Himmel der Bayern (64b): Von Hornochsen und anderen Rindern.

Wenn Sie noch mehr als das Kuhglockengeläut vom heutigen Bergtag hören wollen – bitte gern!

Heute also von Ohlstadt über die Kaseralm auf den Rötelstein, dann auf den Heimgarten, Einkehr in der DAV-Hütte, anschließend weiter zum Rauheck und via Bärenfleckalm wieder zurück nach Ohlstadt.

In einer Gehzeit von 4:20h drei Gipfel bestiegen bzw. 1.300 Höhenmeter hinauf und wieder hinunter gelaufen, mit Lichtschutzfaktor 30 von Kopf bis Fuß, 2 Litern Flüssigkeit und 2 Pausen von insgesamt 1:30h.

Traumwetter, tolle Fernsicht, wenig los. Oberbayern at its best.

Merke: Fällt der letzte Hochsommertag auf einen Wochenendtag und du willst in die Berge, meide eine zu frühe Abfahrt in München (der Großteil fährt vor 10 Uhr los und verstopft Züge oder Autobahnen), wähle einen Berg ohne Bahn, möglichst hoch, möglichst steil, möglichst keine Einkehroption unterwegs (für einen möglichst hohen Ruhefaktor) und beiß oben auf der Hütte für die Dauer deiner Rast die Zähne zusammen (es führen 6 Wege auf den Heimgarten, da menschelt es dann an einem solchen Tag doch gewaltig).

Sitze ich da in aller Ruhe mit meinem Hopf und gucke hinüber zum Krottenkopf. Unweigerlich muss ich an den ehemaligen Berg- bzw. Handwerksfreund denken, beide Titulierungen so unpassend in der Retrospektive, denn außer einem Berg leerer Versprechungen und einer handvoll Schreinerarbeiten ist nichts, aber auch gar nichts von der Zeit mit ihm geblieben, Freundschaft schon gleich gar nicht, zuletzt bloß noch eine schnöde, schäbige Lektion in „Ghosting“. Jedenfalls war man gemeinsam sowohl hier (Heimgarten) wie dort (Krottenkopf), so erinnert man sich bei dem Hopf, aber weiter vertiefe ich mich auch nicht in dieses traurigtrostlose Kapitel der Vergangenheit, weil ein Weibertrupp sich hechelnd an meinem bisher so schön ruhigen und leeren Tisch niederlässt. Die drei schwäbischen Endvierzigerinnen (warum treffe ich nur überall auf diesen Dialekt?!) legen unter großem Getöse und Gelabere ihr Glump ab und begeben sich in die Hütte, um sich was zu Essen und zu Trinken zu holen. Kommen kurz drauf mit drei Getränken und laut schimpfend zurück. Der blöde Wirt wolle sie nicht bewirten und sie stattdessen nach nur einem Getränk wieder fortschicken. Das sei ja mal wieder typisch Bayern, so eine Unverschämtheit.

Ich kann den Fortgang der Unterhaltung gar nicht nicht mitbekommen, schließlich hocken sie direkt neben mir, und so traue ich meinen Ohren kaum, als ich wenig später erfahre, dass der Hüttenwirt ihnen die weitere Verpflegung verweigert hat, weil die drei Frauenzimmer mit Pferden hier hinauf gekommen sind. Pferde? Hier heroben? Ist das die Möglichkeit?! Sie müssten mal die Wege sehen, die hier hoch führen: nix Forststraße oder Waldweg. Das sind steinige Bergpfade, teils immer noch übel von Sturmschäden oder den Spuren des letzten Winters gezeichnet! Und es sind in jedem Fall 1.000 Höhenmeter, egal auf welchem Weg, außer man hätte die Seilbahn auf den benachbarten Herzogstand genommen und wäre über den Grat herübergeritten, was ich dann aber doch mal ausschließe, weil der Grat viel zu schmal für so ein Pferd ist. So wie ich eigentlich auch ausgeschlossen hätte, dass man überhaupt mit einem Pferd bis hier oben gelangen könnte.

