Auf ein Unertl zum Fischmeister.

Hiermit erklären wir die Biergartensaison 2020 für eröffnet!

Draußensitzen ohne Jacke, fern der dröhnenden Trocknungsgeräte, die anderen Menschen halten einen angenehmen Abstand zu uns, da das Dackelfräulein sich auf dem Marsch hierher im frischen Odel gewälzt hat, aber die leichte Weiße schmeckt auch bei strenger Landluft, Hauptsache etwas Ruhe und die Sonne im Gesicht, dazu See- und Bergblick, dieses kleine Ambach ist so eine Oase, nur das Heckenschneidegeräusch stört mal kurz, ansonsten kann man wieder Durchatmen und die Gedanken ein Stück hinausschwimmen lassen auf den See, in einem Monat schon wird das Zuhause wieder wohnlich sein, bis dahin viele kleine und große Fluchten, und auch immer wieder das kleine Glück würdigen, erst heute Morgen Konzertkarten gewonnen für den Abend, schon das zweite Mal in dem Jahr, es ist ja gar nicht alles so schlecht wie die Wände in der Wohnung grad aussehen.

Himmel der Bayern (72): Ein Goldstreif am Horizont.

Während die Corroventen so vor sich hinwüten, Tag für Tag und Nacht für Nacht, rödle und grüble ich so vor mich hin, ebenfalls Tag für Tag und Nacht für Nacht.

Wir befinden uns nun in Woche 2 nach dem großen Wasserschaden und die Aussichten sind in etwa so:

Ein erster Goldstreif am Horizont zeichnet sich ab…

…teils auch in Form von Goldregen, mit und ohne Rouge.

Als Lolek zu Besuch kommt – vom Anlass seines Besuchs wird gleich noch die Rede sein -, sagt er „Oijoijoij“, was Polnisch ist und so viel heißt wie „Wenn Sie drauf warten, bis das von einem deutschen Handwerker gemacht wird, sehen Ihre Wände mindestens noch bis Pfingsten so aus!“.

Überhaupt fasst der Pole sich gern kurz, er ist weder mündlich noch schriftlich ein Mann großer Worte und langer Texte, dafür ist er ein Mann großer Taten und langer Arbeitstage.

Am Wochenende bespreche ich die aktuelle Lage mehrfach mit dem Gatten. Wenn die Trocknung in 3-4 Wochen über die Bühne sein sollte, kann mit der eigentlichen Wasserschadensanierung trotzdem erst nach der Badrenovierung begonnen werden, da es ja keinen Sinn ergibt, Flur/Bad/Kammer/Toilette zu streichen, bevor Lolek und seine Truppe Ende April für zwölf Tage hier einfallen und das ganze Bad in Schutt und Asche legen und ein neues einbauen. Das aber wiederum würde bedeuten, dass wir die fleckigen Wände und Decken erst nach erfolgreichem Badumbau streichen lassen könnten. Bis das geschehen ist, wäre es Mitte Mai.
Drei Monate mit all diesem Verhau – im Flur stapelt sich der Kammer-Inhalt, in der Diele die Bretter der Kammer-Einbauten und auch aus anderen Räumen ist vieles ausgelagert, verräumt oder verstellt irgendwo anders Platz – zu leben, ist keine gute Perspektive.
Die einzig mögliche Verkürzung dieses Zeitraums bestünde darin, Lolek zu fragen, ob er den Badumbau vorverlegen und direkt nach der Trocknung des Wasserschadens hier loslegen könnte… Bei Loleks proppenvollem Terminkalender nicht gerade aussichtsreich, aber ich schreibe ihm trotzdem eine fünfsätzige, freundliche Whatsapp und frage nach, ob das eventuell ginge und nenne vorsichtig einen Wunschtermin.

Am späten Sonntagabend antwortet er in typisch lolekischer Kürze: „Ich mache moglich beginne Umbau an 2. März“. Ich springe juchzend vom Sofa auf und hole mir sofort ein Zweitbier aus dem Kühlschrank – das muss gefeiert werden! Denn diese Whatsapp von Lolek verkürzt unsere Leidenszeit um so viele Wochen, mit etwas Glück sind wir schon Ende März wieder in der Lage, uns hier parkourfrei durch die Wohnung zu bewegen und den Blick nicht mehr ständig gen Boden zu senken, damit man all die Flecken möglichst wenig sieht.

Noch beim Genuss des zweiten Fläschchens wird mir bewusst: das bedeutet aber nun auch, ganz fix alles zu planen und in die Wege zu leiten. Den Vermieter informieren, ein Ausweichquartier für die zwei Baustellenwochen organisieren, die Gegenstände fürs neue Bad bestellen, die wir – so war’s mit dem Vermieter schon im Dezember ausgehandelt – zum neuen Bad beisteuern werden. Bedenkt man, dass mancher Kram Lieferzeiten haben wird, so ist keine Zeit zu verlieren.

Schon am Sonntag lege ich los mit den Recherchen, manche davon treiben einen fast in den Wahnsinn, ich erspare Ihnen die Details. Jedenfalls bin ich jetzt Experte für Duschfaltwände, auch Badewannenaufsatz genannt (kenne den Unterschied zwischen Pendel- und Schwingtüren und allen Arten von Scharnieren und Dichtungen), ebenso für Duschhalterungen, Wannenarmaturen, Duscheckkörbchen und anderes Zubehör.
Der Zollstock ist mir bereits an der Gesäßtasche festgewachsen, die 16-stellige Kreditkartennummer kann ich nun auswendig.

Nebenher befasse ich mich mit der Reaktion des Vermieters auf unseren Wunsch nach einer angemessenen Mietminderung, eines der Gebiete im Mietrecht, in denen ich noch nicht fit war, mich nun aber dank einiger Unterstützung und nächtelanger Lektüre soweit wasserschadentauglich in die Materie reingefieselt habe, dass ich den Vorschlag des Vermieters mit einem Gegenvorschlag parieren konnte und dabei sogar ein bisschen gepokert habe. Ob das auch erfolgreich sein wird, muss sich erst noch herausstellen.

Zwischendurch jammere ich bei einem Wochenendspaziergang B. die Ohren voll, hole mir auch von ihm noch ein paar Tipps in der ganzen Schadensangelegenheit, eigentlich sprechen wir fast ausschließlich über Handwerksarbeiten, auch die neue Hüfte, die er in wenigen Tagen bekommt, passt da gut ins Themenfeld, während wir uns mit Seeblick Tee und Kuchen servieren lassen, bei 6 Grad auf der Außenterrasse.

