Himmel der Bayern (50): In der Energiezentrale.

Zwischen Penzberg, Urthal, Bichl und Benediktbeuern: 12km Rundweg durchs Loisachfilz.

Wirklich ein Spitzentipp für einen Lauf mit der läufigen Hündin. Quasi ein Keuschheitsmarsch: Klösterliche Ruhe und Einsamkeit, kein Rüde weit und breit. Auch sonst niemand unterwegs. Lediglich die Benewand kommt am Nachmittag noch unter dem Wolkenbrett hervorgekrochen.

Darauf eine heiße Schokolade und ein paar warme Gedanken!

Niedergebügelt oder: Rowenta, 1984.

Eine der Tätigkeiten im Haushalt, die ich outgesourced habe, weil ich sie stets weniger mochte als alle anderen, aber passenderweise mit jemandem verheiratet bin, dem diese Tätigkeit nicht so zuwider ist, vielleicht auch, weil er dabei stundenlang in Ruhe Fußballgucken kann (freilich nicht die Spiele „seines“ Vereins, denn das wäre gerade bei dieser Tätigkeit durchaus riskant) oder sich alternativ dazu von YouTube-Videos von Philosphievorlesungen berieseln lassen kann (denn Fußball läuft ja nicht täglich, YouTube aber schon), ist das Bügeln.

Im Klartext: Ich hasse Bügeln. Schon immer. Ich bin geradezu traumatisiert, was Bügeln betrifft. Offen gestanden, beginnt das schon beim Anfassen des Bügeleisens. Denn bevor ich in meinem Leben überhaupt an den Punkt gelangt war, an dem es wirklich erforderlich geworden wäre, dieses Gerät anzufassen (also zur ersten Hochzeit oder mit Beginn der Phase der Vorstellungsgespräche), war ich bereits über 10 Jahre im Besitz eines Bügeleisens.

Ich war 12 Jahre alt, als ich mein erstes Bügeleisen bekam.
Es trat unter sehr schwierigen Umständen in mein Leben, und dass es ein Begleiter für sage und schreibe 34 Jahre werden sollte, hat damals wohl niemand beabsichtigt oder geahnt, am allerwenigsten ich, die ich 1984 wirklich so manches gern hätte haben wollen, aber definitiv kein Bügeleisen und erst recht kein damit verbundenes Trauma.

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1982. In der sich bereits anbahnenden, kleinen, ganz privaten Dystopie in jenem facettenreichen Gebilde, das man Herkunftsfamilie nennt, knirschte es schon lange im Gebälk, aber noch stand das Gebäude, die Fassade wies keine sichtbaren Schäden auf, die Abrissbirne war noch nicht geschmiedet worden, alle klammerten sich noch an einander oder an Dinge, die irgendeine Art von Griff oder Mulde boten, in die sich die nach Hilfe tastenden Hände krallen konnten.

Wohin man aber auch blickte oder lauschte – wenn man wirklich aufmerksam war und das Wahrgenommene an sich heranließ – dann war es überall spürbar, dieses Knirschen und Knarzen, dieser Zersetzungsprozess, dieses langsame Verschmelzen der vielen kleinen Eiterbeulen zu einem riesigen Abszess, der gar nicht anders konnte, als irgendwann zu platzen, wenn ihm denn niemand eine Drainage legen würde, was keiner tat oder tun konnte, so wie in vielen Familien ja den grausigsten Dingen ihr Lauf gelassen wird, anstatt die ganze Bagage gesammelt in die Notaufnahme zu schicken.

We played out an all-night movie role
You said it would last, but I guess we enrolled
In 1984 (Who could ask for more?)

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1984. Die Mutter kurz vor einem ihrer Reha-Aufenthalte. Jahrelanges Herumdoktern an dem Kreuzbandriss einer Unsportlichen, die sich „der Familie zuliebe“, die bevorzugte Plattform ihrer Opferrolle, eine Saison lang ungelenk auf die Skier gestellt hatte, bis es sie, am letzten Tag des fürchterlichen „Familienskikurses“ im weltmeisterlichen Schladming mitten auf der Planai zerlegte. Im Winter 1982. Bei der letzten Abfahrt.
Der Papa hatte sich am Tag zuvor am Hochwurzen das Kahnbein der linken Hand gebrochen.

