Playing Disco (pandemic-style).

This one’s for you, Freddie 💙 – with greetings from Loud Mary (the Cleaning Queen).

Für alle anderen: Bin seit einiger Zeit auf der Suche nach dem perfekten Waschstraßen-Song. Der hier kommt ganz gut, finde ich. Vor allem zum Schluss hin, wenn die Baströckchen so fesch im Rhythmus wedeln.

Schwimmen kann man nicht hamstern.

Von Langeweile konnte in den vergangenen Tagen keine Rede sein, von Corona-Koller auch nicht. Wir waren zwar in häuslicher Quarantäne, aber nicht viral bedingt, sondern wegen einer post-sanitären Belastungsstörung.

Nach 14 (!) Stunden Putzen und Werkeln in unserer Wohnung, die wir am Samstagnachmittag nach knapp zwei Wochen Badumbau und Sanierungsarbeiten endlich wieder betreten konnten, stand ich heute Morgen mit Ganzkörperschmerzen auf.

Lolek und seine Gang haben zwar großartig gearbeitet, ein feines neues Bad eingebaut und die vielen gelben Flecken von den beiden Wasserschäden (dem kleinen im November und dem großen Anfang Februar) beseitigt, aber leider hat das feinstaubige Gewerkel trotz versiegelter Räume überallhin gestaubt, sogar bis in Schubladen und Schränke hinein.

Und trotz größter polnischer Sorgfalt passen ein paar Dinge noch nicht: aus dem Kaltwasserzulauf tropft es ein bisserl, ein Fallrohr wurde nicht lackiert, beim Betätigen der neuen Deckenleuchte haut’s den FI-Schalter raus und an manchen Stellen muss malerisch noch nachgearbeitet werden. Wird nochmal ein paar Handwerkertermine bescheren und zuvor etliche Telefonate und Emails.

Am Donnerstag kommt dann hoffentlich derselbe Mensch von der Wasserschadensanierungsfirma vorbei, der hier vor fast zwei Monaten, am Tag nachdem das Wasser aus den Decken und Wänden geschossen war, die gesamten Kammerregale demontiert hat, um alles wieder einzubauen.

Die 14 Stunden Wohnungsreinigung, Möbelrücken und Einräumen sind freilich noch nicht das Ende der Fahnenstange, es drohen nochmal schätzungsweise 4 bis 5 Stunden Arbeit, aber heute Vormittag wollte ich erstmal pausieren und meinen geschundenen Körper beim Schwimmen lockern, zumal es die letzte mögliche Lockerung auf diese so geliebte Art und Weise für Wochen (!) sein wird, denn morgen schließen die Münchner Schwimmbäder.

Damit hat die Coronakrise nun auch mich an einem neuralgischen Punkt erwischt. Denn auch für jeden, der nicht zu einer Risikogruppe gehört, kommt ja früher oder später dieser Punkt: der eine jammert, weil er am Wochenende nicht mehr Party machen kann, der andere, weil alle kulturellen Institutionen ihre Pforten schließen, wieder ein anderer, weil der Urlaub ins Wasser fällt oder gar nicht erst gebucht werden kann, der nächste, weil sich die Familie nun intensiver auf der Pelle hockt als sonst usw. – und mir persönlich setzt halt eine Schwimmbadschließung am meisten zu.

Seit 20 Jahren schwimme ich nun regelmäßig, seit 15 Jahren etwas ambitionierter. Die längste Schwimmbadabstinenz, die ich je hinnehmen musste, war eine dreiwöchige Pause wegen einer Meniskus-Operation, und ich glaube, selbst da habe ich gegen Ende noch getrickst und bin schon nach 17 Tagen wieder ins Wasser gestiegen.
Bereits eine Woche ohne Wasser setzt mir zu, da fehlt mir was ganz Existenzielles, eben diese für mich so wohltuende Weise der körperlichen Betätigung und nur wenn ich stattdessen die Berge vor der Nase habe (bzw. unter den Füßen spüre), ist ein Schwimmentzug vielleicht auch mal zwei Wochen zu verkraften.

