Patrona Bavariae oder: Ein Abendtermin in Singapur.

Die Pforte zum künftigen Zuhause: Ein gelungener Mix aus Sackkarrenverbot und Kakadueleganz.

Beim abendlichen Vermessungstermin in der neuen Wohnung öffnet uns Louis, der derzeitige Untermieter der Vormieter, die das Feld bereits physisch geräumt haben (Trennung – keiner will dann mehr dort sein), freundlich die Tür und bittet uns hinein.
Ein Pimpf im Superman-Schlafanzug (einer der drei Kleinen von Louis) springt uns die nächste halbe Stunde permanent zwischen Zollstock und Maßband herum und quietscht jedesmal vor Begeisterung, wenn der Gatte die Rückholtaste des 4m-Maßbandes betätigt und das Metallband zurück in sein Gehäuse schnalzt. In der Küche werkeln die beiden (?) Frauen von Louis, es riecht nach asiatischem Klebreis und intensiven Gewürzen, eine der Frauen steht im Micky-Maus-Jumpsuit am Herd, die andere hilft den Kindern bei der Nahrungsaufnahme.

Wir befinden uns mitten im Abendtrubel einer singapurischen Familie und müssen bei all dem Krach und dem Versuch, uns aufs exakte Vermessen der Räume zu konzentrieren, auch noch Englisch sprechen. Müssen mit Vokabeln hantieren, die man auf Reisen und Tagungen nicht braucht, uns also komplett fremd sind (Maßstab, Nische, Kammer, Einbauschrank, Winkel, Mietdauer, Auszug, Malerarbeiten, Dübellöcher, Fußbodenleisten etc.).

Auf dem Fußboden zwischen klebrigen Reiskörnen kniend und mit dem Meterstab in die Ecken robbend lernen wir: In Singapur muss man nichts ausmessen, wenn man umzieht. Ja sowas.
Die Jumpsuit-Frau erklärt uns in einem an indische IT-Callcenter erinnernden Englisch (und einem Affentempo), dass in Singapur alle Wohnungen möbliert vermietet werden, niemand müsse da mit einer Spedition umziehen, sondern man nähme einfach seine paar persönlichen Dinge und zöge um („hm & aha“, denke ich, meinen Blick über die Küchenmöbel schweifen lassend, „so sieht das hier auch aus“, eben nach furniture-to-go & -not-to-use-with-care und justament verspüre ich noch mehr Schmerzen in meinem kaputten Ellenbogengelenk: denn das Küchenmobiliar übernehmen wir ja, vermutlich inkl. Klebreis auf dem Boden und Sesamöl an den Schubladengriffen).

Sie kichert ein bisschen dazu (eigentlich kenne ich fast nur kichernde Asiatinnen, stelle ich mal wieder fest, und bis heute weiß ich nicht, ob das was Genetisches ist oder ein kulturtypisches Verlegenheits- oder Beschwichtigungskichern). Und sie kichert noch mehr, als sie uns, die zwei in ihren Augen mit Sicherheit äußerst seltsamen Deutschen, mit dem Zollstock sogar im Einbauschrank und in der Speisekammer verschwinden sieht. Wenn der Deutsche was misst, dann halt auch gründlich (Grundriss in doppelter Ausfertigung zur Hand, falls man sich verschreibt).

Zum Abschied muss uns Minisuperman die Hand drücken und „Goodbye“ piepsen, Louis wünscht uns „all the best“ und erwähnt höflich, er würde die Wohnung Ende April besenrein an unsere Vormieter zurückgeben. Ich mache mir innerlich sogleich eine Notiz, in der ich schon heute schon gelobe, mich dann sehr zu bemühen, die singapurische Definition von „besenrein“ unter „Kulturstudien/Südostasien“ zu verbuchen.

Der Name „Singapur“ entstammt übrigens dem Sanskrit und bedeutet so viel wie „Löwenstadt“. Was recht gut zur Umgebung rund um die neue Wohnung passt, wie ich finde.

Denn der Dackel, der ja bekanntermaßen in seiner Persönlichkeitsstruktur weder zu Bescheidenheit noch zu Wankelmut neigt und sich daher zu recht dem König der Tierwelt mindestens ebenbürtig fühlt, wie nachfolgendes Video eindrücklich dokumentiert…

… jener Dackel wird hier (in personam des weltschönsten Dackelfräuleins) nämlich künftig seine Freude haben an der neuen Umgebung mit ihren ultrabreiten Grünstreifen (gespickt mit den Boulevardnachrichten der Artgenossen aus dem Quartier, auch hier: deutlich mehr Vielfalt als in Suburbia, da alles geboten wird von der anspruchsvollen Wochenzeitung für den urbanen Hund von Welt bis zur Tagespostille für die Promenadenmischung schlichteren Gemüts), die wir künftig bei der Abendrunde entlangschlendern werden, Richtung Bavaria- und Löwen-Monumentalstatue.

