Erinnerungen an Orville.

Auf dem frühmorgendlichen Weg zur Blutabnahme eine neue Spezies entdeckt: den urbanen, pandemischen Blauschnabelalbatros (lat.: Diomedea coronara urbana), Vertretern meiner Generation noch als gelbschnabeliger Orville ins Gedächtnis eingebrannt.

 

Die beiden Sätze des Tages: „Wie aus dem Lehrbuch, Ihre Leber, sehr schön!“ und „Was für eine zartwandige Gallenblase!
Trotz leichter Angst wegen des Rollvenenzirkus‘ (die Sprechstundenhilfe blickt auf den abgebundenen, fleißig faust-pumpenden rechten Arm und meint: „Also da sehe ich schon mal gar nichts.“, wenig später fügt sie hinzu: „Und da fühle ich auch gar nichts.“), etwas Schwummrigkeit wegen Morgennüchternheit und einem Blutdruck von 68:47 freut einen das.
Auf Ersteres wird gleich heute Abend mit einer TAP7-Weißen aus dem Hause Schneider angestoßen.

Alles Weitere bleibt abzuwarten (so lange drei Tage Mittenwald auf die Weise machbar waren wie letzte Woche, kann die Lage nicht dramatisch sein, sag ich mir) – wir lenken uns derweil hervorragend mit etwas Vermieterkorrespondenz, der Kammerjägerterminkoordination (Highlight: auch Lolek wird bei dem Termin zugegen sein, wegen der Öffnung von Steckdosen und Schaltern) sowie einer kleinen Ausfahrt anlässlich des heutigen Geburtstages der Hundedames des hübsch Bewimperten ab.

Das Dackelfräulein lernt das Teilen – mit ihrer Rückbank klappt das auch schon.

Intradomalfauna oder: Mit IPM gegen die Psocoptera.

Liebe Leserinnen und Leser,

na, verstehen Sie etwa nur Bahnhof, wenn Sie die Beitragsüberschrift so lesen?
Wenn ja, dann möchte ich Sie ganz herzlich einladen: Tauchen Sie mit mir nicht nur virtuell in die wiedereröffneten Schwimmbecken ein, sondern auch in ganz neue Sphären!

In diesem Blog ist ja – wie Sie natürlich längst bemerkt haben – doch eine gewisse thematische Vielfalt geboten: von den Abenteuern des schönsten Münchner Dackelfräuleins, über Touren durch die schönste bayrische Bergwelt, Langzeitstudien zu bernsteinfarbenen Biersorten, wortreiche Berichte über Wasserfreuden aller Art (indoor & outdoor), Baustellen aller Größenordnungen (inside & outside), Beziehungen zu menschlichen und tierischen Gefährten, Szenen einer Ehe mit einem Wissenschaftler, Entstehung von polnisch-deutschen Freundschaften, Episoden düster-russischer Matrjoschkaerinnerungen und parkinsongeplagter Papaerlebnisse bis hin zu zahlreichen Ausflugstipps zwischen Garmisch und Gotland – die bunten Alltagsbeobachtungen und abwechslungsreichen Exkursionen in die Tiefen der Brucologie nicht zu vergessen.

Trotz der diversen Herausforderungen in Zeiten von Corona und des Lebens an sich wollen wir nicht nachlassen und Sie auch weiterhin mit einem breiten Spektrum an Themen versorgen.

Heute: Die Intradomalfauna.

Ich habe das Wort heute Morgen zum ersten Mal gelesen und dank leidlich vorhandener Lateinkenntnisse und seiner Verortung auf einer Internetseite, die sich mit Schädlingsbefall befasst, auch augenblicklich verstanden.
Mit Intradomalfauna sind all jene häuslichen Mitbewohner gemeint, zu denen man in keinerlei verwandtschaftlichem Verhältnis steht, mit denen man die Wohnung ungern sowie unfreiwillig teilt und deren Vorhandensein mittelfristig inakzeptabel ist, erst recht, wenn man seinen Wohnraum nicht für ’n Appel und ’n Ei oder für umme überlassen bekommt, sondern für ein allmonatliches kleines Vermögen.

Weil sich Intradomalfauna gleich viel weniger ekelhaft anhört als Schabe, Silberfisch, Speckkäfer oder Staublaus, habe ich diesen neu entdeckten Begriff sofort in meinen aktiven Wortschatz integriert.
Wie Sie ja wissen (und wenn nicht: wir berichteten hier), hatte sich im Nachgang der Wasserschadensanierungs- und Badrenovierungs-Ära unsere Intradomalfauna ein klein wenig verändert.

