Himmel der Bayern (37): Saisonbeginn.

Endlich wieder am Seelenort.

Mit Weißbier, See- und Zugspitzblick, kurzes Durchschnaufen vor der nächsten Etappe der Umzugsorganisation.

Das Dackelfräulein munter im Schilf kruschelnd, die jahrelang eingeübten Grenzen vorbildlich wahrend – nach links hin die große Kastanie, rechts rüber das Bächlein – und immer in Sichtweite.

Manchmal wirklich der weltbravste Hund.

Sichabsetzen.

Nur ein paar Mark in der Badehose sind wir an einem Samstag zuerst ins Schilf und dann ins Wasser gegangen, um gegen strenges Verbot in die Schweiz zu schwimmen (…).

Beide hatte wir diese Idee einer Flucht, auch wenn M. das Vorhaben anders nannte und damit mehr vorantrieb; er sprach vom Sichabsetzen ins neutrale Ausland, das wir in Angriff nehmen sollten. Immer wieder diese Formulierung, Sichabsetzen, sein Appell an uns, und auf einmal ist es soweit, wir schwimmen einfach los, von einer Bucht im Schilf aus, schwimmen, obwohl das Wasser nicht warm ist, kaum zwanzig Grad, und obwohl wir keine Übung haben, nur uns beide und etwas Mut.
Wir schwimmen nebeneinander, nicht zu hastig, nicht zu langsam, wir reden nicht, wir atmen nur.

(…) Und als das Schilf hinter uns nur noch ein gelber Streif ist, zittrig im Dunst, und unsere Füße plötzlich in kalte Strömungen kommen, da gibt es schon kein Zurück mehr, nur noch ein Weiter, jetzt doch etwas hastig, wie die Vierbeiner, und auch unter Tierlauten, rauen Tönen, um sich Mut zu machen.

(…) Und so schwimmen wir weiter, Seite an Seite bis zum Landungssteg. Und den erklimmen wir, als keiner hinschaut, und lassen uns hinter dem Zollhäuschen trocknen, dann geht’s in Badehosen zum nächsten Kiosk, und M. legt seine Münzen hin. (…) Und das reicht für eine Tafel Sprüngli und vier Maryland-Zigaretten, die es in der Schweiz damals einzeln zu kaufen gab, für eine Cola und ein Päckchen Streichhölzer. Wir gehen mit dem Einkauf ans Wasser, an eine geschützte Stelle, die sich gleich findet, vor der Mauer einer Caféterrasse – der Instinkt für geschützte Stellen begleitet uns beide überall hin. Wir teilen Schokolade und Cola, wir rauchen die vier Zigaretten und sehen den Möwen zu; unser Haar ist schon lange getrocknet, aber wir spüren noch den See an der Kopfhaut.

(…) Wir wollen bleiben, wo wir sind, in der Schweiz, die wir schwimmend erreicht haben – wie die Emigranten, sagt M., nur ohne Mantel; wir wollen uns vorstellen, dass es kein Zurück mehr gibt, dass drüben die Häscher warten und wir uns hier durchschlagen müssen, dass wir unsere letzten Zigaretten rauchen, bevor wir uns weiter absetzen, über die Alpen in den Süden.

Wir hocken da und schöpfen Kraft, nicht aus der Schokolade, nicht aus den Zigaretten oder der Cola, nur aus der gemeinsamen Sicht auf die Dinge.

[Bodo Kirchhoff: Eros und Asche, S.270 f.]

Nach etlichen Jahren wiedergelesen, anlässlich eines Geschenks für eine Freundin in der Schweiz (was ein plötzlicher und so stimmiger Impuls war: dieses Buch, für diese Freundin, jetzt).

Beim Wiederlesen ans erste Lesen erinnert, vor fast sieben Jahren in Süditrol war es, unterhalb einer verwitterten Festung in einer Hollywoodschaukel sitzend, ab und an von der Lektüre aufblickend und die Augen in den wilden Garten des Hotels versenkend, bis Butz, der entzückende Rauhaardackel eines wellnessurlaubenden Männerpärchens, durchs Bild fegte und mit dem Fallobst spielte (oder den Blick an die Berge auf der anderen Talseite heftend, hinter denen bei klarer Sicht die Spitzen des Rosengartens hervorblitzten).

Und wieder die letzten 20 Seiten mit feuchten Augen gelesen (sogar mehr als das): Freundschaft, Hund, Jugend, Liebe, Alter, Tod…
Dazwischen die passenden Fetzen aus einem Song des so zarten, androgynen Antony: „I find you with red tears in your eyes“ und „I whisper the secret in the ground“.

