Rudirallala und Holladrio.

Der September war schon immer mein Lieblingsmonat: Das schönste Licht, die wärmsten Farben, der Sommer noch spür- und sichtbar, auf dem Rücken eine hübsch geschwungene tan line einer langen Freibad-Saison (dieses Jahr sponsored by „Adidas Infinity“), die Biergärten, Hütten und Autobahnen langsam wieder leerer, und zum Ende des Monats hin – quasi als abschließende Krönung – noch der Geburtstag des verehrten Barden aus Freehold, NJ.

So war es ein Leichtes, bei überwiegend septemberlichem Kaiserwetter die viertägige Pressereise durch die Region Hall-Wattens zu absolvieren, zumal wir weder in einer Menschen-, noch in einer Hundegruppe unterwegs sein mussten, sondern individuell betreut wurden und all unsere Änderungswünsche stets berücksichtigt wurden (Lokalbesuch bitte nur außerhalb der gewohnten Gassizeiten, geführte Wanderungen bitte nicht nur auf popligen Themenwegen, sondern in alpinem Gelände, Besuch der Kristallwelten bitte am vernieselten Abreisetag und nicht am sonnigen Bergtag davor usw.).

Der Donnerstag ganz nach unseren Wünschen: Nach üppigen Hundekeks-Kostproben aus Silber-Etagèren am Vormittag…

…trainierte sich Fräulein Hund die angefressenen Kalorien am Nachmittag im Berggelände wieder ab…

…und wir waren ziemlich froh, dass wir uns schon eine gewisse Bergtauglichkeit erlaufen haben in diesem Jahrhundertsommer, der nun hinter uns liegt, denn auf den Schildern fehlten manchmal die Gehzeiten und an manchen Wegstrecken kamen die Warnhinweise auch ein bisserl spät, nämlich erst dann, wenn man bereits zwei Stunden die steilsten Bergwälder und Geröllfelder gequert hatte und sich doch allmählich wunderte, wann man denn mal endlich diese Hinterhornalm erreichen würde, die unten auf der Wandertafel am Parkplatz eigentlich eher unschwierig zu erreichen wirkte (ein Fehler, ohne eigenes Kartenmaterial gereist zu sein!).

Aber is‘ ja auch wurscht, wir hatten schließlich sonst nix zu tun, und so war der Weg tatsächlich das Ziel, wir dann allerdings doch froh, irgendwann die Alm auch mal erreicht zu haben.
Dort dann so erschöpft angekommen, dass für einen Augenblick unklar war, ob man jetzt vielleicht schon deliriert oder halluziniert und Trugbilder am Horizont sieht…

…was gottseidank nicht der Fall war, wie mir das Schnüffeln und Knurren des Dackelfräuleins unterm Tisch schnell verriet: Hinter der Hütte hausten in der Tat knuffige Alpakas, die immer mal wieder um die Ecke lugten und denen beim Kauen zuzusehen eine wahre Wonne ist (diese Zähne! der bewegliche, beinahe frei schwenkbare Unterkiefer!).

Wir ließen uns nieder und ruhten, guckten hinüber zu den Zentralalpen, hinunter nach Wattens und Hall, tranken ein heimisches Weißbier, da die Tiroler kein eigenes haben, das schmecken täte, weshalb sie gleich das unsrige importieren.

Ruhen taten wir auch unten in der historischen Altstadt ganz gern…

…weil man sich zwischendrin ja einfach mal von der Kopfsteinpflasterlatscherei, den vielen Fotoshootings und all den Eindrücken erholen muss.
Und selbst in solchen Momenten konnte man sich neuer, beeindruckender Wahrnehmungen nicht entziehen.

Tiroler Schnäppchen: Halber Preis, doppelte Größe?!

Hall ist übrigens ein Einkaufsparadies, wenn man der Shopping-Typ ist oder zumindest ein passionierter Schaufensterbummler. Leider bin ich beides nicht, ich hatte dafür bislang entweder nicht die Zeit oder das Geld (oder keins von beidem) oder die Muße oder überhaupt das Bedürfnis – und seit wir einen Hund haben, kommt diese Art „Ausgang“ sowieso nicht mehr vor, außer man braucht neue Gassigeh-Treter oder eine neue Funktionsjacke oder endlich mal eine wirklich regendichte Hose.

