In einer kurzen Regenpause oder: Hey, where did we go?

Dieser kleine Hund…
Was für eine Lebensfreude! Was für eine Lust zu spielen und sich zu bewegen!

Da kann man sich echt eine Scheibe von abschneiden.

(Gleich danach im Freibad gewesen, bei 11°C, im Wasser also deutlich wärmer als draußen. Regen prasselt auf den Rücken, leer isses im Becken. So lässt sich’s entspannt Kraulen, ohne Aufschauenmüssen, zwei Kilometer völlig ungestört, wirklich schön. Und trotzdem sehnt man sich nach dem Sommer.)

Hey, where did we go
Days when the rains came ?
Down in the hollow
Playing a new game,
Laughing and a-running, hey, hey,
Skipping and a-jumping
In the misty morning fog with
Our, our hearts a-thumping
And you, my brown-eyed girl,
You, my brown-eyed girl!

Sometime I’m overcome thinking about
Making love in the green grass
Behind the stadium
With you, my brown-eyed girl,
You, my brown-eyed girl.

München am 17. Juni: A sneeze to seal our fate tonight.

Vielleicht war es kein Wunder, dass Bruce Springsteen gestern, am 8. Todestag seines langjährigen Weggefährten und Bandmitglieds Danny Federici und einen Tag bevor sich der Tod seines engsten Freundes und Saxophonisten Clarence Clemons zum 5. Mal jährte, etwas angeschlagen die Bühne des Münchner Olypiastadions betrat…

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…und den 57.000 Fans im Münchner Olympiastadion zur Begrüßung etwas nachdenklich und trotzig zugleich „Prove it all night, prove it all night, there’s nothing else that we can do“ entgegen schmetterte.

Die Abendsonne (ja, es gab sie!), deren Strahlkraft in der ersten Stunde des Konzerts einem Frontscheinwerfer gleichkam, ließ es gnadenlos erkennen: Müdigkeit, Erschöpfung und Furchen in Springsteens Gesicht, die nicht nur den letzten Tournee-Monaten geschuldet sind, sondern auch immer deutlicher erahnen lassen, dass der Held unserer Jugend stramm auf die 70 zugeht (was uns  unweigerlich daran erinnert, dass wir vermutlich ebenso 20, 30 oder gar 40 Jahre älter geworden sind seit den ersten gemeinsamen Konzertnächten) – verstärkt wurde dieser Eindruck gestern noch von anfangs völlig zugeschwollenen Augen und verschnupfter Nase.

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Entsprechend modulierte er in den folgenden fast dreieinhalb Stunden manch stimmlich riskante Passage in den Songs ein wenig oder passte ganze Parts der Setlist seiner Verfassung an. Beglückte uns neben dem Erwartbaren („Born to run“, „Waitin‘ on a sunny day“, „Dancing in the dark“) auch mit seltenen Highlights wie „Youngstown“ und „American skin (41 shots)“ sowie einer finalen Solo-Akustik-Version von „For you“, in der sich Brüchigkeit der Stimme und Lyrics stimmig und innig umarmten.

Umarmt habe ich ihn nicht, aber dank der vollen Schmerzmitteldröhnung war ich immerhin fix genug, um bei den ersten Tönen des unsäglichen und unvermeidlichen „Hungry heart“ zur hinteren Absperrung des FOS-Bereichs zu sprinten, mich am Wellenbrecher festzuhalten und abzuwarten, bis Bruce dort vorbeikam….

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…so dass ich meinen derzeit noch beweglichen rechten Arm bloß auszustrecken brauchte, um kurz seine Schulter zu erwischen, als er von seinem Podest hinabstieg.
Es war seine linke Schulter! War das ein Zeichen? Falls ja, müsste sich dann nicht auch längst eine Wunderheilung in meiner linken Schulter vollzogen haben? Oder hat er mich bestenfalls mit seinem Schnupfen angesteckt?

Verschnupft bin ich bislang nur aufgrund der Feststellung, dass sich die Zeitungen nun wieder mit den üblichen Rezensionen überschlagen, obwohl doch im Grunde alles längst mehrfach gesagt worden ist: das breitbeinige Akkord-Schrubben, das Gitarrenhals-Hochreißen, das Fäusteballen und Zum-Himmel-Zeigen des ehrlichen Rock-Arbeiters aus New Jersey.

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Nur mit den „bis zum Bizeps hochgekrempelten Ärmeln“ wird uns die Presse diesmal verschonen müssen, ganz einfach, weil es warm genug war, dass er den Abend im T-Shirt  bestreiten konnte.

Ich kann die Phrasen nicht mehr hören, diese Wiederholungen in all ihrer Klischeehaftigkeit. Natürlich ist Springsteen an diesem Klischee ganz und gar nicht unschuldig, pflegt er doch seit Jahrzehnten im Großen und Ganzen ein und dasselbe Image und scheint nicht im Entferntesten daran zu denken, seine Performance auf Rentner-Modus umzustellen (und genau deshalb ist es so langweilig, immer wieder dasselbe darüber zu lesen). Lediglich die Sprünge auf Roy Bittans Flügel und die Kniefälle vor dem Mikro hat er aus dem Programm verbannt, so wie die Biker Boots mittlerweile formidablem Schuhwerk, einem vernünftigen Kompromiss zwischen Doc Martens und Dachstein, gewichen sind. Und die früher 4-stündigen Shows wurden mittlerweile auf gut 3 Stunden gestutzt, worüber viele seiner mit ihm alternden Fans auch nicht unglücklich sein dürften (denn selbst im Pit sind etliche LWS-Kurztrainings oder Dehnübungen zu beobachten, sofern man sich nicht gleich einen Sitzplatz gegönnt hat).

