Leipzig (2): You sit and wonder just who’s gonna stop the rain.

Die heutige Blogstatistik spricht eine klare Sprache: die Leserschaft kann es entweder kaum erwarten, Teil 2 des Leipzig-Berichts zu lesen oder aber der Ministrantenimbiss-Post schlug ein wie eine Bombe (leider ist die Statistik ja nicht allzu detailliert).

Wurscht.
So oder so war ich noch nicht fertig mit dem Erzählen und schwelge noch im Gefühl vom vergangenen Wochenende.

Als der Kiefer vorgestern in Leipzig zu heftig an die Himmelspforte klopfte (voilà: hier kommt es, mein erstes WordPress-Video!)…

…bewahrheitete sich die Prognose der blöden Wetter-App leider doch noch…

…und das ausgerechnet am einzigen Konzertabend meiner fast 34-jährigen Konzertbesucherkarriere, an dem ich nicht in geschlossenem Schuhwerk, sondern in Sandalen unterwegs war…

…zum Glück aber in Hundebesitzer-Trampel-Sandalen und nicht in solchen mit feinen Lederriemchen oder Straßsteinchen im Geflecht, so dass das Wasser im Gummifußbett sommerwarm die Zehen umspielte und dem Schuh nichts weiter anhaben konnte.
Naja, und vom Rest des phänomenalen Abends haben Sie ja schon gestern gelesen.

Worüber noch kein Wort fiel, ist der Sonntag.

Das lag unter anderem auch daran, dass der mit einem Frühstück begann, das mich sprachlos machte. Zum einen, weil die Wartezeit für eine Tasse Kaffee ungefähr 10 Minuten betrug. Es gab sage und schreibe nur einen Kaffee-Automaten für alle Teilnehmer des Parteitages der Linken, alle Bach-Fest-Besucher, alle Kiefer-Sutherland-Fans und die paar Dödel, die sich am Vorabend zu Dieter Thomas Kuhn verirrt hatten.

Immerhin hatte das Hotelpersonal es nicht versäumt, das Display dieses einzigen Automaten auf den Sonntags-Modus zu stellen:

Zusätzlich zum „Wasser im Pott“ (für alle aus dem Ruhrgebiet Angereisten?) durften die Gläubigen es nach Herzenslust dem Herrn gleichtun und Teewasser zapfen, nach dessen Genuss sie mindestens zum Gehen über die Pfützen im Kopfsteinpflaster vor dem Gewandhaus befähigt wären.

Den anderen Moment der Sprachlosigkeit bescherte mir Sori. Als ich nach einem dieser längeren Kaffeeholausflüge zu ihr an den Tisch zurückkehrte, hatte sie die Zeit meiner Abwesenheit genutzt, um mir einen Brief zu schreiben. Wir Frauen sind so. Wenn wir nicht live miteinander reden können, schreiben wir uns sofort und mit großer Freude Briefe, Emails, Whatsapps.
Vor meinem Frühstücksteller lag ein Kuvert, drauf stand mein Name. Ich fragte, ob ich den Brief gleich lesen solle oder erst später im Zug. Wie ich es lieber wolle, sagte Sori.

Neugierig öffnete ich sofort das Kuvert (Geduld gehörte noch nie zu meinen Tugenden) und drin war kein Brief, sondern ein Stapel Schwarz-weiß-Fotografien, die etwas historisch anmuteten. Ich nahm sie aus dem Umschlag und erkannte den Bruce meiner Jugend (am Gesichtsausdruck, an der Frisur und am shirtsprengenden Bizeps)!
Beim näheren Betrachten begriff ich dann: das waren Original-Fotografien aus den 1980er-Jahren, also genau aus der Ära, in der meine lebenslange Liebe begann.

Und als Sori mich fragte, ob ich denn nicht das Stadion erkennen würde, da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Na sicher, das Münchner Olympiastadion, ganz klar an der Zeltdachkonstruktion zu erkennen…, ja meine Güte, das konnte dann ja eigentlich nur… – und genauso war es auch: Es handelte sich um Fotos von meinem ersten Konzert am 18. Juni 1985!

Das können wahrscheinlich nur Fans verstehen, was einem so ein Geschenk bedeutet!
[@Sori: nochmals 1000 Dank dafür!!! @Herrn Speed: schleifen Sie bitte schon mal das Sägeblatt, ich brauch‘ einen Spezialrahmen Altar für diese Rarität!]

Und weil wir dann eh schon mittendrin waren im Lieblingsthema des Tages, verlegten wir kurzerhand unseren Marsch durch Leipzig erstmal in den Nordwesten der Stadt.

So wie die einen halt sonntags zur Kirche gehen…

…pilgern andere zu ihren musikalischen Gedenkstätten…

…und beschließen die sonntägliche Messe mit Gebeten wie „Gib mir 1x im Leben Lost in the flood live!“ oder „Hol mich 1x zu dir auf die Bühne, zu Jole Blon oder zu Jersey girl!“.

Nach dieser netten Kurz-Wallfahrt spazierten wir dann doch noch in die Altstadt, aber kaum wollte ich Marktplatz und Thomaskirche näher betrachten…

…erspähte die Sori ein E-Street-Band-Fan-Shirt, das an einem Mittfuffziger prangte, der mit seiner Gefährtin unvorsichtigerweise in der ersten Reihe eines Straßencafés beim Brunch saß.

Und schon war man wieder im Gespräch „unter Tramps“ – natürlich waren die zwei am Abend zuvor auch beim Kiefer, denn das ist ja quasi alles irgendwie ein und derselben musikalischen Ursuppe entsprungen. Die Gefährtin noch zu neu, um allzu viel mitzureden („ich war mal bei Rebekka Bakken“ – „Hm, ja, schön!“) und sich insgeheim wahrscheinlich fragend, was ihr da noch alles bevorstünde (zeitlich, emotional und finanziell), wie um alles in der Welt man sich nur an einzelne Songs von x Konzerten erinnern könne („Weißt du noch: Racing damals in Mannheim, 2003, oder Point blank 2009 in Frankfurt?) und ob sie mit dem Kerl wirklich eine gute Wahl getroffen hätte (na klar hatte sie das).
Nach einem ausgiebigen Plausch herzliche Verabschiedung, wie von alten Freunden.

Also eben gar keine Kultur mehr, was soll’s.
Ab zum Bahnhof und wieder nachhause.

Schön war’s!
Thanks to Kiefer & danke, liebe Sori – für den tollen gemeinsamen Trip, die Heiligenbildchen und die halbfeuchten Gauloises, und dann bis spätestens im Herbst hier in München!