In meine spätkindliche Welt war damit endgültig das Unglück hereingebrochen, es war sichtbar geworden, es ließ sich nicht mehr verbergen. Zerbrochen an allen Ecken und Enden wurden wir wie ein Haufen Versehrter heimgekarrt, der Fahrer vom Papa kam mit dem Kombi, um die Mutter mit ausgestrecktem, provisorisch geschientem Haxn nach München zu kutschieren und direkt ins Rechts der Isar einzuliefern. Dort wetzte der seinerzeit als Kniespezialist ausgewiesene Chefarzt in der Chirurgie bereits die Messer, verpfuschte dann aber das Knie nachhaltig, so zumindest die Version der Mutter.
Der Papa transportierte mit eingegipstem Hangelenk unsere Skiausrüstung, die Koffer und mich nachhause. Aus der Traum vom Wintersport, vorbei die Ferien, die Kindheit auch und das Familienleben ebenso.
Entschuldigen Sie den kleinen Exkurs in den Winter des Jahres 1982, aber der ist als Prolog zum Winter 1984 nunmal unerlässlich.

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Zwei Jahre nach diesem Drama in St. Eiermark, wie der Papa die Region immer nannte, was ich als Kind lustig fand, aber nur bis zu diesem Unglückstag, an dem unsere Familie für alle Zeiten verunfallte (was für ein gräßliches Verb, aber es trifft genau), zwei Jahre nach Schladming stand also wieder mal einer der Reha-Aufenthalte der Mutter an. 1984. Dazwischen lag übrigens die räumliche Trennung der Eltern, der Papa war ausgezogen bzw. ausgezogen worden, zur Scheidung rang man sich erst Jahre später durch, der eine aus Berechnung, der andere aus Hoffnung.

Jeder Aufenthalt, egal wo und für wie lange, ist ja verbunden mit Kofferpacken. Das pünktliche Herrichten von Sachen beherrschte die Mutter noch nie, sie beherrschte es so wenig, dass der Papa irgendwann die Beherrschung verlor und ihr das Packen abnahm. Was die Mutter gar nicht ertragen konnte: dass ihr jemand die zumindest in ihrem Kopf wohl existenten Listen an mitzunehmenden Gegenständen aus der Hand nahm oder gar ignorierte und nach seiner Fasson ihren Koffer befüllen wollte. Bevor wir für drei Wochen nach Holland reisen konnten, reisten wir stets drei Tage durch die Vorbereitungshölle und die letzten drei Stunden vor der Abreise durch das Fegefeuer des finalen Kofferpackens.

Sie können sich nun in etwa vorstellen, was sechs Wochen Reha-Aufenthalt also im Vorfeld bedeuteten.
Die Mutter saß überfordert vor ihren Koffern, um sie herum Berge an unnützem Zeug, bis Mittag sollte man in der Klinik eintreffen, sie hockte da morgens in ihrem Chaos und konnte keine Entscheidung treffen, was wohin eingepackt werden musste. Der Papa hatte einen Tag freigenommen, fuhr zu uns, um beim Koffertragen zu helfen und um sie und ihre Sachen in die Klinik zu bringen, hatte alles Überflüssige vorsorglich aus dem Mercedes entfernt, damit das Kind neben all dem Gepäck auch noch irgendwie Platz auf der Rückbank fände.

Die Zeit wurde knapp und knapper, der Papa wollte packen, durfte aber nicht, die Mutter konnte nicht packen, tat es dann aber. Kurz vor dem Aufbruch wanderte sie rastlos durch die Wohnung, mit einem suchenden Blick nach Dingen schielend, die sie vergessen haben könnte oder noch brauchen würde, dort in Bad Heilbrunn.

Plötzlich griff sie nach dem Bügeleisen und stopfte es obenauf in eines iher übervollen Gepäckstücke. Dem Papa platzte der Kragen. Ob sie jetzt spinne?! Es gäbe Bügeleisen in der Klinik, die man bei Bedarf ausleihen könne! Sie solle sich das doch bitte sparen, das Auto würde eh schon überquellen vor lauter Gepäck. Auf einmal wurde um dieses Bügeleisen so gestritten wie seinerzeit beim Auseinanderdividierens des Hausstandes über einen pottscheußlichen Wandteppich aus Ägypten, an dem eigentlich keiner hing, aber an dem man vielleicht genau deshalb alles aufhängen konnte. Diese ganze Ehe, dieses ganze Scheitern, all die Verzweiflung.