Zum Abschluss dann am Freitag noch die unvermeidbaren „Kristallwelten“, Österreichs am zweithäufigsten besuchte Sehenswürdigkeit (nach Schloss Schönbrunn), ein Eldorado für nach buntem Kitsch und teuren Klunkern lechzenden Amerikanern und Indern (und anderen).

An der Kassa erhalten wir ein hinterlegtes Ticket, das einen an der langen Schlange vorbeilässt und direkt zum Schlund des Riesen schleust…

…dahinter wartet schon ein lispelnder, schwuler, niederländischer Scherge, der einem eine Privat-Einführung in die 17 Wunderkammern gibt, die einen in dieser Glitzerwelt erwarten.

Es ist dann besser als gedacht, viel besser sogar, also zumindest wirklich so gut, dass man an einem Regentag und noch dazu für umme da glatt hingehen und sich diese wahnwitzigen, schrillen, mehr oder minder ästhetischen, knallig-kitschigen und jenseits aller Budgetreglementierungen designten Erlebnishöhlen zu Gemüte führen kann.

Kristallwelten / Wunderkammer (1)

Kristallwelten / Wunderkammer (2)

Kristallwelten / Wunderkammer (3)

Ein paar preiswertere Stücke in der Shopping-Area der Kristallwelten.

Kristallweltenwolken vor echten Wolken vor Tuxer Alpen.

So sagten wir also vorgestern Hall und seinen Bewohnern „Servus, danke für alles & schee woars!“:

Nette Menschen, gutes Essen, hübsches Städtchen, tolle Bergwelt – das Dackelfräulein und ich hatten wirklich einen Spaß und eine Freude dort. Vielleicht kooperiert man demnächst mit den Hallern und schreibt noch einen Beitrag für deren Touristenmagazin übers bayerisch-tirolerische Grenzgebiet, das zu durchstreifen ja ein Hochgenuss ist, aber bis es so weit ist, spitzen wir nun den Bleistift und schreiben die Notizen zu der feinen, kleinen Reise mal ins Reine.

Gut gelaunt gondelten wir über den nebligen Achenpass wieder hinüber ins heimatliche Bayern, machten noch einen Zwischenstopp im Tegernseer Tal und dann ab nachhause, wo jetzt der Fünfer-Looping und alles andere fertig aufgebaut vor der Haustür steht und einen sogleich dran erinnert, dass man in gut einer Woche schon wieder das Weite suchen wird dürfen.

Beim Auspacken fiel mir dann nach Jahrzehnten das Lied aus Kindertagen wieder ein, das der Papa manchmal sang, wenn wir in Felix Austria unterwegs waren:

Wenn’S scho a Kriagal intus ham, hearn’S ruhig nei und wenn ned, dann hoid ned 🙂

Hall_uzinationen.

Diese Reise hat beinahe etwas Unwirkliches: Wenn wir nicht gerade von netten Tiroler Bergführern oder freundlichen Menschen vom Tourismusverband umhergeführt oder verköstigt werden, sitzen wir bei 30 Grad unter Palmen, gucken uns staunend um und können diese unglaubliche Bergwelt, die uns hier in Hall umgibt, einfach nicht fassen.

Und um sie vielleicht doch fassen zu können, gehen wir los – hinauf, hinab, hinüber, herum – und dennoch bleibt sie unfassbar.

Obwohl ich das Karwendel kenne, obwohl ich da einst komplett drübermarschiert bin und jedes Jahr Touren dort unternehme, obwohl mir all das ja eigentlich so vertraut ist, ergreift mich der bloße Anblick, die herbe Schönheit und die weiße, leuchtende Schroffheit dieser Kalkalpen immer wieder zutiefst: Verneigen möchte mich vor dieser stillen, gewaltigen Erhabenheit – oder aber meinen Tränen freien Lauf lassen.

Nirgendwo war ich je so verbunden mit Gesteinsmassen, nirgendwo je so verbunden mit dem, was man gemeinhin „Seele“ nennt. Allein dafür hat sich’s gelohnt, diese Einladung anzunehmen. Ob ich hernach in der Lage sein werde, einen Artikel darüber zu schreiben? Ich weiß es nicht.