You sit and wonder just who’s gonna stop the rain
Who’ll ease the sadness, who’s gonna quiet the pain
It’s a long dark highway and a thin white line
Connecting, baby, your heart to mine!

Nachtrag, 13. Juni: Link zum lesenswerten Leipzig-Bericht auf Soris Blog!

Leipzig (1): Drinking warm beer in the soft summer rain.

Eigentlich müsste es heißen „barefoot girl sitting on the hood of a Dodge drinking warm beer in the soft summer rain“, aber wir waren nunmal nicht barfuß und hockten auch nicht auf einem Dodge rum.

Aber der Rest stimmt so – und nach 21 Stunden mit S. musste dieser Beitrag einfach mit einer Songzeile von Springsteen beginnen. Noch dazu mit einer, in der es regnet und aus der man zugleich spürt, wie unerheblich so ein Regen doch sein kann, wenn man in der richtigen Gesellschaft und am richtigen Ort ist.

Es war wirklich ein kleines, feines Open-Air.

In der „Parkbühne“ standen wir mit Bier und bester Sicht (schätzungsweise Reihe 13) umeinander. Kein Show-Schnickschnack, der abgelenkt hätte, kein Gedränge und Geschubse, das den Musikgenuss gestört hätte.

Im Gegenteil. Als der Sommerregen begann, flohen ein paar Sensibelchen aus den vordersten Reihen an den überdachten Rand der Arena, so dass wir ganz locker noch ein gutes Stück weiter vorsprinten und dort am Wet-T-Shirt-Contest in front of Mr. Sutherland teilnehmen konnten.

Da S. mir freundlicherweise kurz vor Konzertbeginn noch erzählt hatte, dass sich bei Kiefer-Sutherland-Konzerten auffällig viele Ü40-Frauen aufführen würden wie die Teenager, nahm ich das als Freibrief und tat mir von Anfang an keinerlei Zwang an.

Nach anderthalb Stunden hemmungslosem Mitsingen und -tanzen schwappten wir triefnass, aber glücklich zum Ausgang, holten uns noch einen Absacker und da eh schon alles wurscht war (die Welt so rund, die Seele so weit, das Herz so erfüllt von Musik!) nahm ich sogar eine der halbfeuchten Gauloises von S. – noch nicht ahnend, wie schicksalhaft diese erste Zigarette seit ewigen Zeiten sein würde.

Denn hätten wir nicht so gemütlich vor uns hingequalmt und herumgestanden, hätten wir vermutlich längst das Areal der Parkbühne verlassen gehabt. Was fatal gewesen wäre, weil wir dann nicht mehr mitbekommen hätten, dass an einem Hinterausgang des Geländes eine Handvoll Fans eisern an einem Tor ausharrten und als wir gucken gingen, was es da wohl zu gucken gäbe, kam auch schon der Kiefer zum Tor geschlendert, verteilte großzügig Autogramme und ließ sich cheek to cheek mit seinen Fans ablichten.

Klein isser, dafür umso großflächiger tätowiert. Und ein bisserl fertig und versoffen schaut er aus und gar nicht so muskelbepackt wie zu 24-Zeiten. Trotzdem immer toll, wenn man als Teenager mal so nah rankommt an seinen Star.

Ganz beseelt ins Hotelzimmer zurück, dort sofort raus aus den nassen Klamotten und rein in die skurrile Badewanne…

…in der auch zwei Platz gehabt hätten (und so ein kleiner Kanadier erst recht).

Nach dem Bade war’s nur noch ein Hupf rüber ins Bett und keine 5 Minuten später sind die Lichter ausgegangen (nicht nur die grünen).

Denn man ist halt doch kein Teenager mehr, sondern nach so einem Tag echt platt und richtig froh, wenn man in Morpheus‘ Armen ruhen kann.

Lesen Sie morgen dann „Leipzig (2)“, wo es weniger Kiefern, dafür umso mehr Brucen wird (schließlich war ich ja mit der Sori dort, und es war Sonntag, bekanntlich der Tag des Herrn 😉) oder – wenn Ihnen das Thema auf den Senkel geht oder Sie einer gänzlich anderen Glaubensgemeinschaft angehören – warten Sie einfach ein paar Tage ab, dann gibt’s hier wieder den gewohnten Hunde- und Handwerker-Content.

Herzlich grüßt –
Die Kraulquappe.

On tour: Zwischen Kiefer und Fichte.

Greetings to S. – not from Asbury Park but from the Wiesn.

Servus, Minga!

Selten so auf eine Zugfahrt gefreut.
Einfach mal gut drei Stunden dasitzen, fern der Wohnung und des Werkelns, aus dem Fenster gucken, dem einen oder anderen Gedanken nachhängen und -spüren. Oder ihn sogar notieren.

ICE-Lieblingsplatz: Einzelsitz am Waggonende.

Nachher wird mich S. am schönen Leipziger Bahnhof abholen, wir werden zur Begrüßung schmunzeln, weil wir beide unsere Springsteen-Shirts tragen, werden dann zum Hotel schlendern, unsere zwei Einzelzimmer beziehen, uns anschließend in die Altstadt aufmachen, wo wir uns bei 25 Grad in einen schattigen Lokalgarten setzen, dort Essen und Trinken, und am frühen Abend spazieren wir dann rüber in den großen Stadtpark, in dem ab 20 Uhr der Kiefer rockt. Nach all den Fichten in der Wohnung mal eine willkommene Abwechslung.

Ein kleines, feines Sommer-Open-Air, auf das ich mich seit Monaten freue. Es mit S. zu teilen, wird prima sein. Ein Rosie-Sandy-Mary-Candy-Wendy-Feeling, denn der Bruce hat uns zusammengebracht (und vielleicht ist uns auch das ja eines Tages noch vergönnt, mal gemeinsam auf ein Springsteen-Konzert zu gehen, wer weiß).

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So wie der Bruce vor fast genau 5 Jahren (meine Güte: wie die Zeit verfliegt!) in derselben Stadt T. und mich zusammengebracht hat. Kleine Konstanten im Leben: ich trug dasselbe Shirt wie heute und es war ebenfalls ein herrlicher Sommertag. Damals: Open-Air in der Red-Bull-Arena. Zufällig nebeneinander gestanden, vorn in der Arena.

