Bright spots.

Schöne Aussichten tun sich auf und verschwinden ebenso plötzlich.
Gefrieren in weißgrauer Kälte über Nacht zur Erinnerung.
Oder nehmen – gerade noch im Fluss und voller Dynamik – während ihres langsamen Zerrinnens die Gestalt eines Eiszapfens an.

So warten wir aufs Frühjahr, wenn es wieder zu tauen und zu fließen beginnt, wenn Temperatur und Licht den Widerfahrnissen einen anderen Anstrich geben.

Ein jahreszeitlich passendes Zitat aus dem ZEIT-Magazin fällt mir da ein:

*****

Immerhin doch drei gute Gefühle/Zustände in dieser Woche:
1. die Heimfahrt mit Musik
2. ins Wasser eintauchen und schwimmen
3. die warme Mahlzeit samt kühlem Hopfengetränk

[Höre plötzlich die längst verblichene Mutter, wie sie zu sagen pflegte: „Hopfen ist gut für die Nerven, heiße Milch mit Honig ist gut für den Schlaf, Lindenblütentee ist gut gegen Erkältung“ – nur Ersteres konnte ich ohne Würgereiz an- und übernehmen.]

*****

Heimat, das ist dort, wo sich der Anblick eines am Straßenrand vorbeihuschenden Landkreis-Schildes (durch Witterung und abblätternde Farbes so verblichen wirkend) anfühlt wie ein warmes, beruhigendes Streicheln über deine müden, geröteten Wangen.

Du passierst diese unsichtbare Grenze, durchbrichst die äußerste Schicht deiner Zwiebel, spürst sofort den Trost im Schoße dieser Landschaft, die schon immer dein Zuhause war und es immer sein wird, denn mein Radius ist überschaubar – nicht jeder ist dafür gemacht, „in der Welt zuhause zu sein“.

Tränen schießen dir in die Augen und verschleiern deinen Blick auf die winterliche Straße (mehr als es deine abgewetzten Wischerblätter erlauben).

Was für ein guter Moment – trotz allem anderen, was gerade ist oder nicht ist oder viel zu vage ist.

Noch 30km bis nachhause, du wechselst die CD, hörst zum vielleicht 100. Mal in den letzten Wochen diesen Song, von dem du die Finger ebenso wenig lassen kannst wie von warmem Toast mit Nutella als Seelenpflaster in trüben Phasen, weil sich die Lyrics so schön mitsprechen lassen, ein bisschen monoton, einem kindlichen Auszählreim gleich (und noch verstärkt durch den simplen Takt): „you were the only one I ever had, the only bright spot in a life that went bad“.
Vor allem fühlt sich das so weich an, auf der Zunge und den Lippen (sprechen Sie’s mal nach, am besten mehrfach), eben wie samtweiches Nutella am Gaumen (das oder die Nutella? Wurscht.).

Und ein paar Strophen später dann „when they flip the switch I hope all I can see“ und wie sich’s zu dem schlichten, anrührenden Jahrmarktmusikgeplätscher auflöst in „is you in my arms dancing with me“
So weich, das alles, obwohl hier ein Todgeweihter seine letzten Verse von sich gibt.

Werde das vielleicht noch 100x mitsprechen müssen, bis ich mit dem Lied und dem Gefühl, das es erzeugt oder an dem es sich abarbeitet (denn wer weiß das schon, was zuerst da war), fertig bin und es zum normalen Repertoire der SD-Speicherkarte „Automusik“ gehören wird.

Vielleicht komme ich auch nie über diese Zeilen hinweg, so dass „baby, tie your hair back in a long white bow, meet me in the fields out behind the dynamo“, „I got this guitar and I learned how to nake it talk“, „and if you say hide, we’ll hide“ und „with charcoal eyes and Monroe hips she went and took that California trip“ (und an was man halt sonst noch so hängengeblieben ist nach fast 4 Jahrzehnten Hinhören & Rückenschauern) weitere Gesellschaft bekommen.

Ach, diese Zeilen aus Songtexten, die wegen ihrer Betonung oder ihres Rhythmus ein Leben lang so zuverlässig eine Gänsehaut bescheren, wie es früher, in den Studienjahren, stets der Anblick des Olympiaturms vor der föhnigen Alpenkulisse vermochte – an dieser einen Stelle auf der A9, von Würzburg nach München heimfahrend, um das Wochenende oder die Semesterferien beim Papa oder in dem kleinen Haus am Moorsee zu verbringen (wo manche der geliebten Tiere unter Begleitung der passenden Musik zu ihrer letzten Ruhe gebettet wurden).

