Song des Tages (38).

Ein Tag der Frauenpower – und zwar nicht nur hier daheim (ich: den Nachfragemist zur Steuererklärung, diese unsagbare Zumutung seitens des Finanzamts, nun endlich weggeschippt und somit hoffentlich bewältigt / das Fräulein: nun heftigst von der Natur getrieben, seit gestern auf intensiver Rüdensuche, wie immer nach dem Motto „Alter, Aussehen, Bildung – alles egal, Hauptsache Rüde!“), sondern auch einen Steinwurf von uns entfernt, im Drossel & Zehner.

Zwei überaus sympathische und attraktive Kanadierinnen (beide schon seit 20 Jahren vergeben, und zwar an einander) präsentieren ein kleines Club-Konzertchen vom Feinsten:

And the moon’s bowing down to the sun
The wind was fierce on the blue water pier
But we took off our clothes we were cavalier
And all I can taste is the look on your face
Coming up through the clear lake water
It’s calm it’s grace, everything’s in place
It’s calm, it’s grace
It’s calm, it’s grace, everything’s in place
It’s calm, it’s grace, everything’s in place
I’m telling you I’m home, I’m telling you I’m home
I’m telling you I’m home, I’m telling you I’m home

Wunderbare Atmosphäre in dem kleinen Club, weil ganz nah dran, und die beiden Ladies von Madison Violet, Brenley MacEachern und Lisa MacIsaac, suchen eh immer wieder den Kontakt zum Publikum, so dass die Stimmung von Song zu Song besser wird: dichter, persönlicher, intimer.

Die Zugabe dann im Dunkeln, von der Bühne hinuntergesprungen, mitten unter den Zuhörern stehend. Ich musste Obacht geben, mich mit meinem Ärmel nicht im Gitarrenhals von Brentleys Gibson zu verheddern.
Ein toller Abend jedenfalls, ein gelungener Auftritt – und mehr kann ich hier nicht schreiben, weil ein Freund nächste Woche auch zu Madison Violet gehen wird und jetzt noch nicht davon lesen möchte, wie der Abend nun genau war und vor allem, wie er endete: nämlich mit einer Umarmung nach einem kleinen Plausch am Merchandise-Stand.

Das Drossel & Zehner wäre eigentlich DIE Location auch für andere Sterne am Musikhimmel, wie beispielsweise Matthias Forenbacher (wir berichteten hier und hier) – deshalb hab‘ ich die Gelegenheit gleich beim Schopf gepackt und vor Ort mit dem Veranstalter gesprochen, Kärtchen und Nummern mitgenommen, so dass man da demnächst nochmal konkreter reden kann, vielleicht lässt sich ja was deichseln (und ansonsten machen wir das halt bei uns daheim im Wohnzimmer: wenn man den Tisch und die Eckcouch rausräumt, ist da Platz genug, das Bier kann man liefern lassen, die Tickets kann der Canon Pixma drucken, und das Dackelfräulein übernimmt den Securtiy-Check am Eingang sowie die Spendensammlung).

Wo ein Wille, da eine Bühne.
In diesem Sinne – gute Nacht allerseits & einen herzlichen Gruß nach Graz!

Irish Passion.

Man kann ja über Facebook meckern, so viel man will: gezielt genutzt kann diese Plattform wirklich manchmal von Vorteil sein (und im Geiste danke ich dem, der mich vor gar nicht allzu langer Zeit überzeugt hat, mich da doch mal einzuklinken).

Nicht nur, dass man dort so gnadenlos gut ausgekundschaftet wird, dass man niemals eine Hunderampenwerbung für Doggen erhält, sondern exakt die für Dackel tauglichen Modelle empfohlen bekommt, genauso wie das lifehack-Filmchen zum korrekten Schälen einer Mango (oder Paprikaschote), oder dass Facebook einen über nahezu jeden Pups, den irgendein Mitglied der E Street Band gelassen hat (oder lassen könnte) in Echtzeit informiert – nein, man kann noch viel mehr Nutzen aus diesem Buch mit den vielen Gesichtern ziehen.

So auch am vergangenen Wochenende: nur wenige Stunden vor Beginn eines Glen Hansard-Auftritts noch eine Karte dafür zu ergattern, weil unter der auf Facebook kundgetanen Veranstaltung zahlreiche Kommentare herumgeistern. Da ist natürlich alles dabei von „Glen, I love you!“ über „Wie lange dauert das Konzert?“ und „Ich hasse die Akustik im Circus Krone!“ bis hin zu „Weiß jemand, ob es einen support act geben wird?“, aber mit etwas Zähigkeit findet man dort eben auch die eine oder andere Ticketofferte zu Nicht-Viagogo-Preisen.

C. aus dem Erzgebirge wurde am Samstag zum Beispiel sehr kurzfristig von jemandem versetzt und hatte nun ein Ticket abzugeben. Vor lauter Frust sogar um 50% günstiger, denn man weiß ja nie, ob man’s sonst loswird.
Da ich nicht nur im persönlichen Kontakt absolut zuverlässig bin, sondern auch unbekannterweise und schriftlich Zuverlässigkeit verströmen kann, wurden wir uns schnell einig, Uhrzeit und Treffpunkt für die Übergabe waren nach 5 Minuten via Messenger ausgemacht – und ein Konzert lang neben C. zu sitzen, auch das war ziemlich ok, denn der Dialekt hielt sich noch gerade so im Rahmen und bei Konzerten ratscht man ja sowieso nicht.

Glen Hansard war der Hammer, was ich allerdings auch genau so erwartet hatte, mir aber für 60€ nicht geleistet hätte, damals, als die Tickets in den Vorverkauf gingen und ich grad die Penunzen zusammenhalten musste für die große Nordlandfahrt.

Mein Erstkontakt mit Hansard war dieser hier:

Als ich das im Juli 2013 erstmals hörte, wusste ich: den musst du dir mal näher angucken! Und am besten auch mal solo & live erleben. Nun hat das also endlich geklappt!

Eine grandioses Stimmvolumen, und eine Inbrunst, mit der sich der Ire in jeden Song reinschmeißt – es war eine Freude, ihm zweieinhalb Stunden lang zuzuhören.

Und noch eine große Freude hielt dieser Abend bereit.

Bloggerkollegin Anna aus Göteborg war an dem Abend auch im Circus Krone, und weil der support act (eine nette, aber musikalisch belanglose Irin) so fad war, schrieb sie mir sehr bald per Messenger: „Ich hol mir jetzt ein Bier. Mag die Vorband nicht.“, und da es mir genauso ging, marschierte auch ich zur Bar, wo Anna bereits anstand.
So haben wir uns tatsächlich mal live gesehen, zusammen eine Halbe gezischt, uns unterhalten und die Zeit bis zum Auftritt von Glen Hansard bestens überbrückt.

Es war eine dieser schönen Begegnungen aus der Rubrik „Springsteen-Fans aller Länder, vereinigt euch!“, denn in der Blogosphäre war natürlich Bruce der Grund, wieso wir uns überhaupt „gefunden“ haben 🙂

Deutsch-schwedisches Bloggertreffen!

Das nächste Bier geht auf mich, Anna, und ich hoffe, dein erster München-Trip hat dir gefallen!

