Himmel der Bayern (71) und Song des Tages (44): Obi, obi!

Freitag, 17. Jänner. Morgens, irgendwo über dem Murmeltierbau des Carl-von-Stahl-Hauses.

Gegen 2 Uhr nachts, dank des Fleecepullovers, den ich mir zusätzlich zur Mütze um den Kopf gewickelt habe, fühlt sich das Ein- und Ausatmen nicht mehr ganz so eisig an und ich bin gerade mühsam ein bisschen eingenickt, knurrt es unter meiner Bettdecke und den drei darüberliegenden Wolldecken hervor. Pippa hat die Hüttenhündin gehört, die um die Zeit im Alleingang ums Torrener Joch zu stromern pflegt und den Mond anheult.

An meiner Seite robbt sie sich hoch bis auf Kopfkissenhöhe, ich beruhige sie ein bisschen und schiebe sie sanft wieder zurück unter die Decke, wohl wissend, dass es ihr sonst bald zu frisch werden würde. Jede Bewegung ist anstrengend, auch Umdrehen geht unter diesen Decken kaum, das Zeug hat ein ordentliches Gewicht, also wechsle ich höchstens jede Stunde einmal die Position. Auf der rechten Seite liegend kann ich aus dem Fenster direkt in den Sternenhimmel blicken, zwischendrin stelle ich die Augen scharf und schaue ich in den Raum zwischen mir und dem Fenster und wäre nicht überrascht, wenn ich dort meinen Atem sehen könnte.

Einmal muss ich kurz raus zur Toilette, als Eiszapfen kehre ich zurück und krabble wieder in den wärmenden Dachsbau. Es ist eine dieser Nächte, in denen ich bewusst nicht auf die Uhr sehe, um mich ja nicht zu vergewissern, dass ich so gut wie gar nicht geschlafen habe.

Um 7 Uhr stehe ich auf, steige vom Bett aus direkt in die Bergstiefel (alles andere habe ich sowieso schon an), schlüpfe in die Jacke, schnappe mir meine Kamera und gehe nach draußen. Dort ist es eher wärmer als im Zimmer, zumindest dann, wenn man von der Terrasse aus nach Österreich guckt, wo die Sonne hinter dem Schneibstein hervorlinst.

Die Sächsin kreuzt kurz nach mir auf der Terrasse auf und wirkt trotz der frühen Stunde schon äußerst munter und frisch frisiert. Wir holen uns gemeinsam einen ersten Kaffee und sie erzählt mir von der kalten Dusche, die sie hinter sich hat (trotz Münzeinwurf für 5 warme Minuten, welch Glück, dass mir das gestern Nachmittag nicht widerfuhr) und fährt strahlend fort, dass sie im Keller eine Steckdose gefunden hätte, für ihren Lockenstab (leckomio, denke ich, was mancher so alles mitnimmt auf den Berg).

Eigentlich hatte sie für zwei Nächte gebucht, wird aber heute schon zur Jenner Bergstation laufen und mit der Bahn hinunterfahren, weil sie ihre Blutdruckpillen im Auto vergessen hat. Und „dos gehd goor nich“. Zufrieden nehme ich das mit der Bergbahn zur Kenntnis, weil damit klar ist, dass unser Weg ins Tal nicht derselbe sein wird, denn dieser Beschallung hätte ich sonst durch einen unangenehmen Sprint oder eine Notlüge ausweichen müssen.

Der Österreicher kommt in den Gastraum, setzt sich zu uns und fragt als Erstes nach dem Dackelfräulein. „Liegt noch im Bett“, antworte ich, „steht ungern vor halb acht auf“. Man tauscht sich noch ein Weilchen über die jeweiligen Erfrierungen aus und wie jeder sich so beholfen hat. Mittlerweile ist es 7:45 Uhr und als die beiden Jungs aus BGL in die Stube hereinpoltern, erhebe ich mich und gehe in meinen „Murmeltierbau“ zurück.

Die Beule unter dem Deckenberg (= Hund) noch exakt an derselben Stelle wie vor 45 Minuten, als ich aufgestanden bin. So kenn‘ ich meine Kleine!
Ich wecke sie, hebe sie aus der Koje und führe sie nach draußen. Das Thermometer auf der Terrasse zeigt minus 10 Grad an. So schnell hab ich sie noch nie ihre Geschäfte erledigen sehen, alles geht zackzack, und danach sofort ab zur Hüttentür, rein in den Flur, rechts abgebogen in die Stube, schnurstracks zum Tisch und dem frühstückenden Österreicher in die Kniekehle gesprungen. Die Sächsin ruft „Halloh Bibboh“, die Jungs sagen „Griaß di, du Hex“ und der Österreicher fragt, ob er ihr „a Stückl Gselchts“ geben darf.
Sagte ich schon mal, dass ich’s nicht so habe mit Gruppen, erst recht nicht am frühen Morgen?

Ich lasse den anderen Vorsprung und mir Zeit, füttere das Fräulein, wasche mich, packe mein Glump zusammen, trinke noch eine Kanne Tee, hänge meine Wandersocken an den Kachelofen, stelle die Bergstiefel davor und platziere das Dackelfräulein nebenan. Möglichst durchwärmt aufbrechen lautet die Devise!

Großes Verabschieden allerseits, die Sächsin klinkt sich in ihre Schneeschuhe ein und stakst ungelenk Richtung Osten, der Österreicher verabschiedet sich hinab nach Salzburg, die beiden Jungs preschen los auf den Schneibstein und ich schnüre um 9:30 Uhr meine Stiefel und trete hinaus in die Kälte.

Noch bevor wir das Schneibsteinhaus erreichen, das keine Viertelstunde Marsch entfernt unter uns liegt, bleibt Pippa auf dem völlig vereisten Weg sitzen und hebt abwechselnd mal die linke, mal die rechte Vorderpfote. Dazu ein Gesichtsausdruck, der einem durch Mark und Bein geht.
Als ich zu ihr gehe, rast sie los, bergauf, zurück zum Stahlhaus. Ein kleiner Kampf, bis ich ihr klarmachen kann, dass wir aber hinunter müssen. Sie versucht es noch ein Stück, aber der Weg liegt völlig im Schatten und der Boden ist zu kalt, der ganze kleine Hund schlottert erbärmlich.

Ich verwerfe die Option, den Rucksack abzusetzen, um den Hundemantel herauszukramen, weil der für die Isolation der Pfoten ja gar nichts bringt, stattdessen schnalle ich die Stöcke außen an den Rucksack, ziehe den Beckengurt straffer, damit er die unteren 15cm der Jacke fixiert, öffne meinen Anorak, stecke Pippa hinein, ziehe den Reißverschluss bis zu ihrem Hals wieder hoch, schlinge beide Arme zur Stabilisierung um dieses Gebilde – und weiter geht’s.
Es geht aber weder gut, noch zügig, denn ohne Stöcke bin ich allein auf die Grödeln angewiesen und muss eine andere Gangart wählen, damit ich sicheren Tritts und ohne Stürze nach gut einer Stunde die Königsbachalmen erreiche.

Klitschnass geschwitzt sind wir nun endlich auf der Sonnenseite des Lebens Bergs angekommen, und vor allem endlich in etwas weniger steilem und vereistem Gelände. Ich öffne den dampfenden Anorak und setze das Fräulein wieder auf dem Boden ab. Putzmunter saust und springt sie vor mir her und ich humple und hechle völlig erschöpft hinter ihr her.
Ein Skitourengeher kommt uns entgegen und kommentiert schmunzelnd unser ungleiches Tempo, ich bin zu erschöpft für eine schlagfertige Replik.

Aber nach und nach trocknet die Sonne meinen Schweiß, der Hund hat sichtlich Spaß im Schnee, alles ist so sonnenglitzernd und prächtig und der Watzmann schaut dermaßen toll aus, dass es dann irgendwann wieder geht und wir doch noch ein gemeinsames Tempo finden, bevor wir unten am Parkplatz ankommen.

Auf der Heimfahrt nehme ich diesmal den Weg über Inzell und rufe, als ich den Ort passiere, aus dem Auto den Papa an, weil wir in meiner Kindheit öfter zusammen dort waren.

Der Papa hatte nur wenige Freunde außerhalb seines Berufslebens, einer davon leitete in Inzell eine „Stotterschule“, wie das damals allen Ernstes und ohne jede Verfremdwortung noch hieß. Der Freund war ein lustiger, rothaariger Mann, der selbst einen kleinen Sprachfehler hatte, er hieß Pit und ich mochte ihn sehr. Die Mutter mochte ihn überhaupt nicht, weil sie aus Prinzip die Freunde des Papas nicht mochte, vor allem die fröhlichen nicht. Also besuchte der Papa ihn immer ohne die Mutter, nahm nur mich mit und verband diese Fahrten meist noch mit einem beruflichen Termin in Berchtesgaden, wo er seinerzeit ein Bauprojekt betreute.