T. versuchte, mit einem dicken, schwarzen Edding ein Request-Schild zu bepinseln, „Local hero“ sollte draufstehen. Zu wacklig, das Ganze. Gemeinsam ging’s dann besser mit dem Beschriften. Und fast vier Stunden später – nachdem man gemeinsam zu „Back in your arms“ fast geheult hatte und beim Encore denselben Favoriten bejubelt hatte („Bobby Jean“) – tauschte man Adressen und Telefonnummern aus, umarmte sich in der lauen Sommernacht und sagte „Wir sehen uns wieder!“, was dann auch so war.
Eine Begegnung, die bis heute Bestand hat. Der Bruce & seine Musik schweißt einen zusammen (natürlich nur, wenn’s drüber hinaus auch noch was gibt, das verbindet), das war schon immer so.

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Leipzig 2013 war aber nicht nur einer meiner Springsteenschen Sommernachtsträume, sondern auch mein vorletzter Konzerttrip mit M., dem jahrelang besten Freund und Begleiter zu allen Konzerten vom Boss. Letzte Begegnung dann 2016 in Berlin, mit Abschied vor den Toren des Olympiastadions – passenderweise nach dem Springsteen-Konzert (jenes, bei dem ich in einem einsamen Moment voller Andacht und Melancholie dachte: möglicherweise ist das das letzte Mal, nicht nur mit M., sondern überhaupt.)

Ich sehe uns noch vor dem Alten Rathaus in Leipzig sitzen, 2013 im Sommer, am Tag nach der Leipziger Konzertnacht, mit Sonnenbrillen vor den müden Augen, plaudernd und in Eiskaffees rührend, und ich erinnere mich ebenso genau, wie ich die wachsende Erkenntnis auszublenden versuchte, dass M. das Fragen mehr und mehr einzustellen schien und sich mit einer Selbstzufriedenheit, die mir unheimlich war, in seinen Anekdoten einzurichten begann und sich geradezu gemütlich darin sonnte. Fraglos, kritiklos, bezugslos.

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Es gibt diese Menschen, die irgendwann keine Fragen mehr an andere haben. Mit denen man eines Tages fast nur noch Story gegen Story tauschen kann und wo Zuhören und Anteilnahme durch schalen Applaus und das heimliche Warten auf Stichworte ersetzt werden.

Auf Stichworte, die den Startschuss geben für den schnellen und geschmeidigen Rollenwechsel, vom Applaudierer zum Anekdotenerzähler und umgekehrt – übrigens eine Kommunikationsform, die man auch gut auf Partys beobachten kann: Hör ich dir zu, hörst du mir zu, aber eigentlich hört niemand mehr hin, sondern jeder nur noch sich selbst.

Ein Graus.

Und danach gehen sie lachend und zufrieden und vielleicht ein bisserl beschwipst heim und sagen sich „Was hab ich mich heut wieder gut unterhalten!“ und genauso ist’s ja auch, das „ich mich“ trifft’s so exakt! – ein Selbstgespräch hätt’s auch getan, wäre da nicht die Gier nach Applaus (selbst wenn’s oft nur ein geheuchelter ist).

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Mir fällt dazu immer ein Satz von Leonhard Frank, dem Würzburger Schriftsteller, ein: „Er war egozentrisch wie ein Kreisel, der sich noch im Totlaufen schwankend um sich selbst dreht.“

Ich kannte ein paar solcher Kreisel, meist trennten sich die Wege irgendwann. Nach einiger Zeit der Beobachtung bekam ich vom bloßen Zusehen einen heftigen Drehwurm, mir wurde unerträglich schwindlig und ich taumelte von dannen.

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Der ICE rauscht an Bamberg vorbei. Ich denke an H., die hier mal studiert hat und meine Besuche bei ihr. Von Würzburg aus übers Land gezuckelt mit dem kleinen roten Fiesta. Damals hörte man im Auto noch Musik auf Kassetten und schnippte die Zigarettenasche beim Fahren aus dem offenen Fenster. 20 Jahre später reist man mit cleaner Sportlerlunge in klimatisierten Wägen.

Glaubt man den väterlichen Überlieferungen, nahm ich meinen ersten Schluck Bier aus einer Flasche Bamberger Rauchbier. Die herben Geschmacksnoten hatten es mir in der Kindheit angetan. Oder der schmucke Bügelverschluss oder das Ploppen, wenn man ihn öffnete. So erzählt es der Papa jedenfalls.

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Noch eine knappe Stunde bis Leipzig. Zeit für die Kopfhörer und ein letztes Mal „Shirley Jean“, mein vermutlich meistgehörter Song 2018, nachher dann live on stage. Wie schön!

Tomorrow will be too late…

…sagte sie, kippte den Sicherungsschalter wieder um (da es eigentlich ganz danach aussah, dass er die Küchendeckenleuchte bereits erfolgreich angeschlossen hatte) und nahm endlich, endlich ihr BOSE-Soundsystem in Betrieb, das nun auf dem zuvor endlich, endlich geradegerückten und befestigten Regal in der Diele thronte.

Es musste Elvis sein, denn draußen flirrte der Sommer, während die beiden hier drinnen zwischen Eckregalschreinereien, Alukantenprofilleisten, Schrankjustierungen, Aufputzsteckdosen, Koch- und Putzarbeiten und Deckenbeleuchtungen vor sich hin schwitzten.

Als „Wooden heart“ ertönt, steigt er doch glatt kurz von der Leiter hinunter und kommt kichernd in die Diele gelaufen, wo sie steht und vor sich hinsingt – „treat me nice, treat me good, treat me like you really should, ‚cause I’m not made of wood“ (genau!!!) – und er merkt an, dass das im Original ein schwäbisches Lied sei, was sie natürlich weiß, denn deshalb hat sie’s ja aufgelegt.

Danach noch „It’s now or never“ in schlagbohrerübertönender Lautstärke und dann packt sie die Leine und führt das Dackelfräulein zum mittäglichen Bade an die Isarauen (nicht ohne ihm vorher noch einen frischen Erdbeerquark zu servieren).

Es geht voran!

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Und soll ich Ihnen was verraten?!?
Vorhin hab ich ganz spontan zu ihm gesagt: „Wissen Sie was? Zum Geburtstag wünsch‘ ich mir ein Bad von Ihnen!“. Er ging bislang von einem Schlüsselbrett aus, aber Wünsche können sich ja ändern, was er als erfahrener Handwerker/Lebensgefährte natürlich eh weiß.

Da die Münchner tz heute schrieb, dass Handwerker immer teurer werden (wovon ich ein Lied singen kann, und zwar nicht „Wooden heart“!) und was man tun muss, um diesen Schmerz abzuschalten, dachte ich, ich äußere diesen Wunsch mal lieber früher als später (also solange die alten Konditionen noch gelten und bevor der schwäbische Preishammer zuschlägt).

