Freischankflächen- und Frisurfeiertag.

Tatsächlich ein Gefühl wie Geburtstag und Weihnachten zusammen (so rein gabenmäßig betrachtet):

Erst der überfällige Friseurbesuch (drei Monate ohne sind für Kurzhaarfrisuren eine lange Zeit!), dann den runderneuerten Pixie-Cut spazieren geführt (zum behutsamen Dran-Gewöhnen erstmal über Münchens schönsten Ruhe-Ort) und danach ein Straßencafé (!) angesteuert (krasse Sache: Draußensitzen, Cappuccinieren und Rhabarberisieren – beinahe verlernt, nach 9 Wochen Kaffeehaus-Askese).

Die Freischankflächensaison ist eröffnet!

Und weil mitten in diesen Glückstaumel noch eine Hammer-Mail hineinploppt (eine Versicherungsleistung, die ich im Leben nicht in der Höhe erwartet hätte), gleich noch einen Hugo obendrauf, den aufzusaugen das Kuchenstück definitiv viel zu klein war.

Aber wurscht. Man muss die Feste feiern wie sie fallen, gefühlt ist da ja jetzt länger nix mehr gefallen (außer ein paar Groschen), diese Woche kommt’s nun offenbar knüppeldick.

Daheim ist Lolek am Werkeln und morgen ist dann auch die letzte Fuge dicht, alles Ramponierte neu lackiert und gestrichen. Nur die Staubläuse, die kennt und sieht er nicht. Mei, auch Lolek ist halt nur ein Mann.

Es könnte, wenn das so weitergeht, die beste Woche seit Februar werden, also seit den Nachbarn über uns der Spülkasten platzte, womit ja einst die Wasserschaden-/Sanierungs-Ära begann, die dann nahtlos in die Corona-Pandemie überging.

Prost!

Herzblut.

September 2019. Gotland. Viel Zeit, Sonne und Ruhe. Erinnerungen an eine wunderbare Reise mit meiner kleinen Gefährtin.

Na endlich!
Auftrag erledigt. Die vermutlich letzte der Reisereportagen pünktlich abgegeben. Wieder ein Kapitel, einen Lebensabschnitt abgeschlossen, zumindest fühlt sich’s so an. Vielleicht auch nur, weil’s eine so schwere Geburt war? Es wird sich rausstellen.

Dabei immer der Gedanke: Wenn das dein letztes Werk aus der Sparte ist, dann muss es besondere Würde haben. Werk? Würde? Oh Gott, was für eine Anmaßung und Übertreibung (oder Ausflucht, um den eigenen Perfektionismus von der Leine zu lassen?). Kein Wunder, dass es sich auf diese Weise beschwerlich gebar!

Alles Schall und Rauch, speziell jetzt, weil derzeit ja sowieso niemand ernsthaft Reisepläne schmiedet. Wohin auch? Und erst recht nicht nach Schweden, oder doch?

Mancher Bestandteil des erforderlichen Vokabulars mittlerweile nah am Brechreiz (Idylle, Urlaubsglück, Erkunden, Einladen, Verweilen, Genießen – bäh! – manchmal juckt’s mich glatt, eine monströse Seele in so einen Text hineinbaumeln zu lassen, wobei die Ironie womöglich nicht mal auffiele, weil das absurde Baumelnlassen derselben in den vermeintlich „schönsten Wochen des Jahres“ ja tatsächlich eine so große Hoffnung, ein Lichtblick von so vielen ist, denen ihr trister Alltag und das tägliche Einerlei so vergällt ist, dass sie einzig die Flucht daraus heiß ersehnen und ansonsten längst zu träumen und zu gestalten aufgehört haben).
Die meisten Worte und Sätze werden dem, was man einst fühlte, sah und erlebte eh nicht mehr gerecht, und daher geht’s bestenfalls als Annäherung durch, das, was da letztlich niedergeschrieben steht, aber der Redakteur ist zufrieden, sehr sogar, und die paar Leser werden es schon auch sein.

Und ich? Was bin ich?
Leer. Ausgewrungen. Ausgezuzelt (wie man hier sagt). Blankgeschrieben. Wortwund.

Und doch: es hat auch was gehabt, dieses Sich-Durchquälen durch Strukturfetzen und Erinnerungsmosaike und dieses Wortefinden und -winden, bis sie sich wundgescheuert haben, um einen Platz zu finden, an den sie gehören oder an dem sie sich zumindest gut anhören.

Da steckt ja Herzblut drin!, so äußert sich jemand dann anschließend über den eigenen Text. Aha!, denke ich, und erwäge für einen Moment, mich zu freuen, aber es bleibt zu fraglich, welcher Art das Blut ist, das da drinsteckt, denn vieles, was ich hätte schreiben wollen oder können, blieb unbeschreiblich oder für die Zielgruppe so gänzlich ungeeignet, also kann es gut sein, dass es nichts als nur schnödes Fingerkuppenblut vom vielen Tippen und Am-Kopf-Kratzen war, und dass das Herz bestenfalls organimmanent blutete, weil es eben nicht ungehindert und frei nach außen fließen durfte, dieses wunderbare Herzblut.

(An dieser Stelle nochmals ein Dankeschön an Blog- und Bruce-Kollegin Anna aus Göteborg, die mir ein paarmal mit wertvollem schwedischen Input behilflich war beim Schreiben!)

Matrjoschka (6).

Vier Wochen ohne Wassersport! Die vorletzte Matrjoschka steht am Seeufer, vermisst das Schwimmen so schmerzlich und versucht, sich mit einer Wassergeschichte diese Sehnsucht wenigstens ein bisschen aus dem Leib zu schreiben.

