Mit_tendrin oder: Eine kleine Corona-Choreographie.

Mit_tag.

Ein schöner Sonntag, gestern.
Wärmend und berührend, dieser Tag, trotz der kühlen Temperaturen und des frostigen Windes draußen.

Zur Mittagszeit verlassen wir das Haus.
Der Gatte und das Dackelfräulein biegen nach rechts ab, ich nach links.

Mit_tendrin. Mit_denken.

Rechts geht’s zum Polizeirevier, das üblicherweise keines unserer Gassiziele ist, aber der Gatte spaziert dort kurz vorbei, um die Fragen zu stellen, die uns keine der FAQ-Seiten von Zeitungen oder Ministerien hier in Bayern beantworten konnten:
Wie stellen die sich das mit dem Gassigehen denn nun konkret vor?
Nur wohnungsnah, nur im nächsten Park, nur an der nahegelegenen Isar?
Oder kann man auch mit der U-Bahn ein paar Stationen fahren, um etwas weiter südlich durch die dort weitaus leereren Isarauen zu spazieren?
Oder ins Auto steigen und zum Wald am Stadtrand fahren, wo man mal ohne jegliche Begegnung eine Runde drehen kann?
Die Antwort: Ja, man kann.
Und das ist gut so. Wenn das Fräulein jetzt zwei Wochen lang oder bis Ostern oder Pfingsten täglich nur hier vor der Tür durchs Viertel wackeln dürfte, kriegen wir alle in Kürze einen Knall.
Hoffen wir, dass es dabei bleibt, man hat ja eh schon Knalle genug (ein Plural, der mir falsch vorkommt, wenn ich ihn so betrachte, es aber nicht ist).

Links geht’s zum Park, in dem ich üblicherweise meinen Sonntagslauf absolviere. Und dort erlebe ich gestern etwas so Neues und unerwartet Positives, das auch auf das Konto des Cornonavirus geht, eine seiner Buchungszeilen, vor der ausnahmsweise mal kein Minus steht, sondern ein Plus: Denn die Menschen, die sich im Park begegnen, sehen einander heute an, mit nahezu jedem gibt es einen Moment lang direkten Blickkontakt, mit manchen tauscht man ein Lächeln, die Jogger nicken sich stumm und freundlich zu, kein Spaziergänger glotzt in sein Smartphone oder sonstwie abgeriegelt von der Welt vor sich hin, selbst die nicht, die ganz allein dort spazierengehen und etwas in sich gekehrt wirken, auch sie haben das Fenster zu ihrer Umwelt noch einen Spalt weit offengelassen, so scheint es, gucken kurz hinaus und nehmen die anderen wahr.

Jeder passt auf, dass er nicht in den anderen hineinrennt, dreht sich auch mal um, bevor er die Wegseite wechselt, um Kollisionen zu vermeiden, gewährt einem Schnelleren den Vorrang oder wartet, bis ein Langsamerer sich in seinem Tempo weiterbewegt hat, keiner latscht mehr rüpelhaft oder rücksichtslos herum, so als hätte er den Park zur Privatnutzung gepachtet.

Alle schauen sie drauf, dass das mit dem Abstandhalten für sich und auch für die anderen funktioniert, die Kleinfamilien, die Hundebesitzer, die Kinderwagenschieber, die Hand-in-Hand-Flaneure, die Solo-Spazierer, die wenigen Radfahrer, und sogar der dicke, parkbekannte Obdachlose mit seinem unförmigen, alten Hund hat ausnahmsweise seinen Stammplatz an der Hauptwiese des Parks geräumt und sich auf eine Bank in einem Bereich der Grünanlage gesetzt, der wenig frequentiert ist.

Ich frage mich, ob den Eichhörnchen, die überall munter und emsig durch die Baumwipfel hüpfen, dieses neue Tänzchen da unten auf dem Boden wohl auffällt, ob sie diese Corona-Choreographie von oben bestaunen oder ob sie relativ unbeeindruckt von der Umgebung ihrem Hörnchentagwerk nachgehen, wie immer eben, und ganz so, wie wir es ja auch noch bis vor Kurzem taten.

