Auferstanden.

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Wenn man das Nutellaglas Konfitüreglas eines Morgens nur noch unter Schmerzen öffnen kann und irgendwann selbst das Betätigen einer Taste auf der Fernbedienung der Liste unbedingt zu vermeidender Bewegungen mit dem rechten Arm hinzugefügt werden muss, ist es an der Zeit, sich doch mal der Bedienungsanleitung des Elektrostimulationsgerätes zu widmen, das einem der Orthopäde vor 14 Tagen verordnet hat und das seit einer Woche unberührt und originalverpackt hier herumliegt.

Ein mühevolles Stündchen der Lektüre und des Zusammenpopelns und -steckens der einzelnen Gerätebestandteile später erweist sich das dann als sehr feine Sache.
Die Elektroden jagen einen Strom durch den Ellenbogen, dass es nur so bitzelt! In der Anleitung steht, man solle ruhig ein wenig herumexperimentieren, bis die passende Stromstärke für die optimale Stimulation gefunden ist. Yeah, das fetzt- und zwar so richtig!
Aber man muss schon auch Obacht geben, dass man die Kiste nicht so doll aufdreht, dass einem die Tränen in die Augen schießen. Wahrlich genug geheult in letzter Zeit.

Morgen probier‘ ich noch den coolen Gürtelclip zum Gerät aus, der Haushalt geht dann so elektrostimuliert sicher leichter von der Hand und manch anderes vielleicht auch.

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Durch die vormittäglich hektische Innenstadt haste ich zu einem Termin bei meiner Zahnärztin.
Spät dran bin ich, die U-Bahn ist schuld. Plötzlich ein Stau auf dem Bürgersteig. Eine Taube hält mich und andere Eilige auf. Sie hockt behäbig mitten auf dem Weg, ungehalten machen die Passanten einen Bogen um sie, links herum oder rechts herum oder über sie hinweg.
Manch einer tritt nur haarscharf nicht auf sie drauf.

Auch ich will ansetzen, der Taube auszuweichen, in dem Moment begegnen sich unsere Blicke. Aus ihren trüben Knopfaugen sieht sie zu mir hoch und erst jetzt fällt mir auf, wie zerzaust und verklebt ihr Gefieder ist. Schwerfällig tippelt sie auf der Stelle und pickt mit großer Mühe auf dem kalten Asphalt nach fiktiven Krumen, sucht nach irgendetwas Fressbaren. Es schnürt mir das Herz zu, weil ich begreife, dass ihr Schicksal längst besiegelt ist. Ihr Picken gleicht dem Ticken einer Uhr, die Zeit läuft gegen sie, das letzte Stündchen ist nicht mehr weit (ob sie um die Sinn- und Ausweglosigkeit ihrer Existenz wohl weiß?).

Ich zwinge mich weiterzugehen (der Zahnarzttermin!), drehe mich aber noch zweimal nach der Taube um. Wie kläglich sie da sitzt, wie verzweifelt und wie schwach. Zwei annähernd gleich starke Impulse in meiner Brust: In die nächste Bäckerei gehen und ihr eine Semmel kaufen, nur für sie allein! – oder sie umgehend erlösen von diesem Leben, das keines mehr ist und auch nie mehr eines sein wird. Für das eine fehlt mir die Zeit, für das andere der Mut.

Im Wartezimmer angekommen ist mir nach Weinen zumute, aber auch daraus wird nichts, da S., die professionelle Zahnreinigerin, mich unmittelbar nach meiner Ankunft ins Behandlungszimmer zitiert.

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Die nette Tierärztin geht den langen Klinikflur entlang und nähert sich dem Wartezimmer.
Weil sie auf einem Auge nach außen schielt und man von Termin zu Termin leider stets wieder vergisst, welches das schielende Auge ist, weiß man nie, wann man sich von ihrem Blick nun gemeint fühlen soll oder nicht.
Ich bilde mir ein, sie schaut längst zu uns herüber. Und sie blickt ernst drein, womöglich sogar sehr ernst. Das Herz rutscht mir in die Hose, das zitternde Hündchen (so klein zusammengerollt wie sonst nie!) auf meinem Schoß haltend, der Gatte neben mir zwar ein Ruhepol, aber das hilft jetzt rein gar nichts. Nicht in einem Moment eines vermeintlich ernstes Blickes einer Tierärztin, die uns gleich den histologischen Befund mitteilen wird.