*****

Zurückkehren muss ich, an jenen Kindheitsort am Wasser, wo vieles begann und manches endete. Hinausblicken muss ich, auf den tiefblauen See, seinem leichten Wellengang und dem sanften Klatschen der kleinen Wogen gegen die Kiesel lauschen, bis die Erinnerungen nach und nach an Land getragen werden und meine Stiefel umspülen, bis ich vierzig Jahre später noch einmal mittendrin stehe, in den verblichen geglaubten Sommerbildern und ihnen zugleich soweit erwachsen bin, dass ich ihre Geschichte erzählen kann.

*****

In meiner Grundschulzeit hatte mich die Mutter an sonnigen Tagen nach dem Mittagessen oft in ihren orangefarbenen VW Käfer gesetzt und war mit mir an den See gefahren. Immer an ein und denselben Ort, in all diesen Kindheitssommern. Sie parkte das Auto in einem schattigen Wohnsträßchen, mit unseren Badetaschen über den Schultern liefen wir den Wiesenhang hinab zum Ufer und bogen links in die Seestraße ein. Unser Ziel war die windschiefe Hütte mit der Nummer 13, ein dunkles Bootshaus mit bemoostem Dach, an das sich ein kleiner Steg mit unebenen Holzplanken anschloss. Auf einer wackligen, selbst-gezimmerten Bank vor der Hauswand saß an jedem dieser Sommertage Herr S., der von der Fischerei und seinem Bootsverleih lebte.

Im Unterschied zur Mutter war Herr S. stets braungebrannt, überaus entspannte Gesichtszüge unterstrichen seinen Teint, und er hatte permanent ein Späßchen auf den Lippen, zwischen denen sonst, wenn er allein und schweigend vor seinem Häuschen in der Sonne saß und sich unbeobachtet wähnte, recht lässig eine halb gerauchte oder erloschene Zigarette klemmte.

Vor allem aber hatte Herr S. die Gabe, der Mutter einen Frohsinn einzuhauchen, der ihr wesensfremd war oder den sie strikt verborgen hielt, jedenfalls kam er in ihrem Alltag fast nie zum Vorschein. Ich beneidete Herrn S. sehr um dieses Talent, über das der Papa und ich trotz redlicher Bemühungen nicht zu verfügen schienen, gleichwohl schwante mir ungeachtet meiner noch jungen Jahre, dass diese Bootsverleiherbegabung offenkundig etwas damit zu tun haben musste, dass Herr S. wohl das war, was man einen attraktiven Mann zu nennen pflegte, der sich noch dazu vortrefflich darauf verstand, die Damenwelt zu umgarnen.

Verlangte die Mutter nach dem tannengrünen Ruderboot, das sie am liebsten mochte, weil dessen Ruderdollen besonders tief und synchron quietschten, begab sich Herr S. sofort schwingenden Schrittes zum hinteren Bootsschuppen, band dort die kleine Barke los und führte sie mit einem Stab, den er an ihrem Bug einhakte, durch das Wasser und um den Steg herum, bis zur Einstiegsstelle vor der kleinen Holzleiter.

Nun folgte der Augenblick, für den die Mutter hierhergekommen war und an dem ihre Stimmung jedes Mal verlässlich von normalgrau in sonnengelb umschlug: Sie betrat den Steg, ging über die knarzenden Planken zur Leiter, und sobald sie ihren Fuß etwas ungelenk auf der obersten Sprosse platziert hatte, reichte ihr der charmante Herr S. seine kräftige, gebräunte Pranke, in die sie dann nur allzu willig ihre blasse, zartgliedrige Hand hineinsinken ließ.

Er hielt die Mutter mindestens so lange fest, bis sie mit beiden Beinen stabil und ohne zu schwanken im Ruderboot zu stehen kam, meist aber hielt er sie noch über diesen Moment hinaus, da die Mutter häufig einen kleinen Gleichgewichtskampf als eine Art Zugabe zur Einstiegszeremonie inszenierte – vielleicht kokettierte sie auch nur, um etwas länger als eigentlich nötig mit ihrem feschen Fischer verbunden zu sein.

*****

Barfuß stand ich am Ufer, in einem türkisen Jerseykleid mit Segelschiffmuster, das die Mutter mir eigens für unsere Sommerausflüge genäht hatte, damit sie zusammen mit ihrer Tochter auch ja ein adrettes Gesamtbild abgäbe.

Sachte tippte ich mit den Zehen auf die Wasseroberfläche oder drehte meine Fersen in den kühlen Kieseln hin und her und sah der Tändelei zu, die sich auf dem Steg abspielte. Ich harrte artig aus, bis sich das kleine Spektakel seinem letzten Akt näherte, erst dann hob ich meine Sandalen vom Boden auf, ging langsam ins Wasser hinein und balancierte vorsichtig über die großen, glitschigen Steine auf dem Seegrund zum Boot hinüber. Den Weg über den Steg und die Leiter zu nehmen, hätte ich niemals gewagt, denn das dort stattfindende Kammerspiel schien keinesfalls mehr als jene zwei Protagonisten zu vertragen.

Es war, als hätten die Mutter und ich eine stillschweigende Übereinkunft für jene Besuche am See getroffen: dass ich mich diskret von ihr fernhielt, wenn sie ihren Auftritt auf dem Steg hatte, dass ich ihr diesen Moment uneingeschränkt gönnte, sie dabei mit nichts störte und dass ich auf diese Weise zumindest einen Teil meiner töchterlichen Schuld zu tilgen suchte. Die Schuld, ein Dauereindringling in ihrem Leben und die personifizierte Verhinderung ihrer Chancen zu sein – oder was auch immer das Grundschulkind von damals aus Anwürfen wie Wegen dir muss ich bei deinem Vater bleiben – Wegen dir musste ich meine Karriere aufgeben – Wegen dir habe ich auf vieles verzichtet, dabei hätte ich so tolle Optionen gehabt abgeleitet haben mochte.