Die 12-Jährige heulte. Natürlich nicht wegen des Bügeleisens, das für 6 Wochen zu verreisen drohte, auch nicht wegen der Mutter, die für längere Zeit verschwinden würde, nein, sie heulte einfach nur wegen der immensen Lautstärke und der ewigen Wiederholung des Immergleichen.

Man fuhr schließlich in Bombenstimmung los, genau wie früher, wenn es Richtung Holland ging.

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Bei der Ausfahrt Penzberg/Iffeldorf verließ der Papa die A95, nicht nur, um die kürzeste Strecke nach Bad Heilbrunn zu wählen, sondern um einen unangekündigten Zwischenstopp in Penzberg einzulegen. Er bog spontan von der Durchgangsstraße ab und hielt vor einem Elektro- und Haushaltswarengeschäft. Eines dieser Geschäfte, mit allem, was das Hausfrauenherz an kleinen Alltagshelfern begehrt, zusammengepfercht in einem mit billigem, beigem Teppich ausgekleideten Schaufenster, hinter staubigen Scheiben auf Kundschaft wartend und mit handgeschriebenen Preisschildchen versehen, die wacklig an den ausgestellten Waren hängen. Geschäfte, die es heute kaum noch gibt, weil sie längst der großen Konkurrenz erlegen sind, selbst in Penzberg.

Er stieg aus, verschwand in dem kleinen Laden und kam 10 Minuten später mit einer Schachtel unter dem Arm wieder heraus. Riss die Autotür auf, drückte mir den kleinen Karton in die Hand und sagte „Da, jetzt hast du selbst ein Bügeleisen, wenn deine Mutter nicht in der Lage ist, ohne dieses Trum in die Klinik zu gehen.“.
Ich hielt es auf dem Schoß, betrachtete die Schachtel, auf der „Rowenta“ stand und der darin befindliche Inhalt mit einem schnöden Foto abgebildet war, und war unschlüssig, ob ich nun „Danke“ sagen müsste oder ob ich nochmal weinen sollte oder ob mir all das einfach nur egal sein dürfte.
Keine Ahnung, was ich damals tat, manches entsorgt das Hirn ja dankenswerterweise.

Jedenfalls war ich nun Eigentümerin eines Bügeleisens und wenig später auch Besitzerin eines Bügeleisentraumas.

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Denn dieses Gerät wurde nicht nur zum Symbol meiner Abnabelung von der Mutter, sondern nach ihrer Rückkehr aus der Klinik auch zum Streitobjekt. Schließlich hatte die Tochter nun das bessere Bügeleisen, das neuere, das mit mehr technischen Finessen. Und sie brauchte es doch gar nicht! Ha! So ging das nicht, so war das nicht vorgesehen!
Aber irgendwas war da in der Tochter, das bereits so widerspenstig geworden war, dass sie auf einmal dieses olle Bügeleisen festhielt und nicht hergeben wollte. Nicht mal ausleihen wollte sie es, nein! Es war IHR Bügeleisen und sie würde es nicht von der Mutter anfassen lassen, fast wie ein geliebtes Haustier, das man vor den unkundigen Zugriffen zu neugieriger Fremder zu beschützen versucht.

Mit 17 verließ ich die Mutter. Ich ließ sie zurück mit ihrem alten Bügeleisen und ihren ganzen Krankheiten (und leider auch mit meinem Hund).
Ich nahm mein Bügeleisen und alles, was ich sonst noch packen konnte (ordentlich packen, versteht sich, denn ich kann gar nicht anders als Dinge ordentlich und übersichtlich zu packen, ich kann Chaos beim Packen oder Zeitnot vor der Abreise nicht ausstehen) und ging.

Das Bügeleisen wurde damit auch zum Inbegriff meines frühen Auszugs in die Welt, es wurde mein erster praktischer Begleiter auf dem Weg zum ersten eigenen Hausstand, den ich schließlich mit 18 hatte. Ich trug es von Bleibe zu Bleibe, räumte es von Schrank zu Schrank, von Regal zu Regal, es war immer bei mir, obwohl ich es in den ersten Jahren so gut wie nie verwendete.
Es wohnte all die Zeit in seiner Originalschachtel aus dem Penzberger Haushaltswarengeschäft, ab und zu sah ich hinein, ob es noch da wäre. Das war es, es war sehr verlässlich da. Manchmal war es nahezu das einzige greifbare Relikt einer früheren Zeit, das noch da war und gottseidank auf eine stumme Weise da war und nichts von mir wollte – das hatte in all den unruhigen Jahren etwas ungemein Beruhigendes und Kontinuitätspendendes.

