Beg (if it means anything to you).

Woran merkt man eigentlich, dass man älter wird?

Unter anderem daran, dass die Songs, an denen man hängt (und an denen Erinnerungen hängen), plötzlich in den Radiosendern gespielt werden, die man, als man noch jung war, als „unter aller Sau“ klassifiziert hatte und bei denen man keine Minute freiwillig hängengeblieben wäre.

Und daran, dass einem Erinnerungen plötzlich Tränen in die Augen treiben, obwohl das vom heutigen Standpunkt aus betrachtet ganz und gar überflüssig ist, was man freilich damals noch nicht ahnen konnte (dass der ganze Herzschmerz sich tatsächlich mal auflösen würde).

Überhaupt wird ja der persönliche Anrührungsquotient mit steigendem Lebensalter immer größer.

Was soll’s.
Sieht einen ja keiner, wenn man ein bisserl schniefend und mit leicht geröteten Wangen durch das schöne Alpenvorland heimwärts fährt, und falls doch, dann könnte man’s ja auch locker auf den ersten dezenten Sonnenbrand dieses Frühlings schieben.

Das hier ist was für Eingefleischte.
Oder für Neugierige oder Sentimentale oder Ältergewordene.

(Und ich möchte jetzt von niemandem, der dabei war, hören, dass der Sound sch**** war, damals an diesem Wahnsinnsabend in der Red Bull Arena. Das mag ja sein, aber in den vorderen zehn Reihen, da spielte das echt keine Rolle, und erst recht nicht bei diesem Prolog samt Kniefall – und allem, was danach kam.)

In my dream our love was lost, I lived by luck and fate
I carried you inside of me, prayed it wouldn’t be too late
Now I’m standin‘ on this empty road where nothin‘ moves but the wind
And honey I just wanna be back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again

Once I was your treasure and I saw your face in every star
But these promises we make at night, oh that’s all they are
Unless we fill them with faith and love they’re empty as the howlin‘ wind
And honey I just wanna be back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again

You came to me with love and kindness
But all my life I’ve been a prisoner of my own blindness
I met you with indifference and I don’t know why
Now I wake from my dream, I wake from my dream to this world
Where all is shadow and darkness and above me a dark sky unfurls
And all the love I’ve thrown away and lost I’m longin‘ for again
Now darlin‘ I just wanna be back in your arms

Leipzig, Sommer 2013, irgendwie noch deutlich jünger.

Song des Tages (17).

Neue Woche, neue Wege.

Eine Schreibarbeit voranbringen, die OP hinter uns bringen. Und manches mehr.
Hoffentlich wirft’s einen nicht aus der Spur.

Im Küchenradio spuin’s an Hubert, lang‘ nicht mehr gehört!

Ein Open-Air-Konzert in Coburg fällt mir ein, kurz nach dem Independence Day muss es gewesen sein, eine Ameisenstraße unter einer Wolldecke im Wald, irgendwo zwischen Würzburg und Coburg, heiß war es, der Honda von P. ohne Klimaanlage. Die Stimmung schwierig, aber nicht aussichtslos, was man damals vor 24 Jahren zu gern geahnt hätte, aber erst viel später wissen durfte. Immerhin.

An dieser Stelle herzliche Grüße nach Berlin an P., den Läufer mit der feschen Russenmütze (frohes Zehennägelschneiden!) – und allen anderen einen guten Start in die Woche!

De Fiass de gengan wia von selber und de Strass’n
de fangt an vor meiner Tür
nur wo’s aufheat woass ma nie
und wo’s hiführt woass ma nie
und ob ma‘ z’ruckkommt woass ma nie

München am 17. Juni: A sneeze to seal our fate tonight.

Vielleicht war es kein Wunder, dass Bruce Springsteen gestern, am 8. Todestag seines langjährigen Weggefährten und Bandmitglieds Danny Federici und einen Tag bevor sich der Tod seines engsten Freundes und Saxophonisten Clarence Clemons zum 5. Mal jährte, etwas angeschlagen die Bühne des Münchner Olypiastadions betrat…

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…und den 57.000 Fans im Münchner Olympiastadion zur Begrüßung etwas nachdenklich und trotzig zugleich „Prove it all night, prove it all night, there’s nothing else that we can do“ entgegen schmetterte.

Die Abendsonne (ja, es gab sie!), deren Strahlkraft in der ersten Stunde des Konzerts einem Frontscheinwerfer gleichkam, ließ es gnadenlos erkennen: Müdigkeit, Erschöpfung und Furchen in Springsteens Gesicht, die nicht nur den letzten Tournee-Monaten geschuldet sind, sondern auch immer deutlicher erahnen lassen, dass der Held unserer Jugend stramm auf die 70 zugeht (was uns  unweigerlich daran erinnert, dass wir vermutlich ebenso 20, 30 oder gar 40 Jahre älter geworden sind seit den ersten gemeinsamen Konzertnächten) – verstärkt wurde dieser Eindruck gestern noch von anfangs völlig zugeschwollenen Augen und verschnupfter Nase.

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Entsprechend modulierte er in den folgenden fast dreieinhalb Stunden manch stimmlich riskante Passage in den Songs ein wenig oder passte ganze Parts der Setlist seiner Verfassung an. Beglückte uns neben dem Erwartbaren („Born to run“, „Waitin‘ on a sunny day“, „Dancing in the dark“) auch mit seltenen Highlights wie „Youngstown“ und „American skin (41 shots)“ sowie einer finalen Solo-Akustik-Version von „For you“, in der sich Brüchigkeit der Stimme und Lyrics stimmig und innig umarmten.