Aber tatsächlich: etwas unterhalb der Hütte stehen die drei Tiere, bei einem Schuppen, im Halbschatten angebunden. Der Wirt hat extra die Vorräte unter dem Schuppenvordach beseite geräumt, damit die völlig erschöpften Pferde nicht in der prallen Sonne warten müssen, bis ihre bekloppten Reiterinnen sie wieder den steilen Berg hinunter treiben. Wasser hat er ihnen auch gebracht.

Eines der Pferde hat sich verletzt und blutet am Bein. Auch dafür hat der Wirt noch Verbandszeug spendiert. Danach ist ihm der Kragen geplatzt und er hat die drei Schwäbinnen zammgeputzt, wie man hier so sagt. Aber so richtig. Gestern erst hätte er zwei depperte E-Biker verarzten müssen, die verdammt nochmal nix mit diesem E-Zeug hier oben zu suchen hätten (keine Mountainbikestrecke!) und heut kämen die nächsten Idioten sogar mit Pferden auf den Berg!

Die Stimmung ist gelinde gesagt angespannt und als Tischgenossin bleibt es mir leider nicht erspart, irgendwann Stellung zu beziehen, weil die drei Frauen ohnehin jeden im näheren Umfeld mit ihrem Unmut traktieren und befragen, wie man das denn fände, das sei doch das Allerletzte, wie sie hier behandelt würden.

Ja, sage ich dann, ich finde auch, dass es das Allerletzte ist, bei der Hitze und in solchem Gelände drei Pferde auf fast 1.800m hinaufzuscheuchen und so gesehen sei es durchaus angemessen, wenn es ihnen nun auch nicht besser erginge als den armen Tieren (und verkneife mir, zu erwähnen, dass ich grundsätzlich allen Tierquälern wünsche, dass sie wenigstens mal für einen Moment ähnliche Qualen erleiden sollen wie das Lebewesen, das sie malträtiert haben: erst letzte Woche wurde im Ruhrgebiet ein Hund aus einer Wohnung befreit, der dort wochenlang von seinen anwesenden (!) Besitzern an die Heizung gekettet wurde, fast verhungert wäre, deformierte Gliedmaßen und eine völlig verkümmerte Muskulatur hatte, wovon er sich vermutlich nie wieder ganz erholen wird – schon beim Lesen dieser Zeitungsmeldung hatte ich die wildesten Rachephantasien…).

Nach meinem dezenten Statement verlasse ich den Tisch sofort, man schwäggert (=meckern auf Schwäbisch) mir hinterher. Das Rauheck wartet und wenn ich mich noch mehr aufrege, greift das womöglich noch die an sich gute Konstitution an – und das hilft den Pferden ja leider auch nicht.

Kurz vor einer Steilwand treffe ich dann Gunnar. Gunnar kommt aus Gunzenhausen, ist ca. 165cm hoch und wiegt vermutlich doppelt so viel wie ich, ist für drei Wochen auf Reha in Ohlstadt – und er kommt mir aus der Steilwand entgegen. Wieder so ein Wunder am Berg: wie ist der da nur durchgestiegen? Da er mich um einen Schokoriegel und etwas Wasser anfleht, kommen wir ins Gespräch und ich erfahre: es ist die allererste Bergtour seines Lebens (er kichert wirr und der Schweiß strömt ihm über die roten Pausbacken), er hat bis hierher 4 Std gebraucht (für 2/3 der Strecke bis zur Hütte, normale Wanderer brauchen dafür maximal 2,5 Std) und alle seine Getränke und Schokoriegel, er möchte aber unbedingt noch „ganz nach oben“. Er wirkt vergnügt, fast euphorisch und zugleich ziemlich entkräftet. Ich mag ihn aber irgendwie und schenke ihm daher meinen Müsliriegel und fülle einen halben Liter meines Wassers in seine leere Fanta-Flasche um, lasse ihn zum Dank noch ein Foto von mir schießen, wünsche ihm alles Gute und frage, ob ich unten in Ohlstadt der Reha-Klinik schon mal Bescheid geben solle, dass er erst morgen wiederkäme. Bellendes Lachen, wirrer Blick, Gunnar winkt fröhlich und stolpert weiter bergauf. Herrje.