Von dem Konzertabend zehre ich noch heute, und das ist auch recht hilfreich so, weil wir uns zwischenzeitlich längst wieder in anderen Sphären befinden, da das sich schon seit fünf Wochen mit kurzen Unterbrechungen dahinziehende Kränkeln des Dackelfräuleins uns nun erneut in die Klinik führte, die Finanzamtfragen noch immer nicht alle beantwortet sind und der Installateur den Austausch der Badewannenarmatur nun schon mindestens so lange nicht hinbekommt, wie das Fräulein morgens vor lauter Übelkeit Gras frisst.

Ich sagte es ja, glaube ich, schon: der November, das ist mein Monat nicht.

Herbstpredigt aus Colts Neck. Ein homiletischer Interpretationsversuch.

„In this life nobody gets away unhurt.“ (Bruce Springsteen in his movie „Western Stars“)

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Als Bruce Springsteen die ausgehungerte Fangemeinde im Juni mit seinem 19. Album namens „Western Stars“ beehrte, befand ich mich gerade in der ersten forenbacherschen Vollvernebelung und konnte deshalb anfangs nur sehr am Rande Notiz nehmen von dem neuesten Werk meines seit frühester Jugend so bewährten Allzeitseelenretters.

Erst viele Wochen später wandte ich mich nach und nach den 13 (!) Songs zu und fand langsam einen Zugang zu dem Album, wenngleich nur zu einem Drittel der neu veröffentlichten Lieder.
Spontan mochte ich bloß die Lieder, bei denen durchgehend oder zumindest zwischen den Zeilen und Akkorden diese tiefe Melancholie und be(d)rückende Authentizität hindurchschimmerte, die „Nebraska“ (für mein Empfinden eines seiner wichtigsten Alben überhaupt) uns Langzeit-Fans vor ein paar Jahrzehnten unter die Haut geätzt und dort für immer konserviert hatte – ein Widerfahrnis, das wir mit Ehrfurcht und Stolz in und an uns tragen wie andere ihre Tattoos oder Schmisse.

Die anderen beiden Drittel empfand ich zunächst wie ein etwas ausgeleiertes Echo von bereits Gesagtem bzw. Gesungenem. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn die Referenzsongs die passenden gewesen wären und die Ingredienzen dieser neuen Stücke nicht dem Topf der Bedeutungslosigkeit und Unerheblichkeit entnommen worden wären, den der Boss mit einigen Kellen voll Songs aus seinen letzten Alben (allen voran „Magic“ und das bald darauf folgene „Working on a dream“) schon reichlich gefüllt hatte (was ich ihm gleichwohl längst verziehen habe, aus alter, immerwährender Zuneigung und Verbundenheit).
Aber genau aus diesem Topf schienen sie mir zu entstammen, sie klangen wie etwas, das wirklich nicht zwingend hätte erzählt und vertont werden müssen – und genau deshalb wurde ich mit mehr als der Hälfte der Songs dieses neuen Albums nicht so recht warm.

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Nun also, vier Monate später, der Film zum Album: „Western Stars“, gestern Abend europaweit als einmalige (!) Kinoaufführung zelebriert. Für mich eine weitere Chance zur Annäherung an dieses Werk, die durchaus als gelungen bezeichnet werden kann.

Schöne Vorstellung, dass fast all meine Fanfreundinnen und -freunde gestern zeitgleich im Kinosessel saßen, die meisten sogar um Schlag 20 Uhr, so wie ich. Großes Synchrongucken und -hören war somit angesagt, eine Prise brotherhood-feeling, wenn auch meilenweit von jenem entfernt, das man in Live-Konzerten spüren kann. Eher so die Feierabend-Couch-Community-Variante, dafür ohne Rückenschmerzen und Heiserkeit am nächsten Morgen, aber eben auch ohne dieses tiefe, tagelang anhaltende und vorübergehend seelenheilende und lebensverändernde Glücksgefühl solch gemeinsam erlebter, dreistündiger Live-Segnungen.

Ansonsten nervt diese Eventisierung total: Nur an einem einzigen Abend, nur in ausgewählten Kinos… – absurd!

Ich meine, als Bruce-Fan seit bald 35 Jahren fühl ich mich ja sowieso längst auserwählt, da braucht’s diesen Kult doch überhaupt nicht.
Und die damit einhergehende Vermarktung nervt ebenso: Natürlich folgt jetzt noch eine CD zum Film, die dieselben 13, im Juni veröffentlichten Songs enthält, nur eben in den Live-Versionen aus dem Film, die allerdings nicht so bahnbrechend anders klingen als die Studio-Versionen, aber damit auch jener Konsument anbeißt, der genau so denkt, packen sie noch einen Bonus-Track mit drauf, der bislang nirgendwo anders zu hören war als im Kinofilm, nämlich ein Cover von „Rhinestone Cowboy“, und selbstverständlich singt und interpretiert Bruce diesen Uralt-Country-Hit von Glen Campbell um Welten besser als dieser ihn je hätte darbieten können (und trägt dazu auch noch die bessere Frisur und das schönere Hemd als seinerzeit Mr. Campbell).
Trotzdem kauf‘ ich die CD nicht, ein bisschen mehr muss man mir schon bieten!

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München, gestern Abend um 19:45 Uhr.
Etliche Brucianer und Tramps hatten sich an diesem nasskalten Oktoberabend vor Saal 5 des Cinemaxx am Isartor eingefunden, um der groß angekündigten, einmaligen Herbstpredigt zu lauschen.

“Bruce Springsteen turns a concert film into a transcendental experience”, schrieb der Rolling Stone ein paar Tage zuvor, und so waren manche der Zuschauer mit Taschentuchpäckchen bewaffnet angerückt, andere mit zwei Flaschen Bier, denn wenn womöglich ein Transzendenzerlebnis bevorsteht, dann will ja man entsprechend gerüstet sein, um diesem zu begegnen (ich hatte den Gatten dabei sowie ein halbes Päckchen Tempos, eine Flasche Wasser und ein paar Gummibärchen).

Was haben wir zu sehen und zu hören bekommen?
Wie war es um die Transzendenz bestellt? Und kamen die Taschentücher zum Einsatz?

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Geschmeidig traben Wildpferde im Sonnenuntergang durch eine gigantische Steppenlandschaft. Dann Wechsel zu einer Gegenlichtszene, in der ein Rancher sein Pferd lässig am Zügel durch ebendiese Landschaft führt und uns bedächtig entgegenschreitet. Es dauert einen Moment, bis wir feststellen: Nein, das ist keine Zigaretten-Werbung, sondern der Film hat bereits begonnen, und der lässige Typ auf der Leinwand, das ist Mr. Bruce Springsteen aus Freehold, New Jersey, und kein cool vor sich hinqualmender Macho aus dem Marlboro-Country (die trugen ja außerdem weiße Westernhüte, was halt zunächst im Gegenlicht schwer zu erkennen war).

Zum einen präsentiert uns der Film „Western Stars“ alle Songs des zugehörigen Albums live und in der ebenso intimen wie feierlichen Umgebung einer alten Scheune auf Springsteens Anwesen in Colts Neck, die mit etwas Fantasie architektonisch und atmosphärisch locker als Kathedrale durchgeht: am Hauptaltar Bruce Almighty, gelegentlich bei Gesang und Gitarrenspiel unterstützt von Ehefrau Patti, im Chorraum drumherum die Band und ein beachtliches Orchester.

