Ge_danke_n 2018 (4).

Ein besonderer Dank gebührt meinem Lieblingsschwimmbad.

Auch in 2018 hat es wieder konsequent einen großen Beitrag zu meinem Wohlgefühl oder zur Reparatur meines oft angegriffenen Nervenkostüms geleistet. Bis zum Jahresende werden wir uns wohl 92x gesehen haben, damit haben wir den Highscore mal wieder nicht geknackt, was uns aber auch wurscht ist, weil man die Innigkeit unserer Beziehung ohnehin nicht in Zahlen ausdrücken kann, erst recht nicht, wenn man schon so lange zusammen ist wie wir.

Ja, ab und zu gehe ich auch mal fremd.
Das Freibad in Rottach-Egern hat schon was. Auch der Starnberger See oder der Tegernsee. Und 2018 habe ich sogar ein tolles Schwimmbad in Straßburg kennengelernt!
Aber letztlich komme ich immer wieder zu „meinem“ Schwimmbad zurück. Es geht mir nichts über dieses Ganzjahresfreibad mit 50-Meter-Becken, über meinen Spind, das Wissen um die am besten funktionierende der 10 Duschen, um all die eingespielten Abläufe dort (5 Min vom Betreten des Bades bis zum Beckenrand, das bekäme ich anderswo nie hin, schließlich muss man sich ja erstmal orientieren).

Wir sind wie ein eingespieltes Ehepaar. Nun gut, es gibt bisweilen mal Krisen, sogar kleine Sendepausen und Zerwürfnisse, aber hier geht es ja um die Betrachtung dessen, was schön war im zuendegehenden Jahr 2018, deshalb soll das Ärgerliche an dieser Stelle unerwähnt bleiben.

Und letztlich ich kann wirklich aus tiefster Überzeugung sagen: Ich möchte mit dir zusammen alt werden, liebes Dantebad!

Hund haben (14).

Ein Arzttermin steht an, die halbe Nacht nicht geschlafen deswegen.
Der Hund auch nicht, wegen ständigem Geputze in Sachen Läufigkeit und allgemeiner Unruhe. Keiner von uns findet eine Liegeposition, in der es länger als 15 Minuten auszuhalten ist. Also noch früher als geplant aufgestanden.
Um 6:45 Uhr, auf dem Weg zur Kaffeemaschine, im dunklen Flur über eines der Amazon-Pakete gestolpert, das man abends für die Nachbarn angenommen hat. Grad noch derfangen.

Geduscht, angezogen. Eine Mail beantwortet, keine leichte Kost, und das auf nüchternen Magen.
Den Hund zum Morgengassi gerufen. Kommt im Schneckentempo zu mir gestakst, guckt sehr kläglich, versucht sich hinzusetzen, was aber irgendwie nicht klappen will, krümmt den Rücken und steht dann wie ein Fragezeichen da während ich ihr das Halsband anlege. Setzt sich auch im Aufzug nicht hin, seltsam. Unten im Hausflur schlurft sie wie eine Oma Richtung Tür, sicherheitshalber trage ich sie die 3 Stufen nach draußen. Die morgendlichen Verrichtungen auf dem Grünstreifen wirken ziemlich arthritisch. Im staksigen Gang zurück nachhause. Fressen klappte, immerhin.

Los zum Arzt. Zu einer Untersuchung, auf die ich gut und gerne lebenslang hätte verzichten können. Danach schnell noch in den Supermarkt. Dort Rücken verrissen beim Hochheben der zwei schweren Taschen. Nachhause gehumpelt.
Hund kommt nicht zur Tür geflitzt, obwohl sich in den Einkaufstaschen auch Käse befindet. Beim Einräumen des Kühlschranks biegt der Hund dann doch noch um die Ecke, guckt aber nicht halb so gierig wie sonst, will sich hinsetzen und schwankt und zittert. Ab da bin ich im akuten Beobachtungsmodus. Lasse mich am Schreibtisch nieder und arbeite, rücke den Hundekorb in Sichtweite.