Sie begrüßt uns und fordert uns auf, ihr zu einem Behandlungszimmer zu folgen. Als ich aufstehe, hat eines ihrer Augen offenbar die Herpesinvasion auf meiner Oberlippe erspäht und das andere mein blasses Gesicht registriert. Sie lächelt mich an und sagt: „Es ist alles in Ordnung!“

Das Dackelfräulein hat eine virale Plaque und eine Warzenneigung. Die Narbe verheilt gut, den Verband muss sie nicht länger tragen und in Kürze darf der Hinterlauf auch wieder das tun, was ein Dackelhinterlauf tun will: Sich abstoßen, um zu sausen, sich fest ins Erdreich stemmen, wenn mit den Vorderpfoten gegraben wird, durchs Wasser strampeln, um die Frisbeescheibe aus dem Fluss zu herauszufischen, morgens rüpelhaft gegen meine Rippen treten, um sich unter der Decke besser umdrehen zu können.

Es ist alles in Ordnung.

Als wir 20 Minuten später durch die Schiebetür ins Freie treten, bricht eine Tränenlawine aus mir heraus, das ganze verdammte Warten donnert hinab auf die Pflastersteine vor dem Klinikeingang.

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Wie auferstanden fühle ich mich.

Frohe Ostern wünscht Euch –
Die Kraulquappe.

Verschwitzt oder: Die Gletscherspalte.

„Du schaffst das schon“, meinte er damals zu mir, als ich mich auf den Weg machte, alleine die Alpen zu überqueren, „und wenn nicht, dann hol‘ ich dich eben ab, in welcher Gletscherspalte auch immer du hängst.“

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Heute sind das Dackelfräulein und ich auf den Riederstein gestiegen, um die Grödel und die Winterwanderhose einem ersten Härtetest zu unterziehen.

Auf dem Riederstein war ich bislang nur ein einziges Mal, mit dem Papa, als er noch fit war und ich noch keine Lust auf Bergtouren an freibadtauglichen Sommertagen hatte und daher mürrisch hinter ihm bergauf schnaufte. Rund 30 Jahre sind seitdem vergangen.

Vom südlichen Ortsende in Tegernsee brechen wir bei zähem Nebel auf…

…und ich wundere mich, wie der Papa morgens am Telefon behaupten konnte, im Tegernseer Tal schiene die Sonne…

…doch schließlich behielt er recht, wenn auch erst jenseits der 1.000 Höhenmeter.

Pippa kriegt sich nicht ein vor Freude, sobald sie Schnee unter den Pfoten spürt…

…und fliegt geradezu aufwärts, so dass man kaum hinterherkommt.

Folglich ist sie als Erste oben auf dem Gipfel…

…der eine kleine Kapelle mit Aussichtsbank beherbergt…

…von wo aus sich ein bombastischer Blick auf die Tegernseer Berge bis weit nach Tirol hinein auftut…

…nur der See ist komplett bedeckt von dem flauschigen Wolkenteppich.

Ich bin verschwitzt und etwas außer Atem (das Hinaufstapfen durch den Schnee strengt gewaltig an), aber das Dackelchen findet das Panorama völlig unerheblich und drängt schon bald ungeduldig zum Aufbruch.

Beim Abstieg rasten wir ausgiebig auf der Galaun, spielen Wurststückchensuchen im Pulverschnee…

…kehren auf ein Haferl Kaffee samt Kuchenstück in der Hütte ein…

…und ich versinke in einer Mischung aus Demut und Dankbarkeit: für diesen Tag, für die wärmende Sonne und den Kaffee, für das neue Equipment und für meine kleine, fröhliche Begleiterin.

Anschließend besuchen wir den Papa in Rottach-Egern.
Er ist recht angeschlagen zur Zeit. Schaut sich die Fotos von unserem Winterwanderglück an und seufzt ein bisschen. Die Berge sind für ihn nur noch Kulisse, der Parkinson und andere Beschwerden fesseln ihn ans Tal und mehr und mehr auch ans Haus. Das schmerzt, wenn man Jahrzehnte lang so gern gewandert ist, aber der Schmerz über den geschrumpften Aktionsradius ist mittlerweile einer unter vielen geworden, und beileibe nicht der größte.

