Saisonendesonnenbrand.

Ein letztes Mal noch knietief durch den Schnee stapfen und dabei Bergluft inhalieren, bevor die Ferien beginnen und die sogenannte „Osterruhe“ naht.

Nur wir zwei, das Fräulein und ich, in einer dackelbreiten Spur, vier Stunden auf sechs Beinen, unterwegs alles geboten von pulvrig über vereist bis sulzig, anstrengende 650 Höhenmeter, zumindest für mich, zwischendrin der Gedanke, dass die Grödel wohl so heißen, weil’s manchmal schon nah am Gerödel ist, aber spätestens die Aussicht dort oben streckt einen dann vollends nieder.

Was für eine Stille und Erhabenheit, befreit von Skizirkus und Seilbahntouristen atmet ja nicht nur die Natur auf, zum Heulen schön, diese Landschaft, an der man sich ein ganzes Leben lang nicht sattsehen wird, eine volle Stunde sitze ich nur da, Alpspitze, Zugspitze, Waxenstein vor meiner Nase – und die Sonne darauf.

(Das war’s dann für diese Saison mit den unzähligen Winterbildern, versprochen.)

Atmosphären des Sports.

Milan über dem Tölzer Land.

Die Regelung der vielfältigen väterlichen Angelegenheiten kostet Einiges an Energie, die – wann immer möglich – andernorts nachgetankt werden muss, um nicht zu sehr aus der Balance zu geraten. Schließlich hat man da jetzt noch eine gehörige Strecke vor sich (und steht ja erst ganz am Anfang).
Und auch der vorerst letzte Vorfrühlingstag (>15 Grad) mahnt dazu, ihm ein paar sonnengetränkte Freiluftstündchen abzutrotzen: schauen wir also die Welt nochmal von oben an und verbinden das mit einer weiteren Gelegenheit zu einem Frühjahrsbad fürs Fräulein.

Eine dreieinhalbstündige Rundtour (falsches Schuhwerk, falsche Jacke, überflüssigerweise die Grödeln im Rucksack, aber wenigstens die Kamera dabei) entpuppt sich als wunderbar herausfordernd für Konzentration und Kondition, so dass an Anderes gar nicht mehr gedacht werden kann.

Wobei mir diesmal nicht nur der Weg Konzentration abverlangt, sondern dass ich parallel zum Aufstieg dem Gatten beim Arbeiten zuhöre. Der sitzt 500 km entfernt allein in seinem Büro und hält seinen ersten Online-Vortrag auf einer Tagung und weil das Thema so schön passt und ich den Zoom-Link dabeihabe, probiere ich dieses Wunder der Technik doch glatt mal aus, trete nach dem Schultern meines Rucksacks dem Meeting bei, überprüfe mehrfach leicht panisch, ob ich auch ja Mikro und Kamera deaktiviert habe (nichts peinlicher, als wenn plötzlich ein energisches „Pfui, Pippa, was frisst du denn da schon wieder?“ durch seinen Vortrag schallen würde oder die ordentlich gekleideten Tagungsteilnehmer mich schwitzend und schnaufend auf dem Wanderweg sähen), klemme mir das Smartphone zwischen Pulli und Hüftgurt, zurre es gut fest und marschiere los.

Der Gatte referiert 30 Minuten lang zu „Atmosphären des Sports“ , lässt sich darüber aus, worin der Unterschied zu Situationen besteht, inwiefern soziales Handeln und soziale Ordnung vom Phänomen der Atmosphäre geprägt werden und wie der Sport davon durchdrungen ist.
Umgeben vom Bergwald und seinen Düften, die gleichermaßen auf das Dackelfräulein und mich einwirken, umfangen von der milden Luft und dem funkelnden Licht, das durch die Tannen fällt und leuchtende Muster auf unseren Pfad malt, all das eingebettet in eine auf jeder Tour sich neu und anders findende Stimmung sowie in ein Gefühl von Rhythmus und Gleichklang, in dem wir uns fortbewegen (stets gemeinsam und aufeinander bezogen und doch auch jeder für sich), so vor mich hingehend und dem Vortrag lauschend denke ich: coole Sache, denn solch eine perfekte Verschränkung von Theorie und Praxis lässt sich wirklich selten erleben (und: wie glücklich ich mich doch schätzen kann, den praktischen Part dieser Verschränkung zu verkörpern!).

