Auferstanden oder: Notate zur Osternacht.

Der wegen der Megaprellung am Knie verschobene Geburtstagsausflug des Gatten führt uns erst dienstags an die Osterseen, was wir ohnehin für geschickter halten, als dort am Wochenende aufzukreuzen. In dieser Annahme (sowie in unserem schon vor Corona praktizierten Konzept, beliebte Ausflugsziele samstags und sonntags zu meiden) fühlen wir uns direkt beim Eintreffen auf dem Parkplatz doppelt und dreifach bestärkt. Auf der weitläufigen Runde verläuft es sich zwar gottseidank ziemlich, die meisten gehen eh nicht die kompletten 10 Kilometer. Mein verunfalltes Knie plädiert für ein eher gemächliches Tempo, das Fräulein begrüßt das ebenfalls, weil so mehr Zeit und Gelegenheit für Pferdeäpfeldegustationen und Pfotenabkühlungen bleibt. So vergeht ein halber Tag mit Wandern, Schauen, Rasten, Essen und Trinken, sonnensatt kehren wir in die Stadt zurück, in der am frühen Abend das Leben tobt, als gäbe es kein Corona oder kein Morgen.

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Tags drauf bekommt das Fräulein ihre jährliche Impfung, die Tierärztin tastet zuvor nochmal den gesamten Dackelunterboden ab, an dem Ende letzten Jahres plötzlich zwei Knötchen zu spüren (und auch zu sehen) waren, und findet – genau wie wir – nichts mehr.
Schon klar, dass damit das Thema Mammatumoren leider nicht für alle Zeiten vom Tisch ist, aber diese Erfahrung, dass sich etwas, bei dem zwei Tierärzte mit ernster Miene den Verdacht auf ein Karzinom in den Raum stellten, schlussendlich als das seltene Phänomen einer Milchverkapselung entpuppt, lässt einen einfach nur aufatmen.
Dass man das durchgestanden hat: das Abwarten, das Bangen, das Hoffen darauf, dass das Ganze doch noch eine positive Wendung nehmen würde… Meine Güte, so ein Glück!

Der Tegernsee erscheint mir nach diesem Termin gleich noch glitzernder als sonst, die Zitronentarte, die ich mir auf Gut Kaltenbrunn gönne, weil das teure Parkticket dort zu 100% auf den Verzehr einer Togo-Köstlichkeit angerechnet wird (mia verschenkn nix!), schmeckt nach Frühling und nach Leichtigkeit, obwohl sie sicher ordentlich Kalorien hat. Wurscht!

Die Freude über den Gesundheitszustand des kleinen Hundes tunkt den gesamten Tag in zitronengelb, lindgrün und azurblau, die 50er-Sonnencreme im noch von der letzten Bergtour ramponierten Gesicht duftet bereits verheißungsvoll nach Sommer, der freilich noch auf sich warten lassen wird, denn auf den Bergen am südlichen Seeufer fahren sie schließlich noch auf Skiern bis ins Tal hinab.

Pippa plantscht vergnügt im See, verbuddelt ihren Ball im Sand, ich fotografiere sie, den See, den Gutshof und schicke die Bilder der Schweizer Freundin, die vor langer Zeit, als mein petrolfarbenes Kleid mit dem Paisleymuster noch halbwegs modern war, hier am Vorabend ihrer Hochzeit herumpolterte, wenn ich mich recht erinnere, denn ich kam erst am Tag drauf zum Standesamt nach Wiessee.

Eine ähnliche Erleichterung beschert mir eine Neuigkeit, die der Papa mir mitteilt: er hat seinen Impftermin erhalten. Und freut sich, dass ich gleich vorbeikomme, damit wir gemeinsam darauf anstoßen können. Es ist der erste Nachmittag in diesem Jahr, den wir auf der Terrasse verbringen können, mit Shorts, Sonnenschirm und Sorbet.

Und es ist auch der erste Abend in diesem Jahr, an dem der Papa wieder Lust hat, selbst ein tolles Essen zu kochen. Wir machen das allererste gemeinsame Selfie unseres Lebens, müde lächelt er in die Linse, ich recke mein blaugrünschillerndes Bein ins Bild, die Dackelnase zwängt sich auch noch mit hinein und vor uns lachen uns die Pappardelle (sic!) mit Garnelen in Estragonsauce entgegen.

Als ich mich am späten Mittwochabend vom Tegernsee auf dem Heimweg mache, bin ich vergleichsweise selig.
Vergleichsweise, weil Besuche beim Papa seit Langem nicht mehr gänzlich seligmachend sind, sei es, weil die Lebensgefährtin das verhindert oder weil Mr. Parkinson neue Zuckungen zeigt, die mich – so wie diesmal – ziemlich erschrecken. Drauf angesprochen guckt mich der Papa groß an, will selbst rein gar nichts von der Veränderung bemerkt haben und das erschreckt mich gleich noch mehr.
Abgesehen von diesen Eindrücken ist der Mittwoch ein Spitzentag gewesen.

Bei einem noch Beinahe-Vollmond fahre ich also selig durchs nächtliche Oberland gen München, bleibe auf der Musik-Speicherkarte fast 40 km lang bei Suzi Quatro hängen, offen gestanden sogar bei Suzi Quatro und Chris Norman (Wherever you go, whatever you do / You know these reckless thoughts of mine are following you / I’m falling for you, whatever you do / ‚Cause baby you’ve shown me so many things that I never knew / Whatever it takes, baby, I’ll do it for you).
An Tagen wie diesen ist das Lenor in meinen Ohren, das darf auch mal sein, denke ich, üblicherweise habe ich musikalisch und auch sonst ja eher nicht viel mit Weichspüler am Hut.

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In einem Artikel der ZEIT wird am Gründonnerstagmorgen behauptet, dass sich ein Großteil der Bevölkerung „härtere Maßnahmen zur Eindämmung der dritten Welle“ wünschen würde. Der Gatte merkt kaffeetrinkend an, dass es sinnvoller wäre, dieser angeblich so große Teil der Bevölkerung würde sich nicht mit dem Wünschen begnügen, sondern sich einfach entsprechend verhalten. Warum auf Politiker warten, wenn doch jeder imstande ist, selbst etwas dazu beizutragen, um dem Virus die Verbreitung zu erschweren: keine Einkaufstrips zu Hauptgeschäftszeiten, keine Ausflüge in überlaufene Gegenden, keine ständig wechselnden Kontakte, keine Kaffeekränzchen in geschlossenen Räumen, keine zurechtgeschnitzten Ausreden mehr (hierzu empfehle ich wärmstens diesen Artikel aus dem Tagesspiegel).
Aber lassen wir das, zumindest hier in Bloghausen, die Gemüter sind ja schon erhitzt genug und ich will wahrlich keine Diskussion anzetteln.

Pünktlich zum Osterfeste zieht München, das schon am Mittwoch „die 100er-Inzidenz gerissen hat“ nach dem heutigen „Puffertag“ nun die „Notbremse“, wieder solche Vokabeln aus dem sich fortwährend füllenden Pott des Pandemiepalavers: die Querdenker-Demo findet trotzdem statt, heute sogar gleich zweifach, die Museen und viele Geschäfte schließen wieder, Hellabrunn hat die Ostereier für morgen umsonst gekauft, die Feiernden müssen zwischen 22 Uhr und 5 Uhr die Parkbänke geräumt haben und was Friseursalons und Gartencentern droht oder nicht droht, habe ich bislang noch nicht mitbekommen,allmählich verliert man den Überblick.

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So richten wir den Blick immer mehr aufs Naheliegende (oder bestenfalls mal auf die Bergkette am Horizont), jedes weitere In-die-Ferne-Schweifen verkneifen wir uns.
Als der hübsch Bewimperte und ich mit unseren beiden Hundedamen die allwöchentliche Gassirunde absolvieren, beißt mich, während wir kuchenessend an einem kleinen, versteckten See irgendwo im schönen Togoland sitzen und über Gott und die Welt das Leben und die Liebe sprechen, eine Ameise in den Nacken, sofern diese Krabbeltiere beißen (ich meine, irgendwo gelesen zu haben, dass sie einem eher so eine Art Säure auf die Haut spritzen, auf die Menschen wie ich hernach hochgradig allergisch reagieren und dann zwei Wochen lang mit einer juckenden Quaddel herumlaufen, die noch mehr juckt, je mehr man dran rumkratzt).

Abends gucke ich mir den Tatort der Ameisenattacke nochmal mit Hilfe des aufklappbaren Badezimmerschrankspiegels an und mache bei der Gelegenheit eine entsetzliche Entdeckung: auf meinem Rücken ist zum ersten Mal seit wahrscheinlich 20 Jahren keinerlei Badeanzugkreuz mehr vorhanden. Nicht mal mehr ein Hauch der zwei schmalen Streifen, die die Träger stets hinterlassen, ist zu sehen, geschweige denn der leicht gebräunte, ganzjährig sichtbare Kreis im Übergang vom Brust- zum Lendenwirbelbereich.
Eine einzige, gleichmäßig trostlose und bleiche Fläche starrt mich an, keine Spuren der Schwimmerbiographie mehr, nirgends.

