über 10 Jahre her, dennoch spüre ich aus aktuellem Anlass ein Bedürfnis nach einer Art Geständnis dieser einzigen, aber umso hässlicheren Schramme in unserem Verhältnis, die ich zu verantworten habe und von der er ja nicht mal etwas ahnt.

Mein Leben nahm wieder eine bessere Richtung, nachdem ich U. aus selbigem rausgeworfen hatte. Einige Zeit später zog erstmals ein Mann mit in diese Wohnung ein – er wohnt immer noch hier und wir haben zwischenzeitlich sogar geheiratet.
Das nachbarschaftliche Verhältnis mit Herrn M. blieb wie es war, der Gatte wurde vorgestellt, durfte fortan auch mal Spreewaldgurken und Campariflaschen in die Wohnung gegenüber schleppen, wir hatten dann auch wieder unsere eigene Süddeutsche im Tagesabonnement, so dass bei mir keinerlei Rückfall in alte Verhaltensmuster zu befürchten war. Kurz: Alles ging seinen gewohnten Gang.

Bis vor gut fünf Jahren Herr H. starb. Ich kam gerade etwas angeschickert von einer Büro-Weihnachtsfeier heim, als mir im Hausflur ein Arzt mit ernstem Blick aus der Wohnung von Herrn H. entgegenkam und mir sofort schwante, dass es nun “ so weit“ ist. So war es auch.
Der Gatte war nicht zuhause, so dass ich mich nicht beraten konnte, was am besten zu tun sei bzgl. Herrn M.. Rübergehen und Klingeln, um zu erkennen zu geben, dass man es mitbekommen hatte? Sofort oder erst am nächsten Tag? Was sagen? Schließlich setzte ich mich an den Schreibtisch und schrieb einen Brief an Herrn M., kein klassisches Kondolenzschreiben, sondern einfach das, was mir durch den Kopf ging in meiner Unerfahrenheit mit dem Tod und meiner Betroffenheit darüber, dass er nun ganz allein war. Herr M. hat nämlich kaum noch Freunde, nur einen alten Schulfreund, der in Linz lebt und mit dem er manchmal telefoniert, den er aber nie mehr sehen wird, weil beide zu gebrechlich sind, um zu reisen. Und ein befreundetes Ehepaar aus einem Münchner Vorort. Sowie uns Nachbarn (neben uns noch ein weiteres Paar, die auch mit ihm in Kontakt stehen). Das war’s. Keine Familie mehr, Berliner Kontakte auch keine mehr, viele schon gestorben, andere einfach aus den Augen verloren. Der Lebensmittelpunkt von Herrn M. war Herr H., und der war nun tot.

Ich legte meinen etwas holprigen und unbeholfenen Brief auf seine Fußmatte, in der Hoffnung, er würde ihn vielleicht am selben Abend noch finden und so erfahren, dass ich den Todesfall mitbekommen hatte.
Am späten Abend läutete Herr M.. Ich öffnete, im Nachthemd und mit Zahnbürste in der Hand, er stand im Hausmantel und mit bleichem Gesicht vor der Tür. Er wolle sich bedanken für den Brief, für die Anteilnahme, die Worte haben ihn berührt. Es sei gut zu wissen, dass jemand im Bilde sei über das Geschehene, mit dem er nun umzugehen habe.

Jener Abend war der Beginn unserer Freundschaft. Und zugleich das Ende der Campariflaschen, denn die waren eine Vorliebe des Herrn H. gewesen.