Weil es eine extrem wenig frequentierte Bergtour ist, störe ich damit allenfalls die Ruhe des Waldkauzes oder der Wühlmaus, was man für eine halbe Stunde schon mal riskieren kann, finde ich.
Das Kopfschütteln kommt dann aber weder von Waldkauz noch Wühlmaus, sondern von zwei kernigen Kletterern, die uns entgegenlaufen und ein paar Sätze des Gatten über irgendein denkwürdiges Spiel zwischen dem FC Liverpool und dem FC Bayern aufschnappen, das irgendeine These – ich hab‘ leider schon wieder vergessen, welche – illustrieren soll und mich einigermaßen erstaunt angucken.
Aus einem Gefühlsmix zwischen Ertapptwordensein und Scham rechtfertige und erläutere ich ungefragt das von mir verursachte Schreddern der heiligen Bergstille, woraufhin die beiden verschmitzt grinsen und ihrerseits bekennen, auch sie befänden sich gerade mehr oder weniger im Homeoffice und hätten erst eine Viertelstunde zuvor auf einer Lichtung rastend schnell noch ein paar Emails beantwortet, so sei das eben nun in Zeiten wie diesen und man müsse halt derzeit solche Unternehmungen unbedingt wochentags machen, weil die Leute, diese suspekte Spezies, zu der man sich selbst ja grundsätzlich nicht zugehörig fühlt, an den Wochenenden mittlerweile jeden noch so abseitigen Weg bevölkern würden.
Die Zukunft liegt wohl defintiv im flächendeckenden, stabilen und schnellen Internet, wetterfesten Laptops und federleichten mobilen Endgeräten, hintergrundgeräuscheliminierenden Mikrofonen und Kameraprogrammen, die selbständig Schweißtropfen und Stirnband rausfiltern können.

Das Fräulein ist gut in Form, saust wie in alten Zeiten stets ein Stück voraus, dreht sich gleichwohl alle paar Meter brav nach mir um, die ganze Tour ein weitgehend stummer, eingespielter Dialog, ein einziger Blick oder Pfiff genügt (sofern es nicht um Fremdkot geht oder um einen Artgenossen, der einem nicht passt), die eine achtet auf die andere, an den heiklen Passagen wird aufeinander gewartet, ein beinahe meditativer Gleichschritt trägt uns so hinauf zum Gipfelplateau, und dort oben auf der sonnenwarmen Erde beieinander sitzend, immer mit Körperkontakt, versteht sich, bin ich plötzlich atmosphärisch nah an den Freudentränen.
Dieses kleine Wesen neben mir haben zu dürfen, meine Güte – was für ein großes Glück.

Himmel der Bayern (92): Eine etwa vierstündige Rast erhält die Kräfte ungemein.

Vorgestern, am Tegernsee. Zwischen Einkäufen, Küchenarbeiten, Abendessen und einem thematischen Potpourri, das von Treppenlifteinbau über Pflegestufenbeantragung bis hin zu Seniorenresidenzwartelisten reichte (die Stimmung des Papas dabei erstaunlich gelassen, ja vielleicht beinahe froh, dass ich das alles ganz direkt anspreche, nicht drumherum rede und mir Notizen mache, was wann und vor allem von wem zu tun sei), wackelt der Papa zum Sekretär, um aus der obersten Schublade ein zerfleddertes kleines Büchlein hervorzuholen. Trägt es zum Esstisch, legt es mir mit seiner leicht zitternden rechten Hand hin und sagt: „Guck mal, ich miste ja immer noch aus, und bei dem hier dachte ich an dich und ob du das vielleicht haben magst.
Seine Stimme spricht keine Fragezeichen mehr, auch keine Ausrufezeichen, sie hebt und senkt sich nur noch selten, ihre Amplitude ist ebenso in sich zusammengeschrumpft wie der gesamte stattliche und starke Mensch, der er früher mal war. Ich blicke auf den abgewetzten, kastanienbraunen Ledereinband, drauf steht in Goldlettern: „Meyers Reisebücher. DEUTSCHE ALPEN. Erster Teil.“
Die Ursprünge und Grundlagen meiner Bergliebe habe ich ja dem Papa zu verdanken, so wie die Dackel- und Heimatliebe wohl auch, also ergreift mich sogleich große Rührung als ich die mufflige Kladde aus dem Jahre 1886 aufklappe und das Vorwort zu lesen beginne: „Leicht Gepäck ist eine der Vorbedingungen für eine angenehme Reise, besonders im Gebirge.“ – so lautet der erste Satz. Wie wahr!, denke ich, und: Wie sehr das doch auch jenseits des Gebirges zutrifft.