Mit_einander. Mit_menschen.

Es ist ein achtsames, aufmerksames, angenehm ruhiges und fast einträchtiges Miteinander wie ich es noch nie sonntags im Park wahrgenommen habe. Und es fühlt sich an, als wären plötzlich nicht mehr irgendwelche Passanten, sondern konkrete Mitmenschen zeitgleich mit mir da draußen unterwegs.
Gerade durch die Distanz sieht man den Einzelnen ja viel deutlicher als wenn man sich an einem Pulk Menschen vorbeiquetschen oder durch eine kleine Lücke zwischen den Entgegenkommenden hindurchhuschen muss, zwischendurch lege ich sogar meine Kopfhörer ab, um diese Atmosphäre nicht nur sehen und spüren, sondern sie auch hören zu können.

Auf diese Weise und mit dieser neuartigen Choreographie, deren Motto „Mit Abstand zu Anstand“ zu lauten scheint, könnten wir meinetwegen gern häufiger sonntags durch die Münchner Parkanlagen streifen!

Jetzt wäre es natürlich reichlich naiv und unsinnig, anzunehmen, dass durch die COVID-19-Pandemie oder wegen der bayrischen Ausgangsbeschränkungen auf einmal die große Brotherhood-Welle über die Münchner geschwappt wäre und wir alle ab sofort gemeinsam in einem Ozean voller Sozialromantik herumplantschen würden.

Aber vielleicht sind es jene Augenblicke wie die gestern im Park erlebten, die uns jetzt auf positive Weise rausreißen aus unserem vormals so gewohnten, oft wenig hinterfragten Trott (durch den Park, durch den Alltag, durchs Leben) und die uns dazu animieren, mal wieder ganz neu und anders hinzuschauen, was und wer uns so alles umgibt und begegnet, während wir durch unseren kleinen, begrenzten Ausschnitt der Welt spazieren.
Mit Sicherheit ist da jedenfalls mehr Verbindendes und Gemeinsames als nur die vielen negativen Nachrichten, die nun täglich lawinenartig auf uns niederrollen und die zwar jeder für sich, aber eben auch wir alle miteinander, zu (er-)tragen haben.

Mit_teilen. Mit_helfen.

Was ich eh schon immer tat, tue ich auch jetzt, nur noch deutlich mehr als sonst: Nachfragen.

Wie geht’s dir, kommst du klar, brauchst du was, was beschäftigt dich, sollen wir mal telefonieren?

Bei Freunden, Bekannten, Nachbarn. Bei Menschen, die auch einen Hund haben. Und bei denen, die nicht mal einen Hund haben. Und nicht zuletzt auch bei denen, die in irgendeiner Hinsicht zu einer Risikogruppe gehören, so wie leider auch der Papa.

Ein paar Überwindungen sind auch dabei. Ich muss mir zum Beispiel einen Ruck geben und den Sohn der Lebensgefährtin vom Papa kontaktieren, ihn fragen, ob wir uns nicht abwechseln sollen mit Besorgungen für die beiden. Ich muss es aushalten, dass da nur ein lasches und laues Echo kommt, so wie unsere Begegnungen halt schon immer etwas Lasches und Laues hatten, weil uns nun mal nichts verbindet außer der Tatsache, dass seine Mutter und mein Vater zusammenleben. Eine Tatsache, die uns in den letzten zwanzig Jahren zu nichts verpflichtete, ein paar lasche Umarmungen und lauer Smalltalk bei runden Geburtstagen (vor Ewigkeiten auch noch zu Weihnachten und Ostern), mehr war da nicht, mehr brauchte es auch nicht.
An dem Wintertag vor zwei Jahren, an dem mein großer Freund S. den Papa endlich durch das Thema „Patientenverfügung & Co.“ gelotst hatte, habe ich mir die Nummer von M., dem älteren der beiden Söhne der Lebensgefährtin vom Papa geben lassen.
Es war mein damaliger, vorläufiger Schlusspunkt, den ich hinter diese unendliche Geschichte zur Vorsorge für den Notfall gesetzt hatte. Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese Nummer bald brauchen würde.

