Every Saga ends oder: Weihnachten ist jetzt schon geritzt.

Der Gatte, in einem seiner Nebenjobs Serienbeauftragter, hat soeben die frohe Kunde überbracht: Saga Norén kommt zurück!

Das jähe Ende der 9 Staffeln „24“ hab ich mittlerweile verwunden (bzw. durch Kiefer live in concert ersetzt), der Tod von Peter Quinn ist hingegen für immer und ewig unverdaulich und unverzeihlich, aber wenigstens ist er mittlerweile 9 Monate her und die Zeit heilt doch so manche Wunde (der Serienbeauftragte teilte mit, dass er auch die neue Homeland-Staffel bereits vorbestellt hätte – nun gut).

Pünktlich zu Weihnachten werden wir also Saga Norén in der 4. Staffel von „Die Brücke“ wiedersehen und auch wenn’s wohl definitiv die letzte sein soll (Untertitel: „Every Saga ends“) – ich freu mich!

Vom Kiefer-Koma ins Kloster.

Orff-Zitat im Bräustüberl zu Andechs.

Zunächst erwog ich, den Beitrag mit „Von Passionen und Pilgern“ zu betiteln, aber das wäre reine Schönfärberei gewesen. Denn es geht um Kontrollverlust und den anschließenden (wie immer mühsamen) Versuch, den Verlust wieder loszuwerden, sprich: die Kontrolle zurückzugewinnen.

Nach acht Staffeln suchtartigem Konsum von „24“, von denen wahrlich nicht alle acht Staffeln exzellenter Stoff waren, fiel ich nach dem Finale nicht nur komatös von der Couch, sondern schlug am Morgen danach auch auf den Boden der Realität auf, die wohlgemerkt eine Realität ohne Kiefer Sutherland ist.

Es war, wie es immer war, wenn wir uns an einer Serie festgefressen haben: Wir ziehen das in einer Maßlosigkeit durch, die ihresgleichen sucht (wenn irgend möglich: täglich), schotten uns von der Außenwelt ab (Kontaktversuche werden ab spätestens 20 Uhr komplett ignoriert), bis das letzte Krümelchen Stoff verbraucht ist. Plötzlich ist es aus und vorbei, ein gleichermaßen katastrophaler wie befreiender Moment. Und dann? Gnadenloser Cold Turkey.
Wenigstens haben wir es diesmal gut terminiert, bewusst zum Feiertags- und Jahreswechsel-Leerlauf hin (quasi ein kontrollierter Kontrollverlust, was die Rekonvaleszenz aber kaum erleichtert).

Mein Suchtpotenzial erschreckt mich immer wieder.
Die 1x jährlich auftretende, mehrwöchige Kokos-Intensiv-Phase ist da mit Abstand das harmloseste Phänomen.
Musik, Berge, Sprache, Wasser, Verliebtheit, Bewegung, Essen, Reisen, Serien – ich bin für vieles offen. Hauptsache, es begeistert mich dermaßen, dass der Endorphinrausch zuverlässig eintritt und ich auf dieser Welle surfen kann, weg von hier, weg von mir, weg von unguten Gedankenschleifen (das könnte – ja: sollte! – noch gründlicher durchdacht und ausgeführt werden, vielleicht ein andermal).
Am jeweiligen Suchtmittel überfresse ich mich, bis es a) mir zu den Ohren rauskommt, mich der Selbstekel ergreift und ich es nie mehr sehen/hören/essen/tun will (bis es mich, variiert oder identisch, ein weiteres Mal heimsucht) oder b) mir unfreiwillig entzogen wird, oder zur Neige gegangen ist und nicht wiederbeschaffbar ist.

Just aus dem Kiefer-Koma erwacht, merke ich, dass ich ein schier unglaubliches Bedürfnis habe, das alles loszuwerden, frei zu werden von all diesen Bildern und Emotionen, für die die Serie nur den Anstoß gab zum Weiterspinnen und -spüren. Höchste Zeit ist es, anderes zu sehen, zu hören, zu lesen und wahrzunehmen.
Nicht, dass ich zwischendrin nicht draußen in der Natur gewesen wäre oder mich zu wenig bewegt hätte, aber jetzt, in diesen ersten Tagen des Entzugs, tut eine höhere Dosis frische Luft und flottes Gehen mehr als sonst not.