Damals schließlich den Buchdeckel mit zitternden Händen zugeklappt, eine Stunde lang nicht aufstehen können und in der Schaukel hin und her gewippt, bis die Tränen getrocknet waren.

Diesmal ohne Schaukel, Garten und Berge, dafür nun selbst so einen Butz habend, der einen mit nachdrücklichem Fiepsen darauf hinweist, dass sowohl Gustl, der Geburtstagsgeier, dessen Thorax bereits schlimme Bissverletzungen aufweist, als auch ich justament zu Opfern der heutigen Spiellaune auserkoren wurden.

No time to shed a tear.

Frühlingsfedern oder: Damals in Ottakring.

Im stürmischen Südföhn, der das Seeufer großzügig mit Frühlingsluft überschwemmt, kommt dem Dackelfräulein und mir ein Paar entgegen. Ein ungleiches Paar. Sie, um die 60, hat sich bei ihm, sehr jung, untergehakt. Die Federn an ihrem Damenhut vibrieren heftig im Wind. In inniger Vertrautheit aneinandergeschmiegt spazieren sie im Gleichschritt auf uns zu. Es kommt zur Begegnung, gar zum Gespräch – ausschließlich dem Charme des Hundes wegen, ich hätte lieber meine Ruhe gehabt.

Während ich den beiden interessiert Fragenden die üblichen Auskünfte erteile („nein, sie ist nicht mehr ganz jung, sondern schon 6“, „ja, sie liebt Wasser und es ist ihr nicht zu kalt“, „nein, sie ist kein Zwergdackel, sondern Normalschlag, ihr Vater war ein recht zierlicher, aber drahtiger Bursche“) und Pippa das neu gewonnene Publikum geschickt nutzt, um unter großem „Mei, schau!“ und „Herrje, wie reizend!“ mit einer aus dem Schilf stibitzten Feder im Schnabel eine regelrechte Zirkusnummer aufzuführen, habe ich plötzlich ein Déjà-vu. So ein Gespann hast du doch schon mal gesehen!, rumpelt es durch mein Bewusstsein.
Und flugs formiert sich’s zur konkreten Erinnerung: Die beiden vor mir, die sind gar kein Paar, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne – das sind Mutter und Sohn!

Wo war das noch? Genau!
Damals, im Ottakringer Frühling war’s.

Das Ritual aller frisch Getrennten stand mir bevor: meine paar, noch bei K. in Wien deponierten Habseligkeiten abzuholen. Ich wollte K. keinesfalls schon wiedersehen und bat daher seinen besten Freund C., er möge meine Sachen doch bei Gelegenheit an sich nehmen. C. erledigte das umgehend und bot an, ich könne, wenn ich demnächst zum Abholen der Dinge vorbeikäme, gern das Wochenende bei ihm verbringen, um die weite Strecke nicht am selben Tag hin und retour fahren zu müssen. Der Frühling hielte schließlich gerade Einzug in Wien und man könne ja gemeinsam auf den Kahlenberg wandern (und ich dürfe mich auch gern an seiner Schulter ausweinen, wenn mir danach sei).

Ich überlegte kurz, ob mir danach wäre und vor allem, ob ich so viel Wien jetzt schon wieder verkraften könnte, war mir irgendwie unsicher, entschloss mich dann aber, die Unternehmung als willkommene Ablenkung vom Trennungsschmerz und als gute Option für einen positiveren Abschied von der Stadt zu betrachten und nahm das Angebot dankend an.

Eine weise Entscheidung, da sich die Hinfahrt, was ich natürlich vorher nicht ahnen konnte, nicht in den üblichen drei Stunden bewältigen ließ, sondern fast sieben Stunden hinzog, da mir an einer Tankstelle bei Passau der Autoschlüssel im Schloss des kleinen, roten Fiestas abbrach und mich der grantige niederbayerische Tankwart nur sehr unwillig zum nächsten Ford-Händler kutschierte, damit ich einen Ersatzschlüssel anfertigen lassen konnte.

Spätnachmittags traf ich etwas gerädert von der Anreise bei C. in Ottakring ein.
C. war einer der höflichsten Männer, die ich je kennengelernt habe, quasi ein Kavalier alter Schule. Er erwartete mich bereits unten auf der Straße, hielt mir die Autotür auf, um mir aus dem Auto heraus und in den Mantel hinein zu helfen. Trug mein Gepäck nach oben in die – wie er mir im Stiegenhaus erläuterte – 240m² große Altbauwohnung.