Später am Abend, wir alle sind etwas erschöpft vom mentalen und verbalen Herumwuchten schweren Gepäcks, konkret: vom Um- und Einkreisen der vorletzten Dinge und dem schließlich vorsichtig geäußerten Beschluss, dass eine Übersiedelung vom Haus in eine Seniorenresidenz (der Begriff Altenheim kommt keinem über die Lippen, Pflegeeinrichtung schon gar nicht) sinnvollerweise in nicht mehr allzu ferner Zukunft anstünde („so lange wir das noch selbst entscheiden können“ sagt die Lebensgefährtin, der Papa hingegen fasst es unter „so lange ich meinen letzten Koffer noch alleine packen kann“ zusammen), sitzen still und müde in den Sesseln, jeder mit seinem lauen Getränkerest und seinen ungeäußerten Gedanken beschäftigt, schlage ich das Alpen-Büchlein erneut auf.
In dem einleitenden Kapitel „Einige Wander-Regeln“ findet sich unter anderem die wunderbare Weisung: „Das Gehen in der Mittagswärme ist unangenehm, eine etwa vierstündige Rast (11-3 Uhr) erhält die Kräfte ungemein.“ .

Am darauffolgenden Tage probieren wir das gleich mal aus – und rasten während der Mittagswärme. Gelingt uns auf Anhieb. Sehr gut sogar.
Ich lasse mich auf einer Bank am See nieder, deren Standort ich in Zeiten wie diesen lieber nicht verraten möchte, das Fräulein schnorchelt im Flachwasser herum und ruht nach dem Bade im sonnigen Strandkies (kaum zu glauben: grad mal zwei Monate nach Weihnachten und der Hund nimmt schon ein erstes Frühlingsbad!).
Dank des Krapfens genügt auch eine anderhalbstündige Rast, um die Kräfte zu erhalten bzw. wiederherzustellen (außerdem hat man ja auch noch was anderes zu tun), den Durstlöschhinweis aus Meyers Reisebuch beherzige ich wohlweislich nicht („Wer empfindlich beim Kaltwassertrinken ist, vermische das Wasser im Lederbecher mit etwas Kognak aus der Feldflasche.“ ), denn so in der prallen Sonne sitzend würde das die eben erst erhaltene Kraft womöglich wieder gefährden, außerdem besitze ich keine Feldflasche, sondern nur so ein neumodisches Aludings (wenngleich solides Schweizer Fabrikat).

Der frisch vererbte Schmöker geleitet mich quer durchs bayrische Hochland, ausführlicher widme ich mich dem Isarthale, der Region Tegernsee-Schliersee sowie der Gegend, in der ich gerade raste.
Ich erfahre, dass das Schloss, an dem ich just vorbeispazierte, damals keine ferienfreizeitwütigen Protestantenfamilien beherbergte, sondern dem Grafen Ferdinand von Rambaldi gehörte, der dort residierte, wann immer es seine Amtsgeschäfte als königlicher Regierungsrat in München zuließen. Absurderweise besaß der Herr Graf nur einen Steinwurf vom seinem Schloss entfernt noch ein Sommerhaus (auch jenes nicht gerade winzig und ebenfalls mit herrlichem Seeblick), um sich, wie es heißt, „dem turbulenten Treiben der Schloßanlage entziehen zu können“ .
Wie beneidenswert, wenn man binnen weniger Minuten von einer Ruheoase zur nächsten schlendern kann!
Man selbst ist ja heutzutage schon heilfroh, wenn man an dem fast gänzlich von Privatbesitztümern zugepflasterten Ufer irgendwo ein Loch in einem Zaun entdeckt, hindurchzuschlüpfen wagt, um dann klammheimlich kostbare 90 Minuten vor einem verspinnwebten Bootshaus zu verbringen. Freilich geht das eh nur, weil Februar ist und es außer ein paar Hunden noch niemanden ins Wasser drängt.

Vor mir der See, hinter mir das Bootshaus, mit einer beachtlichen Bevorratung an Poolnudeln und anderem Schwimmzubehör, linkerhand eine blau leuchtende Badeinsel, zu meiner Rechten der einladende Holzsteg, mit kleiner Stiege hinab ins schmerzlich vermisste Element.
Ich lege das Buch beiseite und google zum ichweißnichtwievielten Male nach Neoprenanzügen. Wie immer überfordert mich das nach wenigen Minuten und beschert mir dasselbe Gefühl, das mich früher stets in Kaufhäusern (Sie erinnern sich? – diese mehrstöckigen Konsumtempel, die Sie einst aufsuchten, wenn Sie das Haus verließen, um mal etwas anderes als nur Lebensmittel oder Klopapier zu besorgen…) befiel: ein Zuviel an Angebot sowie ein Zuwenig an Kenntnis oder Wollen radierte schon nach kurzer Verweildauer jede Kauflust in mir schlagartig aus – ich will dann gar nichts mehr (außer raus aus dem Laden und sofort meine Ruhe).