Mitte Mai nämlich zog die Staublaus bei uns ein und lebt mittlerweile (Stichwort: Familiennachzug) in einer Mehrgenerationen-Population in unserem neuen Badezimmer (ausschließlich an einer Wand) und im angrenzenden WC (auch dort vorwiegend auf der dem Bad zugewandten Seite).

Staubläuse (lat.: Psocoptera) gehören zoologisch gesehen zur Ordnung der hemimetabolen Insekten mit weltweit über 4.000 Arten [Anm. d. Red.: krass, oder?]. Ihr 1–7 mm großer, verschieden gefärbter, weichhäutiger Körper gliedert sich in einen großen, halbkugeligen Kopf, einen Brustabschnitt und einen sackförmigen Hinterleib. Der Kopf trägt seitlich liegende, bei vielen Arten nur schwach entwickelte Komplexaugen [Anm. d. Red.: auch ein schöner, neuer Begriff – „Komplexaugen“] sowie fadenförmige, aus bis zu 50 Gliedern bestehende Fühler [Anm. d. Red.: Pfui Deifi & gut, dass die eigene Sehkraft schon etwas nachgelassen hat]. Der Brustabschnitt trägt außer den 3 Paar Beinen 4 einfach geäderte, verschieden gefärbte Flügel, die während des Flugs zur funktionellen Zweiflügeligkeit verhakt [Anm. d. Red.: „zur funktionellen Zweiflügeligkeit verhakt“ – lassen Sie sich diese wunderbare Formulierung auf der Zunge zergehen und assoziieren Sie nach Herzenslust, einfach so, als Phantasiereise!] und in der Ruhe dachförmig über den Hinterleib gelegt werden können [Anm. d. Red.: in meinen Augen ist das pure Poesie].
Häufig (besonders bei Weibchen) sind die Flügel reduziert; auch voll geflügelte Arten bewegen sich hauptsächlich laufend fort [Anm. d. Red.: und zwar ziemlich flott, beinahe flotter als Sie mit dem Lappen hinterherkommen]. An der Unterseite des 9. (Männchen) bzw. 8. (Weibchen) Hinterleibsegments liegen die Geschlechtsöffnungen. Der Kopulation geht eine Art Balz voraus [Anm. d. Red.: hier sind offenbar nahezu alle Lebenwesen ähnlich gepolt]. Die Weibchen kitten die 20–100 Eier auf die Unterlage [Anm. d. Red.: also unseren neuen Waschtisch]; das Gelege wird oft noch mit einem Gespinst versehen [Anm. d. Red.: Gespenster haben wir noch keine gesehen]. Die sich hemimetabol entwickelnden Larven ähneln in Aussehen und Lebensweise den Imagines [Anm. d. Red.: alles klar!].
Die Staubläuse ernähren sich vor allem von Algen, Pilzen und Flechten; sie bevorzugen daher feuchte Lebensräume [Anm. d. Red.: Zefixnochamal, Scheißwasserschaden und überhaupt reicht’s jetzt langsam mit dem ganzen Gschiss da herin!].

Im Sinne der konsequenten Umsetzung unserer bloginternen Sprachhygienemaßnahmen wird hier ab sofort nur noch von Psocoptera die Rede sein, wenn ich konkreter über unsere Intradomalfauna berichte. Gewöhnen Sie sich also bitte gleich auch an diesen Begriff (und sollten Sie es je selbst damit zu tun bekommen, was ich Ihnen keinesfalls wünsche, könnten Sie mit dem Vokabular immerhin sofort Eindruck schinden bei Ihrem Hausverwalter/Vermieter, da kommen Sie nämlich gleich viel kompetenter rüber als wenn Sie nur ein angewidertes „Wir haben seit der Sanierung Staubläuse in der Bude!“ vom Stapel lassen).

Im Laufe der letzten Wochen habe ich nicht nur unseren Vermieter über den Zuzug der Psocoptera informiert, wie man das ja als braver Mieter bei jeglicher Art von Untervermietung der Mietsache zu tun hat, sondern auch eine neue Tätigkeit in meinen Alltag integriert: ich rücke den Psocoptera nun täglich 2-3x zu Leibe, damit sich auf der Waschtischplatte und den beiden betroffenen Wänden keine größeren Versammlungen bilden können, sondern nur ein paar Kumpels mit ihren Kumpels beisammen sitzen oder gemeinsam herumkrabbeln.

Zum ersten Kaffeehaferl bereitete ich mich heute Früh auf den Termin mit dem Mitarbeiter der Firma Schaden365 vor und las mich ein wenig in die Genealogie der Psocoptera ein. Man muss ja entsprechend stotterfrei und im Fachjargon argumentieren können, sonst nehmen einen diese Professionisten ja nicht ernst.