Manche der Lieder gehen mir plötzlich viel mehr unter die Haut, wenn ich nicht nur höre, wie er sie singt, sondern sein Gesicht dabei betrachten kann, eine Band im Hintergrund sehe, auf einer in blaues Licht getauchten Bühne. Beispielsweise kommen mir „Drive fast“ oder „Chasin‘ wild horses“ gestern beinahe wie ganz andere Songs vor als die, als die ich sie bisher wahrgenommen hatte. Ich kann auf einmal genauer hinhören, mich anders drauf einlassen, besonders Letzterer erreicht mich mehr denn je (die Frau neben mir schnieft heftig und aus der Reihe hinter uns ist ebenfalls Taschentuchpäckchenknistern vernehmbar) und als wir am späten Abend heimkommen, muss ich sofort die CD einlegen und den Song gleich nochmal anhören.
Anderes, wie beispielsweise „Sundown“ oder „There goes my miracle“, erscheint mir hingegen genauso unerheblich wie bislang auch, egal, welche Geschichte die Lyrics erzählen wollen, es erreicht mich musikalisch (und auch sonst) einfach nicht.

Überhaupt: Zu viele Backgroundsänger, zu viele Streicher, zu viel orchestrale Weichspülung und cineastisch zurechtgefiedelte Dramaturgie. In manchen Momenten des Films meint man fast, der optisch leider mehr und mehr wächsern anmutenden Patti könnten jeden Moment Engelsflügel unter ihrem Rotschopf hervorwachsen, die sie in die Kuppel der Kathedrale hinauftrügen und dank derer sie durch die alten Holzbalken der Scheune in den amerikanischen Nachthimmel entschweben würde, empor zu den Western Stars, die von dort oben auf uns Normalsterbliche hier unten herabstrahlen.

Etwas arg viel Pathos, so insgesamt, aber wenigstens die Grenze zum Kitsch wurde meistens gewahrt.

Zum anderen ist der Film ein elegischer Roadtrip, eine sehr persönliche Seelenschau und Bilanz, ein meditativer Marsch durch ein Lebenswerk und ein im Stil einer Messe inszeniertes, selbstreferentielles Vermächtnis, das uns der nunmehr 70-Jährige zu treuen Händen übergibt.

Der Boss streift nämlich zwischen den einzelnen Tracks philosophierend durch die Badlands of New Jersey, durch die kalifornische Wüste oder durch diverse Stationen seiner Vergangenheit. Dabei blickt er nicht nur fragend auf die vergilbten Seiten seiner Notizbücher oder durch die verschmierte Windschutzscheibe seines Pickups, sondern auch nachdenklich in die Ferne und lässt seinen teils müde wirkenden Blick über die unendlichen Weiten karger Canyons und staubiger Steppen schweifen, während ein Voiceover – natürlich von Springsteen selbst gesprochen – dem geneigten Zuschauer sehr wissend und teils sogar sehr weise vom Leben, von Heimat, von der Liebe, von Schmerz, Destruktion, Isolation sowie vom Davonlaufen und Zurückfinden (und vielleicht auch ein Stück weit vom Ankommen und Erlöstwerden) erzählt.

Manchmal leider etwas zu weise und aphoristisch, aber Schwamm drüber.
Mit 70 ist das schon ok so und als wahrer Fan sieht man ihm selbstverständlich die eine oder andere etwas triviale Sentenz nach, die man aus anderem Munde vernommen vielleicht als banal abgetan hätte, aber von der so geliebten Stimme verkündet erstrahlt eben manch noch so schlichte Aussage trotzdem in einem gewissen Glanz – und alles in allem spricht hier ja nach wie vor ein großer Geschichtenerzähler zu uns (und etliche der existenziellsten Dinge sind ja auch genau das: schlicht, banal, trivial).

Und gelegentlich spricht er wohl auch nur zu sich selbst: denn manche der Kommentare sind ganz persönliche Erkenntnisse (oder Bekenntnisse), hören sich wie Tagebucheinträge an, die oftmals erst im Herbst des Lebens verlesen werden können, wenn ihr Verfasser sich in all seinen Facetten (und auch in all seiner Verletzlichkeit) zu zeigen wagt und weitgehend Frieden mit sich und seinem So-Sein geschlossen hat: „The older you become the heavier the baggage becomes that you haven’t sorted through. So you run.“

Der schwarze Cattleman wirft einen Schatten auf sein Gesicht, er vermag die Spuren gelebten Lebens nicht zu verdecken und das haben er und das von ihm behütete Gesicht auch weder beabsichtigt noch nötig.

Denn unser Wandererprediger hat längst ein Stadium der Zeitlosigkeit und Unzerrüttbarkeit erreicht. Er ist zu einem Solitär geworden, genau wie die Josua-Palmlilie, die im Film gelegentlich seinen Wegesrand ziert und jeder Dürreperiode (ganz gleich ob es eine der Politik, der Gesellschaft oder der eigenen Kreativität, des persönlichen Lebensweges samt der begleitenden Gemütszustände ist) standhaft trotzt.
Die kalifornische Wüstensonne flirrt durch ihre schwertförmigen Blätter und unter der Hutkrempe des lonesome cowboys summt es womöglich ganz zart:

This is your sword, this is your shield
This is the power of love revealed
Carry them with you wherever you go
And give all the love that you have in your soul

The times they are dark, darkness covers the earth
But this world’s filled with the beauty of God’s work
Hold tight to your promise, stay righteous, stay strong
For the days of miracles will come along

Genau dieser Song vom Album „High Hopes“, um das es hier überhaupt nicht geht, kommt mir plötzlich in den Sinn während ich Springsteen ganz alleine durch den Joshua Tree Nationalpark marschieren oder in seinem Geländewagen durch die Gegend kurven sehe.

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Einigen der Dämonen, die wir aus dem springsteenschen Kosmos bereits kennen, begegnen wir auch in „Western Stars“ erneut. Und vielleicht schließt sich damit ein Kreis.

Denn wenn man so möchte ist „Western Stars“ an manchen Stellen quasi das Diapositiv zu „Nebraska“: vordergründig leichter und lichter kommt es daher, dringt man allerdings unter die Oberfläche, kann man wieder eintauchen in die Welt altbekannter Springsteen-Melodien, -Motive, -Bilder und -Charaktere. Dieselbe Medaille, nur ihre Kehrseite? Es ist alles eins geworden (oder vereint sich nun).

All das wirkt jetzt – zu Beginn seines letzten Lebensquartals – deutlich weniger düster und auch weniger resignativ als noch vor 37 Jahren im in jeder Hinsicht sehr schwarzweißen Nebraska. Als hätten Licht und Schatten einander erstmals die Hand gereicht und sich zum Tanz aufgefordert. Als hätten sich all die schmerzhaften Gegensätze zwar nicht gänzlich auflösen, aber doch ein wenig aussöhnen können.

Als hätte manch einer der früheren Johnnys sich nach durchlittenen Seelenqualen zum geläuterten John gemausert und hätte nach langen Irrwegen in abgewrackten Used Cars auf schier endlos erscheinenden, grauen, trostlosen Highways und trotz all der Narben, die ihm zahlreiche und hartnäckige Devils & Dust(s) während seiner langen Reise zugefügt haben, nun doch noch nachhause gefunden.

Was ja nicht die schlechteste Bilanz wäre, die man nach sieben Jahrzehnten ziehen kann.

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So meine Gedanken, Gefühle und Interpretationsversuche gestern nach dem Kino der abendlichen Herbstpredigt, auf dem Nachhauseweg durch die nächtliche Stadt, noch ganz im Bann der fast 90-minütigen Liturgie.

