Intradomalfauna oder: Mit IPM gegen die Psocoptera.

Liebe Leserinnen und Leser,

na, verstehen Sie etwa nur Bahnhof, wenn Sie die Beitragsüberschrift so lesen?
Wenn ja, dann möchte ich Sie ganz herzlich einladen: Tauchen Sie mit mir nicht nur virtuell in die wiedereröffneten Schwimmbecken ein, sondern auch in ganz neue Sphären!

In diesem Blog ist ja – wie Sie natürlich längst bemerkt haben – doch eine gewisse thematische Vielfalt geboten: von den Abenteuern des schönsten Münchner Dackelfräuleins, über Touren durch die schönste bayrische Bergwelt, Langzeitstudien zu bernsteinfarbenen Biersorten, wortreiche Berichte über Wasserfreuden aller Art (indoor & outdoor), Baustellen aller Größenordnungen (inside & outside), Beziehungen zu menschlichen und tierischen Gefährten, Szenen einer Ehe mit einem Wissenschaftler, Entstehung von polnisch-deutschen Freundschaften, Episoden düster-russischer Matrjoschkaerinnerungen und parkinsongeplagter Papaerlebnisse bis hin zu zahlreichen Ausflugstipps zwischen Garmisch und Gotland – die bunten Alltagsbeobachtungen und abwechslungsreichen Exkursionen in die Tiefen der Brucologie nicht zu vergessen.

Trotz der diversen Herausforderungen in Zeiten von Corona und des Lebens an sich wollen wir nicht nachlassen und Sie auch weiterhin mit einem breiten Spektrum an Themen versorgen.

Heute: Die Intradomalfauna.

Ich habe das Wort heute Morgen zum ersten Mal gelesen und dank leidlich vorhandener Lateinkenntnisse und seiner Verortung auf einer Internetseite, die sich mit Schädlingsbefall befasst, auch augenblicklich verstanden.
Mit Intradomalfauna sind all jene häuslichen Mitbewohner gemeint, zu denen man in keinerlei verwandtschaftlichem Verhältnis steht, mit denen man die Wohnung ungern sowie unfreiwillig teilt und deren Vorhandensein mittelfristig inakzeptabel ist, erst recht, wenn man seinen Wohnraum nicht für ’n Appel und ’n Ei oder für umme überlassen bekommt, sondern für ein allmonatliches kleines Vermögen.

Weil sich Intradomalfauna gleich viel weniger ekelhaft anhört als Schabe, Silberfisch, Speckkäfer oder Staublaus, habe ich diesen neu entdeckten Begriff sofort in meinen aktiven Wortschatz integriert.
Wie Sie ja wissen (und wenn nicht: wir berichteten hier), hatte sich im Nachgang der Wasserschadensanierungs- und Badrenovierungs-Ära unsere Intradomalfauna ein klein wenig verändert.

Mitte Mai nämlich zog die Staublaus bei uns ein und lebt mittlerweile (Stichwort: Familiennachzug) in einer Mehrgenerationen-Population in unserem neuen Badezimmer (ausschließlich an einer Wand) und im angrenzenden WC (auch dort vorwiegend auf der dem Bad zugewandten Seite).

Staubläuse (lat.: Psocoptera) gehören zoologisch gesehen zur Ordnung der hemimetabolen Insekten mit weltweit über 4.000 Arten [Anm. d. Red.: krass, oder?]. Ihr 1–7 mm großer, verschieden gefärbter, weichhäutiger Körper gliedert sich in einen großen, halbkugeligen Kopf, einen Brustabschnitt und einen sackförmigen Hinterleib. Der Kopf trägt seitlich liegende, bei vielen Arten nur schwach entwickelte Komplexaugen [Anm. d. Red.: auch ein schöner, neuer Begriff – „Komplexaugen“] sowie fadenförmige, aus bis zu 50 Gliedern bestehende Fühler [Anm. d. Red.: Pfui Deifi & gut, dass die eigene Sehkraft schon etwas nachgelassen hat]. Der Brustabschnitt trägt außer den 3 Paar Beinen 4 einfach geäderte, verschieden gefärbte Flügel, die während des Flugs zur funktionellen Zweiflügeligkeit verhakt [Anm. d. Red.: „zur funktionellen Zweiflügeligkeit verhakt“ – lassen Sie sich diese wunderbare Formulierung auf der Zunge zergehen und assoziieren Sie nach Herzenslust, einfach so, als Phantasiereise!] und in der Ruhe dachförmig über den Hinterleib gelegt werden können [Anm. d. Red.: in meinen Augen ist das pure Poesie].
Häufig (besonders bei Weibchen) sind die Flügel reduziert; auch voll geflügelte Arten bewegen sich hauptsächlich laufend fort [Anm. d. Red.: und zwar ziemlich flott, beinahe flotter als Sie mit dem Lappen hinterherkommen]. An der Unterseite des 9. (Männchen) bzw. 8. (Weibchen) Hinterleibsegments liegen die Geschlechtsöffnungen. Der Kopulation geht eine Art Balz voraus [Anm. d. Red.: hier sind offenbar nahezu alle Lebenwesen ähnlich gepolt]. Die Weibchen kitten die 20–100 Eier auf die Unterlage [Anm. d. Red.: also unseren neuen Waschtisch]; das Gelege wird oft noch mit einem Gespinst versehen [Anm. d. Red.: Gespenster haben wir noch keine gesehen]. Die sich hemimetabol entwickelnden Larven ähneln in Aussehen und Lebensweise den Imagines [Anm. d. Red.: alles klar!].
Die Staubläuse ernähren sich vor allem von Algen, Pilzen und Flechten; sie bevorzugen daher feuchte Lebensräume [Anm. d. Red.: Zefixnochamal, Scheißwasserschaden und überhaupt reicht’s jetzt langsam mit dem ganzen Gschiss da herin!].

Im Sinne der konsequenten Umsetzung unserer bloginternen Sprachhygienemaßnahmen wird hier ab sofort nur noch von Psocoptera die Rede sein, wenn ich konkreter über unsere Intradomalfauna berichte. Gewöhnen Sie sich also bitte gleich auch an diesen Begriff (und sollten Sie es je selbst damit zu tun bekommen, was ich Ihnen keinesfalls wünsche, könnten Sie mit dem Vokabular immerhin sofort Eindruck schinden bei Ihrem Hausverwalter/Vermieter, da kommen Sie nämlich gleich viel kompetenter rüber als wenn Sie nur ein angewidertes „Wir haben seit der Sanierung Staubläuse in der Bude!“ vom Stapel lassen).

Im Laufe der letzten Wochen habe ich nicht nur unseren Vermieter über den Zuzug der Psocoptera informiert, wie man das ja als braver Mieter bei jeglicher Art von Untervermietung der Mietsache zu tun hat, sondern auch eine neue Tätigkeit in meinen Alltag integriert: ich rücke den Psocoptera nun täglich 2-3x zu Leibe, damit sich auf der Waschtischplatte und den beiden betroffenen Wänden keine größeren Versammlungen bilden können, sondern nur ein paar Kumpels mit ihren Kumpels beisammen sitzen oder gemeinsam herumkrabbeln.

Zum ersten Kaffeehaferl bereitete ich mich heute Früh auf den Termin mit dem Mitarbeiter der Firma Schaden365 vor und las mich ein wenig in die Genealogie der Psocoptera ein. Man muss ja entsprechend stotterfrei und im Fachjargon argumentieren können, sonst nehmen einen diese Professionisten ja nicht ernst.