„Ich fahre gerade durch Inzell!“, plärre ich in die schlechte Bluetooth-Freisprech-Verbindung. Der Papa freut sich und will wissen, ob ich mich an das Eisstadion erinnere, in dem wir zusammen gewesen sind und wo ich so geweint hätte, weil ich mehrfach gestürzt sei. „Eis mochte ich noch nie und für heute habe ich auch schon wieder genug vom Eis“, antworte ich und erzähle ihm von meinem Ausflug in die Berchtesgadener Alpen.
Ob ich an der Gebirgsjägerstraße vorbeigekommen sei, möchte er nun wissen, und wie die Jugendherberge denn mittlerweile so aussähe, und ist etwas enttäuscht, als ich berichte, dass ich zwar an Strub vorbeigefahren sei, aber von der Straße aus nur die Kaserne gesehen hätte, in der in grauer Vorzeit der Gatte mal stationiert war.

Wir machen aus, dass wir beizeiten nochmal gemeinsam in diese Gegend fahren wollen, und überlegen, wohin genau, und ob er dort vielleicht noch aussteigen und ein paar Schritte gehen könnte, ohne allzu viele Strapazen.
Dann möchte er noch die Einzelheiten zu der Tour hören, vor allem die Namen der Berge rund ums Stahlhaus herum, und kurz bevor wir auflegen, sagt er glatt „Ich bin stolz auf dich“, aber da bin ich leider bereits auf der Autobahn und der Verkehr ist so dicht, dass ich nicht mehr losheulen kann, wie man das sogar als erwachsene Tochter noch sofort tun möchte, wenn der Papa mal so einen seltenen Satz raushaut, obwohl man mit dem Begriff Stolz ja an sich nie warm geworden ist.

Übers Wochenende begeben wir uns nun in kreative Klausur, wünschen Ihnen schöne Winterträume und sagen Servus & bis bald!

Himmel der Bayern (70) und Song des Tages (43): Aufi, aufi!

Donnerstag, 16. Jänner. Mittags, irgendwo unterm Jenner.

Wie schon gesagt: das neue Jahr läuft auf Hochtouren. Und wir laufen mit, so gut wir können.
Eine richtige Hochtour ist zwar was anderes, aber bei dem Wetter und diesen Aussichten genügt solch ein Aufstieg allemal.
Erst recht bei mangelhafter Vorbereitung: Wieder mal nicht bedacht, dass die Angabe der Gehzeiten, wenn’s nicht explizit dabeisteht, sich auf die Sommerwegstrecken bezieht und man im Winter deutlich länger braucht.

Ein fataler Fehler, denn mit 9 Kilo Tourenrucksack und Grödeln an den schweren Schuhen macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man zweieinviertel Stunden marschiert oder eben dreieinhalb.
Eines meiner obersten Berg-Gebote, „Plane deine Wege, Zeiten, Geschwindigkeiten und Kräfte stets so, dass du auch deinen Hund sicher hinauf- und/oder hinunter bringst, ihn notfalls sogar die gesamte Strecke über tragen könntest!“, gerät daher beinahe ins Wanken.

Denn unterwegs führen krass vereiste Wegstücke dazu, dass wir zweimal einen Umweg nehmen müssen, weil sonst… naja, ich weiß nicht, wer von uns zuerst den Hang runtergerutscht wäre – das Dackelfräulein oder ich.
Sicher ist sicher, also in die Karte geguckt und anders gegangen als geplant. Dummerweise zweimal eine Skipiste queren müssen, ging nicht anders. Natürlich ganz am Rand gehalten und immer gut nach oben geguckt und das Fräulein etwas beruhigen müssen, als in Pistenmitte der erste Snowboarder in einem Affenzahn an uns vorbeihobelt. Gottseidank eine sehr breite Piste, leider aber eine schwarze, gefühlt war das wie senkrecht nach oben zu gehen.
Auch die Schneeverhältnisse nicht korrekt recherchiert, auf den Webcams sah alles irgendwie so harmlos aus, nach ein bisschen Winter, aber nicht nach verschneiten Almwiesen, in die man bis zum Knie einbricht.

Der Rucksack wegen des Übernachtungsgeraffels, Hundeglumps und der Fotoausrüstung, die diesmal ja auch mit musste, nah an der Grenze des Tragbaren. Man ist keine 25 mehr und der Zenit der Fitness und Belastbarkeit ist eh längst überschritten. Beim Hochgehen zwickt wechselweise die Schulter, der Ellenbogen, der Nacken und – neu! – ab und zu auch die rechte Hüfte.

Von derlei Planungsunschärfen und Spontanungemach mal abgesehen: Eine irre schöne Tour! Das Berchtesgadener Land landschaftlich ja sowieso der Hammer, gefiel mir schon als Kind.

Unter mir der glitzernde Königssee, über mir der blauweiße Bayernhimmel, vor mir der weltschönste Dackelpopo, im Westen der majestätische Watzmann, im Osten Tu felix Austria.

Auch das frisst Zeit, wenn man alle paar Minuten mal kurz staunend stehenbleiben muss!

Toller Nebeneffekt der Unternehmung: in luftiger Höhe sind die blöden Haselpollen noch im tiefsten Winterschlaf. Zwei Tage Rotzpause also, Schniefen und Tränen gehen hier ausschließlich aufs Konto der atemberaubenden Schönheit, die mich umgibt (oder sind Vorboten einer Erkältung, nach einer Übernachtung bei minus 10 Grad).

Das Carl-von-Stahl-Haus, die Alpenvereinshütte, in der wir nächtigen, liegt auf 1.733m (oder 1.736m Höhe, da gehen die Meinungen auseinander), am Torrener Joch, zwischen Hagengebirge und Göllstock, exakt auf dem Grenzkamm: hier Oberbayern, dort Salzburger Land – solche Orte liebe ich ja ebenso sehr wie Sackgassenorte.

Auf der Hütte gibt’s – welch Segen für den geschundenen Körper! – eine warme (!) Dusche (!) und ein eigenes Zimmer für Hundebesitzer (mit dem schönen Namen „Murmeltierbau“), sofern der Belegungsplan es hergibt, was er jenseits aller Feiertags- und Ferienzeiten erfreulicherweise tut.
Und ein Sonnenuntergang der Extraklasse erwartet uns, wie mir die kundigen Bergkumpane beim nachmittäglichen Weißbier zu berichten wissen.

Auch das Dackelfräulein ist redlich geschafft, aber Kräfte und Geschick reichen noch, um Hüttenhündin Susi anzumeckern, als diese sich in Kachelofennähe in der Gaststube niederlassen möchte, und um in einem unbeobachteten Augenblick das Mini-Milchkännchen, das neben meinem Teepott steht, leerzuschlürfen (und zwar ohne dass das Kännchen dabei umkippt, alle Achtung!).

Diese Schlawinerszene spielt sich just in dem Moment ab, als wir, die paar Hüttengäste, hinausstürmen auf die Terrasse, um der Sonne zuzugucken, wie sie zwischen dem Großen Hundstod (herrje!) und dem Watzmann (mal aus ungewohnter Perspektive) versinkt.

Links im Bild (der einzelne hohe Zacken): der große Hundstod. Rechts: der Watzmann.

Sonnenuntergang ratzfatz: zwischen dem oberen Bild und diesem lagen höchstens 2 Minuten.

Zu fünft sitzen wir beim Abendessen. Zwei Bergsteiger aus BGL, ein Österreicher, eine Sächsin und ich. Ausnahmsweise sind da heroben mal keine Schwaben anzutreffen (deren Absenz die eine Sächsin allerdings locker wettmacht).

Pippa freundet sich mit jedem an, der Gamsgulasch bestellt. Weil es aber nach dem Milchklau eine ziemlich heftige Schelte gab, wagt sie es kein zweites Mal, mit der Schnauze über die Tischplatte zu schnuppern.
Falls Sie sich jetzt fragen, wie das überhaupt geht, dass so ein Dackel auf Tischplattenhöhe herumschnuppern kann: Das geht ganz einfach, indem der Hüttenwirt einem wegen des arg kalten Fußbodens eine Decke bringt und dem Fräulein erlaubt, mit auf der Holzbank zu sitzen, und schon haben Sie den Hunderüssel in Teller- oder Milchkännchennähe und diesen Ich-verhungere!-Blick direkt neben Ihrem Ellenbogen.

Um 19 Uhr stapft eine Horde Männer in die Stube. Wo kommen die denn her? Draußen ist es seit zwei Stunden stockfinster!
Man klärt mich rasch auf: donnerstags ist hier Skitourengeher-Abend. Das bedeutet: Von bayrischer und österreichischer Seite aus steigen Menschen in einer Montur, die schwer nach Weltraummission aussieht, im Schein ihrer im Helm integrierten Scheinwerfer (cool!) und im Schweiße ihres dunkelroten Angesichts (uncool!) zum Stahlhaus hoch, löten sich zwei bis drei Halbe rein (huijuijui!), marschieren dann wieder hinaus in die Kälte, schwanken hinüber zum Jenner und stürzen sich dort über die Piste hinunter ins Tal (oh Gott!).
Mit einem der Kerle, tagsüber ein braver Beamtenbursche vom Landratsamt in Reichenhall, komme ich, weil auch ihm Gamsgulasch serviert wird, länger ins Gespräch und erfahre: das machen die dort als Feierabendsport! 2 Stunden hinauf, 1,5 Stunden Hütte, 1,5 Stunden retour. Na, pfiat di!