Der Papa findet das mit der Versorgung durch M. und mich total überflüssig, die Lebensgefährtin sowieso, die beiden weisen jede Bedürftigkeit weit von sich und unterstellen uns, wir sähen sie jetzt schon mit einem Fuß im Grab stehen.
„Nein, tun wir nicht“, sage ich, „wir wollen nur auf euch Acht geben“. Er kann es nicht annehmen, so wie er auch das Rentnersein oder das Parkinsonpatientsein lange nicht annehmen konnte.
So ist er nun mal, jeder Verlust von Status oder Autonomie wird ein Kampf bleiben, und vielleicht ist’s ja auch besser so als wenn er sich sofort und ohne jedes Auflehnen fügen würde.

Mit_fühlen. Mit_nehmen.

Wie in jeder Krise, so zeigt sich auch in dieser, wer diejenigen sind, die Kontakt, Nähe und Austausch suchen. Die über Gräben springen, vielleicht sogar über ihren Schatten. Die einfach mal anrufen, egal, wie lange man einander nicht gehört hat. Oder eine Mail schreiben oder eine Postkarte schicken (nur Seife schickt noch niemand, aber vielleicht hat der Gatte ja nachher, bei seinem täglichen Jagdausflug, endlich mal Glück). Und umgekehrt: an wen man sich selbst so wendet.

Am Nachmittag klingelt es. Das kommt bei uns nicht allzu oft vor, wir haben auch ohne Corona eher wenig Publikumsverkehr, schon gar nicht sonntags.
Der Gatte fragt über die Türsprechanlage, wer da sei. Von unten vor der Haustür meldet sich mein noch recht neuer Freund, der hübsch Bewimperte, und flötet hinauf, dass er der Frau Kraulquappe gern etwas vor die Tür legen wolle, ganz kontaktlos und diskret, versteht sich.
Er war beim einsamen Spaziergang mit seiner Hündin an einem To-go-Blumenladen vorbeigekommen, einem dieser Selbstpflückfelder, und hatte dort – „Mit Handschuhen!“, wie er versichert – ein paar Narzissen für mich mitgenommen.

Ich verdrücke mir ein Tränchen, als ich die sonnengelben Blumen von der Fußmatte nehme und auf die Fensterbank stelle, und im nächsten Moment lache ich mit dem Gatten mit, der amüsiert das Sträußlein kommentiert: dass das ja auch mal eine Premiere sei, dass mir ein anderer Mann in seinem Beisein Blumen vorbeibrächte.
Stimmt, das hatten wir noch nicht. Wobei ich mich sowieso nicht dran erinnern kann, dass mir jemals ein anderer Mann während der Abwesenheit des Gatten Blumen gebracht hätte. Überhaupt bringt man(n) mir eher mal einen Strauß aus Paragraphen oder Kabelbindern mit, wenn ich so drüber nachdenke (und das gäbe mir jetzt glatt zu denken, wenn ich noch weiter drüber nachdächte).
Nur N., der vor vier Jahren seinen letzten Atemzug in den Schnee hauchte und sich dann für immer vom Acker gemacht hat, der meinte mal, wenn er mir je eine Blume schenken würde, wozu es nie kam, dann wäre es eine Narzisse. Aber das ist eine andere Geschichte und eine über die Jahre mehr und mehr verwelkende und verblassende Erinnerung.
Weil ja alles im Laufe der Zeit und des Lebens von etwas Anderem, von etwas Neuem abgelöst wird.

Auch auf der Schneise der Verwüstung, die dieses Virus hinterlassen wird, gedeiht irgendwann wieder etwas Anderes, etwas Neues.
Ob es sonnengelbe Narzissen sein werden oder schnödes Unkraut, das vermag momentan keiner zu sagen, wir wissen es nicht, niemand hat das derzeit in der Hand.

Aber wer wir in dieser Zeit füreinander gewesen sind, das haben wir in der Hand.
Und es ist das, was uns bleiben wird.

Mit_singen. Mit_machen.