Seitdem besuchte ich ihn ohne äußere Anlässe, wir saßen einfach abends in seinem Wohnzimmer und tauschten uns über Gott und die Welt aus (mehr über Letztere). Bei einem Altersunterschied von fast 40 Jahren gab es gegenseitig immer wieder eine Menge zu staunen. Ich erfuhr viel über die Kriegsjahre und das Nachkriegs-Berlin, über Gottfried Benns Lyrik, die Briefwechsel von Thomas Mann; er ließ sich erklären und zeigen, was das Internet ist, in das ja heutzutage alle immer „hineingehen“ würden und wie es kommt, dass manche Leute 300 Facebook-„Freunde“ haben. In Google Maps wollte er den New Yorker Stadtplan großzoomen, per Streetview durch Manhattan „laufen“ und einfach mal was in Wikipedia nachschlagen („Unfassbar, dass  man da nicht mehr den Brockhaus bemühen muss!“). Einer der Höhepunkte unserer gemeinsamen Geschichte war für mich, als er mich eines Tages bat, ihm zwei CDs aufzunehmen: eine von Bruce Springsteen („Der Bursche sieht ja ganz proper aus!“) und eine von Pink Floyd („Wissen Sie, zu dieser Musik hatte ich vor langer Zeit in Berlin so meine Erlebnisse…“). Ich werde nicht vergessen, wie ich in einer Mondnacht unseren Dackel nochmal vor die Tür ließ und plötzlich „Comfortably numb“ statt Fischer-Dieskau aus dem 2. OG in die nächtliche Straße mäanderte.
Er kochte für mich Rouladen, ich besuchte ihn nach seiner Augenoperation, er las mir Proust vor, ich lud ihn zu uns zum Essen ein – vegetarische Gerichte waren eine neue Welt für ihn, der er, wie fast allem, neugierig gegenüberstand. Er war bei der Feier zu meinem 40. Geburtstag mit dabei, bekam unsere Hochzeit mit, hat sich rührend auf unseren kleinen Hund eingelassen – er, der nie zuvor etwas mit Tieren zu tun hatte (außer durch den Beruf seines Vaters, der Metzger war). Er schenkte uns „Und Pippa tanzt“ von Gerhart Hauptmann, weil er dachte, dass sie nach dieser Figur benannt sei, dabei heißt sie so, weil mich Rebecca Millers Roman „Pippa Lee“ so begeistert hat (und ich Gerhart Hauptmann schon nach der 9. Klasse, als uns viel zu früh das Schicksal des Bahnwärters Thiel serviert wurde, für alle Zeiten ungerechtfertigterweise aufs Abstellgleis verbannt hatte).

Seit dem Tod seines Lebensgefährten hat er fast jedes Weihnachten bei uns verbracht. Jeder von uns suchte vorher einen Text für den Abend aus, und wenn wir unser Dreigangmenü verspeist hatten, wurde vorgelesen. Das waren herrlich unweihnachtliche Weihnachten. Herr M. ist so erfrischend mit seinem Witz, seinem Sprachtalent und dem aufgrund seines Alters so ganz anders gelagerten Fundus an Bildung, Erfahrungen und Geschichten.

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Eines der Weihnachten mit Herrn M.

Er lud uns alle paar Monate in ein Lokal ein, was mit jedem Mal ein beschwerlicherer Ausflug wurde, da er aufgrund einer neurologischen Erkrankung in den Beinen immer unbeweglicher wurde. An seinem Geburtstag versammelt er jedes Jahr die sechs Personen, mit denen er noch in Verbindung steht, für ein Abendessen beim Italiener. Ein Ritual schon fast: mein Mann begleitet ihn samt Rollator mit dem Taxi zum Restaurant, ich kümmere mich vor Ort um die Tisch-Deko und bestelle den Aperitif, dann warten wir bis die anderen vier eintreffen, drei Stunden später alles wieder retour.

Aus Herrn M. wurde irgendwann P., was nach so vielen Jahren des Siezens eine große Umstellung war und zunächst auch unnötig erschien. Mittlerweile können wir uns kaum noch erinnern, dass es mal anders war.

Wir haben in den vergangenen fünf Jahren viel gelacht, angeregt diskutiert, ausgiebig geschlemmt, über ungeliebte Nachbarn gelästert, zusammen Champions League Finale geschaut, einander bei Krankheiten beigestanden und uns bei Schwierigkeiten aus der Patsche geholfen.
Als mir im Sommer 2013 mein nagelneues, mühsam zusammengespartes Fahrrad vor der Haustür geklaut wurde, stand er einige Wochen später mit einem Scheck vor der Tür und spendierte mir ein neues Rad. Einfach so. Weil er seine Rente eh nicht mehr komplett auf den Kopf hauen könne, so sei sie wenigstens sinnvoll investiert und er habe ja alles, was er brauche. Mehrfachdanksagungen waren bei ihm strengstens verboten, einmal Danke genügte, danach durfte über die Angelegenheit kein Wort mehr verloren werden.