Über das Innerste zu schreiben, das kostet stets so viel Kraft. Gelingt es, entsteigt man gestärkt seinem eigenen Text. Aber der Zeitpunkt, um hineinzuspringen in dieses noch unsortierte, aufgewühlte Wörtermeer, da hineinzuspringen und es erst zu zerteilen und dann zusammenzusetzen (und dies mehrfach, und manchmal so lange, bis man fast nicht mehr kann, und dann doch weiterzumachen, weil man auch nicht aufhören kann damit) – dieser Zeitpunkt, den wählt man nicht, sondern er erwählt einen.

Man spürt es sofort, wenn es soweit ist.

Und bis dahin sortieren wir eben Fotos.

Das Dackelfräulein besucht die erste Hundeboutique.

Madame Hund testet Gebäck in der zweiten Boutique.

Pippa gähnt Wolfi, den Coiffeur in der Bellness-Oase, an.

Kraxeldackel im Südkarwendel: SB-Theke in der Knappenkammer unterhalb des Lafatscherjochs.

Tiroler Landesfarben hinter Teckel auf 1.601m Höhe.

(Und bevor jemand fragt: Nein, wir, resp. ich, mögen Hundeboutiquen überhaupt nicht. Wir müssen da halt hin. Das ist nämlich eigentlich gar keine Pressereise, sondern eine Fressireise.)

Nickerchen vor 4-Sterne-Kulisse.

Mit der Beschränkung aufs Allernötigste, was Frauchen und Wauwauchen halt so benötigen für 4 Tage in der Fremde…

…sind das Dackelfräulein und ich heute Morgen in München losgedüst Richtung Berge.

Das angebliche 4-Sterne-Hotel empfängt uns mit verhaltener Tiroler Freundlichkeit, dafür aber einem erstklassigen Panoramablick aus unserem Turm-Zimmer:

Zur einen Seite das Karwendel, zur anderen die Haller Altstadt mit den Tuxer Alpen im Hintergrund. Wau!

Da kann man nicht meckern und sieht gnädig über den nicht geleerten Mistkübel und die Bartstoppeln des Rauhaardackels oder Geschäftsreisenden, der vor uns hier logiert hat, hinweg.

Machen wir also noch ein kleines Nickerchen mit Aussicht hinüber zur Bettelwurfhütte, über die ich einst, als ich noch jung und topfit war, die dritte Etappe meiner Alpenüberquerung ging und von dort ins Inntal hinabstieg…

…und freuen uns auf die Delegation, die uns nachher in der Lobby zur Stadtführung abholen wird.

S’Glück is a Vogerl…

… – wie’s in Österreich so schön heißt – und in diesem Sinne fliegen wir morgen dann mal los zu unserer kleinen Pressereise nach Tirol, wo wir auf ein paar schöne Tage, Erlebnisse, Eindrücke und Fotos hoffen, so dass im Anschluss ein feiner Artikel draus werden kann.

Das Fräulein in Vorfreude auf die Bellness-Oase.

Das Rad des Lebens dreht sich recht munter im Moment, größere Loopings brauch‘ ich dieses Jahr allerdings (nach allem, was so war und ist) keine mehr…

…irgendwelche Höllenfahrten schon gleich gar nicht…

…stattdessen gucken wir lieber der Lebensfreude unters Röckchen…

…oder bei einem Glaserl Gerstensaft in den Himmel der Bayern oder der Tiroler hinauf.

Slogans, die man sich zu Herzen nehmen sollte.

Sie hören von uns & haben auch Sie einen freudigen Wochenstart!

Alles gesagt.

Nachdem ich heute Mittag der Lebensgefährtin vom Papa zum Geburtstag gratuliert hatte, musste ich sogleich an ihn und meine Reise nach Altaussee denken.
Der, der einen Tag vor ihr Geburtstag hat, ist mir bedeutend bedeutsamer als sie und doch gedenke ich seiner immer erst, wenn ich ihr gratuliere. Ein seltsames Phänomen.

Und wenn ich an ihn denke, lande ich nahezu immer auch bei den Erinnerungen an diese Reise nach Altaussee.
Vor Pfingsten war es, der Sommer noch mild und sanft, die Natur gerade wieder erblüht, die schöne Morgenlaufrunde um den See, der Loserblick von meinem Balkon, der Abendspaziergang durch duftende Dorfstraßen hinauf zu seinem Geburtshaus, der Aufstieg auf den Loser in der Mittagshitze, der Sohlenbruch im rechten Trekkingschuh, der Kaiserschmarrn mit Aussicht zum Dachstein (und mit Zwetschkenröster kredenzt, nicht mit Apfelmus, das mir zuwider ist – vivat Austria!, auch für das „k“ im Obst!)