Auch die demnächst beginnende Ära des Kraulens im Ganzkörperkondom wird daran logischerweise nichts ändern, es dürfte also Juli oder August werden, bis meiner Rückseite wieder das vertraute Muster eingraviert ist. Und wenn sich mein Ganzjahresfreibad im Herbst immer noch im Lockdown befinden sollte, wird das vertraute Ornament bis Weihnachten schon wieder verschwunden sein.

Der Starnberger See misst heute 9,8 Grad, noch 2 Grad mehr und ich wage es. Leider soll es nach Ostern schneien, was mein Vorhaben erneut verzögern wird.
Bleibt zu hoffen, dass wenigstens das Knie alsbald wieder schnee- und bergtauglich ist, ein erster Testlauf im dank des Puffertages leergefegten Park war diesbezüglich einigermaßen vielversprechend.

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(c) M.M. [Wir danken für das wunderbare Osternest & wünschen ertragreiche Eiersuche!]

But it’s so hard to dance that way when it’s cold and there’s no music.

[aus: „Hold on“ von Tom Waits – einem jener 10 Songs, die ich mitnähme, wenn ich auf eine einsame Insel verbannt würde und nur 10 Songs dorthin mitnehmen dürfte – er quillt schier über vor Zeilen, an denen ich extrem hänge, nicht nur in lyrischer Hinsicht, und zu seinem Refrain schlüge ich die Kokosnusshälften rhythmisch aneinander, wenn ich hüftwippend, so es die Gelenke noch hergäben, am Sandstrand dem Sonnenuntergang entgegenschwankte.]

Ganz richtig: kalt ist es wieder geworden. Auf den Schwingen eisiger Winde reitet der Winter nun hoffentlich ein letztes Mal durch die Lande.
Wir folgen seinen Spuren, was soll man auch sonst tun, außer die meteorologischen Launen so zu nehmen, wie sie nunmal daherkommen, ein klein wenig irritiert sind wir halt, dass wir binnen einer Woche gleichermaßen intensive Begegnungen mit Sister Spring und Väterchen Vrost zu verzeichnen haben.
Auf der neu entdeckten Privat-Alm in den Garmischer Bergen, auf der der hübsch Bewimperte und ich eben noch leichtbekleidet in die Sonne blinzelnd unsere Kuchenstückchen verzehrten, frieren der Gatte und ich uns bloß wenige Tage später ziemlich den Hintern ab, was aber auch damit zu tun haben mag, dass wir, verschwitzt wie wir nach zwei Stunden Bergtour sind, unsere Ersatzpullover nicht selbst anziehen, sondern das Dackelfräulein damit umwickeln, damit wir wenistens eine kurze Rast einlegen können ohne dass die Hundedame zu zittern anfängt.

Und, um nochmal auf das Waits-Zitat zurückzukommen: die live genossene Musik, sie fehlt mir, und wie, schließlich futtert man ja auch sonst nicht gern dauerhaft Konservenkost.
Wobei ich mich momentan gelegentlich mit Waits zudröhne oder am Willy DeVille berausche (während ich diesen Absatz tippe, höre ich beispielsweise zum wiederholten Mal „The Way We Make A Broken Heart“ – welch göttliche Diktion, und überhaupt: was für ein cooler, begabter Typ mit so einem Mordsorgan, leider braucht man auf seine Live-Auftritte ja nicht mehr zu hoffen).

Kunst im Café Kustermann.

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Vor einem Jahr, wir befanden uns gerade mitten in den Nachwehen der wasserschadenindizierten Badsanierung und kurz vor dem Antrittsbesuch der Vorhut einer zähen Psocopterapopulation, wurde der erste Lockdown verkündet.
Krass, ein Jahr Pandemie, und ein Ende noch immer nicht absehbar. Hat niemand hören wollen, als Wissenschaftler das damals genauso voraussagten („Eine Pandemie dauert üblicherweise zwei Jahre.“ )
Als Rückschau sei Ihnen diese vortreffliche Zusammenfassung auf einem benachbarten Blog wärmstens empfohlen, ich hoffe, der Verfasser führt seine gelungene Chronik auch in 2021 fort, ich schätze seinen Schreibstil ebenso sehr wie viele seiner Sichtweisen.

Mittlerweile haben wir nicht nur eine neue Sprache sowie die Kunst der Selfmade-Überbrückungsfrisur erlernt, sondern uns auch die Füße wundspaziert (oder -gejoggt), die Finger wundgekocht (oder -gebacken) und haben einander ungefähr in jenem Maß viel zu selten gesehen, in dem wir einander demnächst oder bereits jetzt viel zu verzeihen haben (wer auch immer die Beteiligten des „einanders“ sein mögen). Kleine oder größere Zerwürfnisse schleichen sich im Schlepptau der Seuche ja auch im Privaten ein – ich möchte wetten, jede/r von Ihnen ist irgendwo in ihrem/seinem näheren Umfeld schon mit einem Virusverharmloser oder Querquengler konfrontiert gewesen.

Seit Monaten treffe ich beispielsweise B. nicht mehr, und das nicht nur, weil man derzeit die Kontakte reduzieren soll, sondern weil B. sehr eng mit Menschen zusammenlebt, die sich nach wie vor fröhlich mit Gleichgesinnten zum Singen oder zu Kaffeekränzchen versammeln, ungern Maske tragen, aber gern unmaskiert und distanzlos zu Protestmärschen gehen.
Er sieht das zwar durchaus kritisch, im Falle des Falles würde mir sein Stirnrunzeln aber nicht viel helfen, außerdem gehört er, wie ich erst jetzt erfuhr, weil wir uns in den zwanzig Jahren unserer Freundschaft schändlicherweise nie übers Impfen unterhalten hatten (wozu auch?), zu denen, die allen Impfungen gegenüber gewisse Vorbehalte (um nicht zu sagen: eine kritische Distanz) hegen, wenn auch nicht wegen Mr. Gates und seinen Mikrochipmachenschaften. Wir gerieten daher im Januar ein klein wenig aneinander, was die jeweilige Bereitschaft zur Injektion eines Vakzins (und den möglichen Konsequenzen daraus) anging, Stichwort: Impfzwang kommt zur Hintertür herein.
Bestenfalls könnten wir nun versuchen, unsere Unstimmigkeiten draußen ausdiskutieren (denn B. mag längeres Telefonieren noch weniger als ich), aber mal ehrlich: Spazierengehen mit anderthalb Metern Abstand haut in den allermeisten Fällen doch eh nicht hin, wenn man sich lange und gut kennt, die wenig frequentierten Wege schmal sind, einem ein kalter Wind um die Ohren pfeift und man normal reden und einander nicht anbrüllen möchte.
In einer Email habe ich ihm meine Haltung erläutert, einiges zu der seinen nachgefragt und meinem Unmut über sein umgangserschwerendes Umfeld Luft gemacht, jetzt schlummert seit 14 Tagen seine ungelesene Antwort in meinem Postfach. Als ich die vierzeilige Textvorschau im Handy erblickte, ärgerte ich mich nämlich so sehr, dass mir die Lust aufs Weiterlesen augenblicklich verging. Ich verschob es auf den nächsten Tag, dann auf den übernächsten und so weiter.
Dabei fiel mir der Freund ein, der kein Freund war: der las manchmal seine Emails monatelang nicht, manche wahrscheinlich sogar nie (und zwar auch solche, die gar keine Antwort auf etwas waren, sondern einfach so eintrudelten). Ich hielt das damals für reichlich bekloppt und paranoid, aber siehe da – nun bin ich auch mal an diesem Punkt angekommen.
Mein Pensum an Coronacolloquien dieser Couleur ist längst erreicht und ich habe gelernt: ab einem gewissen Grad der Meinungsverschiedenheiten oder des Aneinandervorbeiredens kann man sich die Worte sparen und zieht sich besser darauf zurück, dass ja eh noch Kontaktbeschränkung herrscht.
Warten wir also (m)eine Impfung ab oder gleich das Ende der Pandemie, wobei die beiden Ereignisse (wahrscheinlich und hoffentlich) zeitlich einigermaßen zusammenfallen dürften.

Die KoCo19-Studie der Uni München geht gerade in die dritte Runde, auch hier ist kein Ende absehbar. Was insofern gut ist, als ich eh noch etwas üben muss, um mir den Piekser nicht jedes Mal zu tief in die Fingerbeere zu rammen. Ich praktiziere das exakt auf die Weise, in der ich mir als Kind die Pflaster von den Knien abgerissen habe: ratzfatz & mit einem schnellen und festen Ruck, damit es nicht unnötig schmerzt. Bei Blutentnahmen aus der Fingerbeere scheint das aber keine ideale Technik zu sein: diesmal habe ich stundenlang nachgeblutet und die Fingerkuppe tat Tage später, als ich den umfangreichen Fragebogen zur aktuellen Studienrunde ausfüllte, immer noch weh.