Und es war unversehrt, das hatte es mir voraus. Es war so herrlich heil und glänzend und unversehrt.

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Nein, ich erzähle Ihnen jetzt nicht die vergangenen 34 Jahre, die ich mit diesem Rowentagerät verbracht habe, en detail nach – seien Sie unbesorgt.
Ungefähr 20 Jahre unseres Zusammenseins kann man nämlich in zwei knappe Sätze fassen: Wir gewöhnten uns aneinander und kamen klar. Aber es war eine rein pragmatische Beziehung, wirklich tiefe Gefühle oder gar Freude am gemeinsamen Alltag kamen nie auf.

Heute würde ich sagen, dass uns das am Tag unseres Kennenlernens schon so vorherbestimmt war: Da war kein Fünkchen Liebe oder freie Wahl im Spiel, sondern wir wurden zwangsverheiratet, Rowenta und ich. Daraus hätte auch großes Leid erwachsen können, in unserem Fall blieb es bei einem kleinen Trauma. Wenn man so will, ist es also noch ganz gut gelaufen. Denn 34 Jahre sind kein Pappenstiel.

Ich überließ das Bügeleisen schon in meiner ersten Ehe gern und regelmäßig M., der damit auch meine Sachen bügelte. Rowenta und M. kamen nämlich gut zurecht, sie waren zufrieden miteinander. Als ich M. verließ, habe ich mein Bügeleisen dennoch nicht bei ihm zurückgelassen. Es hing an mir wie ein früher Fluch (oder ich an ihm), etwas, das man zwar loswerden will, aber nicht loslassen kann. Die Erinnerungen an diesen Penzberger Montagmorgen im Jahr 1984 waren zwar rabenschwarz, aber ich konnte sie nicht loslassen. Undenkbar, mich von diesem Ding zu trennen.

Einige Jahre lang haben Rowenta und ich dann zu zweit zusammengelebt. Sogar ungeahnt intensiv, denn bei meinen 3-4 Dienstreisemonaten pro Jahr war ich doch sehr auf das Funktionieren unserer Beziehung angewiesen. Es lief an der Front reibungslos zwischen uns, aber Herzlichkeit keimte dennoch nie auch nur ansatzweise auf.
Bis Rowenta zu schwächeln begann. Nicht, was ihre Heizleistung anging, da hapert es bis heute kein bisschen. Das mit einer Art Kunstgarn umwickelte Kabel begann sich aufzulösen, hier und da hing ein Faden aus dem Gewebe heraus. Eine zeitlang ließen sich diese Alterserscheinungen noch mit der Nagelschere stutzen oder wegzupfen, so wie man ab 40 beginnt, sich die ersten grauen Haare einzeln auszurupfen, was man dann aber bald wieder bleiben lässt, weil man ja sonst mehr Schaden als Nutzen damit anrichten würde und gewisse Prozesse sich ja eh nicht aufhalten lassen.

Ich begann auf einmal, mich um mein Bügeleisen zu sorgen. So funktional, lieblos und nüchtern die Beziehung zwischen uns auch immer war, sein Verfall bekümmerte mich zutiefst und sein potentieller Tod war mir eine schier unerträgliche Vorstellung.

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Genau in dieser kritischen Phase trat der Gatte in mein Leben. Er konnte von Anfang sehr gut mit Rowenta, umwickelte ihre Wunden fürsorglich mit einem Stoffklebeband, was ihrem Faserkleid wohlttat. Er entführte sie, verjüngt und aufgebrezelt wie sie dann aussah, in die Welt des Fußballs. Erstmals durfte dieses Bügeleisen erfahren, dass das Leben aus mehr bestand als aus dunklen Schränken und kurzen, wortkargen Ausflügen ins Licht.
Sein trostloses Kasper-Hauser-Dasein wurde abgelöst von stundenlangen Champions-League-Abenden bei Festbeleuchtung, mit Rotwein und laut krakeelenden Kommentatoren, und dazu durfte es noch geschmeidigweiche Boss-Hemden bis zur Perfektion streicheln. Vom Alter her hätte man sagen müssen: Rowenta erlebte ihren zweiten Frühling! Die traurige Wahrheit aber war: es war der erste Frühling überhaupt für dieses arme, ungeliebte Ding.