Etliche Feuchtigkeitsmessungen – denn die Psocoptera siedeln sich ja ausschließlich in feuchten Materialien und Baustoffen an – wurden durchgeführt, nicht nur an den „befallenen“ Stellen, sondern auch an benachbarten Wänden und angrenzenden Decken.
Das Ergebnis? Der Fachmann war ratlos. Alles ist trocken!
Wo also kommen sie her, die Viecherl, und wovon ernähren sie sich?

Er fertigte sodann mehrere Beweisfotos von den umhereilenden Psocoptera an, bestaunte ausgiebig meine neueste Versuchsanordnung (luftdicht abgeklebte Dreifachsteckdose an neu verfliester Wand über dem Waschtisch, weil ich genau hier die Keimzelle des Grauens vermute, und siehe da: hinter der Folie lungern mittlerweile Dutzende erstickte Psocoptera herum) und war ganz aus dem Häuschen als er die kleinen grauen Leichen mit Taschenlampe und Lupe genauer in Augenschein nahm.

Mit dem Versprechen, seinen Bericht noch heute dem Vermieter zukommen zu lassen, verabschiedete er sich schließlich.

Weil ich keinem Handwerker außer Lolek traue, schrieb ich unserem Vermieter nach dem Termin auch selbst noch einen Bericht. Ein paar Stunden später traf erfreulicherweise bereits eine Reaktion ein: Unser Einverständnis vorausgesetzt würde er umgehend die Firma Biebl & Söhne beauftragen, sich der Angelegenheit anzunehmen.

Der Firmenname suggeriert zwar ein gewisses Gottvertrauen, dennoch googelte ich den Betrieb. Und schon wieder betrat ich eine neue Welt: die der Schädlingsbekämpfung (hieß das nicht früher mal Kammerjäger?).

Leckomio, uns steht also in Kürze der Besuch eines IPM-Beauftragten bevor!
Und Integrated Pest Management – das klingt irgendwie gar nicht mehr nach Kindergeburtstag oder Begutachtung der Psocoptera im Scheine einer kleinen Halogen-Stabtaschenlampe. Aber immerhin bewegt sich das Tun der Bieblsöhne offenbar noch im Rahmen der gültigen Gesetze und der GHP, was auch immer dieses Akronym bedeutet.

Neue Lieblingsbegriffe nach Lektüre der Startseite von Biebl & Söhne: Verbergungsräume und Monitoringstation.

Ich stelle mir das in etwa so vor: Unser Bad und WC wird recht bald nach dem Erstbesuch des IPM-Beauftragten mit zig Überwachungskameras ausgestattet, zuvor hat man natürlich, um die winzigen Sichtgeräte überhaupt einbringen zu können, die Silikon- und Epoxidzementfugen an mehreren Stellen aufgebohrt, um hinter die Kulissen gucken zu können, quasi in den Brutkasten und die Geheimgänge der Psocoptera, im Fachjargon Verbergungsräume genannt. Der Biebl & Söhne-Mitarbeiter installiert uns auf einem Leih-Tablet ein System, mit dem wir uns jederzeit in eine beliebige der knapp 100 Kameras einwählen können, um das Geschehen live zu beobachten, zusätzlich stehen uns diverse Statistik- und Analyse-Tools zur Verfügung, mit denen wir die Lebensgewohnheiten unserer Psocoptera en detail kennenlernen können: Wann stehen sie auf, wann putzen sie sich die Zähne, wann beginnen sie ihr Tagwerk, wann machen sie Mittagspause und Feierabend, welches Familienmitglied ist fürs Müllruntertragen zuständig und welches für die Umsatzsteuervoranmeldung, machen sie auch Urlaub, schlafen sie getrennt oder im Rudel, welchen Hobbys gehen sie in ihrer Freizeit nach, gibt es religiöse Praktiken, glauben sie an die Demokratie oder daran, das Bill Gates demnächst ihren schönen, freien Psocoptera-Staat auflösen und sie alle zu Impfungen verpflichten wird, die ihre zarten Körper verseuchen werden?

Bleiben Sie also dran & freuen Sie sich schon heute auf die nächste Folge von „Psocoptera privatissime“, denn dann geht es richtig zur Sache!
Um die Wartezeit sinnvoll zu überbrücken, empfehle ich Ihnen das Bilderbuch auf der Homepage von Biebl & Söhne – ein ganz entzückendes Album, das dem interessierten Kunden dort völlig unentgeltlich präsentiert wird.

Einen erfreulichen Dienstagabend und eine ebensolche weitere Woche wünscht Ihnen –
Ihre Kraulquappe.

Escape for a while.

Ab 12 Uhr für den Rest des Tages vor Loch Näss geflohen.

Gute Entscheidung…

…obwohl die Wolkenlage beim Abstieg etwas heikel war.

Song des Tages (52).

Mittwochmorgen, 7:35 Uhr in München, Ludwigsvorstadt. Links: Die bergpfadstaubigen Flossen von Frau Kraulquappe. Rechts: Die baustellenstaubigen Treter von Herrn Lolek. Er deutet auf unsere Schuhpaare, sagt augenzwinkernd „Wir passe gut zusamme!“ und betritt voller Tatendrang die Wohnung.

Sie brauchen also nicht denken, wir würden hier nur noch durchs sonnige, erblühende Voralpenland hüpfen und uns auf versteckten, einsamen Nebenpfaden einen Lenz machen.

Bereits frühmorgens ging es heute meinem Osterhäschen an den Kragen.
Kaum mit anzusehen, dieses Massaker!

Der Osterhase dankt ab – und macht Platz für den Heiligen Geist!

Es verging keine Stunde und Lolek hatte ihm das Fell über die Ohren gezogen, aber so richtig!

Erst ein brutaler Kopfschuss…

…und kurz drauf liegen sie frei, die Eingeweide 😦

Wir tragen das Unsrige zum Gelingen bei:
Ich verklebe Malervlies im Flur und assistiere Lolek beim Testlauf der Waschmaschine.
Das Dackelfräulein steckt seine Nase sachkundig in jedes neue Loch und hilft beim Aufspüren des Lecks.
Und dem Gatten gelingt es, trotz längst beendeter Faschingssaison, immer noch in irgendeiner Bäckerei einen Krapfen für Lolek aufzutreiben.

Eine Stunde später: Haarriss im Rohr gefunden. Fehler behoben. Alles dicht. Hoffentlich.

Natürlich war’s das jetzt noch nicht.
Das Mauerwerk muss nun trocknen, eine gute Woche lang. Morgen bringt Lolek einen Heizlüfter vorbei. Nächste Woche kommt er insgesamt 3x vorbei: zum Verputzen, zum Streichen und den dritten Anlass hab ich vergessen.
Ich erwäge, ihm einen Hausschlüssel nachmachen zu lassen und zum Du überzugehen, schließlich habe ich mittlerweile in 2020 mehr Zeit mit Lolek als mit irgendwem sonst verbracht.

Als ich dem morgendlichen Spektakel so beiwohne, drängt sich mir der Song des Tages geradezu auf, denn beim Blick auf die häsischen Innereien singt es in mir:

Well, lights out today
Trouble in the bathland
Got a hare on collision
Smashin‘ in his guts, man
I’m caught in a Polish fire
That I don’t understand

(….)

Talk about a drain
Try to make it sane
You wake up in the night
With a fear so tight
You might spend your life waiting
For a moment that just don’t come
Well, don’t waste your time waiting

Bathlands, you gotta bear it everyday
Let the broken walls stand
As the price you’ve gotta pay
Keep pluggin‘ ‚til it’s understood
And these bathlands start treating us good!