Dachstein! – dieses Wort seit Kindertagen für mich so gewaltig wie das Gebirge, das es bezeichnet, es stand auf den für Kinderaugen unglaublich groß und schwer wirkenden Bergstiefeln des Papas. Diese Stiefel waren wie er: eben groß und schwer, und sie versprachen Halt.

Altaussee. Im Morgennebel den Fischern bei der Arbeit zusehen, den ganzen Tag kreuz und quer durch den Ort laufen, durch schattige Gassen, verschlungene Seitenpfade, wieder und wieder an den See hinab, abends im Dorfgasthof mit dem Jäger über seinen alten Hund unterhalten, der es sich auf meinen Füßen bequem gemacht hatte, sich auf dem Heimweg zur Pension schwören, eines Tages selbst wieder einen Hund zu haben und dann nochmal nach Altaussee zu reisen, mit diesem Hund, dem es dort genauso gefallen würde wie mir.

Altaussee. Ich verkneife es mir, den Ortsnamen in seine Bestandteile zu zerlegen. Beim Betrachten eines Fernsehbeitrags anlässlich seines gestrigen Geburtstags fällt mir erstmals auf, dass man ihm das Alter nun auch ansieht.
75 schon, kaum zu glauben – diese Zahl trifft mich irgendwie, im Vorübergehen streift die Vergänglichkeit wohl ganz sacht auch meine Schulter, was doch neulich, an seinem 60., zu dem ich mir einen tollen Bildband von ihm gönnte, noch kein bisschen der Fall war.

Ist eigentlich alles gesagt? Na hoffentlich noch lange nicht!

Alles Gute nachträglich für eine der Stimmen meines Lebens: Klaus Maria Brandauer.

Back to Sinabelkirchen.

Nach zwei erholsamen und sehr schönen Tagen in Paderborn (selten in einem fremden Haus so gut geratscht geschlafen!), kam ich daheim gestern grad noch zum Hundbegrüßen, Kofferauspacken und Essenfassen – und schon ging’s weiter: Mit dem Gatten in den Carl-Orff-Saal im Münchner Gasteig zu Gert Steinbäcker, dem Anfangsbuchstaben der steirischen Combo STS.

Wieder eine Reminiszenz an längst vergangene Zeiten!
An Jahre, in der diese Gassenhauer auf keiner Schulparty und bei keinem Wies’n-Besuch fehlen durften. Während des Studiums in den 90ern dann nochmal mein kurzes STS-Revival samt Erweiterung des Song-Repertoires, ausgelöst durch die Verbandelung mit dem Wiener.
Drei Konzertbesuche: mit dem rothaarigen Kommilitonen, natürlich mit dem Wiener und einmal sogar mit dem Papa.

Nach fast 20 Jahren Pause gestern Abend nun zwei Drittel von STS hier in München live on stage.
Zwei, weil der Schiffkowitz für ein paar Songs dazukam: sehr netter Typ immer noch, ganz rührend, mit seinem alten Schweißband um den grauen Schopf und dem aus der Form gekommenen weißen T-Shirt unter dem ebenso formlosen Schlabberhemd. Zunächst etwas kurzatmig und nervös, hat sich dann aber gut gefangen und seinen Gastauftritt sichtlich genossen.

Den Hauptteil des Abends bestritt Steinbäcker zusammen mit seinen klasse Musikern – die Maria Ma am Hackbrett, die den Altersdurchschnitt erheblich senkte oder der langjährige Weggefährte Gerd Wennemuth am Schlagzeug, und nicht zu vergessen „am Gebläse: der Franz Josef Zettl“. Ja fein, genau so muss man das anmoderieren!

Geboten wurde: Große Spielfreude, viel Dynamik, Altes aus STS-Zeiten, Neues vom Steinbäcker-Solo-Album mit dem schönen Titel „Ja eh“, diesem alles- und zugleich nichtssagenden österreichischen Universalgrunzer für jedwede Lebenslage (am eh-esten wohl verwandt mit dem bayrischen „ja mei“).

Der weibliche Klaus-Meine-Verschnitt zu meiner Linken war gleich vom ersten Lied an schwer elektrisiert und am Ausrasten, am Schluss stand oder tanzte das gesamte Publikum, und zumindest all jene, die der frühwinterliche Katarrh noch verschont hatte, plärrten nach Kräften mit.