So war der Deal: sie dort auf dem Showtreppchen tänzelnd, mit ihrem schlanken Arm nach dem Seemann haschend, ich hier am Ufer wartend, mit meinen nackten Füßen im nassen Kies scharrend.

*****

Bis uns die Mutter schließlich ein Stück aufs Wasser hinausgerudert hatte, verging eine gefühlte Ewigkeit. Alle paar Ruderschläge hielt sie inne, um sich unter mädchenhaftem Winken gen Osten zu recken, wo Herr S. und sein Bootshaus kleiner und kleiner zu werden drohten.

Befand sich unser Schiffchen weit genug von Land entfernt, wurde es von der Strömung sogleich nach Süden getrieben. Dann war sie ganz mit mir allein, die Mutter, obwohl sie viel lieber mit Herrn S. alleine gewesen wäre und zur Not auch mit sich selbst.
Nun kam der Part, dessentwegen ich diese Ausflüge liebte: Unser kleines grünes Ruderboot lag jetzt mitten auf dem weiten See!

Die Mutter saß zwar gerne am oder auf dem Wasser, sie blickte auch gern übers Wasser, aber in Seemitte ein Bad zu nehmen, das kam für sie nicht in Frage. Sie war eine klassische Uferplantscherin und Wellenbestaunerin, die dunkle Tiefe des Sees aber wirkte bedrohlich auf sie, das Bodenlose schreckte sie geradezu ab und mit der aquatischen Ambivalenz von Geborgenheit und Gefahr wollte sie nichts zu tun haben.
Vielleicht hat all das sie zu sehr an ihr eigenes Sein erinnert, ihr den Spiegel vorgehalten – denn der Charakter der Mutter war durchzogen von derselben Ambivalenz.

Wasser ist nie verlässlich, sondern stets ein anderes, von einer Stunde zur nächsten kann der klarste, friedlichste See sich zu einem finsteren, unwetterumtosten Gewässer entwickeln.
Und genauso verhielt es sich mit der Mutter – nur dass mir niemals Sturmwarnleuchten anzeigten, dass ihre Stimmungslage sich demnächst ändern würde.

Beinahe ein Hohn des Schicksals, dass es mich, die Tochter, schon immer ins Wasser zog. Im Wasser zu sein, das bedeutete wohliges Getragenwerden von Weichheit, beruhigendes Umgebensein von Stille und mich für die Dauer eines Schwimmgangs sicher fühlen zu können inmitten dieser großen Schwere und Ungewissheit, die meine Kindheit umgab.

*****

In einem von der Mutter unbeobachteten Moment stand ich auf, zog mir flink das Kleid über den Kopf, sprang über den Bootsrand und glitt mit ein paar kraftvollen Schwimmzügen tief in das Wasser hinein. Der Sprung in den See kam jedes Mal dem Umlegen eines Mantels mit Kapuze gleich: ganz und gar behütet war ich dort, wie von einer Schutzhülle umgeben. Im Wasser war das Leben grenzenlos und weit, es konnte ungehindert fließen, es nahm mich mit.

Tauchte ich dann in einiger Entfernung wieder auf, stand die Mutter bereits zornrot und mit zittrigen Knien im Boot und schrie Ermahnungen in meine Richtung, die schrille Stimme ein einziges Echo ihrer eigenen Ängste. Über den genauen Inhalt ihrer Rufe konnte ich nur mutmaßen, weil ich dank des Wassers in meinen Ohren so gut wie nichts von alldem verstand. Bevor ich hätte reagieren müssen, schob ich den Kopf einfach erneut unter die Wasseroberfläche – und weg war ich, weit weg!

Ich schwamm, als ginge es um mein Leben, ich schwamm, um dem flüssigen Element möglichst viel seiner so belebenden Energie abzuringen und sie in mir aufzunehmen, damit ich mich später, zurück an Land mit der Mutter, eine Weile im wahrsten Wortsinne besser über Wasser halten würde.

Denn die Mutter und ich, wir waren zwei elementar verschiedene Existenzformen: sie Erde, ich Wasser, und die klägliche Schnittmenge daraus nichts als Matsch und Morast, in dem wir gemeinsam feststeckten, bis unsere Wege früh sich trennten.

So wurde mir der See zu meinem kindlichen Refugium, zu meinem Rückzugsort vor dem Regiment der Mutter, zu einem schallisolierten Raum, in den ihre Vorwürfe und Angstschreie nicht eindringen konnten.

*****

Meinen Freischwimmer machte ich an jenem Sommernachmittag, an dem hinter den Hügeln im Westen plötzlich eine düstere Wolkenfront aufzog. Bald war der Wind stärker als die schwachen Ruderzüge der Mutter, der kleine Kahn bewegte sich nicht mehr vom Fleck und tat dies umso weniger, je mehr die Mutter jammerte und schimpfte. Das Bootshaus war zwar in Sichtweite und zugleich schien es unerreichbar.

Obwohl das Gewitter noch nicht unmittelbar bevorstand, war Eile geboten – diese Botschaft blies uns der Wind mit aller Deutlichkeit ins Gesicht.
Als ich beschloss, in den See zu springen und an Land zu schwimmen, um Herrn S. zu sagen, dass er uns helfen müsse, dass er das Ruderboot mit der Mutter drin vom See holen müsse, keimte in mir erstmals die Ahnung von einer Zukunft auf.