Es klingelt. Der DHL-Bote bringt ein Paket. Er übergibt es mir, ich kritzle mit dem Plastikstift meine spezielle DHL-Unterschrift aufs Display und stelle das Paket neben mir im Flur ab.
In dem Moment ist sonnenklar: der Hund hat Schmerzen und zwar stärkere Schmerzen. Denn: der Hund kommt absolut immer zur Tür gepest, um ein Paket zu inspizieren. Ausnahmslos und immer. Normalerweise nimmt quasi der Hund dem Paketboten das Paket ab.

Fräulein Hund aber sitzt in ihrem Korb und blickt drein wie ein Häufchen Elend. Aus Fairness trage ich das Paket zu ihrem Korb und packe es dort aus. Schließlich leistet sie mir sonst immer Gesellschaft und überhaupt ist das ein Ritual zwischen uns: Wenn ich mit dem Teppichmesser ein Paket aufschlitze, ist sie grundsätzlich mit von der Partie. Immer darf sie das Füllmaterial aus dem Karton zupfen, am meisten liebt sie die Luftpolsterfolie, am allermeisten, wenn diese meterlang ist. Sie versucht, aus dem Korb zu steigen, bleibt aber an den Hinterläufen hängen, sinkt zurück und schaut noch dramatischer. Ich taste sie ab, sie zuckt und der eine Hinterlauf vibriert.

Um 12 Uhr habe ich den nächsten Termin. Der Hund muss mit, weil wir von dort aus gleich Gassigehen können, im Olympiapark. Aber der Hund kommt kaum bis zur Wohnungstür. Im wackligen Tippelschritt schafft sie es bis zum Auto, ich hebe sie hinein. Wie ich dann sehe, klappt auch das Hinlegen schlecht.
Auf der Fahrt wimmert sie. Mir schwant nun: statt des Mittagsgassis werden wir zum Tierarzt fahren. Besser jetzt als an den Feiertagen, wenn wieder alle was haben. Leider ist unser Tierarzt bereits im Urlaub. Also ab in die Veterinärstraße 13, Uni-Tierklinik. Der Hund war schon 2x mit dem Gatten dort, ich war seit dem Todestag des Vorgänger-Hundes nicht mehr dort. Wollte da am liebsten auch nie wieder hin. Ist aber nunmal die nächstgelegene Klinik und da der Gatte in Frankfurt ist, trifft es diesmal eben mich.

Über das Gelände verteilen sich mehrere Baracken, alle etwas heruntergekommen. So sah das schon vor 17 Jahren aus, als ich zuletzt dort war. Aber einen guten Ruf haben sie, und der Gatte war die beiden Male dort auch zufrieden.
Das Einparken ein kleiner, schweißtreibender Alptraum. Alles viel zu eng, Wenden nahezu unmöglich. Ich steige aus und trete in Pferdeäpfel. Hier werden auch Großtiere behandelt. Auf dem Weg zur Kleintierklinik kapiert der Hund, wo er ist und schaut mich vorwurfsvoll an. Von Baracke 1 (Poliklinik) werden wir zu Baracke 3 (Chirurgische und gynäkologische Kleintierklinik) geschickt. Unterwegs sehe ich eine Ausschilderung zur „Adipositas-Sprechstunde Hunde/Katzen“. Meine Güte, was es nicht alles gibt!

Am Anmeldetresen nenne ich den Nachnamen des Gatten, schließlich war er bislang mit dem Dackelfräulein dort vorstellig geworden. Die Sprechstundenhilfe findet nichts. Sie versucht es über den Namen des Hundes, wieder nichts. Auch das Geburtsdatum des Hundes ergibt keinen Treffer. Schließlich nenne ich meinen Nachnamen und siehe da: die Patientenakte taucht nun auf. Kniescheibentiefstand 2012, gynäkologische Untersuchung 2016. Ich frage mich kurz, ob ich gerührt oder irritiert sein soll, dass er sie dort unter meinem Namen angemeldet hat. Egal. Wir dürfen Platz nehmen. Also ich, denn der Hund kann nicht „Platz“ machen, weil ihr ja was weh tut. Sie bleibt erstmal stehen und schaut unglücklich. Man weist mich darauf hin, dass es „a bisserl dauern ko“, denn wir sind ja ohne Termin gekommen.