Als Rowenta dann dank der Förderung durch den Gatten auch noch ein Seniorenstudium beginnen durfte, war mir klar, dass ich mich fortan aus der Beziehung zwischen den beiden ganz raushalten sollte. Es ist mit Sicherheit das einzige Bügeleisen, das zahlreiche Vorlesungen über Husserl gehört hat und etliche Vorträge von Hans Joas auswendig kennt. Der ungeahnte, späte Geistesreichtum kam auch Rowentas körperlicher Verfassung sehr zugute, sie hielt sich wacker, trotz aller Betagtheit. Ich ließ die beiden in Ruhe, wohl wissend, dass ich da eh nur störte, sie kamen ohne mich ganz hervorragend klar.

Wir begegneten uns in den letzten Jahren kaum noch, Rowenta und ich, und wenn, dann lehnte sie gerade erschöpft in der Küche und befand sich in der Abkühlphase nach einem langen Abend mit dem Gatten, an dem ihr wahre Höchstleistungen abverlangt worden waren (denn der Gatte bügelt immer erst dann, wenn „ein bisserl was zusammengekommen ist“, und „ein bisserl“ ist ein recht dehnbarer Begriff zwischen Männern und Frauen).

Ich würde rückblickend sagen: diese Zeit war die beste in Rowentas langen Leben. Und ein paar solcher Abende werden sie schon noch miteinander haben, die beiden (@Gatte: ähem, räusper – die Schublade mit der Bügelwäsche geht übrigens kaum noch zu, es wär‘ also ein bisserl was zusammengekommen 😉 ).

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Aber alles geht irgendwann zuende. Auch das längste Bügeleisenleben. Und wie es oft so ist: wenn das Ende bevorsteht, kommen manche einander doch nochmal näher, nach einer Pause oder nach Jahren des Zerwürfnisses, vielleicht auch zum allerersten Mal überhaupt.

In den letzten Wochen habe ich mich Rowenta erstmals nach vielen Jahren wieder zugewandt. Sie sogar berührt. Stundenlang! Ich holte im Wochentakt je ein Paar unserer neuen Vorhänge aus der Näherei ab, die dann gewaschen und vor dem Aufhängen natürlich gebügelt werden mussten. Da der Gatte zeitlich und bügeltechnisch aus dem letzten Loch pfeift, so mitten im Semester, wollte ich ihn nicht damit belasten, obwohl ich sonst wirklich konsequent gar nichts bügle, nicht mal in Notfällen wie spontanen Theaterbesuchen oder Beerdigungen.

Nach ca. 10 Jahren der totalen Distanz zwischen uns, kam es also jüngst nochmal zu mehreren Begegnungen. Mir fiel auf, dass Rowenta mittlerweile schwer ächzt und knarzt, wenn man sie auf höchster Stufe über 11 Meter Marimekkostoff scheucht. Kleine Runden stemmt sie noch ganz gut, aber solche Marathonläufe sind ihre Sache nicht mehr. Sie ist alt geworden, uralt.

Plötzlich, beim letzten Vorhang, den ich bügle, spüre ich ein Ziehen in der Herzgegend. Mein Blick fällt auf ihr Kabel, auf ihren an ein paar Stellen gebrochenen Griff, auf ihren zierlichen, altersschwachen, bleichen Körper. Es schnürt mir den Hals zu.

Und ich sehe auf einmal wieder das unglückliche Mädchen von 1984 auf der Mercedesrückbank sitzen, und ich spüre seinen Drang loszuweinen oder wegzulaufen, damals in Penzberg, an diesem Wintertag, der so düster war, obwohl der Himmel so blau war über dem herrlich verschneiten Tölzer Land.

Ich höre die Autotür noch zufallen, als der Papa ausstieg, um Rowenta zu kaufen, sehe ihn noch aus dem Geschäft kommen und diese Bügeleisenschachtel unter dem Arm tragen, dort eingeklemmt wie ein Gewehr, mit dem er der Mutter mindestens einen Streifschuss verpassen und die Tochter vor irgendwas beschützen und bewahren wollte, das er selbst nicht hätte in Worte fassen können (weil er in derlei Worten keine Übung hatte und im Umgang mit den dahinterliegenden Gefühlen schon gleich gar nicht), und vor allem aber sich selbst den Weg freischießen wollte, in ein Leben ohne diesen ganzen familiären Scheiterhaufen, dessen Teil leider auch er war.