Umarmt habe ich ihn nicht, aber dank der vollen Schmerzmitteldröhnung war ich immerhin fix genug, um bei den ersten Tönen des unsäglichen und unvermeidlichen „Hungry heart“ zur hinteren Absperrung des FOS-Bereichs zu sprinten, mich am Wellenbrecher festzuhalten und abzuwarten, bis Bruce dort vorbeikam….

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…so dass ich meinen derzeit noch beweglichen rechten Arm bloß auszustrecken brauchte, um kurz seine Schulter zu erwischen, als er von seinem Podest hinabstieg.
Es war seine linke Schulter! War das ein Zeichen? Falls ja, müsste sich dann nicht auch längst eine Wunderheilung in meiner linken Schulter vollzogen haben? Oder hat er mich bestenfalls mit seinem Schnupfen angesteckt?

Verschnupft bin ich bislang nur aufgrund der Feststellung, dass sich die Zeitungen nun wieder mit den üblichen Rezensionen überschlagen, obwohl doch im Grunde alles längst mehrfach gesagt worden ist: das breitbeinige Akkord-Schrubben, das Gitarrenhals-Hochreißen, das Fäusteballen und Zum-Himmel-Zeigen des ehrlichen Rock-Arbeiters aus New Jersey.

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Nur mit den „bis zum Bizeps hochgekrempelten Ärmeln“ wird uns die Presse diesmal verschonen müssen, ganz einfach, weil es warm genug war, dass er den Abend im T-Shirt  bestreiten konnte.

Ich kann die Phrasen nicht mehr hören, diese Wiederholungen in all ihrer Klischeehaftigkeit. Natürlich ist Springsteen an diesem Klischee ganz und gar nicht unschuldig, pflegt er doch seit Jahrzehnten im Großen und Ganzen ein und dasselbe Image und scheint nicht im Entferntesten daran zu denken, seine Performance auf Rentner-Modus umzustellen (und genau deshalb ist es so langweilig, immer wieder dasselbe darüber zu lesen). Lediglich die Sprünge auf Roy Bittans Flügel und die Kniefälle vor dem Mikro hat er aus dem Programm verbannt, so wie die Biker Boots mittlerweile formidablem Schuhwerk, einem vernünftigen Kompromiss zwischen Doc Martens und Dachstein, gewichen sind. Und die früher 4-stündigen Shows wurden mittlerweile auf gut 3 Stunden gestutzt, worüber viele seiner mit ihm alternden Fans auch nicht unglücklich sein dürften (denn selbst im Pit sind etliche LWS-Kurztrainings oder Dehnübungen zu beobachten, sofern man sich nicht gleich einen Sitzplatz gegönnt hat).

So lange er das alles noch packt und Freude dran hat, soll er ruhig weitermachen. Wäre es sein Ding, sich alle paar Jahre neu zu erfinden (musikalisch, modisch oder menschlich), dann hätte er das sicher getan. Stattdessen hat er es sich in den vier Jahrzehnten seiner Karriere gestattet, auch ein paar Alben zu veröffentlichen, die eigentlich nur aus einem einzigen Song bestehen, aus einer einzigen langen Geschichte, die er erzählen wollte, unterteilt in ein paar Kapitel, die 8-12 Songs des Albums. Ein paar dieser Geschichten liebe ich (Darkness, BTR, The Ghost of Tom Joad, Devils&Dust) andere sind mir ziemlich egal (Lucky town, Magic, Working on a dream) – als Fan bin ich aber gnädig und verstoße  nichts völlig.

Ich persönlich lege in meinem Leben wert auf ein paar Konstanten, je verlässlicher und unerschütterlicher, desto lieber sind sie mir – und diese Geschichten und Konzerte gehören auf jeden Fall zu diesen Konstanten (und hier stimmen mir sicher die Tramps, mit denen ich befreundet bin, aus tiefster Seele zu).

Da es nie eine Abschiedstour geben wird, wie der „Rolling Stone“ 2012 irgendwann mal schrieb, sondern die E Street Band plötzlich aufhören wird, steht uns irgendwann ein Sommer bevor, in dem uns schmerzlich klar wird, dass diese Konstante weggebrochen ist. Deshalb stehen wir bereits seit einigen Jahren leicht bang in den Arenen, nicht wissend, ob dieses Mal vielleicht das letzte Mal sein könnte.

Ich vermag nicht zu sagen, ob es so besser ist oder ob ich nicht doch lieber wüsste, wann der Vorhang fällt.

Aber solange wir derart traumhafte Sommernächte miteinander verbringen können wie gestern hier in München, mag ich darüber auch nicht allzu sehr nachdenken, sondern mich einfach ganz auf das einlassen, was wir in diesen Stunden teilen, erkältet oder gesund, alt oder jung, das spielt keine Rolle mehr, nach so vielen Jahren.

Wenn du dich – so wie gestern – verabschiedest mit „I could give it all to you now, if only you could ask.“…

… dann kann ich nur glücklich zurückrufen: „I asked. And you gave it. Thank you.“

See you all tomorrow in Berlin & get well soon, Bruce!