Nun werden es, wenn es dumm läuft (und so wird es laufen, wenn nicht sogar noch dümmer), 5 Wochen. In Worten: fünf!
Noch kann man tageweise in die Berge fahren, wer weiß, wie lange diese Kompensation noch zulässig ist oder ob uns nicht auch demnächst italienische oder österreichische Verhältnisse bevorstehen und man nur noch aus drei Gründen die Wohnung verlassen darf.

So steige ich heute Mittag beinahe mit Andacht ins Wasser. Schwimme meine vorerst letzten 2.000 Meter mit großer Demut und mit herrlicher Frühlingssonne auf dem Rücken oder im Gesicht – je nach Lage eben.
Demut, weil mir beim Bahnenziehen so bewusst wird, wie unglaublich selbstverständlich das alles für uns ist: einzukaufen, was einem fehlt und/oder worauf man Lust hat, zu treffen, wen man treffen möchte, hinzufahren und einzukehren, wo und wann immer man will, Konzerte zu besuchen, ins Theater zu gehen, Sport zu treiben, so oft es einem gut tut, und so vieles mehr – je nach zeitlichen, gesundheitlichen und finanziellen Möglichkeiten zwar, aber dennoch mit einem recht hohen Maß an persönlicher Freiheit und Selbstbestimmung.

Schwimmen kann man nicht hamstern. Es ist unmöglich, heute auf Vorrat zu schwimmen, z.B. 25 Kilometer am Stück, damit es bis Mitte April (oder bis wann auch immer) vorhält und man davon zehren könnte, so wie es denjenigen vergönnt ist, die den gesamten Bestand an Klopapier, Seife, Nudeln, Mehl und Tomatensaucen der Ludwigsvorstadt aufgekauft haben.
Die können sich diese Errungenschaften nun – obwohl die Geschäfte weiterhin geöffnet haben werden (sogar noch länger als bisher) – hübsch einteilen für die kommenden Wochen und sich daheim ganze Iglus aus Klorollen und Tomatendosen bauen, drumrum eine Mauer aus Nudeln und Mehl errichten und diesen Wall, damit er auch schön fest zusammenbappt, mit literweise Flüssigseife angießen.

Als ich aus dem Becken steige, winken mir manche Schwimmer zu, man kennt einander ja hier, zumindest die, die ständig herkommen.
Ein paar wenige sprechen mich sogar an. Es ist aber nicht dieses fröhliche „Bis bald!“, das man sich vor der 11-tägigen Revisionsschließung, die jährlich einmal ansteht, zuruft oder das üblicherweise den Übergang von der Sommeröffnungszeit zum Winterbetrieb markiert.
Sondern wir sagen heute zum Abschied Dinge wie „Bleib gesund!“, „Wird schon rumgehen!“ oder „Steh’s gut durch!“ zueinander und dann geht jeder ein letztes Mal duschen und danach seiner Wege.

Nachmittags gehe ich Einkaufen. Seit der Wasserschaden uns die Kammer genommen hat, haben wir so gut wie keine Vorräte mehr zuhause, weil wir ja keine Regale mehr hatten, um sie irgendwo aufzubewahren. Bevor die Bauarbeiten begannen, haben wir das meiste aufgebraucht, damit hier möglichst wenig herumstand oder wegzuräumen war.

Das wird uns nun zum Verhängnis.
Wir brauchen dringend Lebensmittel, Kaffee, Getränke, Waschpulver, Seife, Taschentücher und Klopapier. Die ersten vier Sachen lassen sich mit etwas Mühe noch ergattern, die übrigen drei sind in allen (!) Geschäften ausverkauft.
Man hatte ja in der Zeitung davon gelesen, aber wenn man’s dann mit eigenen Augen und noch dazu in fünf verschiedenen Läden sieht, ist es doch nochmal anders.
Noch idiotischer, noch absurder.