Zwei Stühle neben uns röchelt Verwandtschaft: Langhaardackel Rosi. Schwere Koliken seit gestern Abend, kein Kotabsatz, dafür ständiges Erbrechen. Ich hasse es, wenn mich andere Leute ungefragt und ellenlang mit Diagnosen vollquatschen. Die Frau ist furchtbar, ihr Dackel würgt vor sich hin.
Mir wird schlecht. Und mir fällt ein, dass ich außer einem Toast ja heute auch noch nichts gegessen habe. Ich schicke dem Gatten eine Whatsapp nach Frankfurt und frage, wo es hier was zu Essen gibt. Der Gatte, ein alter Schwabing-Kenner, schickt mich zum Milchhäusl-Kiosk, gleich neben dem Klinikgelände. Super. Dort hole ich mir eine Breze und einen Kaffee. Ist auch für den Hund besser als diese Wartezimmer-Atmosphäre. Die frische Luft tut mir gut, der kleine Imbiss erst recht.

Zurück im Wartezimmer. Rosi und ihr nerviges Frauchen sind leider immer noch da. Ich setze mich, um nicht asozial zu wirken, zwar auf dieselbe Raumseite, lasse nun aber bewusst vier Stühle Abstand zwischen uns. Rosis Frauchen schaut beleidigt und quatscht dann Rosi voll.
Eine Mutter mit Tochter und einem riesigen Schäferhund an der Leine betreten den Raum. Zwei angeschlagene Dackel führen sich kurz wie die Wilden auf. Um die wichtigsten Vitalfunktionen ist es also noch recht gut bestellt.
Es folgen: ein Ehepaar mit uraltem Terrier, ein Teenager mit französischer Bulldogge und zuletzt noch ein Checkertyp mit Checkerhund, beide üppig bemuskelt und mit sehr klötenbetonter Körpersprache. Die beiden setzen sich nicht hin, sondern bleiben äußerst maskulin und lässig am Tresen stehen. Der Checker erzählt der Sprechstundenhilfe seinen Scheißtag und das in einer solchen Scheißlautstärke, dass der riesige Schäferhund, der ein kleines Sensibelchen ist, zu jammern beginnt und auf Frauchens Schoß klettern will. Diese Unruhe missfällt dann auch dem uralten Terrier, er bellt blind in die Runde. Die französische Bulldogge, noch sehr jung, macht ein Angstpipi auf den Boden. Schlussendlich kläffen die beiden Dackel im Duett, dass die Kacheln fast von den Wänden fallen.

Ich flüchte mit dem Fräulein nach draußen, gehe nochmal eine kleine Runde durchs Klinikgelände. Dummerweise entdecke ich dabei die Bank wieder, auf der der Vorgängerdackel seinen letzten Atemzug tat. Momente, die man nie vergisst: wie plötzlich der Glanz aus den Augen wich und die Pupillen weit wurden und so starr. Das Klinikpersonal damals so nett, ihr die Todesspritze nicht drinnen, in einem der ihr so verhassten Behandlungszimmer zu geben, sondern draußen auf dieser Bank, Vogelgezwitscher um uns herum, direkt hinter uns der Englische Garten, einen Steinwurf nur bis zum Monopteroshügel, wo sie an guten Tagen unermüdlich den Karnickeln hinterhersauste. Mit einem Kloß im Hals betrete ich zum dritten Mal das Wartezimmer. Rosi und Frauchen sind weg, das heißt, wir müssten als nächstes dran sein.