Während ich unter die Dusche springe, fängt er an, in der Küche zu werkeln. Schnippelt Zuckerschoten klein, mariniert das Fleisch, pinselt den Wok mit Sesamöl aus. Als ich wieder dazukomme, rührt er gerade Pippas Futter um, Karotten und Fleisch sollen vermischt werden. Seine Hand zittert, die Bewegungen sind fahrig und zäh, die Gabel pflügt ungelenk durch die Schüssel.
Stets muss ich mir auf die Lippen beißen, wenn ich ihn so sehe. Immer hatte er alles im Griff – im Job, in der Freizeit und besonders in der Küche – und nun fordert eine Kleinigkeit wie Umrühren seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit. Und obwohl dieser Prozess nun schon seit 5 Jahren voll im Gange ist, sträuben sich in mir immer noch eingebrannte Bilder und Erinnerungen aus 40 Jahren dagegen, die Realität endlich als solche anzuerkennen.

„Hast du schon auf dein Konto geguckt?“, fragt er.
„Ja“, sage ich, und füge hinzu, dass ja noch gar nicht Weihnachten sei.
„Aber du gehst doch jetzt in die Berge und nicht erst nach Weihnachten“, entgegnet er, „also besorg‘ dir bitte neue Stöcke und den Rest hebst du auf für die kleine Operation von Pippa.“

Beim Abendessen erzählt er mir, dass er neulich zum ersten Mal in seinem Leben einen Termin verschwitzt hat. Dabei hätte er den Termin doch notiert gehabt. An zwei Stellen sogar. Das beschäftigt ihn schwer. Er, der immer pünktlich war und dem nie etwas durch die Lappen ging. Ob er sich künftig etwa einen Zettel schreiben müsse, auf dem er vermerkt, dass er sich bereits Listen zu den anstehenden Erledigungen angefertigt hätte.
Er versucht, dem Ganzen mit den verbliebenen Resten seiner rheinischen Frohnatur einen galgenhumorvollen Anstrich zu geben, ich lache ihm zuliebe, spiele mit bei dem Gag, und empfehle ihm die gelben Haftnotizen wiederzubeleben, die er früher ergänzend zu seinen Listen (quasi als Meta-Liste) an Türrahmen klebte oder an innen an seine Haustür (damit ihn die Ermahnung rechtzeitig vor Verlassen der Wohnung anspränge). Er lacht zurück, Sekunden später fallen ihm unvermittelt die Augen zu, der Kopf sinkt Richtung Brustkorb, für einen Augenblick befindet er sich im Nirwana der Nebenwirkungen seiner täglichen Dopaminzufuhr, kurz darauf schaut er mich an und will wissen, ob er mal wieder kurz weg gewesen sei.

Als ich am späten Abend über vereiste Landstraßen und durch dichte Nebelschwaden nachhause fahre, muss ich heulen, weil mir plötzlich jener Satz einfällt, den er vor vielen Jahren zu mir sagte, als ich noch die Unsichere war und er der Fels in der Brandung: „Du schaffst das schon, und wenn nicht, dann hol‘ ich dich eben ab, in welcher Gletscherspalte auch immer du hängst.“
Er, der immer für alles eine Lösung wusste und mir immer das Gefühl gab, ich sei ebenso stark wie er (was er, wie ich heute weiß, gar nicht immer war, aber er strahlte es aus und ich glaubte daran), ist in den letzten Jahren langsam, aber unaufhaltsam ein anderer geworden.

Ich wünschte, nun könnte ich ihm mal ein „Du schaffst das schon“ mitgeben, aber es wäre nicht glaubhaft, denn wir wissen beide, dass wir schon froh sein können, wenn seine gesundheitliche Lage stagniert.
Und was die Gletscherspalte angeht: Er wird es nicht mehr sein, der mich dort rausholt, sollte ich da je hineingeraten.

Es fühlt sich beklemmend an, wenn eine Ahnung zur Gewissheit wird, selbst wenn man schon immer um die Metapher in diesem Part des väterlichen Satzes wusste und auch nicht ernsthaft auf Gletschern herumzuturnen gedachte.