Auf dem restlichen Abstieg nur noch ein gewöhnliches, streitendes Paar (er sportlich, sie übergewichtig, er Lust auf die Tour, sie nicht, beide zutiefst frustriert), zwei Kreuzottern und eine Kuhherde.

Eine der Kühe kommt mir nah und näher und schleckt mir meine salzigen Knie ab. Erinnere mich nicht, wann ich zuletzt so intensiv eine Kuhzunge gefühlt habe – ein Peeling ist nix dagegen! Mit sauberen Knien zurück ins Tal, dort in den kühlen Biergarten und nun mal langsam nach Hause.

Suburbia (3): (…) den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Von To-go-furniture, Ghost-Living und Spongebob-Having.

Eine der Wohnungen in unserem Haus habe ich „die Pechwohnung“ getauft.
Nein, nicht unsere, die ist schön, auch wenn wir wegen des Drumherums hier nicht glücklich werden. Die Pechwohnung befindet sich im Erdgeschoss.

Bereits an unserem Umzugstag fragte mich die Belegschaft der Metzgerei gegenüber, bei der ich für die Möbelpacker zu Mittag ein gutes Dutzend Leberkässemmeln geordert hatte (weshalb man dort sogleich Hoffnung schöpfte, zukünftige Kundschaft zu gewinnen, was sich als Irrtum entpuppen würde bei einem Haushalt mit 1,5 Vegetariern, aber das behielt ich erstmal für mich), gründlich darüber aus, in welche der Wohnungen in dem Neubau wir denn einzögen.
Ins erste OG? Achso, naja, schade, dann blieben wohl im Erdgeschoss weiterhin die Jalousien unten, das sähe halt arg unbewohnt und verrammelt aus und das auch schon so lange. Man frage sich ja seit Monaten, wann denn überhaupt mal jemand in das Haus einziehen würde, es wirke so unbewohnt, selten ginge dort mal jemand ein oder aus, aber nun seien ja wir da – so kommentierten sie’s und schoben mir die in Alufolie gewickelten Kraftspender über den Tresen, damit ich sie in meinen Korb packen konnte. Zum Abschied noch der freundliche Hinweis, dass man jederzeit gern für das Dackelfräulein Fleischreste beiseite legen würde – für „ummasunsd“ (mia san jetzad ja Nachbarn).

Schon ein paar Wochen nach unserem Eintreffen sollte Schluss sein mit der dauerverrammelten Erdgeschosswohnung, zumindest dachten wir das, als der Möbelwagen vorfuhr.
Dr. B., ein pomadiger Finanzheini in den Spätdreißigern mit Schweizer Autokennzeichen, zog ein, entpuppte sich jedoch beim Erstkontakt als Exilschwabe, immerhin aber als Dackelfan, so dass man gewogen war, über Pomade, Beruf und Herkunft erstmal gnädig hinwegzusehen. Dr. B. zog an einem einzigen Tag ein und richtete sich auch an diesem einen Tag bereits fertig ein.
Das war nur insofern möglich, weil Dr. B. ausschließlich „furniture to go“ besaß: alles – Geräte, Möbel, Vorhänge – war neu, schick und schmerzfrei, alles war im Nu aufgestellt, installiert und betriebsbereit.
Wenn man keinerlei persönliche Gegenstände besitzt und Individualität lediglich aus dem persönlichen Freischaltungscode des Vodafone-Multimedia-Highspeed-Pakets besteht, ist so ein Umzug nämlich richtig schnell erledigt.

Dr. B. war also binnen 24 Stunden eingezogen und angekommen. Noch am Tag seines Eintreffens machte er seine Runde durchs Haus, um sich seinen neuen Nachbarn vorzustellen, höflich und freundlich, aber man merkte wohl, dass er das vor allem hinter sich haben wollte. In den Folgewochen wurden die wenigen noch fehlenden Utensilien per Amazon geliefert: Joggingschuhe, DVD-Player, Espressomaschine und notgedrungen auch ein kleiner Rasenmäher für den vermutlich eher ungewollten Garten, der bis dahin recht trostlos vor den verschlossenen Fenstern der Pechwohnung vor sich hin vegetieren musste.
Seinen dicken, dunklen VW Touareg tauschte er nach den ersten Erfahrungen mit der vom Architekten dieses Hauses sehr platzsparend konzipierten Garage notgedrungen gegen einen schlanken VW Polo ein.
Ansonsten hörte und sah man nicht viel von ihm. Im Wäschekeller wälzte der Miele-Trockner manchmal um Mitternacht stoisch die fünf Oberhemden um (five shades of boring business-blue), die Dr. B. durch seine business-week geleitet hatten.