Am frühen Abend kündigt Brenley MacEachern von Madison Violet auf Facebook ein kleines Wohnzimmerkonzert an.
Purer Zufall, dass ich das mitbekomme, denn eigentlich will ich nur kurz einer schwedischen Blogkollegin einen Gruß via FB-Messenger schicken und stolpere bei der Gelegenheit in meiner Timeline über diese Meldung aus Ontario. Man darf Brenley vorab requests schicken – ist ja super!

Es wird dann eher ein Treppenkonzert: Um 16 Uhr (Toronto Time) sitzt sie mit ihren zwei Gitarren und einem Cowboyhut daheim in Kanada auf einer Stiege – und singt und singt und singt.
Zwischen 100 und 140 Menschen sind live mit dabei. Und singen vielleicht mit.

https://www.facebook.com/plugins/video.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fbrenley.maceachern%2Fvideos%2F10163649151515497%2F&show_text=0&width=560

Es ist mein erstes Wohnzimmerkonzert in diesem Stil: unfrisiert und in Jogginghose auf der Couch lümmelnd, das Dackelfräulein zwischen meinen Beinen eingekringelt, die Wolldecke drüber, die Schneider Weiße neben mir, das Laptop auf dem Schoß, der Gatte nebenan (zur feierabendlichen Rekreation historische Fußballspiele guckend, glaub ich, weil ich „Robben! Robben!“-Rufe höre, nicht vom Gatten freilich, sondern aus dem Lautsprecher des PCs), irgendwann kommt er rüber, setzt sich zu mir und lauscht ebenfalls der netten Kanadierin.

Es würde mir übrigens keinerlei Umstände bereiten, per Mausklick für diesen Musikgenuss und solche Privatkonzerte eine Spende nach Ontario zu schicken.
Dasselbe gälte natürlich für New Jersey und die Steiermark, falls sich auch dort mal jemand daheim musizierenderweise auf sein Showtreppchen setzen möchte.

Hey, ihr wunderbaren Musiker da draußen, lasst eure Auftritte nicht ausfallen!
Spielt und singt weiter und schweigt jetzt nicht!
Ich bin dabei.

Raumnot oder: Von Überlebensmechanismen.

In ihren sonnigen und heiteren Momenten erwärmte sie alles um sich herum mit ihrer Strahlkraft und ihrem Charme. Menschen lagen ihr ebenso zu Füßen wie Tiere und als ihre Tochter sah ich diesem Spektakel einerseits staunend zu, andererseits betrachtete ich diese Augenblicke stets mit innerem Bangen, weil ich wusste, sie würden nur von kurzer Dauer sein und immer dann abrupt enden, wenn man am wenigsten damit rechnete.

Dennoch ließ ich mir in ihren guten Stunden zu gern die Sonne ihrer überschwänglichen Liebe ins Gesicht scheinen, nahm jeden Sonnenbrand in Kauf und zog mir anschließend die Haut in Fetzen ab, wenn sie den Schalter wieder umlegte und alles Helle, Freundliche, Lichte erlosch. Im Dunkeln hatte ich Zeit, mich ungestört zu häuten und darauf zu warten, bis unter dem Schorf wieder neue, weiche, unversehrte Haut zum Vorschein kam. Während sie in einer ihrer Eiszeiten versank und keinen Funken Liebe mehr für irgendwen hatte, begann ich schockgefrostet eine weitere Einheit meines Überlebenstrainings. Manchmal kam sie kurz raus aus ihrer Kühlkammer, trampelte durch meine Zelle, störte mich in meinem Tun, drehte ein paar Pirouetten, damit ich ihr Elend auch ja von allen Seiten betrachten musste und wenn ich mich anschickte wegzusehen, prophezeite sie mir, ich würde genauso kalt und herzlos werden wie mein Vater (wenn ich es nicht eh schon wäre, an ihr läge das nicht, denn ich dürfe ihr glauben, sie hätte ihr Bestes gegeben, um aus mir einen anständigen Menschen zu machen).