Ich war noch nie zuvor bei C. daheim gewesen, staunte daher nicht schlecht über die schier unglaublichen Dimensionen seines studentischen Zuhauses.
Als er die Wohnungstür aufschloss und meinen Koffer auf den Dielenboden stellte, hörte ich ein Klappern aus einem der Räume. Vielleicht die Bedienerin? Das kannte ich schon von K.s Eltern, dass sich in Wien auch der Mittelstand gern diesen mindestens wöchentlichen Luxus im Alltag leistete.
Das Klappern schien näher zu kommen und kurz darauf stand es leibhaftig vor uns. Eine ältere, stark geschminkte Dame in wallendem Gewand, mit Federschmuck im hochgesteckten, silbrigen Haar. C. stellte sie mir als seine Mutter vor. Sie reichte mir ihre knochige, reich beringte Hand mit einem „Ich grüße Sie herzlich, wertes Fräulein Natascha!“, auch das war mir bereits von K.s Eltern vertraut (da wo i dahoam bin, da hatten Freunde der Kinder nicht mehr als ein schlichtes elterliches „Servus“ oder „Hallo“ zu erwarten).

Beim Abendessen erfuhr ich, dass C.s Mutter gar nicht zu Besuch war, wie ich zunächst angenommen hatte, sondern ebenfalls dort lebte und zwar bereits seit über 40 Jahren, und dass die Wohnung deshalb so riesig war, weil es sich eigentlich um zwei Wohnungen handelte, die vor langer Zeit zusammengelegt worden waren, weil C.s Mutter dort auch ihr Geschäft hatte. Sie führte dort jahrzehntelang eine Werkstatt für Kunstblumengestecke. Dass der Laden angeblich längst stillgelegt worden war, sah man dem hinteren Trakt der Altbauwohnung kaum an: drei große Räume mit eingestaubten Werkbänken, Schränken voller Werkzeug und deckenhohen Regalen bis zum Anschlag vollgestopft mit Schachteln, Boxen und Körben. Darin Kunstblumenteile, aus Seide, aus Plastik, aus Holz, aus Drahtgeflecht, eine unfassbare Vielfalt!, nebst zig Schubkästchen voller Federn, Perlen und Zierrat aller Art (und Abart) – mir fiel in einer Tour die Kinnlade herunter, während man mich durch die Räumlichkeiten führte.

Im kleinsten der Zimmer, das vielleicht 25m² maß, stand ein uraltes, riesiges Doppelbett mit besticktem, dunkelroten Überwurf – mein Gästebett fürs Wochenende, wie man mir mitteilte.
Umgeben von all dem Geblümel und der Patina längst verblichener Zeiten und Gewerke sollte ich dort schlafen, was mir zumindest in der ersten Nacht kaum gelingen wollte. Neben dem Bett hatte C. meine Sachen aus K.s Wohnung fein säuberlich aufgeschichtet. Obenauf ein Briefchen von K., das ebenfalls hervorragend als Schlafräuber taugte.

Am nächsten Morgen zog ich die schweren Samtvorhänge beiseite und blickte durch das milchig-schmutzige Sprossenfenster hinab auf die belebte Straße. Die Bim schob sich quietschend neben dem Samstagmorgenverkehr entlang, die Menschen hetzten bereits geschäftig durch die Gassen, ein paar Bäume hier und dort, die erstes Grün zeigten, unter dem Fenster ein Magnolienbaum in voller Blütenpracht. Frühling in Ottakring.

Ich zog mir etwas über, um nicht durch Nachtgewand und Barfüßigkeit meine Gastgeber zu verschrecken und schlich auf leisen Sohlen den langen, dunklen Flur Richtung Küche, in der Hoffnung auf einen Hauch Kaffeeduft und ein vielleicht schon im Entstehen begriffenes Frühstück. Stille empfing mich. Kein Kaffee, kein Croissant weit und breit. Das Knarzen des alten Bodens unter meinen Füßen das einzige Geräusch in der noch schlafenden Wohnung. Ich beschloss, mich ins Bad zu verkrümeln, fand den Weg nicht gleich, bog falsch ab und kam an einer geöffneten Flügeltür vorbei – die einzige Lichtquelle in dem düsteren Gang.