So knöpfe ich mir abermals Meyers Reisebuch vor, streife durch die Kapitel über Garmisch und Mittenwald (staune, dass das Karwendel früher Karwändel hieß und dass der Oberbayer als ein Menschenschlag geschildert wird, der sich „durch Biedersinn und Ehrlichkeit“ sowie „durch kernhaftes Wesen, Kraft, Humor und Phantasie“ ausgezeichnet haben soll) und bleibe schließlich bei „Ratschläge für bergsteigende Damen“ hängen, die ich Ihnen hier keinesfalls vorenthalten möchte:

Das Haupterfordernis für bergsteigenden Damen ist zunächst ein fester Bergschuh (…). Beim Maßnehmen dieser Schuhe ist darauf zu achten, daß beide mit starken Strümpfen bekleidete Füße fest auf der Erde stehen und nicht, wie meistens der Fall, frei in der Luft hängen. Man trete die Schuhe zu Hause ein und lasse sie erst im Gebirge nageln.
Besonderes Gewicht ist darauf zu legen, daß der Körper als erste Bekleidung nur Wolle erhält. Von dunklem, nicht zu schwerem Wollstoff angefertigte weite Beinkleider und darüber ohne Jupons das Kleid von dunklem Wollstoff, welches derart einzurichten ist (durch Aufknöpfen), daß es (bei Touren) entsprechend kurz oder lang gemacht werden kann. Der Stoff zum Kleid muss ein dauerhafter englischer Wollstoff sein.

(…) Ein warmes Plaid ist unerläßlich bei der Rast auf dem Gipfel, auch ein kleines Tuch für den Hals ist sehr erwünscht, wildlederne Handschuhe sind vortrefflich. Als Kopfbedeckung für in unbewaldetes Gebirge führende Touren diene ein starker Strohhut, der innen warm gefüttert ist, und dessen nach unten gehende Ränder das Gesicht schützen. Ein blauer Schleier ist unerlässlich.

Und 135 Jahre später ist das Einzige, was davon noch geblieben ist, der robuste Stiefel und bei der Oberbekleidung (heute Funktionswäsche oder Baselayer genannt) ein Merinoanteil von bestenfalls 70%.
Tja. The Times They Are A-Changin‘ .

Es ist das vollkommen Zweckfreie und ganz und gar Gegenwartsferne dieser Lektüre, das mir in der Seele so gut tut bei dieser Mittagsrast am Tag nach dem Ausflug in die geriatrischen Gefilde.

Mit Spaziergang, An- und Abfahrt habe ich es dann übrigens doch noch auf die empfohlenen vier Stunden gebracht, wenn man „Rast“ mal in einem weiteren Sinne fassen möchte: nämlich als „Absenz von Alltag“ .

Himmel der Bayern (91): Dass ich das noch erleben darf!

Auf Besuch beim Papa, in dem Landkreis, der zwar keine Tagestouristen mehr reinlässt, aber eine Tochter, die sich vor Ort um ihren Risikogruppenvater kümmert, darf zu „Handlungen zur Versorgung von Tieren“ dort natürlich schon noch vor die Tür.

Und wie Sie sehen können, wurde das Tier ganz zu seiner Zufriedenheit versorgt:

Seit 20 Jahren habe ich die Neureuth noch nie an einem sonnigen Tag so unberührt und friedlich und leer gesehen wie heute. Normalerweise ist der gesamte Hang zertrampelt, zerrodelt und der Zustiegsweg zehnmal so breit. Heute ist er ein teckelgerechter Trampelpfad durch glitzernde, stille Schneefelder.

Ich betrachte das als unverhofftes Geschenk inmitten dieser langwierigen und anstrengenden Seuchenzeit, trinke allein auf dem Gipfelplateau in der milden Nachmittagsluft meinen Tee, beiße in den Hagebuttenkrapfen, die Blauberge grüßen aus der Ferne herüber und ich gucke dem vergnügten Dackelfräulein zu meinen Füßen bei ihren Rutsch- und Rodelversuchen zu.