Bei DM beschlagnahmt das Personal etliche Windelpakete, die eine junge Mutter in ihrem Einkaufswagen aufgetürmt hat – niemand darf mehr hamstern und mehr als eine „haushaltsübliche Menge“ mitnehmen.

Bei Edeka bricht eine junge Dame vor dem leergefegten Nudelregal in Tränen aus, ein älteres Paar räumt derweil völlig ungerührt von dem Geheule seinen Wagen mit irgendwelchen Konserven voll („Lass uns einfach alle mitnehmen, ist ja eh keine Auswahl mehr da!“).
In der Apotheke kauft ein besorgter Familienvater eine solch perverse Menge Hustenlöser auf Vorrat, mit dem das ganze Viertel unter gelöstem Schleim begraben werden könnte.
Beim Pfister lässt sich eine eigentlich intelligent aussehende Frau sage und schreibe 8 große Viertel Brot schneiden und einfrierfertig verpacken.
Im Biomarkt gähnt einen dort, wo sonst die Nudeln und Tomatensaucen stehen, ein leerer Flur an – nur die brettharten, gesunden, wenig wohlschmeckenden Vollkorn-Lasagneblätter sind noch zu haben und ein paar Pseudo-Nudel-Produkte, die auch keiner kaufen will (vielleicht liegt’s ja daran, dass auf manchen Schachteln „original italienisch“ steht).

Nach meiner Tour des Staunens komme ich ohne Klopapier, Taschentücher und Seife nachhause und informiere sogleich den Gatten über unsere Restbestände: nur noch die Seife, die in Gebrauch ist, noch 6 Päckchen Taschentücher, noch 2 Rollen Toilettenpapier.
Bis zum Wochenende dürfte das reichen, wenn keiner Durchfall, Schnupfen oder einen Waschzwang bekommt, danach wird’s kritisch.

Ich presse, wie fast an jedem Tag zwischen November und April, noch drei Orangen für uns aus, beschließe, dass wir zusätzlich ja mal für zwei Wochen noch ein Breitbandvitaminikum einwerfen können und bringe dem Gatten sein Gläschchen samt Pille an den Schreibtisch.
Er nimmt einen großen Schluck, stellt das Glas wieder ab, entdeckt in dem Moment die längliche, blaue Tablette und guckt mich fragend an.

Was das denn jetzt um alles in der Welt sei, will er wissen. Was ich denn vorhätte mit ihm. Ob wir nun länger in Quarantäne gingen. Oder gar Ausgangssperre drohe.
Ich muss schließlich die Originalpackung herzeigen, um meine lauteren Absichten zu beweisen.

Abends dann noch eine Henkersmahlzeit im Lokal ums Eck, vor allem, um ein bisschen Haushaltsenergie aufzusparen, die man noch für die Baustellenreinigung braucht.
Kochen wird man ab morgen, wenn die Putzorgie beendet ist, ohnehin wieder täglich.

Das Restaurant fast leer, die Tische mit Sicherheitsabstand neu angeordnet, nur noch ein paar Gerichte auf der Karte. Am Dienstag machen sie die Schotten dicht.

Ab morgen also ein neuer Alltag in unserer Stadt.
Ein eingeschränkter, ein so noch nie dagewesener.
Mal schauen, wie das wird.

Vermutlich weit weniger schlimm als viele befürchten.
Ich verspüre weder Angst noch Anflüge von Panik, sondern sehe das eher als eine Art (Zwangs-)Pause vom Gewohnten und von der permanenten Verfügbarkeit des immer üppig gefüllten, großen Konsumbuffets.
Eine Zwangspause, die ein paar Umstellungen, Herausforderungen und Umstände mit sich bringt, die aber auch ein paar Chancen birgt.
Die Chance, die vielen Selbstverständlichkeiten des eigenen Lebensstils zu reflektieren.
Die Chance, kreativ zu werden, weil es nun drum geht, Dinge mal anders anzupacken als man’s sonst immer tut.
Die Chance für eine andere Art des Miteinanders, für neue Netzwerken und Synergien.

