Ein Prosit aus dem Pustertal oder: Pecunia non gustat.

Beim, äh, von Vögeln gebraut – und auch preislich in luftige Höhen abgehoben…

…oder in der Variante für den anglophilen Scherzbold und Krösus sogar für acht Euro pro Flascherl feilgeboten – sbronzo!

Welch glückliche Fügung, dass wir die Brauerei „Pustertaler Freiheit“ direkt ums Eck haben…

…und zwar samt kleinem Shop, wo’s neben gutem und günstigem Weißbier auch die netten, herzerfrischend genderfreien Glaserl gibt…

…mit der Patrona Pusteria drauf, in aller Freiheit!

Man muss sagen: der rotweintrinkende Gatte kommt hier in Südtirol definitiv besser weg. Schade, dass ich dieses Histaminfeuerwerk einfach nicht vertrage.

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Der heutige Blogbeitrag muss an dieser Stelle leider etwas abrupt enden – bitte verzeihen Sie mir! – ich hätt‘ zu gern noch ein bisserl mehr zu Brauereikunst und Brauchtum gesagt.

Aber was ich noch schlechter vertrage als den Histamingehalt im Rotwein ist die Zwangsberieselung mit Pop-Classics, soft & instrumental („Up where we belong“, „Nothing compares to you“, „Bridge over troubled water“ usw.), von enervierenden Panflöten nachgespielt, mit der (sehr erfolgreich) sichergestellt wird, dass Hotelgäste nicht zu lange im hauseigenen SPA rumlümmeln und dort vor lauter Langeweile oder Erholung mit Wäsche um sich werfen:

Feindbild aller Hoteliers: Der Wäschewurf.

Als verschärfte Variante zum Panflötenterror gibt es mancherorts auch Rondo Veneziano in Endlosschleife, mit Lautsprechern in jeder (!) Sauna (im Ruheraum sowieso).

Kann uns nicht mehr passieren, denn das frag‘ ich bereits vor Buchung ebenso akribisch ab wie Art des Interieurs, Farbgestaltung, Verdunkelungsmöglichkeiten, Zimmerböden, Kopfkissengröße, Hundeaufpreis für Dackel und Frühstückszeiten. Ab sofort wird mein Fragenkatalog noch um die SPAnflöten ergänzt.

Nach sechs Bergtagen in Folge hätt‘ man halt heut einfach mal gern in Ruhe die Flossen hochgelegt.

Buona serata!

Die Darmspiegelung oder: A Rua is.

Nach etlichen Tagen des strohwitwernden Hundhabens hatte ich gestern meinen wohlverdienten hundefreien Tag.

Während der Erledigung diverser Arbeiten im Haushalt und am Schreibtisch beschloss ich, mir nachmittags einen Saunabesuch zu gönnen. Wärme und Ruhe täten dem entzündeten Ellenbogen, mit dem ich seit Wochen rumziehe, bestimmt mal ganz gut (und mir sowieso).
Ich fahre zu meinem Lieblingsbad, dem einzigen Münchner Bad, das ganzjähriges Open-Air-Schwimmen im 50m-Becken ermöglicht, um die Unternehmung gleich noch mit einer Runde Schwimmen kombinieren zu können und freue mich wie ein Schnitzel auf die vor mir liegenden 4 Stunden.

Beim Betreten des Bades fällt mein Blick auf eine Hinweistafel neben dem Eingang: „Heute ganztägig Damensauna“.
Nun gut, denke ich, wird schon gehen, so in der Vorweihnachtszeit, wo doch alle so vielbeschäftigt sind.

Ich bin kein Freund von diesen Frauentagen. Zwar bieten sie den Vorteil, sich unbehelligt von gelegentlich vorkommendem verstohlenen oder unverhohlenen Geglotze überall einseifen, abtrocknen und eincremen zu können sowie in der Sauna liegend ganz entspannt auch mit angewinkelten Beinen vor sich hin zu schwitzen ohne zuvor sorgfältigst den passenden Liegeplatz (und das Gegenüber) auszuwählen, aber das war’s dann auch schon mit den Vorteilen dieser Frauentage. Denn in erster Linie sind sie: überfüllte und laute Horte entgrenzter Schamlosigkeit.