Eine junge Tierärztin bittet uns in hinein. Das Dackelfräulein drückt sich eng an der Wand des hässlichen grauen Flures entlang Richtung Behandlungszimmer, ich nenne das immer ihren Schützengrabengang: sie geht in Deckung, sie macht sich klein, sie läuft noch bodennaher als ihre Anatomie es ihr eh schon vorgibt. Die junge Tierärztin fragt viel und gründlich und klopft parallel alles in den PC rein. Dann schaut sie sich den Hund beim Laufen und beim Versuch sich hinzusetzen, an. Sieht auch das Schwanken und die Vibration im Hinterlauf. Oben auf dem Behandlungstisch die übliche Generaluntersuchung, ist ja auch korrekt. Die ersten Blutstropfen landen auf dem Tisch. „Oh, Schatzilein, bist du läufig?“. Ja, Schatzilein ist läufig. Ich spüre eine erste kleine Genervtheit. Die zweite folgt kurz darauf. Alle vier Gliedmaßen werden einzeln untersucht, in alle erdenklichen Richtungen gebogen, abgetastet, gestreckt, gestaucht etc. Gefühlte 5 Minuten pro Lauf! Nichts gegen Gründlichkeit, aber der Hund wird von Bein zu Bein ungeduldiger, verkrampft sich und will dringend von dem doofen Tisch runter. Warum kann man da nicht bei dem Bein beginnen, das ich als das lahmende identifiziert habe?
Ärgernis Nr. 3: Mitten im Herumbiegen klingelt das Telefon der jungen Tierärztin. Sie sagt weder „Entschuldigung, ich muss da kurz drangehen“ noch sonstwas, sondern beginnt wie selbstverständlich ein Gespräch mit einer Kollegin. Es geht um die Absprache der Feiertagsdienstpläne. In aller Ausführlichkeit. Nebenbei fummelt sie weiter am Hinterlauf meines Hundes herum. Ich unterbreche sie in ihrer angeregten Diskussion und sage: „Könnten Sie bitte Ihre Privatgespräche nicht mitten in einer Untersuchung führen?“. Die Ältere zu sein hat schon auch so seine Vorteile: Sie beendet sofort ihr Telefonat und setzt die Beweglichkeitstests  wieder beidhändig fort.

Der Hund hat nun endgültig die Schnauze voll und fängt an zu zappeln und zu winseln. Es ist jetzt schwer zu sagen, ob ein Teil des Winselns irgendwelchen Schmerzen am Hinterlauf gilt oder nicht. Auch die junge Tierärztin ist sich da ganz unsicher. Als sie sich die Wirbelsäule vorknöpft, zuckt der Hund an zwei Stellen sehr heftig, aber ob das nun der erwünschte Reflex ist oder eine Schmerzreaktion, hm? Da muss sie die erfahrenere Kollegin holen. Die kommt erfreulicherweise nach 5 Minuten, guckt einmal auf den Hund, bemerkt sofort den gekrümmten Rundrücken, tastet mit ein paar gekonnten Handgriffen den ganzen Dackelkörper samt Hinterhand ab, findet keine neurologischen Defizite, aber einen sehr verhärteten Muskelstrang und einen stark angespannten Bauch. Womöglich im Tiefschnee am Montag überanstrengt? Und zusätzlich vielleicht eine leichte psychosomatische Gastritis, manche läufige Hündinnen neigten dazu. Aha. Soso.
Wir bekommen ein Muskelrelaxans mit und die Empfehlung, das weiterhin gut zu beobachten, auch das Fressverhalten.

Als wir die Klinik verlassen, beißt der hinkende Hund nach wenigen Metern in einen Pferdeapfel. Und zwar ganz sicher nicht aus hormonellen Gründen, sondern weil dieser Hund schon immer Pferdeäpfel geliebt hat.
Wir schleichen noch eine kleine Runde durch den Englischen Garten, erstmals heute bemerke ich die tollen Wolkenformationen am Himmel und das wunderbar goldene Licht, in das der Monopteros-Tempel getaucht ist.
Es ist 15:50 Uhr. Ich bin todmüde. Und habe noch nicht mal die Hälfte dessen erledigt, was heute eigentlich zu tun anstand.

Das Auto ist noch auf dem Gelände der Tierklinik geparkt.
Als wir dort ankommen, steht ein Pferd vor unserem Auto. Es ist an der Flanke rasiert, man sieht eine lange, dicke Naht. Neben dem Pferd steht eine Frau in meinem Alter und weint. Ich könnte auf der Stelle mitweinen. Für Umgebungen wie diese brauche ich ein Nervenkostüm, das ich an Tagen wie diesen und nach Nächten wie der letzten einfach nicht habe. Ich beiße mir auf die Unterlippe, nicke der Frau mitfühlend zu, deute ihr an, dass das unser Auto ist und sage: „Machen Sie bitte ganz langsam!“. Sie führt ihr Pferd beiseite, ich hebe das Dackelfräulein ins Auto hinein, steige dann selbst ein, schnalle mich an und fühle eine seltene Leere im Kopf: Wo bin ich eigentlich und wie komme ich bloß nachhause?
Ich rufe in Frankfurt an und frage den Gatten genau das. Er beschreibt mir die Strecke, nennt mir die wichtigsten Straßennamen und sogar eine Alternativroute, um den Feierabendverkehr zu umgehen, der vielleicht schon begonnen haben könnte. Was für ein Glück, wenn man einen Menschen hat, der einem den Weg sagen kann, in der eigenen Heimatstadt, die man eigentlich gut genug kennen müsste.