*****

War nicht so meine Woche.
Insgesamt auch nicht mein Monat.
Aber zur Prognose oder Gesamtsumme sollte man’s jetzt auch nicht aufbauschen (erst recht nicht zur Bilanz), das lehrt die Lebenserfahrung.
Und der Gatte bekräftigt es auch, dass dem so sei.

Darauf vertrauend also weiter.
Vielleicht wirklich mal wieder einen Sprung ins kalte Wasser wagen?
Denn Schwimmen, das kann ich doch?!

Einen möglichst warmen Start ins wohl kälteste Wochenende des Jahres wünscht –
Die Kraulquappe.

Freedom’s a dirty shirt. Zum 30. Dezember 2016.

Lieber P.,

die Wartezeit auf Deinen angekündigten Brief verkürze ich mir nun einfach damit, Dir einen Geburtstagsblogbeitrag zu schreiben, damit Du schon mal siehst, wie das geht: Schreiben & Abschicken. Ist gar nicht schwer! 🙂

Genau wie die Auswahl des passenden Bruce-Songs für Dich. Nur kurz schwankte ich, ob es nicht „Hungry heart“ werden könne, aber nein, Deine Familie lebt nun mal nicht in Baltimore und Du bist auch nicht der Typ, der die ganze Bagage dort sitzenlassen würde und sich aus dem Staub macht, um in Bars in Kingstown sein Glück zu suchen (der Rest des Textes hätte allerdings gepasst, finde ich).
Kaum hatte ich also den unsäglichen Gassenhauer verworfen, war die Wahl dann ganz klar:

Freedom son’s a dirty shirt
The sun on my face and my shovel in the dirt
A shovel in the dirt keeps the devil gone
I woke up this morning shackled and drawn

Shackled and drawn, shackled and drawn
Pick up the rock son, carry it on
What’s a poor boy to do but keep singing his song
I woke up this morning shackled and drawn

Gambling man rolls the dice, workingman pays the bill
It’s still fat and easy up on banker’s hill
Up on banker’s hill, the party’s going strong
Down here below we’re shackled and drawn

 

Deine zeitgleich mit Beginn des neuen Lebensjahres neu gewonnene Freiheit ist eine ambivalente Sache, niemand versteht das besser als ich (und Bruce tut immerhin so, als verstünde er es). Wieder steht ein Neubeginn bevor, wieder heißt es, in die Hände spucken, Ärmel hochkrempeln und weitermachen.

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Schwerstarbeiter Springsteen.

Es wird gelingen – a shovel in the dirt keeps the devil gone! – und ich wünsche Dir Geduld und Zuversicht, bis es soweit ist – und dass Du die kleine Pause vielleicht sogar genießen und für Dich nutzen kannst.

Gerade eben wird mir bewusst, dass es ja sogar ein runder Geburtstag ist, den Du heute feierst. Wir lassen hier einfach offen, welcher. Dafür spendiere ich Dir glatt einen Drink (*), am liebsten hier in München, aber falls es sich nicht anders einrichten lässt, auch in Bad Brückenau oder Niemegk-Lühnsdorf, wo sich nicht nur Fuchs und Hase im Nieselregen Gute Nacht sagen.

Nächstes Jahr haben wir übrigens 25-Jähriges, auch das wäre einen Drink wert, findest Du nicht?

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Du & ich (1992, als man Nutella noch hemmungslos pur aß)

Da aller guten Drinks drei sind, könnten wir den dritten auf DIE Lebensweisheit trinken, die Du mir zu einer Zeit, in der ich etwas in den Seilen hing, (in trostspendender Absicht?) mitgegeben hast: „Leben ist Zehennägelschneiden.“ Da war mehr dran als ich zunächst wahrhaben wollte! (Die andere bahnbrechende Erkenntnis, die ich Dir zu verdanken habe, ist jene, dass man Toast mit Erdnussbutter und Aprikosenmarmelade drauf tatsächlich essen kann.)

Auf Dich, auf Deinen Geburtstag und auf die nächsten 25 oder 50 Jahre (so lange die Nägel eben wachsen wollen oder gekürzt werden können).

Happy birthday & pick up the rock, carry it on!

Dies & mehr wünscht Dir
Deine Kraulquappe.

(*) hiermit ist nun festgelegt: Zu runden Geburtstagen gibt’s mehr als eine Spreewaldgurke in der Dose, okay?