Oder wir überqueren die riesige Freifläche und gehen dem Münchner Wahrzeichen direkt entgegen.

Der ortskundige Leser mag an dieser Stelle stutzen, sich an den Kopf fassen und gleichermaßen verwirrt wie bang fragen: „Ja, sind die deppert? Welcher normale Mensch zieht denn in die Nähe der Theresienwiese? Müssen die jetzt wirklich von einem Extrem ins andere fallen?“

„Wissen Sie“, würde ich entgegnen, „suchen Sie erstmal ein halbes Jahr in dieser Stadt nach einer schönen und bezahlbaren Wohnung, in der auch Ihr Hund ohne Auflagen willkommen ist, Ihnen auf lange Sicht kein Eigenbedarf droht, Grünstreifen vor dem Haus sind und Sie rundum eine Top-Infrastruktur haben. Dann können wir gern weiterreden.“.

Wir gehen da jetzt positiv ran!
So eine riesige Freiflache unweit der eigenen Haustür hat schon was, so mitten in der Stadt. Ein seltenes Raumerleben, Platz fürs Auge, wohltuende Weite.
Die Lichter des Winter-Tollwoods werden wir mögen und das Oldtimer-Treffen wird uns auch nicht stören. Einmal im Jahr noch ein Flohmarkt und die Handwerksmesse, ja mei.
Unsere Urlaubszeiten sind nun dank des Wohnungswechsels für die kommenden Jahre fest geregelt und werden künftig stets den Zeitraum von Mitte September bis Anfang Oktober umfassen (passt eh super, da sind immer Semesterferien) und die Urlaube werden grundsätzlich mit dem Auto stattfinden.
Gewohnheiten und Regelmäßigkeiten entlasten ja das vom großstädtischen Alltag impulsgestättigte Gehirn (und zudem möchte man sich ja weder auf die Kühlerhaube kotzen lassen noch morgens vor dem Haus in ein Meer aus Scherben und gebrannten Mandeln treten, vom nächtlichen Lärm der Saufbrüder und dem Gedröhne der Fahrgeschäfte mal ganz zu schweigen).
Alles hat seine Vor- und Nachteile.
Irgendeine Kröte muss man hier in München immer schlucken, wenn man nicht Krösus ist. Und an ca. 350 Tagen im Jahr wird sich die Kröte ja auch weitgehend fernhalten.

Fotos werden wir schießen, viele Fotos, in allen Belichtungen und Stimmungen, zu allen Jahreszeiten, an die bronzene Patronin gelehnt, mit einem oder beiden bayrischen Löwen drauf, dorische Säulen umarmend oder zu den Büsten der Herren Brecht, Fraunhofer und Pschorr aufblickend, die für uns auf die eine oder andere Art bedeutsam waren oder sind (der Haifisch, die Firma, der Himmel der Bayern!).

Und mein Aufatmen wird man deutlich hören können, von dort bis hinüber zur Paulskirche, sofern das Dackelfräulein nicht gerade eine Taube oder einen Skater verbellt.
An Sommerabenden werden wir uns nach unserem Rundgang noch eine Kugel Eis holen, beim Kustermann ums Eck. Stracciatella, Kokos oder Pistazie, im Hochsommer auch mal Zitrone oder Heidelbeer.
In der Waffel versteht sich, denn es ist seit jeher nicht nur Sitte, sondern Gesetz, dass die kleine Hundemadame das Endstück der Waffel zu erhalten hat.

Liebe geht schließlich nicht nur miteinander durch dick und dünn oder täglich Spazieren, sondern Liebe geht immer auch durch den Magen.

Hund haben (3).

Vorbereitungen, wenn man einige Stunden mit Möbelsuche zu verbringen gedenkt, aber der Hund nicht den halben Tag allein daheim sein soll:

Liebe D.,

du hast die implizite Herausforderung des morgigen Dogsittings schon hervorragend erkannt. Es ist diesmal nicht einfach nur Dogsitting, so wie sonst, sondern Hot-Dog-Sitting, weil Pippa läufig ist. Und sie befindet sich justament in den sogenannten „heißen Tagen“, an denen sie die Rüden nicht mehr zickig verbellt, sondern schon mal einen genaueren Blick auf den einen oder anderen Kandidaten wirft.
Aber ein Problem sollte das trotzdem nicht werden!