20 Minuten später bin ich zuhause, schließe wie ein Roboter die Garage auf, stelle das Auto hinein, trage den Hund hinauf in die Wohnung. Im Treppenhaus noch dem Hausmeister mechanisch frohe Weihnachten gewünscht. Dann dusche ich dem kleinen Dackel den ganzen Klinik- und Parkschmutz von Bauch und Pfoten ab, ziehe ihr das Höschen an und trage sie in ihr Körbchen. Hole ein Stück Käse aus der Küche, drücke eine halbe Tablette hinein und versenke beides im Hundeschlund. Bestelle mir – definitiv zu schwach für jeden weiteren Handgriff und schon ganz klapprig vor Hunger – bei Deliveroo ein frühes Abendessen. Unfassbare 14 Minuten später steht ein Student vor der Tür und drückt mir die Tüte mit dem Veggie-Burger und den Pommes in meine kalten Hände. Es lebe die wohlorganisierte Nahversorgung in der Großstadt.

Ein leckeres Ende eines von A bis Z lausigen Tages.

Schon das Leben ist ja kurz…

…aber das Jetzt ist wahrlich noch kürzer.

Ein langer Spaziergang mit dem Dackelfräulein durchs Isartal: Zum Auslüften der Atemwege nach der Chlorbleichenhölle. Zur Nervenberuhigung. Zum Innehalten.

Kalt isses geworden.

Danke an D., für gestern.

Song des Tages (21).

Einfach mal so aus der aktuellen Gefühlslage heraus.

Und weil es sich schlecht einschlafen lässt, wenn im Hinterhof zwischen den Garagen und den Mülltonnen zwei aus dem Nest gefallene (oder verjagte) Amseljunge sitzen und fiepen. Ein Drittes hat sich tagsüber der Habicht schon aus einem anderen Hinterhof geholt und auf den Garagendächern verspeist – die Amselmutter nebenan im Baum panisch zeternd -, und mehr als ein Schälchen Beeren hinstellen (als Futterquelle ohne weite Flugwege) und regelmäßig aus dem Fenster gucken, ob sich Habichte oder Katzen nähern, kann (und soll) man halt nicht tun.

Schwer auszuhalten, wenn das Nervenkostüm sich grad eh etwas rissig anfühlt.

There’s a dark cloud rising from the desert floor
I packed my bags and I’m heading straight into the storm

Gonna be a twister to blow everything down
That ain’t got the faith to stand its ground

Blow away the dreams that tear you apart
Blow away the dreams that break your heart
Blow away the lies that leave you nothing but lost and brokenhearted

(The harmonica like a cheeping little blackbird, somehow.)

Von der Versmoothieierung des Lebens.

Dank Villeroy und Boch hatte ich vor einigen Wochen eine Erkenntnis. Ihre Vorläufer schlummerten wohl schon seit Längerem unsortiert und nicht zu Ende gedacht in mir. Im Bad meines Hotelzimmers in Wien kam sie mir schließlich durch ein zufälliges Erlebnis zu Bewusstsein. So ist das ja oft mit Erkenntnissen, sie kommen nicht immer dann, wenn man nach ihnen sucht, sondern nebenbei.