Gleichwohl roch man morgens im Treppenhaus, wenn er gerade aufgebrochen war zu seinen Finanzkumpels im City-Office (five cl of Joop!), ab und an traf man ihn sogar mal leibhaftig, meist beim Aufbruch zum Morgengassi. Das Dackelfräulein durfte ihm sodann ungestüm unter das gebügelte Anzughosenbein rüsseln.
Dr. B. mochte Dackel, seine Mutter hatte nämlich mal einen, daher patschte er ihnen nicht ungelenk mit der flachen Hand auf dem Kopf herum (was ja viele Hunde, besonders die kleinen, hassen), sondern verstand es, sich korrekt mit einen tiefergelegten Kinnkraulen dem Hund zu nähern. Zwar konnte er sich in den wenigen Monaten seiner To-go-Existenz hier in unserem Haus nicht merken, dass Pippa kein „er“ ist und „Pippa“ heißt, aber das nahmen wir ihm nicht krumm.

Was sich durch Dr. B.s Ankunft allerdings nicht die Bohne verändert hatte, war die Jalousiensituation: die Dinger blieben unten. Hartnäckig. Und grundsätzlich. Tagsüber sollte wohl das nagelneue to-go-furniture vor neugierigen Blicken geschützt werden oder Dr. B. vergaß einfach frühmorgens – zwischen Coffee-to-go, dem Hantieren mit der Pomade und der „Börse vor 8“ – jene Taste zu betätigen, die die Rolladen geöffnet hätte (oder ärgerte sich darüber, dass es hierfür nicht auch eine Fernbedienung gab).
Abends, wenn er spät vom Job heimkam und vor dem Fernseher einen Absacker trank, lohnte es sich auch nicht mehr, die Rollos hochzufahren. Nur manchmal, an lauen Sommerabenden, war tatsächlich ein 20cm breiter Spalt offen, wahrscheinlich der Belüftung wegen. Man sah dann etwas Licht, vermutlich das Flimmern der Aktienkurse im TV, und ab und zu sogar die Füße von Dr. B., die stets in schwarzen Socken steckten oder barfuß auf einem Lederhocker ruhten.

An den Wochenenden war er grundsätzlich in der Schweiz und die Jalousien blieben natürlich dort, wo sie eh schon waren: unten.
Irgendwann blieben sie dann für immer geschlossen, denn Dr. B. war völlig unbemerkt wieder ausgezogen. Der Finanzjob hatte nicht den expectations entsprochen oder war keine adäquate challenge – wer weiß das schon so genau, Dr. B. war jedenfalls wieder weitergezogen.
Sein To-go-Mobiliar hatte er der Einfachheit halber dagelassen, wir vermuteten, dass er es entweder an arbeitslose Banker gespendet hat oder fachgerecht entsorgen ließ, bevor er die Pechwohnung an den Vermieter zurückgab.

Die zwei Räume plus Küche-Bad-Flur hatten also kein Glück gehabt, sie mussten weiterhin im Dunkeln ihr Dasein fristen und aufpassen, nicht trübsinnig zu werden bei diesem Kaspar-Hauser-Leben, das zu führen sie verdammt waren. Die bunte Welt da draußen kannten sie nur vom Hörensagen oder aus Fernsehbildern.

Und wieder blieben die Jalousien monatelang dicht.

Ein paar Wochen nach Dr. Bs Verschwinden tat ich der Metzgereibelegschaft den Gefallen, ein Schälchen Kartoffelsalat zu kaufen und dabei ungefragt die aktuelle Lage zu erläutern, weil ich ahnte, dass das verrammelte Erdgeschoss weiterhin kritisch beäugt und diskutiert wurde.