Von meiner Zukunft: einer Zeit, in der ich unabhängig sein würde von der Mutter, frei und selbstbestimmt handeln würde. Ohne sie.

Noch nie zuvor war ich so lange im Wasser gewesen. Etwas atemlos erreichte ich schließlich das Bootshaus, Herr S. hatte mich bereits erspäht, empfing mich am Steg mit einem Handtuch in der Hand, klopfte mir anerkennend auf die Schulter und machte sich sofort per Motorboot auf den Weg zur Mutter.
In das Handtuch des Bootsverleihers gehüllt stand ich am Ufer, sah der Rettungsaktion zu und empfand zum ersten Mal im Leben auch zu Land so etwas wie Sicherheit.
Eine, die ganz allein aus mir entsprang.

*****

Heute, an einem weißblauen Frühlingstag, stehe ich vor jenem Bootshaus aus Kindertagen, knirsche mit den Absätzen im Kies und blicke hinaus auf den See.
Unverwandt liegt er da, so wie vor vierzig Jahren, ist immer noch derselbe und doch ein anderer, genau wie ich.

Die Mutter ist längst auf ewig vereint mit ihrem Element, der Erde, und mit einer Mischung aus Befremdung und Wehmut denke ich an unsere Sommer am Wasser zurück.

Auf dem Steg fegt ein Mann die ersten verblühten Vorboten des nahenden Sommers zusammen.
Ich beobachte ihn bei seinem Tun, was er zu bemerken scheint, denn auf einmal sieht er in meine Richtung. Unsere Blicke treffen sich kurz, er lächelt, nickt mir zu und fährt mit seiner Arbeit fort.
An der Holzleiter, über die sich die Mutter einst mit Hilfe von Herrn S. in das tannengrüne Ruderboot hinabließ, hängt ein schwarzer Plastiksack, in den der Mann die welken Blüten hineinstopft. Anschließend knotet er ihn zu und schultert ihn.

Nach vier Jahrzehnten betrete ich nun wieder den alten Holzsteg. Der Mann kommt mir entgegen, wir grüßen einander, er geht an mir vorbei zu seinem Auto.
Aus einem Impuls heraus drehe ich mich um und frage ihn, ob er zufällig den früheren Besitzer dieses Bootshauses kennen würde, den Herrn S., der sei vor vierzig Jahren hier mal Bootsverleiher gewesen.

Schwungvoll bugsiert der Mann die schwarze Tüte auf die Ladefläche seines Anhängers, dann wendet er sich mir zu und antwortet: Er ist mein Vater.

Für einen kurzen Augenblick verspüre ich das Bedürfnis, nach seiner kräftigen, gebräunten Hand zu greifen, sie festzuhalten, so als könne sich dadurch ein Kreis schließen, der in Wahrheit kein Kreis, sondern nur eine von vielen Lebenslinien ist, deren Zickzackmuster sich auf der gekräuselten Oberfläche des frühlingsflirrenden Sees widerspiegelt.

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Himmel der Bayern (64a): Süßer die Glocken nie klingen.

Heute: Laut Wetterbericht letzter Hochsommertag 2019. Ich habe Ausgang. Heißa! Keine Männer, keine Hunde, kein Haushalt. Für jedes dieser „Keins“ gönnt Frau Kraulquappe sich heut einen Gipfel. Rötelstein, Heimgarten, Rauheck. Zwei hamma scho, nach der Weißbier-Kuchen-Kaffee-Pause dann den dritten. Ein Hammertag für die letzte große Sommerbergtour und bevor es in 9 Tagen dann in den hohen Norden geht.

Hören Sie sich das mal an! Das war die Mittagspausenmusik. Und dazu eine Aussicht vom Feinsten: auf den Grat zwischen Heimgarten und Herzogstand, dahinter lugt der Schafreuter hervor, dann weiter über den Jochberg bis zur Benediktenwand und hinunter zum Kochelsee. Später mehr & bis dahin herzliche Grüße!

Anybody alive out there? oder: Zwölf Tage im Zeitraffer.

Bevor sich die Nachfragen häufen oder die Sorgen intensivieren: Jaja, wir leben noch.

Nach all der alpinen und mentalen Erhabenheit folgten der Abstieg ins Tal und die Erkenntnis, dass es erstmal nichts mehr zu sagen gibt, weil für den Augenblick das Sagbare tatsächlich gesagt war, und das Unsagbare ja sowieso ein solches bleiben würde, zumal uns zu Tale bereits nach kurzer Zeit ein paar Unsäglichkeiten ereilten, die zu überstehen waren und mittlerweile auch überstanden sind.

Zu guter Letzt noch eine erfreuliche Serie an sagenhaft schönen Begegnungen und Unternehmungen, die viel Zeit gebunden und Aufmerksamkeit gefordert hat – und schon waren zwölf Tage ins Land gegangen (oder ins Wasser) und nun sind wir wieder da, wobei wir ja nie weg waren, nur eben nicht hier.

*****

In Bildern ausgedrückt war’s ungefähr so (chronologisch sortiert, aber unter Auslassung diverser Lowlights & Details & misslungenen Bildmaterials):

Big sisters are watching you! – der Abstieg aus dem Wettersteingebirge…

…und direkt danach ins Alpspitz-Bad: 70er Jahre Charme, wettgemacht von einem traumhaften 50m-Außenbecken mit Alp- und Zugspitzblick.