In dem Song ist aber gottseidank auch noch von einem Leben jenseits der Badsanierungen und Wasserschäden die Rede, zumindest für diejenigen, die tief in sich drin eine Ahnung davon vernehmen können:

For the ones who had a notion, a notion deep inside
That it ain’t no sin to be glad you’re alive

Fahren wir also morgen am besten gleich wieder hinaus ins Oberland, wo wir uns so glad und so alive fühlen und die zersmashten guts und all den Schutt der Bad-lands nicht mehr sehen müssen.

Ihnen auch noch eine schöne Woche!

Zwischen Drive-in und Tough-out.

Ein kleines, coronafreies Quiz: Welche Story vermuten Sie hinter diesem Foto?

Keine Idee? Na, vielleicht hilft Ihnen das hier weiter:

Groschen gefallen? Yep, richtig!

Lolek is back!
Also eigentlich war er nie so richtig weg, nur mal kurz für den Sonntag, seinen einzigen freien Tag in der Woche.
Der Spaß ist doch noch nicht zu Ende. Und es gibt auch immer noch irgendwo eine Bäckerei, die Krapfen verkauft.
Damit halte ich Lolek bei Laune. Und mich ebenfalls.

Momentan betreiben wir Nachbesserungen und Feinschliff.
Letzteren gottseidank ohne Feinstaub, nach zwei Tagen Durchputzen täte ich sehr ungern wieder ganz von vorn anfangen.
Ich lerne jetzt die Welt der FI-Schalter und Ihrer Fehlermeldungen kennen, eine sehr erdende Beschäftigung, wenn auch teils eine düstere, weil dem Bade halt das Lichte fehlt.

Außer Lolek geht mittlerweile auch Dimitros täglich bei uns ein und aus. Dimitros ist Elektriker und ein Spezl von Lolek. Im Unterschied zu Lolek mag er keine Krapfen und schenkt dem Dackelfräulein kaum Beachtung. Dafür trägt er Handschuhe und eine Atemschutzmaske, rollt das „r“ und sagt ein recht deutsch klingendes „tschüss“ (mir gefällt Loleks polnischdeutsches „tschuss“ viel besser, denn das passt klanglich auch mehr zu dem, was hier so abgeht).

Der Wiedereinbau der Kammerregale ist ein Kapitel für sich. Oder zwei. Interessiert aber en detail eh keine Sau außer den unmittelbar Betroffenen.
Nur so viel: Heute hat er jedenfalls nicht wie geplant stattgefunden, dieser Kammerregalwiedereinbau, weil die polnische Interpretation meiner Maßgabe „Die Kammer muss bis in das letzte Eckchen absolut baugleich bleiben“ eine andere war als die von mir intendierte.

Da ist jetzt ein Aufputz-Kabelkanal, der ein einem Eckchen 15mm Platz beansprucht, auf einer Länge von 80cm, und somit muss der gute Herr Wurm von der Wasserschadenfirma, der das Regal ausgebaut hat, am Montag nochmal wiederkommen, um die Regalbretter und Seitenwände zurechtzusägen und dann einbauen zu können.
Genau das wollte ich vermeiden.

Einen größeren Schock erleide ich aber nicht, als Herr Wurm aus der Kammer herausruft, hier passe etwas nicht, denn ich war instinktiv längst davon ausgegangen, dass das nicht reibungslos klappen würde und zwar schon, bevor die Kammer demontiert wurde.
Überhaupt trügt mich mein Gefühl in Handwerksdingen selten, leider hilft mir diese Gabe praktisch herzlich wenig, sondern verdirbt bloß den Nachtschlaf und den Teint.

Lolek entschuldigt sich tausendfach, dass er Bolek nicht besser beaufsichtigt hat, als jener in der Kammer werkelte und eine Leitung aus dem Sicherungskasten rauszupfte und ins Bad rüberlegte, und schenkt uns als Entschädigung das neu eingebaute WC (das der Vermieter nicht übernehmen wollte, weil das alte zwar völlig verranzt und verkalkt war, aber eben noch funktionstüchtig und als Münchner Vermieter muss man da schon aufpassen, dass einem die Mieter nicht übermütig werden vor lauter neuen Kacheln und Badewannen).
Drauf gschissn also, im wahrsten Wortsinne – das ist ein fairer Deal,. Ich hätte Lolek auch für ein halbes Abflussrohr diese Panne verziehen, aber ich nehm auch ein ganzes Klosett.

*****

Vor unserer Haustür hat gestern der Drive-in für Rachenabstriche eröffnet.
Zu Füßen der Patrona Bavariae nun ein paar Zelte, etliche Schilder und eine lange Schlange Autos. Wartezeit aktuell: drei Stunden, eher mehr. Die Polizei regelt die Zufahrt und den Warteschlangenkoller.

Drumherum schaut’s aus, als würden sie ein größeres Areal schon mal vorsorglich für einen spontanen Lazarett-Bau präparieren. Platz wäre ja auch genug vorhanden, hier auf der Wiesn. Das Frühlingsfest ist abgesagt, genau wie das Oldtimertreffen. Und bis zur fünften Jahreszeit, und ob die stattfinden wird oder nicht, denkt derzeit eh noch niemand.

Ich gönne mir eine kurze Pause fern der Baustelle Wohnung mit Frischluft und Sonne. Auf jeder Bank sitzt brav nur 1 Mensch, den Kopf zumeist gesenkt, wg. Smartphonegucken, Sonnenbrille vergessen oder allgemeinem Trübsinn.
Erstaunlich viele Kinder springen hier noch herum, Klein- und Großfamilientreffen finden statt, die schiefhängenden Haussegen schon gut hörbar. Lagerkollergesichter, Verschwörungstheoriegeräderte und durchschnittlich Angsthabende. Dazu noch Sporttreibende, Allesignorierende, Schulfreigestellte und emsige Radkuriere.

Die Ausgangssperre rückt mit jedem Gruppenkaffeekränzchen und -pläuschchen und Kinderhordenkreischen näher.
Auf meinem linken Knie landet ein Marienkäfer, dem das alles wurscht sein kann. „Du genießt deine Käferfreiheit“, sage ich zu ihm, „und wir haben das Dackelfräulein, das uns den dreimaligen täglichen Ausgang sichern wird, wir haben es doch noch ganz gut erwischt, oder?“

*****

Mehr möchte ich für heute nicht sagen zur coronaren Lage in der Isarmetropole, aufgrund eigener Psychohygienemaßnahmen und um mir eine gewisse Sorte von Nicht-Diskussionen heute vom Leib zu halten, mit der ich in den letzten Tagen konfrontiert war.
Denn kaum spitzt sich die Coronakrise zu, meldeten sich erste Kritiker sich zu Wort, weil ihnen irgendetwas in einem meiner coronaren Beiträge, derer es ja noch gar nicht viele gab, nicht behagte. Drei Meldungen waren es, um genau zu sein, dem einen missfiel ein Satz, dem anderen ein Foto, dem dritten ein Kommentar eines anderen Lesers.

Ich diskutiere gern, ich erkläre auf Nachfrage auch gern meine Haltung, ebenso gern kläre ich Missverständnisse auf oder vermittle zur Not sogar mal unter den Kommentatoren. Am liebsten auch gleich hier, an Ort und Stelle, wo sich ja die Quelle befindet, an der sich der Unmut entzündete und die Diskussion dazu auch am besten stattfinden sollte, aber meinetwegen auch auf anderen Kanälen, falls dem Leser oder der Leserin irgendwas aufstößt, das er/sie zwar unbedingt loswerden möchte, nur eben lieber nicht öffentlich.