Am Montagabend kommt Lolek zu Besuch und misst unser Bad nochmal gründlich aus. Wir sprechen über Neigungsgrade von Badewannen, Abflusspositionen, Leitungsverlegungen, Absperrventile und Waschtischplatten aus Corian und mineralischen Werkstoffen.
Und wir gehen die Zeitplanung nochmal durch. Lolek wird nach dem Badeinbau noch die Kammer sanieren und – so ihn der Vermieter auch damit beauftragt – im Anschluss daran die Wasserschadensanierung übernehmen und die halbe Wohnung neu streichen. In 12-14 Arbeitstagen will er das alles schaffen („arbeite auch samstags und wenn darf auch sonntags“ – ja Himmel!).

Reschpekt! Unterstützt wird er dabei von seinem Bruder Bolek und – je nach benötigtem Gewerk – anderen Familienmitgliedern. Sie werden hier täglich um 7 Uhr loslegen und erst um 18 Uhr die Fliesenkellen fallenlassen. Als ich das höre, weiß ich: Wir werden uns die gesamte Zeit über nicht hier aufhalten – und das nicht nur, weil wir kein funktionierendes Badezimmer haben und lediglich einen durch Folien abgetrennten Durchschlupf zu einem der Wohnräume, weil der Rest luftdicht versiegelt sein wird.

Ich rufe sofort nach Loleks Besuch den Papa an und bespreche unsere Einquartierung: erst das komplette Rudel, dann nur noch das Fräulein und ich, der Gatte wird zwischendrin für neun Tage an seinen Dienstort reisen, um dort in Ruhe arbeiten zu können.
Für den Schluss der Bauarbeitsphase ist ein Hotelschnäppchen hier ums Eck gebucht, damit ich vor Ort bin für letzte Fragen und die finale Bauabnahme. Das war Lolek wichtig: dass dann jemand greifbar ist, genau wie zu Baubeginn.
Da bräuchte ich übrigens auch noch ein Quartier – wenn also jemand vom 2. auf den 3. März noch einen ruhigen, katzenfreien Schlafplatz und eine warme Dusche anzubieten hätte, immer her damit!

Und sonst?
Die Nachbarschaft rückt in Zeiten der Wasserschadensnöte noch enger zusammen. J. aus dem ersten OG bietet sein Bad zur Nutzung an, gerne auch jetzt schon, M. von nebenan offeriert Hundesitting, weil er vor allem Pippa so mag, die Familie unter uns ihr Speicherabteil, falls wir noch Sachen auslagern müssen.
Das Dackelfräulein ist genervt von all der Unruhe mitten in ihrer Scheinmutterschaft, in der sie es schlecht gebrauchen kann, dass täglich Handwerker durch die Wohnung latschen oder die dröhnenden Corroventen ihrer zarten Kinderschar Angst einjagen. Ich lasse sie derzeit ungern länger allein zuhause.
Fürs Spätabendschwimmen übernimmt D. die gebeutelte Hundedame und wenn ich sie abholen will, möchte sie gar nicht so recht mit mir mitkommen, weil es ja auch bei D. unter der Bettdecke sehr gemütlich, ruhig und warm ist. Hunde sind manchmal schon Opportunisten, zumindest, wenn sie die Chance dazu haben.
Die beiden Kleinspitze, die uns heute Mittag im Dreimühlenviertel begegnen, haben solche Chancen nicht, sondern ganz andere Sorgen. Ihr Frauchen hält beide mit einer Hand an einer kurzen Doppelleine und presst mit der anderen Hand ihr swarovskiglitzerndes Smartphone ans Ohr. Die hellbeigen Plüschtierchen bellen wie wild als wir an ihnen vorbeigehen, die (aus Hundesicht gut nachvollziehbare) Leinenaggression stört nicht nur Frauchen beim Telefonieren, sondern auch Frauchens Macker beim Qualmen und Dumpfvorsichhingucken, also verpasst er beiden einen Fußtritt als Quittung für ihr Gebell, und als ich mich umdrehe und den Proleten entsetzt ansehe, trifft mich ein so finsterer Blick, dass ich lieber beide Beine unter den Arm nehme und das Weite suche, das eigene Nervenkostüm ist gerade zu dünn fürs Vorgehen gegen solche Grausamkeiten und um die Körperkraft war es auch schon mal besser bestellt als momentan.
Gottseidank habe ich ein Fluchtziel, das ich nach nur zweiminütigem Sprint erreiche: den neuen Friseur, bei dem ich heute einen 7-Minuten-Termin habe – als Bauleitung ist für mehr Haarkram einfach keine Zeit. Nein, Scherz beiseite, er säbelt halt die Konturen nach. Schnippeldischnipp, fertig, Mütze drauf und wieder raus in die Kälte.
Dort peitschen einem Schneegraupel und die eisigen letzten Atemzüge von Sabine entgegen, es ist beinahe so ekelhaft wie gestern. Trotzdem eine Stunde an der Isar entlangspaziert, Bällchen geschossen, Suchspiel geübt und auch Mitte-rechts-links.
Man ist unter sich bei so einer Witterung – außer Hundemenschen niemand unterwegs. Heldenhaft, schicksalsverbunden und wissend nickt man einander zu, sofern die tief in die Gesichter gezogenen Kapuzen noch ein paar Augenpartien freigeben, so dass gequälte Blicke einander überhaupt begegnen können.
Die Sonne begegnet mir seit Wochenbeginn ausschließlich in Form von Überschriften auf Papierstapeln und morgen setze ich wohl meinen Servus unter einen von ihnen.
Am gestrigen Dienstag mehr als drei Stunden im Autohaus verbracht, ein ähnlich angenehmes Gesamterlebnis wie der Streifzug durch Keramundo eine Woche zuvor (mal sehen, wohin es mich nächsten Dienstag verschlägt, zur Seelenstabilisierung und aus den nun hinreichend bekannten Fluchtgründen).
Im Schneesturm drei Probefahrten absolviert, den Verkäufer so lange gelöchert, bis alle Fragen meiner drei Notizzettel abgearbeitet und beantwortet waren, derweil drei Heißgetränke konsumiert und der Azubi bringt dem Fräulein im halbstündigen Takt ein Leckerli. So lässt es sich durch den Nachmittag kommen!
Ein Vollprofi, der Herr F., das dachten wir schon damals vor zehn Jahren, als wir das erste Fahrzeug bei ihm erstanden haben. Menschlich nicht ganz so sehr mein Fall wie Lolek, aber gut erträglich im Umgang und vor allem absolut kompetent (und kein Schwätzer und außerdem in der Lage, meinen Nachnamen auf Anhieb richtig zu schreiben). Letztlich lande ich aus Vernunftgründen bei keinem der probegefahrenen Vehikel, sondern bei einem stark rabattierten Sondermodell namens Soleil. Das ist ausnahmsweise mal nicht Polnisch, sondern Französisch, was aber auch wurscht ist, denn auf den Inhalt kommt’s ja an.
Der Soleil strahlt mich ausgesprochen CO2-freundlich und spritsparend an, und als ich dann noch erfahre, dass diese Sonderaktion zeitlich limitiert ist und ausgerechnet am 13. endet, erscheint mir das geradezu wie ein Wink des Schicksals. Also morgen nochmal hingehen, die Dreizehn hat mir immer Glück gebracht, so möchte ich es mir wenigstens einbilden.