Genießen Sie den schönen Sommertag!

Bis bald und herzliche Grüße
Die Kraulquappe.

Meeting Wolfgang oder: Jraaduss.

Es ist nicht zu fassen. Der Wolfgang!

Da geht mal EINMAL ohne Handy aus dem Haus, und zwar auch noch alle beide OHNE Handy, was eigentlich quasi nie vorkommt, nur eben heute Abend. Meins hing daheim am Ladekabel, der Gatte hatte seins auf dem Schreibtisch liegen lassen. Schließlich wollten wir nur kurz was Essen gehen, weil mir nach meinem Hüttenwochenende schlicht und einfach die Kraft fehlte, mich heute Abend wie gehabt an den Herd zu stellen (Hüttenbericht folgt noch, aber klar!).

Im netten Lokalgarten angekommen, wies uns der Kellner den reservierten Tisch zu und als ich mich setzte und noch damit beschäftigt war, unterm Tisch das ideale Plätzchen für das alte, abgewetzte Restaurantkörbchen vom Dackelfräulein zu suchen, da raunt mir der Gatte schon zu: „Hast du das gesehen? Ist das nicht der Niedecken, da am Nebentisch?“

Und tatsächlich.
Ich gucke jraaduss und da hockt Wolfgang Niedecken (na klar, morgen und übermorgen spielt der ja hier! – fällt’s mir dann ein, ich seh ja schon seit Wochen immer beim Vorbeiradeln am Circus Krone die Plakate hängen).
Umringt von ein paar jungen Kerlen, vielleicht die Jungs, die als Vorgruppe auftreten (blöder Scherz) oder irgendwelche anderen Musiker-Spezln oder -Jünger, mit denen man sich halt so trifft, wenn man in der Stadt ist (der Gatte meint, es waren Journalisten, aber ich hätte gern, dass es Musiker waren). Ins Gespräch vertieft, bei einem frisch gepressten Obst-Gemüse-Saft. Nebst Gattin.

Jetzt bin ich kein riesiger BAP-Fan, aber ich mag manches von denen schon gern, sind halt so Ohrwürmer aus der Jugend (oder auch noch ein paar spätere) und zweimal hab ich die sogar live gesehen und fand’s doch recht gut (freilich auch, weil er „Hungry heart“ spielte 🙂 ). Einmal hab ich ihn solo erlebt mit dem „Niedecken singt Dylan“-Programm, bei dem mir seinerzeit sogar ein Tränchen über die Wange kullerte vor Rührung. Den Dylan ins Kölsche zu übersetzen, das hatte schon was, das war beinahe so gut wie „Ambros singt Waits“, damals im Circus Krone (die Waits-Songs ins Wienerische zu übertragen, das hat mich einfach noch mehr begeistert).
Ach ja, und als Gast auf Springsteens Bühne hab ich ihn auch erlebt, an jenem denkwürdigen Abend in der Kölnarena.

Obwohl ich kein Fan bin, denke ich sofort: Das ist ja toll, dass der Wolfgang da sitzt. Sieht man den mal aus der Nähe (hat sich verdammt lang gut gehalten) und hört den netten Dialekt (für mich gibt es außer München nur noch zwei andere deutschsprachige Städte, die ich – auch sprachlich – liebe: Wien und Köln). Ob man um ein Foto bitten soll? Wenn ja, wie macht man das, ohne dass es völlig peinlich ist? Und dann fällt mir ein, dass mein Handy daheim liegt, und ich frag den Gatten: „Hast du dein Handy dabei?“, er verneint und dann verwerfe ich diese vielleicht eh etwas kindische Idee.

Wir unterhalten uns, wir essen und trinken – und wir bändigen das Dackelfräulein beim Fliegenfischen.
Wie so oft ist es Pippa zu verdanken, dass Kontakte entstehen, wo ohne Hund nie welche zustande gekommen wären. Sie liegt nach einem ihrer zahlreichen und erfolglosen Nach-der-Fliege-schnapp-Versuchen sehr erbärmlich dreinblickend in ihrem Körbchen (in das sie zitiert wurde), in unglücklicher Seitenlage (weil sehr unfreiwillig), mit leicht irrsinnigem Blick nach schräg oben (die blöde Fliege könnte schließlich wiederkehren).
Dieses Bild des Jammers sieht einer der Jungs am Niedecken-Tisch, grinst breit und ruft schließlich etwas zum kläglichen Dackelchen herüber, worauf das Fräulein natürlich nicht antworten kann, also tun wir das. Daraufhin drehen sich alle am Nebentisch zu uns um. Auch der Wolfgang. Und schon ist man im Gespräch. Er hat auch einen Hund, einen Tibetterrier, hätte aber immer gern einen Dackel gehabt, weil er die toll findet, aber leider ist sein dreistöckiges Haus dafür nicht so geeignet. Tja, das stimmt natürlich, Treppen und ein Wursthund sind keine gute Kombination, da ist man als armer Mietwohnungsbewohner definitiv besser dran, denn da kann man problemlos einen Dackel halten.
Ein kleiner Plausch unter Hundefreunden. Anschließend wendet er sich wieder den Jungs zu.

Da das Eis aber nun gebrochen ist, greife ich meine kindische Idee wieder auf, überlege, wie wir das technisch lösen könnten und beim Bezahlen überreden wir die sehr junge Bedienung (die so jung ist, dass sie nicht mal weiß, wer oder was da am Nebentisch bappt), uns doch bitte ihr Smartphone zu leihen, damit wir ein Foto machen und es mir auf mein daheim ladendes Handy schicken können.

Ich klopf dem Wolfgang also auf die Schulter und frag ihn, ob er vielleicht mit dem schönen Dackelfräulein auf einem Bild verewigt werden möchte – und natürlich möchte er das unbedingt.

(Hundefotografie-Gesetz Nr. 1: So ein Hund guckt grundsätzlich nie wie gewünscht in die Linse, schon gar nicht, wenn’s mal schnell gehen muss.)

Aff un zo merk ich dann, wie joot et dunn kann,
Wemmer Luffschlösser baut un op Zofäll vertraut,
Jar nix mieh plant, op jar nix mieh waat – nur su!

Ja, so isses.
Danke, Wolfgang, und dann mal ein gelungenes Konzert an den nächsten beiden Abenden hier in unserer schönen Stadt!

Und natürlich darf das hier nicht fehlen (with special greetings to Sori in meiner österreichischen Herzensstadt!):

Suburbia (5): Dum dum dee dum (The moving dachshund’s theme).