Aufgekratze, kichernde Mädeltrupps, rudelweise ratschsüchtige, kiloweise mandarinenschälende Rentnerinnen und grimmig dreinblickende, männerfürchtende (und nicht selten für Männer zum Fürchten aussehende) Trullas aller Altersklassen bevölkern die Saunaanlage an diesen Frauentagen. Dazwischen vereinzelt ein paar Ruhesuchende oder aus Versehen Hineingeratene, verzweifelt nach Erholung suchend.
Es wird geschnattert, gefuttert, gebröselt, gegackert, geschmiert, gepeelt und geshaved, was das Zeug hält. Letzteres artet an diesen Tagen, an denen frau unter sich ist, völlig aus: Die Duschräume verkommen zu einem rutschigen Parkour durch glibberige Rinnsale aus wegrasierten Haaren aller möglichen und unmöglichen Herkunftsorte. Die albernsten Verrenkungen bei gegenüber oder nebenan Duschenden sind zu beobachten, und man darf schon froh sein, wenn einem nicht irgendein Schlonz, der gerade behände mit dem Lady-Shaver vom Nachbarbein abgezogen wird, an die eigene Wade spritzt. Ein Treiben, dem ein paar im Duschraum anwesende Männer sofort Einhalt zu gebieten wüssten – durch ihre bloße Präsenz würden die sich im Herumwerkeln krümmenden Leiber sofort wieder aufrichten, den Rasierer dort lassen, wo er hingehört (unter der heimischen Dusche) und sich stinknormal waschen.

Gestern scheint es zunächst so, als könne ich diesen Szenarien entkommen, denn anhand der noch freien Garderobenschränkchen stelle ich aufatmend fest: Allzu voll ist es noch nicht. Prima. Genüsslich breite ich mein Badetuch in der Sauna aus. Nur eine Frau dampft eine Etage über mir vor sich hin. Ich strecke mich aus und schließe die Augen. Sekunden später fliegt die Tür auf und Elvira tritt ein, als diese wird sie umgehend und lautstark von der über mir Schwitzenden – Margot heißt sie – begrüßt.
Die beiden beginnen einen dieser Saunadialoge, bei dem man Hoffnung auf ein schnelles Ende hegen kann.
Elvira: „Sakradi, is des wieda hoaß da herin!“
Margot: „Ja, es san weit über 90 Grad heid!“

Leider kennen sich die beiden offensichtlich schon länger, so dass diese Hoffnung sich alsbald zerschlägt. Es geht zunächst um Weihnachten und wer wo eingeladen ist oder welchen Besuch erwartet und was es zu Essen geben soll oder ja nicht schon wieder geben darf. Dauer dieser Sequenz: ca. 3 Minuten. Die Lautstärke steigert sich bei jedem Satz, was auch daran liegen mag, dass Margot sich währenddessen angestrengt schnaufend mit einem Sisalhandschuh den Schweiß abbürstet.
Das nächste Themenfeld ist das jeweilige Befinden, resp. Krankheiten. Elvira und Margot dürften, in der schummrigen Gnade des Saunalichts betrachtet, wohl um die Ende 60 sein, demnach gibt es da natürlich Einiges mitzuteilen. Rücken, Knie und Hüfte lasse ich noch tapfer über mich ergehen. Dann aber rückt Margot damit raus, dass ihr noch vor Weihnachten eine Darmspiegelung bevorstünde. Wegen dieser Sache am Dickdarm, woaßt scho, und weil die eine Behandlung ja nicht angeschlagen habe, „da will da Doktor doch nochamal genauer hischaun“, ihr tät‘ es jetzt schon grausen vor der Abführerei. Elvira antwortet, wie es so typisch ist für diese Gespräche, in denen jeder nur seins loswerden will, mit der Story zu dem Furunkel, den sie neulich am Steiß gehabt habe und wie langwierig das gewesen sei und das Aufschneiden ja so schmerzhaft (die Narbe bis heute eitrig und nässend).

Da reicht es mir. Ich richte mich auf und sage höflich, aber bestimmt zu den beiden, dass ich es schön fände, wenn sie ihre Unterhaltung draußen fortsetzen könnten, dabei deute ich auf ein hinter Elvira hängendes Schild, das dort schon seit Jahren stumm und vergeblich um Ruhe zu bitten versucht. Ein bajuwarisches Donnerwetter – noch heftiger als Darm-Malaise und Furunkel-Eiter – ist die Quittung dafür. Was mir einfiele, wo wir denn da hinkämen, wenn man sich in der Sauna nicht mehr unterhalten dürfe, warum mich das überhaupt störe und dass sie sich unterhalten würden, wo immer sie möchten.
„Mir red’n da herin seit 40 Jahr‘ und wenn eana des ned bassd, dann gehns hoid aussi!“