Was mir aber aufstößt, sind kritische Kommentare mit (prinzipiell begrüßenswerten) Hintergrunderläuterungen, die nur vordergründig zur Diskussion einzuladen scheinen, weil sie so persönlich verpackt oder wortreich oder beides daherkommen, weshalb ich selbstverständlich gleich dazu Stellung nehme und ebenfalls meine Hinter- und Beweggründe erläutere – und dann kommt dazu aber nix mehr zurück oder nur ein schmales, schales Sätzlein, dass es ja sooo wichtig nun auch wieder nicht sei.
Eine Art Zurückrudern, als habe man es ja nur mal sagen wollen (aber lieber nix dazu hören wollen), also eher ein Abwürgen der Debatte, die ja kaum begonnen hat.

Das ist in meinem Augen nichts weiter als ein fruchtloser Austausch, um nicht zu sagen: ein nutzloser Schlagabtausch, keinesfalls aber eine echte Auseinandersetzung mit sachlichem Argumentieren, keine konstruktive Diskussion, die ja neben dem Loswerden der eigenen Kritik ebenso beinhalten sollte, auch den anderen anzuhören und auf ihn einzugehen, zumal der sich ja die Mühe machte, sich mit der Leserkritik ernsthaft auseinanderzusetzen.

Wenn es sich so verhält, möge man doch bitte am Stammtisch meckern, wo eh keiner dem anderen zuhört oder wirklich antwortet, oder möge man in Zeiten wie diesen, in denen die Stammtische geschlossen haben, einfach in sein Tagebuch hineinmotzen, denn von dort kommt kein Echo, und was dort steht, erzeugt auch keine Widerworte und stellt keine unbequemen Nachfragen, die einem dann abverlangen würden, sich womöglich tiefergehender (oder konkreter) mit dem eigenen Spontangepolter zu befassen.

Was Sie hier in diesem Blog lesen, liebe Leserinnen und Leser, und zwar ganz egal, ob es um Corona, Leben, Tod, Mütter, Väter, Dackel, Nachbarn, Handwerker, Biersorten, Berggipfel, Liebe, Leiden, musikalische und hygienische Vorlieben und Abneigungen, Krapfen von Kustermann oder Krümelschubladen von Toastern geht, ist meine Sicht auf eben diesen meinen Ausschnitt der Welt, den ich im Augenblick des Schreibens (und je nach Lust und Laune) näher oder ferner betrachten möchte oder zu betrachten vermag.

Sie sind jederzeit eingeladen, sich dazu zu äußern: ablehnend, zustimmend, herumalbernd, mitweinend, nachfragend, hinterfragend, interessiert, animiert, argumentierend, ergänzend, erläuternd, flossenklopfend, schwanzwedelnd und sogar bellend, wenn es nicht in Dauergekläffe ausartet, denn dann, so meine ich, passen wir wohl einfach nicht zusammen, so vom Kommunikationsverhalten, Stil und Anspruch her.

Das wäre dann wie Hund und Katz, die auch nicht dieselbe Sprache sprechen, und die man zwar mit Mühe und Beharrlichkeit aneinander gewöhnen kann, aber solche Bemühungen, die würde ich mir gern für das Leben jenseits meines Blogs aufheben, und selbst dort nur für die Situationen, in denen derlei Anstrengungen oder Anpassungsleistungen zwingend erforderlich sind.

Wie beispielsweise das Telefonat mit dem Hersteller der in den verkehrten Maßen gelieferten Duschtrennwand, das ich jetzt noch führen muss.
Einer dieser Menschen, denen es immerzu gelingt, auf eine Email alles Mögliche und Unmögliche zu antworten, aber zu der einzigen Frage, die darin enthalten war, hartnäckig schweigen.

Ein einziges Kommunikationstrainingslager, diese Monate nach dem Wasserschaden.

Zumindest in der Hinsicht bin auch ich bereits nah am Lagerkoller.

*****

München, Theresienwiese, heute. Zoomen Sie’s groß, dann sehen Sie die Drive-in-Schlange. Lassen Sie’s ungezoomt, dann sehen Sie einfach schönen bayrisch-blauen Himmel.

Schwimmen kann man nicht hamstern.

Von Langeweile konnte in den vergangenen Tagen keine Rede sein, von Corona-Koller auch nicht. Wir waren zwar in häuslicher Quarantäne, aber nicht viral bedingt, sondern wegen einer post-sanitären Belastungsstörung.

Nach 14 (!) Stunden Putzen und Werkeln in unserer Wohnung, die wir am Samstagnachmittag nach knapp zwei Wochen Badumbau und Sanierungsarbeiten endlich wieder betreten konnten, stand ich heute Morgen mit Ganzkörperschmerzen auf.

Lolek und seine Gang haben zwar großartig gearbeitet, ein feines neues Bad eingebaut und die vielen gelben Flecken von den beiden Wasserschäden (dem kleinen im November und dem großen Anfang Februar) beseitigt, aber leider hat das feinstaubige Gewerkel trotz versiegelter Räume überallhin gestaubt, sogar bis in Schubladen und Schränke hinein.

Und trotz größter polnischer Sorgfalt passen ein paar Dinge noch nicht: aus dem Kaltwasserzulauf tropft es ein bisserl, ein Fallrohr wurde nicht lackiert, beim Betätigen der neuen Deckenleuchte haut’s den FI-Schalter raus und an manchen Stellen muss malerisch noch nachgearbeitet werden. Wird nochmal ein paar Handwerkertermine bescheren und zuvor etliche Telefonate und Emails.

Am Donnerstag kommt dann hoffentlich derselbe Mensch von der Wasserschadensanierungsfirma vorbei, der hier vor fast zwei Monaten, am Tag nachdem das Wasser aus den Decken und Wänden geschossen war, die gesamten Kammerregale demontiert hat, um alles wieder einzubauen.

Die 14 Stunden Wohnungsreinigung, Möbelrücken und Einräumen sind freilich noch nicht das Ende der Fahnenstange, es drohen nochmal schätzungsweise 4 bis 5 Stunden Arbeit, aber heute Vormittag wollte ich erstmal pausieren und meinen geschundenen Körper beim Schwimmen lockern, zumal es die letzte mögliche Lockerung auf diese so geliebte Art und Weise für Wochen (!) sein wird, denn morgen schließen die Münchner Schwimmbäder.

Damit hat die Coronakrise nun auch mich an einem neuralgischen Punkt erwischt. Denn auch für jeden, der nicht zu einer Risikogruppe gehört, kommt ja früher oder später dieser Punkt: der eine jammert, weil er am Wochenende nicht mehr Party machen kann, der andere, weil alle kulturellen Institutionen ihre Pforten schließen, wieder ein anderer, weil der Urlaub ins Wasser fällt oder gar nicht erst gebucht werden kann, der nächste, weil sich die Familie nun intensiver auf der Pelle hockt als sonst usw. – und mir persönlich setzt halt eine Schwimmbadschließung am meisten zu.

Seit 20 Jahren schwimme ich nun regelmäßig, seit 15 Jahren etwas ambitionierter. Die längste Schwimmbadabstinenz, die ich je hinnehmen musste, war eine dreiwöchige Pause wegen einer Meniskus-Operation, und ich glaube, selbst da habe ich gegen Ende noch getrickst und bin schon nach 17 Tagen wieder ins Wasser gestiegen.
Bereits eine Woche ohne Wasser setzt mir zu, da fehlt mir was ganz Existenzielles, eben diese für mich so wohltuende Weise der körperlichen Betätigung und nur wenn ich stattdessen die Berge vor der Nase habe (bzw. unter den Füßen spüre), ist ein Schwimmentzug vielleicht auch mal zwei Wochen zu verkraften.