Vielleicht ist es so, vielleicht aber auch ganz anders.

Denn ein bisschen sieht/hört man ja immer auch das, was man sehen/hören möchte, weil das gerade einen Widerhall in der eigenen Innenwelt erzeugt, der morgen auch schon wieder irrelevant oder ein ganz anderer sein kann.

Oder, um es mit Springsteens Worten zu sagen:
„You lose track of time, it’s all just storms blowin‘ through“ (aus: „Chasin‘ wild horses“).

Songdog.

Nach dem gestrigen Geburtsdog heute ein Songdog!

Bzw. gleich mehrere, denn im Lindwurmhof rockte vorhin ein ganzes Rudel ab… – Carl Carlton & The Songdogs waren im STROM zu Gast.
(Gucken Sie sich einfach die verlinkte 3:49-Kurzdoku an, dann wissen Sie Bescheid, und hören Sie unbedingt ab 2:34 für 20 Sekunden besonders gut hin, an der Stelle musste ich am meisten schmunzeln. Cool & völlig klar: Familienurlaub hat immer Vorrang, der Boss versteht sowas!)

Da lobt man sich doch mal wieder die Großstadt und den eigenen Standort in derselben: Direkt umme Ecke – was ja stets wichtig ist, damit das Fräulein nicht lang zuhause allein bleiben muss – eine prima Location, die auch dem ostfriesischen Haudegen zu taugen schien.

Ein fetziges Konzert, häufig dachte man wirklich, bei den Stones gelandet zu sein.
Vor allem aber versank ich immer wieder im Gitarrenspiel von Moses Mo, quasi der Nils Lofgren der Songdogs, vor allem, was die Statur angeht (und die Unterlippe und das Grinsen). Überhaupt waren die fünf Jungs auf der Bühne klasse: so perfekt eingespielt auf- und miteinander, so gut drauf, so voller Elan und so weit entfernt von jeglichen Starallüren.

Was rührend und ein bisschen putzig war: Carl Carlton sortiert sich nach jedem Gitarrenwechsel das schüttere Haar, das ellenlange, gezwirbelte Bärtchen von Moses Mo muss auch gelegentlich aus Verhakelungen befreit werden und auch Wyzard, der Bassist, ist immer wieder damit beschäftigt, seine monströse Kopfbedeckung zu richten.

Was mir ab und zu aufstieß: das viele Geschwafel zwischen den Songs. Das waren manchmal durchaus nette Anekdoten, zu oft drifteten sie mir aber Richtung Palaver oder Klamauk ab und dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch die dialektale Assoziation: denn wenn der wirklich äußerst sympathische Herr Buskohl (wie Carlton mit bürgerlichem Namen heißt) länger in deutscher Sprache was erzählte, erinnerte er mich unweigerlich an Otto Waalkes (beinahe lauerte ich schon auf das glucksende Lachen, auf den Hoppelgang über die Bühne oder ein kleines „Dänen lügen nicht“-Intro).

Und sonst so?
Super Musikclub. Gute Belüftung. Kein Soundbrei. Dafür die falsche Weißbiermarke, zu teuer noch dazu. Links neben mir eine Endfünfzigerin, die es schafft, zwei Stunden am Stück mit dem Kopf Bewegungen wie ein Blässhuhn zu vollführen (nick-nick-nick) und dabei den Unterkiefer vorzuschieben wie ein Granatbarsch auf Beutefang. Rechts neben mir ein leicht abgehalfterter Cowboy (mit echtem Westernhut aus Leder), saunetter Typ aus dem Oberland, regt sich sehr bayerisch über die schräg vor uns ausflippenden Weiber auf („De ham wohl ihre Hormone nimmer beinand!“). Ja, schon krass, wie die sich gebärden, jenseits jedes Takt- und Rhythmusgefühls, aber mei, sie haben Spaß. Übrigens lang nicht mehr so viele Bonnie-Tyler-Mähnen gesehen, alles sehr blond und kaputtgefärbt (und ich bekomme sofort noch mehr Lust, das Haar künftig wieder sehr kurz zu tragen), ansonsten vom Publikum her ein Mix aus Studienräten, Vertretern der Harley-Davidson-Fraktion, Alt-Achtundsechzigern, Rockern, Musikfreaks, Bierliebhabern und anderen Unverwüstlichen. Bassd scho.

Alles in allem bei Weitem nicht diese Mega-Emotionskiste wie neulich in Wien (ertrüge ich vielleicht auch gar nicht, ist ja erst so kurz her und noch so präsent), auch null Winckelmann (im Sinne von „edle Einfalt“/“stille Größe“ und so), der heutige Gitarrengott optisch auch deutlich verlebter als der fesche Grazer (nur 7 Jahre Altersunterschied zwischen denen? -kaum zu glauben!) und rein stimmlich mindestens eine Liga drunter, dennoch ein prima Musikabend, so rockig und animierend, dass man die roten Stiefelchen etwas beansprucht hat und das Shirt anschließend in die Wäsche musste.

Ein großes Dankeschön an den geschätzten Mr. Spike für diesen grandiosen Hinweis zur Erweiterung meines (live-)musikalischen Horizonts – und meinerseits an dieser Stelle noch ein Hinweis retour: bitte zum nächsten Geburtstag vielleicht den eventim-Gutschein gleich ein bisserl höher ansetzen (es finden sich bestimmt noch weitere Sponsoren, die mit einsteigen), damit ich solche Fortbildungen demnächst noch unkomplizierter und zahlreicher besuchen kann.

Keep on rockin‘ & gute Nacht zusammen!

Grazer Grandezza in Wien.

Well, she drew out some money from the Southern Trust
And put her little backpack on a public bus
Leaving Munich with a pipe dream in her hand
And a cheap return ticket to an eastern land

(frei nach Bruce Springsteens „Johnny Bye-Bye“)

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Und plötzlich fiel mir Winckelmann ein.

Winckelmann! Hätte mir nie träumen lassen, dass mir der mal gegen 23 Uhr in einer verqualmten Bar einfallen würde.

Sie wissen schon, der, der einst das Begriffspaar von der „edlen Einfalt“ und der „stillen Größe“ prägte, das die Genossen der Weimarer Klassik später eifrig rezipierten.

Die musikalische Darbietung, die in diesem Moment vor meinen Augen (und vor allem in meinen Ohren) stattfand, strahlte exakt das aus: edle Einfalt und stille Größe. Und Erhabenheit.

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Hello again, Vienna!

Langsam findet der Tag sein Ende…

…und die Nacht beginnt!

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Wien, 1. Bezirk, am Samstag, den 12. Oktober.
Ein milder, sonniger Herbsttag legt sich schlafen. Die Nacht erwacht langsam zum Leben, blickt unternehmungslustig auf die dunkle Stadt hinab und überlegt, was sie anstellen und wen sie in ihren Bann ziehen könnte.

Ein verheißungsvolles Flüstern weht durch die Weihburggasse – show a little faith, there’s magic in the night! – und es weist uns den Weg zu einer gemütlichen Bar, und dort an einen Tisch in vorderster Front vor der kleinen Bühne, die gar keine richtige Bühne ist, sondern einfach ein „Künstler-Eckerl“: ein Barhocker, etwas technisches Equipment, ein paar Instrumente – that’s all.

Neben mir: Sori, überzeugte Wahl-Wienerin und meine Blogfreundin und Musikgefährtin.
Vor uns: zwei köstliche Schnaitl-Halbe und – was weit besser ist als jedes Bier – Matthias Forenbacher.