Ich war auf dem Weg unter die Dusche, benutzte vorher noch die Toilette und wollte – da es neben der Dusche keinen Haken oder Handtuchhalter gab – mein Duschhandtuch auf dem Toilettendeckel ablegen, so dass ich nach der Dusche nicht tropfnass durchs Bad zum Handtuchhalter tappen musste, sondern das Handtuch in Griffweite läge. Ich wollte also den Toilettendeckel schließen, aber der Deckel war einer dieser hochmodernen Edel-Klodeckel, die nur nach einem kleinen Stupser verlangen, um sich dann sanft der Klobrille entgegen zu senken. Ein Vorgang, der ein wenig dauert (ich glaube, ich hatte zudem ein Wiener Modell erwischt, also ein besonders gemächliches). Und mich in dem Moment auch nervte, da ich einfach nur fix mein Duschtuch auf dem geschlossenen Deckel platzieren wollte, dann aber mit dieser Zeitlupenaktion konfrontiert wurde.

20160608_214346

Ich versuchte, das Ganze zu beschleunigen, indem ich den Deckel nach unten drückte, aber der Deckel leistete Widerstand! Um nicht am Ende diesen teuren Slow-Motion-WC-Sitz zu beschädigen, wartete ich lieber ab, bis er völlig geräuschlos seine Parkposition erreicht hatte.

Warum ich das erzähle? Weshalb mir ein Klodeckel ein Aha-Erlebnis bescherte?

Ganz einfach. Weil mir in dem Moment klar wurde, dass das Phänomen, dessen ich durch diesen modernen Klodeckel gewahr wurde, sich mittlerweile in alle möglichen und unmöglichen Nischen und Räume unseres Alltagslebens eingeschlichen hat. Ich taufe es jetzt einfach mal „Versmoothieierung“.

Was hat es auf sich mit der Versmoothieierung?

Moderne, gut verdienende Menschen, die ihre IKEA-Küche irgendwann gegen ein neues, womöglich vom Fachmann geplantes und durchgestyltes Modell eintauschen, gönnen sich neben hochwertigen Markengeräten und der Granit-Arbeitsplatte in jedem Fall auch Schubladen mit „Soft closing“. Das ist dieser gedämpfte Selbsteinzug, bei dem man die Schublade nur kurz antippen muss und den Rest erledigt die Schublade von alleine, untertänig und diskret.
Feine Sache, wenn man nicht mehr selbst darauf achten muss, die Schublade nicht aus Versehen zu heftig zuzuhauen, so dass das Besteck im Inneren lärmt und zittert. Vorbei die Zeiten, in denen man die Dämpfung in Form von kleinen Anschlagpuffer-Punkten selbst aufkleben musste, um zumindest die Geräusche der Schublade gering zu halten.

Dasselbe begegnet uns beim Neuwagen (oder bei neueren Gebrauchten), den man sich – entsprechende Solvenz vorausgesetzt – mit „Zusatzpaket Comfort“ bestellt: Die Heckklappe muss nur noch angestupst werden oder erhält per Fernbedienung den Befehl, sich zu schließen. Kein lästiges Herumfingern mehr nach der Griffmulde in der Kofferraumklappe, die man dann mit einem gekonnten Schwung nach unten ziehen muss (und rechtzeitig vorher die Hand rausziehen). Sitze und Spiegel huschen per Knopfdruck und bestenfalls begleitet von einem dezenten Surren in die einprogrammierte Position für den jeweiligen Fahrer.
Und wo der Cabriofahrer früher die Persenning noch von Hand aufgezogen hat, schnurrt heute – während der Fahrt! – eine automatische Abdeckung herunter, und – schwupps! –  hat sich das Autodach ohne Aussteigen, Schimpfen oder Scheppern von selbst verstaut.
Von der Servolenkung will ich hier gar nicht mehr reden – seit Jahrzehnten gehört die ja zum Standard. Ich würde auch einen Teufel tun und sie kritisieren, speziell jetzt, da mir meine Schulter viele Bewegungen zur Hölle macht, bin ich wirklich froh, dank einer butterweichen Lenkung völlig kräfteschonend mit dem Auto rangieren zu können.

Das Phänomen zieht seine Kreise, wohin man nur schaut.
Wo es früher in Schwimmbädern Sprungtürme gab, stehen nun Wasserrutschen, damit wir ins Wasser gleiten, ohne Bauchplatscher.
In anderen sportlichen Kontexten ist es ähnlich. Als ich mit dem Laufen begann, irgendwann zu Studentenzeiten, tat ich das in dem einen Paar Turnschuhe, das ich für jede Art von Sport im Schrank hatte. Heute habe ich gedämpfte High-Tech-Asics, welche für Asphalt und ein Zweitpaar für Waldböden, in denen ich fast schweben kann (naja, wirklich nur „fast“, oft genug fühle ich mich trotz der Asics wie ein Betonklotz).