Nun werden es, wenn es dumm läuft (und so wird es laufen, wenn nicht sogar noch dümmer), 5 Wochen. In Worten: fünf!
Noch kann man tageweise in die Berge fahren, wer weiß, wie lange diese Kompensation noch zulässig ist oder ob uns nicht auch demnächst italienische oder österreichische Verhältnisse bevorstehen und man nur noch aus drei Gründen die Wohnung verlassen darf.

So steige ich heute Mittag beinahe mit Andacht ins Wasser. Schwimme meine vorerst letzten 2.000 Meter mit großer Demut und mit herrlicher Frühlingssonne auf dem Rücken oder im Gesicht – je nach Lage eben.
Demut, weil mir beim Bahnenziehen so bewusst wird, wie unglaublich selbstverständlich das alles für uns ist: einzukaufen, was einem fehlt und/oder worauf man Lust hat, zu treffen, wen man treffen möchte, hinzufahren und einzukehren, wo und wann immer man will, Konzerte zu besuchen, ins Theater zu gehen, Sport zu treiben, so oft es einem gut tut, und so vieles mehr – je nach zeitlichen, gesundheitlichen und finanziellen Möglichkeiten zwar, aber dennoch mit einem recht hohen Maß an persönlicher Freiheit und Selbstbestimmung.

Schwimmen kann man nicht hamstern. Es ist unmöglich, heute auf Vorrat zu schwimmen, z.B. 25 Kilometer am Stück, damit es bis Mitte April (oder bis wann auch immer) vorhält und man davon zehren könnte, so wie es denjenigen vergönnt ist, die den gesamten Bestand an Klopapier, Seife, Nudeln, Mehl und Tomatensaucen der Ludwigsvorstadt aufgekauft haben.
Die können sich diese Errungenschaften nun – obwohl die Geschäfte weiterhin geöffnet haben werden (sogar noch länger als bisher) – hübsch einteilen für die kommenden Wochen und sich daheim ganze Iglus aus Klorollen und Tomatendosen bauen, drumrum eine Mauer aus Nudeln und Mehl errichten und diesen Wall, damit er auch schön fest zusammenbappt, mit literweise Flüssigseife angießen.

Als ich aus dem Becken steige, winken mir manche Schwimmer zu, man kennt einander ja hier, zumindest die, die ständig herkommen.
Ein paar wenige sprechen mich sogar an. Es ist aber nicht dieses fröhliche „Bis bald!“, das man sich vor der 11-tägigen Revisionsschließung, die jährlich einmal ansteht, zuruft oder das üblicherweise den Übergang von der Sommeröffnungszeit zum Winterbetrieb markiert.
Sondern wir sagen heute zum Abschied Dinge wie „Bleib gesund!“, „Wird schon rumgehen!“ oder „Steh’s gut durch!“ zueinander und dann geht jeder ein letztes Mal duschen und danach seiner Wege.

Nachmittags gehe ich Einkaufen. Seit der Wasserschaden uns die Kammer genommen hat, haben wir so gut wie keine Vorräte mehr zuhause, weil wir ja keine Regale mehr hatten, um sie irgendwo aufzubewahren. Bevor die Bauarbeiten begannen, haben wir das meiste aufgebraucht, damit hier möglichst wenig herumstand oder wegzuräumen war.

Das wird uns nun zum Verhängnis.
Wir brauchen dringend Lebensmittel, Kaffee, Getränke, Waschpulver, Seife, Taschentücher und Klopapier. Die ersten vier Sachen lassen sich mit etwas Mühe noch ergattern, die übrigen drei sind in allen (!) Geschäften ausverkauft.
Man hatte ja in der Zeitung davon gelesen, aber wenn man’s dann mit eigenen Augen und noch dazu in fünf verschiedenen Läden sieht, ist es doch nochmal anders.
Noch idiotischer, noch absurder.

Bei DM beschlagnahmt das Personal etliche Windelpakete, die eine junge Mutter in ihrem Einkaufswagen aufgetürmt hat – niemand darf mehr hamstern und mehr als eine „haushaltsübliche Menge“ mitnehmen.

Bei Edeka bricht eine junge Dame vor dem leergefegten Nudelregal in Tränen aus, ein älteres Paar räumt derweil völlig ungerührt von dem Geheule seinen Wagen mit irgendwelchen Konserven voll („Lass uns einfach alle mitnehmen, ist ja eh keine Auswahl mehr da!“).
In der Apotheke kauft ein besorgter Familienvater eine solch perverse Menge Hustenlöser auf Vorrat, mit dem das ganze Viertel unter gelöstem Schleim begraben werden könnte.
Beim Pfister lässt sich eine eigentlich intelligent aussehende Frau sage und schreibe 8 große Viertel Brot schneiden und einfrierfertig verpacken.
Im Biomarkt gähnt einen dort, wo sonst die Nudeln und Tomatensaucen stehen, ein leerer Flur an – nur die brettharten, gesunden, wenig wohlschmeckenden Vollkorn-Lasagneblätter sind noch zu haben und ein paar Pseudo-Nudel-Produkte, die auch keiner kaufen will (vielleicht liegt’s ja daran, dass auf manchen Schachteln „original italienisch“ steht).

Nach meiner Tour des Staunens komme ich ohne Klopapier, Taschentücher und Seife nachhause und informiere sogleich den Gatten über unsere Restbestände: nur noch die Seife, die in Gebrauch ist, noch 6 Päckchen Taschentücher, noch 2 Rollen Toilettenpapier.
Bis zum Wochenende dürfte das reichen, wenn keiner Durchfall, Schnupfen oder einen Waschzwang bekommt, danach wird’s kritisch.

Ich presse, wie fast an jedem Tag zwischen November und April, noch drei Orangen für uns aus, beschließe, dass wir zusätzlich ja mal für zwei Wochen noch ein Breitbandvitaminikum einwerfen können und bringe dem Gatten sein Gläschchen samt Pille an den Schreibtisch.
Er nimmt einen großen Schluck, stellt das Glas wieder ab, entdeckt in dem Moment die längliche, blaue Tablette und guckt mich fragend an.

Was das denn jetzt um alles in der Welt sei, will er wissen. Was ich denn vorhätte mit ihm. Ob wir nun länger in Quarantäne gingen. Oder gar Ausgangssperre drohe.
Ich muss schließlich die Originalpackung herzeigen, um meine lauteren Absichten zu beweisen.

Abends dann noch eine Henkersmahlzeit im Lokal ums Eck, vor allem, um ein bisschen Haushaltsenergie aufzusparen, die man noch für die Baustellenreinigung braucht.
Kochen wird man ab morgen, wenn die Putzorgie beendet ist, ohnehin wieder täglich.

Das Restaurant fast leer, die Tische mit Sicherheitsabstand neu angeordnet, nur noch ein paar Gerichte auf der Karte. Am Dienstag machen sie die Schotten dicht.

Ab morgen also ein neuer Alltag in unserer Stadt.
Ein eingeschränkter, ein so noch nie dagewesener.
Mal schauen, wie das wird.