War ein prima Kurztrip nach Griechenland, Sinabelkirchen, Stinatz, Graz und Wien (den Exkurs nach Hamburg hätt’s für meine Ohren nicht gebraucht), mal leicht, mal tiefschürfend, immer mit Inbrunst. Kein sensationelles oder weltbewegendes Konzert, aber solide, sympathisch und schwungvoll – eine willkommene, wunderbare Novemberaufhellung und für mich persönlich ein Abend aus der Kategorie „The older you get, the more it means“.

Herzlichen Dank an meine liebe Blogger-Kollegin (resp. Springsteen-Tramp und damit quasi Seelenverwandte) Sori aus Wien für den Hinweis, dass Steinbäcker derzeit auf Tour ist und auch in München Station machen wird.

Und ein ebenso herzliches Dankeschön an den Lieblingsnachbarn, dass er den ganzen Konzertabend lang auf seiner Couch mit dem Dackelfräulein gekuschelt hat!

Himmel der Bayern (28): Das Sackgassenglück.

Das Gefühl von Sackgasse oder Endstation mag ich im Inneren gar nicht, draußen in der Welt aber umso mehr. An solchen Endpunkten erübrigen sich die Entscheidungen, ob man nun links/rechts/geradeaus/hoch/runter/zurück fahren soll. Es gibt keine Richtungen mehr, es ist einfach mal Schluss – und damit meist auch Ruhe. Allenfalls zu Fuß geht es noch ein Stückerl weiter, manchmal nicht einmal das.

Die schönsten Endstationen, an denen ich mich je aufgehalten habe, waren Altaussee im Salzkammergut (hier endet die Straße im Ort bzw. am See und am Berg) und Hoburgen auf Gotland (hier endet der Weg am Leuchtturm bzw. am Meer). Natürlich muss man nicht ins Ausland fahren, um dieses beglückende Sackgassengefühl zu erleben. Sowas gibt’s auch in heimatlichen Gefilden.

Das Dackelfräulein am Ende (der Jachenau).

Hier in der Region habe ich drei Lieblingsendstationen, an denen sich das perfekte „Am Arsch der Welt“-Feeling erleben lässt: Das Elmauer Hochtal am Fuße der Wettersteinwand, das Almdorf Eng im Karwendelgebirge (na gut, das ist ganz knapp schon nicht mehr Bayern) und die Jachenau, Bayerns kleinste Gemeinde, südlich von Lenggries.

Ersteres ist, wenn man nicht mit einem Millionär verheiratet ist, nur für Tagestouren geeignet, denn die Nobelherbergen Schloss Elmau und Das Kranzbach sind unerschwinglich (Hotels, die ihre Exklusivität hervorheben wollen, erkennt man heutzutage am vorangestellten, gern auch großgeschriebenen Artikel oder an Untertiteln wie Hideaway und dergleichen).

In der Eng gibt es leider nur einen potthässlichen Alpengasthof, ansonsten muss man nach Hinterriß ausweichen, wo es nur einen mittelscheußlichen Gasthof direkt am tosenden Rißbach gibt oder gleich in die Ortschaft Fall am Sylvensteinsee, die immerhin ein passables Outdoorhotel im modernen Jugendherbergsstil bietet – allerdings mit morschen Aufbacksemmeln am Morgen (großspurig beworben als „Ludwig-Ganghofer-Brunch“).

Die Jachenau ist von den drei Supersackgassen die einzige, die touristisch nicht ganz so beliebt ist, obgleich sie ähnlich schön ist: Umgeben von Bergen, in unmittelbarer Nachbarschaft des Walchensees und mit dem rauschenden Jachen als pulsierende Ader des sonnigen Tals, an der die paar kleinen Ortschaften liegen. Man kann in schmucken Bauernhöfen oder einem der urigen Gasthöfe Quartier nehmen, die Halbe kostet noch keine 3,50€ und für ein zierliches Dackelfräulein werden einem nicht unverschämte Aufschläge berechnet, wie sich das die besseren Häuser gern erlauben.