Suburbia – 5. und letzter Akt (ganz unklassisch: ohne Katastrophe)!

Alle Schlüssel fürs neue Zuhause sind seit gestern übergeben, (fast) alle To-Do-Listen im alten Zuhause abgearbeitet (sind ja noch 18 Std. Zeit, bis die Jungs von der Umzugsfirma hier aufschlagen), alle anstehenden Bau- und Renovierungsarbeiten in Tabellen gegossen und zur Vorbereitung ins Allgäu geschickt, alle Hassbriefe an Vodafone versandt (den hierzu angekündigten Beitrag bekommen Sie erst zu Gesichte, wenn das Drama überstanden ist), alle Ellenbogen dank Spritzen für die kommenden Tage geölt, alle Bier- und Weinvorräte ausgetrunken, alle Alpträume des nachts geträumt (zuletzt: Umzugswagen hatte einen Unfall und unser gesamter Hausstand ging dabei kaputt)…

*****

Morgen um 8 Uhr kommen die Jungs von der Spedition und legen hier los.

Hoffentlich ist mal wieder auf das gute „nomen est omen“ Verlass und sie bringen nicht nur weitere 100 hübsche Löwen-Kartons, sondern auch die Kraft mehrerer Löwen mit, so dass wir unsere lädierten Pranken ein wenig schonen bzw. deren klägliche Restenergie fürs Auspacken aufsparen können.

Der Gatte, ein eingefleischter FC Bayern-Fan (wenngleich „eingefleischt“ für einen Vegetarier ein zweifelhaftes Attribut ist), hat ein bisserl gezuckt, dass ihm hier ausgerechnet Löwen in seine Arena einmarschieren, aber mei. Wir hatten die Spedition schon letztes Jahr in die engere Auswahl genommen, uns dann aber dummerweise für die preiswertere Scheißfirma entschieden, mit deren Versicherung wir uns im Anschluss schlappe 4 Monate rumgekloppt haben, bis endlich alle Schäden ersetzt waren.

Dabei waren wir damals wie auch heute sogleich vom Charme des Ober-Löwen eingenommen. Herr A. hat sich ein kleines, feines Familienunternehmen aufgebaut, ist selbst bei jedem Umzug mit dabei (stets frisch geduscht und deodoriert, bestens gelaunt und in Strahlemannoptik, das blitzsaubere Firmen-Shirt stramm über die Muskeln gespannt), alles läuft sehr individuell und persönlich ab (Herr A.: „So ein Umzug besteht zu 50% aus Psychologie!“ oder „Ihr Lieben, entspannt euch, alles wird gut!“).
Ein Profi, der sofort die neuralgischen Punkte seiner werten Kundschaft erspürt und so geschickt darauf eingeht, dass man sich beinahe auf den Umzug mit seiner Firma zu freuen beginnt (was seit heute Morgen auch meine Devise ist: mache man sich doch einfach mal einen Spaß draus, falls möglich…, ich werd‘ Fotos schießen und das Ganze als Artikel „Wohnungswechsel mit Waldi“ an irgendein Magazin verkaufen, Herr A. hat zudem bereits Interesse an Fotos vom Dackelfräulein als Kartonmodel bekundet).

Überhaupt wäre der nette Herr A. einen eigenen Beitrag wert.
Falls wir unerwarteterweise von Vodafone noch vor Weihnachten wieder ein funktionierendes Internet zur Verfügung gestellt bekommen, reiche ich die Story gerne nach.

*****

Es gibt übrigens keine Lebenslage, zu der der Boss nicht den passenden Song beisteuern könnte – man muss einfach nur alle Songs kennen!

Und wenn ich es schon sonst zu nicht allzu viel gebracht habe in meinem Leben, so doch immerhin dazu, ein wandelndes Springsteen-Songbook zu sein (sollte „Wetten, dass“ nochmal neu aufgelegt werden, könnte das glatt mal eine Einnahmequelle sein: anhand einer (!) beliebigen Textzeile den Song zu erkennen, alternativ könnte ich auch mit einer anderen, etwas bajuwarischeren Nummer auftreten und nach je einem (!) mit verbundenen Augen genossenen Schluck Weißbier aus insgesamt 27 Gläsern treffsicher die Schneider Weiße, TAP7, „Ein Bier wie daheim“, identifizieren, beides immerhin auch Wetten, bei denen man sicher nicht im Rollstuhl landet).

Eigentlich wär‘ dieser Beitrag auch was für die Rubrik „Song des Tages“ oder „Soundtrack meines Lebens“ gewesen. Aber dann fand ich, die Chefin des Hauses sollte nochmal ganz im Vordergrund stehen:

Ein Löwe zieht um!

The moving dachshund’s theme
(aka „Lion’s den“ by Bruce Springsteen)

You broke my heart, tore it apart
Thought it was cute, thought it was smart
But now I’m back and I’ve got the strength of ten
So I got a message for you my friend

I’m Pippa waiting in the lion’s den
Dum dum dee dum dum dee dee dum dum

That old lion’s mean and long in the tooth
And like you, baby, he’s out on the loose
Messing hearts up time and time again
Well it’s the time for that messing to end

I’m Pippa waiting in the lion’s den
Dum dum dee dum dum dee dee dum dum
Here we go!

At night I hear you out prowling around
Tearing guys up, scaring ‚em down
Now all that growling’s gonna come to an end
‚Cause I’m just biding my time, my little friend

*****

Ja, liebe Leserinnen und Leser, unsere Zeit in Suburbia neigt sich nun dem Ende entgegen.

Auf 371 Tage haben wir es hier am Stadtrand gebracht, 137 wären mir lieber gewesen, aber immerhin ist es überhaupt auf eine Kombination der Lieblingszahlen hinausgelaufen. Da bin ich abergläubisch – und zwar im positiven Sinne!
Und es hätte uns schließlich auch ärger erwischen können, wenn es 713 Tage geworden wären, wonach es ja zwischenzeitlich, als wir noch knöcheltief durch den Morast des Münchner Wohnungsmarktes wateten, fast aussah.

Nun aber flink weiter gewerkelt, damit wir nachher pünktlich zur Arrivederci-Pizza mit unserem Lieblingsnachbarn beim Suburbia-Italiener eintreffen.

Ein schönes Wochenende noch und drücken Sie uns und den Löwen die Daumen, liebe Leserinnen und Leser!

Bleiben Sie dran, bleiben Sie uns gewogen & bis bald – dann von gegenüber der Bavaria!

Soundtrack meines Lebens (1): Keep pushin‘ till it’s understood.