Falls Sie Winckelmann nicht kennen, dann ist das ja so grad noch verzeihlich, aber den aus Graz stammenden Forenbacher, den sollten Sie wirklich kennen. Tun Sie vielleicht auch, wenn Sie diesen Blog schon länger lesen oder Musik eine Ihrer Leidenschaften ist.

Auf ein oberösterreichisches Bier im Front-of-stage-Bereich…

…während der Musiker sich am Tresen seine Setlist zusammenbastelt.

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Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann mich zuletzt eine musikalische Neuentdeckung derart umgehauen hat.

Es war Anfang Mai dieses Jahres, es war ein Frühlingsabend, ich saß am PC, recherchierte etwas lustlos für einen zu schreibenden Artikel und durchstöberte zwischendrin die paar Blogs, die ich abonniert habe.

Auf Soris Blog war mal wieder ein Konzertbericht erschienen, sie ist bei einem Auftritt von einem Herrn Forenbacher gewesen und erzählte davon. Aha. Nie gehört. Viele der Künstler, über die sie berichtet, kenne ich nicht, also war ich wenig verwundert, dass mir auch dieser Name nichts sagte.

Neugierig las ich den Beitrag. Das klang ja grandios, was da stand, und für den restlichen Abend war ich nicht mehr damit beschäftigt, das Netz nach der Historie der Klöster und den besten Wanderwegen im Fünfseenland abzugrasen, sondern nach allen irgendwie auffindbaren Songs von diesem Matthias Forenbacher (der bedauerlicherweise erst seit Kurzem im Hauptberuf Musiker ist).
Postwendend kamen dann die ersten beiden CDs aus Wien (danke auch hierfür, Sori!), die dritte besorgte ich mir selbst, und für Wochen lief daheim und im Auto fast nichts anderes mehr.

Denn wenn mich mal was am Wickel hat – und zwar so richtig am Wickel! – dann ist das erstmal eine ziemlich ausschließliche Sache. Völlig wurscht, ob es sich dabei um Orte, Berge, Seen, Texte, Bilder, Gefühle, Atmosphären, Essen, Trinken oder eben um Musik handelt: ich werde vorübergehend zum Junkie, verliere beim Konsumieren des „Stoffs“ jedes Maß und manchmal beinahe den Blick für anderes.

Meist endet dieser suchtartige Zustand recht abrupt (bei Genussmitteln oder Gefühlen), manchmal hält er auch für Monate oder Jahre an. Und in seltenen Fällen ist es sogar, wie man so sagt: was fürs Leben. Wie mit dem Wettersteingebirge, mit Lenggries, mit dem Maisinger See, dem Lieblingsschwimmbad, der Gänsehaut auf dem Rücken, dem Pistazieneis und der Musik von Springsteen, Dylan und Waits.

Als ich zum ersten Mal „Walden Pond“ hörte, hatte ich sofort dieses Gefühl: das hier, das hat das Zeug dazu, in die letztgenannte Kategorie aufgenommen zu werden. Und als dann sukzessive mehr von dem „Stoff“ in meine Ohren drang („Why“, „Self-loading gun„, „Escape for a while“ – um nur ein paar weitere Songs zu nennen, die ich zum Niederknien schön finde), legte ich die in etwa zeitgleich zu meiner steirischen Neuentdeckung erschienene Springsteen-CD „Western Stars“ beiseite und auch die frisch erschienene „Reckless & Me“ vom Kiefer verschwand irgendwo im Regal.

Das alles war erstmal unerheblich geworden, die neuen Scheiben könnte man ja immer noch hören, wenn man demnächst die weite Strecke nach Gotland führe und dabei ja beim besten Willen nicht tagelang nur die drei Forenbacher-Alben in Endlosschleife hören könnte, zumal auf der Öresundbrücke Springsteens „Across the border“ Pflicht ist und manch anderes ja auch schon gewissermaßen Tradition hat bei diesen einsamen Fahrten quer durch Schweden („Mansion on the hill“, „Janey don’t you lose heart“, „Fade away“).

Zu „Western Stars“ kam’s allerdings während der gesamten Reisewochen kaum, und auch Mr. Sutherland fristete in Schweden eher ein Schattendasein.

Umso häufiger griff ich auf der langen Reise zu Forenbachers Songs: man muss das ja unbedingt mal ausprobieren, wie sich diese neue Musik beim Unterwegssein anfühlt, man kennt einander ja erst so kurz und war noch nie zusammen auf Reisen! Man muss das testen, ob und wie sich diese Songs in einem entfalten, wenn man währenddessen an der rauen Küste entlangfährt oder durch wilde Raukarlandschaften oder abends beim Feierabendbier über die Zinnen von Visby guckt.

Der „Cradle Song“ war zum Beispiel der perfekte Begleiter zum morgendlichen Lauf am Meer („…inside is heaven and outside there is joy“), wohingegen „Totally blind“ eher was fürs Dahingrooven auf den Serpentinensträßchen im Süden Gotlands war („and in the streets of a little village with wind and rain and fainting lights…“ – rein aus Platzgründen kann leider nicht die ganze Strophe zitiert werden, obwohl sie’s verdient hätte), „Walden Pond“ geradezu ideal zur Abendstimmung in meiner kleinen, dunklen Holzhütte an der Stadtmauer von Visby passte („you’d like to speak, it’s strange but you just can’t„) und das wunderbar seelenvolle Cover von „I’m a believer“ den einen oder anderen Erinnerungs- und Gedenkmoment an was oder wen auch immer absolut adäquat zu untermalen verstand („what’s the use in tryin‘? all you get is just pain! when I needed sunshine I got rain…“).

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Auf diese Art und Weise gestalten sich bei mir üblicherweise nur jene Anfänge, denen das Potenzial zu mehr innewohnt, und da sich diese neue Story bislang Monat um Monat und Kapitel um Kapitel in ungebrochener Begeisterung fortschreibt, wage ich die Prognose, dass sie sich bald auf Augenhöhe befinden könnte mit der Aussicht, die man auf der Meilerhütte hat.

Sie erinnern sich? Dieser vor Pathos und Ergriffenheit nur so triefende Bericht von meiner Hochsommertour? Als ich mich vor lauter Erhabenheitsgefühl dort oben kaum noch einkriegen konnte?

Womit wir quasi wieder bei Winckelmann wären. Und bei der „edlen Einfalt“ und der „stillen Größe“.

Erstere zeigt sich für mich in der puristischen Ästhetik dieser Songs, in den schörkellosen Skizzen, die sie zeichnen, plus der Prise dylanscher Poesie, die sie umweht.

Die feindosierte, melancholische Intensität Springsteenscher darkness sowie die fragile, ansatzweise monotone, aber stets eindringliche Energie, wie man sie aus etlichen Waits-Songs kennt, macht hingegen ihre „stille Größe“ aus.

Neben all den Vergleichen (Dylan-Springsteen-Waits), denen, so schmeichelhaft und zutreffend sie auch sein mögen, ja immer etwas Schablonenhaftes anhaftet (keiner möchte Imitat oder Nachfolger sein, sondern Individuum und Original), muss man sagen: was wir hier hören, ist auch nicht die Kunst von einem, der angetreten ist, um dem Boss auf einer Stone-Pony-Kopie hinterherzugaloppieren oder den wortreichen Balladen eines Literaturnobelpreisträgers nachzueifern.