Augenblicke, in denen alles wunderbar, ruhig und gut ist.
Zu denen man sagen möchte, sie mögen doch verweilen (eigentlich eines meiner Hasswörter), weil sie so schön sind (freilich nur ohne das im Originalzitat noch Folgende).

Im Tale taut es leider schon wieder kräftig, und auch sonst erwarten einen dort unten eher deprimierende Dinge.

Wenigstens konnte der zwirbelbärtige Marokkaner, den ich kurz vor Abreise in München noch schnell in seinem messiemäßigen Hinterhofbüro aufgesucht hatte, mein gestern mit einer hässlichen Fehlermeldung auf pechschwarzem Bildschirm abgeschmiertes Laptop binnen 25 Minuten wieder zum Leben erwecken, sonst könnte ich jetzt weder Bloggen noch die deprimierenden Dinge aus mir heraus- und in eine Datei hineinschreiben.

Song des Tages (64).

We rolled across the high plains
Deep into the mountains
Felt so good to me
Finally feelin‘ free…

Es gibt sie noch, diese wunderbaren Wintertage, an denen die Autobahn ebenso leer ist wie Parkplätze und Wanderwege.

An denen die Sonne vom bayerischen Himmel herunterlacht und man glatt mitlachen würde, wenn es einem nicht schon zu Tale bei minus 7 Grad den Kiefer eingefroren hätte.

Und Sie möchten nicht wissen, wie kalt es dann knapp 600 Meter höher war, oder in der schattigen Bergwaldpassage, die beim Abstieg zu durchqueren war.

Die Heldin des Tages ist das Dackelfräulein, und das keineswegs nur, weil sie die mehr als dreistündige Gehzeit, in der aus Temperaturgründen leider bloß eine ganz kurze Rast – einen Schluck trinken & weiter – drin war, hervorragend gemeistert hat, sondern auch, weil sie ungeachtet der Eiseskälte sofort zur Stelle war, um sich fürsorglichst meiner beim Anlegen der Grödeln nun zum x-ten Mal aufreißenden Wunde am Zeigefingerknöchel (einer Handwerksblessur, die ich mir dieser Tage beim semiprofessionellen Verfugen der Badewanne des hübsch Bewimperten zuzog) anzunehmen.
Wenigstens konnte ich mich später, auf dem dick verschneiten Steig, dafür revanchieren und der kleinen Madame die Eisklumpen zwischen den Zehen wegschmelzen, damit sie ungestört weitersausen konnte. Dummerweise blutete der Finger nach der Schmelzarbeit wieder – und so kümmert sich wechselweise die eine um die andere, so ist der Pakt und daran halten wir uns für immer und ewig.

Alles in allem ein Traumtag.
Den Muskelkater vom Yoga gehend wieder losgeworden (nach dem Silikonieren der Wannenfuge erteilte mir der Freund eine nächtliche Privatstunde zur Lockerung des verspannten Gestells).
Die Gedanken mal wieder weiter schweifen lassen als bis zur nächsten Hauswand (wir verbringen die Lockdown-Wochenenden ja strikt in der Stadt und überlassen die Schneehänge im Alpenvorland den Unbelehrbaren).
Das Fräulein so munter und tapfer – und überhaupt: wir beide momentan relativ erlöst von ein paar gravierenden Ängsten (demnächst mehr dazu).
Die zehn Kilometer überreich gepflastert mit grandiosen Ausblicken (ein derart beglückendes Gefühl, so ganz allein mitten im Paradies zu stehen, das sogar die klirrende Kälte erträglich ist), nur eine Handvoll Menschen getroffen, und einen weißen Riesen.

Möglicherweise eine erste Spur gefunden, in diesem neuen Jahr?

Nur über meine Leiche zieh‘ ich jemals aus dieser Gegend weg.

So that was Christmas (II).

Am Morgen nach dem Fest.
White Christmas in the Valley of Kreuth (near Sevenhuts).
Man beachte den dezenten Partnerlook.
Wildbad Kreuth: Jahrzehntelang die Tagungsklause der CSU, demnächst ein „Mental Retreat“.
(Merke: Willst Du über 200€ fürs Zimmer verlangen, muss Dein Hotel einen englischen Namen bekommen
oder einen Artikel davor oder einen Punkt dahinter.)