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Und mit dieser launigen Lebensgeschichte eines einst so ungeliebten Geschenks, dessen Tage nun ebenso gezählt sind wie die der Türchen des Adventskalenders 2018, verabschieden wir uns hier und heute in eine kurze Auszeit, in der wir in Ruhe ein paar Dinge ein bisschen sortieren, wenn nicht gar ausmisten wollen, um anschließend unbelasteter an Zukünftigem feilen zu können.

Nicht nur an einer Zukunft ohne Rowenta, sondern auch an einer, in der man Penzberg 1984 noch ein Stück friedlicher unter dem Schnee vom vergangenen Jahrhundert mitsamt seiner teilweise schon verstorbenen Protagonisten ruhen lassen kann.

 

Vom Suchen und Finden.

Liebe A.,

kurz bevor du in deinen Urlaub entschwunden bist, hatten wir ja mal begonnen, uns übers Suchen und Finden auszutauschen, und du erinnerst dich sicher: unser Gespräch dazu war noch lange nicht zu Ende.
Es kam mir heute wieder in den Sinn, was kein Zufall war, sondern daran lag, dass ich beschlossen hatte, einfach mal deinen Geburtsort aufzusuchen (auch das kein Zufall heute) und dort einen Spaziergang zu machen. Daher warst du mir beim Gehen und Schauen die meiste Zeit präsent und so fiel mir dieses Thema wieder ein.
Da zunächst der Nebel und später dichter Schneefall den Blick auf die Berge nicht freigab, die Felder aber dafür umso mehr Mäuselöcher boten, die Pippa fesselten, hatte ich zwischendurch mauselochweise Zeit, meinen Gedanken nachzuhängen.

Du wirktest ja erstaunt und interessiert zugleich, als ich dir sagte, dass ich mich nicht als Suchende bezeichnen würde, sondern mehr als Findende sehe. Ich möchte das nochmal genauer zu erklären versuchen, was ich damit gemeint habe.

Es wird ja unendlich vieles gesucht: Das wahre Ich, das große Ganze, der Sinn des Lebens, das Glück, die Wahrheit, der Traumpartner, der Traumjob, die gesündeste Lebensweise, das wirksamste Heilsversprechen, die Erfüllung im Glauben oder Aberglauben, um spontan nur ein paar Objekte der menschlichen Suchbegierde zu nennen.
Vor ungefähr 10 oder 15 Jahren (bis dahin war ich auch eine Suchende!) habe ich allmählich eingesehen, dass das nichts für mich ist: Brauch‘ ich nicht, glaub‘ ich nicht dran, hilft mir nicht, macht mich nicht froh, dieses Rumsuchen. In die eine oder andere Richtung hab‘ ich natürlich schon mal reingeschnuppert – hier ein bisschen Zen, dort ein Achtsamkeitsretreat, anderswo ein wenig Körperarbeit oder irgendeine kluge „Predigt“, der ich lauschen wollte. Mit dem Ergebnis, dass ich nirgends dabei geblieben bin, nichts davon intensiver oder länger verfolgt habe.
Es gab Zeiten, da hab ich mich fast mies gefühlt, weil ich nicht zu der Heerschar der Suchenden gehörte! Hätte auch gerne etwas gehabt, wonach ich unbedingt suchen könnte, denn wenn die meisten um einen herum mit brennendem Eifer suchen und geradezu abtauchen in ihre ewigen Suchgründe, steht man schon etwas blöd da als bekennender Nicht-Sucher. Man wird oft schief angeguckt: Spinnt die? Meint die etwa, sie hätte schon gefunden? Was hat die denn schon vorzuweisen? Hält die sich etwa für „fertig“? Oder ist die einfach nur faul, borniert oder arrogant (oder alles auf einmal)?