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Der Papa ist zwischenzeitlich vollends zum Pandemiepessimisten mutiert, der auf jede düstere Prognose von Wieler, Drosten & Co. stets noch eine Schippe drauflegt, natürlich nicht in virologischer oder epidemiologischer Hinsicht, sondern in wirtschaftspolitischer, womit er sich nach wie vor auszukennen glaubt, und ich fürchte (mich an seine Aussagen vom Frühjahr 2020 erinnernd), mit so manchem wird er wohl auch weiterhin richtig liegen.
Morgen werde ich ihn, sofern der Schnelltest nichts Gegenteiliges anordnet, am tief verschneiten Tegernsee besuchen und ihm endlich die Fondant-Eier mitbringen, die er so liebt und die ich neulich in einer Confiserie in Tölz für ihn mitgenommen habe.
Diesmal habe ich mir fest vorgenommen, die Themen Parkinson, Treppenlift & Co. nicht von mir aus anzusprechen, nachdem wir uns unlängst am Telefon in die Haare bekommen haben als er mir die Schnapsidee unterbreitete, sich nun doch nicht bei einer Seniorenresidenz auf die Warteliste setzen zu lassen, weil er (und die Lebensgefährtin) ja dann, wenn es im Haus gar nicht mehr ginge, erstmal in ein Hotel oder in eine Ferienwohnung umziehen könnten, um dort (unter Zuhilfenahme einer Zugehfrau und anderer externer Dienstleister) die Wartezeit auf einen Platz im Altenheim zu überbrücken. Gerade rund um den Lago di Bonzo ist das wirklich ein ausgesprochen cleverer Einfall, der eigentlich sehr gegen eine ökonomische Expertise des Papas spricht.

Der Begriff Pandemiepessimist ist übrigens auf meinem Mist gewachsen, schließlich möchte auch ich mal einen Beitrag zum Seuchensprachschatz leisten, nachdem solche Kracher wie Impfneid oder Masken-Raffke bedauerlicherweise anderen schon eher eingefallen sind als mir.
In dem Kontext ist auch die „atmende Öffnungsmatrix“ (Markus Söder, am 4. März 2021) ganz unbedingt erwähnenswert, nicht zuletzt deshalb, weil ich just an jenem Tag, an dem ich erstmals von diesem Neologismus las, meine persönliche „nicht-atmende Isolationsmatrix“ geordert hatte.

Die Wassertaufe der Ausrüstung für das zwangsweise neue Hobby muss noch etwas warten, zum einen, weil (wie eingangs erwähnt) der Winter wieder zurückgekehrt ist, zum anderen, weil ich die 30-tägige Rückgabefrist voll ausnutzen möchte, um mir darüber klar zu werden, ob die Gummihaut wirklich so sitzt wie sie soll (an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Blognachbarn & Neoprenexperten, der mich so geduldig berät), und falls ich das Teil behalte, muss ja noch weiteres Equipment bestellt werden, weil man auch Kopf, Hände und Füße im 10-12 Grad warmen kalten See irgendwie bedecken sollte, bevor man da drin einen oder zwei Kilometer ohne Zähneklappern schwimmen kann.

Ob die Frühlingsschur bis dahin halten wird? Ob ich meinen Friseur in 8 Wochen wohl erneut aufsuchen kann? Das Wiedersehen nach vier Monaten war letzte Woche – so weit ist es schon gekommen! – tatsächlich ein kleines Highlight. Auch für den Friseur, weil der sich über jeden Kunden gefreut hat, der mit einem ähnlich dämlichen Gag wie dem meinigen seinen Salon betrat (eine Kundin kam wohl mit Lamettaperücke, eine andere mit Sturmhaube verhüllt, ich kam komplett maskiert und mit umgehängten Identifikationsschild).

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Am vergangenen Wochenende fällt nicht nur einen Tag lang das warme Wasser im Mietshaus aus, sondern auch die neuen Nachbarn gestatten sich ihren ersten Ausfall. Zwei Nächte in Folge ordentlich Krach, bis nachts um 2 Uhr. Wüsste man nicht, dass es Franzosen sind, man würde sie für ein Rudel Italiener halten, so laut, durcheinander und schnell wie die quasseln können.
Ich ringe 36 Stunden mit mir, verfasse dann aber doch ein für meine Verhältnisse überfreundliches (und zugleich sehr direktes) Schreiben und lege es auf die hässliche, ebenfalls recht unfranzösische Fußmatte der Wohnung über uns.
Ja, ich weiß, man sollte reden in solchen Fällen, immer und überall wird einem dazu geraten: man muss reden.
Ganz bewusst habe ich mich diesmal dagegen entschieden zu reden, weil ich nämlich nicht Gefahr laufen möchte, womöglich redend in einer Diskussion mit mir wildfremden Menschen zu landen, die zufällig seit 7 Wochen über uns leben, mit Bodenblick durchs Treppenhaus huschen ohne sich ihrerseits mit den Nachbarn bekannt zu machen und die mir nun zwei Nächte in Folge kolossal auf den Keks gegangen sind.
Da gibt es nix zu diskutieren, sondern lediglich etwas mitzuteilen und eine Bitte zu äußern (und dank Corona hat man ja derzeit einen handfesten Grund, längeres Gerede im Treppenhaus noch mehr zu meiden als ich das eh schon immer tat).
Zur Zeit rede ich ohnehin schon viel mehr als mir lieb ist, aus Gründen, über die ich mich hier nicht näher auslassen möchte, weil das einer mir nahestehenden Person gegenüber zu indiskret wäre.
Jedenfalls bin ich in Sachen Reden momentan am Anschlag, da brauch ich nicht auch noch ein Problempalaver mit französischen Nachbarn italienischen Temperaments.

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Nicht nur mit den Nachbarn ist es gelegentlich ein Kreuz, man hat ja auch noch sein innerfamliäres Kreuz zu tragen.
Kommt der Gatte neulich vom MRT-Termin nachhause, die 240 Bilder von seinem Schädel auf einer CD mit im Gepäck, und aus Neugier stecken wir den Datenträger gleich ins Laufwerk, klicken einfach mal irgendwo hinein in diesen schwarzweißwinzigen Kästchensalat, weil vielleicht erkennt man ja irgendwas, auch wenn man außer längst verstaubten Schulwissensresten nicht mehr viel parat hat zum Thema Gehirn.
Ein Doppelklick öffnet das jeweilige Bildchen und vergrößert es sofort bildschirmfüllend. Beim zwanzigsten Klick erkennen wir plötzlich etwas, erschrecken und finden es dann doof, dass es bis zur Besprechung der Aufnahmen mit der Neurologin noch über eine Woche dauert.

Unverantwortlich von dem Radiologen, einen mit so einer Horrorsache heimzuschicken, erst recht in Zeiten wie diesen, finden Sie nicht auch?
(Um das gleich auflösen: inzwischen gab es Entwarnung. Unsere Interpretation war blanker Unsinn und im Oberstübchen des Gatten befindet sich nichts, was dort nicht auch sein sollte, zumindest aus neurologischer Sicht.)

In den überschaubaren Schlafphasen zwischen den nächtlichen Gelenkschmerzattacken träume ich derzeit viel und intensiv, leider nur selten verständliche oder vollständige Geschichten, es handelt sich eher um einzelne Episoden ohne richtiges Ende. So träume ich beispielsweise von einem weiteren Wasserschaden in unserer Wohnung, der meinen gesamten Kleiderbestand ruiniert, generell kommt häufig irgendwas mit Wasser vor, aber auch von nebligen Gassen in Bad Gastein, in denen ich etwas finde, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es überhaupt suche, träume ich. Oder von grünen Holzbooten mit Hundekörbchen im Heck sowie von der leicht zernäselten Stimme Karl Lauterbachs, die mir im Radio eine Parabel von Kafka vorliest während ich Rosenkohl putze und von einer Begegnung mit einem feschen Fremden, der aussieht wie Johnny Depp zu jenen Zeiten, als Johnny Depp noch so aussah wie Johnny Depp und nicht wie ein trauriges, verdörrtes, bleiches Nachtschattengewächs.