Nach dem Winterspaziergang geht’s zurück in die Stadt.
Auto ausladen, alles in Nullkommanix aufräumen. Feldsalat waschen. Erwähnte ich hier, glaube ich, noch gar nicht, dass ich seit Wochen süchtig bin nach Feldsalat. 3x die Woche eine Riesenportion davon, mindestens! Ich begrüße und bestaune diesen Trend, denn Zeit meines Lebens war ich ausschließlich süchtig nach Nahrungsmitteln, die zu fettig, zu salzig, zu süß oder aus anderen Gründen ungesund sind.
Wahrscheinlich bin ich jetzt erwachsen oder vernünftig oder sonstwie auf dem absteigenden Ast.
Der Gatte macht lecker Nudeln dazu und hat endlich mal Urlaub.

Nach dem Essen beginnt unser persönliches Weihnachtsfest.
Wir sinken zum Serienmarathon tief in die Couch, und ich freue mich, dass ich den neuen Smart-TV tatsächlich zum Laufen gebracht habe (der alte Fernseher gab doch glatt vier Tage vor Weihnachten den Geist auf, einen dämlicheren Zeitpunkt hätte er sich wirklich nicht aussuchen können, was sich der DHL-Bote auch gedacht haben wird, als er das neue Monster bis zu unserer Tür schleppte).

So this is Christmas.

Eigentlich wollte ich Sie mit einem kleinen Liedchen beglücken, nämlich mit „Last Christmas“ in der Corona-Edition, aber der Schluss ist dann doch arg unweihnachtlich und in der derzeit angespannten und ernsten Lage auch nicht jedermanns Humor.

Daher belasse ich es lieber bei unserem persönlichen Weihnachtsfoto des Jahres 2020…

Feliz Navidad – Merry Christmas – Frohe Weihnachten!

…verbunden mit den besten Wünschen für allseits entspannte Feiertage bei möglichst guter Laune und ebensolcher Gesundheit, genießen Sie das leckere Essen, die festliche Ruhe in kleinem Kreis sowie die Lichter am Weihnachtsbaum – und falls Sie keinen Baum haben, lassen Sie wenigstens die geschundene Seele ein bisschen baumeln.

Herzliche Grüße an Sie alle aus dem Hause Kraulquappe & bis die Tage!

Bergwieseln, allein.

Nach einer vergleichsweise längeren Bergpause – wider besseren Wissens zwar, aber bei allem, was war und ist, hab ich die Kurve einfach nicht gekiegt (oder es waren die falschen Gelegenheiten, wie z.B. am Wochenende, als B. eine Tour vorschlug, die ich aber wegen des zu erwartenden Andrangs ausschlug, weshalb es kurz knirschte zwischen uns, so wie es in diesen Zeiten ja mit manchen schnell mal kurz knirscht, weil die geltenden Regeln oder Empfehlungen unterschiedlichste und individuellste Deutungen und Dehnungen erfahren) – nach einer längeren Bergpause also, es mögen glatt gute drei Wochen gewesen sein, gab ich mir heute Morgen einen Ruck, packte das dazugehörige Säcklein und fuhr hinaus.

Ausnahmsweise mal ganz allein, ab und zu muss das sein, ohne Bezug und Begleitung, auch wenn es sich fremd und fast ein bisschen falsch anfühlte, nicht wenigstens das Dackelfräulein an meiner Seite zu haben (in der Jackentasche aber trotzdem ein Gassisackerl mit dabei und im Rucksack später auch noch ein Würstchen gefunden).

Früher genoss man das Leben ja in vollen Zügen, heutzutage ist man heilfroh, wenn selbige leer sind. Da wagt man sogar an Ort und Stelle das temporäre Ablegen der Maske, um die stadtbeste Breze zu verzehren.

Wo gestern noch eine Völkerwanderung unterwegs war, weil Sonntag war und die Wettervorhersage vier Sonnenstunden versprach, war heute keine Socke unterwegs.

Nur 2,5 Menschen auf der 12 Kilometer langen Strecke getroffen, in knapp 3 Stunden von Hausham am Schliersee über die Gindelalmschneid und die Neureuth runter nach Tegernsee am Tegernsee gewieselt, 20 Minuten Pause verteilt auf 2x zehn Minuten, man möchte ja nicht festfrieren da heroben im Schnee, alles in allem eine ordentliche Gehzeit für die 620 Höhenmeter hinauf und wieder hinab, dazu dieses beglückende Gefühl, dass man wenigstens das (noch) kann und wie viel Freude das macht.

Was in meinen Beinen an Kraft und Ausdauer steckt, das könnte mein Herz sich doch mal an Mut und Zuversicht zulegen.