Vom Queriwirt in Frieding aus marschieren wir mit wohltuendem Weitblick über die sonnigen Felder…

…bis zu dieser einen wunderbaren Kuppe, hinter der das Ziel erstmals hervorlugt: Kloster Andechs!

Das Dackelfräulein schlurft im Hormontaumel neben mir her und gibt nur dann Gas, wenn die Mäuselöcher im Acker besonders zahlreich locken oder ein zerstückelter Dachskadaver am Waldrand feilgeboten wird. Mit Dachsfellborsten um die Dachshundnase kommt sie nach dem dritten Abruf mit der Trillerpfeife sogar schmatzend zurückgeschwänzelt – und verfällt augenblicklich wieder in den PMS-Schlurfschritt.

Nach 7 Kilometern nähern wir uns dem Klosterberg und man staunt immer wieder, wer da an einem Mittwoch/Werktag außer uns noch so alles herumrentnert oder -touristet.

Einfachste bajuwarische Basis-Symbole weisen dem hungrigen und durstigen Wanderer den Weg:

Wir passieren den Kiosk (geschlossen), der in Kindertagen das einzig taugliche Argument war, mit dem ich mich zu einem Ausflug nach Andechs überreden ließ – hier gab mir der Papa stets eine Mark und ich durfte mir davon drei Liebesperlen-Armbänder oder fünf weiße Mäuse kaufen…

… eine pädagogisch äußerst wertvolle Maßnahme, da der ausgesprochen schön gelegene Wallfahrtsort sonst niemals so früh eine solch positive Konnotation erfahren hätte und wohl dem kindlichen Vergessen anheimgefallen wäre (wie all die Museumsbesuche).
Mit Tieren, Eis, Knödeln, Schwimmbädern, Tretbooten und Seilbahnen geködert lernte ich meine Heimat kennen (und später auch lieben). Hat er schon gut gemacht, der Herr Vater.

Auf dem Heiligen Berg angekommen, bekommt Pippa ein Würstchen und ich eine Aussicht auf die heute etwas diesig-verschwommene Alpenkette.

Sattes Orgelspiel ertönt aus der Klosterkirche und ich beschließe, kurz hineinzugehen, was meiner Begleitung so gründlich missfällt, dass sie das frisch verzehrte Würstchen – ummantelt von einem Stück borstigem Dachsfell – demonstrativ auf die Pflastersteine kotzt.

Da sich der Todestag des Freundes jährt, möchte ich ein paar Kerzen in der angrenzenden Kapelle anzünden…

…und weil sonst niemand da herin sitzt, kann ich das Dackelfräulein sogar mit hinein nehmen (warum sind eigentlich brave Hunde in Kirchen verboten, frage ich mich) und ein wenig dort verweilen.

Anschließend folgt der weltliche Part der Pilgertour:

Dank ausreichender Vorbildung muss ich nicht alle 7 Sorten probieren und dabei ein Vermögen verpulvern, sondern kann zielsicher das eine Lieblingsbier ordern und während der Wartezeit beratend tätig werden.

Einen Tisch weiter verlangt das junge Paar aus dem Norden höflich nach einem „kleinen, kräftigen Bier“, hat offensichtlich keine Ahnung vom bayrischen Bier, deutet übermütig an, mehrere probieren zu wollen, aber halt so, dass man danach noch Autofahren könne, und verfällt dann angesichts der barschen Antwort der Kellnerin („Dann nehmts hoid an 0,3 Doppelbock!“) in hilfloses Stottern und nervöses Blättern in der Karte.
Darin allein vier Seiten zum klösterlichen Brauereiwesen nebst detaillierter Beschreibung der sieben vor Ort gebrauten Sorten, die in je drei Ausführungen (normal/leicht/alkoholfrei) sowie drei Größen (0,3/0,5/Maßkrug) aufgeführt sind – das kann den Fremden schon mal verwirren.

Ungefragt schalte ich mich ein, rate klar vom Doppelbock ab (wg. des Alkoholgehalts von 7,1%) und empfehle das Helle (Variante „Spezial“), das noch Platz für ein zweites oder drittes Kleines ließe.
So machen sie’s dann – und zum Dank erhält das Dackelfräulein später ein Stückerl von der Surhaxn, die sich das Pärchen teilt und dabei zufrieden feststellt, dass auch hier auf meinen Tipp Verlass war, dass von einer Portion auch locker zwei sattwerden.