Le soleil, le soleil, summe ich so vor mich hin als ich den Autosalon wieder verlasse, es gab da mal ein Lied in den Achtzigerjahren, das so ähnlich ging, bestimmt dreißig Jahre hab ich an den Schlager nicht mehr gedacht (kennt den zufällig wer? wie hieß der nur? war das überhaupt ein französischer Song oder täusch‘ ich mich im Text? welche Schnulzencombo war das?).

Jetzt muss ich leider aufhören.
Lolek klingelt um 21 Uhr und kommt mit Franek, seinem Cousin, vorbei. Waschtischplattenmuster angucken und vermessen. Franek fährt morgen wieder nach Polen und kommt Anfang März mit der passend zugeschnittenen Platte zurück. Ist sowas wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll? Nun gut, der Vermieter will es so.

Selten in zehn Tagen so viele Entscheidungen getroffen.
Nachts, wenn ich ausnahmsweise mal schlafen kann, träume ich von Türrahmen, die herausbrechen, Decken, von denen der Putz herunterbröselt oder undichten Armaturen – oder, wenn es Morpheus mal gut mit mir meint, von unbefleckt-weißen Wänden und schimmelfreien Epoxidfugen.

Was so ein Wasserschaden nicht alles nach sich zieht!
Möge in sechs Wochen wieder ein anderer Alltag Einzug halten, Święty Madonna, proszę, bądź miłościw mnie!

Ich gelobe, Ihnen bis dahin auch regelmäßig Anderes zu liefern als diese stinklangweiligen, ermüdenden, intellektuell wenig anspruchsvollen und teilweise arg humorlosen Beiträge zu Wasserschäden, Mieterelend und Handwerkern (wie wär’s zum Beispiel mal wieder mit der Mutter?, da ist ja noch was offen!, und mit dieser biografischen Kompostierarbeit wollte ich ja eigentlich bis zum Frühjahr durch sein…).

Einstweilen wünsche ich Ihnen angenehmen Abend!

 

Von wegen kleiner Hund!

Von der Nachmittagssonne ganz vortrefflich zum Vorschein gebracht: der überragende Charakter und die große Persönlichkeit des Dackelfräuleins.

Hello sunshine & hydrangea, so blue.

Gestern Nacht schon wieder eine Whatsapp-Botschaft von T., der gerade mitten im Umzug steckt und mich alle Nase lang wegen rechtlicher Fragen kontaktiert.
Aber der Terror lohnt sich. Guck ich mir die Tage seinen uralten Mietvertrag von der Wohnung, die er nun verlässt, genauer durch und kann ihm sofort sagen: Musst du nix renovieren, starrer Fristenplan usw., hat der Vermieter keine Schangse. Besenrein, Bohrlöcher zu – und tschüss.

Der erleichterte T. meint daraufhin, jetzt hätt‘ ich was gut bei ihm. Ich möchte, obwohl er sich nun ein paar Hunderter spart, nicht maßlos sein und eine Reise nach Lissabon oder Turku vorschlagen, obwohl ich da schon immer mal hinwollte, sondern nenne ihm einen anderen Herzenswunsch: eine blaue Hortensie.
T. ist sofort sehr einverstanden mit der blauen Hortensie, wahrscheinlich sogar erleichtert, dass es kein roter Fächerahorn oder ein Zitronenbaum sein soll.

Seit über zwölf Jahren sehne ich mich nach einer blauen Hortensie. Seit damals, als ich mit U. in dem Haus (kleine, steinerne Villa in Hanglage, sogar irgendwas mit romantica im Namen) am Lago Maggiore war – eine überwiegend schreckliche Erinnerung übrigens, was ganz und gar nicht am Lago Maggiore lag – da stand der große Garten voll mit blauen Hortensien.
Neben der Aussicht, dem See, den Bergen, dem guten Wetter und dem köstlichen Eis in Piazzogna, war das mit Abstand das Beste, das dieser (erste und letzte) Urlaub mit U. zu bieten hatte. Blaue Hortensien, wohin das Auge nur blickte.

Heute dann die große Gassirunde in den Münchner Westen verlegt, wo das große Gartencenter ansässig ist. Die bieten gerade ein paar Tage lang einen kostenlosen „Einpflanz-Service“ an.
Bring your own Topf, buy some flowers – und die Erde & Arbeit schenken sie dem treuen Kunden. Ich muss das nutzen, mein Ellbogen ist vollkommen im Eimer von den anderen Arbeiten auf unserem Balkon (24 kaputte Holzfliesen, noch vom Vormieter, ins Auto geschleppt und auf dem Wertstoffhof entsorgt, und fragen Sie nicht, wie es unter den 24 Holzfliesen aussah).
Am Telefon erfrage ich die günstigste Zeit, um nicht in eine ellenlange Schlange zu geraten, schließlich habe ich das Dackelfräulein dabei und die kann Shopping, Warten und Rumstehen nicht leiden. Die Dame am Telefon nennt mir die beste Stunde, von 13 bis 14 Uhr, denn Da san d’Leit beim Essen.

25 Grad, die Sonne knallt vom Himmel runter, der Parkplatz ist gut voll. Ich packe Pippa auf einer Matte oben in den Einkaufswagen, das haben wir noch nie gemacht, aber das funktioniert prima, so ein Dackel hat wirklich praktische Maße.

Und man kommt so auch gleich viel leichter durch den Markt, weil alle zur Seite huschen und mitleidig gucken, wenn sie das etwas unglücklich dreinblickende Hündchen sehen, das sich die Ladefläche nach und nach mit großen Blumentöpfen teilen muss und sowieso nicht begeistert ist von den im unteren Wagenteil klappernden Tontöpfen.

Seien Sie versichert: es ging ihr gut dort oben, sie hat einfach einen Hang zum dramatischen G’schau, im Grunde ist sie nämlich froh, mit dabei zu sein, und hernach waren wir im Wald und am See, dem Tier geht es also prächtig und es hat auch was vom Tag gehabt, ehrlich! Und ich habe nun eine blaue Hortensie und freue mich sehr daran.