In dem Zimmer sah ich ein fast identisches Doppelbett wie das, in dem auch ich schlief, stehen, und als ich da so hinüberblickte, bemerkte ich, wie sich etwas in dem Bett regte und erkannte den silbrigen Schopf der Mutter. Sie drehte sich im Schlaf um. Aber was war das? In der anderen Betthälfte schien es auch einen kleinen Ruck unter der Decke zu geben!?! Und tatsächlich: Dort lag C., der Mutter den Rücken zugewandt, tief und fest schlafend.
Einer ausgiebige Dusche bot die Gelegenheit, diese frühmorgendlichen Impressionen aus dem 16. Bezirk erstmal sacken zu lassen, um das später folgende gemeinsame Frühstück ohne Entgleisungen in der Mimik antreten zu können.

Es war die seltsamste Mutter-Sohn-Symbiose und zugleich die abstruseste WG, in die mir je Einblick gewährt wurde. Und es war eines der erlebnisreichsten Wochenenden, die ich je in Wien verbracht habe. Mit einer Friedhofsbesichtigung (Ottakring), einer Wanderung (Kahlenberg), dem Abendessen in einem Ottakringer Beisl mit den schrägen Kommilitonen von C. (Indologie, Papyrologie und Epigraphik), der Präsentation von C.s beeindruckender Sammlung schwedischer Pornohefte aus den 70er Jahren (sehr züchtig, sehr blond, sehr haarig überhaupt), den Foxtrottübungen im Flur (C.s Mutter bat mich, ihren Sohn in der Linksdrehung zu unterrichten) und nicht zu vergessen den drei langen Frühstücken zusammen mit C.s Mutter in ihrem divenhaften, brokatenen Schlafrock (und mit flittergesprenkelten Seidenhyazinthen auf dem Frühstückstisch).

Zum Abschied schenkte sie mir ein Paar Ohrringe, die mir fast bis zum Schlüsselbein reichten und sich mit ihren pieksigen Federkielen übel in meinem Mantelkragen verhakten.

Es wird höchste Zeit, wieder einmal nach Wien zu reisen, denke ich.

Vielleicht schon im Frühling.

Himmel der Bayern (36): Along the east bank.

Starnberger See, Ostufer. 8. März 2018.

The famous Eastbank (with Trainpeakview).

St. Ludwig bei Berg.

The Kini’s Grave.

Blick von der Votivkapelle auf den See.

Frühlingserwachen im Strandbad.

Seeluft schnuppern!

Nachdenken über den Traumjob.

Ausüben des Traumjobs!

Seehunde unter sich.

Himmel der Bayern (35): Denkmäler.

Denen, die man liebt, schon zu Lebzeiten ein kleines Denkmal zu setzen…

…ich wünschte, das würde mir öfter gelingen!

Nähere Informationen und Bildmaterial zu den Denkmälern sowie zu dem in allen Jahreszeiten (er)lebenswerten Tegernseer Tal finden Sie ab heute im gut sortierten Zeitschriftenhandel in der neuen Ausgabe von Dog & Travel.

Mit Liebe für meinen Papa & meine Pippa…

…mit herzlicher Empfehlung für alle anderen, die’s interessiert oder nach Oberbayern zieht…

…und nicht zuletzt mit großem Dank an den Gatten für seine Unterstützung, immerzu und bei allem, woran ich herumwürge!

 

Worrying about your little world falling apart.

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Dieser vorwiegend verjammerte Monat neigt sich nun erfreulicherweise seinem Ende zu. Der Inhalt des Jammertopfes ebenfalls.
Alles ist gesagt, gefühlt, beweint, beschrieben und beklagt worden.
Bei einem der Loopings während der emotionalen Achterbahnfahrten, die der Februar mir gratis und so reichlich zugedacht hatte, hat’s mich aus der Kurve gehauen.
Der Aufprall war unsanft, das System wurde ziemlich durchgerüttelt. Überall schepperte, wackelte oder flatterte es.
Nach all dem Aufruhr macht sich nun eine beinahe wohltuende Leere breit und bietet Gelegenheit, die Wunden zu lecken und zu verpflastern.

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Das für gestern Vormittag geplante Schwimmen verschob sich dann doch auf den späten Abend. Was sich gelohnt hat.
Zum einen, weil man rückschwimmend durch den Dampf direkt zum (Voll?)Mond im schwarzen Winternachthimmel hinaufschauen konnte, zum anderen, weil nach dem Bahnenziehen erstmals in meiner über 20-jährigen Schwimmkarriere die Badelatschen am Beckenrand festgefroren waren. Das gab’s noch nie.
Der Lieblingsbademeister eilte mit dem Heißwasserschlauch herbei, eiste meine gelben Crocs los und spendierte mir zur Entschädigung für die 15 Sekunden Extra-Frieren eine Gutschrift für den nächsten Besuch.
Ich liebe dieses Bad.