So ungefähr formuliere ich beim Abstieg in der Abendsonne meinen diesjährigen Weihnachtswunsch.

Genau das wär’s!

Müde am Ufer entlangspaziert, begleitet von dieser uralten Sehnsucht nach einem kleinen Grundstück direkt am See. Ein schattenspendender Baum, etwas Wiese drumrum, eine winzige Hütte mit einer Bank davor und vielleicht noch ein Steg, an dem sich das tannengrün gestrichene Ruderboot befestigen ließe. Mehr bräucht‘ ich nicht.
Blick nach Westen wäre schön, aber ich nähme auch Nord-, Ost- oder Südblick.

Kaum vier Stunden Schlaf heute Nacht. Erst schlecht eingeschlafen, später aus einem scheußlichen Traum aufgeschreckt: eine stattliche Schlange wollte sich um des Dackelfräuleins schlanken Hals winden, ich riss sie entschlossen fort vom Hundekörper, wollte sie zur Seite schleudern, was nicht gelang, da sie sich fest in meinen Daumen verbissen hatte. Plötzlich fiel sie doch noch zu Boden, nur mit ihr leider auch mein Daumen.

Wir wollen das jetzt bitte nicht interpretieren. Danke!

Himmel der Bayern (87): Rutschpartie am Exzessberg.

21. Oktober 2020.
Der Papa wird heute 77 und „feiert“ das thermalbadend mit der Lebensgefährtin im fernen Venetien. Einmal (!) in diesem quarantäneähnlich verbrachten Jahr doch noch für ein paar Tage rauszukommen, das hat er sich gewünscht, und in dem italienischen Hotel ist er keinesfalls gefährdeter als daheim am Tegernsee, also bringt eine überstürzte Heimreise wegen steigender Fallzahlen jetzt auch nichts. Trotzdem ein komisches Gefühl, dass er nicht da ist, denn die Anzahl der Geburtstage, die man noch bei einigermaßen guter Gesundheit miteinander verbringen wird, sind vermutlich an einer Hand abzuzählen.

Es passt mir an diesem 21. Oktober emotional und überhaupt ganz ausgezeichnet, dass der Gatte sich spontan frei nimmt und den Wunsch äußert, endlich einmal (!) auf den Wallberg zu steigen, denn das ist schließlich der Berg, auf den der Papa gucken würde, wenn er am heimischen Geburtstagstisch säße.

Da die Wettervorhersage milde 21 Grad verspricht, muss der Gatte nur noch davon überzeugt werden, dass es keine Tour auf den Wallberggipfel, sondern auf den um 16 Meter niedrigeren Nachbarberg werden wird, damit es auch ein erholsamer Tag ohne Kolonnenkraxeln ist.
Denn wir wissen: Wenn’s im Oktober wärmer als 20 Grad wird, schwärmt halb München aus (ja, auch wochentags!) und ein Großteil der Ausschwärmer bikt, hikt (schreibt man das so?) oder gondelt dann in der oberbayerischen Bergwelt herum.

Und so ist es auch. Der Parkplatz an der Wallbergbahn ist um kurz nach 10 Uhr schon fast voll – alles will da hoch. Wir schnüren die Stiefel, lassen die Ausflügler links liegen und steigen in den menschenleeren Regionalbus nach Kreuth.

Vom Kreuther Kurpark aus starten wir unsere Tour auf den Setzberg, der in zweiter Reihe hinter dem meist überlaufenen Wallberg liegt und weder über eine Seilbahn noch eine Gastronomie verfügt (derzeit nehme ich die während der Sommermonate ein wenig vernachlässigte Arbeit an meinem im März begonnenen Wanderführer „Panoramawege durch die Pandemie“ wieder auf: sollten Sie Tipps für abgelegene Wege durch Oberbayern brauchen, melden Sie sich ruhig).

Gut, der Gatte zuckt ein wenig zusammen, als er die ausgeschilderte Gehzeit registriert und ein paar Schritte weiter auch noch von einem anderen Schild unmissverständlich darauf hingewiesen wird, was ihn erwartet.

Die Herausforderung besteht dann aber weder in den zweieinhalb Stunden Aufstieg noch in der Überwindung von 1.000 Höhenmetern, sondern darin, vom Setzberg auch wieder hinunter zu kommen.

Blick vom Setzberg gen Süden: Im Vordergrund der Risserkogel und die Blaubergkette, am Horizont die Tiroler Alpen.

Pippa macht Pause.