Zurück zu gestern.
Die Whatsapp-Nachricht von T., die er kurz vor der Geisterstunde sandte, bot leider keine Gelegenheit, mir noch durch Hobby-Juristerei eine weiße Hortensie zu verdienen, denn ausnahmsweise hatte T. mal keine Frage zu Schönheitsreparaturen, Wohnungsübergaben oder selbst verlegtem Laminat, sondern er schickte mir ein Foto und zwei Zeilen dazu.

Schlaftrunken blinzelte ich auf das kleine Display und erkenne einen Gaul. Überschrift „Western Stars“.

Ja, Umzüge sind ätzend, anstrengend und zum Davongaloppieren. Oder was will er mir sagen?

Dann setzte ich meine Brille auf und las: Mr. Springsteen hat ein paar ominöse Fotos auf Instagram veröffentlicht und die Fan-Gemeinde damit in Aufruhr versetzt. Irgendwelche Wüstenfotos: Bäume, Sonne, Pferde, Sand.
Die Gerüchteküche brodelte sofort los wie wild, denn seit fünf Jahren hat uns Bruce Almighty keinen neuen Song mehr geschenkt – nicht einen Ton, nicht einen Vers. Wir sind am Verhungern und Verdursten. So gesehen passt das mit der Wüstenszenerie schon recht gut.

Heute Nachmittag dann die Bestätigung vom „Rolling Stone“: Der erste Song kommt bereits morgen raus, das Album dann Mitte Juni. Was für gute Nachrichten!

Ostern ist kaum vorbei, da legt uns Bruce noch ein Ei ins Nest: Hello sunshine!

Ich informiere sofort meine paar Fan-Freunde. Alles freut sich. So sehr, dass wir alle zusammen gnädig drüber hinwegsehen wollen, dass die erste Auskopplung den Titel „Hello sunshine“ trägt, denn – herrje! – das klingt verdammt nach „Queen of the supermarket“, also einem dieser Songs, die mir nichts bedeuten, weil sie einfach nur öde dahinplätschern und man in ihnen nichts außer der gesamten Saturiertheit unseres verehrten Barden aus New Jersey hört, weil ihnen jeglicher Hauch darkness abgeht (von lyrischen Untiefen wie in Nebraska wollen wir gar nicht erst sprechen, sowas gab’s eh nie wieder), die seine depressiven Phasen so zauberhaft umwitterte, und weil es ihnen aber ebenso an der authentischen und saftigen Vitalität eines „Badlands“ oder „Prove it all night“ mangelt.

Nun ja, wir werden es hören und spüren.

Jedenfalls ein guter Tag heute: früh aufgestanden, viel geschafft – und draußen fühlte sich’s schon nach Sommer an.

Bathing beauty.

Lichte Momente.

Schwülwarmer Bärlauchdunst schwappt durch den für einen Frühlingsferientag ungewöhnlich leeren Englischen Garten. Viele Seitenwege haben wir ganz für uns allein, prima ungestört lässt sich das Feuerwerk, das die Pollen mindestens minütlich in der Nase zünden, abniesen.

Kaum etwas geht – mal rein stadtimmanent gedacht – über diese herrlichen Münchner Parks mit all ihren Großzügigkeiten.
Diese Pracht noch dazu in fußläufiger Distanz, nicht selbstverständlich, das alles, wie mir erst neulich in Wien wieder bewusst wurde, wo so ein Hund ja fast nirgendwo in innerstädtischen Grünanlagen mal ohne Leine laufen darf.
Das ist Luxus pur!, rufe ich dem Dackelfräulein zu, das geschäftig durch das flache Bachbett schnorchelt, sich anschließend auf der Wiese den Pelz trockenschubbert und sich danach zum Sandburgbau an die Uferböschung begibt.

Ich setze mich auf eine Parkbank, um sie einerseits gewähren zu lassen und andererseits ihr Tun genau im Auge zu behalten und gegebenenfalls pfeilschnell und mahnend den Finger heben zu können, wenn sie sich klammheimlich einen fingerdicken, grüngrauen Gänsehäufchenimbiss einverleiben möchte (klammheimlich ist, nebenbei bemerkt, schon immer mein Lieblings-Hendiadyoin gewesen: wie Trüffelschweine waren wir ab der 9. Klasse in lateinischen Texten auf der Suche nach diesem Stilmittel, gedrillt von Herrn Konrad R., den ich verehrte, so streng und unbeliebt er auch war).
Das Hundetier und ich haben uns im Laufe der Jahre hervorragend eingespielt bei der Ausübung dieses perfiden Belauerungssports. Wachsamkeit, Geschick und Flinkheit sind hierbei alles, und ich gebe zu: meist liegt die Madame knapp in Führung, was ja auch keine Kunst ist, da ihr Rüssel den begehrten Trophäen naturgemäß näher ist als meiner.

*****

Ein sehr unösterliches Ostern war das.
Keine Auferstehung in Sicht, immer noch bleierne (Frühjahrs-?)Müdigkeit oder einfach ein konstitutioneller Durchhänger.

Der Lindt-Goldhase, den mir mein großer Freund S. schenkte, bekam am Ostermontag auf den letzten Drücker und ganz unerwartet noch Gesellschaft von einem kleinen Goldhäschen und ein paar Lindor-Eiern. Die kleinen roten. Als hätt’s der Schenker gewusst, dass genau das die Ostereier meiner Kindheit waren.

Der Papa war Jahr für Jahr am frühen Morgen des Ostersonntags mit 10 bis 15 dieser köstlichen Minischokoeier in der Wohnung unterwegs. Während die Mutter und ich noch schliefen, spielte er den Osterhasen und versteckte diese Leckereien für mich.
Zusätzlich noch ein paar handgefärbte, echte Eier. Die platzierte er meist bruchsicher an den immer gleichen Stellen: im Futterschälchen von Cocolinos Käfig, im tönernen Kerzenständer im Bücherregal und – nach dem Herausdrehen der Glühbirne – in der Fassung der weißen Lampe mit dem verchromten Fuß, die auf dem schwarzen Ecktisch stand.

Der Ecktisch hieß so, weil er die Ecke zwischen dem Zweisitzer und dem Dreisitzer der Ledercouchgarnitur, die ich nie leiden konnte, bis auf einen kleinen Spalt passgenau ausfüllte. Er war einer der wichtigsten Orte meiner irgendwie zu kurz geratenen Kindheit. Wenn die Eltern stritten, kroch ich unter diesen ca. 40cm hohen Tisch und versteckte mich dort und wagte mich manchmal stundenlang nicht mehr hervor.
Als sich die Verweildauer unterm Ecktisch indirekt proportional zum Freudefaktor der elterlichen Ehe zu verhalten begann, richtete ich mir dort unten ein kleines Lager ein, ausgestattet mit dem Nötigsten, wie es immer so schön heißt. In meinem Fall waren das irgendein Knabberkram, etwas zu Trinken, eine Wolldecke, der Olympia-Waldi, mein Hansipolster und das kleine Notizbüchlein samt Stift, denn selbstverständlich führte ich akribisch Buch über meine Ecktisch-Aufenthalte und die Beobachtungen, die ich – durch den schmalen Ritz zwischen den beiden Sofas bang ins Wohnzimmer spähend – so machte (oder machen musste).

