Vom langsamen, leicht umständlichen Heranpirschen an das Eigentliche einer Sache.

Drei Tage Arbeitsklausur am See.
Mich mit Ruhe und Bedacht und auf ein paar Umwegen an das Eigentliche herangepirscht.
Mit passablem Ergebnis: der Text ist jetzt zu 95% fertig. Finde ich zumindest heute Morgen.

Und sonst so?

Von allem was dabei gewesen:
Perfekter Seeblick vom Zimmerfenster aus, drumrum ein Ort der Inspiration, etwas sportliche Betätigung in den Morgenstunden, zäher Novembernebel, zähe Gedanken, absurde Wortfindungsstörungen, aber auch sprudelnde Ideen, beinahe ungeahnte Kreativitätsschübe, kalte Füße trotz warmer Socken, lauwarmes Rührei zum Frühstück, den Input an Nachrichten aus der Welt gering gehalten, immerhin 1x Musik gehört bei einem Morgenlauf, abends Stern-Weiße von Hacker-Pschorr (kommt gleich nach Schneider Weiße TAP7), ein krasser Sonnenuntergang in Lila-Orange-Magenta, wunderbar feste Matratze, entsprechend gut geschlafen, im Lokal 1x Schwaben am Nachbartisch („Ha noi, de Oggsebruschd is aus!“), dafür 2x in ebenjenem Lokal Horizont erweitert in Sachen OMG (once again: that doesn’t mean „Oh my God“ but Oskar Maria Graf, a famous Bavarian writer), sogar einige Gedichte gelesen, keinerlei überflüssige Wortwechsel mit überflüssigen Zeitgenossen, jeden Tag ein schwarzes Haar des Zimmermädchens im weißen Waschbecken, drei Herpes nebeneinander auf der Oberlippe (beinahe schaut’s aus wie die aufgespritzen Lippen eines Hollywoodstars, nur die Frisur passt nicht ganz dazu), eine angenehme Nachttischleuchte (schätzungsweise 2700 Kelvin, so muss das sein), resche Bratkartoffeln ohne blöden Kümmel oder ekligen Speck und endlich mal eine Rezeptionistin, die auf meine Bitte um eine ganz bestimmte Art von Zweitkopfkissen sofort sachkundig mit „Ah, Sie moana a Hansi?!“ reagiert.
Ja super! Genau, des moan i (mia song dahoam Hansipolster, oba bassd scho)!
Erlebt man ja leider verdammt selten in Hotels.

Wenn eines der wichtigsten Werke von Oskar Maria Graf nicht ausgerechnet mit „Das Leben meiner Mutter“ betitelt wäre, hätte ich das Trumm ja schon längst gelesen. Deshalb muss ich mich auch da ganz langsam heranpirschen, diese biografisch bedingte Barriere im Hirn wird aber wohl eines Tages noch einstürzen, das spür ich schon. Und bis dahin blättere ich eben durch die kleineren Werke wie die gesammelte Reden, Gedanken und Zeitbetrachtungen.

Darin finden sich wahre Highlights des Grafschen Sinnierens über unsere Landsleute und deren Humor:

Um einem nichtbayrischen Menschen unseren Humor auch nur halbwegs begreiflich zu machen,
dazu muß man im Erklären ein bißchen weitschweifig sein.
Weitschweifigkeit oder, besser, das langsame, leicht umständliche Heranpirschen
an das Eigentliche einer Sache gehört zu unserer Natur.
Alles Knappe, logisch scharf Umrissene ist uns zuwider.
Wir sind für das Kommode. ‚Kamott’, wie wir es aussprechen,
heißt soviel wie sich in allem gemütlich Zeit lassen
und das zuträglich Behagliche voll auskosten.
Meistens springt dabei sogar ein Vorteil für uns heraus, und wenn es auch nur der ist,
daß ein anderer Mensch sich darüber ärgert oder nervös wird.
Ein ‚kamotter’ Mensch mag das Durchdenken, das in heutigen Zeiten so beliebte Zu-Ende-Denken nicht,
er ist für das Betrachterische.
Das hängt vielleicht mit unserer weltberühmten Kunst,
dem ‚Bayrischen Barock’ zusammen, bloß, meine ich immer,
daß ‚barock’ überhaupt eine persönliche Veranlagung jedes einzelnen Bayern ist. [. . . ]

Bayrischen Humor gibt es allerdings zweierlei:
den, über welchen die Eingesessenen lachen
und jenen, den die Fremden an uns belachen.
Der erstere beruht auf unserer scheinbaren Unlogik und auf der Langsamkeit im Begreifen.
Bei der Beurteilung des letzteren bin ich nicht kompetent.