Einige Zeit später wurde bekannt, dass ein neuer Mieter für die Pechwohnung gefunden sei: Herr F., den wir – Google sei Dank – in Nullkommanix als BWL- und Versicherungsfuzzi entlarven konnten. Gewissermaßen also ein Klon von Dr. B., nur ohne Promotion, in benachbarter Brangsche tätig und etwas jünger, wahrscheinlich daher noch ohne Pomade und Bügelfalten, vielleicht nicht mal ein Dackelfreund.
Wir wissen es nicht genau bzw. überhaupt nicht, denn Herr F. zog nie in seine neue Bleibe ein. Einzig sein großes TV-Gerät (das basic jeder To-Go-Möblierung) traf eines Tages ein und wurde irgendwo hinter den heruntergelassenen Jalousien versteckt.
Herr F. hat vor noch Einzug wieder gekündigt. Tja, auch das ist München at its best: wer ko, der ko! – das muss man sich ja erstmal leisten können, hier 3-4 Monatsmieten in den Sand zu setzen und die Moneten nicht mal ansatzweise persönlich abzuwohnen…

So wurde eines Tages der TV unbemerkt wieder entfernt und die Pechwohnung stand erneut leer. Der Eigentümer nahm einen Maklerwechsel vor, vermutlich hatte er zum bisherigen, sehr schleimigen Wohnungsverschacher-Hai (ich hatte den Typen mehrfach mit diversen Dr.B.-Klonen bei Besichtigungsterminen gesehen – seltene Stunden, zu denen die Jalousien jeweils komplett hochgezogen wurden, obwohl das der Wohnung weder entsprach, noch bekam, ja womöglich ein schwerer Schock für sie gewesen sein muss, so wie wenn einem des Nachts in einer DAV-Hütte, wenn man grad endlich mal eingeschlafen ist bei all dem Geschnarche ringsum, plötzlich ein angeschwipst umherirrender Zimmerkumpan mit seiner Taschenlampe grell ins Gesicht leuchtet, weil er ausgerechnet dort seine Schlafstatt vermutet) nach den zwei Fehlschlägen einfach kein Vertrauen mehr.

Das Jahr ging für die Erdgeschosswohnung verrammelt und in Dunkelheit zuende, so wie es auch begonnen hatte. Und 2018 begann zunächst ebenso düster.

Kurz nach dem Jahreswechsel kam uns zu Ohren, dass erneut ein Mieter für die Pechwohnung gefunden sei, der angeblich noch im Januar einziehen würde. Gespannt blickte man nun bei jedem Kommen und Gehen auf die hellgrauen Jalousienfronten im Erdgeschoss. War da vielleicht ein kleiner Ritz zu sehen? Tat sich da schon etwas? Oder standen die Lamellen noch so wie am Vortag?

Eines Tages, die Rolläden waren noch immer verschlossen, befanden sich im Waschkeller plötzlich zwei neue Geräte. Wenig später klebten zwei neue Namen an der Klingel zur Pechwohnung. Aha – ein Paar wollte hier sein Glück suchen und der Düsternis ein Ende bereiten! Und in den letzten Januartagen, ich fuhr gerade mit dem Aufzug in den Keller, war auf dem Weg Richtung Garage, um das Dackelfräulein zum See zu kutschieren, war es dann tatsächlich so weit: der männliche Part des Pechwohnungs-Paares stand plötzlich im Kellerflur vor mir.
Ein Gruß wurde ausgesprochen, mit schwäbischer Note (zieht die Pechwohnung etwa bevorzugt Schwaben an?!?), ansonsten fiel mir nur auf, dass der Neue dem Gebaren nach ganz bestimmt kein Finanz- oder Versicherungsfritze sein konnte (korrekt!, wie das Internet bestätigte) und dass er in seinem Leben offenbar noch nie einen Hund oder gar Dackel gesehen hatte.
Grad dass er nicht zur Seite sprang, als das Dackelfräulein ihn freundlich schwänzelnd begrüßen wollte, oder ihm ein angeekeltes „Iiih!“ entfuhr! Sekunden später kam seine Angetraute oder Lebensabschnittsgefährtin aus der Garage. Als sie Pippa sah, zuckte auch sie zusammen, und kaum wuselte ihr unser liebreizender Hund um die Füße, zog sie ein Gesicht als würde sich ein blutender Blobfisch über ihre Schuhe schieben.