Auch die kleinen roten Lindt-Eier wanderten oft in mein Survival-Depot. Womit wir wieder bei Ostern wären, wovon ich ja eigentlich berichten wollte und nicht von einer dieser zermürbenden Retrospektiven auf biografisch längst Kompostiertes. Sondern von Ostern, wie es früher mal war und wie ich es mochte. Genauer: von der Eiersuche.

Der Papa war kein geschickter Versteckfinder, die meisten Eier leuchteten rotglänzend und dadurch besonders gut sichtbar aus ihren Verstecken hervor und ich musste mich weder recken noch strecken, um sie meist schon beim Betreten eines Raumes mühelos zu entdecken. Des Papas Bemühen, mir mit der frühmorgendlichen Versteckerei eine Freude zu machen, rührte mich als Kind so sehr an, dass ich mich meinerseits bemühte, so zu tun als hätte ich allergrößte Mühe, die kleinen Lindt-Eier zu finden. Selbst mit den großen, bemalten Eiern ließ ich mir Zeit, obwohl man Tomaten auf den Augen hätte haben müssen, um die zu übersehen.

Ich tappte also mehrfach von Zimmer zu Zimmer und stellte mich bei der Suche so ungeschickt an, dass der Papa, geduldig wartend immer tiefer in den Zweisitzer einsinkend, weil das Töchterchen dermaßen lang erfolglos umherirrte, irgendwann anfing, mir Tipps zu geben.
Kleine, knifflig gemeinte Hinweise wie beispielsweise Denk mal an Fasching! und dann tat ich, die ich das Ei im Hut des Holzclowns neben den Bildbänden schon längst gesehen hatte, so, als würde ich noch ein wenig grübeln müssen, bis mir schließlich beim Schweifenlassen des suchenden Blickes über die Regalwand – endlich, endlich! – der Clown ins Auge stach und ich übertrieben freudig – Ach ja, genau, der Clown, der passt ja zum Fasching! – nach dem roten Schokoei grapschte.

So ging das jedes Jahr dahin, bis zum letzten Ei, und alle waren eine Eiersuche lang glücklich, auch die Mutter, die während der Eierodyssee aus ihren Gemächern zu uns schwankte und sich auf den Dreisitzer drapierte und der Suchorgie kreislaufschwach vor sich hin blinzelnd beiwohnte, ein Zustand familiärer Harmonie und Friedlichkeit, den es ganz unbedingt in die Länge zu ziehen galt, in der Hoffnung, dass er vielleicht noch bis nach dem gemeinsamen Osterfrühstück oder gar bis nach dem Osterspaziergang anhalten würde.

Mein glücklichstes Ostern war zweifellos jenes, an dem uns bei diesem Spaziergangsritual jener Welpe über den Weg lief, der mein erster Hund werden sollte. Dieses Glück half mir über so manch trostlose Ecktischstunden hinweg, denn von da an hatte ich immer eine verlässliche Gefährtin an meiner Seite, auch in meiner kleinen Survival-Höhle, und eines Tages übernahm sie meinen dortigen Beobachtungsposten, weil ich endgültig zu groß geworden war, um mich noch unter diesen Tisch zu zwängen und so überließ ich ihr den für mich zu eng gewordenen Dachsbau und ich durfte fortan die letzten Etappen des Rosenkriegs ungeschützt mitansehen.

Ja: durfte. Denn ich war trotz aller Splitter, derer man sich im näheren Umkreis dieser Gefechte kaum erwehren konnte, froh darum, das meiste mitzubekommen und nachvollziehen zu können, weshalb es nötig und wichtig war, dass die Parteien letztlich auseinandergingen.

*****

Die Frühlingssonne steht mittlerweile hoch genug, um die zur Ostseite hin gelegenen Räume jeden Morgen ganz wunderbar mit Licht zu durchfluten, in diesem unbarmherzigen Flutlicht aber zugleich auch das zum Vorschein zu bringen, was der flache Winkel der Wintersonne (zusätzlich verstärkt durch die bis vor kurzem völlig verdreckten Fenster) noch gnädig vertuscht hatte.

Diverse Unebenheiten der letztjährigen Renovierungsarbeiten kommen nun zum Vorschein: Lolek, Bolek und Konsorten haben dann doch den einen oder anderen kleinen Pfusch hinterlassen, wie man nun sieht. Natürlich sind sie längst mit dem Salär über alle Berge und dort auch nicht mehr zu erreichen oder schuften sich anderswo in schlecht bezahlten Jobs die Seele aus dem Leib, so dass sie für Nachbesserungen leider keine Kapazitäten mehr frei haben.

So legt man jetzt eben selbst Hand an, schleift hier und da etwas ab, zieht da und dort etwas nach, justiert und montiert neu, liest sich in Lackiertechniken ein, spritzt eine Probefuge, kratzt sie wieder heraus, oder sucht mit einem Magneten den Türstock der Schiebetür nach den Befestigungsschrauben derselben ab, die der Handwerker seinerzeit perfekt plattgehobelt und zugepinselt hat („Isse schöner so!“), ohne allerdings – wie munter hobelnd zunächst noch zugesagt – vor dem Zupinseln eine kleine Skizze anzufertigen, wo man die Schrauben ggf. wiederfinden würde.

Betrachten wir’s als ein Sich-Vertraut-Machen mit Nischen und Feinheiten des eigenen Zuhauses, das schadet einem ja nicht, höchstens dem elenden Ellbogen setzt es zu.

Als Ausgleich dazu nach monatelanger Suche endlich eine Stehlampe fürs Wohnzimmer gefunden. Grauenhaftes Gegoogel, bis man sich da überhaupt mal einen Überblick in diesem Dschungel verschafft hat! Immer nach spätestens einer Stunde Kopfweh bekommen (manchmal allein wegen der Preise: es muss massenhaft Menschen geben, die sich Stehlampen im Wert eines Kleinwagens kaufen wollen/können, oder wie erklärt es sich, dass diese Lichtobjekte auf dem Markt überleben?) und es entnervt wieder bleiben lassen. Und eines Abends dann durch Zufall doch noch fündig geworden.