Weil’s ein Einheimischer ist und eh ein netter Typ, befrag ich ihn zu allem, was mir beim Aufstieg Kopfzerbrechen bescherte, lerne eine Menge über Schnee und Eis, lasse mir auf der Karte alle Gipfel und Gebirgszüge der Gegend zeigen, ein paar Wegvarianten für meinen Abstieg am nächsten Morgen erklären, quetsche ihn zu den Passen und über den Untersberg aus, und am Schluss plaudern wir über die klasse Serie mit dem Ofczarek in der Hauptrolle („Der Pass“).

Derweil leert sich die Hütte zusehends und um 21 Uhr sind die wilden Männer schließlich alle wieder weg, die Sächsin schon im Bett, die zwei BGLler ins Kartenspiel vertieft und der Österreicher trinkt das soundsovielte Stiegl und hat das Dackelfräuleinkinn auf seinem Oberschenkel liegen. Er vertreibt sich die Zeit als Hundephysiotherapeut und knetet liebevoll den Teckelrücken durch.

Um 21:30 Uhr dann nochmal hinaus in die Eiseskälte zur letzten Hunderunde. Mit der Stirnlampe unterm Sternenhimmel herumstolpern, während das Fräulein sich erleichtert, im Mondlicht ein letzter Blick hinüber zum Schneibstein, auf den es nicht allzu viel gschneibt (oder gschniebn?) hat und der vielleicht als Morgensportziel in Frage käme, bevor es wieder talwärts geht.
(Anm. d. Red.: Dieser Übermut wird bis zum nächsten Morgen verschwunden sein, denn nach einer bitterkalten Nacht, werden alle überflüssigen sportlichen Aktivitäten schockgefrostet ad acta gelegt. In der gesamten Hütte ist nämlich nur die Gaststube beheizt, ansonsten behilft man sich mit dicken Wolldecken, Mütze, Schal etc., und mit anderthalb Metern Heizwurst, die man so eng an sich presst, wie es grad noch möglich ist, ohne dass das Tier unter dem Deckenberg zu röcheln beginnt.)

Eine Zauberwelt hier oben, einfach alles: rundum diese Weite, ein Paradies der Stille, dem Himmel so nah und einer hängengebliebenen Schallplatte gleich die immerzu selbe Erkenntnis, nirgendwo anders leben zu wollen, niemals.

Gucken Sie doch mal hier, – ist das nicht eine Wahnsinns-Kulisse für ein Nachtgassi?!?

Und schauen Sie gern auch morgen nochmal hier vorbei, da gibt’s dann Teil 2 mit dem Titel „Obi, obi!“ und – so viel sei schon verraten – das wird keine öde Baumarktstory, obwohl es so klingt und sie auch noch samstags erscheint.

Für heute verabschieden wir uns überschriftsgetreu mit dem Herrn Ambros und ein paar Impressionen aus der Berchtesgadener Bergwelt und humpeln alsbald in die Koje.

Jenseits von Afrika und anderer Kokolores.

Es gibt ja so Worte, die einem sehr früh von den Eltern beigebracht werden und dementsprechend tief in den frühkindlichen Sprachschatz einsickern und sich deshalb erst viele Jahre später als linguistische Blindgänger entpuppen, zumindest in der Region, in der man (im Gegensatz zu diesen Worten) beheimatet ist und sie ausspricht.
Man stellt dann als Heranwachsende entsetzt fest, dass keiner außerhalb der eigenen Familie diese Worte zu verstehen scheint, blamiert sich ein bisschen oder schämt sich gar.

Die meisten dieser Worte hatte ich vom Papa, einige davon entsprangen seinem rheinländischen Dialekt. Osel beispielsweise war eines davon. In der Grundschule titulierte ich mal einen Klassenkameraden so und erntete nichts außer einem fragenden Blick.
Ein Schlüsselerlebnis für mich – ab da war ich vorsichtiger, speziell mit Worten, die bei uns daheim in liebevoll-abwertender Weise verwendet wurden, so wie das eben erwähnte Osel.

Ich wagte es beispielsweise nicht, etwas, das ich ein bisschen bekloppt oder schräg fand, öffentlich als Kokolores zu bezeichnen. Zu riskant schien es mir, dass das hier in Bayern vielleicht missverstanden würde oder überhaupt nicht bekannt wäre.
Außerdem war ich mir nicht mal sicher, ob dieses Wort tatsächlich in irgendeinem Dialekt existierte, da der Papa es auffallend oft zu unserem Wellensittich sagte: „Cocolino macht Kokolores!“ – das klang durchaus nach einer Eigenkreation, denn Cocolino bekam allerlei Eigenkreationen serviert und hauptsächlich Kokolores vom Papa beigebracht, auf dass er ihn nachplappere, was er auch eifrig tat.
„Cocolino hat schöne Pumphosen!“ (wenn er sein Gefieder an den Beinchen putzte), „Hurra, hurra, Natascha ist da“ (als die Mutter nach der Niederkunft mit mir aus der Klinik heimkehrte), „Cocolino klaut Cacola-Cacola“ (hier scheiterte der Papa: Coca-Cola hat Cocolino lebenslang nicht ordentlich über den Schnabel gebracht, das war zu nah am Zungenbrecher für ihn, und gestohlen hatte er das Gesöff schließlich auch nicht).
Ich vermied also dieses Familienwort und habe erst recht spät im Leben festgestellt, dass auch andere Menschen außer unserem Cocolino wussten, was Kokolores ist.

*****

Zu Jahresbeginn erreichte mich eine Mail, die mich sofort an dieses Kindheitswort denken ließ. Ihr Absender war ein Rechtsanwalt mit dem schönen Namen Koko Dzoka. Ich öffnete sie voller Neugier und war dann gleich noch begeisterter, aber lesen Sie selbst!

Schönen Tag,
in einer kurzen Einführung bin ich Rechtsanwalt Koko Dzoka aus
Westafrika. Ich habe Ihnen letzten Monat eine E-Mail bezüglich Ihres
verstorbenen Verwandten gesendet, der in Afrika gestorben ist, aber
ich habe keine Antwort von Ihnen erhalten. Ich melde mich bei Ihnen,
damit ich die Summe von 3.500.000 US-Dollar, die er vor seinem frühen
Tod für mein Familie zurückgelassen hat, wieder zurückzahlen kann.
Rufen Sie mich so schnell wie möglich an, damit ich die Informationen
und Geld an Sie weiterleiten kann. Es ist sehr dringend.
Dein Rechtsanwalt Koko Dzoka.

Na gut, diese stilistischen Patzer sind sonst nicht so meins, auch die Orthographie lässt sehr zu wünschen übrig, aber mein neuer Freund Koko ist schließlich auch Westafrikaner. Außerdem hat er sich von einem Verwandten von mir eine nicht ganz kleine Summe ausgeborgt, die er jetzt, ehrlich wie er ist und weil mein Verwandter das Zeitliche gesegnet hat, gern an mich zurückzahlen möchte.

Ich grüble kurz, welchen Verwandten er meinen könnte, da es in Sachen Verwandtschaft außer dem Papa nur noch den feierfreudigen Chefarzt für Gynäkologie mit dem hässlichen Hund und den unglücklichen Zahnarzt mit der versoffenen Gattin gibt, die aber beide immer noch am Niederrhein leben und nicht in Afrika gestorben sind.
Aber für 3,5 Millionen Dollar, die ich als Alleinerbin von Koko erhalten werde, lass ich mich auch gern überraschen, wer da aus etwaigen genealogischen Untiefen emporsteigen wird. Unter der angegebenen Telefonnummer war bislang immer besetzt, aber ich bleibe natürlich am Ball.
Finanziell jedenfalls schon mal ein formidabler Start in das neue Jahrzehnt!

*****

Und abgesehen von der Horrornacht für die kasernierten Affen in Krefeld (eine Nachricht, die mich tagelang beschäftigt hat und teilweise so trübsinnig stimmte, dass ich nur noch losheulen mochte), lässt sich das neue Jahr auch sonst passabel an.

Die Serienzeit neigt sich ihrem Ende zu. Intensiv und wunderbar war sie.

  1. „Der Pass“: ein seltenes, deutsch-österreichisches Meisterwerk, mit einem gradiosen Nicholas Ofczarek, dessen Erscheinungsbild perfekt von Ambros‘ „De Kinettn wo i schlof“ untermalt wurde und einem ausgeklügelten Plot in einer irre tollen, alpinen Kulisse – wirklich bombastische Bilder der verschneiten Bergwelt! – und einem dramatischen Ende an einer österreichischen Bahnschranke.
  2. Dritte Staffel von „The Handmaid’s Tale“: eine bedrückende, bildgewaltige Dystopie eines totalitären Systems, wir sind noch mittendrin und ich staune, dass ich nach solchen Geschichten gut schlafen kann, wenngleich manche Traumbilder der letzten Nächte ein wenig gileadfarben daherkommen (oder sind die Rauhnächte schuld?) und ich tagsüber manchmal versucht bin, dem nachbarschaftlichen Grußwort bei einer zufälligen Begegnung im Treppenhaus noch ein „Gepriesen sei der Tag“ anzufügen.