Vermutlich weit weniger schlimm als viele befürchten.
Ich verspüre weder Angst noch Anflüge von Panik, sondern sehe das eher als eine Art (Zwangs-)Pause vom Gewohnten und von der permanenten Verfügbarkeit des immer üppig gefüllten, großen Konsumbuffets.
Eine Zwangspause, die ein paar Umstellungen, Herausforderungen und Umstände mit sich bringt, die aber auch ein paar Chancen birgt.
Die Chance, die vielen Selbstverständlichkeiten des eigenen Lebensstils zu reflektieren.
Die Chance, kreativ zu werden, weil es nun drum geht, Dinge mal anders anzupacken als man’s sonst immer tut.
Die Chance für eine andere Art des Miteinanders, für neue Netzwerken und Synergien.

In diesem Sinne werde ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, wahrscheinlich gegen Ende der Woche – bis dahin dürfte die Lage noch nicht prekär geworden sein – um Hilfe bitten.
Sollte das Toilettenpapier dann immer noch in allen Geschäften meiner näheren Umgebung vergriffen sein, hoffe ich, dass Sie mich nicht hängenlassen und mir ein Röllchen rüberschicken (bitte unbedingt dreilagiges und nach Möglichkeit ohne farbigen Aufdruck). Dasselbe gilt für Taschentücher (Marke egal, aber gern welche, die waschmaschinenfest sind: wir sind leider schon in dem Alter, in dem selbst die dreifache Kontrolle der Hosentaschen vor der Wäsche nicht immer zuverlässig funktioniert).

Ich revanchiere mich natürlich und könnte z.B. Ihren Hund zu Spaziergängen mitnehmen, Ihnen etwas Selbstgekochtes vorbeibringen, Ihnen bei der Planung der nächsten Bergtour zur Hand gehen, Ihnen etwas vorlesen oder Ihnen bei unangenehmer Korrespondenz mit Ihrem Reiseveranstalter/Arbeitgeber/Vermieter/Internetanbieter/Versicherungsagenten/Handwerker/Autohändler behilflich sein.

Geben Sie einfach Bescheid, wo der Schuh drückt – für eine Rolle Happy End bin ich ab Freitag zu vielem bereit.
Gute Nacht aus München wünscht Ihnen –
Die Kraulquappe.

München sperrt zu – wir sperren auf!

Erster Tag zurück in der Stadt – und schon überschlagen sich die schlechten Nachrichten quasi im Stundentakt:

Draußen: Wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit, bis auch das Lieblingsschwimmbad zusperrt?! Zefix!

Drinnen: Die maßangefertigte Duschtrennwand wurde in den falschen Maßen geliefert und passt also nicht, wie Lolek heute beim Montageversuch feststellte. F***!!!

Eine coronare Lithotripsie, die all diese Unbilden effizient wegpusten könnte, ist derzeit nicht in Sicht.
Wie dem auch sei: morgen Mittag verlassen wir das Hotel und ziehen wieder in unsere Wohnung ein. Lolek lässt um 13 Uhr die Bohrmaschine sinken und schleppt die letzten Säcke Bauschutt aus dem Haus.

Sollte eine Ausgangssperre verhängt werden, möchte man ja doch lieber in den eigenen vier Wänden sein. Wo wir aber sowieso in den nächsten Tagen wären, weil die Mega-Baustelle ja ein gerüttelt Maß an Dreck hinterlassen hat und das wird dauern, bis wir das beseitigt haben.

Bis wir damit durch sind, wird die Stadtverwaltung direkt vor unserer Haustür den zweiten großen Drive-in für Corona-Tests eingerichtet haben. Muss man die Morgengassiroute wohl ein bisserl verlegen, um den hustenden Schlangen nicht zu nahe zu kommen.

Man sieht und hört nichts anderes mehr als dieses C-Wort.
Spürt ein erstes Kratzen im Hals und kommt tatsächlich ganz kurz ins Grübeln. Nimmt lieber das Auto als die U-Bahn. Wäscht sich nach dem Verlassen der Schwimmbadumkleide plötzlich die Hände.

Seit den Nachmittagsstunden habe ich so gut es geht auf selektive Wahrnehmung umgeschaltet. Versuche, zwischendurch auch mal gezielt Anderes wahrzunehmen und den erfreulichen Momenten die ihnen gebührende Beachtung zu schenken.

Draußen: Eine der wenigen harmlosen Meldungen der heutigen Tagespresse.

Drinnen: Lolek & Bolek, die dauergutgelaunten Polen im sanitären Endspurt.

Dieses Bild ist mein persönliches Highlight des Tages: so hoffnungsfroh, so heiter, so zukunftsweisend! Yeah!

Oder doch dieses hier?

Ganz im Hier und Jetzt ruhend.

Süße Tierfotos, selbst wenn sie unerlaubterweise in Hotelbetten liegende Tiere zeigen, sind ja immer Labsal fürs angefledderte Nervenkostüm.

Gute Nacht aus der Lindwurmstraße – und bleiben Sie gesund und munter!

Song des Tages (47).

Gestern noch ziemlicher Trubel in der Wohnung: Lolek und Bolek sind auf die ersten gravierenderen Probleme gestoßen (ich erspare Ihnen die Details). Weder Franek noch Miroslav, die flugs hinzugezogen werden, können wirklich helfen. Also ein bisserl umdisponieren hier und dort, den Vermieter anrufen, den Hausmeister verständigen usw.
Wurscht. So ist Handwerk, das ist Baustelle. Ich hatte damit gerechnet.
Als ich mich vom Acker mache, hat Lolek wieder alles im Griff.

Punkt 17 Uhr sitze ich in einem Ledersessel, lasse mir von einem coolen, langhaarigen Kerl den Kopf kraulen und eine Stunde später steige ich mit dem frisch gekürzten Kurzhaarschnitt todmüde ins Auto (drei Nächte in Folge beschissen geschlafen), 52 Minuten drauf lasse ich mich beim Papa in den nächsten Ledersessel fallen (und die Lebensgefährtin dröhnt in meinen Ohren).
Früh zu Bett, weil fix und fertig, und wirklich jedes Geräusch zu laut.

Erster Morgenblick aus dem Fenster: Neuschnee.
Nicht nur oben auf dem Wallberg, sondern auch unten im Garten. Toll!
Leider wieder schlecht geschlafen, daher doch nicht ganz so toll, der Schnee. Auf dem Weg zum Bäcker (beste Landbrezen ever!) fast auf die Fresse gefallen und das lag nicht etwa am Hund, der an der Leine gezerrt hätte, denn der Hund zerrt beim Morgengassi nur in eine Richtung: heimwärts, wo der Napf steht.
Ich bin einfach unausgeschlafen, gerädert, auch nervlich ein bisserl derangiert und daher wacklig auf den Beinen.

Vormittags alles ausgepackt, mich eingerichtet, fürs Abendessen eingekauft, alle Geräte mit dem WLAN verbunden, dem Papa am PC geholfen (heute: „Wie stornier‘ ich eine Bestellung bei Amazon“ und „Wie geht das mit den neuen QR-Codes beim Online-Banking“). Schwupps ist der Vormittag rum, die türkische Zugehfrau schellt an der Tür und traut sich kaum ins Haus rein, weil ein Dackelfräulein freudig wedelnd im Flur steht.
Ich flüchte. Ist sowieso Zeit für die Hunderunde.

Rüber nach Kreuth, wo’s ollawei an Schnee hod, mehr als in den see-nahen Orten des Tegernseer Tals, die Stiefel geschnürt und los. Die momentan hormongebeutelte, streckenweise lethargische Hundemadame taut plötzlich auf, hat Lust zu hüpfen und zu graben (doch, Schnee ist schon was Tolles!) und ist sogar zu kleinen Spielchen aufgelegt.