Nach dem Genuss meines Kleinen steige ich mit meiner Kleinen wieder von Heiligen Berg hinab und begebe mich zügig auf den Rückweg, damit wir noch vor Einbruch der Dunkelheit das Auto erreichen.

Soweit ein durchaus gelungener zweiter Entzugstag.
Auf der Heimfahrt die Sutherland-CD gehört, ein bisschen Substitution muss erlaubt sein.
Prosit.

Song des Tages (15).

Heute Abend (vorerst) großes Finale von „24“, ab dann startet die „Homeland“-Vorbereitung für die Weihnachtsferien.
Lange Winterabende können ja so herrlich sein!

Danke an den Gatten, für die perfekte und pünktliche Bereitstellung aller Staffeln,
danke, Kiefer Sutherland, für die vielen spannenden Stunden (und dass du mir ein Stück weit über die einjährige Quinn-Durststrecke hinweggeholfen hast)
– und ein besonderes Dankeschön geht an Sori, für die wirklich bereichernde Info, dass Jack Bauer auch singt!

Pull the shades, lock the door
Drag your feet across the floor
Memories hang in the hall
Pull them down off the wall
Now it’s done, (s)he is gone, long gone

Herzliche Grüße und einen schönen Wochenendausklang!

Neuneinhalb Stunden.

Die noch offenen Fragen, denen ich gestern nachgehen wollte, waren eigentlich jene:

  • Wo steht die Polizeiwache in Kopenhagen, in der Martin Rohde gemeinsam mit seiner autistischen Kollegin Saga Norén in der düsteren Krimiserie “Die Brücke” nach den Mördern fahndet?
  • Wie wohnt Kommissarin Lund, die wohl härteste aller Ermittlerinnen der skandinavischen Krimiszene?
  • Wie sieht Schloss Christiansborg, die Machtzentrale der Polit-Serie “Borgen”, aus?

Es kam anders.

  • Kopenhagen baut das U-Bahn-Netz aus. Manche Orte: zu laut, unbegehbar, der Blick verstellt.
  • Ich, falsch angezogen. Alle Wetter-Apps haben gelogen. Es wurde verdammt warm und sonnig.
  • Schönheit der nicht verbaustellten Stadtteile und Höhe der Preise waren umwerfend und mussten dosiert werden.

Also umdisponiert. Drehortsuche beschränkt (nicht in die Randbezirke), Route etwas angepasst (auch mal Schatten), Verpflegungswünsche ebenfalls (Kaffee und Wienerbrød „to go“ bzw. „to sit on the steps of the castle“).

Verbrannt bin ich trotzdem. Um nicht 40.000 Schritte zu gehen, habe ich zwischendurch das Boot genommen. Und zu guter Letzt habe ich mich auch noch am preiswerten „Grünen Buffet“ von RizRaz überfressen.

Die Retrospektive in Bildern (chronologisch):

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Öresundzug. Wo Martin auf Jens trifft.

 

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Borgen. Wo sich Birgitte mit Kasper berät.

 

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Christianshavn. Wo Katrine wohnt.

 

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Bootsrundfahrt. Wo Kraulquappes Füße versagen.

 

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Bohlendachvej (1). Wo die Reichen wohnen.

 

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Bohlendachvej (2). Wo man sorglos vom Balkon springen kann.

 

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Bohlendachvej (3). Wo gegenüber die Hippies wohnen.

 

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Nationaloper. Wo sich Klang und Könige treffen.

 

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Meerjungfrau. Wo Japaner ins Wasser fallen.

 

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Rosenborg. Wo die dänischen Kronjuwelen schlummern.

 

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Schlossgarten. Wo das Wochenende anfangen kann.

 

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Gravhund. Wo das Herz höher schlägt.

 

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Skagen. Wo die Zeit stehenbleibt.

 

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Fischkuss. Wo niemand ein Fußbad nimmt.

 

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Öresund. Wo das Meer beginnt.

Da muss man wiederkommen, da sind 9 Stunden noch lange nicht genug –
findet die Kraulquappe.

PS: Insgeheim gehofft, Lars Mikkelsen über den Weg zu laufen. Und dann sehen doch glatt manche so aus. Oder gleich noch besser. Ehrlich, selten so vielen schönen Männern Menschen begegnet!