[Randnotiz: Das wär‘ auch nochmal so ein Projekt – ein Hotelführer für Hund&Mensch in Oberbayern. Wo gibt’s die schönsten, hundefreundlichsten und günstigsten Unterkünfte, die, in denen es morgengassitaugliche Wiesenwege in Hotelnähe gibt, am besten noch mit Gassisackerlspender und Mülleimer am Wegesrand, die, in denen Waldi unkompliziert mit zum Frühstück darf, ohne dass der Tussi am Nebentisch das Proseccoglas aus der Hand fällt, die, in denen es frische Brezn gibt und Eier von glücklichen Hühnern sowie kein Hofbräu- oder Spatenbier und mehr als nur Schweinereien auf der Karte.]

Jedenfalls sind das Dackelfräulein und ich heute Morgen spontan in die Jachenau gefahren. Zu Schulzeiten habe ich meine Sommer in Lenggries verbracht, da hab ich die Gegend rundum kennengelernt. Später war ich meist im Winter hier, zum Langlaufen.
Seit N. viel zu früh gestorben ist, war ich überhaupt nicht mehr in der Jachenau, es war seine Lieblingsgegend, vor allem im Winter, weil die Sonne so lang hier ins Tal reinscheint – man kann über 30km Kilometer in der Loipe runterspulen und hat ununterbrochen Sonne im Gesicht.

Für zwei Tage sind wir nun im Sackgassenendstationsparadies. Der Wirt schenkt uns zur Begrüßung nicht nur ein Lächeln, sondern ein Upgrade. Weil er auch einen Dackel hat. Die haben ja gern den Überblick, weiß er. Deshalb nun ein Zimmer mit Balkon und Aussicht aufs Ende der Straße und den „Dorfplatz“. Und mit Flauschteppich zum Schubbern des vom Wandern strapazierten Hunderückens.

Heute Jochberg, morgen Scharfreuter, übermorgen Walchensee – falls das kurze Zwischenhoch noch bis Freitag durchhält.

An dieser Stelle besonders liebe Grüße an D.: nächstes Mal gehen wir gemeinsam von hier aus los, denn nach 25 Jahren Jochbergbegehungen hab‘ ich heute festgestellt, dass die Ostroute ja viel schöner ist!

Und schon wieder: Immer diese Entscheidungen!

Immerhin mit Entscheidungshilfe (siehe kleines Schild).

Aussicht auf den Herzogstand.

Ziehen Sie vom linken Dackelohr aus eine gerade Linie nach oben – und Sie landen direkt auf dem 2.100m hohen Berg, auf den wir erst morgen hochschnaufen.

Blick ins Vorkarwendel und Karwendel (man kann das schöne Wort gar nicht oft genug schreiben) – leider wird die westliche Karwendelspitze von den Tannen verdeckt.

Manchmal seh ich den Wald vor lauter Bäumen nicht, heute sah ich den Weg vor lauter Laub kaum – eine vierbeinige Vorhut ist da von unschätzbarem Wert.

Wald, Walchensee, Wettersteingebirge.

Die drei Dorfenten auf der Flucht vor dem Dackelfräulein (verwackelt wegen Sauseschritt).

Heast, des is makaber…

…singt der Wolfgang Ambros in seinem uralten Song „Da Hofa“.

Der Großteil des gestern Abend im Münchner Prinzregententheater dargebotenen Repertoires kam zwar (noch) nicht makaber, aber doch reichlich morbid daher. Es war allerdings weit mehr als die erwartbare, typisch wienerische Morbidität.
Verzweiflung, Vergänglichkeit, Verfall waren spürbar – in Text, Ton und – worauf ich überhaupt nicht vorbereitet war – auch in personam. Das Gitarrenspiel oft wacklig, die Stimme manchmal brüchig und dünn, das Betreten und Verlassen der Bühne ein sichtlicher Kraftakt. Nur momenthaft waren der Ambros meiner Jugendjahre und der, den ich vor über zehn Jahren auf der überaus gelungenen „Ambros singt Waits“-Tour erlebt hatte, noch wiederzuerkennen.

Zum ersten Mal in meinem Leben war ich dankbar, ein bestuhltes Konzert zu besuchen, andernfalls hätt‘ ich mich erstmal setzen müssen.