Tagsüber rede ich zu viel, schreibe zu wenig, und komme insgesamt nur bedingt zu dem, wozu ich kommen möchte oder sollte, die Alltagsroutinen leiden aber nicht allzusehr darunter.
Das Akkordeon ruht im Augenblick, ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich neuen Input und Unterricht bräuchte, aber mein Lehrer mit dem schönen bayrischen Namen sitzt gelockdownt irgendwo an der Grenze zur niederbayrischen Provinz und alleine schaffe ich das mit Lili Marleen nicht.
Einmal pro Woche geht’s nach Möglichkeit auf einen Berg und ebenfalls einmal geht’s auf die Yogamatte. Dazwischen die üblichen Runden im Park, zur Abwechslung gestern sogar mal in entgegengesetzter Richtung. Und kaum ändert man etwas, da rächt sich das auch sogleich, denn indem ich eine der Parkbänke mal aus anderer Perspektive sehe, kann ich zwangsläufig erkennen, wer auf ihr sitzt. Und das ist ausgerechnet R., einer der fünf Männer in meinem Leben, die meinten, mich heiraten zu wollen, was freilich – und ich sage das ohne jede Koketterie – nicht nur grob fahrlässig, sondern ein grober Irrtum war bzw. spätestens nach Umsetzung des Vorhabens sich als ein solcher erwiesen hätte (und es 1x auch hat), zumindest bei vieren von ihnen (am absurdesten seinerzeit der Antrag von U.: der kam zwei Jahre nach dem Ende unserer katastrophalen Beziehung mitten in eine schon länger andauernde Funkstille hinein, und das auch nur, weil ihm zu Ohren gekommen war, dass der Gatte auf der Matte stand).
Glücklicherweise sieht R. mich nicht (oder tut so als ob er’s nicht täte), er starrt stur in seine To-go-Lunch-Box, ich denke noch kurz, wie alt er doch geworden ist (7 Jahre nicht gesehen) und ändere umgehend meine Laufrichtung.
Abends essen wir nach wie vor gut und reichlich, sogar ein paar neue Gerichte bereichern zwischenzeitlich den Speiseplan.
Zu fortgeschrittener Stunde stürzen wir uns meist auf unsere derzeitige Serie „Better call Saul“ , Staffel 4, glaube ich, der Gatte wüsste es genauer, weil das ja sein Metier ist. Dieses Kleingangstermilieu lässt mir wie schon so oft das Herz aufgehen, ich gestehe, dass mich gewaltfreies Ganoventum wirklich anspricht und manche der gelungenen Gaunereien gehen mir danach noch tagelang durch den Kopf. In jedem Fall ist die Serie ein wunderbarer Kontrapunkt zur vorherigen, die „In Therapie“ hieß und nach der ich beinahe auf ungute Weise süchtig war und häufig schlecht oder wirr träumte.
Ab und an sehe ich mir abends auch Natur- oder Tierfilme an, der Anblick sich an den Westküstenstränden Irlands paarender Kegelrobben oder ausgedehnte Adlerflüge über die Walliser Alpen bescheren mir wenigstens ansatzweise das, was früher mal ein Saunabesuch bewirken konnte, sofern kein Frauenratschclub in den Schwitzkammern schwatzte: Ruhe, Tiefenentspannung, Regeneration.

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Der Kalender offenbart heute noch ein weiteres Jubiläum, das wesentlich feiernswerter ist als der Jahrestag des Virus‘ oder des Lockdowns Nr. 1: Am 17. März vor neun Jahren fuhren wir aus einem kleinen Dorf im Landkreis Erding bei strahlendem Sonnenschein (und ebensolchen Gesichtern) mit einem fast frisch geschlüpften, total entzückenden Minihund auf dem Schoß nachhause.

Und der Alltag wurde ein ziemlich anderer als zuvor – so viel haben sie dann immerhin doch gemeinsam, diese beiden heutigen Jahrestage.

Systemrelevanz.

Irgendwo zwischen zweiter und dritter Welle ging mir tatsächlich die Luft aus. Ich kann nicht mehr!
Die Randnotiz in einer Münchner Tageszeitung („Öffnung der Schwimmbäder vor Juni höchst unwahrscheinlich„) gab mir schließlich den Rest.
Wollte mich eigentlich nie in so ein Ding reinzwängen, jetzt zwingen mich die Umstände doch hinein…

… denn nach über vier Monaten Abstinenz reicht es nun: ich muss zurück in mein Element, für mein persönliches System ist das eben einfach ziemlich relevant.

Drücken Sie mir die Daumen, dass der Wetsuit passt, dicht ist und genug Armfreiheit bietet, der Starnberger See so bald wie möglich über 10 Grad hat und ich für den allerersten Schwimmgang einen Strand ohne Schaulustige erwische, damit das mühsame Hineinpopeln in diese Gummimontur nicht noch weitere Menschen außer dem Gatten zu Gelächter animiert.

Wortwechsel zum Wochenende.

Die neuen Laufschuhe in dezentem Petrol (um ein Haar hätte ich sie, in einem Anflug von Frühlingssonnenübermut, in Knallorange bestellt) sind so gut gefedert und so herrlich unausgelatscht, dass ich noch eine Extrarunde drehe vor lauter Begeisterung über dieses viel leichtere und bessere Sprintgefühl.
Zugleich kam mir ihr Eintreffen (genau genommen: bereits der Online-Kauf) vor, als hätte ich damit die Verlängerung des Schwimmshutdowns für mindestens ein weiteres Quartal besiegelt. Das ist albern und irrational, aber bei Weitem nicht der einzige Seelensektor, in den sich mittlerweile ein paar Verschiebungen (um nicht zu sagen: Verrückungen) eingeschlichen haben.
Nach vier Monaten ohne jede Bewegung im Wasser (vom Räkeln in der Badewanne abgesehen) hat sich dort, wo sich seit Jahrzehnten (m)eine Nixenflosse befand, ein anderes Körperteil formiert, für das ich noch keinen Namen habe und das sich immer noch nicht so ganz zu mir gehörig und fremd anfühlt.
Zu diesem Mutationsprozess passen die nächtlichen Gelenkschmerzen, die mir seit Monaten regelmäßig den Schlaf rauben, eigentlich recht gut. Einziger Trost: dieses Ziehen und Stechen in allen Gelenken ist ein reiner Ruheschmerz (was für ein äußerst seltsames Kompositum: Ruheschmerz), d.h. tagsüber bzw. in Aktion tut mir nichts weh, aber die Lösung kann ja wohl kaum darin bestehen, dass ich mich 24 Stunden am Stück dauerbewege und den Nachtschlaf an den Nagel hänge.

Internet, Fachliteratur und der gesunde Menschenverstand ordnen die Beschwerden nur in sehr geringem Maß der seuchenbedingten Schwimmbadschließung zu, sondern vielmehr den Wechseljahren. Ein Begriff, den ich übrigens als pure Zumutung empfinde und ich erläutere Ihnen gern, weshalb.
Über dreißig Jahre allmonatlich von einer zeitlich viel kleiner klingenden Einheit, nämlich den Tagen (oder, auch das klingt noch überschaubar: der Monatsblutung) terrorisiert-traktiert-traumatisiert, da seit TeenagerTagen (sic!) mit einer Krankheit namens Endometriose umgehend, die immer noch kaum bekannt ist oder zu oft tabuisiert wird, – zusammengerechnet dürfte ich so um die 1000 Tage innerhalb der Tage mit übelsten Schmerzen zugebracht haben, die dank zweier Operationen in manchen Monaten nur 36 Stunden statt (vor den OPs) 72 Stunden anhielten, und nun, da diese periodische Plage endlich mal abflaut, wird medizinisch und sprachlich noch eine Schippe draufgelegt und statt Tagen (oder dem Monatswasweißichwas) ist für das nun Bevorstehende diesmal gleich von Jahren (!) die Rede.
Nein, echt nicht, das mach‘ ich nicht mit (genauso wie ich mich seit jeher konsequent von den Fellnasen, diesem verbalverhätschelnden Vierbeinersynonym, fernhalte, die einem etwas vorgaukeln, das der realen Erscheinung gar nicht entspricht), ich lasse mir nicht schon zu Beginn dieses Fruchtbarkeitsfinales (lustig: aus Versehen tippte ich zunächst Furchtbarkeitsfinale und erwog, das einfach so stehenzulassen) suggerieren, dass einen die diversen Begleiterscheinungen dieser großartigen neuen Phase im Frauenleben ja nicht unentwegt piesacken, sondern eher stunden- oder tage-/nächteweise, also keinesfalls 365 Tage im Jahr und das womöglich auch noch jahrelang.
Die Kurzform Wechsel geht schon gleich gar nicht, das hat was von Geldgeschäft oder Tauschhandel, und Klimakterium ist mir rein etymologisch auch nicht sympathischer, ich werde wohl noch weiterschauen müssen, ob mir was Passendes einfällt oder vielleicht lasse ich diese Phase auch einfach namenlos vorüberziehen, denn in Sachen Gynäkologie hab ich jedes normale Pensum an Drüberredenwollen und Michdamitbefassenmüssen eh schon weit überschritten.