Wieder daheim gings dann los mit den Begrenzungen und dem Bierzeltaufbau…

…und den Versuchen, der Hitze zu trotzen & Nachfragen zu verneinen („Ui, haben Sie das nasse Handtuch für den Hund bewusst in Bierbankfarbe mitgenommen?“)…

…und schließlich testet das Dackelfräulein Ende Juli bei 33 Grad und mit kühlem Frottee umwickelt noch sein neues Front-Körbchen (mittlerweile haben wir uns auch beide an das Ding gewöhnt, sind nun in 7 Min an der Isar statt vormals in 15 – und damit noch schneller im Wasser und weg vom Asphalt, falls der wieder mal zu heiß werden sollte)…

…und dann kam (unter anderem) das hier: nennen wir’s einfach mal die „Nachwirkungen“ der etwas speziellen Hüttentoilette oder des abgestandenen Wassers aus der Zisterne oben auf 2.400m…

…jedenfalls taperte ich zitternd und delirierend und mit der bangen Frage durch die Wohnung, ob der Hund womöglich zum Geodreieck mutiert ist oder einem der fiese Virus den Blick so vernebelt…

…derweil im benachbarten Frankreich the Boss himself M&M’s kauft, so dass man gleich nochmal ins Grübeln kommt, ob man nicht doch zu voreilig den Freunden die Silvesterreise in die Bretagne abgesagt hat.

Naja, und dann kam noch das hier: Sie sehen’s ja am Pfötchen…

…aber kaum waren wir wieder am Wasser angelangt, tauchten die Sorgen gleich ein bisschen unter…

…und das Fräulein und ich all unsere Flossen in den See…

…was eine wahre Wohltat war: mal wieder einen See komplett zu durchschwimmen, sogar mit Berg- und Klosterblick (schwer zu erkennen, Pippa übt das Fotografieren mit dem Smartphone noch).

Baden in Bayern, aber richtig und züchtig!

Anschließend auf Wasserwegen durchs Moorgebiet gewandert…

…hinüber nach Reutberg auf ein Feierabendbier aus der Klosterbrauerei (eine der vielen tollen Touren aus dem beliebten Buch „Wanderungen für Leib und Seele 😉 )…

… und am Tag drauf noch Besuch von der Freundin aus Braunschweig, die einen in allen Hundesorgen so gut versteht, weil sie selbst einen hat…

…und gemeinsam einen herrlichen Spazier- und Sprechmarathon am Starnberger See absolviert, mit der schönen Aussicht, sich schon in Kürze wiedersehen zu können.

In der Hoffnung, hiermit die meisten Nachfragen beantwortet zu haben, grüßen herzlich  –
die Kraulquappe & das Dackelfräulein.

In einem früheren Leben war ich vielleicht eine Bergziege…

…und im nächsten Leben möchte ich ein Steinadler sein.

Im Wettersteingebirge.

In der Zwischenzeit laufe ich weiter und immer weiter, dem Himmel entgegen.

Ist schon noch ein Stück!

Es läuft sich unerwartet gut bislang, aber man soll ja den Bergtag nicht vor Bewältigen der 1.400 Höhenmeter und Erreichen der Hütte loben.

Bin jetzt dann mal offline!

Die Welt ist nicht größer als das Fenster, das du ihr öffnest.

Gestern Mittag auf der Gindelalm.

Ein weiß-blaues Fenster öffnet sich.
Auf der Holzbank direkt darunter sitze ich. In der Sonne. Denke die ersten paar gewichtigeren Gedanken in diesem neuen Lebensjahr. Erfreue mich an der Wärme, dem Licht, dem Panorama. Habe mir vorgenommen, hier heroben in Ruhe tippenderweise den letzten Gratulanten zu danken, um den Geburtstagsreigen abzuschließen. Daraus wird aber nichts, das Handy bleibt im Rucksack.

Ich komme mit zwei Kielern ins Gespräch bzw. die mit mir, natürlich zunächst wegen des Dackelfräuleins, diesem Plauschinitiator der Extraklasse. In den folgenden drei Stunden geht’s dann um alle möglichen Themen. Ja, Sie lesen richtig: drei Stunden. Sowas passiert mir quasi nie. Mit Fremden, und einfach so, und trotz meiner misanthropischen Tendenzen. Und ausgerechnet gestern, wo ich mich nach Alleinsein gesehnt hatte und was zu denken mit auf den Berg geschleppt hatte, was ja auch gerade im Begriff war, gedacht zu werden als diese Unterhaltung ihren Anfang und dann kein Ende mehr nahm.

Noch ungewöhnlicher als das lange Gespräch auf der Alm ist, dass wir dann sogar beschließen, zu dritt hinabzugehen ins Tal. Normalerweise beende ich solche Berghüttenkontakte spätestens mit dem letzten Schluck aus meinem Weißbierglas oder Kaffeehaferl, weil ich gern in Ruhe und in meinem Tempo gehe, und bei Fremden, tja, da weiß man ja erst recht nicht, wie’s läuft und wie sich’s läuft.
Aber es hat alles gepasst mit den beiden Kielern, es war so offen, interessiert, lustig und einfach, dass ich fast schon geneigt war, mich für kontaktfreudiger zu halten als ich es mir bislang unterstellt hätte, und dass es völlig krampfig gewesen wäre, nicht gemeinsam mit den netten Nordlichtern abzusteigen, zumal wir unsere Autos am selben Parkplatz stehen hatten.
Zu guter Letzt tauschen wir auch noch Telefonnummern aus (ebenfalls eine Seltenheit für mich) und wenn ich möchte, kann ich im Spätsommer den bereits gebuchten, letzten Hotel-Zwischenstopp vor der dänischen Grenze wieder stornieren und mitsamt Pippa im schönen Kiel in einem Gästezimmer logieren.

Soweit der beschwingte Teil des Tages.

Anschließend noch eine Viertelumdrehung am See weitergefahren, um den Papa zu besuchen, wie immer eigentlich, wenn ich in den Tegernseer Bergen herumstiefle.