Schlecht sieht er aus. Zaundürr, sehr geschwächt, immens gealtert, eigentlich schwer krank. Die erste halbe Stunde des Konzerts bin ich fast ausschließlich damit beschäftigt, den ebenso unerwarteten wie schockierenden Anblick des Austropop-Altmeisters zu verdauen und im Schutz der Rückenlehne vor mir zu googeln: Seit wann geht’s dem so mies und warum isser so beinand? Operationen, Alkohol, Tabletten, Depressionen, Trennungen? (Nächstens, wenn ich wieder zu Konzerten von Vertretern der Ü60-Generation gehen sollte, werde ich das vorher googeln – um vorbereitet zu sein.)

Etwa eine Stunde hat’s gebraucht, bis Auge und Ohr sich an die fahrigen, ungelenken Bewegungen, die langsamen und oft vernuschelten Zwischenmoderationen, die die Darbietung der Songs umrahmen, einigermaßen gewöhnt haben. Die zwei exzellenten Musiker an seiner Seite fangen die diversen Holprigkeiten auf so gut sie können  (und das können sie gut!), und holen ihren Chef auch zurück in die Spur, wenn er sich gelegentlich in langatmigen Monologen verliert, die ihren Reiz deutlich mehr aus dem sympathischen Wienerisch ziehen als aus ihrem Inhalt.
„So gsehn muass ma des betrachdn!“ meint der Bandleader in einer dieser Plaudereien zwischen den Liedern. Und das war kein Fazit des vorausgegangenen Schwanks, nein, es war das ambros’sche Pendant zu „von demher“, das mein kroatischer Friseur immer von sich gibt, und das sowohl nichts als auch alles bedeuten kann. Au weia.

Blauer Nebel kriecht über die Bühne als der Barde Lieder wie „Tendenz zur Demenz“ und „Gezeichnet fürs Leben“ anstimmt oder über alte Zeiten oder die Zeit an sich sinniert. Schwer auszumachen, wann und wo hier Schmäh, Galgenhumor, Melancholie oder tiefe Verzweiflung Regie führen. Düster ist’s jedenfalls.

Lediglich der unvermeidbare „Zentralfriedhof“ fällt schlussendlich völlig aus der Reihe dieses Endzeitszenarios: da hätte ich eher den finalen Hieb des Sensenmannes erwartet als einen Gastauftritt des wie eh und je bubihaft wirkenden Michael Mittermeiers, der vital in die Saiten haut und mit kräftiger Stimme „Wann’s Nochd wird über Simmering, kummt Leben in die Toten“ rausschmettert.
Na sowas.

Ein teils beklemmendes und zugleich sehr anrührendes Herbstkonzert, vor allem, wenn einen die Gegebenheiten so unvorbereitet erwischen.

Als wir das Theater nach drei Stunden verlassen, nieselt es. Auf dem Weg zur U-Bahn höre ich Satzfetzen anderer Konzertbesucher. Manch einer meckert, weil es ja nimmer der Ambros von früher ist, den er da gehört und gesehen hat. Warum hört der nicht früher auf und bleibt seinen Fans so in Erinnerung wie er war als er noch funktioniert hat. An sauber’n Schlussstrich hätt‘ er zieh’n soll’n, bevor’s peinlich wird. Die meisten aber wirken auf die eine oder andere Weise ergriffen, gucken andächtig und sind still.

„Ambros pur“ lautet der Titel der Tour – und in der Tat war es eine Veranstaltung „on the rocks“, ohne Zusatzstoffe, künstliche Aromen und realitätsverschleiernde Hilfsmittel.
Ja, so sieht ein Mann aus, der stramm auf die 70 zugeht und trotz mancher Gebrechen immer noch das tun will und vor allem auch tut, was er immer gern getan hat: Musik machen.

Er zeigt sich so wie er jetzt eben ist, versteckt sich nicht, steht zum Nachlassen seiner Kräfte, singt und spielt weiter, um den Motor am Laufen zu halten, winkt mit zittrigem Arm ins Publikum, humpelt müde und gebückt wie ein 90-Jähriger von der Bühne. Ja, es schmerzt, das mitanzusehen. Als Zumutung empfinde ich es aber nicht, schließlich kann jeder, der das nicht ertragen kann oder will, einfach heimgehen (oder gar nicht erst hingehen).

Entscheidend war für mich, zu erleben, wie er übers ganze Gesicht strahlt, der Wolfgang Ambros, als der Saal geschlossen aufsteht und minutenlang applaudiert.

Der Respekt, die Präsenz und die Liebe der Mitmenschen können einen schon am und im Leben halten.