Nichts von alledem trifft zu. Weder hielt ich mich je für erleuchtet, noch für hinreichend erkennend, schon gar nicht für all_wissend, und ebensowenig für eine, die einen Jackpot nach dem anderen knackt oder der es glückt, ein superduper Leben zu führen. Ich habe Fragen ohne Ende: an mich und andere, an die Welt, die Geschichte, die Wissenschaft, ich bin meistens aufgeschlossen, vielem gegenüber neugierig und ständig damit beschäftigt, Ideen auszubrüten, zu verfolgen, auszuprobieren und zu verwerfen. Aber ich habe auch etliche Phasen, in denen es mich nach keinerlei Optimierung oder Erneuerung dürstet, und das nicht etwa deshalb, weil alles so perfekt wäre, sondern weil ich vielleicht einfach mit dem zufrieden bin, was gerade da ist – ganz egal, ob das „viel“ oder „wenig“ ist (nach wessen Maßstäben auch immer) – und tatsächlich zu müde oder lustlos bin, mich um „anders“ oder „mehr“ zu bemühen und dabei auch keinerlei Leidensdruck empfinde. Wir leben ja leider in Zeiten, in denen man sowas nicht zu laut sagen darf: so ein müßiggängerisches, gemütliches „passt scho“, ohne resignierten Unterton, aber auch ohne Drang nach der nächsten „challenge“ oder „task“.

Ich habe also eines Tages aufgehört, mich zu denen zugehörig zu fühlen, die sich ständig für defizitär halten und meinen, wenn sie denn nur dies oder jenes gefunden hätten, wäre ihr Leben endlich schön, richtig und frei von Last und Leid, und die sich so lange verteufeln oder zumindest nicht mögen können, bis sie das erreicht haben. Also nahezu immer. Denn abgesehen von den wenigen Erleuchteten oder erfolgreich die Suche abgeschlossen Habenden halten sich die meisten vermutlich für (noch) nicht dauerhaft fündig geworden – und damit taugt das Ganze zum Lebensprogramm (worüber ich kein Urteil fällen möchte, sondern nur für mich feststelle, dass das lifelong searching eben nicht mein Programm ist).
Was folgt daraus? Es wird fleißig weitergesucht, denn der Glaube daran, dass die Suche doch zu was führen muss, vielmehr: dass es überhaupt etwas zu finden gäbe!, der ist unerschütterlich. Genauso wie die Überzeugung, dass es an einem selbst läge, wenn man nicht fündig wird oder sich mit dem Gefundenen gar nicht wie erhofft langfristig besser fühlt oder endlich näher dran ist an sich, dem Glück, der Wahrheit, dem Sinn oder an was auch immer.
Das Fazit ist immer dasselbe: Diese Erfahrung, (mal wieder) nichts gefunden zu haben, wird nicht einfach entspannt abgehakt wie z.B. ein fades Essen oder ein bedeutungsloser Film, sondern man bauscht die Sache auf, hält sich für (vorerst) gescheitert oder gleich für einen Versager, und beschließt sodann, weiter zu suchen, gründlicher zu suchen, gezielter zu suchen. Irgendwann muss es doch klappen, andere schaffen es ja auch (mit einem Schielen hinüber zum Mitmenschen, von dem man ja gern denkt, er hätte es besser erwischt als man selbst) – also weiter geht’s.

Ich suche also tatsächlich nach gar nichts außer nach Antworten, aktuell nach einer Wohnung, manchmal nach einem Job und gelegentlich nach Parkplätzen und Wegen. In der Fülle der Argumente, Begriffe und Worte, in der teuersten Stadt der Republik, als Neuling in einem Berufsfeld oder an den überlaufenen Ausflugszielen ist das ja schon zäh genug.
An diesen Suchen bleib‘ ich aber dran! Was die Antworten angeht, bestimmt mein Leben lang, was das Übrige angeht, so hartnäckig ich eben kann, manchmal auch entmutigt und ohne jeden Elan, aber dennoch mach‘ ich weiter und versuche, nicht zu resignieren. Und genau das ist’s übrigens auch, was ich am Suchen nie leiden konnte: dieses Zähe.
Die einzigen Suchen in meinem Leben, die ich als spielerisch und schön erlebt habe, sind das Ostereiersuchen (die Roten von Lindt), das Muschelnsuchen am Strand und das Pilzesuchen im Wald. Da ging’s nie um die Wurst, eigentlich ging’s um gar nichts, es gab keine Gewinner und Verlierer – und das hat mir immer Spaß gemacht.

Alles andere finde ich (oder es findet mich) oder eben auch nicht.
Mal freu ich mich, wie es läuft, mal bin ich verzweifelt darüber, mal gelingt mir was, mal hab ich das Gefühl, alles verkackt zu haben und wünsche ich mich weit, weit weg. Manchmal rackere ich mich ab und erreiche trotz Wollens und Könnens gar nichts, manchmal zahlen sich Einsatz und Beharrlichkeit aus. Ein ewiges Auf und Ab, Hin und Her, Vor und Zurück, Links und Rechts, Für und Wider, Plus und Minus, Top und Flop. Das Leben ist kein Wunschkonzert, das Glück ist einem nicht immer gewogen, das Pech aber gottseidank auch nicht.