In diesem Sinne werde ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, wahrscheinlich gegen Ende der Woche – bis dahin dürfte die Lage noch nicht prekär geworden sein – um Hilfe bitten.
Sollte das Toilettenpapier dann immer noch in allen Geschäften meiner näheren Umgebung vergriffen sein, hoffe ich, dass Sie mich nicht hängenlassen und mir ein Röllchen rüberschicken (bitte unbedingt dreilagiges und nach Möglichkeit ohne farbigen Aufdruck). Dasselbe gilt für Taschentücher (Marke egal, aber gern welche, die waschmaschinenfest sind: wir sind leider schon in dem Alter, in dem selbst die dreifache Kontrolle der Hosentaschen vor der Wäsche nicht immer zuverlässig funktioniert).

Ich revanchiere mich natürlich und könnte z.B. Ihren Hund zu Spaziergängen mitnehmen, Ihnen etwas Selbstgekochtes vorbeibringen, Ihnen bei der Planung der nächsten Bergtour zur Hand gehen, Ihnen etwas vorlesen oder Ihnen bei unangenehmer Korrespondenz mit Ihrem Reiseveranstalter/Arbeitgeber/Vermieter/Internetanbieter/Versicherungsagenten/Handwerker/Autohändler behilflich sein.

Geben Sie einfach Bescheid, wo der Schuh drückt – für eine Rolle Happy End bin ich ab Freitag zu vielem bereit.
Gute Nacht aus München wünscht Ihnen –
Die Kraulquappe.

Himmel der Bayern (56): Badesaison eröffnet!

Seesonauftakt!

Manch Unangenehmes diese Woche zu einem Abschluss oder zumindest auf den Weg gebracht (Gesundheit, Finanzamt,…), endlich den Winterdreck aus dem Auto gesaugt und von den Fenstern geputzt, als Konsequenz davon den kaputten Ellbogen mal wieder zum Orthopäden gefahren, neue Aufträge an Land gezogen und terminiert.

Als Übernächstes dann: „Auf vier Pfoten durchs Fünf-Seen-Land“, bald kann ich meine eigenen Überschriften nicht mehr hören, aber diese hier lag einfach auf der Hand bzw. der Pfote, und ich find’s ja prinzipiell ganz wunderbar, über Touren in der Heimat schreiben zu können.

Frühling lässt`s weiß-blaue Band wieder flattern durch die Lüfte (frei nach Mörike)

Gestern allein am Starnberger See, heute mit meinem großen Freund S. raus zum Ammersee, so kann man die Woche ausklingen lassen – findet auch das Dackelfräulein, und tunkt die Pfötchen erstmals nach diesem langen Winter wieder in die geliebten Gewässer.

 

Haben Sie ebenfalls ein schönes Wochenende!

Zum Tag der Liebe oder: Bereiche der Beachtlichkeit.

In einem Leben als Gattin mit sporadischem Teilzeit-Homeoffice und Vollzeit-Hundedompteuse, in dem zu den alltäglichen Aufgaben auch das regelmäßige Staubsaugen und Abstauben gehört, hat man, je nach Haushaltsgröße, Putzpassion und Beruf des Ehemanns, ja en passant die schönsten Bildungsmöglichkeiten.

In einer kleinen Entstaubungspause greife man sich je nach Lust, Interesse und Tagesverfassung einen (freilich zuvor abgestaubten) Schmöker aus dem Regale und stöbere darin.

Zum Valentinstage empfiehlt sich natürlich ein Bändchen zu Liebesdingen, also schnappe ich mir den Niklas Luhmann, wohl wissend, dass der die Liebe nicht etwa als Gefühl begriff, sondern als eine Gefühlsdeutung, die auf Kommunikation beruht (womit nicht nur das ewige Gerede gemeint ist, sondern vielmehr, dass man beispielsweise dieselben Serien liebt und sich gleichermaßen begeistert darüber auszutauschen imstande ist). Guter Ansatz!