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Man kann nicht alles wegschwimmen, was einem im Nacken sitzt oder im Magen liegt.
Aber manches kann man leichterschwimmen oder schwimmend ins Wasser hineindenken und dann zugucken, wie es allmählich auf den Beckenboden (den gekachelten!) sinkt.
Kleine Verletzungen, große Enttäuschungen, nagende Zweifel, wiederkehrende Zukunftssorgen, fehlende Antworten, schwelende Ängste, spontane Lebensmüdigkeiten, kraftraubende Viren, zerplatzte Hoffnungen – bei jedem dritten Armzug vollständig Ausatmen, und ab damit Richtung schwarzer Balken auf türkisem Boden.
Man muss außerdem sehr viele Bahnen schwimmen, um seinen Ballast loszuwerden. Keine Ahnung, wie viele.
Jeder hat so seine Ventile. Das Schwimmen ist meines.
Ein weiteres ist die Musik.

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Auf der nächtlichen Heimfahrt ist die alphabetische Tracklist der 16GB-Musiksammlung bei „M“ angelangt. Macdonald, Amy.
Sie singt darüber, was Glück für sie bedeutet. Netter Song, 4:49 lang. Dann Stille, das Gerät springt nicht automatisch weiter zum nächsten Titel, und ich denke sofort: „Verdammt, geht DAS jetzt auch noch kaputt in diesem versemmelten Monat.“
Weil die Straße glatt ist, kann ich nicht an der Anlage rumfummeln. Als ich an der nächsten Ampel stehe und mit dem Finger aufs Display zusteuere, singt die Amy plötzlich weiter, nach über 70 Sekunden Pause.
Siehe da, es sind ja noch 3 Minuten Restzeit für „What happiness means to me“ angezeigt, das Glück hat also einen Epilog, den ich bislang nie bemerkt habe (da könnte sich das Leben mal eine Scheibe von abschneiden).
Unverzeihlich, denn es folgt eine Acoustic-Zugabe in schottischem Akzent von „Dancing in the dark“. Ein Song, den ich zwar seit 33 Jahren in & auswendig kenne, aber früher mal so oft gehört habe, dass ich schon lange nicht mehr wirklich zuhörte (sofern er mir überhaupt ab und zu mal unterkam).
Manches hat man ja als Teenager ganz anders aufgefasst (oder noch gar nicht erfasst) – und gestern Nacht trafen diese Worte zum ersten Mal einen völlig neuen Punkt meines Bewusstseins (oder auch bloß einen der Nerven, die sich im Februar entzündet hatten).

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You sit around getting older
there’s a joke here somewhere and it’s on me
I’ll shake this world off my shoulders
come on baby this laugh’s on me

Stay on the streets of this town
and they’ll be carving you up alright
They say you gotta stay hungry
hey baby I’m just about starving tonight
I’m dying for some action
I’m sick of sitting ‚round here trying to write this book
I need a love reaction
come on now baby gimme just one look

You can’t start a fire sitting ‚round crying over a broken heart
This gun’s for hire
Even if we’re just dancing in the dark
You can’t start a fire worrying about your little world falling apart
This gun’s for hire
Even if we’re just dancing in the dark

*****

(This one’s for you, S.)

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Pucks.

Two little pucks on ice: Unser Beitrag zu Olympia.

Eisbeute

Schubbern

Strecken

Schlittern

„I go, I go, look how I go!
Swifter than arrow from the Tartar’s bow.“

(W. Shakespeare: A Midsummer Night’s Dream)

Auf dem Weßlinger See, 24.02.18.

Winterschläfchen.

Hundemüde. Wenn Menschen zu früh aufstehen.

Wallberg im Nebel. Weiter oben auch nicht besser.

Hundeleben. Im Tal kann man auch Spaß haben.

Bei der Irmi. Endlich mal ein paar Stunden allein.

Bräustüberl und Tegernsee im Nebel. Die Faschingsseppln ebenso.

In der Irmi. Zum Hirschberg gucken oder ein Nickerchen machen?

See la vie.

(Ostufer Starnberger See, am 01.02.2018]

„Zukunft – das ist jene Zeit, in der auf Freunde Verlass sein wird, das Glück gesichert ist und die Geschäfte gelingen“, meinte heute ein junger Mann zu mir, mit dem ich am trostlos grauen Seeufer bei Berg ins Gespräch kam, während wir beide einem Stand-Up-Paddler zusahen.