Stehen wir gemeinsam in der Küche, der Papa am Herd und schon mit dem Abendessen beschäftigt, ich an der Spüle, um den Wandernapf vom Fräulein und meine Trinkflasche auszuwaschen.
Er rührt in einem großen Wok, es gibt ein Curry. Wenn er sich neben dem Herd zur Anrichte beugt, um ins Rezept zu gucken, meint man, er fiele gleich vornüber, so schief ist seine Haltung. Auch wenn er sich nicht zu einem Rezept beugt, meint man das häufig.
Seine Lesebrille beschlägt von den Dämpfen, die aus dem Wok aufsteigen. Alles wirkt angestrengt und beschwerlich.

Schließlich ist eine Limette auszupressen. Seine linke Hand hält die kleine Edelstahlpresse fest, die rechte versucht, die halbierte Limette im Uhrzeigersinn zu drehen, um ihr den Saft abzuringen. Ja, „abzuringen“. Das trifft es genau, denn die Szene wirkt wie ein Ringkampf im Kleinen.
Und der Papa verliert diesen Kampf, die Limette rutscht ab und plumpst in die Spüle, wo ich sie auffange und dann sage: „Lass mich das machen.“. Er sagt daraufhin gar nichts, dreht sich zurück zum Herd und rührt wieder stumm in seinem Wok herum.
Wie er da so steht, dieser voluminöse Mensch, dieser Fels, der er immer war, und kaum noch rühren kann, das rührt mich wiederum so sehr, dass ich die Küche verlassen muss und lieber draußen auf der Terrasse den Tisch decke.

Die Lebensgefährtin vom Papa sitzt am Tisch und flucht leise und ein bisschen senil über einem Sudoku, das sich offenbar nicht lösen lässt. Ich ignoriere sie, was unserem Verhältnis auch irgendwie angemessen ist oder zumindest keinem von uns als störend aufstößt.
Hinter der Hecke hört man aus dem Garten nebenan den unerzogenen Terrier der beiden uralten Nachbarinnen kläffen und ich denke in dem Moment: Halb Rottach-Egern besteht aus Rentnern und Greisen, die andere Hälfte sind Sportler, Tagesausflügler und Touristen.
Im Grunde ist es beklemmend, was aus diesem einst bäuerlichen Dorf am Fuße des Wallbergs geworden ist. Alle fünf Minuten donnert ein Krankenwagen mit Blaulicht durch die Hauptstraße, vorbei an all den Nobelboutiquen und Zweigstellen von Sansibar, Dallmayr & Co., in denen geliftete und betuchte Urlauberinnen absurd teure Tees trinken oder dämliche Accessoires kaufen und danach mit ihrem straßbehalsbandeten Chihuahua in der Designerumhängetasche in der Gondel auf den Wallberg hinaufschweben, um in dem potthässlichen Panoramarestaurant einen Prosecco zu trinken.
Dieses Tegernseer Tal ist ein so wunderschöner Fleck Oberbayerns, aber zum einen sehen das zu viele so und zum anderen hat das Geld die Einheimischen so sehr an die Randbereiche der vier den See umgebenden Ortschaften verdrängt, dass man sie in den Orten mittlerweile schon mit der Lupe suchen muss.
Ab und an sieht man noch einen, abends am Lago di Bonzo, wenn die Ausflügler alle wieder weg sind und die Touristen sich ihr 4-Gang-Dinner in der „Überfahrt“ oder beim „Bachmair“ reinziehen. Abends gehen die Einheimischen baden, oder frühmorgens. Da haben sie ihre Ruhe und ihren See einen Moment lang für sich und so wie er war, als hier noch nicht die Prominenz regierte, die Reichen ihre Zweitwohnsitze hierher verlegt hatten und die Almwiesen für ihre Doppelgaragen plattmachen ließen. Aber ich schweife ab.

Das Curry schmeckt sehr gut. Alles schmeckt sehr gut hier, immer noch. Der Papa war zeitlebens ein passionierter Hobbykoch und sah auch immer so aus. Es ist neben dem Reiseführer- und Zeitunglesen die letzte Passion, die ihm noch geblieben ist.
Beim Essen fallen ihm ein paarmal die Augen zu und sein Kinn sinkt zum Brustkorb, er ist für einen Moment komplett weg und bekommt nichts mehr mit. „Papa, schläfst du?“, frage ich und er schreckt hoch, reißt die Augen auf, lächelt und meint: „Aber nein, ich bin doch wach!“
Nach solchen Szenen leite ich dann gern über zum Thema Autofahren und ob das denn alles noch gut ginge, was von ihm beharrlich bejaht und von mir ebenso beharrlich nicht geglaubt wird.

Weil es sich so ergibt und die Lebensgefährtin gestern auch Einiges zu beklagen hat („Dein Vater wird immer unbeweglicher!“ / „Manchmal verlässt er das Haus zwei Tage lang nicht!“) sprechen wir auch noch über Treppenlifte, Rollatoren, Rollstühle und einen Umzug vom Haus der Lebensgefährtin in eine Wohnung, in der manches einfacher zu bewerkstelligen wäre.
Damit wollen dann aber doch beide noch nichts Näheres zu tun haben und wir verheddern uns recht bald ungut in Details zu Treppenliftkonstruktionen und der albernen Frage, ob dann das Treppenhaus überhaupt noch für Gehende zu benutzen wäre, was natürlich hanebüchen ist, weil das Rottacher Treppenhaus weder besonders eng, noch baulich irgendwie speziell beschaffen ist.
Ich mache also mal wieder einen Punkt (der insgeheim ein Gedankenstrich ist, was ich aber nicht verrate) und erzähle von der Tour in Oberammergau letzte Woche, weil der Papa dort noch jeden Stein und Pfad erinnert und das ein Thema ist, bei dem die Wege gleich wieder zusammenführen und der Geruch von Alter und Gebrechlichkeit und noch Schlimmerem, den die Treppenliftsache unweigerlich mit sich bringt, so wieder einigermaßen verfliegt, während die Sonne idyllisch hinter dem Ringberg versinkt und man in ihren letzten Strahlen schon den Fuchs über das Feld schleichen sieht.