Viel geschlafen, viel draußen gewesen. Gut gegessen, gute Musik gehört. „Jungleland“, dieses unvergleichliche Jahrhundertstück, das Cocolinos Nachfolger Fridolin noch mehr liebte als das Klackern des Kaffeeportionierlöffels an der Edelstahlkaffeebox, war auch von Bosstime gecovert ein klasse Erlebnis, das noch nachhallt und glücklich macht.
Die erste, im Herzen der Stadt verbrachte Silvesternacht viel unproblematischer als gedacht: das Dackelfräulein hat, auf dem Sofa lümmelnd, unter der Wolldecke und mit großen Kissen obendrauf, nur vier- oder fünfmal gewufft und ansonsten das Getöse verschlafen, je älter sie wird, desto entspannter wird Silvester (seltsam, dass das nicht auch für den Briefträger gilt, der immer noch jeden Morgen ein wütendes Bellen erntet, wenn er die Post durch den Schlitz in den Flur wirft).
Gegen 22:30 Uhr die letzte Umweltsünde im alten Jahr begangen, den Hund vermummt und schalldicht verpackt ins Auto getragen und zum 10km entfernten Waldrand kutschiert, damit Madame angst- und böllerfrei ihre Jahresabschlussverrichtungen erledigen konnte, eine 45-minütige Aktion, die sicher nur bei Hundebesitzern auf Verständnis stößt und alle anderen den Kopf schütteln lässt. Hat sich bewährt, werden wir beibehalten. Dafür sparen wir ja Sprit, indem wir künftig nicht mehr über Silvester verreisen müssen.
In den sozialen Medien gucken wir um Mitternacht Live-Bilder von der Wiesn an, man hätte auch die Jalousien hochziehen können, aber man soll ja nicht gleich übermütig werden. Nächstes Jahr, vielleicht. Wobei ich drauf hoffe, dass das Feuerwerk dann schon durch eine Lasershow oder irgendwas anderes Zeitgemäßeres ersetzt sein wird.
Um 0:04 Uhr stelle ich mein Handy laut, damit der Papa mich um 0:05 Uhr erreichen kann. Eine Tradition, dieser Anruf, egal, wo wir auch in den letzten 30 Jahren waren: um 0:05 Uhr ruft er mich an und wir wünschen uns ein gutes neues Jahr. Hat mich schon mal unglaublich genervt, dieses Ritual, mittlerweile – seit mir bewusst ist, dass die noch verbleibende Anzahl solcher Telefonate eine sehr absehbare geworden ist – hänge ich mit geradezu nostalgischer Rührung an dieser fünften Minute eines neuen Jahres.

An Neujahr in die Berge gefahren. Zu einer Uhrzeit, wo der Silvesterpartylöwe noch bruncht oder seinen Kater ausschläft, sind die Straßen leer. Der Parkplatz am Fuße des Berges allerdings nicht, da wimmelt es nur so von Familien und Schlitten, aber schon nach wenigen Metern wird klar, dass die alle den anderen Weg einschlagen, den sie dann nach zweistündigem Aufstiegsgezeter der Kinder und drei Trosthumpen Punsch und großer Gruppengaudi wieder grölend hinunterrodeln.
Oben auf der Hütte ein paar andere Wanderer, der Platz am Ofen ist frei, der Wirt hat nichts dagegen, dass das Fräulein auf einem Handtuch mit auf die Bank gesetzt wird, glücklich drückt sie ihr Hinterteil an die brüllheißen Kacheln. Angenehme Neujahrsstimmung da heroben, alle blicken noch etwas zerknittert und müde drein, die einen vom Aufstieg, die anderen vom Abfeiern.

So weit, so gut, diese ersten fünf Tage.
Bei Ihnen hoffentlich ebenso?!

*****

Song des Tages (36) & Himmel der Bayern (63): Grenzgang.

Gestern und heute einen lang gehegten Traum realisiert: Ins Wettersteingebirge gegangen (eines der zwei heimatlichen Lieblingsgebirge), Übernachtung auf der Meilerhütte und kurz nach Sonnenaufgang hinauf auf die Westliche Törlspitze. Seit Jahren davon geredet und geträumt. Wirklich seit Jahren!

Beim gedanklichen Ausmalen dieser Tour immer das Dackelfräulein als meine treue und erprobte Bergkameradin mit mir dort hochlaufen sehen. Mit etwas Geschick hätte man das Zweierzimmerchen schon bekommen, in dem brave Hunde nach Absprache erlaubt sind.

Schweren Herzens, aber leichten Verstandes nun Abschied genommen von dieser Idee. Zu lang und zu steil der Weg für unsere kleine Hundedame, momentan zumindest, und bei dem Wetter eh völlig undenkbar, da auf der Hälfte des Weges ja nicht mal mehr ein Baum oder Strauch Schatten spendet.
Vor ein, zwei Jahren wär’s wohl noch problemlos gegangen, woraus mal wieder die Lehre zu ziehen ist, dass die paar Lebensträume, die man hat, nicht zu lang aufgeschoben werden sollten.

Catch your dreams before they slip away, wie die Stones schon 1967 sangen – schließlich wird man weder jünger noch beweglicher (wer weiß, wie lang Schulter, Ellbogen und Knie solche Aufstiege noch gut mitmachen und die Trittsicherheit noch in dem Maß vorhanden ist, wie diese Tour es ab und an erfordert).

Besser also nicht weiter vertagen, dachte ich, denn eines Tages kommt evtl. nicht nur Pippa nicht mehr hinauf, sondern auch ich nicht mehr – und damit stand der beste Zeitpunkt fest: jetzt.
Das Wetter ist mir grad recht, denn so weit oben ist es herrlich frisch und luftig, man schwitzt halt ein bisschen, um hinaufzukommen. Auf rutschignasse Felsen kann ich, vor allem abwärts, gut und gern verzichten, da nehm ich lieber das Hochsommerwetter wie’s ist.

Das ist schon eine Wucht da heroben: diese Steinriesen, soweit das Auge reicht, und es reicht bis ins Zugspitzplatt und den Schneeferner hinein und wenn man sich umdreht bis tief ins Karwendelgebirge. Und diese Hütte, die sich wie ein Adlerhorst auf 2.374m Höhe (exakt auf den Landesgrenzen) an den Fels schmiegt, von Dohlen umkreist und von Murmeltieren bepfiffen. Atemberaubend ist das! Zweitausdendreihundertvierundsiebzig Meter, was sagen Sie dazu?!? Und zu dem Panorama?

Mich befiel Sprachlosigkeit und Demut, als ich da gestern am frühen Nachmittag stand und schaute (war eh niemand da, mit dem man ein Wort hätte wechseln können oder müssen, nur ein Steinbock im Kar unter mir).

Nirgends sonst ist Erhabenheit für mich so greif- und spürbar wie auf solchen Gipfeln oder Graten – und ich bin sicher: auch Schiller hätte seine Freude daran gehabt, hier zu stehen, zu schauen und vor sich hin zu fühlen.

Wenn sich der Morgennebel auflöst und den Blick freigibt auf den Wettersteinkamm und die Dreitorspitzen ist das nicht einfach nur eine schöne Aussicht. Es ist ein ernster, ein erhabener Anblick.

Man hat ihn im Visier, den Felskamm, der hinauf zur Törlspitze führt, und von neuen Kräften belebt (nach einer vergleichsweise passablen Nacht im oberen Einzel-Stockbett – merke: wähle immer den Lagerplatz mit dem größtmöglichen Abstand zu den Mitschläfern und dem kleinsten Abstand zum Fenster), steigt man wieder sicheren Schrittes voran. Der Rucksack wartet unten bei der Hütte (nichts irgendwie Belastendes möchte ich mit hinaufnehmen auf diesen letzten Metern), er lehnt windgeschützt neben der eigenen, kleinen Alltagsexistenz an der steinernen Hüttenwand (gestern, bei Ankunft, alles abgelegt).

Das Erhabene ist mehr als Natur – es ist Herausforderung und Übung zugleich. Das Gebirge ist so viel stärker, größer, gewaltiger als wir, und als kleiner Wicht, als der man oft auf Erden umherirrlichtert und dennoch meint, das meiste im Griff zu haben oder zumindest emsig daran zu arbeiten (denn man muss ja heutzutage an allem arbeiten), muss man einsehen, wie ohnmächtig man doch den Gewalten der physischen Welt gegenübersteht, wie sehr man ihnen als Wesen der sinnlichen Welt im Grunde ausgeliefert ist.

Eine Übermacht, gegen die wir uns nur behaupten können, indem wir als Wesen der geistigen Welt, die wir nicht auch, sondern vor allem sind, uns auf unsere eigene Freiheit besinnen (keine Sorge: das hab ich von Schiller, und vor Urzeiten, in meiner Abschlussarbeit, sicher auch mal treffender formulieren können, ich musste nur gestern Abend, durch diese krasse Stille und Steilheit um die Hütte streifend, nach Langem mal wieder dran denken). Der Mensch, sagt Schiller, ist immer schon mehr als Natur: Er ist freier Wille, und das Erhabene fordert ihn gerade in jenen Momenten, in denen es ihn physisch vernichten könnte, dazu heraus, dieses Mehr auch zu sein.

Eine Art vorübergehender Nullpunkt der Existenz und zugleich ihre ganze Möglichkeit und Fülle. Das sag ich jetzt mal so, ganz unschillernd.