Matthias Forenbachers Musik ist ein ganz eigenes und gekonntes (weil so behutsames und unaufdringliches) Changieren zwischen den Welten – der realen wie der fiktiven: mal berichtet ein Reisender, mal ein Verlorener, mal ein Rastloser, ein Staunender, ein Verzweifelter, ein Beobachtender, ein Hoffender, Liebender oder Fragender (und ab und an spricht das Instrumentale auch einfach nur für bzw. zu sich selbst), aber nie erzählt hier ein Angekommener, Saturierter oder Selbstzufriedener seinen Zuhörern fertige, abgeschlossene Stories.

Die Lyrics lassen per se (mindestens aber zwischen den Zeilen) genug Platz für ein individuelles Weiterspinnen und Kolorieren der Klang- und Wortbilder, das ganz der persönlichen Imagination folgen kann. Zugleich sind Forenbachers Kompositionen mehr als nur Gerüst oder Geländer für eigene Fantasien und innere Dialoge: Manche der Fragen, die sich beim Zuhören auftut, verdampft in der Präsenz und Atmosphäre dieser Geschichten, die einem durchs bloße Hinhören und Draufeinlassen lesbar werden, auch ins Nichtausgeführte hinein.

Umso schöner, wenn sich all diese Wahrnehmungen dann mit dem ersten Live-Eindruck decken. Wenn sich kein Riss auftut zwischen Studio-Alben hier und Person/Performance dort.

You got this guitar and you learned how to make it talk (and taught her to tell your stories in such a haunting voice).

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Ein rundum authentischer, persönlicher, nahbarer Auftritt und Abend war das, der noch lange in mir nachhallen wird und für den es sich absolut gelohnt hat, 900 km Zugfahrt binnen 23 Stunden und etwas Schnaitlschädelweh auf mich zu nehmen.

Möge auch diese Geschichte, die ich hier nun zu erzählen begonnen habe, unbedingt unfertig bleiben, und mögen sich noch oft Gelegenheit, Zeit und Raum finden, um ihr weitere Kapitel in Form von Songs, Konzerten und Gesprächen hinzuzufügen.

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Danke an den Gatten, dass er – kaum von seiner Dienstreise heimgekehrt – gestern den Mantrailing-Schnupperkurs übernommen hat, anschließend abends daheim nicht nur ein, sondern gleich zwei Dackelfräuleins gehütet hat, weil’s dem Nachbarn schon so zugesagt war, und mir dadurch diesen fünfzehnstündigen Spontanbesuch in Wien ermöglicht hat.

Danke, Wien, für die laue Herbstnacht.
Danke, Sori, für den herrlichen gemeinsamen Abend.

Und danke, Matthias, für deine wunderschöne Musik und Stimme.

„That was it, I was in at the deep end where I still swim to this day.“

(Wir sind immer noch dort drüben unterwegs, aber dieser Beitrag muss unbedingt auch hier erscheinen, weil sonst was Wichtiges fehlen würden.)

Who’s the Boss?!?

23. September 2019.

Bereits Springsteens letzten runden Geburtstag verbrachte ich in Niedersachsen, damals auf der A7, unterwegs Richtung Heimat, nach einem Rügen-Urlaub, der NDR dudelte die großen Hits rauf und runter, es war eine herrliche Heimreise.
Zehn Jahre später verbringe ich ihn nun im Weltvogelpark Walsrode.

Deshalb bleibt am heutigen Morgen auch keine Zeit für lange Retrospektiven zu meiner lifelong relationship mit Bruce.
Mittags auch nicht, denn nach drei Stunden im Vogelpark steht das große Gassi mit dem Fräulein auf dem Programm, und danach geht’s nochmal in den Vogelpark. Abends werde ich nach all dem Gezwitscher wohl zu platt sein. Vielleicht werde ich im Hotelbett liegend noch den einen oder anderen Artikel lesen, der heute anlässlich dieses 70. Geburtstags erscheinen wird, und mit Sicherheit werden einige erscheinen.

„(…) now there’s wrinkles around my baby’s eyes“ (Quelle des Fotos leider unbekannt, ich erhielt es von einem anderen Fan per Mail.)

Mal sehen, ob es dann am Abend noch irgendeinem dieser Artikel gelingen wird, mich ähnlich zu berühren wie dieser hier, den ich bereits vor drei Tagen an der Nordsee las.

Mir ging es nahezu genauso wie dem Verfasser dieser kleinen, sehr privaten Laudatio, als ich am 10. Mai 2003 im Ludwigshafener Südweststadion zum ersten Mal „Racing in the street“ live hörte.
Und obgleich ich damals bereits über 17 Fan-Jahre hinter mir hatte, war ich wie vom Donner gerührt, als dieses 10-minütige Monument ertönte (dabei habe ich keinerlei Faible für Autos und Straßen und so Kram) und ich stand da neben M. und seinem Sohn und wir wagten es kaum, einander anzusehen, weil jeder von uns in diesen zehn Minuten mit den Tränen zu kämpfen hatte (den Song finden Sie ebenfalls in dem verlinkten Artikel).

Es war eines dieser musikalischen Erlebnisse, die sich einem für immer und ewig einbrennen und in dem ich fühlte, was der Autor des Artikels in einen einzigen Satz gegossen hat: „That was it, I was in at the deep end where I still swim to this day.“

Amen.
Mehr kann und muss ich dazu heute nicht sagen.

(Wobei es mir schon gut gefallen hätte, genau zum heutigen Tag Freundin H. ihre Frage zu beantworten, die sie mir vor anderthalb Wochen nachts recht unvermittelt per Whatsapp nach Stockholm schickte, und aus der – nach all den Jahrzehten, die man Bruce und einander nun kennt – fast eine gewisse Dringlichkeit sprach: „Welche sind eigentlich deine Lieblingslieder, falls es die gibt bzw. sich das nach der langen Zeit überhaupt so einfach sagen lässt…?“ – Ja, liebe H., das lässt sich sagen, nur nicht heute, denn der Schuhschnabel ruft!)

Happy birthday, Bruce.
Thank you for giving my life such a soundtrack & see you next summer!

A certain kind of magic took place.

[Zitat aus dem Trailer „Western Stars“.]

Meine Güte, was für ein Kino-Jahr!

So you walk on, through the dark.
Because that’s where the next morning is.
[Zitat aus dem Trailer „Western Stars“.]

Das hört ja gar nicht mehr auf mit den Musikfilmen…, der Soundtrack meines Lebens (meiner Jugend!) nun endlich auf der großen Leinwand. Diese Stimme, dieser Blick, diese Musik!

Jetzt aber erstmal „Blinded by the light“, Kinostart am 22. August.

Ein bisschen Javed steckte 1985 auch in mir und mit den ersten Songs von Springsteen ging für mich tatsächlich ein Vorhang auf – zu einer neuen Ära, zu etwas nie zuvor Dagewesenem, zu etwas existenziell Wichtigem – empfundenermaßen war’s ein bisschen dieses I found the key to the universe, zwar nicht im Motor einer alten Karre, aber eben dort im Stadion, auf der Bühne.
Das war wie eine Offenbarung, eine Erweckung, und, hey, ich war noch keine 13!

(Das müssen Sie jetzt nicht verstehen, das kann man nur so oder so ähnlich fühlen und erlebt haben – oder auch nicht.)

Einen fulminanten Start in die neue Woche wünscht –
Die Kraulquappe.