Wo wir gerade bei Frauenangelegenheiten sind: Beim Frühstück einen selten dämlichen Artikel aus dem aktuellen SPIEGEL über Frauen um die 50 (so auch dessen Überschrift) gelesen, den mir der Gatte (in seinem Nebenjob als häuslicher Pressespiegelbeauftragter) auf meinen Lektürestapel gelegt hat, um anschließend mit mir gemeinsam über diesen Blödsinn lästern zu können, allein der Untertitel („Die beste Zeit unseres Lebens ist jetzt“) und das damit verbundene Glücklicherdennje-Geseiere vergällt einem fast den samtigsüssen Geschmack der Marillenmarmelade auf dem Ersttoast. Ich verlinke diesen Beitrag hier nicht, weil er online (gottseidank) nur dem erlauchten Abonenntenkreis zugedacht ist und Sie somit nur die ersten paar Zeilen lesen könnten (wobei das auch genügen würde).

Bevor ich mir nun, einigermaßen ausgedampft vom ausgiebigen Parklauf, die Badewanne einlassen werde, möchte ich noch die in einer der kurzen Schlafphasen zwischen den unruhigen Ruheschmerzepisoden der vergangenen Nacht geträumte Begebenheit notieren.
Ich war von meinem Arzt zu einer Vernissage eingeladen (real werde ich nie zu Vernissagen eingeladen) und fuhr in einem roten VW Käfer (herrlich!) zu der in der Einladung genannten Adresse. Es handelte sich um ein großes, weißes Haus in terrassierter Bauweise, schöne Hanglage mit grandiosem Weitblick über eine vom Hochsommer verdörrte Landschaft, die mich an die Steppe rund um Albuquerque erinnerte (zu viel „Breaking Bad“ geglotzt, wenn diese Szenerie nun schon in Träumen präsent ist). Augenblicklich fand ich mich zu schlecht gekleidet (weiße Sommerbluse mit hochgekrempelten Ärmeln, Jeans mit Loch am Knie, alte Ledersandalen), um ein solch nobles Grundstück betreten zu dürfen, gab mir dann aber einen Ruck und läutete.
Dr. T. holte mich am Gartentor ab, hieß mich willkommen und über etliche steile Treppen stiegen wir hangaufwärts in Richtung Haus. Ich war etwas eingeschüchtert von der überaus gepflegten Gartenanlage (üppige Palmen, blühende Kakteen, Zitronenbäume…!), sagte nichts und staunte stumm vor mich hin. Kurz bevor wir die Hauptterasse erreichten, wo sich wohl auch der Hauseingang befand, blieb er stehen, zeigte auf ein etwas abseits liegendes Areal seines Gartens und meinte: „Da hinten wäre etwas für Sie, wollen Sie mal gucken gehen?“. Ich nickte, ging alleine weiter, bog auf dem gekiesten Weg um eine Ecke und entdeckte etwas Blaues, das durch die Bepflanzung hindurchschimmerte. Vielleicht ein Pool?
Näherkommend sah ich: es waren drei riesige Schwimmbecken, blitzsauber, nagelneu und türkisblau gekachelt. Sie waren, genau wie das Haus, terassenartig angelegt und miteinander durch Rutschen verbunden (geschwungene, bunte Rutschen, wie in diesen Familienspaßbädern). In allen drei Pools glänzte die Oberfläche ruhig und glatt im Sonnenlicht, gänzlich unberührt lag das wunderbare Wasser vor mir, um die Becken herum keine Menschenseele weit und breit, und ich tat dann etwas, das ich im echten Leben so nicht tun würde, zumindest nicht auf einem mir fremden Privatgrundstück und in relativer Nähe um die Anwesenheit anderer Menschen wissend, die mich vielleicht sehen könnten: ich warf meine Klamotten ab und sprang splitternackt in den obersten der drei Pools, kraulte wie eine Irre hin und her, ließ mich von der Rutsche in den zweiten Pool befördern, die Nahtstücke der einzelnen Rutschenteile taten mir höllisch am Steißbein weh, zudem verschluckte ich beim Rutschen eine Menge Wasser, das nicht nach Chlor, sondern nach Bitter Lemon schmeckte, vielleicht sogar nach Wodka Lemon, dem Lieblingsgesöff meiner Jugendjahre, ich landete hustend und prustend in dem unteren Becken und wollte dort in Rückenlage weiterschwimmen, eher: weitertoben, drehte mich im Wasser liegend um, den Blick gen Himmel gewandt, der auf einmal nicht mehr strahlend blau war, sondern grau und wolkenverhangen, und nach wenigen Schwimmzügen prasselte mir Regen ins Gesicht, harte, spitze Tropfen, kurz noch der Gedanke „Verdammt, mit pitschnassen Klamotten kann ich mich nachher nicht auf der Vernissage blicken lassen…“ und dann sah ich den silbrigen Blitz, der so aussah wie ein Kind ihn malen würde (zickzackzickzack und unten eine Pfeilspitze dran) vom Himmel hinunterzucken, mitten in meine Brust hinein. Das tat nicht weh, das war auch nicht schlimm, nur ein bisschen unheimlich, im Grunde aber kurz und schmerzlos.
Mein Aufwachen mündete direkt in den Ruheschmerz, mein Nachspüren (dem Geträumten und dem Gelenkstechen in den Hüften) mündete ins Morgengrauen.

Schwimmen bezeichnet ja das Nicht-Untergehen eines Körpers in einer Flüssigkeit. So steige ich nun in das Schaumbad, schließe die Augen und könnte mir einbilden, ich würde schwimmen. Phantasiereisen dieser Art waren noch nie mein Ding, ich habe wenig Talent zum Tagträumen, erfreulicherweise gibt es immer noch und immer wieder Tage, deren Erleben selbst traumhaft genug ist.

Die Bildergalerie der Woche widme ich M. (aka der hübsch Bewimperte) und danke ganz herzlich für 1x Bergausflug und 1x Spaziergang samt Streuselkuchen & Shopping mit unseren beiden Mädels in unser beider Lieblingsgegend.

Von Pandemie-Pornos und anderen Träumen.

Die Technik läuft wieder.
Und auch ich laufe noch: tagein tagaus bin ich mit dem Fräulein anderthalb bis zwei Stunden unterwegs, so gut es geht im Wechsel zwischen den gewohnten städtischen Routen und ländlichem Lustwandeln auf neuen Wegen, ab und an gönnen wir uns auch eine winterliche Bergtour.
Man kriegt ja sonst einen Knall, wenn man immerzu die gleichen Kulissen sieht. Das war schon vor Corona so, hat sich aber irgendwie noch intensiviert, vielleicht weil Verreisen und manch Anderes momentan flachfällt.

Ausnahmsweise mal am Wochenende einen Ausritt ins Umland unternommen, üblicherweise vermeiden wir das ja, weil die Lebens- und Arbeitssituation es uns erlaubt, auch uu weniger frequentierten Zeiten auszufliegen.
Seit Tagen war mir schon danach, des Schädels Ort aufzusuchen, den Calvariae locus zu Bad Tölz, weil ich da nämlich noch nie war, was ziemlich absurd ist, wenn man bedenkt, wie oft ich bereits unmittelbar in dessen Nähe war.

Pandemie-Proviant: Alles dabei für Hund & Mensch.

Dieser Kalvarienberg lässt sich recht bequem und dackelrückenfreundlich, d.h. treppenfrei erklimmen und noch dazu mit einer schönen, ausschweifenden Spaziertour drumherum verbinden: Isarstausee, Wiesen, Wälder, Uferpromenaden, der malerische Stadtkern von Tölz – und eben die vielen verschlungenen Wege rund um die kleine Nachbildung Golgathas selbst.

Animiert hatte mich zu diesem Ausflug eine TV-Sendung, die das Tölzer Land und den Isarwinkel mal nicht nur von seiner Schokoladenseite zeigt, jener, die man als Städter so gern sieht bzw. sehen möchte: der ungezähmte Gebirgsfluss, der kanadisch anmutende Stausee, die wunderschöne Bergwelt, die (aktuell zur bloßen Erinnerung zerronnenen) Hütten und Almen, auf denen man einzukehren pflegt(e). Stattdessen wirft der Beitrag einen Blick (und ein Ohr!) auf die Einheimischen, auf ihre Sitten und Bräuche, auf Sprache, Speisen, Kultur und Tradition, wie sie im Oberland gepflegt wird.
Diese Einblicke dürften so manch einem Städter, der verklärt das Voralpenland durchstreift, den Zahn ziehen: ob man dort als Zugroaster leicht Fuß fassen und wirklich Anschluss finden würde (außer zu anderen Stadtflüchtlingen oder Zweitwohnungsbesitzern), darf stark bezweifelt werden. Ohne Zither, Ziehharmonika oder Zugehörigkeit zu irgendeinem Verein geht hier nämlich gar nix (do dad da Stodara mid am Ofarohr, weil er koan gscheidn Zuaba-Ziager ned hod, schee bled ins Gebirg einischaugn, des sog i Eana).