Was dieser pathetische Exkurs soll, fragen Sie sich? Hat Frau Kraulquappe einen Sonnenstich? Oder einen Höhenkoller? Oder ticken die Hormone mal wieder aus?
Nein, nichts von alledem, glaube hoffe ich. In den Bergen kann ich machmal einfach freier herumdenken als unten im Tal. Und den Schiller hab ich damals wirklich gern und mit großem Interesse gelesen.

Genug geschwafelt. Nun mal zurück in die Niederungen, die Hälfte des Abstiegs liegt ja noch vor mir.

Und wissen Sie, worauf ich mich jetzt schon am meisten freue? Auf eine ausgiebige Dusche und frische Kleidung am Leib. Auch das wird sich erhaben anfühlen, für so einen verzärtelten Großstädter. Das Alpspitzbad wartet!

Stood alone on a mountain top
Starin‘ out at the Great Divide
I could go east, I could go west
It was all up to me to decide

Just then I saw a young hawk flyin‘
And my soul began to rise
And pretty soon
My heart was singin‘

Roll, roll me away
I’m gonna roll me away tonight
Gotta keep rollin‘, gotta keep ridin‘
Keep searchin‘ till I find what’s right

And as the sunset faded I spoke
To the faintest first starlight
And I said next time
Next time, we’ll get it right

Deckl drauf & bloß nicht Verweilen.

Gestern eine kleine Teststrecke gelaufen, um die Sache mit der aktuellen, alpinen Dackelperformance mal unter vernünftigen Bedingungen gründlich zu überprüfen. Ob es wirklich nur die FSH-Thematik ist oder doch noch was anderes. Lieblingsberg vom Fräulein ausgewählt, mit Lieblingsaufstieg und das auch mit besten Verhältnissen (genug getrunken, moderates Sommerwetter, gut geschlafen usw.).
Vom Ergebnis soll ein andermal die Rede sein, ich muss das noch ein wenig in mir hin und her wenden, mit dem Gatten besprechen und überdenken und dann weitersehen, was wir da tun werden.

Jedenfalls ist eines klar: das Hochgebirge lassen wir gemeinsam momentan mal schön bleiben, denn ich geh keine 6 Stunden (netto) mit Hund irgendwo hinauf, wenn ich nicht so gut wie sicher sein kann, dass das für sie auch wirklich gut geht, denn ich weiß ja nicht mal genau, wie gut es für mich geht, und dieser Umstand zweifacher, latenter Ungewissheit kollidiert dann mit meiner eisernen Devise: Geh mit deinem Hund nur die Touren, bei denen du neben der Kraft, die du für deinen eigenen Aufstieg/Abstieg und deinen Tourenrucksack brauchst, immer noch genug Kraftreserven hast, um den Hund über längere Strecke zu tragen, falls das nötig werden würde.
Also kommt das derzeit nicht in Frage.

Der heiterste Moment gestern, neben einer weiteren angenehmen und gesprächsintensiven Begegnung auf der Alm (Vater, 78, mit Sohn, Anfang 50, aus Deggendorf, sehr nett anzuhören, was Dialekt und auch Inhalt anging) war dieses Schild, das uns gleich nach dem Abstieg am Seeufer begrüßte:

Ich, noch ganz mit dem Abstreifen eines gewissen Reportagenschreibekels (was das typische Reisevokabular und bestimmte touristische Formulierungen angeht) beschäftigt, geh da so und seh dieses Schild und bin geradezu entzückt, dass mitten in dieser paradiesischen Natur an einem der oberbayrischen Parade-Seen ein Hinweis steht, dass an Ort und Stelle mal nichts zum Verweilen einlädt.

Weder irgendeine olle Aussichtsbank noch eine reizvolle Erhebung oder ein lauschiger Biergarten oder ein idyllischer Park oder gar ein romantischer Steg mit Panoramablick.

Bitte zügig durchschreiten und nicht verweilen – das ist auch mal toll, beinahe heilsam, zumindest eine wahre Wohltat für meine gestern noch recht strapazierte Wahrnehmung und Verfassung nach Abgabe meines letzten Magazinbeitrags.

Der Spaziergänger wird also gewarnt und ermahnt sowie zur seeseitigen Straßenseite geschickt, und auch dort lädt nichts zum Verweilen ein, sofern man den Blick vom Karwendelgebirge am Horizont und dem Türkisgrün des Wassers abwendet und ihn einfach mal übers Geländer wirft oder unter dem Geländer hindurch, so wie Pippa das alle paar Meter tat.

Irgendwann guckte ich dann auch mal nach, was sie da eigentlich dauernd zu gucken hat und staunte nicht schlecht: riesige, dicke Schlangen (für hiesige Verhältnisse), alle 2 Meter (!) so ein zusammengekringeltes reptiles Tau (Durchmesser 3 bis 5cm, Länge gottseidank nicht feststellbar, aber enorm viele Tauwindungen), das sich an der steilen Uferböschung sonnt oder munter den Kopf hebt und züngelnd den Hund anguckt, mal schwarz, mal grüngrau mit Muster, ich will’s gar nicht wissen, wie die Genossen heißen und was ihre Hobbies sind.

Am See unten sitzend, in einer schlangenfreien, aber ameisenreichen Wiese, vermissen wir dann die liebe D., die eigentlich mitkommen wollte, aber leider noch zu erkältet war, und überhaupt hängt ein Hauch Wehmut über fast allem an diesem Nachmittag, an dem passenderweise kaum etwas zum Verweilen einlädt.

Vater und Sohn, die nette Almbekanntschaft, holen uns nochmal ein, gemeinsam läuft man am Seeufer zurück zum Ausgangspunkt (was für eine Woche: gleich 2x mit Fremden gewandert), und auch die beiden umwittert ein Hauch von Wehmut, denn dem Vater tut das Knie sehr weh und dem Sohn schwant, dass das die letzte gemeinsame Tour gewesen sein könnte, und während Vater müde am See unten sitzenbleibt, steigen Sohn und ich nochmal ein Stück hinauf zum Parkplatz am Kesselberg, wo die Autos stehen, und reden über unsere Väter und das Älterwerden.

Und über unsere Hunde, seiner schon ein paar Jahre tot, aber allein die kurze Erwähnung der ach so guten Zeiten mit dem wunderbaren Cockerrüden treibt dem Sohn die Tränen in die Augen – und ich bin sehr froh um meine Sonnenbrille.

Nun soll’s hier nicht so trüb enden, das Erzählte war ja schließlich gestern und heut sieht die Welt schon wieder bunter aus, die Isar funkelte so schön in der Sonne und das Frisbeespielen im Wasser hat viel Freude gemacht, vor allem dem Dackelfräulein, und während ich die Handyfotos von gestern so durchscrolle, entdecke ich da noch eines, das den pragmatischen Charakter und das bayrische Gemüt der Wirtsleute oben auf der Alm (seit eh und je dasselbe Ehepaar) ebenso prima beschreibt wie die offenbar ständig deppert mit dem Milchkanndl herumhantierenden und herumpritschenden Gäste – und mit diesem Bild wollen wir heut enden.

Und denen, die nicht lesen können, sagt der Wirt einfach kurz Bescheid: Da Deckl bleibt drauf und a Rua is!
Haben Sie einen schönen, geruhsamen Abend.

Mein erstes Mal oder: Der Shitstorm.

Braver Dackel? Unerzogene Bestie? Streuner auf Hetzjagd? In den falschen Händen? Oder in gar keinen, da ja sichtbar ohne Leine unterwegs?

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Vor ein paar Tagen war ich mitten in der Stadt in dichtem Schneetreiben mit dem Dackelfräulein spazieren.
Die Isarauen waren bis auf etliche Hundebesitzer und ein paar hartnäckige Jogger wie leergefegt. Ich entdecke unter einer Isarbrücke ein neues Graffiti, zu dem mir sofort ein Song einfällt: Three little birds. Wenig später entdeckt das munter durch den Schnee sausende Dackelfräulein ein Brotstück, für das sich zeitgleich auch eine Krähe interessiert. Ich schieße ein Foto. Die Krähe ist schneller. Dann fällt ihr das Brotstück aus dem Schnabel und Pippa will es sich schnappen. Wieder hüpft die Krähe zu ihr. Ich schieße wieder ein Foto. So geht das kurz hin und her. Als die Krähe heftig kräht, guckt mein Hund sie an und geht einen Schritt auf sie zu. Die Krähe setzt zum Wegfliegen an, das Dackelfräulein läuft ihr drei Meter hinterher. Ich schieße ein drittes Foto. Pippa dreht wieder um und will zu dem Brotstück zurück, das sie bedeutend mehr interessiert als jede Krähe. Derweil landet die Krähe wieder und linst zu ihr hinüber. Ich untersage dem Fräulein, das Brotstück zu fressen. Wir gehen weiter.

Später sitze ich im Café und stelle ich vier Fotos in meinen Blog: das Graffiti von den drei Vögeln sowie die drei Fotos vom Dackelfräulein und der Krähe. Dazu den Song, der mir ohrwurmartig während des Spaziergangs durch den Kopf ging.