Was soll ich sagen? Die Sache war gelaufen! Quasi binnen Sekunden waren die Würfel gefallen!
Bei der Zweit- und Drittbegegnung wurde dieses Verhalten keineswegs besser, lockerer oder entspannter.
Ja, besonders die Drittbegegnung war heikel, denn die Neue trug ein spongebobähnliches Riesenstofftier durchs Treppenhaus und für Pippa war sonnenklar, dass das nun endlich das ihr zugedachte Einstandspräsent sein müsse und sie schien daher sogar geneigt, der seltsamen Nachbarin ihr bisheriges Verhalten zu verzeihen. Aber nein, das kastige Monster wurde quietschend vor Angst oder Ekel in die Höhe gehoben und dem Dackelfräulein verweigert!

Zugegeben, diesmal kostete ich die Lage aus und rief Pippa nicht sofort zu mir, sondern ließ die Neue ein Weilchen zappeln, weil das gar so ulkig aussah: die kreischende Frau auf Zehenspitzen mit dem knallgrünen Monsterstofftier in den Armen. Herrlich!
Derweil erklärte ich ihr seelenruhig, dass mein Hund ihr Spongebob-Plagiat als Spielgefährten betrachtet und sich deshalb so exorbitant freut.
Ihr Mann kam ihr zu Hilfe, fuchtelte unbeholfen mit einem Arm herum und versuchte, die Situation mit einem „Desch is ja ’n aufg’weckta Kerl!“ zu entschärfen. Da er aber einen Geländewagen unter dem anderen Arm trug (so ein Teil in Bobbycar-Größe – man fragt sich ja schon, was Leute, die um die 50 sind und keine Kinder haben, für Krempel besitzen), fiel er bei Pippa natürlich in dieselbe Kategorie wie seine Gefährtin („Potentiell neuer Kamerad mit Spielgerät zur besänftigenden Überlassung inkl. Antragstellung auf gute Nachbarschaft beim 1. Haus- und Hofhund am Platze“).
Ich klemmte mir dann (quasi aus paritätischen Gründen) meinen Hund unter den Arm und machte mich aus dem Staub.

Staub. Gutes Stichwort!
Denn bei der vierten Begegnung sprach mich der Neue unfreundlich und grußlos an (es war der Umzugstag, er trug Baseballkappe und Sweatshirt und wirkte etwas gestresst ob der vier kein schwäbisches Wort verstehenden Inder, die sein Umzugsgut ganz offensichtlich nicht in der gewünschten Weise in die Pechwohnung trugen) und fragte mich unvermittelt, ob ich ihm meinen Staubsauger für den Reschd des Tages ausleihen könne, da die Inder bereits Löcher in die Wände bohren würden, und da wäre es ja schon praktisch, den Bohrstaub und das doch recht reichlich splitternde Mauerwerk gleich an Ort und Stelle mit einem Sauger aufzufangen. „Ungern“, entgegnete ich, da ich mir bei unserem Einzug unseren alten Staubsauger mit vergleichbaren Aktionen ruiniert hatte und den neuen nicht in Hände geben wollte, die ich noch nicht mal selbst in gutem Gefühl geschüttelt hatte.

Da war der Schwabe beleidigt, glaube ich. Entsprechend kurz angebunden verliefen die nachfolgenden Begegnungen. Auch Pippa ignoriert die beiden mittlerweile – wer es sich erst mal gründlich mit ihr verscherzt hat, ist logischerweise keines Dackelblickes oder Schwanzwedelns mehr würdig.