Heute mal in das Geschäft spaziert, um das Ding in echt zu besichtigen.
Pardon, es heißt ja nicht mehr Geschäft, man nennt das jetzt Showroom. Das gute alte Geschäft hat ausgedient, das Möbelhaus eh.
In diesen Showrooms laufen lässige Showmaster herum, keine schnöden Verkäufer mehr. Jeder von denen trägt ein mattsilbriges Tablet mit sich herum, hat man eine Frage – und die meine war heute eine ganz simple, nämlich: Wie zum Teufel schalt‘ ich diese Funzel ein? – loggt sich der personal consultant in den entsprechenden room ein, in dem man grad ganz real steht und ebenso analog wie erfolglos an dem Schalter der Lampe herumdrückte, und bringt per Mouseclick das Ding zum Leuchten. Never seen before – mir, dem entmündigten Kunden, unfähig eine Lampe allein anzuknipsen, bleibt vor lauter Staunen der Mund offen stehen. Fremd bin ich geworden, in manchen Sphären der Konsumwelt.

Die Lampe ist aber toll. Ich trage sie mir in eine stille, leere und eher dunkle Ecke am Rand der riesigen Lampenbühne, damit ich mal mit ihr allein sein kann. Bitte den smarten Simon, der sich mit seinem Tablet diskret hinter ein paar voluminösen, mit japanischem Reispapier ummantelten Lichtobjekten aufhält, um ja nicht aufdringlich zu wirken, dann nochmal, sie mir auch dort, in meinem entlegenen Eckchen, erneut einzuschalten.

Dann stelle mich neben sie, setze mich unter sie, betaste sie rundum, trete ein Stück beiseite und lasse sie einfach mal auf mich wirken. Diese Dinge, mit denen man länger zu leben beabsichtigt, wollen ja erstmal be_griffen werden, bevor man sie sich ins Haus holt und ein veritables Zusammenleben beginnen kann.
Größe passt, Farbe passt, Lichtkegel und -intensität auch. Zeitloses Design, sehr geringes Risiko also, dass man sie schon in 5 oder 10 Jahren nicht mehr erträgt.

Und sie ist dimmbar, das ist mir wichtig. Ich liebe dimmbare Lampen. Je älter ich werde, desto mehr, denn damit lassen sich eventuelle Unebenheiten – in der Wohnung wie auch in der Visage und im Leben – einfach mal mit milder Schummerbeleuchtung kaschieren oder ganz wegzaubern, wenn man sie nicht mehr sehen will.
Ein kleines Schieben mit dem großen Zeh auf dem sehr kommoden Fußschalter genügt – und schon ist die Atmosphäre wonnig, weich und warm. Herrlich!

Wieder so ein Objekt, das der Versmoothieierung ihren Weg zu einer immer umfassenderen Regentschaft über uns Freunde der Weichzeichnerei, des Rumdum-Airbags und der Pürierung der Lebenswelt weiter planiert.
Vor langer Zeit schrieb ich mal einen Blogbeitrag über diesen Paradigmenwechsel in der Handhabung des Lebensalltags – und es wär‘ eigentlich an der Zeit, denk ich grad, diesem Beitrag einen weiteren folgen zu lassen, Notizen dazu gäbe es ja längst.

Für heute aber genug der Worte, die letzte Nacht war schrecklich und kurz, das Abendgassi ruft – und dann nichts wie ab ins Bett.
Kommen auch Sie erleuchtet und gut durch die ausgehende Osterwoche!
Ihre Kraulquappe.

Die ideale Bierbankfigur.

Im Schwimmbad liegen seit letzter Woche die ersten Hartgesottenen in Badehose und Bikini draußen auf den Stadiontreppen. Auch das Entenpärchen ist wieder zurück und zieht seine Runden durchs Warm-Freibad, bevorzugt quer zur Schwimmrichtung und die üblichen Grantler regen sich drüber auf.

Alle Zeichen stehen also auf Frühling!

Und auch die Mountainbikesaison scheint bereits begonnen zu haben…

…und selbst wenn man auf 1.400m das Gerät dann elend durch den sulzigen Schnee schieben muss – wurscht! Frühling is‘!

Wir trainieren ebenfalls für die Bikinifigur: Kraxeln durch Lawinenfelder, sinken hie und da mal ein, aber im Großen und Ganzen geht’s recht gut.

Das Wetter ein Traum, die Fernsicht exzellent.

Die ideale Bierbankfigur haben wir jedenfalls schon mal…

… denk‘ ich mir so, als wir da oben in der Sonne sitzen, beim sehr verspäteten Weißwurstfrühstück und Sonnetanken, bevor’s die 700Hm nun wieder talwärts geht.

Bassotto.

Das Dackelfräulein am Pragser Wildsee.

Kennen Sie das auch? Sie sind irgendwo im Ausland unterwegs und freundlich lächelnde Einheimische rufen Ihnen einen Gruß zu, den Sie auch mühelos als solchen identifizieren können, aber nach dem „Hej hej“ oder „Grüezi mitenand“ oder „Buon giorno“ folgen dann noch ein paar Worte, die Sie freundlich zurückgrüßend und -nickend absegnen, obwohl Sie nur Bahnhof verstanden haben und bei denen Sie einfach mal in ihrer glücksdusseligen Urlauberlaune davon ausgehen, dass man Ihnen sowas Nettes wie „Genießen Sie den sonnigen Tag!“ (und eben nichts Unflätiges) zugerufen hat. Hinter der nächsten Wegbiegung zücken Sie jedoch sofort Ihr Handy, weil Ihnen dieses „So tun als ob“ zuwider ist und Sie natürlich verstehen wollen, was man Ihnen da mit auf den Weg gab, und befragen Mr. Google Translator.

So erging es uns gestern am Pragser Wildsee, als eine entgegenkommende italienische Familie herzlich grüßend und verzückt lächelnd eine nie gehörte Vokabel prononcierend an uns vorbeimarschierte. „Bellissima“ hatten wir noch verstanden, aber „bassotto“ mussten wir nachgucken. Wobei wir selbstredend sofort einen Verdacht hegten – wegen „bellissima“, was wir, schwitzend und unfrisiert bergauf wandernd, spontan erstmal nicht auf uns bezogen und uns zudem nicht entgangen war, dass die Familie eigentlich eh nicht allzu sehr auf uns blickte, sondern vielmehr unsere vierbeinige Vorhut fokussierte.

„Bassotto“ ist das italienische Wort für „Dackel“.
Erstmal wusste ich nicht, ob mich das nun eher belustigen oder kränken sollte, da das ja wörtlich sowas Ähnliches heißt wie „tiefergelegte Acht“ („basso“=“niedrig, tief“ und „otto“=“acht“).

Haha. Sehr witzig. Einen gestandenen bayerischen Hund mit der Persönlichkeit eines Löwen als „tiefergelegte Acht“ zu titulieren, das ist wirklich sehr ungehobelt. Allerdings passt es gut dazu, dass ich die Italiener eh nicht so besonders mag (v.a. sind sie mir zu laut und zu raumgreifend, außerdem essen sie unangenehm spät zu Abend und frühstücken – wenn überhaupt – viel zu süß).