Als der Papa nochmal in die Küche schlurft, um einen Wein zu holen, sehe ich ihm durch die geöffnete Terrassentür hinterher. Und sehe auf einmal unseren alten Nachbarn aus dem ehemaligen Mietshaus in Neuhausen in ihm. Der alte Oberstudienrat, mit dem wir Tür an Tür lebten und in seinen letzten Jahren sehr befreundet waren – bis zu seinem Ende, d.h. bis er beschloss, sterben zu wollen, was ihm binnen weniger Wochen gelang.
Es ist dieselbe Schwerfälligkeit, dieselbe Art, mitten im Gehen zu schwanken und zu pausieren, dasselbe Schnaufen bei jedem Schritt (und als ich beim Heimfahren noch weiter drüber nachdenke: es ist sogar derselbe Galgenhumor, nur leider nicht dieselbe Offenheit für Hilfe und Unterstützung).
Der Papa wirkt viel älter als er ist, aber Krankheit ist nunmal keine Frage des Alters und das Alter nichts weiter als eine Zahl (erst letzte Woche auf der Hütte einen Mann getroffen, der mit 75 fit wie ein Turnschuh da heraufspaziert war und zwar über den Steig, über den Pippa und ich uns später doch etwas mühsam hinunterzitterten).

Momente, in denen kurz aufscheint, wie es noch werden könnte und was uns noch so bevorstünde – und die mir mit etwas Abstand zu dem Trübsal und den Ängsten, die sie jedes Mal in mir auslösen, auch eine seltsam intensive Art von Lebensimpuls und -gier geben und recht deutlich zurufen, dass man verdammt nochmal das Glück am Schopf packen solle, wenn es einem denn vor den Augen steht oder gar vor die Füße fällt, und dass man dort, wo man sogar selbst den Glücksschmied spielen kann, weil Gesundheit und Umstände das jetzt gerade erlauben, das auch tun sollte ohne zu viel Wenn und Aber und Konjunktive.

Gelegenheiten ergreifen, sich ein Stück vom Himmel oder der Welt schnappen – so lange sich diese weiß-blauen Fenster noch öffnen und man noch Herr oder Frau über seine zwei Haxn ist.

Heute Mittag in München.

Voll schön, dass es dich gibt.

My hometown ❤

So sollte es sein.

Notiz aus der Blogpause.

Unterwegs im Bierbichler-Country. Der Hammer, dieses Hinterland am Ostufer des Starnberger Sees. Warum ist man da nur so selten?

Wiesenpfade nach des Fräuleins Geschmack, zumal bei 27 Grad, wo jedwede Kühlung willkommen ist. Schönste Kircherl und Friedhöfe. Ein paar Kühe und Bächlein. Beste Aussicht auf See und Berge.

In Oberambach kurz das Hotel besichtigt, das man im Magazinbeitrag zu empfehlen gedenkt. Nette Chefin. Zeigt einem das Gelände und die Remise mit den sechs Zimmern für Urlauber mit Hund. Spendiert einem einen Hugo auf der schattigen Terrasse des Schlossguts, „(…) schreiben’S was Gutes über uns!“. Hätte ich eh, bei der Lage und dem Preis-Leistungs-Verhältnis.

So sollte es sein. Wenn man damit eines Tages mal mehr verdienen würde als den Hungerlohn, den so ein Beitrag einbringt, dann wär’s geradezu perfekt. Ambulare et delectare. Scribere et bibere.

Dann hinunter nach Ambach, wo der Bierbichler Sepp lebt, isst, trinkt und schreibt. Ins Familienlokal mit Biergarten – und eigenem Seezugang. Endlich mal ein Fleckerl in diesem Landkreis, wo der Hund ins Wasser darf. Wo keiner meckert. Dank der hohen Tennisballdichte hier hat Madame auch gleich wieder was zum Spielen gefunden.

Warum eigentlich irgendwohin in Urlaub fahren? Alles da.

Weibaleitdog oder: Be happy.

Freitag. Frauentag im Kreuther Tal.
Das Fräulein und ich auf der Halserspitz, der Königsalm und danach in der Weißach. Mal wieder ganz ohne beruflichen Blick auf irgendwas, einfach nur gehen und gucken, keine Notiz, zu nichts, kein beim Gehen im Geiste verfasster Absatz zu einem Wegstück oder einer Beobachtung. Nur wir, der Berg und die Sonne.

Naja, nicht ganz. Wir gerieten etwas unerwartet mitten in den Almauftrieb, der dieses Jahr im Kreuther Tal so spät stattfand wie schon lang nicht mehr.
Überall Kühe, nicht ideal, wenn man mit Hund da durchmarschiert. Zumal die Kühe, wie ich gestern erleben durfte, ihren ersten Freilauf auf der Weide mit wilden Hüpfern und Sprüngen feierten – das verstört dann sogar den kuhgewohntesten Hund.
Also doch den Weg genommen, der als „gesperrt“ markiert war, wegen diverser Winter- und Sturmschäden. Klaro: vorher nachgefragt, ob man das riskieren dürfe, aber wenn der Almwirt meint, wir schaffen das, wenn wir trittsicher sind und über ein paar umgefallene Bäume klettern können, dann schaffen wir das auch).