Reiße ich mich also zusammen, dem Hund zuliebe, und mache aus der mittellangen doch eine große Runde, gute zehn Kilometer werden’s (und danach hat man wenigstens allen Grund, sich wieder hinzulegen, ein Stünderl wenigstens, bis man wieder aufsteht und die ganze Familie bekocht, so zum Auftakt und Dank für die Zeit des Asyls).

Unterwegs im Schnee und bei guter Luft endlich zur Ruhe und auch mal wieder zum Denken (einem, das über den Fliesenrand hinausgeht) gekommen, und als wir das Schild nach Siebenhütten passieren, spontan auch zum Dichten.

Manchmal betrittst die Wohnung lieber ohne Blick
Manchmal wünschst dir nur ein ruhig’s Zuhaus‘ zum Glück
Manchmal bricht des Nachbarn Rohr im Nu
Manchmal gießt s’Schicksal dir die Bude völlig zu

Manchmal fühlst dich alt und manchmal greis
Manchmal weißt auch kaum mehr wie du heißt
Meistens bist sogar schon mittags müd
Doch dann fährst du los mit deinem Jeep

Hoch nach Siebenhütten musst du gehn
Sieben dunkle Wochen übersteh’n
Siebzig Jahre lang wirst Mieter sein
Drunt in Minga kriagst koa Eigenheim

Und hier haben Sie den Ton dazu, nicht den Originalton, sondern den vom bayrisch-rumänischen Bruce-Springsteen-Pseudo-Plagiat:

Nach Siebenhütten noch ein Stück Richtung Schildenstein und Halserspitz hinauf, aber ohne Stöcke und Grödeln alsbald vernünftigerweise umgedreht und wieder hinab, an der Herzoglichen Fischzucht vorbei und hinüber nach Wildbad Kreuth.

Unterwegs begegnet einem die Herzogin höchstselbst in Begleitung ihres Jagdteckels (beide in den gleichen Loden gehüllt, beide dennoch eher von zerrupfter Optik), der Rüde verliebt sich sofort ins Fräulein, aber das will lieber den edlen Gebirgsschweißhund im nahegelegenen Gasthaus besuchen und vor lauter Schneegestapfe ist ihr der dann plötzlich auch einerlei (nicht so umgekehrt).

Erst als ich die Speisekarte zuklappe, check‘ ich das plötzlich, wo ich hier eigentlich gelandet bin, und dass es ja kaum einen passenderen Platz geben könnte für einen herzoglich-nachmittäglichen Windbeutel, der die gebeutelte Person, die ihn bestellt, also mich!, wieder aufpäppelt, während Lolek daheim in München die marode Sanitärzelle umbaut.

So begibt man sich vielleicht unbewusst auf genau jene Wege und an jene Orte, die das Alte abzuschließen helfen, es unter einer dicken SahneSchneeschicht begraben und den Blick aufs Neue, Kommende, Zukünftige freimachen.

Was vom Bade übrig blieb.

Gestern Abend in die Wohnung rein- und aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen. Das gesamte Bad ist verschwunden! Alles weg!

Wie geht das an einem Tag?

Der ganze rausgerissene Kram entsorgt, in der Diele keinerlei Schutt zu finden, stattdessen eine Tüte mit Loleks oder Boleks Klamotten. Ja sind die nackt heimgegangen?

Das Rätsel löst sich heute Morgen schnell auf.

5 Minuten nach Ankunft (7:18 Uhr), Lolek und ich stehen gerade in dem Raum, der mal das Bad war und es hoffentlich demnächst auch wieder sein wird, wo er mich in die Geheimnisse drei- und fünfadriger Kabel (?) einweiht, reißt Bolek, hinter uns in der Diele stehend, sich das Shirt (draußen 3 Grad und Regen, aber wurscht: der zähe Pole, der von oben bis unten aussieht wie Ivica Olić, kommt im Shirt zur Baustelle) vom Leib, greift in die große Tüte und zieht das Arbeitsshirt von gestern dort heraus und sich über den Kopf. Lolek bemerkt, dass ich das registriere und erklärt: „Kommt mit Privatauto, deshalb muss ausziehen, sonst Frau schimpft“. Ah ja, alles klar!

Das Rätsel, das offenbleiben wird, ist eine Notiz von Lolek, die ich auf der im Flur zwischengelagerten Waschmaschine finde:

Ich möchte nicht lästig werden, indem ich diesen Mann der Tat mit zu vielen Fragen behellige. Und ich entdeckte diese Notiz ja auch nur, weil Lolek mir gestern Abend um 18:30 Uhr, als Bolek und er gerade den 11-stündigen Arbeitstag beendeten, noch eine Whatsapp schickte: „Habe Foto von schöne Mann in Bad gerettet. Liegt auf Waschmaschine.“

Man(n) muss nicht alles verstehen. Frau auch nicht. Hauptsache, er hat die Huberbuam nicht zusammen mit der Fliese, auf der sie klebten, von der Wand gehauen.

Um 7:52 Uhr, die Schleifgeräusche sind bereits höllenlaut und die schöne Olić-Optik gänzlich staubverhüllt, breche ich auf zum Frühstückscafé, das dummerweise erst um 8 Uhr öffnet.

Zuvor schreie ich noch Richtung Bad, dass ich jetzt gehe und frage, ob ich ihnen etwas vom Bäcker mitbringen könne. „Nein, nein“, schreit Lolek zurück, „wir später selbst was holen“. Ich bekräftige mein Angebot und konkretisiere es – „Nicht vielleicht doch irgendwas Süßes?“ – und siehe da, jetzt guckt er aus dem Bad raus und strahlt, und meint zaghaft: „Vielleicht zwei Krapfen, wenn gibt?“. Und ich sage, dass gibt, und frage, welche Sorte, und Lolek antwortet „am liebsten mit Hagebutte“ und nun strahle auch ich, sage „die mag ich auch am liebsten“ und fasse zusammen: „Also zwei Hagebuttenkrapfen für jeden von euch“, woraufhin Lolek protestiert – „Nein, nein, nur eine für jede!“ – und sich auf den nicht vorhandenen Bauch klopft und ergänzt „Muss aufpassen, sonst schimpft Frau!“.

Die polnische Frau scheint das Zepter fest in der Hand zu haben und hat nicht nur ein sauberes Auto, sondern auch einen figurbewussten Mann. Sympathisches Volk.

Jetzt Krapfen heimbringen, dann wieder ins Schwimmbad zum Duschen, mittags noch die letzte Amtshandlung als Bauleitung (Lichtschalter aussuchen, Fliesenschnittkanten/Verlegestrategie für die Ecken festlegen, Unterputz-Spülkasten-Konstruktion besprechen), anschließend kurz den Gatten zur Auto-Übergabe treffen, danach die Jean-Seberg-Frisur erneuern lassen – und dann ab an den Tegernsee, wo die Bauleitung endlich zur Ruhe kommen bzw. wieder in ihrem Ursprungsgewerk tätig werden darf und ihre große Gotland-Reportage schreiben wird.

Ihnen einen ebenso erfreulichen, produktiven, leckeren Dienstag, und nehmen Sie aus diesem Beitrag zumindest die eine wirklich wichtige Botschaft mit: dass die Krapfenzeit doch noch nicht mit dem Aschermittwoch geendet hat.

Und falls jemand Loleks Notiz übersetzen kann, würde ich mich freuen, wenn er/sie mir deren Bedeutung zukommen ließe, sofern es nichts Verstörendes ist.