Als wir nach einer sonnigen Rast auf dem Gipfel des Setzberges – die Aussicht hier oben steht der, die man vom Wallberggipfel aus hätte, in nichts nach! – über die Nordflanke zum Berggasthof Altes Wallberghaus absteigen, geraten wir in der suppigen Schneematschspur so krass ins Rutschen, dass wir die angegebene Gehzeit von 30 Minuten beinahe verdoppeln.

In einer tiefen, braunplätschernden Schlammrinne (es taut wie Hölle und wegen der Schneereste links und rechts der Rinne sieht man nicht, wohin man tritt, wenn man neben die Rinne tritt, sackt also hie und da übel ein, rutscht weg und entscheidet sich dann doch für die Rinne selbst) geht es 300 Höhenmeter hinab, das Fräulein sieht anschließend aus wie eine verkrustete Fangowurst und was uns angeht, so sind Originalform und -farbe unserer Schuhe schlicht nicht mehr erkennbar.
Ein Wunder (den Trekkingstöcken sei Dank!), dass es keinen von uns geschmissen hat.
Ebenfalls ein Wunder, dass wir auf der Sonnenterrasse des Alten Wallberghauses einen super Platz bekommen. Und einen Kaiserschmarrn vom Feinsten!

Erfreulich wenig los um die Zeit, wahrscheinlich liegt’s daran, dass drüben am Wallberg die letzten Gondeln ins Tal nun schon deutlich früher fahren und der hinaufgegondelte Turnschuhtourist nach zwei Halben zeitig den Rückweg zur Bahn antritt.

1 = Setzberggipfel / 2 = Altes Wallberghaus / 3. Familie mit Kind

Drei Tische hinter uns lässt sich eine Familie nieder. Als der Familienvater zur Essensausgabe geht, um dort ebenfalls einen Kaiserschmarrn in Empfang zu nehmen, raunt mir der Gatte zu, dass der ja aussähe wie Gómez (also der Familienvater, nicht der Kaiserschmarrn).
Diese Promis erkennt man wegen der Maske ja nun nicht mehr auf Anhieb, außerdem trägt der Kerl eine dermaßen schlecht sitzende Jeans, dass es unmöglich ist, abzuschätzen, ob sich darunter die Oberschenkel von Super-Mario verbergen oder nur irgendwelche stinknormalen Haxn.

Als das Kleinstkind des Schlabberjeansträgers sich wenig später verselbständigt und auf den Wanderweg ausbüxt, klärt sich die Gómez-Frage schnell: der Familienvater rennt nun ohne Maske hinter dem Filius her und trägt den Kleinen auf seinen Schultern zurück.
Als wir kurz darauf aufbrechen, schnappe ich mir die Maske vom Gatten, hetze das Dackelfräulein auf den Ex-Bayern-Star und provoziere nach dem Einfangen unserer Hundedame ein Gruppenfoto, für das der Fußballprofi sogar Maske und Sonnenbrille abnimmt.

Legenden des deutschen Sports & Mario Gómez.

Dem Fräulein (Hunde können ja nicht heucheln) sieht man an, dass es sich bei dem Shooting um keine besondere Herzensangelegenheit handelt, aber mei. Ich betrachte die kleine Aktion als halbwegs gelungene Vorübung für kommende Gipfeltreffen mit Prominenz, für die wir uns deutlich mehr erwärmen können (Arjen Robben, Bruce Springsteen, Ronald Zehrfeld, Rupert Friend etc.).
Bemerkenswert an der Gómez-Begegnung war sowieso eher die Ehefrau. Die ist ein Top-Model. Sowas sieht man ja auch nicht alle Tage auf einer Berghütte. Und ich muss sagen: in natura (=relativ ungeschminkt) und aus 2 Meter Nähe betrachtet ist die völliger Durchschnitt. Nix, wo man als Frau zusammenzuckt und denkt Oh Gott, ist die schlank und schön und perfekt!, sondern einfach nur Durchschnitt.

Weiter geht’s, Richtung Wallberg. Ein Abstieg kommt heute nicht in Frage, dreieinhalb Stunden Bewegung inkl. 50 Minuten Rutschen sind mehr als genug.
Die letzte Gondel fährt um 17 Uhr, vorher wollen wir noch zur Wallbergkapelle, um von der kleinen Aussichtsplattform rund um das Kircherl (die man an Tagen wie diesen nur noch sehr früh oder spät am Tag ohne Schlangestehen besuchen kann) nochmal das tolle Panorama und die wunderbare Weite zu inhalieren, bevor wir wieder nach Rottach-Egern hinunterschweben.