[Und beileibe kann niemand umfassend oder überhaupt seines Glückes Schmied sein, denn manch einem fehlt das Werkzeug oder die Kraft oder die Kenntnis der Schmiedekunst oder schlicht das Geld fürs Eisen. Vor langer Zeit habe ich mal einen humorvollen, durchaus klugen und wohlhabenden Mann ziemlich abrupt verlassen, weil er mir ganz locker-flockig in einer Diskussion über das berufliche Auf-der-Stelle-Treten eines gemeinsamen Bekannten (der gut ausgebildet war und sich brav abmühte, was aber aufgrund ungünstiger Umstände leider nichts brachte, im karrieristischen Sinne) diese Losung als seine Quintessenz zu derlei Lebenssituationen in den Nacken blies. Wir gingen damals passenderweise gerade treppabwärts, um den Müll wegzubringen. Nachdem er den Tonnendeckel zugeklappt hatte, ließ ich ihn in seinem schwarzen Audi von dannen ziehen, zurück in seine eingebildete Glückschmiede, trug fortan meinen Mist wieder allein die Stiegen hinunter und schmiedete neue Pläne.]

Alles, was mir im Leben etwas bedeutet hat oder noch von Bedeutung ist, habe ich nicht gesucht, sondern eines Tages gefunden.
DAS war es, liebe A., was ich neulich gemeint habe, und da wir leider noch nicht allzu bald wieder bei Birnen- und Käsestückchen nebst Weißbier (für dich: Weizenbier) an deinem Tisch sitzen werden, um bis tief in die Nacht zu diskutieren, habe ich dir diesen Nachtrag zu unserem Thema nun hier notiert, so als Absacker nach deinen diversen Geburtstagsdrinks oder als Zeitvertreib während du dir den Ostseesand aus den Haaren kämmst (oder dem großen Braunen den Seetang zwischen den Zehen herauspulst) oder als Einschlafhilfe, falls die Brandung vor eurem Fenster so verflixt laut tost.

Das war’s dann für heute.
Mein Glas ist leer, das Dackelfräulein muss raus und es hat 10cm Neuschnee in der Stadt.

Einen schönen Ausklang deines Tages wünscht dir
Deine Natascha.

PS: Für den Fall, dass du völlig entnervt bis hierher runtergescrollt hast und enttäuscht warst, nichts als Buchstaben vorgefunden zu haben (nicht mal einen Ton von Bruce!),  kommt hier – in wilder Reihenfolge – noch was fürs Auge:

Ein Gruß aus deiner Heimat.

Startpunkt meiner Penzberger Rundtour: Die Huberweiher. Grau, zugefroren und gänzlich unspektakulär.

Erstes Highlight am Wegesrand: Der Penzbär. (Wie ich solche Wortspiele liebe!)

Wir haben natürlich gleich die Schuhe ausgezogen und sind barfuß weitermarschiert.

Und auch sonst tobt hier der (Penz-)Bär, wie du siehst (sind die nicht mega-debil, die vier?!).

Im Café mit dem schönen Namen „Freudenberg“ gibt’s sogar Windbeutel (mein Magen war aber noch nicht fit genug für den Test).

Und direkt gegenüber vom Café wurde deine Geburt heute vor xx Jahren beurkundet.

Hätte ich mehr als 10€ dabei gehabt, hätte ich dir ein Andenken gekauft. Ehrlich!

Gedenkminute vor dem ehemaligen Elektrogeschäft, in dem mir der Papa vor 30 Jahres mein erstes Bügeleisen kaufte (heute ein Kamingeschäft).

Wärst du geblieben, hätte es tolle Möglichkeiten der Freizeitgestaltung gegeben, aber du wolltest ja raus in die weite Welt!

Zum Abschluss haben wir noch ein kleines Gebet für dich gesprochen, bei minus 4 Grad. Amen.

Des Wanderers Dilemma.

Herrje, was nun?
Innere oder naheliegende Einkehr?

Oder einfach mit der Töle das Dilemma Schild umfahren?

Ein Prosit aus Beuerberg (zwischen Eurasburg und Penzberg).
Die Kraulquappe.