Dzień dobry.

6:35 Uhr. Aufgestanden. Die schlechte Nacht steckt mir in den Knochen. Revolutionäre, anstrengende Träume gehabt (lag’s vielleicht an der FC Bayern-Bettwäsche des Gatten, in der ich schlief?). Gestern erst spät wieder in die Münchner Wohnung zurückgekehrt, um heute Morgen die polnische Handwerkergang zu begrüßen und den Beginn der Sanierungsarbeiten mitzubekommen. Ein paar Details müssen ja noch besprochen werden und Lolek hat auch noch ein paar Fragen.

6:59 Uhr. Verschlafener Blick aus dem Fenster. Guten Morgen, München! Die Morgensonne scheint der Bavaria schon ins Gesicht, sehe ich ja sonst selten. Unten auf der Straße fährt Lolek vor bzw. sucht noch einen Parkplatz. Die Straße ist seit ein paar Tagen halbseitig wegen anstehender Baumpflegearbeiten mit Halteverbotsschildern bestückt. 20 Parkplätze fallen dadurch weg, so dass ich noch Zeit zum Zähneputzen habe und Lolek erst um 7:13 Uhr mit drei Rollen Malervlies unterm Arm die Treppe hinaufsprintet. Seine Dynamik und Freundlichkeit sind ja eh absolut beeindruckend, erst recht aber um diese Uhrzeit.

7:42 Uhr. Alles ist besprochen. Lolek strahlt erst wegen der Vinzenzmurr-Gutscheine und anschließend wegen der Skizzen fürs neue Bad, die ich für ihn gezeichnet habe. Nebenbei kritzelt er eifrig sein Notizbuch voll, man weiß nicht, ob er da notiert „Deutsche Frau spinnt total, weil für alles hat Skizze oder Liste gemacht, als ob Lolek nicht selbst wissen“ oder „Neuen Aqua-Stopp für Waschmaschine montieren und Wannenarmatur um 4 cm nach rechts versetzen“, weil er ja alles auf Polnisch niederschreibt.

7:58 Uhr. Flur und Diele sind bereits komplett abgedeckt (Boden, Bücherregal, Türen) und haben was von einer Quarantänestation, überall Folien und Planen.

7:59 Uhr. Bolek klingelt. Bringt tonnenweise Werkzeug und noch nie gesehene Gerätschaften mit in die Wohnung. Ich flüchte.

8:06 Uhr. Café Kustermann. Süddeutsche, Butterbreze, Kaffee. Dringend nötig, jetzt was zu essen, der Kreislauf ist im Keller, mein Blutdruck morgens ja üblicherweise bei 65:40, wenn’s hochkommt. Am Nebentisch bestellt eine verlebt aussehende Diva um die 70 ein Croissant, einen Espresso und einen doppelten Ramazotti. Kreislaufmäßig blickt die besser drein als ich. Vielleicht sollte ich meine Frühstücksgewohnheiten mal überdenken.

9:14 Uhr. Zeitung gelesen, gefrühstückt und die zwei logistischen Pannen im Kontext des Auszugs ausgebügelt (Heuschnupfenmedikament liegt am Tegernsee, Handyladekabel ebenso). Jetzt noch das Gebäck für Lolek & Bolek rüber in die Wohnung bringen und dann ab ins Schwimmbad, irgendwo muss man ja Duschen.

In diesem Sinne: Dzień dobry!

Vom Ausziehen.

Die letzten Tage in der Wohnung fühlen sich an wie Umzug – nur ohne Umzug. Ich leide trotzdem, beiße aber die Zähne zusammen und versuche, nach vorn zu schauen und nicht auf die zerlegten Regale, die zusammengerollten Teppiche, die abgedeckten Sideboards, die abgehängten Bilder.

Einige Zimmer sind komplett leergeräumt, andere mit Kisten und Möbeln vollgestellt, es sieht aus wie kurz vor einer Übersiedelung.
Im Flur nur noch ein paar verwaiste Nägel in den Wänden, die einen anstarren und zu fragen scheinen: Und was nun?

Tja, was nun?
Listen abhaken, ‚zig Sachen zurechtlegen, Klappkisten befüllen, Auto beladen. Blumenversorgung planen, Zeitung abbestellen, Kühlschrank leerfuttern. Letzte Wäsche waschen, Müll entsorgen, den Nachbarn Servus sagen.
Fühlt sich an wie Urlaub – nur ohne Urlaub. Denn Anlass des Verreisens sind ja die morgen beginnenden Sanierungs- und Bauarbeiten hier daheim, und das Reiseziel ist nur der Dachboden in dem Papa seiner Lebensgefährtin ihrem Haus (um mal wieder einen Genitiv zu bemühen, der die innere Verfassung recht treffend widerspiegelt).

Am Samstagmittag unterbreche ich das Gewerkel für ein paar Stunden, weil D. mich zu einer Gassirunde abholt. Eine Unternehmung, die quasi unter Praxiseinheit läuft, innerhalb des noch eher neuen Konzepts in meinem Leben, das da lautet: nicht mehr Durchrödeln an solchen Großkampf- und Erledigungstagen, lieber schon ein oder zwei Tage eher loslegen und dafür nicht mehr dieses Dauergerödel von morgens bis abends. Klappt gelegentlich schon ganz gut.

Es ist mild draußen. So mild, dass wir bei der großen Tour durch den Westpark, in dem es überall zu knopsen und zu sprießen beginnt, spontan ins Café „Gans am Wasser“ einkehren – das dortige Badewannenbankerl ist frei!

Erfrischt und erholt nachhause gekommen, noch schnell das Bad ausgeräumt, zu Abend gegessen und nach dem Abwasch die ellenlange Samstags-Liste gegen eine erfreulich kurze Sonntags-Liste ausgetauscht.

Unseren letzten gemeinsamen Abend zuhause verbringen wir damit, die leeren Räume mit den Stimmzetteln zur Kommunalwahl am 15. März auszulegen.
Gerade noch rechtzeitig vor dem Auswandern sind nämlich die Briefwahlunterlagen eingetroffen. Wir sind froh, ausnahmsweise mal zuhause mit diesen Ungetümen hantieren zu dürfen, denn an diesen kleinen Schultischchen, die üblicherweise in den Wahllokalen stehen, hätte man zumindest den Stimmzettel für die Stadtratskandidaten niemals so schön übersichtlich auffalten können wie in einer leeren 14m²-Diele.

Und es ist eh gut, etwas Ruhe und Raum zu haben, um seine Wahlentscheidung zu treffen, angesichts der Kandidatenvielfalt sollte das keinesfalls übers Knie gebrochen werden, schon gar nicht aus Platznot. Es dauert ein wenig, bis wir auf dem leintuchgroßen Stimmzettel unseren seit der morgendlichen Zeitungslektüre zum Favoriten erklärten Kandidaten finden können:

(aus: Süddeutsche Zeitung, Ausgabe vom 29.02.2020)

Dem muss inhaltlich erstmal einer das Wasser reichen können!
Aber nicht auszuschließen, dass noch wer auf die Idee kommt, den Verlauf des Oberjägermeisterbachs im Englischen Garten einer Dachshundsilhouette anzupassen oder den Eichenlaubkranz, den die Bavaria in der Hand hält durch einen Maßkrug zu ersetzen.

Wir werden die Entwicklungen vom Tegernseer Exil aus im Auge behalten, wo wir uns unter die letzten Schneemänner der Saison mischen.

Ihnen einen guten Start in den März & bis die Tage!