Jedenfalls steht die etwas hasenzähnige, aber durchaus nicht unsympathische Moderatorin Susi (die wo den Zuschauer durch den Film begleiten und dabei einen Dialekt sprechen tut, dass es nur so kracht) in dieser sehenswerten (weil informativen und geradezu aufklärerischen) Reportage mehrfach mit ein paar ortstypischen Mannsbildern von der Tölzer Stadtkapelle auf der Aussichtsterrasse des Kalvarienbergs, zwischen Leonhardikapelle und barocker Kreuzkirche, und schaut hinab ins schöne Isartal oder hinüber ins Karwendelgebirge – und das war natürlich der Moment, der für mich den Ausschlag gab und zu dem Beschluss führte: Da musst du dringend auch mal hin (und zwar gern ohne die Jungs vom Blasorchester)!

Auf Nebenwegen pirschen das Dackelfräulein und ich uns an, denn in Zeiten wie diesen kann man an Wochenendtagen, selbst wenn sie noch so grau und verhangen sind wie der vergangene Samstag, den wir just wegen seiner Grauheit für diesen Ausflug auserkoren hatten, auf Hauptwegen sein pandemieplebejisches und aerosoles Wunder erleben. Leider gilt das zwischenzeitlich auch immer häufiger für vormals völlig trubelfreie Trampelpfade. Dank des Abstandwahrens und Langsamgehens bemerke ich eine Infotafel, die ich andernfalls vielleicht übersehen hätte, wenn wir im Stechschritt dem „Gipfel“ entgegengeeilt wären, und die mein Heimatwissen um ein weiteres Filetstückchen ergänzt: Thomas Mann ist hier mal den verschneiten Hang hinabgerodelt, potztausend!

Das architektonische Ensemble auf dem „Berg“ hätte wahrlich eine ausgiebigere Betrachtung verdient, doch die gut zwei Dutzend Personen da heroben – jede von ihnen aussstaffiert mit Travel-Mug, Togo-Sweets & Smartphone (manch eine zusätzlich noch mit Hund/Kind/Partner/Gehhilfe an/in der Hand) – bewirken, dass ich meinen Krapfen und Tee erst in einem menschenleeren Hinterhof unten im Städtchen zu mir nehme. Auch dort wieder: Thomas Mann (ich muss spontan an einen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung denken, viele Jahre ist’s her, den mir der äußerst betagte, gebildete und sprachlich hochinteressierte Nachbar und Freund, Gott hab ihn selig, seinerzeit mit einer Mischung aus Amüsement und Entsetzen, in seiner Altherrenrecamiere sitzend und unter Zuhilfenahme seiner beleuchteten Leselupe vorlas und dazu meine Meinung hören wollte).

Wir werden uns den Kalvarienberg jedenfalls nochmal wochentags und bei besserer Witterung zu Gemüte führen, uns dann eine Bank suchen, auf der wir in Ruhe sitzen, den Proviant genießen und uns mit Blick auf das Vorkarwendel bis nach Österreich hineinträumen können, mindestens tief in die verschneiten Flanken des Juifen, dessen Aussprache noch immer nicht so flutscht wie sie sollte (im 14. Jahrhundert hieß der Berg noch Jeufenspitz und man fragt sich, warum eine Umbenennung nötig war).

Am späten Nachmittag auf der Heimfahrt ganz erfüllt von all den neuen und den wohlvertrauten Impressionen, dennoch innerlich klar, dass die Option „Landleben“ gründlichster Abwägung bedarf. In regelmäßigen Abständen (ausgelöst z.B. durch Wasserschäden, Bauarbeiten, Vermieterkontakt, Schädlingsbefall, Nachbarschaftliches etc.) ertappt man sich ja bei der Überlegung, dem deprimierenden Mieterdasein der teuren Großstadt zu entfliehen und anderswo sein Glück zu suchen versuchen finden, mit besserer Luft und mehr Natur- resp. Bergnähe.
Die Stadt jedoch hat auch viele Vorzüge, selbst wenn momentan etliche davon nicht zugänglich sind. Eines Tages werden sie es wieder sein, obwohl der Impfterminrechner im Netz mir als persönliche Prognose ein Datum im Frühjahr 2022 (!) auswirft, offenbr unbeeindruckt von der Tatsache, dass ich bei „Autoimmunerkrankungen“ ein fettes Häkchen gesetzt hatte.

Als ich zurück in München aus dem Luki-Tunnel herausfahre, ist das Grau des Himmels und jenes des Asphalts exakt dasselbe, übergangslos verbinden sich die beiden Sphären in der einsetzenden Dämmerung zu einer großen Leinwand, ganz im Norden ragt der Olympiaturm wie eine Kompassnadel auf, im Westen erstrahlen die oberen Bürohochhaus-Etagen des ehemaligen Arbeitgebers im Türkisgrün des Firmenlogos und im Rückspiegel sehe ich noch die roten Signallichter der Tunnelinnenwände flackern – ein visueller Gesamteindruck, der mich (warum auch immer) in dem Moment emotional total erwischt (möglicherweise ist diese Aufwallung auch dem Song geschuldet, der gerade läuft, oder zumindest davon verstärkt: „It’s lonely out in space / On such a timeless flight / And I think it’s gonna be a long, long time…„).

Sonntags ziehe ich alleine meine Laufrunden durch den nahegelegenen Park und träume anschließend im warmen Wannenwasser von Zeiten, in denen ich von den derzeit drei absolvierten Läufen pro Woche mindestens zwei zugunsten der Ausübung des geliebten Schwimmsports wieder gestrichen haben werde.
Weil mir die Bewegung im Wasser tatsächlich nach dreieinhalb Monaten so furchtbar fehlt, träume ich neuerdings auch nachts vom Schwimmen, allerdings nicht mit mir in der Hauptrolle, sondern mit richtigen Helden, die ungefähr so aussehen:

Vermutlich liegt das daran, dass ich mit dem hübsch Bewimperten in letzter Zeit zu viele Fotos von Eisschwimmern begutachtet und durchdiskutiert habe (Mütze/Vollbart: ja oder nein, Brusthaar/Muskulatur: wie viel ist zu viel usw.). Diese pandemische Pseudoalternative zum Schwimmen wird ja derzeit von allen Zeitungen gefeiert und mit ihr die Tapferen, die diese Sportart, die keine ist, ausüben. Mit Wassersport hat es schließlich nicht das Geringste zu tun, wenn sich jemand überwindet, bei Minusgraden in Badehose oder Bikini in Isar/Eisbach/Tümpel/See zu steigen (oder gar zuvor die Eisfläche des Teichs aufzumeißeln, um sich ein Einstiegsloch zu schaffen), dort ein paar Atem- oder sogar Schwimmzüge zu machen, ein bis zwei Minuten später rot und gekrümmt wie eine Krakauer wieder herauszukommen und hernach auch noch steif (sic!) und fest zu behaupten, sich wie neugeboren zu fühlen.
Naja, erfrischend mag das wohl sein, ohnehin vergönne ich jedem das Seine – und gottseidank widmet sich die Presse ja auch noch anderen, nicht minder relevanten Themen, um den Lockdown etwas aufzulockern.

Wo die Dackeldichte am höchsten ist, wird allerdings erst noch verraten, wo es die besten Krapfen gibt, wusste ich schon vorher und von der Schmerzsache wird hier im Blog bei Gelegenheit noch zu schreiben sein, nun, da ich diese Pein wahrscheinlich in absehbarer Zeit hinter mir habe.

Der Lieblingskonditor wird die diesjährige Krapfensaison übrigens entgegen der Tradition über den Aschermittwoch hinaus verlängern, wie ich heute zu meiner großen Freude erfuhr.
Die Nachfrage nach dem süßen Siedegebäck steigt momentan täglich, die Konditorin und ihre Crew stehen nun um 3 Uhr statt um 4 Uhr auf, um den Bedarf einigermaßen decken zu können, weshalb ich sicherheitshalber für morgen eine Reservierung vorgenommen habe, da ich eine Unterbrechung meiner äußerst erfolgreichen Hopfen-und-Krapfen-Diät jetzt auf gar keinen Fall gebrauchen kann (habe mir erst gestern eine neue Jeans bestellt).

Ebenfalls zu meiner großen Freude dieser Tage:
Eine überraschende Postsendung, bei der mich Umverpackung und Inhalt nahezu gleichermaßen begeisterten sowie eine Meldung im Info-Display des Cockpits, die mir eine vernünftige Kaufentscheidung oder Fahrweise (oder beides) bescheinigte.

Soweit für heute. Kommen Sie gut durch die Woche und lassen Sie sich nicht unterkriegen – von Schneemassen, Hochwasser, Kalorienbomben, Arbeitsbergen, Budenkoller, Februarfrust oder wovon auch immer Sie gerade am heftigsten heimgesucht werden.

Amilienumkle oder: Nächtliche Notate zur Lage der Situation.

An sich bin ich kein Freund sprachverhunzender Kleinschreiberei, mir persönlich kommt dabei schnell jeder Lesefluss und -genuss abhanden.