Es kommt so gut wie nie vor, dass ich an einem Tag gleich 3x mit dem Papa telefoniere. Heute hat es sich so ergeben.

Nach einer nervenaufreibenden morgendlichen Arbeitseinheit – Beratungstelefonat mit dem Mieterverein zwecks erster aufscheinender Probleme mit der im Juni anstehenden Übergabe der alten Wohnung (die damenbärtige Vermieterin mit Großgrundbesitzerattitüde meint, uns vorschreiben zu können, wer hier die Renovierung durchführt – und auch wie), zwei Telefonaten mit dem Kreisverwaltungsreferat (eine Parklizenz erhalten Sie in München nur, wenn Sie bereits umgemeldet sind, Ummelden können Sie sich aber erst ab Einzug, d.h. Sie müssen im neuen Viertel mindestens 3 Wochen lang Parkscheine kaufen und das geht dann durchaus ins Geld) sowie einer langen Auseinandersetzung mit der Spedition, die den neuen Kühlschrank nach vorheriger Absprache zu liefern versprach (was aber nicht der Fall war, so dass ich mich samstags von einem grantigen Südländer am Telefon beschimpfen lassen durfte, wieso ich nicht die Tür öffnen würde, er stünde da mit einem Kühlschrank) – nach dieser nervenaufreibenden Arbeitseinheit also, die in dieser oder ähnlicher Form momentan zu meinem täglichen Brot gehört (vor allem jetzt, wo es nur noch 4 Werktage bis zum Umzug sind), wollte ich mir eine kleine, erfreuliche Pause gönnen und rief den Papa an.

Der fliegt morgen nach Norwegen und reist per Hurtigruten an der Küste entlang, was er schon immer mal tun wollte und nicht mehr lange wird tun können, da der Parkinson ihm das Reisen mehr und mehr erschwert. Etwas geknickt meinte er heute, dass er bei etlichen Landgängen wohl kaum noch weiter käme als bis zur Eisdiele im Hafen, aber so sei das eben nun.
Ich wünschte ihm eine gute Reise, er mir einen guten Umzug – und wie immer versprach er, sich 1x von unterwegs zu melden (und ich bat um eine Postkarte aus Bodø oder Bergen oder Trondheim, wir haben so unsere Rituale).

Eine gute Stunde später, ich saß gerade über dem Online-Banking-Portal und überprüfte mit weit aufgerissenen Augen die aktuellen Abbuchungen – allein bei der Zeile mit der heute fälligen Kaution für das neue Zuhause stockt einem schier der Atem! – entdeckte ich zu meiner Überraschung zwischen all den Beträgen mit vorangestelltem Minus doch auch glatt einen einzigen (!) mit einem Plus davor. Verwendungszweck: „Zuschuss zum Umzug (hoffentlich der letzte für längere Zeit!)“.

Der Papa war das. Dieser Obolus kam unerwartet, schließlich hatte er sich vor genau einem Jahr bereits recht spendabel gezeigt in Sachen Umzugsunterstützung und erst neulich auch noch einen Großteil der Operation vom Dackelfräulein übernommen. Wir reden nie über Geld, der Papa und ich, oder dass ich was brauchen könnte oder würde, er überweist das einfach so, dabei ist er selbst alles andere als Krösus oder ein wohlhabender Rentner.

Ich wählte also ein zweites Mal seine Nummer. Mit einem brummelnden „Was gibt’s denn noch?“ hob er ab, schwer schnaufend vom Gang zum Telefon. „Ich packe doch gerade meine Koffer und muss immer die Treppe runterlaufen zum Telefon!“ beschwerte er sich. Ich bedankte mich für seinen Zuschuss, war in recht gerührter Stimmung, er aber eher nicht, was ich daran merkte, dass er meinen Dank mit einem nüchternen „Seit 2 Jahren bin ich ja den Unterhalt an deine Mutter los, da kann ich dir schon ab und an was geben. Aber das ist jetzt hoffentlich euer letzter Umzug, bevor ich ins Gras beiße.“ quittierte.

Das klingt makaber, aber er meint es nicht so. Gewissermaßen ist das ein Teil seiner rheinischen Frohnatur, die bislang gottseidank nur ansatzweise dem Parkinson zum Opfer fiel. Dennoch weiß man nicht so recht, was man auf einen solchen Satz entgegnen soll. Ich versuche es mit einem unbeholfenen munter-optimistischen „Na, so schnell wirst du ja nicht ins Gras beißen!“ (und beiße mir danach heimlich ein wenig auf den Lippen herum, denn: Weiß man’s?!? Oft ist mein diesbezügliches Gefühl ja gar kein so zuversichtliches!).

Anschließend geht das wackere Werkeln in die nächste Runde.
Diese Woche gibt es für jeden Tag eine Liste, was zu tun ist und was nicht vergessen werden darf. Anders haut das nicht hin, wenn man mehr oder weniger alleiniger „Umzugsmanager“ ist und als solcher zwei ehrgeizige Ziele verfolgt: 1. Auf dem letztjährigen Pokal eine zweite Zeile eingraviert zu bekommen (da ist nämlich noch Platz!) und 2. bis zum Geburtstag mit allem (außer Antworten auf Vorhangstoff-Fragen) fertig zu sein.

Sie wollen diese 2-Monats-Liste nicht sehen, glauben Sie mir (und ich veröffentliche sie auch nicht).
Die neue Wohnung ist prima, aber weist diverse Baufälligkeiten auf bzw. erfordert an einigen Ecken kleinere oder größere Anpassungen und Umbauten, damit man überhaupt erstmal Auspacken oder gar Wohnen kann. Ein prima Handwerker ist zwar schon gefunden, der sich in den nächsten Wochen all dieser Dinge annehmen wird, auch der Projektplan ist zeitlich und organisatorisch bereits fixiert, trotzdem wartet da eine ganze Menge Arbeit.

Als ich gegen Mittag aus unserer Tiefgarage fahren möchte, die wirklich ein sadistisches Schmankerl des hiesigen Architekten war, da sie einem zumindest bei vollbeparkter Garage ein diffiziles, minutenlanges Gekurbel um Säulen, Wände und andere Stoßfänger abverlangt, streikt der seit Monaten lädierte Ellenbogen endgültig. Heulen könnte ich vor Schmerzen!