Mindestens so gut wie die Luhmannsche Empfehlung, sich gleich bei Heirat einen Brockhaus anzuschaffen, damit jeglicher Dissens, der durch Nachschlagen ausgeräumt werden könnte, keine Liebesfragen aufwirft. Umgekehrt könnte man auch sagen, dass die Liebe ihre liebsten Themen im Bereich nicht wahrheitsfähigen Erlebens hat, also z.B. in Urteilen über Dritte, Geschmacks-, Stil- und Moralfragen, Hobbies, Religion und Haushaltsführung.

Ein großartiger Praxistipp, dessen Umsetzung für heutige Paare natürlich bereits stark vereinfacht ist durch den permanenten Zugriff auf das Internet im Allgemeinen und die Wikipedia im Besonderen: man hat ja stets ein Smartphone/Tablet oder was weiß ich was für ein mobiles Endgerät auf dem Frühstücks- oder Nachttische bereitliegen, so dass alles sofort recherchiert und geklärt werden kann (sofern das WLAN ein stabiles ist) und man danach wieder einträchtig über den depperten Kollegen lästern kann oder in aller Ruhe ausdiskutiert wird, wer beim nächsten Großputz für welche Einsatzgebiete zuständig sein soll oder ob man die heimischen Fenster lieber mit einem Stoff von Marimekko oder Almedahls verhängen möchte (Hauptsache, skandinavisch, so weit ist man eh längst einig nach ein paar Ehejährchen) oder sich dem größten gemeinsamen Hobby zuwendet und beispielsweise bespricht, wie man dem Hündchen endlich beibringen könnte, dass der von den ersten Strahlen der Frühlingssonne aufgetaute Fremdkot diverser Lebewesen nicht dem von uns für sie präferierten Ernährungsstil entspricht (wozu kauft man eigentlich dieses sauteure Premium-Futter in Lebensmittelqualität?).

Und während ich mich so durch die diversen Luhmänner des Gatten blättere, finde ich eine noch viel köstlichere Passage, die es nicht nur zum Tag der Liebe unbedingt verdient, vollständig zitiert zu werden:

„So erwartet die Hausfrau, daß ihr Mann abends von ihr kaltes, nicht aber warmes Essen erwartet. Der Mann muß seinerseits diese Erwartungserwartung miterwarten können, weil ihm nur so klar werden kann, daß er mit einem unerwarteten Wunsch nach warmem Essen nicht nur Ungelegenheiten bereitet, sondern auch die Erwartungen seiner Frau in Bezug auf sein Erwarten durcheinanderbringt, was, wenn wiederholt betrieben, sehr weittragende Unsicherheiten zu Folge haben kann. Diese dreistufige Reflexivität ermöglicht rasche und rücksichtsvolle, kommunikationslose Verständigung, die nicht nur die Erwartungen, sondern auch die Erwartungssicherheit des Partners mit in den Bereich der Beachtlichkeit einbezieht – allerdings mit entsprechend gesteigerten Irrtumsrisiken, die wohl nur in sehr kleinen Sozialsystemen in engen Grenzen gehalten werden können.“

Niklas Luhmann, Die Moral der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2008, S. 32.

(Was sagen Sie dazu? Sind das nicht herrliche Begriffe und Formulierungen? „Erwartungserwartung“, „gesteigertes Irrtumsrisiko“ und „Bereich der Beachtlichkeit“ oder auch das mit den unerwarteten Wünschen, die Ungelegenheiten bereiten. Hätte ich nicht noch die ganze Wohnung mit dem Staubsauger durchkämmen müssen, hätte ich mich glatt festgelesen!)

Nur gut, dass in unserem kleinen Sozialsystem immer abends warm gegessen wird.