Etliche Feuchtigkeitsmessungen – denn die Psocoptera siedeln sich ja ausschließlich in feuchten Materialien und Baustoffen an – wurden durchgeführt, nicht nur an den „befallenen“ Stellen, sondern auch an benachbarten Wänden und angrenzenden Decken.
Das Ergebnis? Der Fachmann war ratlos. Alles ist trocken!
Wo also kommen sie her, die Viecherl, und wovon ernähren sie sich?

Er fertigte sodann mehrere Beweisfotos von den umhereilenden Psocoptera an, bestaunte ausgiebig meine neueste Versuchsanordnung (luftdicht abgeklebte Dreifachsteckdose an neu verfliester Wand über dem Waschtisch, weil ich genau hier die Keimzelle des Grauens vermute, und siehe da: hinter der Folie lungern mittlerweile Dutzende erstickte Psocoptera herum) und war ganz aus dem Häuschen als er die kleinen grauen Leichen mit Taschenlampe und Lupe genauer in Augenschein nahm.

Mit dem Versprechen, seinen Bericht noch heute dem Vermieter zukommen zu lassen, verabschiedete er sich schließlich.

Weil ich keinem Handwerker außer Lolek traue, schrieb ich unserem Vermieter nach dem Termin auch selbst noch einen Bericht. Ein paar Stunden später traf erfreulicherweise bereits eine Reaktion ein: Unser Einverständnis vorausgesetzt würde er umgehend die Firma Biebl & Söhne beauftragen, sich der Angelegenheit anzunehmen.

Der Firmenname suggeriert zwar ein gewisses Gottvertrauen, dennoch googelte ich den Betrieb. Und schon wieder betrat ich eine neue Welt: die der Schädlingsbekämpfung (hieß das nicht früher mal Kammerjäger?).

Leckomio, uns steht also in Kürze der Besuch eines IPM-Beauftragten bevor!
Und Integrated Pest Management – das klingt irgendwie gar nicht mehr nach Kindergeburtstag oder Begutachtung der Psocoptera im Scheine einer kleinen Halogen-Stabtaschenlampe. Aber immerhin bewegt sich das Tun der Bieblsöhne offenbar noch im Rahmen der gültigen Gesetze und der GHP, was auch immer dieses Akronym bedeutet.

Neue Lieblingsbegriffe nach Lektüre der Startseite von Biebl & Söhne: Verbergungsräume und Monitoringstation.

Ich stelle mir das in etwa so vor: Unser Bad und WC wird recht bald nach dem Erstbesuch des IPM-Beauftragten mit zig Überwachungskameras ausgestattet, zuvor hat man natürlich, um die winzigen Sichtgeräte überhaupt einbringen zu können, die Silikon- und Epoxidzementfugen an mehreren Stellen aufgebohrt, um hinter die Kulissen gucken zu können, quasi in den Brutkasten und die Geheimgänge der Psocoptera, im Fachjargon Verbergungsräume genannt. Der Biebl & Söhne-Mitarbeiter installiert uns auf einem Leih-Tablet ein System, mit dem wir uns jederzeit in eine beliebige der knapp 100 Kameras einwählen können, um das Geschehen live zu beobachten, zusätzlich stehen uns diverse Statistik- und Analyse-Tools zur Verfügung, mit denen wir die Lebensgewohnheiten unserer Psocoptera en detail kennenlernen können: Wann stehen sie auf, wann putzen sie sich die Zähne, wann beginnen sie ihr Tagwerk, wann machen sie Mittagspause und Feierabend, welches Familienmitglied ist fürs Müllruntertragen zuständig und welches für die Umsatzsteuervoranmeldung, machen sie auch Urlaub, schlafen sie getrennt oder im Rudel, welchen Hobbys gehen sie in ihrer Freizeit nach, gibt es religiöse Praktiken, glauben sie an die Demokratie oder daran, das Bill Gates demnächst ihren schönen, freien Psocoptera-Staat auflösen und sie alle zu Impfungen verpflichten wird, die ihre zarten Körper verseuchen werden?

Bleiben Sie also dran & freuen Sie sich schon heute auf die nächste Folge von „Psocoptera privatissime“, denn dann geht es richtig zur Sache!
Um die Wartezeit sinnvoll zu überbrücken, empfehle ich Ihnen das Bilderbuch auf der Homepage von Biebl & Söhne – ein ganz entzückendes Album, das dem interessierten Kunden dort völlig unentgeltlich präsentiert wird.

Einen erfreulichen Dienstagabend und eine ebensolche weitere Woche wünscht Ihnen –
Ihre Kraulquappe.