Alles gleitet, huscht, surrt geschmeidig und nahezu geräuschlos vor sich hin. Wie schön. Weniger Lärm, weniger Mühe, Aufprallschutz an allen Ecken und Enden. Der Alltag und das Leben wird optimiert und versmoothieiert.

Als ich klein war, stellte mir meine Mutter immer Obstteller hin, mundgerecht portioniert, alle zwei Obstschnitze ein Stückchen Schokolade dazwischen – irgendwie musste man ja das Kind zu den Vitaminen locken. Sie wusch das Obst, schälte, schnitt und entkernte es. Smoothie-Maker waren noch nicht erfunden. Man musste noch selbst ran. Gab es Spargel, stand sich mein Vater beim Schälen die Beine in den Bauch, es war mühsam, und daher blieb Spargel nicht nur aus Kostengründen ein besonderes und seltenes Essen.

Heute können wir den Spargel geschält und das Obst in pürierter, trinkfertiger Form kaufen.
Quasi „to go“. Ist praktisch, geht schneller.

20160605_130849

Vor der Versmoothieierung unseres Alltags enthielt Erdbeer- oder Himbeermarmelade grundsätzlich diese kleinen Kernchen, die sich zwischen den Zähnen verhakten und an denen man, war man unterwegs und die Zahnbürste daheim, den ganzen Tag mit der Zunge rumpopelte, um sie zu entfernen (was meist nicht gelang). Heute gibt es die Smooth-Version (heißt wirklich so) dieser Fruchtaufstriche. Hurra, wieder sind wir eine lästige Komponente losgeworden und können unsere Zungen schonen. Kommt bald das Essen in Breiform, so wie zu Beginn unseres Lebens und oft auch am Lebensende?

Wir entledigen uns des Zupacken-Müssens, des Anpackens, des Hinfassens, des Aufpralls, der Geräusche. Wir tippen nur noch an, geben kleine Initialschubser, wischen von „on“ nach „off“, tändeln und tindern auf unseren Smartphones herum, so halten wir Distanz, machen uns die Finger nicht weiter schmutzig und schonen unsere Kräfte, Nerven und Zeit. Wir müssen manche Arbeiten nicht mehr alleine vollenden, denn sie geschehen von selbst, im gefälligen, leisen Smooth-Modus. Outsourcing der Fährnisse des Alltags, wo immer möglich und finanzierbar. Härte unerwünscht. Das Leben, der Job, die Familie, der Alltag – alles hart genug. Also Dämpfen und Abfedern, Pürieren und Versmoothen, wo immer es geht.

Manches davon spart Zeit, vieles spart Kraft und Mühe. Mit der gewonnenen Zeit und Energie können wir uns Wichtigerem zuwenden. Was auch immer dieses Wichtigere sein mag. Quality time mit der Familie und Freunden? Selbstfindung oder Selbstverwirklichung? Oder einfach noch mehr Arbeit, noch eine Sprosse auf der Karriereleiter?

Nein, auch ich gebiete der Versmoothieierung nicht konsequent Einhalt. Gelegentlich – eigentlich nur an Bahnhöfen, wenn ich mich für die Zugfahrt rüste – kaufe ich einen Smoothie. Ich möchte auch nicht mehr ohne mein Smartphone sein. Oder ohne meinen iPod. Meine Laufschuhe schätze ich ebenfalls sehr. Unser Auto genauso, obwohl es kein Soft-Closing der Heckklappe beherrscht. Vieles davon ist angenehm und praktisch.
Ich bin daher keinesfalls der Ansicht, früher sei alles besser gewesen oder Technisierung sei Gift oder jeder solle sich immerzu seine Orangen selbst pressen (was ich zwischen 15. November und 15. März allerdings täglich tue) oder dürfe keinen Spargel essen, wenn er ihn nicht selbst zu schälen gewillt ist.