Song des Tages (37).

Like a bird on the wire
Like a drunk in a midnight choir
I have tried in my way to be free

Für D.
Danke für den gemeinsamen Tag.

Song des Tages (35).

Im Spätsommer dieses Jahres wird es fünf Jahre her sein, dass ich mich zusammen mit dem Dackelfräulein in Oskarshamn an der schwedischen Ostküste auf die große Fähre begab, die uns nach Gotland brachte.
Damals ging ich mit einer Menge Ballast an Bord: den Job gerade nach unendlich langem Anlauf gekündigt, kurz vor Abreise vom Hirntumor der Mutter in Kenntnis gesetzt worden, der Gatte völlig überraschend beruflich in der Bredouille – irgendwie das ganze Leben gefühlt im Umbruch oder sogar auf der Kippe – ich war wirklich reif für die Insel.

Und es war eine wichtige Reise für mich: allein bis dort oben zu fahren, allein auf dieser Insel unterwegs zu sein, auf die ich schon als Kind immer wollte, weil meine damalige Lieblingsserie dort gedreht wurde: Pippi Langstrumpf.
Ich habe Pippi geliebt und bewundert: wie sie allein ihr Leben stemmte, mit ihren beiden Tieren und einer Schatztruhe voller Goldmünzen, wie stark und fröhlich sie war, wie ihr immer für alles eine Lösung einfiel – und ich war in meiner Begeisterung sehr geneigt, am Papa deutliche Parallelen zu Kapitän Ephraim Langstrumpf erkennen zu wollen.

Das Original der Villa Kunterbunt steht heute noch an der Westküste Gotlands. Anschauen konnte ich sie mir damals nicht, weil der Vergnügungspark, der mittlerweile um sie herumgebaut wurde, leider (oder gottseidank: ein Horror, solche Parks) schon geschlossen hatte.
In Schweden, müssen Sie wissen, endet die Saison zeitgleich mit den schwedischen Sommerferien, also rund um den 20. August. Auf dem ja doch etwas abgelegenen Gotland hat dann außerhalb der Hauptstadt Visby fast nichts mehr geöffnet, was aber recht unerheblich ist, wenn Sie mit Hund dort herumreisen, weil Ihr Hund sowieso nahezu nirgendwo mit hineindarf, weshalb wir die Zeit auf der Insel damals auch recht autark in unserer kleinen, baufälligen Villa-Kunterbunt-Nachbildung verbrachten.

Nun werden wir Anfang September tatsächlich erneut übersetzen auf das Sylt Schwedens, diese einmalige Naturschönheit und geruhsame Sonneninsel, und zwar fast auf den Tag genau fünf Jahre später.
Diesmal von Nynäshamn aus, weil nur von dort aus die neue Flotte der Reederei ablegt, die das Dackelfräulein und mich zu dieser Reise eingeladen hat, um den Beweis anzutreten, dass Gotland auch mit Hund eine attraktive Destination sein kann (was wir gern ein zweites Mal genau unter die Lupe nehmen wollen, denn Schweden & Hund, das ist eher so ein Duo wie ich & die Stechmücke).

Der neue Luxuskreuzer hat nicht nur eine Pet-Lounge (quasi die Economy Class, wenn Sie mit Hund auf einer Fähre reisen), sondern eine Pet-Cabin (eine eigene Kabine, mit Liegegelegenheit für Frauchen & Wauwauchen), so dass wir diesmal in der Business Class und völlig unbehelligt von etwaigen seekranken Kaniden um uns herum nach Gotland hinüberschippern werden.

Es hat Monate gedauert, bis das alles im Detail geklärt war: Welcher Termin würde allen Beteiligten passen, was für Präferenzen gibt es auf unserer Seite, welche Unterkünfte kämen in Frage, welches Programm ist für Pippa geeignet, was wird alles gesponsert, was erwarten die von mir und dem Fräulein, und, nicht zu vergessen: wo ist das nächste Schwimmbad und wann hat es geöffnet?
Monate hat es auch deshalb gedauert, weil die Hamburger Agentur, die das alles im Auftrag der Reederei organisiert, gleich zu Beginn den Fehler gemacht hatte, mich explizit nach meinen Wünschen zu fragen und nach jedem Update (so reden die da) zu einer ehrlichen Rückmeldung aufzufordern (sorry, zu einem Feedback natürlich).

Mittlerweile ist die Sache im Kasten, besprochen, gebucht und meine Wünsche wurden nach einigem Hin und Her fast alle berücksichtigt (und die finale Version des Programms, die vor ein paar Tagen ins Mailpostfach flatterte, zierte die nette Überschrift Agenda for Mrs. Kraulquappe and her dog lady):

– keine Gruppenreise und überhaupt so wenig Menschen wie möglich
– die Hotels mit Grünflächen drumrum und Parkplatz davor
– Aufbruch nicht vor 9 Uhr morgens, damit Zeit für die diversen Geschäfte bleibt
– keine fettigen Mittagessen, die einem den Tag ruinieren
– Rücksichtnahme auf die gewohnten Gassizeiten des Fräuleins
– Abendessen möglichst früh und nur in Lokalen, in denen das Dackelfräulein ebenfalls willkommen ist
– stets abwechselnd einen Tag Programm und einen Tag zur freien Verfügung
– Privatführung durch die historische Altstadt von Visby inkl. Besuch eines hundefreundlichen Cafés
– Besichtigung einer Farm, auf der echte Gotlandschafe gezüchtet werden
– Baden in der legendären Blauen Lagune, je nach Temperatur nur das Fräulein oder aber wir beide
– zweitägiger Ausflug auf die Insel Fårö, auf der Ingmar Bergman gelebt und gedreht hat
– Besichtigung der Villa Kunterbunt, die die Wirkungsstätte von Pippilotta Viktualia Rollgardina Schokominza Efraimstochter Langstrumpf war.

Natürlich hat der riesige Vergnügungspark, in dem die Villa steht, auch diesmal geschlossen. Ist ja wieder September und Gotland somit von allen Touristenhorden verlassen.
Weil unsere private Führerin vom Gotlands Turistbyrå aber jeden Menschen und jedes Schaf auf der Insel kennt, kommen wir da nun auch außerhalb der Öffnungszeiten hinein.
Was bedeutet: Keine doofen Wartezeiten, keine kreischenden Kinder, keine anstrengenden Menschenmassen und vor allem kein Hundeverbot, an das man sich noch halten müsste.
Das Dackelfräulein wird also als erster (und vielleicht einziger) Hund ever die Villa Kunterbunt betreten!
Wer weiß, vielleicht bekommen wir sogar noch Zutritt zu dem Wasserpark, der Teil des Vergnügungsparks ist: sieben Pools, neun Wasserrutschen und den 160 Meter langen Shark River – und das alles für uns alleine. Hey, das wär‘ mal was, oder?

Dann wär’s nämlich genauso wie in dem Lied, das ich einst als Kind immer mitgesungen habe, wenn Pippi Langstrumpf auf dem Rücken vom Kleinen Onkel durch die Wiesenhügel hinter der Stadtmauer von Visby ritt und dabei trällerte:

2 x 3 macht 4
Widdewiddewitt
und Drei macht Neune
Ich mach‘ mir die Welt
Widdewidde wie sie mir gefällt

Gotland, wir kommen!
Und diesmal lässt du meine Hundedame in deine Cafés und Lokale rein und zwar ohne Murren und spendierst ihr die dickste Lachsforelle der Saison für die so schmähliche Behandlung bei unserem ersten Besuch…

Für mich ist das alles eine ziemlich große Sache, müssen Sie wissen, denn wenn ich fünf Jahre zurückdenke, an Gotland 1.0 im Jahre 2014, so hätte ich mir damals echt nicht träumen lassen, dass ich da je nochmal hinkommen würde, geschweige denn eines Tages als Autorin mit Hund dorthin eingeladen werde.