Ein Wort gibt das andere, bis ich mich schließlich erhebe und die beiden keifenden Weiber, die mich mittlerweile wegen meines Nicht-Dialekts als Zugroaste, die da herin eh nix verlorn hat beschimpfen, mit ihren Gebrechen in der Hitzekammer hocken lasse.
Ich gehe Schwimmen, extra lang, denn im Wasser ist es still, herrlich still. Einer der Gründe, weshalb ich das Schwimmen so liebe: Diese Ruhe, dieser Rhythmus, das Monotone, die Schwerelosigkeit.
Das nächste Mal, denke ich beim Bahnenziehen, gehe ich wieder an gemischten Tagen in die Sauna oder aber in Begleitung einer Freundin, mit der es sich zwischen den Saunagängen ebenfalls ratschen lässt, denn anders ist das ja nicht zu ertragen. Eigentlich wird es höchste Zeit, mal Freunde zu finden, die ein Eigenheim mit einer Sauna im Keller haben.

Auf dem Rückweg vom Becken zum Saunabereich laufe ich meinem Lieblingsbademeister über den Weg, Typ Bayrischer Bruce Willis in den 40ern. Er hat heute Saunameisterdienst, ist auf dem Weg zum stündlichen Aufguss. Wir unterhalten uns ein bisschen, ich berichte ihm von meinem Erlebnis mit Mrs. Darm und Mrs. Furunkel. Er sagt daraufhin, dass er diese Frauentage auch nicht leiden kann, den Krach, den Trubel, die Brotzeitorgien überall. Wir gehen gemeinsam zur finnischen Blockhaussauna. Er öffnet die Saunatür, hievt seinen Holzkübel mit dem Eukalyptusöl drin Richtung Saunaofen. Dort sitzen in vorderster Reihe – aufgusserwartend und natürlich ratschend – Elvira und Margot. Als sie Bruce Willis erblicken, der wegen der mörderischen Hitze beim Aufguss nur mit einem Lendenschurz bekleidet ist, geifern sie sofort los. „A Mo in der Sauna – am Damentag! Des geht fei überhaupts ned!“. Beschweren müsse man sich da, schließlich wolle man unter sich sein, da müsse eine Frau den Aufguss machen.

„A Rua is!“ schnautzt Bruce Willis in die Runde, „und wem’s ned bassd da herin, der soll si verzupfn.“ Sprach es und haut mit seinem tätowierten, muskulösen Arm drei Schöpfkellen Eukalyptusbrühe auf die heißen Steine, packt das über seinen breiten Schultern baumelnde Handtuch und fächert mit geräuschvollen Wedelbewegungen den aufsteigenden Dampf durch den Raum. Japsend und fluchend flüchten Elvira und Margot nach draußen, ich strecke mich auf der Holzbank aus, schließe die Augen und inhaliere den befreienden Duft.

Endlich is a Rua da herin.

Bron. Bastun. Bålen.

Gefunden! Den Platz in Malmö, an dem sich alles vereint, was mich froh macht:
„Ribersborgs Kallbadhuset“.

Ein kleines Paradies am Ribersborgstrand, zwischen den beiden Wahrzeichen von Malmö – Öresundbrücke und Turning Torso – positioniert und selbst eine der beliebtesten Freizeitattraktionen der Stadt.

Seebrücke zum Kaltbadehaus.

Naja, das 1898 erbaute Badehaus könnte meinetewegen gern „Varmbadhuset“ heißen, denn das „kall“ war leider keine Übertreibung – mit 17 Grad ist das Meer gestern doch etwas frisch gewesen.

Wenn man sich vorher und nachher in der Sauna aufwärmt und nicht vorhat, 2.000 Meter zu schwimmen, geht es schon.

Die „Bastu“ (Sauna)

Nie bin ich mit schönerer Aussicht geschwommen:
Linker Hand die Öresundbrücke…

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Schwimmen im Öresund

…zur Rechten den Turning Torso…

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Malmös Wolkenkratzer

… und gegenüber die schemenhafte Silhouette von Kopenhagen…

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Alter Schwede!

…oder von Arvid, Erik oder Olle, beim Sonnenbaden auf der Schwimminsel. Die im Übrigen der einzige Ort ist, an dem sich Männer und Frauen treffen könnten, denn im Ribersborgs Kallbadhuset wird getrennt sauniert und gebadet (dafür nackt, was des Schwedens Sache sonst nicht ist).

Den verbadeten Nachmittag anschließend im „Salt & Brygga“, einem Lokal am Rande des Viertels Västra Hamnen, in dem Saga Norén wohnt, mit einem frühen Abendessen ausklingen lassen.

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Die Brücke: immer im Blick.

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Für die Kraulquappe ist das: Glück.