So jung war er, dass ich ihn in dem Glauben lassen wollte.

Himmel der Bayern (33): Wanderer, kommst du nach GaPa…

verkündige dorten, du habest den Rucksack bestücket, wie es der Vater einst befahl.
(frei nach Simonides von Keos)

Nach einigen Pannen zu Berge halte ich mich ja nun wieder strikt an das früh mir Anerzogene, das da lautete:

  1. Bereite deine Tour am Vorabend gewissenhaft vor.
  2. Nimm immer ausreichend Proviant, ein Erste-Hilfe-Set, Kleidung zum Wechseln und allerhand weiteres Glump mit, das du zwar nur 1x in 10 Jahren brauchen wirst, aber dann sowas von froh bist, wenn du’s im entscheidenen Moment dabei hast.
  3. Konkret mahnte der Vater vor allem zu vier Dingen unter dieser von mir als Glump verunglimpften Rubrik: eine Karte, ein Taschenmesser, eine Wäscheklammer und ein Stück Schnur.

Und so trug es sich zu, dass wir gestern, bei unserem vierstündigen Marsch oberhalb von GaPa (für die Nicht-Bayern unter den Lesern: Garmisch-Partenkirchen) dieses eine Mal in 10 Jahren erlebten und wirklich sowas von froh waren, weil sonst wären wir glatt verhungert!

Oberhalb von Grainau beginnt der Kramerplateauweg…

… ein Höhenweg am Fuße des Kramers, der sich zu jeder Jahreszeit lohnt, besonders aber dann, wenn die allgegenwärtigen GaPa-Touristen mit anderen Vergnügungen abgelenkt sind (diesmal: Skifahren, neue Zugspitzbahn).

Diesen herrlichen Panoramaweg kann man bis zur Burgruine Werdenfels (über Burgrain, dem nördlichsten Ortsteil von GaPa) in sanftem Auf und Ab entlangmarschieren.

Aus den alten Gemäuern tun sich neue Perspektiven auf, selbst der sonst eher langweilige Hausberg der Garmischer, der Wank, macht mit dieser Umrahmung was her…

…aber auch der Blick nach Farchant und ins Estergebirge lohnt sich von hier oben.

Die unterhalb der Ruine gelegene Werdenfelser Hütte hat ganzjährig geöffnet und bietet Riesenportionen für den Riesenhunger…

…und da wir uns gerade erst ein Paar Wiener (Würstchen!) geteilt haben, ziehen wir noch weiter, bergauf zum Pflegersee…

…der uns mit geschlossener Eisdecke, aber geöffneter Wirtschaft empfängt.

Der Magen knurrt, das Dackelfräulein wetzt schon zur Terrasse, ich pfeife sie zurück. Setze den Rucksack ab, öffne das obere Fach, um die Hundeleine herauszuholen – und greife ins Leere. Das ist das Doofe am Prinzip Zweitrucksack, der mit Thermoskanne und Hundefutter für danach – und heute auch mit Leine drin – auf dem Beifahrersitz schlummert, da kommt man beim Packen halt leicht durcheinander.

Aber: Nach Jahren nutzlosen Mitherumtragens ist nun die Stunde der Paketschnur gekommen!

Die drei Meter reichen problemlos für eine Kurzleinenkonstruktion samt Griffschlaufe und wenn der Hund nur 7kg wiegt, braucht man ja gottseidank kein Schiffstau, um ihn zu bändigen bzw. am Stuhlbein zu befestigen.

Ich schicke dem Papa live eine Mail mit diesem Foto, das ihm zwar spät, aber immerhin überhaupt beweist, dass seine Erziehungsbemühungen Früchte gezeitigt haben.

Noch schönere Früchte finden sich jedoch in dem Streuselkuchen, der mich auch darüber hinwegtröstet…

…dass ich wegen zu hoher Rüdendichte auf der Sonnenterrasse leider drinnen sitzen muss.

Anschließend wandern wir auf dem selben Weg die ganze Strecke retour…

…das Weißblau hat der Bayernhimmel zwischenzeitlich durch Weißgrau ersetzt, aber dem Hund ist das genauso wurscht wie der Alp- und Zugspitzblick und wahrscheinlich das gesamte Panorama unterwegs.

Und wenn man heute Morgen so aus dem heimischen Fenster schaut, weiß man, dass man gestern alles richtig gemacht und nun in aller Ruhe die nächsten Tage am Schreibtisch sitzen kann.