*****

Im Grunde ging es ihr überwiegend schlecht.
Eine Krankheit jagte die nächste und das war nicht etwa Zufall, nein, dafür gab es Schuldige. Den Mann, die Tochter, das Verheiratetsein, das Muttersein, die Gegenwart, die Vergangenheit, die Kindheit, das Elternhaus, die Arbeitswelt, die Vorgesetzten – den ganzen biographischen Ballast und Morast eben, der sich über die Jahrzehnte angesammelt und festgebacken und sie zum Opfer geformt hatte. Fast alles war schwer und düster, der Zeitpunkt für passende Weichenstellungen lag immer in der Vergangenheit und war genauso dramatisch verpasst worden wie der Zug, der Richtung Zukunft fuhr. Eine große Verhinderte war sie, eine Königin des Konjunktivs: was hätte nicht alles aus ihr werden können, wenn alle anderen und überhaupt das ganze Leben nur anders gewesen wäre!

Das Leben der Mutter war ein fortwährender Ausnahmezustand. Und ebendieser Zustand war das Einzige, worauf wirklich Verlass war: jederzeit konnte alles kippen, schneller als ein Wetterumschwung in den Bergen, mit oder ohne erkennbaren Grund, bloß momenthaft oder für die Dauer vieler Tage oder Wochen.
So wurde das Stimmungsbarometer der Mutter zum Maß aller Dinge. Zum Takt, nach dem gelebt wurde (sofern Leben überhaupt erlaubt war). Zur Tonart, in der erst das Familien- und später unser Zusammenleben zu zweit komponiert wurde (mehr Moll als Dur, und als ich schließlich flüchtete: längst ein Requiem).

*****

Manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich die Mutter zwar zeitlich überlebt, aber als steckten außer ihren Genen noch immer Rußpartikel ihres atmosphärischen Terrorismus‘ in mir, den ich noch immer nicht überlebt habe. Nach fast 30 Jahren klebt da noch immer etwas in den Verästelungen meiner Lungen, das ich abhuste, sobald ein auslösender Reiz daherkommt. Wenn mir jemand meinen Raum nimmt. Wenn mir mal wieder einer dieser Menschen begegnet, der mit seiner Fragilität den gesamten Raum für sich beansprucht und mit seiner Labilität alles plattwalzt. Wenn ich spüre, dass ich nach Luft ringe oder kurz vor dem Ersticken bin, weil ich mich zu nah an einem solchen Oxygeniumverschlinger aufhalte, der mir zu verstehen gibt, dass sein Überlebenskampf nun mal der härtere ist und er daher leider den gesamten Sauerstoff für sich braucht. Wenn ich anfange, zu beschwichtigen oder zu reparieren oder auszubalancieren, damit der andere nur ja die Kurve kriegt.

Dann ist es plötzlich wieder so, als säße sie noch immer nebenan und als müsse ich noch immer auf Zehenspitzen durch den Flur schleichen, heimlich durch den Türspalt in ihr Zimmer spähen, um das Ausmaß ihres aktuellen Befindlichkeitsdramas ermessen zu können. Immer auf der Hut, immer gewappnet. Immer abcheckend, wie es um ihren aktuellen oder nahenden oder gerade abklingenden Ausnahmezustand bestellt war.
Um sofort reagieren zu können. Um entweder umgehend das Prophylaxe-Programm anzuschmeißen, um das Schlimmste vielleicht noch abzuwenden oder aber augenblicklich den Beschwichtigungsmodus zu wählen, wenn das Schlimmste bereits da war. Oder – wenn es schon zu spät war – um mich wegzuducken, bevor ihr seelischer Murenabgang alles restlos unter sich begraben würde.

*****

Ja, es gibt Momente, in denen sie da ist, obwohl sie tot ist.
Momente, in denen ich mich wieder wie das Kind fühle, das sich nichts sehnlicher wünscht als einen eigenen Raum. Sogar mehr als das: eine große Ruhezone mit „Betreten verboten“-Schild an der Tür und einem Schlüssel, der nur mir gehört.
Um das Drama eines anderen auszusperren und Platz zu haben für mein eigenes.
Aber auch, um mir meinen Frohsinn nicht zertrampeln zu lassen.

Denn zu meinem eigenen Erstaunen bin ich trotzdem ein fröhlicher Mensch geworden.