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Zwei Tage später pöbelt mich ein Blogger an (nachzulesen in den Kommentaren zu diesem Beitrag): In der Momentaufnahme von Pippa und der auffliegenden Krähe sieht er einen Hund, der in einem Naturschutzgebiet auf der Hetzjagd war und dessen Besitzerin das als lustiges Spiel betrachtet und die ihrem Hund jederzeit gestatten würde, Wildtiere aufzuscheuchen, weil ihr nämlich Tier- und Naturschutz schnuppe sind.
Zugleich ist dieser Blogger sogar in der Lage, aus Fotos ein Bellen herauszuhören – manche Menschen haben erstaunliche Gaben!

Er fragt nun nicht etwa nach, wie die Situation eigentlich war: Befand sich der Hund in einem Gebiet, in dem Freilauf gestattet ist? Handelte es sich um ein Naturschutzgebiet? Ist der Hund überhaupt einer, der jagt? Hat die Besitzerin ihren Hund gut erzogen, so dass er abrufbar ist? Kam durch diesen Hund schon jemals irgendein Tierchen oder Menschlein zu Schaden?
Nein, er fragt gar nichts, sondern er weiß durch das bloße Betrachten eines einzigen Fotos Bescheid, was hier Sache war, und er weiß noch viel besser, wie die Sache zu bewerten ist und fällt deshalb sogleich sein Urteil: Es handelt sich um ein grobes Fehlverhalten eines „Dümmlings“ (=Hundebesitzer).

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Obwohl der Kommentar sprachlich wie inhaltlich ziemlich ungehobelt daherkommt, schalte ich ihn dennoch frei und nehme ausführlich Stellung zu dem Anwurf.
Erkläre dem Pöbler die konkrete Situation, stelle klar, wie wir unseren Hund erzogen haben, erläutere, dass sie keinen Wildtieren oder Vögeln hinterherjagt und wir sie auch niemals dazu animieren würden. Wir achten die Natur, wir lieben nicht nur unseren Hund, sondern alle Tiere, verhalten uns daher draußen angemessen achtsam und vorsichtig, in Naturschutzgebieten halten wir uns an die Regeln und meiden sie – unterwegs mit Hund – am besten ganz.

Das alles interessiert diesen Blogger aber gar nicht, er geht deshalb auch mit keiner Silbe darauf ein, sondern haut den nächsten pauschalen und oberlehrerhaften Kommentar raus, schert weiterhin alle Hunde und Hundebesitzer über einen Kamm, fordert eine grundsätzliche Anleinpflicht für alle Hunde (und zwar überall) und bezichtigt mich der Uneinsichtigkeit, Unbelehrbarkeit und Blödheit.

Ich beende die Diskussion, da man mit Rechthabern und Prinzipienreitern ja nicht diskutieren kann. Wenn man schon zu Beginn der Debatte spürt, dass einer eh nur seine eigene Sicht loswerden will, keinen Dialog führen kann, nicht genauer hinzusehen, zuzuhören oder zu differenzieren bereit ist und auch nur in einer Dimension denken kann, ist der Weg zum Fundamentalismus nicht mehr weit.

Am nächsten Morgen poltert der allwissende Leinenzwang-Vertreter in seinem Blog nochmal ordentlich los, verdreht die Situation erneut und stellt die Sache wieder so dar, als hätten wir im Naturschutzgebiet mutwillig Jagd auf Vögel gemacht und würden das auch grundsätzlich tun, weil wir depperte Rüpel sind. Hundehalter eben. Die sind nämlich größtenteils unfähige, uneinsichtige Idioten, im Grunde gehören die ebenso an die kurze Leine wie alle Hunde.
So dargestellt bekommt er natürlich eine Menge Zuspruch statt einen Maulkorb, der einer solchen Verleumdung angemessener wäre.

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Einer der großen Vorzüge Münchens ist, dass die Stadt ihren Zamperln in sehr vielen Gebieten Freilauf zugesteht und man kann nur hoffen, dass das so bleibt und einem nicht ein paar Deppen, die ja unter Hundebesitzern nicht mehr oder weniger vertreten sind als in allen anderen Personengruppen auch, diese Freiheit eines Tages beschneiden.
Nach meiner nunmehr siebenjährigen Erfahrung funktioniert dieses „Leben und leben lassen“-Prinzip hier auch relativ gut.
Die Idee, einen Hundeführerschein verpflichtend einzuführen, finde ich dennoch hervorragend.
Je besser der einzelne Mensch Hund erzogen und artgerecht ausgelastet ist und sozialisiert wird, desto weniger Konfliktpotential gibt es unter Hunden, die draußen aufeinandertreffen – dasselbe gilt für Begegnungen zwischen Nicht-Hundehaltern und Hunden.
Je mehr der einzelne Hundehalter über die rassespezifischen Bedürfnisse und Veranlagungen seines Hundes weiß und damit umzugehen lernt, desto besser für Mensch und Tier. Generell würde mehr Wissen – und wo dies noch fehlt: ein aufklärender Dialog, der respektvoll geführt wird – allen Beteiligten nicht schaden.

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Der Hund ist ein Bewegungstier.
Allen Hunden pauschal den Freilauf zu verbieten, sie immer und überall an der (kurzen) Leine zu führen, widerspricht einem der Grundbedürfnisse, die ein Hund hat. Wer seinem Hund nicht genug Bewegung ermöglichen kann, wer nicht die Zeit, Mühe und Geduld aufbringen möchte oder kann, um mit seinem Hund in Gebieten, in denen das erlaubt ist, einen verantwortungsvollen Freilauf zu praktizieren oder zu trainieren, der sollte sich vielleicht besser gar keinen Hund zulegen.
Die großen Jagdhunde (besonders modern hier in der Stadt: der Weimaraner), die von manchen Menschen wie edle Statussymbole an schicke Kinderwägen angebunden täglich nur eine Runde durch den Englischen Garten geschleift werden, sind ebenso zu bedauern wie die sogenannten „Handtaschenhunde“, die oft nur deshalb zu ängstlichen Kläffern werden, weil sie mehr in der Handtasche oder auf dem Schoß sitzen müssen als sich bewegen und mit Artgenossen oder ihren Menschen toben zu dürfen.

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Probleme kann es im öffentlichen Raum immer dort geben, wo einem Rücksichtslosigkeit, Aggression, Gewalt, Ignoranz oder Dummheit über den Weg laufen. Und das ist ja beileibe nicht nur auf Gassirouten begrenzt, sondern kann einem überall begegnen.

Wenn mich 1x nachts ein Mann auf der Straße angegriffen hat, kann ich das als schrecklichen Einzelfall betrachten oder unreflektiert und pauschal auf alle Männer übertragen und sie fortan als potentielle Täter betrachten.
Wenn ich 1x mitten auf dem Gehweg in einen Hundehaufen getreten bin, kann ich das als sehr ärgerlichen Einzelfall betrachten oder ab sofort allen Hundebesitzern unterstellen, dass sie die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner rücksichtslos liegen lassen.

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Mein erster kleiner Shitstorm…
Wie sich das anfühlt? Nicht gut!

Weil es sich nie gut anfühlt, es mit Menschen zu tun zu bekommen, die so schnell und unhinterfragt urteilen, zudem noch pauschale und harte Urteile fällen, andere auf Basis ihrer nicht überprüften Unterstellungen verurteilen und die sofort „wissen“, wie etwas gewesen ist, obwohl sie selbst nicht mal dabei waren.

„Ich wollte dir nicht zu nahe treten“, schrieb mir jener Blogger.
– „Nein, zu nahe getreten trifft es auch nicht. Sondern plump und blindlings drübergetrampelt.“

Wie schön, dass es in der Blogosphäre mit nur einem einzigen Klick möglich ist, jemandem nachhaltig aus dem Weg zu gehen.

Von einem sonnigen Spaziergang an der südlichen Isar grüßt Euch (mit wohlerzogenem, frei laufendem und vergnügten Dackelfräulein an meiner Seite) –
Die Kraulquappe.

Steiler Zahn.

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Da kraxeln das Dackelfräulein und ich den recht steilen Zahn und die zackige Sonnenspitze hinauf und von dort wieder zur Alpenvereinshütte mit Zugspitzblick hinab, das Stimmungsbarometer (zumindest vorübergehend) ebenso im Aufwärtstrend wie das Thermometer, und dann sind da herobn auf der Hüttn kurz vor uns unerwarteter- und, wie die Wirtin grantig anmerkt, auch unangemeldeterweise zwei Schulklassen eingefallen und haben uns alle Portionen des AV-Bergsteigeressens weggefressen.

So wird das heut‘ eine sehr preiswerte Einkehr, nur mit einer leichten Weißen und dem Steckerleis aus der Kindheit, das grad ein Revival erlebt. Dolomiti, allein der Name ein Versprechen, heut‘ erneut gegeben unter dem Himmel der Bayern (übrigens: exakt da herobn begann sie seinerzeit, die gleichnamige Serie auf diesem Blog – ist das echt schon zwei Jahre her?!). Nur die grüne Schicht vom Dolomiti, die ist nicht mehr das, was sie vor 35 Jahren mal war.

Und ich lobe mir mein Proviantsackerl mit Käsebrot und Tomaten, da ist man unabhängig von Schulklassen und Nahrungsangebot und hat eh die bessere Qualität zwischen den Kiemen (nun, da man ja en detail weiß, was da so serviert wird, auf den Hütten).

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Die Welt ist ja klein.