Mit den herzlichsten Grüßen an den Gatten, für den vor 45 Minuten in Frankfurt die Semesterferien begonnen haben (wobei ich mein zu Beginn der Ehe noch völlig naives Verständnis dieses Begriffs längst der Realität angepasst und also eingesehen habe, dass das „-ferien“ in diesem Wort blanker Euphemismus ist, aber immerhin wird hier nun wieder häufiger gemeinsam warm gegessen) und den besten Wünschen für eine störungsfreie Heimreise mit der Deutschen Bahn!

Ein Versuch über die Liebe: Clean, brush, love.

Zum Frühstück blätterte ich das gestrige Magazin der Süddeutschen Zeitung durch, da der Woody-Allen-Stil des Covers nahelegte, dass sich das Heft mit Sex beschäftigen würde – und so ein Thema schmeißt man schließlich nicht ungelesen ins Altpapier, nur weil die nächste Ausgabe der Tageszeitung schon bereitliegt.
Beim Lesen stellte ich dann allerdings fest, dass es in dem Magazin ausschließlich um die Liebe ging (was mir frühmorgens ohnehin das angenehmere Thema ist). Rührende und teils amüsante Geschichtchen rund ums Finden und Verlieren kleiner und großen Lieben waren darin zu lesen.

Jedes dritte Wochenende ist bei uns Hausputz angesagt.
Was bedeutet: Der Gatte lässt für eine Weile von der samstäglichen Schreibtischarbeit ab und klinkt sich in die Niederungen der gemeinen Wohnungsreinigung ein. Nach über 10 Jahren sind wir da längst ein eingespieltes Team, die Choreografie sitzt bis ins kleinste Detail, man schwebt fast aneinander vorbei, der eine mit dem Staubsauger bewaffnet, der andere mit Putzeimer und Schrubber in der Hand, jeder vertieft in sein Tun, bestenfalls ab und an einander einen Satz zuwerfend („Warst du da schon?“ / „Kann ich dort schon wischen?“ / „Steckst du mal bitte den Staubsauger um?“ o.ä.) – und nach knapp zwei Stunden ist der Spuk auch schon vorbei und die Hütte glänzt wieder.

Zwei Stunden, in denen man bei allen Routinetätigkeiten >2 Minuten so vor sich hindenken kann.
Als ich mein Bettlaken mit der Polsterbürste gründlich von den Hundehaaren der letzten Nacht befreie, wandern meine Gedanken zurück zu meiner Morgenlektüre, dem Liebesmagazin. Das tun sie deshalb, weil ich immer wieder darüber staune, mit welchem Stoizismus ich diese tagtägliche Haarklauberei betreibe. Seit 6 Jahren enthaare ich morgens mein Bett, kann an der haarigen Ausbeute die Qualitiät des Nachtschlafs meiner Dackeldame und den nahenden Fellwechsel ebenso ablesen wie die Anzahl der nächtlichen Schmuseeinheiten und Traumphasen. Wenn alles gut geht, was ich inständig hoffe, werde ich noch weitere 10 Jahre Morgen für Morgen in völliger Gelassenheit, und ohne daran auch nur das Geringste grotesk oder absurd zu finden, dunkelsaufarbene (und später einmal auch graue) Hundehaare von meiner Matratze klauben.

Heute fällt mir bei diesem Tun plötzlich K. ein, die große Liebe aus Wien, damals, als es den Schilling noch gab und Telefonieren noch ein Vermögen kostete, was die Generation Flatrate sich heutzutage ja gar nicht mehr vorstellen kann, so dass ich vor lauter Liebe und Telefonieren nur noch Dosenfutter in meiner winzigen Studentenbudenküche aufwärmen konnte.
Als K. mir in einem schummrigen Wiener Beisl seine Aufwartung machte, war das dummerweise mein letzter Abend in Wien, es reichte gerade noch zum Austausch von Basisinformationen (Name, Alter, Familienstand, Studienfach, Herkunft, Lese- und Musikgeschmack), Adressdaten und ein paar unvergessenen Blicken.
Zwei Wochen später stand K. am Münchner Hauptbahnhof, der Papa hatte uns freundlicherweise den Schlüssel zu einem Wochenendhäusl überlassen, mit meinem kleinen roten Fiesta fuhren wir dorthin, 12 Betten zur Auswahl, aber wie erhofft landeten wir gemeinsam in nur einem davon.