Dennoch, „bassotto“ spricht sich schön. Sehr schön sogar.
Sagen Sie es ein paar Mal, und ich möchte wetten, es geht Ihnen ähnlich: bassotto, bassotto, bassotto. Ist das nicht klangvoll?!? Aus dem Wort sprüht förmlich der Vorwitz, das Kecke, das gesamte Mutig-Schlawinerhafte hervor, das dem Dackel zueigen ist!
Hören Sie es auch? Na, mit Sicherheit!

Ich beschloss also, Milde walten zu lassen und der italienischen Sprache die (ihr von mir etymologisch unterstellte und wahrscheinlich sowieso verkehrte) „tiefergelegte Acht“ nicht weiter nachzutragen, denn dieser kleine Hund ist ja tatsächlich von etwas spezieller Statur und meinetwegen kann man die auch als „tiefergelegt“ bezeichnen, so lange ein so schönes Wort wie „bassotto“ dabei rauskommt (und die Acht gilt je nach Kultur oder spiritueller/religiöser Richtung als heilige, harmonische oder glücksbringende Zahl, ist also auch nicht so verkehrt).

Pippa, unterwegs in den Pragser Dolomiten.

Am Südufer des Pragser Wildsees.

Bassottto stanco (auf Ottomane gebettet).

Il bassotto più bello e sportivo del mondo.
La mia amata Pippa.

Sehen Sie mir die emotionalen Superlative bitte nach.
Diese permanente Bergsonne und die gute Höhenluft setzen die Endorphine einfach kübelweise frei.
(Nie für möglich gehalten, welch extrem große Liebe man für einen so kleinen Hund empfinden kann!)

Mit den herzlichsten Grüßen aus Südtirol
Ihre Kraulquappe & ihr bassotto.

 

PS: Und sonst so? Immer noch schön hier.

PPS: Zwei touristische Anmerkungen noch, damit nicht wieder irgendwer darüber lamentiert, dass es hier zu sehr hundelt.
1. Der Pragser Wildsee wird meiner Meinung nach ziemlich überschätzt. Er ist keinesfalls schöner gelegen als der Eibsee, gleichwohl die Dolomiten rundum ein klein wenig spektakulärer daherkommen als das Wettersteingebirge. Und farblich kann der Walchensee locker mithalten – oder auch der Sylvensteinsee. Sparen Sie sich dieses Ziel also in der Hauptsaison. Es war bereits wochentags bei 11 Grad in der Nebensaison gut besucht, ein sonniges Wochenende im Juli möchte man sich da gar nicht erst vorstellen. Mit etwas Glück erwischen Sie dort in der Nebensaison Momente, in denen Sie auf den Wanderwegen in den Seitentälern des Sees oder sogar auf dem Rundweg um den Pragser Wildsee kurz alleine sind.
2. Besuchen Sie lieber die nicht so hervorgehobenen und nicht über alles gepriesenen Destinationen im Hochpustertal. Eine verrate ich Ihnen: das Gsierser Tal. Ich liebe Sackgassen in der Natur, alpine Endstationen (wir berichteten hier). Orte, an denen es nicht weitergeht, verkehrstechnisch. Parken Sie in St. Magdalena beim Talschluss-Häusl. Und suchen Sie sich dann eine der vielen tollen Almen-Wanderungen aus. 700 Höhenmeter hat man da schnell beieinander, spaziert dann bei herrlichem Weitblick auf über 2.000m herum, trifft (selbst Anfang Oktober) auf eine bewirtschaftete Alm nach der anderen und kann so völlig japanerfrei und abgeschieden einen ganzen sonnigen Herbsttag verbringen. Trinken Sie lieber ein Achtel Roten als ein Weißbier (das in ganz Südtirol deutlich teurer ist als in ganz München), als Grundlage empfiehlt sich vorher vielleicht eine Portion Schlutzkrapfen oder ein Kaiserschmarrn. Danach noch einen Kaffee und einfach mal ungestört geradeaus gucken.

Erholung.

Schreibtischarbeit und Einkäufe erledigt, Schwimmen gewesen, an der Isar entlangspaziert, die Sonne und einen Kaffee genossen, auf dem Rückweg am Wertstoffhof vorbei, dort beim Kistenheben das Daumengelenk verrenkt. Später am Tag auf einer Parkbank dem fernen Donnergrollen gelauscht und einfach mal ein Weilchen geradeaus geschaut, während drinnen das Gemüse im Ofen schmorte.

Alles in allem ein guter Tag.

Flüssiges Gold.

Stelle dich dem Regen entgegen, lass die eisernen Strahlen dich durchdringen, gleite in dem Wasser, das dich fortschwemmen will, aber bleibe doch, erwarte so aufrecht die plötzlich und endlos einströmende Sonne.

(Franz Kafka, Tagebücher.)

Ein Prosit der Beweglichkeit!

Charmant (= sth. between Folsom Prison and Mercedes Benz).

„Wir haben heute Mittag einen Besichtigungstermin“, sagt der Gatte und hält mir das Exposé der Sonnigen, charmanten, ruhigen und gepflegten Dachgeschosswohnung unter die Nase.
„Aha“, sage ich, lese mir die Eckdaten durch, werfe mein Laptop an und guglmäpse die Lage. Leider ist vorab keine Zeit mehr für die sonst übliche Kurzvisite zur genaueren Vorab-Überprüfung. Dachgeschosswohnungen sind eigentlich nicht unser Favorit, abgesehen davon, dass einem dort niemand auf dem Kopf herumtanzt (außer Vermieter und Hausverwaltung).
Aber man muss flexibler werden, wenn man bereits in Monat 6 der Wohnungssuche angelangt ist und die Chancen ein klein wenig erhöhen möchte, dieses Projekt vielleicht doch noch bis zum Jahresende abzuschließen.

Die Wohnung liegt in einem netten Viertel und hat einen Grundriss, mit dem man was anfangen kann und der einem nicht abverlangt, die Hälfte aller Möbel auszutauschen. Der nächste Grünstreifen ist 80 Meter entfernt, die Infrastruktur passt und der Mietpreis bewegt sich noch unterhalb der Wuchergrenze.
Sonnig, charmant, ruhig und gepflegt – prima, denke ich, das sind ja genau jene Attribute, die einen bei einer Partnerbörsenannonce auch sofort aufmerken ließen. Klingt nach was Langfristigem, Attraktivem und Solidem.