Schon letzte Woche rief ich nach einer ähnlichen Situation verzweifelt beim behandelnden Orthopäden an, der in seiner Praxis ja immerhin ein Schild hängen hat, dass man in Notfällen anrufen und einen kurzfristigen Termin vereinbaren solle, aber nach Auskunft der unfreundlichen Tresentussi wäre das „frühestens Mitte Juni“ möglich gewesen, woraufhin ich pampig sagte, den Notfall wolle ich mal sehen, der in der Lage sei, sechs Wochen auf einen „kurzfristigen Termin“ zu warten, und dann verärgert das Gespräch beendete (und meine Ibuprofenkur um eine weitere Woche verlängerte, bis ich sie wegen Ganzkörperausschlags, die sog. „Ibu-Masern“, und Magenschmerzen dann doch abbrechen musste).

Den Tränen nahe googelte ich in der Tiefgarage nach der Nummer der orthopädischen Praxis. Ein Anrufbeantworter informierte mich, dass ich außerhalb der Öffnungszeiten anriefe, um 14 Uhr könne ich wieder jemanden erreichen. Es war 13:45 Uhr.
Kurzerhand beschloss ich, einfach hinzufahren und mich notfalls an den Empfangstresen zu ketten und so lange um eine Spritze zu winseln, bis sie mich wohl oder übel drannehmen würden. Gleichwohl war mir klar, dass das bei der bärbeißigen Tresentussi verdammt schwierig werden würde.

Auf der Fahrt zur Praxis musste ich an einen Satz denken, den mir der Papa mit auf den (Lebens-)Weg gegeben hatte und an den er mich bis zum Erwachsenwerden (wann auch immer dieser Zustand „erreicht“ war oder sein würde) stetig erinnerte: „Wenn du etwas willst, das dir wichtig ist, dann musst du das auch ausstrahlen, und dafür musst du dir die passende innere Haltung zulegen, damit man die auch deutlich spüren kann.“

Vier Kilometer Autofahrt sind nicht viel, um sich, wenn man Schmerzen hat und auch sonst eher gestresst ist, diese Haltung zuzulegen, selbst wenn man extrem dringend seine Pein loswerden will. Glücklicherweise bekam ich vom Schicksal noch 5 zusätzliche Minuten auf den Stufen vor der Praxistür für diese innere Präparierung geschenkt, da die Tresentussi erst Punkt 14 Uhr um die Ecke bog und grantig die Tür aufschloss.
Alles an mir, sogar der kaum noch bewegliche rechte Arm, strahlte beim Betreten der Praxis aus, dass ich jetzt sofort eine Spritze will. Ich gab mir einen Ruck und begann den Dialog so charmant ich konnte. Trug ausgesucht höflich und zugleich bestimmt mein Anliegen vor, wurde aber sofort unterbrochen und mit „Haben Sie einen Termin?“ angebellt.
Nein, den habe ich nicht, aber es ist ein Notfall, die Diagnose ist seit Monaten dieselbe, und in 1 Woche ziehe ich um und das werde ich definitiv nur packen, wenn ich jetzt eine Spritze in den Ellenbogen bekomme.

Erwartungsgemäß rührte das den Praxis-Cerberus überhaupt nicht und ich wurde erneut in muffigem Tonfall belehrt, dass es die nächsten freien Termine erst ab Mitte Juni gäbe. Nun entspann sich eine heftige Diskussion, in der ich an dem einen oder anderen Punkt zu gern mal mit der Faust auf den Tresen gehauen hätte, wenn mein Arm das nur zugelassen hätte. Es blieb aussichtslos, der Tresen-Terminator stellte sich stur.

Ich betete mir innerlich nochmal den Satz des Papas vor, holte ein letztes Mal tief Luft und sagte „Hören Sie mir jetzt mal gut zu: Ich verlasse diese Praxis erst nach einer Spritze, im Wartezimmer sitzt gerade noch niemand, die Spritze dauert keine 2 Minuten und Sie fragen nun bitte Ihren Chef, ob er bereit ist, mir diese zu verpassen.“ Und das Ganze vorgetragen mit Oberterminator-Miene und einer Stimme so fest wie der Würgegriff einer Python!

Die Tresentussi ließ mich augenblicklich im Wartezimmer Platz nehmen. 3 Minuten später holte mich dort mein Orthopäde ab, war sehr freundlich und zugewandt, wie immer, ich mag diesen Arzt (der erste Orthopäde, von dem ich das behaupten kann). Er tastete meinen Ellenbogen ab, ich schrie mehrfach auf, wir besprachen noch kurz die Dosierung und die Ingredienzien der Spritze – und, zack!, setzte er auch schon die Nadel an meinen Arm. Ich biss die Zähne zusammen – zeitlebens war ich Spritzenphobiker! – dachte fest an den Umzug und an die Wirkung, die in spätestens 48 Stunden einsetzen würde.
Der Arzt begleitete mich anschließend noch hinaus und bevor wir uns verabschiedeten, drehte er sich um und rief dem Tresenterminator zu, dass Frau Kraulquappe in Notfällen zu ihm vorzulassen sei, da sie Stammpatientin ist.

30 Minuten nach Ankunft in der Praxis verließ ich diese wieder.
Gespritzt und zugenäht – was für ein Akt, was für ein Kampf! Im Auto heulte ich erstmal (vor Erleichterung und wegen überstandener Spritze) und fuhr dann weiter zum Einkaufen. Auf dem Supermarktparkplatz angekommen, blieb ich noch im Auto sitzen, nahm spontan das Handy und rief zum dritten Mal den Papa an.

Um ihm zu sagen, wie dankbar ich ihm bin für diesen Satz aus seinem väterlichen Survival-Baukasten und wie gut es war, dass er mir den so früh und so nachhaltig eingeimpft hat, und wie traurig es zugleich ist, dass ich schon so oft ich von dieser Empfehlung Gebrauch machen musste.

Danach hörte ich mir noch Springsteens Badlands an, ein Song aus dem musikalischen Fundus, den ich den Soundtrack meines Lebens zu nennen pflege.
Und als ich die für heute entscheidende Strophe mitgesungen hatte, in der es heißt: „keep pushin‘ till it’s understood and these badlands start treating us good“, da hatte ich mich wieder einigermaßen gefangen und konnte den Wagen verlassen, mich nochmal schütteln und frisch gespritzt den Supermarkt betreten.

*****

Freuen Sie sich schon heute auf den demnächst in der Rubrik „Keep pushin‘ till it’s unterstood“ erscheinenden Beitrag „Kafka on the phone“, den Sie sich gerne als Anleitung für die Beauftragung des Umzugs Ihres Telefon-, Internet- und TV-Anschlusses ausdrucken dürfen, falls Sie zu den armen Schweinen gehören, die einen Vertrag mit Vodafone abgeschlossen haben, an den Sie (mit Ihrem versehrten oder unversehrten Ellenbogen, das macht hier kaum einen Unterschied!) für 24 bittere Monate gefesselt sind.