Am Morgen nach der ersten Nacht, K. war gerade unter der Dusche und verwendete zu meinem Entsetzen ein Duschgel, das nach Kümmel roch, den ich ebenso hasse wie Marzipan oder Sellerie (war es der Wiener Schmäh, ein Härtetest oder einfach nur schlechter Geschmack? – ich weiß es bis heute nicht!), ich räkelte mich noch liebestrunken in den cremefarbenen Laken, stand dann aber auf, um uns ein Frühstück zuzubereiten und klappte nach dem Aufstehen, ordentlich wie ich bin, die Bettdecken zurück, damit der süße Dunst der Nacht ihnen entweichen könne.

Und was sah ich da? Unendlich viele dunkle Haare auf dem Laken! K. trug zwar beileibe keinen Ganzkörperpelz, aber die behaarten Partien reichten offenbar aus, um das Betttuch so aussehen zu lassen wie es eben aussah, so dass ich kurz in Erwägung zog, den Staubsauger zu holen. Gottseidank bewahrt einen das Frischverliebtsein aber vor solch schnöden, unromantischen Aktionen, zumal am frühen Morgen.
Mit einem Hauch Kümmelduft in der Nase verließ ich also das verhaarte Schlafzimmer, begab mich in die Küche, bereitete liebevoll das erste Frühstück für uns zu und beschloss, weiterhin ungestört in K. verliebt und über die läppische Störung durch ein paar Haare und Gerüche erhaben zu sein.

Drei oder vier Besuche später gefiel mir die Sache mit den Haaren aber schon spürbar weniger, und im nachfolgenden Semester, in dem wir beide unter Prüfungsstress standen, verstärkte sich diese Empfindung nur noch. Auch das Kümmelduschgel hatte sich nicht als Probepäckchen entpuppt, sondern war immer noch im Einsatz.
Letztlich ging diese Liebe aber nicht an Haaren oder Kümmel zugrunde, sondern an der Tatsache, dass ich irgendwann kein Geld mehr hatte, um in Wien anzurufen oder gar nach Wien zu reisen und K. mitten in der Famulatur auch keine Exkursionen mehr in meine Studienstadt unternehmen konnte, so dass das Ganze mit einem Paar Lammfellhandschuhe (und einem blasslilafarbenen Kärtchen anbei), die mir K. nach Würzburg schickte (und die ich heute noch habe, obwohl sie mir schon damals zu klein waren) kurz vor Weihnachten ein jähes, tränenreiches Ende fand.

Beim der morgendlichen Matratzenenthaarung stellte ich heute fest, dass das Dackelfräulein ja manchmal pro Nacht mehr Haare auf meinem Bettlaken verliert als K. sie jemals und auch bei noch so angeregten Schlafzimmeraktivitäten in einer ganzen Besuchswoche hinterlassen hätte.
Außerdem riecht so ein Dackelhund zwar nicht nach Kümmelduschgel, dafür steckt zugegebenermaßen gelegentlich doch ein Hauch Kuhfladenduft, Pferdeäpfelodeur oder Hasenpipimief in seinem borstigen, haareverlierenden Fell…

… und während ich all das so denke, beim stoischen, minutenlangen Polsterbürsten, die Morgenliebeslektüre noch in mir nachwirkend, frage ich mich, wieso man von einem doldenblütlergeduschten, dezent haarenden Wiener Medizinstudenten schon nach einem halben Jahr dermaßen genervt war, hingegen in sechs Jahren kein einziges Mal von dem kleinen, reizenden Rauhaardackelchen, das einem das Zehnfache an Aufwand beschert (nicht nur die Matratzensache betreffend), und zwar täglich, und ich merke, dass ich mal wieder kein bisschen verstehe, wie das mit der Liebe eigentlich war und ist und sein wird.