Trotzdem denke ich, die Versmoothieierung könnte uns auf lange Sicht, und wenn sie noch mehr um sich greift, ein bisschen „verderben“.
Weil sie teilweise eine Weichzeichner-Wirklichkeit konstruiert, die mit den originären Tatsachen nicht mehr viel gemein hat. Weil sie uns vielerorts vor Spelzen, Geräuschen, Anstrengungen und Widrigkeiten verschont, die aber zu den Gegenständen, Tätigeiten, Situationen, Elementen und Phänomenen dazugehören. Weil sie uns so mancher Erfahrung berauben könnte, wenn sie uns immer mehr abnimmt. Weil sie Konturen verwischt, den Alltag und das Leben womöglich an zu vielen Stellen in Watte packt, die uns Weichheit vorgaukeln, wo eigentlich Härte ist. Weil sie uns in manchen Bereichen die Entlastung nur um den Preis der Entfremdung beschert.

Die Versmoothiierung sollte eigentlich all denen vorbehalten sein und dienen, denen es an Fertigkeiten, Kraft, Eigenständigkeit oder Zeit mangelt: Säuglingen, Kleinkindern, alten Menschen, Menschen mit Behinderung oder kranken Menschen.
Alle anderen profitieren meiner Ansicht nur bedingt von dem Smooth-Modus. Es ist nämlich stinknormal, dass es im Alltag nicht flutscht wie püriert. Das ist, wie ich finde, nicht nur lästig, sondern schult einen auch. In Vorsicht, Rücksicht, Umsicht und Einsicht. Ein paar Mal den Finger an der Schublade eingeklemmt und schon ist man aufmerksamer (ich kann „achtsam“ nicht mehr hören), wenn man das nächste Mal mit diesem Möbelteil zu tun hat. Das Leben ist oft genug so gestrickt, dass es kein Soft-Closing und keinen Aufprallschutz beeinhaltet. Schon gar nicht, wenn es dem Ende entgegengeht.

Heute Nacht, ziemlich genau zur jetzigen Stunde, ist es ein halbes Jahr her, dass ein Freund von mir gestorben ist. Der Tag, an dessen Ende er starb, war grau und trüb, es war der Tag, an dem es keinen Radiosender gab, in dem nicht „Ashes to ashes“ mit „Heroes“ um die Wette lief.

Er war noch nicht mal Mitte 50, er war gesund, sportlich, geistig und körperlich fit. Nach dem abendlichen Laufen in den Isarauen ist er umgefallen, einfach so. Zack, bumm, aus und vorbei. Ungedämpft, knallhart.

Die einzig smoothe Komponente bei seinem Sterben war bestenfalls die, dass er auf eine dünne Schneedecke fiel, die der Winter in jener Nacht erstmals ausgebreitet hatte.

DSC01252

Sommer an den Isarauen bei Großhesselohe.

Es war meine erste Bekanntschaft mit dem Tod eines Menschen. Und sie machte mir klar, dass es noch wesentlich härter kommen kann, wenn es mal Menschen trifft, die mir noch näher stehen.
Darauf kann man sich nicht vorbereiten, schon klar. Ich vermute aber, ich versuche es dennoch ein bisschen. Vielleicht, indem ich bewusst formuliere, dass er „gestorben“ und nun „tot“ ist (dieses „er ging von uns“ oder „er ist verstorben“ fühlt sich für mich zu abgefedert an). Vielleicht auch, indem ich bemüht bin, den Pakt mit der Versmoothieierung nicht zu eng werden zu lassen. Zu riskieren, mich beim Spargelschälen auch mal in den Finger zu schneiden. Zu ertragen, dass es nun mal einen Knall tut, wenn einem Klodeckel oder Schublade auskommen. Es ist einfach näher dran an der Realität.

Heute, ein halbes Jahr nach diesem Ereignis, kommt mir sein Tod langsam etwas vertrauter vor. Zumindest soweit vertraut, dass ich dir, lieber N., diesen Beitrag widme, der ganz in deinem Sinne gewesen wäre. Du, der du jeden Abend deinen Apfel samt Kernen gegessen hast und der du noch vor kurzem in deinem alten Nissan ohne Servolenkung um die Ecke gebogen kamst.

Das hier ist für dich, falls es im Jenseits, an das ich nicht glaube, Youtube geben sollte.