Am Nachbartisch ein junger Mann, der freundlicherweise das Dackelfräulein observiert während ich mich umziehen gehe. Das Observieren ist nötig, weil Pippa den permanent auf der Terrasse herumpatrouillierenden Hüttenhund noch mehr hasst als die zahlreich umherschwirrenden Fliegen.

Aus dem Waschraum kann ich hören, dass der junge Mann gut zu tun hat. Hernach danke ich ihm herzlich, wie souverän er die Bellattacken gemeistert hat. Wir kommen ins Gespräch. 6. Semester Klavier an der Musikhochschule (meine Güte, so jung!). Und er kennt natürlich den hochbegabten Sohn des toten Freundes (wie gesagt: die Welt ist klein). Er heißt jetzt nicht mehr wie sein Vater, erfahre ich. Hat seinen Nachnamen geändert, um den Vater und überhaupt die ganze Sippe zu vergessen. Als ob man seine Wurzeln loswürde, wenn man die Blätter oder die Rinde anders einfärbt. Der neue Nachname lässt mich dennoch auflachen (ins Deutsche übersetzt bedeutet er: „der Glückliche“) und ich weiß, dass der tote Freund mitlachen würde, wenn er davon erführe (später werde ich an einer einsamen Stelle am Berghang gen Himmel gucken – wenngleich es gen Erde logischer wäre – und es ihm sagen).

Das Piano bespielt der Sohn wohl immer noch göttlich. Möge er seinem neuen Namen die Ehre erweisen und glücklicher sein als sein Vater.

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Unterwegs zwei Bergdialoge.

Nr. 1: (Ein Paar – dicker Bayernprolet mit angeheirateter, dünner Katalogthailänderin – kommt uns in Turnschuhen entgegengehatscht, die zierliche Frau kiekst vor Begeisterung als sie Pippa erblickt.)

Sie: „Bist du ein süßer Hund! Komm mal her!“

Er: „Des is a Dackl. A Rau-haar-dac-kel. Heast?“

(Dackelfräulein reagiert auf Weiberkieksen grundsätzlich mit wildem Gewedel und Wadln-Abschlecken. Auch bei dünnen thailändischen Wadln.)

Sie (kreischt nun): „Iiiii! Der hat ja eine Zunge!“

Er (dumpf, repetierend): „Des is a Rau-haar-dac-kel, heast?“

Nr. 2: (Vom lustlosen Kinde, der Hitze und einigen Wochen Sommerferien zermürbte Kleinfamilie schlurft durch den Bergwald. Tochter bleibt schon wieder stehen. Pippa und ich setzen zum Überholen an.)

Mutter (süßlich-streng): „Nein, Annalina, die Beere darf man nicht essen. Das ist eine Tollkirsche und die ist giftig.“

Tochter (sehr fix): „Aber warum heißt die dann ‚toll‘, wenn die so böse ist?“

Vater (lakonisch): „Vieles im Leben ist eine Mogelpackung.“

Tochter: „Was ist eine Mogelpackung?“

(Leider muss ich in dem Moment das Fräulein anleinen, weil ich Rotwild erspähe und bekomme daher die Fortsetzung der väterlichen Lebensweisheit nicht mehr mit.)

Bergwandern allein hat schon auch was für sich.

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Ein langer Marsch heute. Wir sitzen nun bei Zweitgetränk und Zweitnapf im Tal, kühles Gras unter unseren Füßen.

Erinnerungen an dieselbe Tour vor ca. 12 Jahren. Ich damals auf dem Höhepunkt meiner Rastlosigkeit, unterwegs zwischen mancherlei Extremen, citius-altius-fortius war die Devise, wie eine Getriebene, den Kopf voller Ziele, niemals frei ‚da oben‘.

Geschunden hab‘ ich mich, gerannt bin ich als wär‘ ich auf der Flucht, vielleicht war ich’s auch. Dabei ist Alpinismus weder Sport, noch Wettkampf, sondern eine Art Philosophie, eine Lebensform.

Meinem kleinen Hund sei Dank, dass ich das grad noch früh genug kapiert habe.

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Song des Tages (21).

Einfach mal so aus der aktuellen Gefühlslage heraus.

Und weil es sich schlecht einschlafen lässt, wenn im Hinterhof zwischen den Garagen und den Mülltonnen zwei aus dem Nest gefallene (oder verjagte) Amseljunge sitzen und fiepen. Ein Drittes hat sich tagsüber der Habicht schon aus einem anderen Hinterhof geholt und auf den Garagendächern verspeist – die Amselmutter nebenan im Baum panisch zeternd -, und mehr als ein Schälchen Beeren hinstellen (als Futterquelle ohne weite Flugwege) und regelmäßig aus dem Fenster gucken, ob sich Habichte oder Katzen nähern, kann (und soll) man halt nicht tun.

Schwer auszuhalten, wenn das Nervenkostüm sich grad eh etwas rissig anfühlt.

There’s a dark cloud rising from the desert floor
I packed my bags and I’m heading straight into the storm

Gonna be a twister to blow everything down
That ain’t got the faith to stand its ground

Blow away the dreams that tear you apart
Blow away the dreams that break your heart
Blow away the lies that leave you nothing but lost and brokenhearted

(The harmonica like a cheeping little blackbird, somehow.)

Geschüsselt, nicht geniert.

Gestern im Moloch „Mietwohnungsmarkt“ einen neuen Tiefpunkt erreicht.

Mittäglicher Besichtigungstermin in einem der bevorzugten Viertel, eigentlich den Fotos nach die Traumwohnung. Vom Balkon hätte man fast ins geliebte Schwimmbecken gucken können. Hundehaltung erlaubt (!), rund um die Wohnanlage Grünstreifen en masse fürs Dackelfräulein, sogar ein Stellplatz fürs Gefährt, zunächst netter Kontakt zu den Vermietern per Mail.

Dezenter Hinweis einen Tag vor Besichtigung, dass aus unerfindlichen Gründen das Parkett etwas geschüsselt habe („geschüsselt“?, nie gehört! – wir googeln das erstmal, aha: „geschüsselt“ kann man also ganz wörtlich nehmen!), vielleicht die Kälte oder so, oder das viele Lüften während der Badrenovierung, man müsse da nun nach einer „gemeinsamen Lösung“ suchen.

Die sah dann vor Ort, als sich beim Anblick des durchgehend geschüsselten Holzbodens unsere Zehennägel vor Schreck beinahe ebenfalls zu schüsseln begannen, so aus, dass der kleinkarierte, näselnde Schwabe allen Ernstes vorschlug, der Mieter dürfe sich ein Parkett ganz nach eigenem Geschmack aussuchen und das dann in Eigenregie verlegen lassen. Natürlich auf eigene Kosten („desch koschd au ned mehr als 6.000€!“). Und vorher müsse halt der geschüsselte Boden entfernt werden, sind ja nur schlappe 80m². Natürlich auch auf eigene Kosten.

Mietbeginn müsse dennoch zum 1. März (gestern war der 25. Februar!) sein, man könne sich jetzt unmöglich noch weitere Monate Leerstand leisten (gerade sei der Umzug ins eigene Haus erfolgt). In 4 Tagen sicher eine etwas sportliche Leistung, aber wenn man gleich morgen loslegte, ja durchaus zu schaffen (er habe da einen Bekannten an der Hand…, wenn man wolle, stelle er den Kontakt her…).
Dafür sei die Kaltmiete ja auch absolut fair (einen Kotau dafür: sie lag nur 250€ über dem nach gültigem Mietspiegel ermittelten Preis für diese Lage und Ausstattung, anderswo liegt sie schon mal 400€ drüber).

Worin das „Gemeinsame“ dieser Lösung bestand, wurde nicht verraten. Dafür verriet man uns beim Streifzug durch die Wohnung an der einen oder anderen Stelle noch die bis dahin nirgends erwähnten Ablösesummen für uralte Schränke oder Regale in potthässlichem 80er-Jahre-Design („desch is Massivholz, desch häld no a Ewigkoit!“).
Wir kamen recht gut an bei dem Vermieterpaar, hatten beste Chancen, den Zuschlag für die Wohnung zu bekommen.

Nach dem Termin schlich ich deprimiert um die Ecke zum Schwimmbad, sprang bei minus 8 Grad Außentemperatur ins geliebte Becken, schwamm mir den Frust aus den Knochen, ließ mir den eisigen Wind um Nase und Schultern wehen, und schrieb danach eine vernichtende Email an den kleinkarierten, näselnden Schwaben. Dass wir natürlich wüssten, dass es Gang und Gäbe sei, aus der Wohnungsknappheit ungeniert Kapital zu schlagen, und dass das mit Sicherheit leider auch in seinem geschüsselten Fall von Erfolg gekrönt sein würde, er sich aber andere Deppen als uns suchen müsse, denen er zum 1. März seine renovierungsbedürftige Bude zum schwäbischen Schnäppchenpreis andrehen könne.

Manchmal überkommen mich Mordgelüste und Amokphantasien (das schrieb ich ihm nicht, ich hab mich schließlich im Griff).
Das Schlimmste sind die Ohnmachtsgefühle und diese immer wieder entstehende und wenig später sich zerschlagende Hoffnung.