Wir besorgen seit Jahren zweimal wöchentlich Brot für ihn, und sonntags, wenn der Gatte zum Bäcker geht, bekommt P.  zwei Laugencroissants oder Semmel und Breze an die Tür gehängt.
Da wir aufgrund des Pendelns des Gatten die Zeitung wieder auf ein Wochenend-Abo reduziert haben, legt P. seit Jahren das Herzstück der Süddeutschen, den Sportteil, jeden Tag für den Gatten beiseite bzw. auf die Fußmatte (wer weiß, vielleicht hätte er mir vor 10 Jahren die Kulturbeilage auch rausgelegt, wenn ich nur den Mut gehabt hätte, ihn danach zu fragen).

Das hätte jetzt noch ewig so weitergehen können. Wenn man nicht genau wüsste, dass auch solche Ewigkeiten ein „Verfallsdatum“ haben (das aber nicht am Deckelrand oder Packungsboden aufgedruckt ist, so dass man sich drauf einstellen könnte).

Seit Februar hatten sich weitere gesundheitliche Probleme bei unserem Nachbarn eingeschlichen, die ihm die Lebensfreude nach und nach ziemlich zu vermiesen begannen und jetzt erneut einen Krankenhausaufenthalt bescherten.
Und im Zuge dessen uns dreien eine neue Vokabel: Die Raumforderung.

Bis dahin kannte ich nur die Raumpflegerin, als vermeintlich ehrbarere, politisch korrektere Bezeichnung der ehemaligen Putzfrau, die scheinbar (oder „anscheinend“, das lern‘ ich nicht mehr, hilf‘, Freundin B.!) zum Schimpfwort verkommen war, weil Putzen zu sehr an Dreck erinnert und mit dem wollen ja viele lieber nichts zu tun haben, weder real, noch verbal.
Die Raumforderung kommt auch erstmal wie so eine Verschleierung oder ein Ausweichmanöver daher, wenn man nicht gerade Mediziner und mit dem Fachjargon vertraut ist.

Als P. in den ersten Zeilen seines Befunds etwas von Raumforderung las, schüttelte er verwundert den Kopf, befragte den Arzt und erfuhr, dass sich dahinter ein Tumor verbirgt. „Ja dann sollen die das doch auch so hinschreiben“ raunte er ungehalten.
Mit Vor- und Zunamen heißt die Raumforderung: Hepatozelluläres Karzinom.
„Das Ding hat seinen Raum längst eingenommen und muss ihn doch gar nicht mehr fordern“ – meinte er trocken zu mir, als ich am Klinikbett saß und wir über die Untersuchungsergebnisse sprachen. Wir waren uns einig, dass wir der Raumforderung keinen 13-buchstabigen Raum einräumen wollen, sondern sie fortan Krebs nennen werden. Ist kürzer. Und klarer.

Es ist noch offen, wie es jetzt weitergeht. In den nächsten Tagen werden ihm die Therapiemöglichkeiten erläutert. Wir werden dann erfahren, ob ihm Monate bleiben könnten oder gar ein paar Jahre. Die Sache ist nur die: P. möchte am liebsten nichts von Therapiemöglichkeiten hören. Er möchte nämlich keine Jahre mehr haben. Sondern seine Ruhe.

Er habe sein Leben gelebt, sagte er zu uns. Er sei 82 und man solle ihn doch bitte in Ruhe lassen, er wolle keine Operation, auch keine Therapie, sondern am liebsten eine Tablette, mit der es zuende wäre. Was das denn jetzt noch bringen solle, das alles in die Länge zu ziehen. Es gäbe keine Perspektiven mehr, er hätte keine Ziele mehr, sein Radius sei bedrückend klein geworden und würde auch nicht mehr größer werden. Er sei fertig – das sagte er ohne Bitterkeit! – denn er habe ein gutes Leben gehabt. Jetzt sei es es aber auch mal genug. Vor dem Sterben hätte er gleichwohl etwas Bedenken und Respekt, denn man wisse ja nicht, wie sich das anfühle und ob das nicht doch weh täte.

Ich saß da, hörte ihm zu, und überlegte, was ich sagen sollte. Bis ich spürte, dass es nicht nötig ist, etwas zu sagen, sondern dass es genügt, ihn anzuhören und ernst zu nehmen.

Ich nickte stumm.

Anschließend bat er um drei Kugeln Krokant-Eis, vom Sarcletti, wenn es sich die Tage mal einrichten ließe.

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Weihnachtswunsch von P.: Gerne mal was mit Roter Bete.