Aber häufig sieht man einander eh nicht, denn – Sie ahnen es sicher schon! – die Jalousien sind mal wieder unten.
Sogar tagsüber sehr konsequent, und das, obwohl der Neue daheim arbeitet. Vielleicht ist er Pornofilmproduzent oder Geldfälscher – oder die beiden haben zuvor im Souterrain oder Keller gewohnt und müssen sich erst langsam ans Tageslicht gewöhnen (man soll ja nicht immer gleich das Übelste annehmen).

Den neuen Nachbarn gebe ich dennoch deutlich länger als Dr. B. und dem nie erschienenen Herrn F., ich tippe tollkühn auf mehr als 3 Jahre.
Einfach deshalb, weil ich davon ausgehe, dass Menschen mit spongebobähnlichen Monsterstofftieren, albernen Kleinjeeps, schwäbischer Herkunft und einer doch erklecklichen Anzahl von vier Indern hineintransportierten Möbelstücken und Kisten nicht in drei Monaten wieder weg sind (einen haben sie ja bereits geschafft).

Möge uns das Schicksal gewogen sein und uns den näheren Fortgang sowie das Ende dieser Pechwohnungs-Episode nicht mehr live miterleben lassen, obwohl ich mikrosoziologischen Langzeitstudien dieser Art durchaus etwas abgewinnen kann.

Was für eine verrammelte, verschlossene Welt.
Ein bedrückendes Verstecken, Verbarrikadieren und Verschließen – so empfinde ich das zumindest.
Wenn ich hier in Suburbia nachts mit unserem Hund durch die Straßen spaziere, dann ist alles dicht, alle haben sich abgeschottet. Keine Menschenseele ist irgendwo zu sehen.
Leben die noch oder sterben die schon?, frage ich mich manchmal, wenn ich auf die vielen bodentiefen, blickdichten Lamellenfronten gucke.

Unweigerlich denke ich dann an diesen Spätsommer vor ein paar Jahren, den ich auf Gotland verbrachte.
Wie ich mit dem Dackelfräulein in der Dunkelheit über die Insel fuhr oder wanderte, und überall waren warme Lichter zu sehen, die Fenster so offen wie die Türen, hie und da mal ein zugezogener Schlafzimmervorhang, ansonsten aber sichtbares Leben in all seinen Schattierungen und Zuständen.
Die Menschen dort verstecken sich nicht bei Einbruch der Dunkelheit, sondern sie wagen es, sich in ihrer ganzen Banalität oder Besonderheit zu zeigen. In Gesprächen erfuhr ich, dass sie das nicht mal als ein Wagnis oder ein Sich-Zeigen betrachten, sondern es ist stinknormal, dass man abends weiterlebt und -wohnt als wäre es draußen noch hell.
Der Schwede geht einfach nicht davon aus, dass ihm jemand was wegglotzt und es juckt ihn auch nicht, wenn der Nachbar sieht, dass man mal kurz in der Nase bohrt (und aus Kindheitsurlauben in Holland erinnere ich mich noch gut daran, dass man es dort genauso hielt).

Man sieht sie alle in ihren Häusern herumlaufen, -liegen oder -sitzen, in ausgebeulter Jogginghose oder im eleganten Etuikleid oder irgendwas dazwischen, allein, zu zweit oder in Gesellschaft, mit Hund oder Katze, lesend, lernend, denkend, weinend, lachend, essend, trinkend, putzend, sich unterhaltend, sich berieseln lassend, schweigend, liebend, streitend, genießend, leidend – und vielleicht sogar sterbend.

Mich hat dieser Anblick, diese Offenheit, diese Sichtbarkeit des Lebens zutiefst beruhigt, ich war dort ganz alleine unterwegs und fürchtete mich nirgends, nicht mal nachts.

In den letzten Tagen meiner Zeit auf der Insel schloß auch ich die Tür meiner Hütte nicht mehr ab und zog die Vorhänge nicht mehr zu. Frühmorgens, wenn ich mit dem Dackelfräulein im Arm langsam die steile Holztreppe von der Schlafkammer hinunterstieg, guckte das Pferd des Nachbarn durch das Sprossenfenster neben der Verandatür direkt in mein verschlafenes Gesicht und entlockte dem Dackelchen ein erstes Brummeln.

Ein schöner Start in den Tag und ein perfektes Lebensgefühl war das.