Für amilienumkle möchte ich allerdings kurzfristig eine Ausnahme machen. Es ist ein ganz besonderes Wörtchen, zumindest für mich, denn es war die finale Wahrnehmung in meinem geliebten Schwimmbad, als ich vor über zwei Wochen zum letzten Mal in der Umkleide stand.

Da mir bereits schwante, dass es das für 2020 vermutlich gewesen sein dürfte mit meinem Lieblingssport, drehte ich mich vor Verlassen des Raumes noch ein letztes Mal um, so eine Art stummes rundumblickendes Abschiednehmen war das, und dabei fiel mein Blick auf jenes Schild, das mir noch nie zuvor aufgefallen war.
Dem dort aufgedruckten Wort fehlten ein paar Buchstaben, aber es gefiel mir sofort: amilienumkle.

Ich fotografierte es und noch auf dem Weg zum Parkplatz murmelte ich die neue Vokabel gleich ein paarmal vor mich hin: amilienumkle, amilienumkle, amilienumkle – und beschloss, dass sich das Wort eigentlich gut als Name für eine besonders seltene, sonnengelbe Seerosenart eignen würde (weshalb der Begriff ab sofort auch einen vernünftigen, großen Anfangsbuchstaben von mir erhalten wird), die ich mir als ein Symbol der Hoffnung (auf bessere Zeiten, konkret: auf ein möglichst nicht erst zu Ostern stattfindendes Wiedersehen mit dem Lieblingsbad) erschaffen und erhalten könnte.
Immer, wenn es mich künftig bedrücken würde (und mittlerweile tut es das recht oft), dass ich nirgends mehr ins Wasser springen und loskraulen kann (nein, Neoprenanzug im November ist nichts, wonach es mich verlangt!), könnte ich das dann flüstern und an eine seuchenfreie, sonnige Schwimmzukunft denken: Amilienumkle, Amilienumkle, Amilienumkle.

Fast wie ein kleines Gebet fühlt sich das an, und es würde mich nicht wundern, wenn ich in ein paar Wochen noch ein „Amen“ hinzufüge, obwohl ich mich nach wie vor zu den Atheisten zähle.
Man wird ja ein bisschen sonderlich und schrullig in diesen Zeiten.

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Apropos „in diesen Zeiten“.
Besser gesagt: Apropos Sprachbetrachtung im Allgemeinen und Besonderen.

Auf (oder in?) einem von mir sehr geschätzten Blog, der mir allwöchentlich am Montagmorgen den Einstieg in die beginnende Woche erleichtert bis kandiert, möchte ich Ihnen, sofern Sie sich für Sprache und deren Aberrationen interessieren, die vom Autor jenes Blogs mit großer Inbrunst (und kleinem Ingrimm) notierte und regelmäßig aktualisierte „Liste des Grauens“ ans Herz legen.
Sie werden staunen, welche Floskeln, Plattitüden und Worthülsen Sie unter den aktuell 452 Einträgen entdecken, die auch Ihren werten Lippen gelegentlich entschlüpfen!

Ein gutes Drittel der dort versammelten Phrasen erinnert mich zwar aufs Schlimmste an die in stundenlangen Meetings zu erduldende Verbaldiarrhoe meiner 17-jährigen Ära als IT-Consultant (zu Beginn der 17 Jahre noch schlichtschnöde Anwendungsberater genannt), dennoch liebe ich es, in dieser Sammlung zu stöbern.
Und das nicht zuletzt auch deshalb, weil ich in meinem Smartphone eine ganz ähnliche Liste führe: Sprachschrott, den man so hört oder liest und bei dem sich sofort die Nackenhaare aufstellen oder der nächste Herpes sich Bahn bricht.

Vor einigen Wochen glich ich meinen privaten Wortmülleimer erstmals mit dieser Sammlung ab, Anlass war die damals etwas zu oft gehörte Hassphrase „am Ende des Tages“ sowie das grassierende, pseudogeheimniskrämerische (nicht aber pseudoblöde) „aus Gründen“ und ein (hoffentlich nur) pandemiebedingter Zuwachs an „Calls“ allerorten.

Größtenteils fand ich den Inhalt meiner Truismus-Tonne 1:1 im Archiv des Bonner Bloggers wieder, lediglich „Blablablubb“ (gern verwendet, wenn das, was ein anderer abgesondert hat, für zu viel oder zu unwichtig gehalten wird), Tschautschau“ oder „Ciao ciao“ (oder ist das am Ende – nicht des Tages, aber meines Sprachverständnisses – gar ein spezieller Kynologengruß und heißt eigentlich „Chow-Chow„?) und aus mir unerklärlichen Gründen auch das gruselige „aus Gründen“ sind bislang noch nicht mit von der Partie.

Sonst aber wirklich alles.
Chapeau! ( 😉 – siehe „Liste des Grauens“, Nr. 262)

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Facebook empfiehlt mir jüngst diesen Artikel aus der „Welt“:

Lektürezeit, die man sich getrost sparen kann – das Foto genügt ja wohl zur Erklärung, wieso man das nicht tun soll.

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Wohingegen mir das nachfolgende Foto nicht erklärend genug war – hier hätte ich doch zu gern auch noch gesehen, was mit den beiden abgebildeten Wanderern geschah, als die „Skulptur“ zu Phall Fall kam.

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Ansonsten leben wir lockdownlight-konform vor uns hin.

Der Gatte (vor Erhalt seines Coronatestergebnisses), bei einem Ausflug an den See.

Ich (nach Erhalt meines Coronatestergebnisses), bei einem Ausflug an den See.

Ich spaziere überwiegend allein oder mit den Angehörigen meines kleinen Hausstandes oder maximal denen eines anderen kleinen Hausstandes durch die Gegend.
Und bin wie so oft sehr dankbar dafür, wie schön wir es hier haben. Nicht auszudenken, wie sich so ein Lockdown in Ennepetal anfühlen mag oder in dem Kaff nahe Jena, in dem ich mal während einer Dienstreise einquartiert wurde, weil ganz Jena wegen einer Messe ausgebucht war.

Auch der hübsch Bewimperte und ich sind mittlerweile perfekt eingespielt, was Tour- und Törtchenplanung sowie vorausschauende Recherche der jeweils tournah geöffneten To-Go-Kioske (ein Begriff, den ich sofort auf meine „Liste des Grauens“ setzen werde) für das frisch gebrühte Tässchen Kaffee…

 

…und überhaupt freut man sich am besten intensiv an den kleinen Dingen.
Dazu passt ganz hervorragend, dass in den Bäckereien die Plätzchensaison begonnen hat.

Nebenher bastle ich an meinem Buchvorhaben (fragen Sie bitte nicht nach, ich möchte noch nicht darüber sprechen, schon gar nicht hier!), übe auf dem Akkordeon (Nackensteife links im Wechsel mit Nackensteife rechts, dazwischen ein paar Töne) und halte mich viel in der Küche auf. Vielleicht sogar zu viel, wie nachfolgende Maismehl-Grafik zeigt, in die sich aus purer Überlastung ein fataler Fehler eingeschlichen hat.

Das mit dem Akkordeon lässt sich gut an und ist eine feine Sache, bedeutet aber nicht nur Musik, sondern auch Sport, wie ich feststellen musste, denn die 8 Kilo (Instrument plus Koffer) müssen ja auch zum Unterricht hin (und zurück) transportiert werden.

Wenigstens bringt einen vor Ort nicht auch noch der Lehrer ins Schwitzen, weil der sieht exakt so aus wie er heißt (und ich behaupte einfach mal, daran würde sich im Wesentlichen auch nichts ändern, wenn er den Mund-Nasen-Schutz abnähme).
Eine Beschreibung, die Sie jetzt leider nicht verstehen können, da ich hier natürlich nicht seinen echten Namen verkünden kann, damit Sie den dann gleich googeln oder so. Sowas macht man nicht.

Stellen Sie sich einfach ersatzweise einen Mann in den Fünfzigern vor, von kugeliger, untersetzter Statur, mit krass bayerischem Dialekt und einem Namen wie Rudi Humpertinger – die Vorstellung, die Sie dann haben, die trifft es in etwa.

Ideale Lernbedingungen also.

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Auf dem Land ist Santa Claus schon im Anmarsch…

Die spinnen, die Bayern.

…während es mir hier in der Stadt noch recht unvorweihnachtlich vorkommt.

Deko vor dem Supermarkt.

Soweit für heute.

Kommen Sie gut durch die Woche und halten Sie vorsichtshalber schon mal Ausschau nach einem passenden Corona-Freund, falls am 25. November festgelegt werden sollte, dass jeder Haushalt sich künftig nur noch mit einem anderen, festzulegenden Haushalt (und aus diesem auch nur mit einer Person) treffen darf.

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Closing time.