Bis dahin grüßt Sie herzlich –
Die Kraulquappe.

Closing time.

„Heute endet die Wintersaison!“ verkündet das Schild, das an der Eingangstür hängt.
Es ist 21 Uhr, das Thermometer zeigt noch fast 20°C an. Welche Wintersaison?

Eine kleine, eingeschworene Gemeinde ist in der Umkleide versammelt. Man nickt einander stumm zu. Es herrscht nicht die übliche Betriebsamkeit und Fröhlichkeit, sondern jeder begeht diesen Abend auf seine Art und Weise, die meisten eher gedämpft. Manche ziehen sogar ein Gesicht, als würde nicht viel fehlen und sie kondolierten einander.

Es ist das Ende der Winterwarmfreibadsaison in unserem Lieblingsbad.

Schräge Sache, an einem so sommerlichen Tag wie heute. Gefühlt hat die Freibadsaison längst begonnen. Seit Tagen grillen sich die Menschen auf den breiten Stadiontreppen des Bades und die Wasseroberfläche ist von ersten zaghaften Sonnencremeschlieren durchzogen. Und auch das Entenpärchen dreht längst wieder seine Runden durchs Becken.

Das Harte an diesem letzten Tag der Wintersaison ist nicht etwa, dass schon Sommer ist oder dass die Stadtwerke diesen langen Winter 2017/2018 offiziell beschließen, sondern die Tatsache, dass das Lieblingsbad nun 11 Tage geschlossen hat.

11 Tage!
Jedes Jahr Ende April stehen dort die Revisionsarbeiten an, vor einigen Jahren hat das noch schmerzliche 14 Tage gedauert, mittlerweile sind all die Techniker, Kachelputzer und Silikonfugenerneuerer immerhin drei Tage früher fertig.

Mit Andacht zelebrieren die anwesenden Spätschwimmer diesen letzten Abend vor der Schließung, die unseren Schwimmerherzen – auch wenn sich’s für Außenstehende lächerlich anhören mag – zu schaffen machen wird . 11 Tage können lang sein, so ohne Wasser und dieses ganz besondere Gefühl darin.
Der eine verausgabt sich daher heute besonders und verrenkt seine Schultern beim sichtlich zu selten praktizierten Delphinstil, der andere lungert nach dem Sport wehmütig am Beckenrand herum und heult den Halbmond im Münchner Nachthimmel an, manch einer hat sogar seinen Partner überreden können, ihn in dieser schweren Stunde zu begleiten (man erkennt diese gnädigerweise mal mitgekommenen Partner an den knallroten Rücken- oder Schulterpartien, die sie sich an den Massagedüsen zugezogen haben, vor denen sie sich malträtieren lassen, während ihre bessere Hälfte schwimmt).

Ich bin wie immer allein hier, schwimme einige Bahnen mehr als sonst und rufe mir – wie jedes Jahr beim letzten Wassergang der Wintersaison – eben diesen Tag des Vorjahres in Erinnerung.
Und erinnere mich: wie es mir damals ging, was ich empfand und was ich dachte.
Damals, Ende April 2017, um so vieles kühler war’s, konstatierte ich fast ein bisschen triumphierend: „Ha! Diesmal wird dich die Schließzeit nicht so treffen wie sonst, da sie genau in die heiße Phase des Umzugs fällt, da saufe ich sowieso in all der Vorbereitungsarbeit ab und krieg‘ das kaum mit!“

Und heute?
Im Leben hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass ich genau ein Jahr später nochmal exakt denselben Gedanken haben würde!

So sehr ich Rituale auch schätze, hieraus möge bitte keines werden.

Song des Tages (19).

Hey, where did we go
Days when the rains came ?
Down in the hollow
Playing a new game,
Laughing and a-running, hey, hey,
Skipping and a-jumping

Das Dackelfräulein lässt sich auf 1.300m die Frühlingsbergluft um die Nase wehen.

Standing in the sunlight laughing
Hide behind a rainbow’s wall,
Slipping and a-sliding
All along the waterfall

With you, my brown-eyed girl,
You, my brown-eyed girl.

Ein Prosit der Gemütlichkeit!

Beg (if it means anything to you).

Woran merkt man eigentlich, dass man älter wird?

Unter anderem daran, dass die Songs, an denen man hängt (und an denen Erinnerungen hängen), plötzlich in den Radiosendern gespielt werden, die man, als man noch jung war, als „unter aller Sau“ klassifiziert hatte und bei denen man keine Minute freiwillig hängengeblieben wäre.

Und daran, dass einem Erinnerungen plötzlich Tränen in die Augen treiben, obwohl das vom heutigen Standpunkt aus betrachtet ganz und gar überflüssig ist, was man freilich damals noch nicht ahnen konnte (dass der ganze Herzschmerz sich tatsächlich mal auflösen würde).

Überhaupt wird ja der persönliche Anrührungsquotient mit steigendem Lebensalter immer größer.

Was soll’s.
Sieht einen ja keiner, wenn man ein bisserl schniefend und mit leicht geröteten Wangen durch das schöne Alpenvorland heimwärts fährt, und falls doch, dann könnte man’s ja auch locker auf den ersten dezenten Sonnenbrand dieses Frühlings schieben.

Das hier ist was für Eingefleischte.
Oder für Neugierige oder Sentimentale oder Ältergewordene.

(Und ich möchte jetzt von niemandem, der dabei war, hören, dass der Sound sch**** war, damals an diesem Wahnsinnsabend in der Red Bull Arena. Das mag ja sein, aber in den vorderen zehn Reihen, da spielte das echt keine Rolle, und erst recht nicht bei diesem Prolog samt Kniefall – und allem, was danach kam.)

In my dream our love was lost, I lived by luck and fate
I carried you inside of me, prayed it wouldn’t be too late
Now I’m standin‘ on this empty road where nothin‘ moves but the wind
And honey I just wanna be back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again

Once I was your treasure and I saw your face in every star
But these promises we make at night, oh that’s all they are
Unless we fill them with faith and love they’re empty as the howlin‘ wind
And honey I just wanna be back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again

You came to me with love and kindness
But all my life I’ve been a prisoner of my own blindness
I met you with indifference and I don’t know why
Now I wake from my dream, I wake from my dream to this world
Where all is shadow and darkness and above me a dark sky unfurls
And all the love I’ve thrown away and lost I’m longin‘ for again
Now darlin‘ I just wanna be back in your arms

Leipzig, Sommer 2013, irgendwie noch deutlich jünger.