Das Dackelfräulein liebt waldige Berghänge, Kraxeln über umgefallene Bäume und schmale Nebenpfade – und ich liebe es, wenn der Hund glücklich ist.
Auf den sonnigen Strecken weiter oben hechelt sie dann sehr und ich auch und ich sage zu ihr: „Mäuschen, wir sind nicht mehr die Jüngsten, mach langsam!“, was sie sogar beherzigt.
Hieve sie in jede Viehtränke (wirklich wie gemacht für die Dackelstatur, diese Wannen), hieve unseren Proviant den Berg hoch (der Rucksack, halb so voll wie bei den Wintertouren, kommt mir doppelt so schwer vor). Auf der Alm fast eingeschlafen, trotz Kaffee.
Demnächst, so denke ich dort im Schatten vor mich hin dösend, gibt’s hier im Blog mal einen Beitrag über Tabuthemen. Es ist zum Beispiel eine Schande, dass kaum jemand weiß, was Endometriose ist und was das im Alltag bedeutet. Und ebenso, dass über manche Symptome der Wechseljahre nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird.

Anschließend in Rottach-Egern im Garten des Papas die Füße hochgelegt (korrekt müsste es heißen: im Garten der Lebensgefährtin des Papas, denn er ist dort „nur“ Mitbewohner und ich somit keine Haus-am-Tegernsee-Erbin in spe, leider).
Ersten Aperol des Jahres serviert bekommen. Erstes Grillen in diesem Sommer genossen. Erstmals bis spätabends draußen gesessen.
Fräulein Hund hellauf begeistert von all den Gerüchen und Gaben und noch heller aufgeregt vom Kurzbesuch der Nachbarskatze. So ist das auf dem Land.

Wie oft wir wohl noch genau so dasitzen werden?, frage ich mich. Das frage ich mich schon lange und bei jedem Besuch. Eine unnütze Frage, und doch nicht abzuklemmen in diesem Hirn, das ständig vor sich hindenkt.

Der Papa und seine Lebensgefährtin zanken jetzt öfter als früher. Wenn im Alter alles immer beschwerlicher wird, sind manche Klüfte offenbar schwerer durch Humor oder Toleranz zu überbrücken.
Ihn nervt, dass sie so viel vergisst/verlegt/verdreht und sie nervt sein immer kleiner werdender Radius und sein immer größer werdendes Bedürfnis nach Struktur.
Ich sage es den beiden im Laufe des Abends, dass sie mittlerweile arg viel herumkeifen und dass sie doch froh sein sollen, dass jeder von ihnen noch Dinge kann, die der andere schon nicht mehr kann. Weil sich das doch immerhin ergänzt. Der Papa lächelt fast beschämt, die Lebensgefährtin guckt auf ihren Buchsbaum und ich bin nicht sicher, ob sie’s überhaupt gehört hat.

Spätnachts nachhause gefahren. Herrliche Fahrt durch die Sommernacht. Telefonat mit dem Gatten, der auf einer Theologen-Tagung weilt, seinen Vortrag hinter sich gebracht und sich auf sein protestantisch-asketisches Zimmerchen zurückgezogen hat, auf dem es eine Bibel, aber keinen vernünftigen Internetempfang gibt.

Nach nur 51 Minuten die Ludwigsvorstadt erreicht.
Daheim Ankommen nach so einem Tag ist ein etwas größerer Akt.
Erst fahre ich in den Hinterhof, dort halte ich vor dem Garagentor an. Dann steige ich aus, schließe das Tor auf, hole mein Rad aus der Garage, schiebe es zur Seite, befestige die Flügeltüren des Garagentores. Danach klappe ich den rechten Außenspiegel ein, hole das Dackelfräulein aus dem Auto, binde sie an einem Dachrinnenabflussrohr im Hinterhof an. Öffne den Kofferraum, hole das ganze Glump des Tages heraus, stelle es neben dem Hund ab. Steige wieder ein, lasse den Motor an, fahre das Auto vorsichtig in die enge, miserabel ausgeleuchtete Garage (in den 1950er Jahren hat keiner damit gerechnet, dass die Menschen 70 Jahre später mal viel breitere Autos fahren würden).
Ein Moment höchster Konzentration, jedesmal. Vor allem das mit dem Außenspiegel sollte man nicht vergessen!
Aussteigen, Rad vors Heck schieben, Garage absperren, Sachen schultern, Hundeleine aus der Öse am Dachrinnenabflussrohr ausfädeln und ums Handgelenk legen.
So bepackt nochmal kurz vors Haus schlurfen, damit der Hund sein Nachtpipi auf dem Grünstreifen machen kann – und dann mit einer ziemlichen Verrenkung den Schlüssel aus der Hosentasche fummeln, die Haustür aufsperren und mit Hund und Gepäck zum Aufzug gehen.

Oben angekommen eine große nächtliche Freude vor der Tür: die Expresslieferung von Freund T. aus Z. ist eingetroffen. Das neue Springsteen-Album liegt endlich auf der Fußmatte, mit einem Tag Verspätung.
Ich mache einen Knicks, aus Dankbarkeit – und um es aufzuheben.

Und nun verabschieden wir uns in eine kleine Klausur: Ein Auftrag muss dringend fertig werden, eine Planung vollends abgeschlossen sowie ein paar andere Baustellen endlich zuende gebracht werden.

Aber wenn Sie mal ganz ehrlich sind, haben Sie ja fürs Erste eh genug Sommer-, See-, Dackel- und Bayernhimmel-Fotos gesehen, nicht wahr?

Be happy & bis bald –
Ihre Kraulquappe.