Sonntag, 1. November 2020. München, Theresienwiese.
Vor der Haustür heute zur Abwechslung mal ein „Gottesdienst“. So haben sie ihre für heute Nachmittag geplante Demo, die erst vom KVR und dann auch vom VGH (mit völlig nachvollziehbarer Begründung) untersagt wurde, in aller Eile umbenannt, diese Querdenker.
Damit sie sich nach Belieben auch distanz- und maskenlos und vor allem in gewünschter Truppenstärke dort versammeln und ihre plumpen Phrasen dreschen predigen können. In Bayern unterliegen Gottesdienste unter freiem Himmel nämlich keiner Beschränkung der Teilnehmerzahl. So macht man das, nimmt man halt einfach mal die Religion zu Hilfe.

Nicht zu fassen. Eigentlich müsste doch allen, die denken, egal ob quer oder geradeaus, auffallen, wie dummdreist oder blasphemisch das ist. Und wie schade, dass ausgerechnet in dieser Hinsicht die nächsten vier Wochen keine Ruhe zu erwarten ist.

Ansonsten: It’s closing time.

Mit ein paar anderen Wasserjunkies pflüge ich ein letztes Mal zu jener Abendstunde, in der das Schwimmbad grundsätzlich am leersten ist, durch das riesige Becken.
Jede einzelne Bahn mit Bedacht und fast feierlich geschwommen, das hatte auch ein bisschen was von einer Messe, die jeder still und konzentriert für sich allein zelebriert (und doch sind wir alle im selben Wasser).

Erstmals in meinem Leben schwimme ich 2.800 Meter am Stück. 100 für jeden Tag der bevorstehenden Schließung (sofern es bei den vier Wochen bleibt). Obwohl es sich mit dem Schwimmen ja leider genauso verhält wie mit dem Schlafen: man kann es nicht auf Vorrat betreiben und wochenlang davon zehren (was man aktuell bunkern könnte, wäre lediglich Klopapier und so Kram).

Egal, es tut mir trotzdem gut, das mal auszuprobieren, bis kurz vor Beckenschluss (wie der Zapfenstreich im Schwimmbad genannt wird) zu schwimmen.

Ist viel, aber ging schon – die schweren Beine können sich ja nun lang genug von dem Einsatz erholen.

Die nette Kassiererin verabschiedet sich geknickt in die nächste Kurzarbeit, der Lieblinsgsbademeister ruft einem zum Abschied ein optimistisches „Servus und bis bald!“ hinterher.

Genau wie im Frühjahr werden wir unser Freibad und unseren Sport sehr vermissen in den kommenden Wochen (und die Psychohygiene, die damit verbunden ist, ebenso), aber so ist das nun.

Ab morgen wird wieder Gugelhupf gebacken, das hat sich schon mal bewährt.

Freitagabend, im Freibad.

Dichter Dampf steigt über dem menschenleeren 50m-Becken auf, das Thermometer an der Außentür zeigt 5 Grad. Ja haben wir da jetzt eine komplette Jahreszeit übersprungen oder was ist los?

Auf der Gufferthütte hat es geschneit, und das nicht zu knapp. Der Papa meldet auch schon weiße Berggipfel ringsum.

Morgen fahren die Freunde 613 km hierher, um den Wanderherbst in Oberbayern zu genießen. Gerade habe ich die Mitnahme von Mützen und Handschuhen empfohlen.

Was für ein schräges Jahr – aber wir machen einfach weiterhin das Beste draus. Gute Reise, liebe B.!

Das letzte Zeichen des Sommers brachte der hübsch Bewimperte erst vor 3 Tagen vorbei, hartnäckig strahlen die zwei Blumen nun gegen das Regengrau an.

Dreiteiler.

Bevor wir uns zum Sonntagsspaziergang auf den Pfannenstiel, wie der Küsnachter Hausberg heißt, und bald danach auch auf den Heimweg nach München begeben, kommt hier schon mal das Schlussplädoyer zur Woche an der Schweizer Geld-, äh, Goldküste.

Gestrige Tour oberhalb vom Zürisee…
…inklusive von den Jungs designtem Gipfelfoto von H. & mir…
…und Aussichten auf alles, was hier noch zu tun wäre!
Nach dem Ausflug geht’s noch zum Schwimmen…
…im hundefreundlichen Greifensee…
…bei goldenem Septembersonnenlicht.

Bis spätabends dann Crêpes gebacken, zu viel gegessen, zu viel geredet, immerhin nicht nochmal am Gin Tonic vergriffen, trotzdem acht Stunden Schlaf wie betäubt, nur ab und zu unterbrochen von einem wild träumenden Hund unter der Decke.

Zum Abschied kreieren die beiden Jungs eine Fortnite-Superheldin getreu nach meinem Abbild, ich darf sogar ein bisschen mitreden bei der Gestaltung, und fühle mich schließlich wirklich gut getroffen und reite fortan auf einem turboschnellen Kometen durch das pulsierende Universum der Küsnachter PS4-Konsole.

1.307x Danke an H. fürs gelassene Ignorieren der uralten, russischen Regel „Fisch und Gäste stinken nach drei Tagen“, was natürlich auch nicht passieren kann bei der Frequenz an Badi- und Seebesuchen (plus täglicher Dusche) und wenn einem die Gastgeberin zwischendurch sogar die Klamotten wäscht. Auch das Dackelfräulein war äußerst zufrieden hier – maximal 1 Punkt Abzug gibt es für das unmenschliche und sogar konsequente Sofa-Verbot.

Den ausführlichen Bewertungsbogen für unseren Aufenthalt senden wir in den nächsten Tagen per Email, nur so viel schon mal: Wir kommen auf alle Fälle wieder!

Und vielleicht lässt es sich ja einrichten, das Haus gegenüber bis dahin abzureißen, damit wir von der Terrasse aus auf den See gucken könnten – dann müssten wir da nicht mehr zum Dinieren hinunterfahren.

Mit der Tobelfee am Nobelsee.

Unsere gestrige Fahrt führte uns nach Küsnacht am Zürichsee.

Für einige Tage lassen wir uns bei meiner Schulfreundin H. nieder, die es vor vier Jahren beruflich hierher verschlagen hat (und genauso lange lädt sie uns auch schon ein, endlich mal vorbeizukommen, nie hat’s gepasst oder geklappt – jetzt aber).

Die Eindrücke des ersten Tages lassen sich in einen simplen Satz fassen: Hier ist einfach alles schön, nobel, hell, klar, aufgeräumt und blitzblanksauber.

Wirklich alles: die Straßen, die Häuser, die Bürgersteige, das Freibad, die Spazierwege, die Läden und Cafés, die Luft und das Wasser, die Seepromenade und der Hundestrand.

Letzterer eh der Hammer: anderswo wären sie schon froh, wenn sie nur annähernd solche Strände für Menschen hätten.

Gut, über die Preise für ein schnödes Tässchen Cappuccino oder ein Kaltgetränk mit Seeblick wollen wir jetzt lieber nicht reden, auch von der Rentner- und SUV-Dichte nicht. Unser tschechischer Kombi fällt jedenfalls richtig auf. „Oh je, eine arme Münchnerin!“, werden sich die Anrainer denken, wenn wir hier durch die Straßen zuckeln. Egal, und heute blieb das Auto eh stehen.

Vormittags in die Badi, die 50m-Bahnen für mich allein, im Süden glitzern die Glarner Alpen, die Hautevolee rückt erst nach Prosecco und Pediküre an und belegt dann auch eher die Sonnenliegen als das Sportbecken.

Mittags die zwei Jungs der Freundin bekocht, beim Tischgespräch einen prima Einblick in die Welt der präpubertierenden Schulcommunity erhalten und in die Geheimnisse von Fortnite eingeweiht worden. Himmel, ist man als Kinderlose weit weg von all dem!

Anschließend über vier Stunden draußen gewesen. Durch den Küsnachter Tobel, eine traumhafte Schlucht mit Wasserfällen und Ruinen, hinunter zum See gewandert, dort am Hundestrand gebadet und gespielt, an der Uferpromenade (mit aus monetären Gründen verdrängtem Zwischenstopp im Café) weiter zum Kusenbach, von dort wieder den ganzen Hang hinauf. Steigungen sind das hier! Da zahlt sich das ständige Bergtraining echt mal aus.

Abends gibt es Köstliches vom Grill, zum Dessert hat die Freundin nach der Arbeit in Zürich noch was beim Läderach besorgt, das sich gerecht durch vier teilen lässt, was ein Muss ist, wenn mal was vom Läderach auf den Tisch kommt.

Das Dackelfräulein räkelt sich auf der Terrasse unter dem Oleander in der Abendsonne, bis a) eine Fliege zu nerven beginnt und b) klar ist, dass es sich ausgrilliert hat (und somit keine Zucchini mehr für sie abfallen wird).

Ein Tag wie im Film.

Beim Abwaschen sage ich zu H., dass ich bis Weihnachten bleibe.