(Oskar Maria Graf, „Etwas über den bayrischen Humor“. In: „An manchen Tagen.“, 1961)

Da brauch ich keinerlei Tischgesellschaft, wenn ich sowas neben meinem dampfenden Blaukrautschälchen liegen habe und darin lesen kann.

Und am letzten Abend, im Hotelbett, schließt sich dann der Kreis, als ich das hier aus dem Netz fische:

Nun noch ein bisschen Herumdenken an den fehlenden fünf Prozent, meine Siebensachen zusammenpacken und gegen Mittag wieder nachhause zum Gatten und dem Dackelfräulein, die den Giardien hoffentlich bereits erfolgreich den Garaus gemacht haben.

Auf Wiederseen!

Leben.

„Leben, leben muss man, meine ich, leben und sonst nichts. So einfach klingt das, und keiner kann’s!“ (Oskar Maria Graf)

Der bayrische Schriftsteller OMG, der Generation „lol & rofl“ vermutlich nur noch unter dem Akronym für die ziemlich überflüssige Exklamation „Oh my God!“ bekannt (und auch nicht zu verwechseln mit der 80er-Jahre-Kombo OMD), wuchs in Berg am Starnberger See auf, von wo aus das Dackelfräulein und ich momentan gern zu ausgedehnten Märschen aufbrechen, um a) möglichst wenigen Rüden zu begegnen und b) unseren Gassihorizont und die Ortskenntnis mal wieder etwas zu erweitern.

Hier kommt man nirgends an Oskar Maria Graf vorbei: Grafstraße, Grafweg, Graf-Geburtshaus, das Bankerl, auf dem er seine erste Zigarette drehte usw.

Mein persönlicher OMG-Tipp ist das OMG-Stüberl, selbst wenn man dafür nach einem bereits zweistündigen Spaziergang am See nochmal tief Luft holen muss, um das steile Strässchen zum oberen Ortsteil von Berg zu erklimmen (erst hier oben erschließt sich dem Wanderer der Ortsname!). 

Aber die Tour zuvor ist unvermeidbar, denn merke: Geh nie mit einem nicht ausgepowerten Dackel ins Lokal, pfeif lieber selbst aus dem letzten Loch und erhol dich dann im Lokal (selbstverständlich erst, nachdem du dem Dackel sein Würstchen gegeben hast, das bei jedem längeren Gassi als Proviant mitzuführen ist).

Das Erholen geht im OMG-Stüberl ausgesprochen gut. Und sogar zu eher landkreisuntypischen Preisen, vor allem für die hier gebotene Qualität.
Einmal pro Woche gönne ich mir irgendwo eine Einkehr: Tee oder Kaffee, im Winter eine heiße Schokolade, im Sommer ein Weißbier, manchmal sogar noch „an Zusatzkalorien“, so wie heute.

Man sollte gut sein zu sich. Leben üben. Leben lernen. Leben genießen. Nicht alles auf irgendwann später verschieben. Nicht dass man plötzlich tot ist und vorher keinen Topfenknödel mehr gegessen und dazu in Ruhe einen guten Gedanken gedacht hat.

So geht’s eben jedem mit seinem dreckigen Leben. Zuletzt, wenn man nicht mehr arbeiten kann oder mag, will man nachdenken, und da kommt raus, daß unser ganzes Leben eine hohle Nuß gewesen ist. Und das, verstehst du, das ist ärgerlich. Das können die wenigsten vertragen. Und auf was verfallen sie dann? Auf den Herrgott und die verschiedenen Heiligkeiten. Anders halten sie es nicht mehr aus! (OMG)

Dafür braucht man eher Zeit als Geld. Ich bin meinem Hund dankbar, dass ich mir täglich Zeit nehmen „muss“ und froh, dass meine Lebensumstände das zulassen. Arbeite ich halt wieder bis spät abends.

Die Dichte an heimatlosen Tennisbällen ist in Deutschlands reichstem Landkreis übrigens sensationell hoch. 

Aus Berg grüßen herzlich oder für die jüngeren Leser: cu & rok!

Die Kraulquappe und der Balljunkie.