So lange er das alles noch packt und Freude dran hat, soll er ruhig weitermachen. Wäre es sein Ding, sich alle paar Jahre neu zu erfinden (musikalisch, modisch oder menschlich), dann hätte er das sicher getan. Stattdessen hat er es sich in den vier Jahrzehnten seiner Karriere gestattet, auch ein paar Alben zu veröffentlichen, die eigentlich nur aus einem einzigen Song bestehen, aus einer einzigen langen Geschichte, die er erzählen wollte, unterteilt in ein paar Kapitel, die 8-12 Songs des Albums. Ein paar dieser Geschichten liebe ich (Darkness, BTR, The Ghost of Tom Joad, Devils&Dust) andere sind mir ziemlich egal (Lucky town, Magic, Working on a dream) – als Fan bin ich aber gnädig und verstoße  nichts völlig.

Ich persönlich lege in meinem Leben wert auf ein paar Konstanten, je verlässlicher und unerschütterlicher, desto lieber sind sie mir – und diese Geschichten und Konzerte gehören auf jeden Fall zu diesen Konstanten (und hier stimmen mir sicher die Tramps, mit denen ich befreundet bin, aus tiefster Seele zu).

Da es nie eine Abschiedstour geben wird, wie der „Rolling Stone“ 2012 irgendwann mal schrieb, sondern die E Street Band plötzlich aufhören wird, steht uns irgendwann ein Sommer bevor, in dem uns schmerzlich klar wird, dass diese Konstante weggebrochen ist. Deshalb stehen wir bereits seit einigen Jahren leicht bang in den Arenen, nicht wissend, ob dieses Mal vielleicht das letzte Mal sein könnte.

Ich vermag nicht zu sagen, ob es so besser ist oder ob ich nicht doch lieber wüsste, wann der Vorhang fällt.

Aber solange wir derart traumhafte Sommernächte miteinander verbringen können wie gestern hier in München, mag ich darüber auch nicht allzu sehr nachdenken, sondern mich einfach ganz auf das einlassen, was wir in diesen Stunden teilen, erkältet oder gesund, alt oder jung, das spielt keine Rolle mehr, nach so vielen Jahren.

Wenn du dich – so wie gestern – verabschiedest mit „I could give it all to you now, if only you could ask.“…

… dann kann ich nur glücklich zurückrufen: „I asked. And you gave it. Thank you.“

See you all tomorrow in Berlin & get well soon, Bruce!

Verflixt und zugedröhnt

Ein Unglück kommt ja selten allein. Als die Ungarn am Dienstagabend gerade dabei waren, mir meinen EM-Tipp zu vermasseln (bis dahin war ich in unserer Tippgemeinde auf Rang 2 von 15!), entschloss sich meine Kalkschulter zu einer spontanen Verschlimmerung, die zur Konsequenz hatte, dass ich seitdem weder alleine ein T-Shirt an- oder ausziehen, noch andere Alltagshandgriffe machen kann, ohne vor Schmerzen aufzujaulen. Nachts verharre ich in Sargposition und hoffe auf wenigstens 2-3 Stündchen Schlaf, was aber kaum möglich ist, da ich nunmal kein Rückenschläfer bin. Ibuprofen-600 wollte nicht wirken, sondern stattdessen wieder raus aus mir, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als gestern meinen Orthopäden aufzusuchen und um eine Spritze in die Schulter zu bitten, wenn ich denn irgendeine Chance auf aufrechte Teilnahme am heutigen Konzert haben wollte.

Die Spritze brachte keinen durchschlagenden Erfolg, das Frustheulen half ebenfalls nicht weiter, also kroch ich nachmittags  zur Apotheke und holte mir ein Magenmittel, damit Ibu und ich es nochmal miteinander versuchen können. Zusätzlich 30 Tropfen Novaminsulfon (mit erschreckenden Anwendungsgebieten, die weit über meine Kalkschulter hinausgehen) und obendrauf noch zwei Mai Tai (ist nicht zur Nachahmung gedacht!). Und siehe da: 6 Std Schlaf waren heute Nacht drin. Nicht mal den gegen das Fenster prasselnden Dauerregen hörte ich.

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Preparing for the show

Nach dem Morgen- und Mittags-Cocktail (nur Medikamente, kein Mai Tai, ich bin ja nicht pervers) erstmals wahrnehmbare Besserung der Schmerzen. Hurra!
Bruce, du kannst kommen! Ich kann zwar nicht klatschen und meiner Begeisterung durch ungezügelte Motorik Ausdruck verleihen, weil ich den Arm höchsten bis Schlüsselbeinhöhe heben kann, aber bei über 60.000 Fans fällt eh nicht auf, wenn mal einer nicht mithampeln kann. Meine vier Bodyguards werden meine Schulter hoffentlich gut gegen Rempler und Rambos abschirmen, so dass ich um Mitternacht wieder heil zuhause bin.

Und das hoffentlich trockenen Fußes. Denn da wäre noch die Sache mit dem Wetter. Ein paar Tropfen könnte man verschmerzen, aber so ein Dauerregen kann einem ein Open Air schon ziemlich verhageln.
Beim mittäglichen Patrouillieren durch den Olympiapark, in dem sich bereits Fans aus aller Herren Länder tummeln…
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…wehen uns Wind und Soundcheck (ja, er ist da!) fast vom Olympiaberg…
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… aber immerhin scheint stellenweise schon ein Stückchen Blau zwischen den Wolken durch.

Möge der Himmel in den nächsten Stunden noch weiter aufreißen, damit wir um 19 Uhr nicht so einsteigen müssen wie damals vor 3 Jahren:

Das wünscht sich und all den anderen Tramps, die heute Abend hier in München mit im Boot von der Partie sind –
die gedopte Kraulquappe.