Ich würde mich deshalb sehr freuen, wenn Sie ab Ende August Zeit und Lust hätten, mich auf dieser Fahrt zu begleiten.
Für die Dauer der Reise dann nicht hier, sondern in einem anderen Blog, aber natürlich mit den altbekannten Protagonisten und Visagen: das Dackelfräulein & ich (und die Schwimmflossen & der Bruce sind selbstverständlich auch mit dabei). Statt dem ewigen Mix von Seen&Bergen bekämen Sie mal Meer&Rauken zu sehen und überhaupt so manches, was es im schönen Bayern nicht gibt.
Im Kraulquappen-Blog wird parallel Sendepause herrschen, d.h. Sie werden in Ihrem Reader oder Maileingang keinesfalls doppelt von uns beballert.
Also: Kommen Sie recht zahlreich mit uns in den hohen Norden!

Unsere Reiseadresse sowie Ihre Mitreiseformulare finden Sie rechtzeitig hier in diesem Blog.

In diesem Sinne & für heute:
God natt, sov gott och dröm sött!

Song des Tages (34).

Schon der zweite Traum von B. innerhalb weniger Tage.
Und eine völlig neue Traumkategorie erlebt: den Traum im Traum, sozusagen.

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In dem zu Pfingsten geträumten war ich mal wieder (eine schon vertraute Traumsequenz) im selben Hotel gelandet wie B., und nicht die Einzige, die sich über das zufällige Entdecken dieser Prominenz freute. Nett, wie er in meinen Träumen immer ist, lässt er sich ganz spontan an der Bar zu einem kleinen Signier- und Plauderstündchen nieder.

Die anderen interessierten Hotelgäste rücken mit seiner Autobiographie unterm Arm an und wünschen sich ein Autogramm auf der vordersten Vakatseite, vielleicht noch mit ihrem Namen davor.
Mir ist das zu schnöde. Ich sause auf mein Hotelzimmer und hole ein Album im DIN A3-Format aus meinem Koffer. Seitliche Spiralbindung, schwarzer Karton mit breiten Rillen außen, die schwarzen Seiten im Inneren mit weißer Tusche beschriftet, alle Eintrittskarten, Zeitungsausschnitte etc. seit 1985 sorgsam eingeklebt (nein, ein solches Album gibt es in echt nicht bzw. nicht mehr). Zufällig habe ich dieses Riesending dabei, wie das halt in Träumen so ist.

Bis ich wieder in der Bar ankomme, ist von der kleinen Schlange vor dem Tresen nur noch eine Person übrig, B. signiert fix das Buch, die beiden tauschen noch zwei Sätze aus, dann bin ich dran. Ich lege das unhandliche Album auf den Tresen, er guckt verdutzt, ich schlage es auf, reiche ihm einen Silberlackstift und bitte ihn, er solle sich ein freies Fleckerl aussuchen. Er blättert es durch und bleibt auf der seltsamsten aller Seiten in diesem Buch hängen: eine schwarze Doppelseite, auf der lediglich links oben ein Aufkleber pappt: ein knallroter Kussmund mit herausgestreckter Zunge. Ja genau, der von den Stones. Was auch immer der in dieser Devotionaliensammlung verloren hat. Egal.

B. bleibt bei dieser Seite, zieht die Kappe vom Silberlackstift ab und guckt mich erwartungsvoll an. Siedend heiß fällt mir ein, dass ich mir ja noch gar nicht überlegt habe, was ich da gern für eine Widmung drinstehen hätte. Am liebsten freie Prosa, aber so läuft das ja nicht, wenn man sich nicht kennt.
Sonst ein wandelndes Songbook und überhaupt ja mit einer gewissen textlichen Spontaneität ausgestattet, ist mein Hirn in dem Augenblick wie leergefegt.

B. lacht mich an und kratzt sich mit der Hinterseite des Lackstifts im Nacken. Der erste Textfetzen, der mir wieder zu Bewusstsein kommt, ist eine eine Zeile aus Badlands. Zufällig auch der Untertitel des Blogs einer Freundin. Den stammle ich dann: It ain’t no sin to be glad you’re alive.
Er schmunzelt, fragt nach meinem Namen, schüttelt den Stift nochmal, das Kügelchen im Inneren des Stifts scheppert wie wild, und dann schreibt er – in dem Augenblick ganz ernst und konzentriert dreinblickend – diesen Satz quer über die schwarze Doppelseite. It ain’t no sin to be glad you’re alive.
Drunter noch eine persönliche Widmung, die ich nicht erinnere, weil ich ja wie gelähmt bin von dem Moment selbst, der Atmosphäre, der fehlenden Distanz, der Intimität dieses Augenblicks.

Wir unterhalten uns noch kurz – er spricht sogar ein paar Brocken Deutsch – und danach ziehe ich mit meinem monströsen Album, das ich wie einen Pokal in beiden Händen halte, selig von dannen.

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Heute Nacht dann eine andere Szenerie.
My Hometown. Das Fräulein und ich abends auf dem Flauchersteg, große Abendgassirunde am Ende eines heißen Sommertages.
Dort steht ein Mann mit Stadtplan am Geländer und guckt abwechselnd in den aufgefalteten Plan oder gen Süden. In einer eher seltenen Aufwallung von sommerlicher Lockerheit und menschlicher Zugewandtheit gehe ich hin und frage, ob ich helfen könne. Kann ich bestimmt, sagt er, und als er sich zu mir dreht, erkenne ich B. Und er mich.
Wir hätten uns doch erst neulich im Hotel getroffen, meint er. Ich bin perplex, weil mir im Traum bewusst ist, dass diese Hotelbegegnung doch eine geträumte war, aber wie er das so sagt, bin mir dann nicht mehr sicher und nicke zustimmend.

Er suche einen Biergarten, sagt er, in dem er vor über 30 Jahren mal war, den Bruckenfischer. Himmel, der ist in Schäftlarn, antworte ich, da sei er hier aber reichlich falsch. Empfehle ihm den nahegelegenen Flaucherbiergarten. Aber er will unbedingt zum Bruckenfischer. Ob ich ihm den Weg erklären könne. Immer der Isar entgegen, sage ich, und zeige nach Süden. Es wären aber locker 18km, gebe ich zu bedenken.

B. schaut mich von der Seite an, die Abendsonne leuchtet auf seinen Hals und sein Gesicht, ich nehme wahr, wie alt er geworden ist, wie müde er aussieht, dann räuspert er sich und fragt mich, ob ich nicht Lust hätte, mitzukommen. 18km, das sind, wenn wir nicht rennen, knapp vier Stunden, denke ich. Aber vor allem denke ich: das ist eine dieser Chancen, die man nur einmal im Leben bekommt und die man ergreifen muss.
Also sage ich: Ja, sehr gerne. Und wir gehen gemeinsam auf dem schönen Flauchersteg weiter, durch die Isarauen, immer weiter, down to river.

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That night we went down to river, denke ich träumend und wache leider zu früh auf.