Am Abend liegen wir wie erschlagen auf der Couch, stöbern in den diversen Wohnungsportalen, schütteln die Köpfe und schütten uns die Gläser voll.
Zwei brauchbare Angebote finden wir noch, von denen eines bei näherer Betrachtung sofort unter den Couchtisch fällt, da Absätze wie diese an Tagen wie diesen nichts als ein inneres Messerwetzen auslösen:

Zum Besichtigungstermin bringen Sie bitte Folgendes mit:
– gültiger Personalausweis / Reisepass
– Bonitätsauskunft der Schufa
– Gehaltsnachweise der letzten drei Monate
(alternativ Steuererklärung bzw. Bestätigung durch Wirtschaftsprüfer / Steuerberater bei selbständiger Tätigkeit)

– Schriftlicher Nachweis der Mietschuldenfreiheit vom letzten Vermieter
– Mieterzeugnisse vom Vorvermieter bzw. bisheriger Mietvertrag und Kontaktdaten vom Vorvermieter.

[Habt ihr jetzt vollends den A…. offen: „Mieterzeugnis“?!? Und wo bleibt das Gegenstück, das „Vermieterzeugnis“? Wo kann man endlich Noten vergeben für die Kategorien „Ausbeutung & Abzocke“, „Schamlosigkeit & Schurkerei“, „Gier & Geiz“?]

Irgendwann schlägt der Gatte, müde am Rotwein nippend, vor, doch mal „völlig verrückt“ über das ganze Thema nachzudenken:
Auswandern nach Bodø (er hatte da doch mal einen universitären Kontakt)?
Raus aufs Land (neulich sah ich ein Inserat eines herrlichen Hauses am Schliersee, zum Preis einer Zweizimmerwohnung in München)?
Drastisch verkleinern (Möbel verkaufen, das Wohnzimmer abschaffen, Abende mit Gästen kriegt man auch am Küchentisch rum)?

Wir surfen weiter suchend durchs Netz, vom Nordkap bis zum Alpennordkamm, vom Haus am See übers Appartment in der Au und Schwabinger Hochhäuser bis hin zur Hütte in den Bergen.

Meinen Sonntag beende ich mit diesem Bild:

48m² Wohnfläche, 1.600m² Dackelfläche, 800€ warm.

Kann man dann auch entspannt Teilzeit arbeiten, ist ja nix mehr groß zu finanzieren.
Urlaube und Ausflüge überflüssig, den Berg vor der Nase habend und das Karwendel einen Katzensprung entfernt.
Ich von dort aus direkt hoch zur Hütte für den Saisonjob, der Gatte 1x wöchentlich zur BOB für den Einsatz in Frankfurt.
Klamotten braucht man eh nicht mehr viele, ist auch kein Platz da, um die aufzuhängen (außer draußen).
Stattdessen: Gartenhausbau erwägen. Oder gleich ein Austragshäusl für die Teckelzucht.
Wohnzimmerfrage kann man ebenso abhaken wie den ganzen Schwachsinn mit offenen Küchen und modernen Belüftungssystemen.
Kino etc. haben wir sowieso reduziert seit wir den Hund haben und ein DVD-Player nimmt nicht viel Platz weg.
Die Süddeutsche kann man auch online lesen. Der Paketbote hat endlich Platz zum Parken und stört niemanden sonst.
Grünstreifensuche entfällt ebenfalls, eher sucht man nach der Teerstraße für die Fahrt ins Dorf, zum Einkaufen.
Aber das ginge auch mit dem Bollerwagen.
Zeit hat man dann ja ebenfalls, und der Dackel würde sich gut machen vorn drin im Wagerl, so als bayerische Galionsfigur.

Um 21 Uhr verkrümle ich mich ins Bett, absolviere so mühelos wie selten einen zehnstündigen Erholungsschlaf.
Träume von planen Ahornholzböden in überteuerten Wohnungen, wackligen Baumhäusern in dichten Wäldern und windigen Tipis am tosenden Wildbach.

Neue Woche, neues Glück.

Selbiges wünscht Euch
Die Kraulquappe.

Von Unschuld und Liebe oder: Die vierte der zwölf Rauhnächte.

Als ob Weihnachten einen nicht schon genug strapazieren würde. Mitten in diesem großen Familien-, Feier- und Fress-Spektakel beginnen auch noch die Rauhnächte. Zwölf an der Zahl und mythologisch recht aufgeladen, da für unsere Vorfahren jede dieser Rauhnächte (inkl. des dazugehörigen Tages) stellvertretend für einen Monat des folgenden Jahres stand und kräftig zum Deuten und Oraklen herhalten musste.
Alles wurde beobachtet: das Wetter, die Träume, das Befinden, die Bekömmlichkeit der Mahlzeiten, kleine Probleme, große Sorgen.
Alles hatte Bedeutung, und wer in der Lage war, diese herauszulesen oder hineinzulegen, der konnte für den dazugehörigen Monat des bevorstehenden neuen Jahres so kluge und hilfreiche Prognosen treffen wie: „im Januar führt einen jemand aufs Glatteis“ oder „der April wird ein regenreicher Monat“ oder „im Juni droht Durchfall“ oder „im Oktober erschlägt man die Nachbarin aus dem 2.OG“.

Dem 28.12. kommt innerhalb der Rauhnächte eine besondere Bedeutung zu: Es ist der Tag der unschuldigen Kinder.
Und es ist Pippas Geburtstag. Zwei Tatsachen, die nicht wirklich harmonieren.

Wer das Dackelfräulein beispielsweise gestern in den Wäldern gesehen hätte, wüsste sofort wieso, weil er/sie dann miterlebt hätte, wie der kleine Raubauz ins Unterholz abgehauen ist, um sich dort an einem halb verwesten Rehschädel zu laben (ja, da war immer noch ein bisschen was Leckeres zum Abnagen dran!), dass es nur so knusperte.
Bis Sie da hinterher kommen, um Ihrem Hund – der natürlich in solchen Augenblicken von Spontan-Taubheit befallen wird – am Tatort ein Stück Rehunterkiefer aus dem Maul zu fischen, rieseln Ihnen im Unterholz nur so die Tannennadeln zum Mantelkragen hinein, und während Sie dann grad versuchen, sich die stinkenden, klebrigen Finger abzuputzen, um sich im Anschluss daran die Jacke und den Pullover ausklopfen zu können (so Tannennadeln am Rücken pieken ganz ordentlich!), sehen Sie auch schon aus den Augenwinkeln, dass sich Ihr Hund in diesen 15 Sekunden hinterrücks nochmal ans Buffet gepirscht hat, um sich ein Dessert zu schnappen. Sie verbrauchen ca. fünf Taschentücher für die ganze Sauerei (Hund, Hände), ziehen für den Rückweg Ihre Handschuhe wegen eventueller Aasrückstände lieber nicht mehr an und marschieren fluchend und mit eiskalten Händen heimwärts, vor Ihnen schleicht Ihr Hund mit angelegten Ohren und hängender Rute übers Trottoir, dreht sich alle paar Meter zu Ihnen um und wirft Ihnen einen Blick der unterwürfigsten, leidvollsten, erbärmlichsten und treuherzigsten Sorte zu. Es geht nämlich auf 16 Uhr zu, Futterzeit am heimischen Napf, und da will man schon mal rechtzeitig beschwichtigen und sich wieder gut stellen mit dem Dosenöffner, der grad aus unerklärlichen Gründen so todbeleidigt herumschnaubt und grantig dreinschaut.

Das war nur ein Beispiel für die vielen freudigen Momente, die das Hundehalterjahr ebenso treu begleiten wie Zeckenpulen, Zähneputzen und Zyklusprobleme (um noch ein paar weitere zu nennen). Von Unschuld der am 28.12. Geborenen kann also keine Rede sein (handelt es sich zusätzlich um einen Dackel, gibt’s sogar „ab Werk“ noch das kostenlose Schlawiner-Upgrade obendrauf, Glückwunsch!).

Früher, so las ich, gab es am 28. Dezember den Brauch, dass Kinder den Erwachsenen lustige Streiche spielen durften, vereinzelt soll das in manchen Gegenden Bayerns und Österreichs noch heute der Fall sein. Aha.
Weil sich so ein Rauhaardackel um Rauhnächte genauso wenig schert wie um Brauchtum, Kirchentage und Jubiläen aller Art, spielt er einem ganzjährig lustige Streiche, tanzt einem mal mehr, mal weniger auf der Nase herum, versucht immer wieder hartnäckig, einem den Platz auf dem Chefsessel streitig zu machen oder einen wenigstens davon zu überzeugen, dass zwei Stunden im Regen aufregender sind als gemütlich daheim im Sessel zu hocken (ganz gleich, in welchem).

6 Jahre geht das nun schon so – und ungeachtet all der Gaunereien und Rangeleien gehören diese Jahre zum Besten, was mir je passiert ist: die Dosis an Freude & Liebe sowie an Naturerleben & Bewegung ist unübertroffen!

Dafür danke ich Dir, meine liebe Pippa, von ganzem Herzen und koche Dir, obwohl Du gestern im Wald schon Rehbraten hattest, für heute eine große Portion Hühnchenfilet.

Auf Dich, Deinen 6. Geburtstag & noch viele gemeinsame Jahre da draußen & hier drinnen!

Pippa, draußen (Hirschberg).

Pippa, drinnen (Haifisch).