Denn deine Idee mit dem Schlosspark ist super, dort herrscht überall Leinenpflicht und das vereinfacht vieles, weil somit auch alle Rüden an der Leine sind. Zudem ist Pippa seit Jahren nicht mehr dort gewesen und eine neue Gegend ist immer interessant, so dass sie, obwohl sie an der Leine bleiben muss, genug Spannendes zu gucken und zu riechen hat. Da sie sich dort nicht auskennt, wird sie auch mehr auf dich achten als z.B. im Heimatrevier Olympiapark, den ich aber zu Läufigkeitszeiten eh meide, weil dort fast alle Hunde frei herumrennen. Also: geht da ruhig hin. Am besten von hier mit der Tram 12 bis Romanplatz, so spart ihr euch die städtischen Wege. Pippa ist das Trambahnfahren gewöhnt, nimm sie nur am Boden etwas zwischen deine Füße, ein Dackel wird leicht übersehen. Sie wird jammern, was sie in der Tram immer tut, weil sie vor dem Gassi ungeduldig ist – mehr hat das nicht zu bedeuten. Am besten ignoriert man das Gewinsel und geht auch nicht auf das Gewinsel von mitleidigen Omis rundum ein („Mei, wos hod er denn, da Kloane?“) 🙂

Jetzt noch zur Läufigkeit: Wir werden ihr das Höschen anziehen, bevor wir gehen. Denn wenn wir das nicht tun, könnte die Begrüßungsaufregung, wenn du die Wohnung betrittst, schon einige Blutspuren auf dem Teppich nach sich ziehen. Also begrüß sie im Höschen und zieh es ihr erst aus, wenn ihr aufbrecht.

Draußen können euch Rüden begegnen, die mit Sicherheit sehr interessiert an Pippas Hinterteil kleben. Dann einfach Herrchen/Frauchen informieren, dass dein Hund läufig ist, dann sind die anderen dran, ihren Rüden in Zaum zu halten. Sollte dir ein freilaufender Hund entgegenkommen, was in der Stadt ja eher unüblich und im Schlosspark verboten ist, musst du unter Umständen halt dem Besitzer eine entsprechenden Warnung entgegenrufen.

Sollte einer aufdringlich werden, bevor Herrchen/Frauchen einschreitet, hältst du Pippa kurz und stellst dich mit dem Bein zwischen die beiden. Der Rüde wird dir nichts tun, weil er nur auf eines fixiert ist: das duftende Hinterteil der Hündin. Aber uns ist es in allen bisherigen Läufigkeiten nur einmal passiert, dass es so massiv wurde, dass wir dazwischengehen mussten.

Auf dem Rückweg (falls ihr da auch die Tram nehmt) wird sie kein bisschen winseln, das ist ebenfalls immer so, denn dann hatte sie ja ihren Auslauf und kann sich wieder benehmen.

Auf die Anrichte in der Küche leg ich dir ein Mäppchen für unterwegs hin, da sind ein paar Leckerchen und 2 Kotbeutel drin. Wenn sie dir gut folgt, belohn sie ruhig mal (immer nur ein Stück). Leinen hängen am Treppengeländer vor der Wohnungstür: 1x Leder, 1x Nylon, welche du lieber magst (sie sind gleich lang). Das Pfotenhandtuch hängt auch am Treppengeländer – du weißt es ja sicher noch, einfach an Bauch und Füßen ein bisschen abputzen. Du kannst sie überall anfassen, sie kennt die Prozedur. Wenn du gehst, sag ihr bitte „Schön warten, ich komm gleich wieder“, auch das ist ein bekanntes Ritual und sie trollt sich dann ins Körbchen (den vorwurfsvoll-leidenden Blick muss man halt ertragen). Oder sie zieht alle Register, geht nicht ins Körbchen und wirft sich auf dem Dielenteppich auf den Rücken. Das sieht dann extrem erbärmlich aus, aber da musst du durch – bist ja gottseidank erprobt im Umgang mit kleinen Schlawinern und Schauspielern.

Wenn irgendwas wäre, was ich nicht hoffe und glaube, kannst du mich auf dem Handy anrufen, ich stelle es ausnahmsweise mal laut.

Dann mal viel Spaß im Schlosspark, vielen Dank und liebe Grüße!

Nachtrag am Abend des Hot-Dog-Sittings:
Zu 90% lief alles bestens. Nur auf dem Rückweg heftete sich ein herrenloser, aber hoffnungsvoller Rüde (nach Aussage von D. immerhin gepflegt und freundlich) an die Fersen der beiden und ließ sich trotz energischer Versuche lange nicht abschütteln. Kurz vor der entscheidenden Kreuzung (auf der ernsthaft Gefahr droht, dass ein frei laufender Hund unter die Räder geraten könnte) rief ihm D. mehrfach ein resolutes „Bleib!“ zu – und das hat schlussendlich gefruchtet. Der Freier setze sich hin, ließ die Ohren und den Kopf hängen und begrub seine Hoffnungen auf ein erotisches Abenteuer.

Hast du sehr gut gemacht, liebe D., vielen Dank nochmal!

Familienplanung.

Vorher.

Nachher.

Fazit: Immer Obacht geben beim Basteln (oder hinterher nicht beschweren).