„Alles klar“, rufe ich also nach meinen schnellen Recherchen dem Gatten zu, „dann lass uns da mal hinfahren!“.
Pelle mich in mein Wohnungsbesichtigungsoutfit, kämme mir nochmal fix durchs Haar, poliere kurz über die Lederstiefel und stelle meinen Schwimmbadrucksack in die Diele.
Denn es hat sich sehr bewährt, direkt nach solchen Terminen ein Stündchen rekreative Reinwaschung und befreiende Bewegung anzuschließen. Quasi das beschwerte Besichtigungsgemüt durch die Schwerelosigkeit im Wasser etwas ausbalancieren. Kann ich nur empfehlen!

Mieter in München: Ein einziges Witzleben.

Vor dem Haus Nummer 9 schleicht schon ein anderes Paar herum. Dass es sich um Mitbewerber handelt, ist unschwer am Outfit sowie am nach oben – zum Dachgeschoss – gerichteten Blick zu erkennen (kurzer Check: jünger, schwangerer, duldsamer, also ist ein gelassenes „Hallo“ angesagt).

Im Treppenhaus stinkt es nach erkaltetem Zigarettenrauch, ein uncharmanter Aufzug befördert uns ins 4.OG, wo uns Frau Huber durch den leukoplastfarbenenen Hausflur bereits mit zur Begrüßung ausgestrecktem Arm entgegeneilt.
Frau Huber ist die Maklerin: Erkältet, ahnungslos, aufgebklebte Billigfingernägel, emsig plappernd. Als sie bzgl. der vom Vermieter angestrebten Mietdauer den Satz „Der Eigentümer wünscht sich daher nachhaltige Mieter“ raushaut, frage ich charmant nach, wo denn die Komposttonnen stünden. „Im sonnigen Innenhof“, entgegnet Frau Huber und verweist darauf, dass wir den nachher natürlich auch noch besichtigen würden.

Der Gatte möchte wissen, wer denn der Eigentümer sei und wie es in puncto Eigenbedarf aussähe. Erst letzte Woche kam eine Wohnung u.a. deshalb nicht in Frage, weil der Wohnungsbesitzer drei studierende Töchter hatte, die vielleicht demnächst aus dem Ausland zurückkehren und dann sicher gern in Daddys Schwabinger Wohnung einziehen möchten, so dass Daddy dann leider sofort seine Mieter vor die Tür setzen müsste (immerhin wurde dieser kleine Haken offen angesprochen).
Heute ist in dieser Hinsicht wohl nichts zu befürchten, Frau Huber beschreibt den Eigentümer als „steinreich“ und im Süden von München in einem großen Haus wohnend. Außerdem hätte er mehrere Wohnungen in München zur Kapitalanlage, da könnten wir uns also entspannen, der würde nie Eigenbedarf anmelden.

Die Dachgeschosswohnung verfügt über etliche „Schreinereinbauten“ in diversen Nischen und Ecken. Sideboards, Besenschrank, Regale, ein Kleiderschrank. Dafür möchte der Vermieter eine stolze Ablöse haben sowie „einen Mieter, der die schönen Einbauten zu schätzen weiß“. Das Glump ist 20 Jahre alt. Ebenso das Parkett. Und die Einbauküche. Und die Plastiktürklinken.
Hieß es in der Annonce nicht „gepflegt“?!?

Da der Holzboden in allen Räumen gleichermaßen ramponiert ist, wage ich die Nachfrage, ob die Böden denn noch renoviert würden. „Oh nein“, meint Frau Huber, „dafür ist leider keine Zeit mehr, denn die Wohnung muss zum 1. April vermietet sein.“
Völlig klar, wo kämen wir denn da hin, wenn ein steinreicher Typ so einen Mietausfall hinnähme, nur um seinen nachhaltigen Mietern für eine ordentliche Miete auch einen ordentlichen Boden zu bieten?

An der Tür zur Duschkabine fehlt der Griff, die angeschimmelten Silikonfugen lenken aber perfekt von derlei Kleinkram ab, außerdem brummt die Lüftung im Bad sowieso so laut, dass man hier nicht länger als unbedingt nötig verweilen möchte.

Neue Serie in der Münchner tz: „Vom Aussterben bedrohte Arten“.

Während Frau Huber drinnen weiterquakt und das schwangere Paar andächtig lauscht, treten wir hinaus auf das „Highlight“ der sonnigen, charmanten, ruhigen und gepflegten Dachgeschosswohnung: die Dachterrasse.
„Südseitige Dachterrasse zum ruhigen, idyllischen Innnhof gelegen“, hieß es in der Anzeige. Wir lehnen uns an das rostige Geländer und spähen nach unten. Der idyllische Innhof ist eine betonierte Ödnis mit vergitterten Durchgängen zu den umgebenden Häuserblocks in klosteinmint und ausgekotztapricot (im farblichen Wechsel).

Durch die Gitterstäbe würden vermutlich auch der Straßenlärm und das Rattern der Züge in die Ruhe des Innenhofs dringen. Nicht so heute, denn an dem einzigen Stück Erdreich im Hof macht sich geräuschvoll ein kleiner Bagger zu schaffen. Wahrscheinlich der Beginn der Aushubarbeiten für den überfälligen Mieter-Komposter im Herzen der Idylle. Als Soundtrack zu all diesen Eindrücken fällt mir spontan der „Folsom Prison Blues“ ein.

I hear the train a comin‘
It’s rollin‘ ‚round the bend
And I ain’t seen the sunshine
Since, I don’t know when
I’m stuck in Folsom Prison

Ich richte meinen Blick wieder nach oben. Lasse ihn über die Hausdächer schweifen und denke über den steinreichen Vermieter dieses charmanten Gesamtpakets nach. Hinter den Ziegeldächern des diagonal gegenüberliegenden Hauses guckt die Spitze des Mercedes-Benz-Turms hervor, der Stern des Kapitalismus‘ sich unaufhörlich auf dessen Dach drehend, Runde um Runde, 24h lang, nachts sogar beleuchtet.

Auf dem Weg zum Schwimmbad suche ich in der Musiksammlung nach diesem vor Ironie triefenden Prolog „I’d like to do a song of great social and political importance. It goes like this!“ und trällere anschließend in einer Stimmung, die irgendwo zwischen apathisch-abgestumpft und aggressiv-aufgedreht liegt, ein bisschen mit:

I’m counting on you lord, please don’t let me down.
Prove that you love me and buy the next round.
Oh lord won’t you buy me a flat in the town.

Mercedes Benz München an der Donnersberger Brücke.

Einen Glauben müsste man haben, dann wäre das mit der Hoffnung vielleicht auch manchmal leichter.

Mrs. Joplin fuhr übrigens keinen Benz, sondern einen Porsche, der aber weder für nachhaltiges Glück, noch ein langes Leben sorgen konnte.

Frohes Wohnen und ein schönes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.